Deutsche Militärzeitschriften

7. Januar 2015

Eine Bestandsaufnahme von Žiga Podgornik-Jakil und Thomas Willms

Wer im Bahnhofsbuchhandel nach Militärzeitschriften sucht, muss dahin gehen, wo fast ausschließlich Männer vor den Regalen stehen – in die Abteilung Auto/Motor. Dort findet man je nach Größe des Geschäfts ca. 30 Magazine, die sich mit Militärischem beschäftigen. Thematische Überschneidungen gibt es darüber hinaus mit den Zeitschriften für Geschichte, Handfeuerwaffen, Messer, Überlebenstechniken, Eisenbahnen, Flugzeuge, Drohnen, Computerspiele und Fantasy, die hier nur bedingt betrachtet werden sollen. Generell gilt, dass die Prinzipien des Zeitschriftenmarktes auch im Militär-Segment gelten. Außer relativ wenigen breitgefächert angelegten Produkten ist das Gros Einzelaspekten gewidmet. Dabei gilt als Faustformel, dass man von einem erfolgreichen Spezial-Segment immer ein noch spezielleres abspalten kann. So gibt es aus dem Verlagshaus GeraMond eben nicht nur »Militär & Geschichte«, sondern auch »Flugzeug-Classic« und »Flugzeug Classic Special« und »Flugzeug Classic Jahrbuch«. Milita¦êrzeitschriften 006 Alle besprochenen Zeitschriften sind mit 5 bis 10 Euro relativ hochpreisig und von guter bis sehr guter Papier- und Druckqualität. Die Anzahl der Titel hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Nicht alle Auflagenhöhen sind bekannt, aber die bedeutenderen bewegen sich bei etwa 40.000 Stück. Auch die Positionierung in den Regalen hat sich dem Augenschein nach verbessert. Insgesamt handelt es sich also um ein Marktsegment mit steigender wirtschaftlicher Bedeutung. Allgemeine Militärzeitschriften gibt es vier: die »Deutsche Militär-Zeitschrift (DMZ)«, »Militär & Geschichte« »Clausewitz« und »Husar«. Bei »Husar«, herausgegeben und im Wesentlichen auch verfasst von einem Velimir Vuksic, handelt es sich eigentlich um eine kroatische Zeitschrift, die mehr schlecht als recht übersetzt wird und auch nicht im Abo erhältlich ist. Clausewitz und Militär & Geschichte stammen aus demselben Verlag (GeraMond), die DMZ gehört zum Verlagsgeflecht des Schleswig-Holsteiners Dietmar Munier. Die meisten Magazine beschäftigen sich jedoch mit militärisch-technischen Aspekten, vornehmlich Flugzeugen und Schiffen, aber auch Fahrzeugen. Aktuelle und historische Modelle werden meistens in ein- und denselben Ausgaben vorgestellt und diskutiert. Außer den realen Schiffen und Flugzeugen sind auch die Modelle derselben interessant, weshalb es dafür besondere Hefte gibt. Zeitschriften für Orden, Abzeichen und Uniformen gibt es ebenfalls, ein regelrechtes Reenactment-Magazin aber bislang nicht. Wer also Freude daran hat, sich möglichst originalgetreu zu verkleiden, um dann Krieg zu spielen, muss auf französische oder englische Magazine ausweichen. Lange wird es aber wohl nicht mehr dauern, da der Verlag Heinz Nickel aus Zweibrücken bereits aus einem französischen Reenactment-Magazin (»Militaria«) nachdruckt. Ein regelrechtes Killer-Blatt ist »K-ISOM«, das »International Special Operations Magazine« mit dem der Leser sich in die Rolle eines Kommando-Soldaten hineinträumen kann. Eine weitere interessante Kategorie bilden die Rüstungszeitschriften »Marineforum« und »Europäische Sicherheit & Technik«, die sich weitgehend mit Neuerungen und Entwicklungen der Kriegstechnik beschäftigen. Bei diesen beiden ist die Finanzierung ziemlich offensichtlich. Großformatige Anzeigen für Produkte, die der Käufer eher selten braucht – z.B. Torpedos – oder Anzeigen mit vagem Inhalt (»MTU – perfekt auf sie abgestimmt. Konstante Höchstleistungen auch unter extremen Bedingungen …«) deuten darauf hin, dass das Verkaufsgeschäft nicht ausschlaggebend ist. Zum Vergleich heranzuziehen sind auf jeden Fall »Y – Das Magazin der Bundeswehr«, das mit fast 50.000 eine der höchsten Auflage erreicht, im Zeitschriftenhandel jedoch nicht zu finden war und »loyal«, das Blatt des Reservistenverbandes. Insgesamt zeigt sich ein breitgefächertes Spektrum an Eigentümern, Herausgebern und Institutionen. Es reicht von einem eindeutig rechtsextremen Verlagshaus (Munier) über die »Marine-Offizier-Vereinigung MOV« (1918 gegründet als konterrevolutionäre Gemeinschaft), das Verteidigungsministerium bis hin zu kleinen und großen deutschen und in kleinerem Umfang ausländischen Verlagshäusern, denen keine übergeordneten politischen Ambitionen nachzuweisen sind. Es stellt sich die Frage, ob und inwieweit diese Machtstrukturen Einfluss auf den Inhalt und insbesondere auf das Verhältnis zur deutschen Militärgeschichte haben. Bevor diese Frage angegangen wird, muss auf ein Dokument eingegangen werden, das von herausragender Bedeutung ist und auf paradoxe Weise den Erfolg insbesondere der besonders problematischen Zeitschriften ermöglicht. Es ist der Traditionserlass der Bundeswehr.

Die Rolle des Traditionserlasses

Die Bundeswehr ist ebenso wenig wie jede andere Armee eine demokratische Einrichtung. Auch was ihre Angehörigen über ihr Geschichtsverständnis zu denken haben, ist von oben festgelegt. Besagter Erlass, politisch hoch umstritten, hat über die Jahrzehnte hinweg bedeutende Modifikationen erfahren. In der Fassung von 1965 hieß es noch lobend, dass die »deutsche Wehrgeschichte« in »Frieden und Krieg zahllose soldatische Leistungen und menschliche Bewährungen« hervorgebracht habe, die es verdienen »überliefert zu werden«. Die 1982 von Hans Apel erlassene Fassung weiß noch zu berichten, dass die Streitkräfte vom Nationalsozialismus »teils schuldhaft verstrickt, teils …schuldlos mißbraucht« wurden. Die Abgrenzung von der Wehrmacht fiel insgesamt aber deutlich aus. Heute heißt es knapp, dass die Wehrmacht keine »Tradition der Bundeswehr« begründen könne. In bestimmten Einheiten, namentlich bei den Gebirgsjägern, den Fallschirmjägern und dem KSK sieht man diese Fragen etwas anders, aber für das Gros gilt, dass man für sich in Anspruch nimmt, mit der Bundeswehr einen neuen Start vollzogen zu haben. Die zunehmende formale Distanzierung und Wortkargheit fiel dadurch leichter, dass die bekanntlich aus der Wehrmacht stammende Gründergeneration um 1980 aus dem aktiven Dienst ausgeschieden war und dass das Gewicht der bundeswehreigenen Geschichte immer größer wird. Im militärgeschichtlichen Museum der Bundeswehr in Dresden ist dieser Übergang beispielhaft zu besichtigen. Gezeigt wird das ehemalige Traditionsschränkchen des Zerstörers »Rommel« mit Devotionalien des namengebenden Generalfeldmarschalls und des Afrika-Korps der Wehrmacht. Heute werden die Schiffe der Bundesmarine nach Bundesländern oder Städten benannt und nicht mehr nach Wehrmachts-Generälen. Wer nur »Y« liest, erfährt höchstens aus Versehen etwas über deren Vorgänger-Armeen. Das ist im europäischen Vergleich eine Ausnahme. Im direkten publizistischen Verantwortungsbereich der Bundeswehr ist ein geschichtliches Vakuum verordnet und wird von den benannten Ausnahmen abgesehen auch durchgesetzt.

