Entschieden kämpferisch

geschrieben von Mathias Meyers

18. Juli 2014

Zum 100. Geburtstag des Antifaschisten Emil Carlebach

 

Am 10. Juli 1914 wurde Emil Carlebach in einer bürgerlichen jüdischen Familie in Frankfurt am Main geboren. Hier absolvierte er das Abitur, begann im Mai 1932 eine Lehre in einer Ledergroßhandlung und trat in den Zentralverband der Angestellten (ZdA) ein. Noch 1931 war er Mitglied im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) geworden.

Als politisch prägendes Erlebnis beschrieb Emil Carlebach den Justizmord am 23. August 1927 an den amerikanischen Arbeitern Nicola Sacco und Bartelomeo Vanzetti in Charlestown (USA). Emil Carlebach verfolgte den Schauprozess gegen die beiden anarchistischen Aktivisten der Arbeiterbewegung mit großer Aufmerksamkeit – er las alle Berichte der Korrespondentin Agnes Smedley in der Frankfurter Zeitung. Nach dem Gerichtsurteil gegen die beiden Streikführer wegen der angeblichen Beteiligung an einem Raubmord gab es weltweit Massendemonstrationen gegen die geplante Hinrichtung. Emil Carlebach erzählte stets, dass dieses Ereignis ihm – er war damals 13 Jahre alt – erstmals Kenntnis von der Arbeiterbewegung und deren internationaler Solidarität gab.

Schon vor der Machtübertragung an Adolf Hitler und die NSDAP war Emil Carlebach antifa-schis-tisch aktiv. Er gehörte zu denjenigen Gewerkschaftern, die der vorherrschenden Haltung, den drohenden Faschismus zu bagatellisieren, entgegentraten. Als Hitler am 1. Mai 1933 vom Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsverband als Reichskanzler eingeladen worden war, auf einer Berliner Kundgebung der Gewerkschaft zu sprechen, war Emil Carlebach mit seiner Gruppe in Frankfurt so gut organisiert, dass er im Radio die Hitlerrede anhörte und währenddessen ein Flugblatt dazu verfasste, in dem er die Demagogie Hitlers und dessen Pläne zur Zerschlagung des politischen Widerstandes im Lande benannte. Das Flugblatt wurde am Nachmittag von der kleinen Widerstandsgruppe vervielfältigt und noch in der gleichen Nacht in die Briefkästen verteilt.

Am 11. Januar 1934 wurde Emil Carlebach wegen der Herstellung und Verbreitung antifaschistischer Zeitungen zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Nach der Haft wurde er 1937 in das Konzentrationslager Dachau verbracht und war ab 1938 bis zur Selbstbefreiung des KZ in Buchenwald inhaftiert. Unter den Bedingungen der Haft setzte er den Widerstand fort und war »Blockältester« in einer Baracke mit jüdischen Häftlingen. In der illegalen internationalen Widerstandsorganisation des Konzentrationslagers arbeitete er in verantwortlichen Positionen. Er gehörte zu den Häftlingen, die das Signal zum Aufstand am 4./5. April 1945 gaben und das Lager mit den befreiten Gefangenen und festgenommenen SS-Wachleuten am 11. April 1945 den heran rückenden amerikanischen Einheiten übergaben.

Emil Carlebach blieb mit der Erfahrung von elf Jahren faschistischer Haft überzeugter Antifaschist. Als solcher wurde er zum 1. August 1945 von den alliierten Behörden in der US-amerikanischen Besatzungszone zu einem der sieben Lizenzträger und zu einem der Chefredakteure der neu gegründeten Frankfurter Rundschau berufen. Er war Stadtverordneter der KPD in Frankfurt sowie Abgeordneter des hessischen Landtages.

Mit Beginn des Kalten Krieges wurde Emil Carlebach – wiederum auf Weisung der US-Behörden – bereits 1947 aus der Leitung der FR entfernt. Er war Mitbegründer der VVN und viele Jahre lang Vizepräsident des Internationalen Buchenwaldkomitees. Er verfasste acht Bücher, die sich vor allem mit den Wurzeln und den historisch wirksamen Auswirkungen des deutschen Faschismus beschäftigten. Er war darüber hinaus vielfach publizistisch aktiv, unter anderem als Chefredakteur der VVN-Wochenzeitung »die tat«.

Nach dem Verbot der KPD (1956) lebte Emil Carlebach mehr als zehn Jahre in der DDR um der drohenden Verfolgung