Rechtfertigen durch Auslassen

In diese Lücke stoßen mit Macht die Militärzeitschriften und natürlich auch die zahllosen Bücher aus teilweise denselben Verlagen. Es ist die Wehrmacht, der ein starkes, überwiegendes oder fast ausschließliches Interesse in allen Publikationen gilt. Man sollte meinen, dass zu den Themen »Messerschmitt 109«, »Panzer Tiger« oder »Ardennen-Offensive« mittlerweile alles gesagt, gedruckt und dokumentiert wäre – doch weit gefehlt. Es sind gerade die ohnehin bereits häufig bearbeiteten Themen, die teilweise zeitgleich auf die Titelbilder kommen. Die Begeisterung mit der z.B. einzelne überlebende und liebevoll restaurierte deutsche Jagdmaschinen fotografiert und beschrieben werden, hat etwas Obszessives. Dass es sich dabei nicht um Rennwagen, Sportyachten oder Diesel-Loks handelt, für die es ganz ähnliche Zeitschriften gibt, sondern um Kriegsgerät, spielt keine Rolle. Die feministische Naturwissenschafts- und Technik-Kritik liefert an dieser Stelle die nötigen Hinweise. Der grundlegende psychologische Mechanismus, der hier am Werk ist, ist die Abspaltung. Vorgeschichte, Ursachen, Nebenbedingungen, Herstellungsbedingungen und Auswirkungen vom technischen Prozess gedanklich abzuspalten ist ein seit Jahrhunderten in den westlichen Gesellschaften eingeübtes Verfahren. Das wiederum noch dahinter stehende Grundverständnis besteht darin, dass man sich nicht selbst als Teil des Prozesses, sondern nur als Beobachter oder Manipulator sieht. Auf diese Art und Weise kann problemlos und ungerührt das Hohelied der Me 109 gesungen werden. Es muss nicht einmal über die Verbrechen der Wehrmacht gelogen werden. Es reicht, sich einfach nicht für sie zuständig zu fühlen. Der Einfluss der militärtechnischen Magazine auf ihre Leser, die man als weitgehend männlich annehmen kann, ist der der Bestätigung dessen was sie ohnehin denken, tun und zu billigen bereit sind. Unter diesen Lesern bilden Bundeswehr-Soldaten ein wichtiges, z.T. direkt angesprochenes Leser-Segment. Der Abschied von der Wehrpflicht verstärkt diese Tendenz noch. Zwar ist die Anzahl der Bundeswehr-Angehörigen deutlich gesunken, die der – wenn man so will – »echten« Soldaten aber gestiegen. Der 2010 gegründete »Bund Deutscher Veteranen« besteht eben nicht aus 90jährigen Stalingrad-Überlebenden, sondern aus 30jährigen Afghanistan-Kämpfern. In Werbung und Selbstverständnis der Bundeswehr spielen die politischen Elemente (»Verteidigung der Demokratie«) zwar eine wichtige Rolle, wirken aber doch blass im Vergleich zu den Profi-Themen. Die Darstellung des Umganges mit Technik und Kampfmitteln ähneln den Darstellungen insbesondere der militärtechnischen Zeitschriften.

»DMZ« und »Zeitgeschichte«

Die am deutlichsten rechtsextreme und historisch-revisionistische Publikation ist die »Deutsche Militärzeitschrift« (DMZ) mit ihrer Ausgründung »Zeitgeschichte«. Herausgegeben wird sie vom rechtsextremen Publizisten Dietmar Munier, der außerdem noch das Nachrichtenmagazin »Zuerst!« und die Zeitschrift »Der Schlesier« herausgibt. Die DMZ ist paradoxerweise die einzige Zeitschrift, nach deren Lektüre man eine Ahnung davon bekommt, dass mit der deutschen Kriegführung im Zweiten Weltkrieg möglicherweise moralische Probleme verbunden gewesen sein könnten. Anders als die anderen bemüht sich die DMZ nämlich direkt um die Rechtfertigung von Taten der Wehrmacht und Waffen-SS. Die Verdrehung von Tatsachen setzt aber voraus, dass man sie zumindest andeuten muss. Die DMZ verbirgt ihre Glorifikation der Waffen-SS und der Wehrmacht nicht. Sie ist gefüllt mit Farbfotos von Nazi-Generälen und –Soldaten inklusive der Nazi-Insignien. Sie liefert Erlebnisgeschichten, schreibt über Militärtechnik und macht Werbung für revisionistische Bücher und Kalender. Darüber hinaus – und das ist entscheidend für den Erfolg, bringt sie aber auch Berichte und Reportagen zum gegenwärtigen Militärgeschehen im In- und Ausland. Auf einen Bericht über die Vor- und Nachteile eines neuen Bundeswehr-Fahrzeugs folgt umstandslos das Porträt von Wehrmachts-General Soundso. Bereits auf den Titelblättern wird diese Vermischung konsequent vorgeführt. Die Autoren der DMZ haben überwiegend einen revisionistischen und Nazi-apologetischen Hintergrund. Die Sprache des Magazins, am deutlichsten in der Leserbrief-Abteilung, in der z.B. vom »linken Virus« die Rede ist, zeigt die tiefe Einbettung in das rechtsextreme Spektrum. Nach Aussagen der Herausgeber bestehen die Zielgruppen in der Erlebnisgeneration des Zweiten Weltkrieges, Soldaten und Reservisten der Bundeswehr und anderen historisch interessierten Lesern. Man stelle sich die gegenwärtigen Bundeswehr-Soldaten vor, denen keine historische Einbettung geboten wird und das insbesondere in Zeiten weltweiter ökonomischer und politischer Krisen. Mit Magazinen wie DMZ können sie rasch einen positiven Bezug zur gloriosen Vergangenheit der »Gründungsväter« der gegenwärtigen deutschen Armee finden. Den Prinzipien des Zeitschriftenmarktes folgend nahm auch Munier eine offenkundig erfolgreiche Ausgründung der DMZ vor, nämlich das Magazin »Zeitgeschichte«. Hinter diesem unverfänglichen Namen verbirgt sich ein zweimonatlich erscheinendes Magazin, das sich ausschließlich mit der Waffen-SS beschäftigt, bzw. deren Glorifizierung als »Elite-Formation«. Produktionstechnisch dürfte es sich um eine besonders einfache Aufgabe handeln. Die Propagandakompanien des Dritten Reiches und die Traditionsverbände der SS-Divisionen haben einen schier endlosen Bestand an Büchern, Memoiren, Bildbänden, Heften und Zeitschriften hinterlassen, aus dem das Team von »Zeitgeschichte« aussuchen kann. Nur wenige Bestandteile, wie eher nichtssagende Interviews mit überlebenden Waffen-SS-Angehörigen, erfordern echte journalistische Arbeit.

»Clausewitz« und »Militär & Geschichte«

Sind DMZ und Zeitgeschichte explizit rechtsextrem einzuordnen, so ist die überwiegende Mehrheit dieser Magazine subtiler, wenn es darum geht, die aktive Rolle der Wehrmacht an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu entschulden. Zu ihnen gehört »Clausewitz – Das Magazin für Militärgeschichte«. Clausewitz, benannt nach dem preußischen Militärtheoretiker Karl von Clausewitz, nimmt für sich in Anspruch, populärwissenschaftlich, aber auf der Höhe wissenschaftlich gesicherter Erkenntnis zu berichten. Tatsächlich wird das Ursache-Wirkungs-Verhältnis regelmäßig ignoriert, relativiert oder auf den Kopf gestellt. In Ausgabe 6/2014 sieht das in einem Artikel über die U-Boot-Gedenkstätte Laboe beispielsweise so aus, dass die Gedenktafeln beschrieben werden, die sich den Menschen widmen, die »auf See ihr Leben verloren haben«. Explizit genannt wird aber nur die 1945 von einem sowjetischen U-Boot torpedierte Wilhelm Gustloff. Dass die deutschen U-Boote in zwei Weltkriegen als Angriffswaffe eingesetzt wurden und zehntausende alliierte Seeleute und Passagiere zu Tode brachten, findet dagegen keine Erwähnung. Stattdessen wird ein Foto von einer Art Ehrenschrein für die deutschen Marinen gezeigt, auf dem man tatsächlich die »Flaggen deutscher Seestreitkräfte« sehen kann, mit der der Bundesmarine in der Mitte, Hitlers Marinekriegsflagge links davon. Deutlicher noch als Clausewitz ist »Militär & Geschichte« mit der Entschuldung der Wehrmacht beschäftigt. Dominiert wird das Blatt vom Chefredakteur Dr. Guntram Schulze-Wegener, Fregattenkapitän d.R., häufiger Autor in der Jungen Freiheit und u.a. vormaliger Chefredakteur der Zeitschrift »Der Landser«. Äußerst tendenziös ist beispielsweise seine Gesprächsführung in einem Interview in der Ausgabe Oktober/November 2014 zum Thema »Polen-Feldzug«, in der er der polnischen Seite Mitschuld zuzuschieben bemüht ist. Im dazugehörigen Hauptartikel wird dann davon fabuliert wie das deutsche Offizierskorps »bereits in der Anfangsphase des Krieges …einigen Widerstand gegen das NS-Regime« artikuliert habe.

Fazit

Weitgehend unbeachtet hat sich im Handel ein breites Segment an militäraffinen Zeitschriften etabliert. Auch die vorrangig kommerziell orientierten Blätter sind ohne Ausnahme direkt oder indirekt damit beschäftigt, die deutsche Militärgeschichte, insbesondere die Wehrmacht, von ihrer historischen Verantwortung frei zu sprechen. Die zumindest formale Distanzierung der Bundeswehr vom NS-Regime und seiner Armee wird damit massiv und erfolgreich unterlaufen. Gleichzeitig bietet der Markt dem explizit rechtsextremen Verleger Munier Gelegenheit, das Zeitschriftenpaar DMZ/Zeitgeschichte über den Kreis der üblichen Leserschaft hinaus zu verbreiten.

Alte Kameraden, neue Fronten

7. Januar 2015

Militaristische Zeitschriften in der BRD vor 1989

Schon wenige Jahre nach der Befreiung von Hitler-Faschismus und Krieg erschienen im Westen Deutschlands wieder militaristische Zeitungen und Zeitschriften. 1951 kam die »Deutsche Soldaten-Zeitung« (DSZ) im Münchner Schild-Verlag heraus. Zu den Gründern des Blattes gehörten Helmut Damerau, einst NSDAP-Kreisleiter, dann Landrat in Ostpreußen, und Joachim Ruoff, früher Oberst der Waffen-SS. Zeitweiliger Chefredakteur der DSZ war der ehemalige SS-Hauptsturmführer Erich Kernmayr. Die DSZ glorifizierte den Eroberungskrieg der Nazis, beschimpfte den militärischen Widerstand gegen Hitler und trat schon früh für einen antikommunistischen Verteidigungsbeitrag ein. $(KGrHqIOKi4E6RlppZYTBO)IGC60Uw~~60_57 1958 gründete Dr. Gerhard Frey, später Vorsitzender der »Deutschen Volksunion«, die »Deutsche Soldaten-Zeitung Verlag GmbH«, an der der Schild-Verlag mit einem Kapitalanteil beteiligt war. 1960 erhielt das Blatt den Titel »Deutsche Soldaten-Zeitung und National-Zeitung«. Ab 1957 erschien im Rastatter Pabel-Verlag, damals der größte »Groschenheft«-Verlag, die Kriegsroman-Serie »Der Landser«. Die Redaktion übernahm zunächst Hans-Joachim Korten, früher Fallschirmjäger-Major und Ritterkreuzträger. Der Münchner Moewig-Verlag, der schon zuvor Kriegsromane verlegt hatte, zog nach und brachte nun ebenfalls Kriegsromanreihen wie »Soldatengeschichten«, »Fliegergeschichten« und »SOS – Schicksale deutscher Schiffe« heraus und überschwemmte damit Kioske, Zeitschriftenhandel und Kaufhäuser. Zugleich erschien, nicht selten in einschlägig rechten Verlagen, Kriegsliteratur in großer Zahl. Auch die Filmindustrie stellte sich auf den neuen Trend ein. 1960 nahmen die Proteste gegen die Flut militaristischer Propaganda zu. Nach einem Gutachten einer Gruppe von Bremer Pädagogen und Juristen über den kriegsverherrlichenden Charakter der »Landser«-Hefte forderten Jugendverbände, Wissenschaftler und Künstler konsequente Maßnahmen. Eine Reihe »Landser«-Hefte wurden in der Folge von der »Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften« indiziert. Der Verlag modifizierte das äußerliche Erscheinungsbild seiner »Landser«-Reihe. An den Inhalten änderte sich nichts. Seit Mitte der 1950er Jahre gab der Münchner Klinger-Verlag die Zeitschrift »Wehr und Heimat« heraus. Diese berichtete – nach eigenen Angaben – über »Fragen der Bundeswehr, der Wehrpolitik, des zivilen Bevölkerungsschutzes, der kommunistischen Infiltration und der staatbürgerlichen Bildung«. Herausgeber der mit staatlichen Mitteln finanzierten Zeitschrift war Dr. Herbert Fleissner. Dieser gehörte der Sudetendeutschen Landsmannschaft und dem Witiko-Bund an und war Mitbegründer des Grenzlandausschusses der Deutschen Burschenschaften. Im Umfeld der Bundeswehr, die selbst diverse Publikationen für die Öffentlichkeit herausgab, erschienen ab Mitte der 1950er Jahre die Zeitschrift »Soldat und Technik« und ab den 1960er Jahren die Zeitschrift »Wehrtechnik«. Die »Gesellschaft für Wehrkunde«, 1952 von ehemaligen Offizieren der Wehrmacht gegründet, gab zudem die Zeitschrift »Europäische Wehrkunde« heraus.

Militärische Traditionsverbände und ihre Publikationen

Das »Deutsche Soldatenjahrbuch« verzeichnete für das Jahr 1960 rund 600 Anschriften militärischer Traditionsverbände mit rund 800 000 Mitgliedern. Zahlreiche dieser Verbände gaben eigene Publikationen heraus und beeinflussten damit die öffentliche Meinung. Bereits seit 1951 gab der »Verband Deutscher Soldaten«, ein Zusammenschluss von 50 Vertretern verschiedener Soldatenverbände, sein Organ »Soldat im Volk« heraus. Ein weiterer großer militärischer Traditionsverband, die »Arbeitsgemeinschaft für Kameradenwerke und Traditionsverbände e.V.« verlegte die Zeitschrift »Alte Kameraden«. Seit 1955 erscheint die Zeitschrift »Der Freiwillige« als Organ der »Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS« (HIAG). Der »Kyffhäuserbund«, während des NS-Regimes der »Nationalsozialistische Reichskriegerbund«, gab unter dem Vorsitz von Wilhelm Reinhard, früher SS-Obergruppenführer und Träger des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP, die Zeitschrift »Kyffhäuser« heraus, der »Stahlhelm – Kampfbund für Europa« die Zeitschrift »Der Frontsoldat«, die »Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger« das Verbandsorgan »Das Ritterkreuz«, der »Kameradenkreis der Gebirgstruppe« die Zeitschrift »Die Gebirgstruppe« u.a.m.. Gemeinsam leisten sie ihren Beitrag zur Remilitarisierung im Westen Deutschlands und zu einer neuen Förderung der »Wehrbereitschaft«. Die Rehabilitierung der Wehrmacht und besonders ihrer Generalität war notwendig für den von Kanzler Adenauer betriebenen Aufbau der Bundeswehr. Dabei wurde die Legende vom untadeligen Wehrmachtssoldaten gehegt und gepflegt. Indessen unterschlug man die historische Tatsache, dass Wehrmacht und NS-Staat zwei Seiten einer Medaille gewesen und zur Durchführung des Angriffskrieges und der planmäßig durchgeführten Massenmorde eng aufeinander angewiesen waren.             Hartmut-Meyer-Archiv der VVN-BdA

Aus den Landesvereinigungen

6. Januar 2015

Hier finden Sie Beiträge aus den Landesvereinigungen Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen: AntifaLS_2015_0102

Eine lange Vorgeschichte

geschrieben von Reinhardt Silbermann, Hamburg

6. Januar 2015

Zum antifa Artikel »Ein britisches No pasarán« Ausgabe Nov./Dez. 2014

Hier in Hamburg freuen wir uns natürlich sehr, dass der Musicalfilm »Goodbye Barcelona« in Berlin so gut gefallen hat. Doch von Seiten der Unterstützer (organisatorisch, ideell und finanziell) der Erstaufführung in Hamburg am 23. März diesen Jahres habe ich Enttäuschung übermittelt bekommen, dass im Filmabspann und in der Presse (ND etc.) darüber keinerlei Erwähnung zu lesen war. Die Unterstützer waren vor allem »Der Stadtteiltreff A.G.D.A.Z. in Hamburg Steilshoop«, das Bezirksamt Hamburg-Wandsbek, der Deutsche Freidenker-Verband, das »Hamburger Bündnis gegen Rechts«, das Instituto Cervantes Hamburg, die VVN-BdA – Landesvereinigung Hamburg, der »Fan-Laden FC St. Pauli«, das »Hamburger Forum für Völkerverständigung und weltweite Abrüstung«, die »Willi-Bredel-Gesellschaft – Geschichtswerkstatt e.V.«, das antifaschistische Wohn- und Ferienheim Heideruh – um nur einige zu nennen.   Unerwähnt bleibt, wieviel Mühe und Überzeugungskraft es vor ungefähr anderthalb Jahren gekostet hatte, linke Organisationen von der Wichtigkeit und fachlichen Kompetenz dieses Musicalfilms zu überzeugen. Der Programmgruppe des Hamburger Stadtteilvereins A.G.D.A.Z. ist es zu verdanken, dass der in englischer Sprache aufgeführte Musicalfilm mit deutschen Untertiteln für das deutsche Publikum verständlich gemacht werden konnte. Sie suchte Übersetzter und fand sie, die diese Aufgabe kostenlos übernahmen. Aus Berlin war allerdings keiner dabei. Die Übersetzter kamen aus Hamburg, London, Chemnitz und Dumfries/Schottland.   Obwohl man den Musicalfilm nicht kannte, schlug uns eine steife Brise von Linken aus Hamburg entgegen. Einige Äußerungen: »Oberflächliche Pseudokultur«, »Verblödungskulturbetrieb«, »Pathos und Revolutionskitsch« usw. usw.. In Berlin traute man wohl der Sache auch nicht so recht.   Das war die Basis im Frühjahr 2013. Wir, von der Programmgruppe des A.G.D.A.Z., wussten um die Qualität des Musicals und ließen uns nicht beirren. Nach mühevoller Suche nach Unterstützern und einem würdigen Aufführungsort konnten wir dann die »Deutschland-Premiere« am 23. März 2014 in Hamburg mit dem Regisseur Karl Lewkowicz und seinen Helfern feiern.   Auch die angereisten Skeptiker aus meinem Verein KFSR und andere Gäste waren nach der Aufführung begeistert und überzeugt. Fazit: Wäre das A.G.DA.Z. mit seiner Programmgruppe nicht hartnäckig und zäh »am Ball geblieben«, dann würde man vermutlich heute noch auf eine Version mit deutschen Untertiteln warten, bzw. würde fast keiner diesen Musicalfilm in Deutschland kennen. Der Weg bis zu dieser Aufführung war in Wirklichkeit viel länger und enorm arbeitsintensiv gewesen.

Die Schönheit des Widerstands

geschrieben von Dieter Lachenmayer

5. Januar 2015

Eine Erinnerung an Gertrud Müller (29. November 1915 – 26. Mai 2007)

 

Im November hätten wir gerne mit ihr auch ihren 99. Geburtstag gefeiert, so wie wir das in früheren Jahren immer getan hatten. Diese Feiern waren keine steifen und förmlichen Veranstaltungen. Sicher, es gab lobende Reden. Aber die Atmosphäre war so, wie Gertrud sie prägte: herzlich. Es war eine traute Runde von Freunden, Kameradinnen Genossinnen und Genossen, in der sich alle wohlfühlten. Auf einer dieser Feiern fiel ein ungewöhnliches Wort, das in diesem Rahmen wohl nur eine Frau aussprechen konnte. Es kam von Dr. Sigrid Jacobeit, der damaligen Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück; sie nannte die damals 85 jährige »schön«. Sie meinte nicht allein ihr Aussehen. Gemeint war Gertruds gesamte Ausstrahlung. Eine treffendere Beschreibung habe ich nie gehört. Ein Leben lang hat diese mutige Frau sich als streitbare Kämpferin eingemischt in alle politischen Auseinandersetzungen gegen Faschisten, für Frieden, Solidarität und Sozialismus. Und sie hat dabei nicht ihre Menschlichkeit, Herzlichkeit und Bescheidenheit verloren.

War sie in Stuttgart, fehlte sie bei keiner antifaschistischen und bei keiner Friedensdemonstration und -kundgebung. In zahlreichen Vorträgen in Schulklassen, bei alternativen Stadtrundfahrten, Podiumsdiskussionen, warnte sie vor dem Wiedererstarken des Faschismus. »Schweigen und Vergessen wäre das Schlimmste«, betonte sie.

War sie in Stuttgart, fehlte sie bei keiner antifaschistischen und bei keiner Friedensdemonstration und -kundgebung. In zahlreichen Vorträgen in Schulklassen, bei alternativen Stadtrundfahrten, Podiumsdiskussionen, warnte sie vor dem Wiedererstarken des Faschismus. »Schweigen und Vergessen wäre das Schlimmste«, betonte sie.

Sie war das Kind einer Stuttgarter Arbeiterfamilie, 1915 geboren, besuchte Volksschule und Handelschule und erlebte als Jugendliche den heranziehenden Faschismus. Schon als 17jährige wurde sie 1933 zum ersten Mal verhaftet, weil sie dem kommunistischen Jugendverband angehörte; ein zweites Mal, weil sie ihrem Freund und späteren Mann Hans ins Gefängnis schrieb, dass Hitler mit der Aufrüstung beginne. Als sie 1942 mit Hans und einem Freund versuchte, hungernden russischen Zwangsarbeiterinnen heimlich etwas Essen über den Zaun zuzustecken, wurde sie von einem Wachposten erkannt und verraten. Die Nazis beschuldigten sie »staatsfeindlicher Aktivitäten und des Hochverrats«. Es folgten endlose Gestapoverhöre, 13 Monate Einzelhaft im Gefängnis, »Arbeitserziehungslager« Rudersberg, schließlich das KZ Ravensbrück.

Dort erfuhr Gertrud Müller, dass in ihrer Akte »Rückkehr unerwünscht« stand. Ein Todesurteil. Doch der illegalen Lagerleitung gelang es, Gertrud Müller in einen Gefangenentransport in das KZ-Lager Geislingen, ein Außenlager des KZ Natzweiler zu schmuggeln. Ihre Befreiung erlebte sie, gesundheitlich schwer angeschlagen, im Lager Allach bei Dachau. Ihre Erlebnisse in den KZ-Lagern die Unmenschlichkeit und kaum vorstellbare Brutalität der Wächter, aber auch menschliche Größe der geschundenen KZ-Insassinnen und der solidarische Zusammenhalt der politischen Häftlinge haben Gertrud Müller nie mehr losgelassen.

Nach der Befreiung engagierte sie sich im antifaschistischen Arbeitsausschuss ihres Stadtteils, der sich um die unmittelbaren Probleme und die Versorgung der Menschen kümmerte. Als Antifaschistin wurde sie Schreibkraft der »Investigation Section« der US Militärregierung, die gegen belastete Nazis ermittelte. Sie verlor nicht den Mut, als diese den Spieß umdrehten und eine Intrige spannen. Ein Spruchkammer-Kläger, der sich später als belasteter Nazi herausstellte, erhob Anklage gegen Gertrud, sie habe als Blockälteste Mitgefangene schikaniert. Ihre schlimmste Zeit, so berichtete sie, war nicht die Zeit in den KZs, sondern jene im Internierungslager, in das sie zusammen mit SS-Aufseherinnen von Ravensbrück eingesperrt wurde. Trotz guten Zuratens weigerte sie sich, ein Gnadengesuch zu stellen, sondern kämpfte beharrlich für ihre Rehabilitierung, die sie schließlich 1950 erreichte. Sie war erschüttert. Einige Monate »ging ich nicht mehr unter die Leute«, berichtete sie, aber nichts konnte sie von ihrer antifaschistischen Überzeugung abbringen.

Als Gründungsmitglied war sie aktiv in der VVN. Sie trat der KPD bei, arbeitete bei der KPD-Zeitung »Volksstimme«, bis zum Verbot der KPD 1956, verlor wegen Betätigung für die verbotene KPD drei Jahre später erneut ihren Arbeitsplatz.

Von 1979 bis 1997 war sie Vorsitzende und seitdem Ehrenvorsitzende der Lagergemeinschaft Ravensbrück. Sie war Vizepräsidentin des Internationalen Ravensbrückkomitees und Redakteurin der Zeitschrift »Ravensbrückblätter«. Für diese Arbeit war sie sehr häufig unterwegs.

Unvergessen bleibt z.B. die Rede, die sie 2001 auf einer Kundgebung gegen den Bundesparteitag der Republikaner hielt. Vielen galt damals diese rassistische Partei zwar als rechts, sie wurde aber vor allem in bürgerlichen Kreisen noch dem »demokratischen Spektrum« zugerechnet, also auch als potentieller Koalitionspartner der CDU gehandelt.

Die kleine zierliche Gertrud Müller, die kaum den Rednerpult überragte, schrieb unter dem brausenden Beifall der mehreren Tausend Zuhörer den Journalisten klare Worte ins Stammbuch:

»Zwischen uns hier und den Reps in der Winnender Stadthalle liegen nicht nur 150 Meter: Dazwischen liegt der Unterschied zwischen Moral und Unmoral, Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, Anstand und Verkommenheit. Es ist der Unterschied zwischen Humanismus und Faschismus!«

Klare Worte von einer überzeugenden Frau, die diesen Unterschied ein Leben lang sichtbar gemacht hat. Was wohl würde Gertrud Müller zu AfD und Pegida sagen? Wohl allen, die bis zu ihrem Tode 2007 mit ihr gekämpft hatten, bleibt sie unvergessen. Ein Vorbild, wie man es überzeugender kaum finden kann.

Grundlegende Resolution

geschrieben von Ulrich Schneider

4. Januar 2015

UNO-Generalversammlung gegen Geschichtsrevisionismus und Neofaschismus

Mitte Dezember 2014 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York eine grundlegende Resolution zur Bekämpfung der Glorifizierung des Nazismus und anderer Praktiken angenommen, die Rassismus, rassistische Diskrimination, Xenophobie und damit verbundene Intoleranz schüren. Gleichzeitig werden alle Formen der Rehabilitierung der faschistischen Verbrechen und verbrecherischen Organisationen verurteilt. Die Resolution nimmt Bezug darauf, dass die internationale Gemeinschaft im Jahre 2015 den 70. Jahrestag des Sieges über den Faschismus begehen wird. Und sie erinnerte daran, dass mit den Grundsätzen des Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesses und dessen Urteilen unter anderem die SS mit allen ihren Teilen, insbesondere der Waffen-SS, zur kriminellen Organisation erklärt worden sei und weitere Festlegungen zur Frage der Verbrechen gegen die Menschlichkeit getroffen wurden, die bis heute Gültigkeit besitzen. Die Erklärung erinnert an die Durban-Resolution vom September 2001, in der es heißt: »Wir verurteilen den Fortbestand und das Wiederaufleben von Neonazismus, Neofaschismus und gewalttätigen nationalistischen Ideologien, die auf rassischen oder nationalen Vorurteilen gründen.« Jegliche positive Bezugnahme auf das Nazi-Regime, seine Alliierten und verbundener Organisationen sollten verboten werden. Besorgt ist man über die Zunahme extrem rechter und rechtspopulistischer Parteien in Parlamenten und darüber, dass traditionelle Parteien mit diesen Koalitionen eingehen. Die beschlossene Erklärung verurteilt alle Praktiken, »die das Andenken der unzähligen Opfer der im Zweiten Weltkrieg begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschmutzen, insbesondere der Opfer der Verbrechen, die von der SS und denjenigen, die gegen die Anti-Hitler-Koalition kämpften und mit der nationalsozialistischen Bewegung kollaborierten, begangen wurden, und Kinder und Jugendliche negativ beeinflussen«. Die Erklärung schließt damit, »dass Staaten, die nicht wirksam gegen diese Praktiken vorgehen, gegen die Verpflichtungen der Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen nach deren Charta und gegen die Ziele und Grundsätze der Organisation verstoßen.« Es gab nur vier Gegenstimmen: die USA, Kanada, Palau und die Ukraine, die sich – obwohl mit keinem Wort erwähnt – zu Recht auf der Anklagebank dieser Resolution sah. Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sowie Ungarn, die mit den in der Erklärung angesprochenen Themen ebenfalls kritisiert wurden, zogen es vor, sich im Schutze der meisten Staaten der Europäischen Union der Gruppe von 51 Enthaltungen zuzuordnen. Auch der Vertreter der Bundesrepublik Deutschland enthielt sich. Eine offizielle Stellungnahme für diese faktische Ablehnung eines Entwurfes, der verschiedene Grundsatzaussagen der Vereinten Nationen für heute und in Zukunft bestätigte, wurde nicht gegeben. Der italienische UN-Botschafter meinte zwar, man zweifele an der »Ehrlichkeit des Resolutionstextes«. Konnte jedoch keinen Punkt nennen, der gegen die Grundpositionen der Vereinten Nationen gestanden hätte. Informell war zu hören, dass die BRD und andere EU-Regierungen der Entschließung deshalb nicht hätten zustimmen wollten, da sie erstens von der Russischen Föderation und mit ihr verbundenen Staaten eingebracht worden sei und man zweitens nicht der ukrainischen Regierung in den Rücken fallen wolle. An dieses Verhalten sollte man die politisch Verantwortlichen auch der BRD erinnern, wenn sie wieder einmal – wie häufig Bundespräsident Gauck – Krokodilstränen an Orten faschistischer Massenverbrechen vergießen, politische Konsequenzen und Verantwortung für das Geschehene jedoch ablehnen. Die Antifaschisten nicht nur in unserem Land haben mit dieser UNO-Resolution jedenfalls eine gute Grundlage, in Vorbereitung auf den 70. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg, allen Versuchen der Rehabilitierung oder der Geschichtsvergessenheit entgegenzutreten.

Die »Mühlviertler Hasenjagd«

geschrieben von Gerald Netzl

4. Januar 2015

Mordaktion gegen sowjetische Flüchtlinge aus dem KZ Mauthausen

Im März 1944 erging reichsweit ein Geheimbefehl (»Kugel-Erlass«) mit der Weisung, aus deutschen Kriegsgefangenenlagern entwichene Offiziere sowie ranghöhere Unteroffiziere nach ihrer Ergreifung vom Sicherheitsdienst (SD) in das Konzentrationslager Mauthausen zu überführen und sie dort »im Rahmen der ‚Aktion Kugel‘ zu erschießen«. Über Wochen und Monate wurden diese Häftlinge von den anderen Häftlingen isoliert, unter unmenschlichsten Bedingungen und fast ohne Nahrung im Block 20 eingesperrt und nach und nach erschossen. Sie wussten, sie alle waren totgeweiht. In der tiefwinterlichen Nacht zum 2. Februar 1945 unternahmen ungefähr 500 »K«-Häftlinge, fast ausnahmslos sowjetische Offiziere, einen Ausbruchsversuch. Mit zwei Feuerlöschern aus ihrer Baracke und verschiedenen Wurfgeschossen griffen sie die Wachtürme an und es gelang ihnen auch, einen davon zu erobern. Der stromführende Stacheldraht wurde mit feuchten Decken kurzgeschlossen und so konnten die Häftlinge die Mauer überklettern. 419 Menschen gelang die Flucht.

mauthausen006

Viele der Geflüchteten blieben wegen ihres schlechten körperlichen Zustands vor Erschöpfung schon kurz nach der Mauer liegen. All diejenigen, denen es nicht geglückt war, in die Wälder zu entkommen, wurden noch in derselben Nacht von SS-Angehörigen erschossen. Unmittelbar nach der Flucht wurde von der SS eine Großfahndung eingeleitet, an der SS, Gendarmerie, Einheiten der Wehrmacht, SA-Abteilungen und Hitlerjugend-Gruppen teilnahmen. Die SS-Lagerleitung wies die Beamten der Gendarmerie an, »niemand lebend ins Lager zurückzubringen«.

Die Treibjagd auf die Entflohenen, an der sich schließlich auch noch Angehörige des Volkssturms und der Feuerwehr sowie Teile der Bevölkerung beteiligten, dauerte drei Wochen lang. Von der SS wurde diese Menschenjagd zynisch »Mühlviertler Hasenjagd« genannt. Interessanter Weise ist dieser Begriff in das antifaschistische Narrativ übernommen worden.

Bis auf elf Offiziere, die entweder bei Bauern Unterschlupf finden oder sich bis Kriegsende in den Wäldern verstecken konnten, wurden alle Geflüchteten wiederergriffen und zumeist sofort an Ort und Stelle ermordet.

BMI / Fotoarchiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen

BMI / Fotoarchiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen

Der nach Kriegsende angefertigte Bericht des Gendarmerie-Majors Johann Kohout, Postenkommandant in Schwertberg, zeigt die außergewöhnliche Brutalität der Ereignisse: »Die Straße von Mauthausen war bereits vom Volkssturm besetzt. Die Leute waren wie bei einer Treibjagd aufgestellt. Es ging sehr wüst zu. Geschossen wurde auf alles, was sich rührte. … Der Schneematsch auf der Straße färbte sich mit dem Blut der Erschossenen. Überall, wie und wo man sie antraf, in den Wohnungen, Wagenhütten, im Kuhstall, am Heuboden, im Keller, wenn man sie nicht herausholte und beim nächsten Hauseck erledigte, erschoss man sie auf der Stelle, egal wer anwesend war … einigen spaltete man das Haupt mit einem Beil. … In der sogenannten Lem-Villa wohnte ein gewisser …, dessen Frau hörte am Abend beim Füttern der Ziegen in der Futtervorratskammer ein Geräusch. Sie holte ihren Mann, der einen Flüchtling aus dem Versteck hervorholte … Der Bauer stach diesem armen Menschen mit seinem Taschenmesser in den Hals, dass das Blut spritzte. Die Frau sprang hinzu und versetzte dem Sterbenden noch eine Ohrfeige.«

Der Ausbruch selbst und die Tatsache, dass einigen die Flucht gelungen ist, stellen einen einzigartigen Vorfall in der Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen dar. Dieser wurde mehrfach literarisch verarbeitet. Und es gibt eine gelungene Verfilmung der Ereignisse: »Hasenjagd: vor lauter Feigheit gab es kein Erbarmen« von Andreas Gruber. Dieser Film ist, auch wenn man den Ausgang bereits kennt, unfassbar spannend inszeniert und atmosphärisch dicht erzählt. Nur handelt es sich hier nicht um einen Hollywood-Thriller, sondern um eine authentische Geschichte…

 

Von Beihilfe kaum die Rede

geschrieben von Hans Canjé

4. Januar 2015

1060 Ermittlungsverfahren gegen Auschwitz-Schergen – fast alle eingestellt

 

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft hat, wie »Spiegel Online« am 24. August 2014 berichtete, 1060 Ermittlungsverfahren gegen ehemalige Angehörige des Wachpersonals des faschistischen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau geführt. »… und stellte fast alle ein.« Eine der zynischen Begründungen« habe gelautet: »Die ankommenden Opfer hätten nicht gewusst, was ihnen bevorstehe, und folglich nicht fliehen wollen. Der beschuldigte SS-Wachmann habe sie daher an einer Flucht gar nicht hindern können – und sei deshalb nicht wegen Beihilfe zu belangen.«

In den drei großen Auschwitzprozessen ( 1963 – 1965, 1965 –1966, 1967 – 1968) gegen die Mitglieder der SS-Wachmannschaft waren die, einem Verteidigungsplädoyer nahe kommenden, »Argumente« der Anklagevertretung noch anderer Art. In einem Interview zum Film »Im Labyrinth des Schweigens« erinnerte Gerhard Wiese, der damals als junger Staatsanwalt an den durch die energischen Bemühungen des hessischen Generalstaatsanwalts Bauer möglich gewordenen Verfahren beteiligt war, an die Kernanliegen der Anklage. Wir meinten, »dass Auschwitz eine Vernichtungsmaschinerie war, in der jeder ein Rad im Getriebe war und deshalb mindestens wegen Beihilfe hätte verurteilt werden müssen.«

Wer also in den Mordapparat eingebunden war, der mordete mit. Am Ende aber sah das Ergebnis so aus, dass von den rund 6500 Angehörigen der SS-Mannschaft, die den Krieg überlebt hatten, ganze 29 verurteilt wurden. Die anderen konnten im Chor einstimmen in die Schlagzeile der »Nürnberger Nachrichten nach dem ersten Auschwitzprozess: »Wir sind in diesem Fall noch einmal davongekommen«.

Das Hamburger Wochenblatt »Die Zeit« erinnerte am 13. November 2014 an das Klima jener Jahre. Bauer sei, einer der »wenigen unbelasteten Justizjuristen mit einer Führungsposition« in der jungen Bundesrepublik gewesen, umgeben »von Richtern, Staatsanwälten und sonstigen Beamten, die dem NS-Staat gedient hatten und bis auf wenige Ausnahmen im Amt belassen wurden.« Die hätten sich, »wie die Mehrheit der Bevölkerung, nach einem Schlussstrich unter die Vergangenheit« gesehnt.

Den hatte der erste Kanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer (CDU), schon 1949 gefordert, als er für ein »Ende der Nazischnüffelei« plädierte und durch, von seiner Regierung verkündete diverse Amnestiegesetze, der Rückkehr der Protagonisten des faschistischen Regimes in alle gesellschaftliche Bereiche der jungen Bundesrepublík den Weg bereitete Fritz Bauer hat sich da mit seinem Drang zur Aufklärung der Verbrechen in Auschwitz, nicht viele Freunde gemacht. »Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich Feindesland«, brachte er einmal den Zeitgeist auf den Punkt.

40 Jahre fast konnten die Schergen ihr Leben in Ruhe fristen – sieht man von einigen wenigen und immer wieder an der gängigen Rechtsprechung gescheiterten Versuchen ab, den einen oder anderen doch noch zur Verantwortung zu ziehen. Der eine war »nur Koch« gewesen, der andere hatte sich »nur an der Rampe rumgetrieben«. Individuelle Schuld hatte keiner. Die aber wollte der Bundesgerichtshof nachgewiesen haben. Der Kerngedanke Fritz Bauers bei der Eröffnung des Auschwitzprozesses: »Beihilfe begeht, wer die Haupttat willentlich fördert«, wurde 2011 im Verfahren gegen John Demjanuk, SS-Wachmann in den Konzentrationslagern Treblinka und Sobibor, Urteilsgrundlage. Ein letzter Versuch, mit diesem Urteil doch noch Angehörige der Wachmannschaft vor Gericht stellen zu können, ist offensichtlich gescheitert. Allenfalls zwei Verfahren könne es nach Ansicht von Experten noch geben. Damit ist die »Aufarbeitung« der Akte Auschwitz dann wohl endgültig abgeschlossen – biologisch.

Zum 70. Jahrestag der Befreiung

4. Januar 2015

Brief von Esther Bejarano an die Leserinnen und Leser der antifa

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

wir begehen in diesem Jahr den 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945.

Das war der Anfang der Befreiung vom Hitler-Faschismus, aber nicht die Befreiung der Menschen, der Gefangenen im Ganzen. Nur die Schwachen und Kranken wurden in Auschwitz befreit; alle diejenigen, die noch laufen konnten, mussten auf die Todesmärsche und mussten unter schrecklichen Qualen marschieren.

Das Ziel waren andere Konzentrationslager zur Zwangsarbeit für die dort aufgebauten deutschen Firmen wie Siemens, Krupp und viele andere – ausgenutzt, wie es die Devise der Nazis war: Vernichtung durch Arbeit. So musste ich in Ravensbrück, dem größten Frauenstraflager auf deutschem Boden, Zwangsarbeit für die Firma Siemens leisten, die innerhalb des Lagers viele Hallen errichtete.

Die wirkliche Befreiung aller Gefangenen, aber auch aller Menschen in Deutschland, fand am 8. Mai 1945 statt, an dem die Rote Armee und die Alliierten die Nazis zur Kapitulation zwangen. Was für eine Freude war für mich dieser Tag, als ich mit russischen und amerikanischen Soldaten und mit meinen Freundinnen aus dem KZ gemeinsam unsere Befreiung feierte.

Dieser Tag, der 8. Mai 1945, wird in allen damals von Deutschland besetzten Ländern jedes Jahr groß gefeiert. Nur hier nicht. Ich frage mich, warum? Wir ehemaligen Verfolgten des Naziregimes fordern von unserer Regierung, endlich diesen 8. Mai zum gesetzlichen Feiertag zu deklarieren. Wann wird das endlich wahr? Kämpfen wir weiter dafür!!

Herzlichst, Eure Esther Bejarano

P1220896

Alte Assoziationen

geschrieben von Thomas Willms

4. Januar 2015

Warum Teile der deutschen Rechten gerade pro-russisch sind

 

Der russische Präsident Vladimir Putin findet derzeit nicht viel Rückhalt in der deutschen Medienlandschaft. Eine Ausnahme bilden die Zeitungen und Magazine der extremen Rechten, die sich seit Ausbruch der Ukraine-Krise nahezu geschlossen hinter ihn stellen.

Überraschend ist dies dann nicht, wenn man sich vor Augen führt, dass das extrem rechte Lager in Deutschland im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges in der »Russland-Frage« weniger homogen gewesen ist, als es die späteren historischen Ereignisse in Russland erscheinen lassen. Tatsächlich zog sich ein ideologischer Konflikt über die »richtige« Ostpolitik bis in die Mitte der 1930er Jahre hin, an deren Ende das NS-Regime divergierende Meinungen mundtot machte. Bis dahin argumentierte eine Gruppe von Autoren, u.a. Hans Schwarz, Giselher Wirsing und Ernst Niekisch sowie Zeitschriften wie »Der Nahe Osten« und »Widerstand« für eine Bündnisoption mit Russland, die heute angesichts der Verbrechen der Wehrmacht in der Sowjetunion außerordentlich befremdlich wirkt.

Putin 003

Der Übergang von der althergebrachten preußisch-zaristischen Liaison zu einer nationalistisch-völkischen begann mit der ersten deutschen Werkausgabe (1905 – 1915) der Romane Fjodor Dostojevskijs und zwar ausgerechnet durch einen der wichtigsten Vertreter der späteren sogenannten Konservativen Revolution, Arthur Möller van den Bruck. Diesem verdankt die Welt immerhin das Schlagwort »Das Dritte Reich« als dem Titel seines Hauptwerkes.

Wer die politischen Schriften Dostojevskijs auf Deutsch lesen will, muss bis heute auf Möllers Ausgabe zurückgreifen. Der russische Romancier begeisterte seinen deutschen Herausgeber und in der Folge weitere nationalistische Autoren durch seinen betonten Antiliberalismus und seine grundsätzliche Ablehnung des »Westens«. In praktische Politik begann Möller seine Haltung im Propagandastab der Obersten Heeresleitung (OHL) im Ersten Weltkrieg umzusetzen. Doch recht auffällig suchte er russische Leser davon zu überzeugen, dass das Heil Russlands im Süden zu suchen sei, der Kampf gegen Deutschland in der Zwischenzone vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer hingegen gar nicht im russischen Interesse liege. Tief enttäuscht zeigte sich Möller dann 1917 angesichts der Oktoberrevolution. Doch der Schreck legte sich ab etwa 1920. Möller und mit ihm einige andere, begannen das entstehende Sowjet-System umzuinterpretieren. »Der Bolschewismus ist russisch. Und er ist nur russisch.« war seine Losung. Gemeint war, dass der westliche Bazillus des Marxismus im russischen Volk ohnehin nicht viel Schaden anrichten könnte. Bis 1932/1933 spitzte sich diese Interpretation z.B. bei Niekisch bis zu offener Begeisterung für den eisigen »militarisierten Arbeitsstaat« Sowjetunion zu. Die Sowjet-union sei das »neue Potsdam« hieß es, voller Treue, Disziplin, Gehorsam und Gemeinschaft. Man hangelte sich an Assoziationsketten entlang, in der der »Westen« mit »Liberalismus« und »Kapitalismus«, der »Osten« hingegen mit »Sozialismus« und »Staat« verbunden wurde.

Die minoritäre rechtsextreme russlandorientierte Fraktion meldete sich nach 1945 in Form kleiner »nationalneutralistischer« Gruppen zurück, um dann Anfang der 1990er Jahre, vom doch lästigen Kommunismus endlich befreit, mit Ideologen wie Reinhard Oberlercher wieder von der »eurasischen Achse« träumen zu können.

Seit Anfang 2014 nun ist Möllers Traum der Wirklichkeit deutlich näher gerückt. Zum ersten Mal dominiert die »Ostorientierung« das Denken des deutschen Rechtsextremismus. Gleichzeitig kooperieren nicht mehr nur windige russische Neonazis mit ihren deutschen Geistesgenossen, sondern Akteure des aktuellen russischen Herrschaftsapparates, in Form verschiedener »Präsidentenberater«. Prof. Alexander Dugin, der als wichtigster geopolitischer Berater Putins vorgestellt wird, wird bspw. im neofaschistischen Nachrichtenmagazin »Zuerst!« breiter Raum eingeräumt. Dessen Buch »Konflikte der Zukunft« erscheint denn auch in einem der Verlage Dietmar Muniers. Wie schon Möller100 Jahre zuvor möchte Dugin dem »westlichen Ziel eines globalen Liberalismus und Kapitalismus unter der Führung der USA« einen »eurasischen Block zusammen mit Russland« entgegenstellen, in dem die »europäischen Völker« ihre »Identität« bewahren könnten. Kein Wunder, dass das Begeisterung im deutschen Neofaschismus auslöst.

← Ältere Nachrichten · Neuere Nachrichten →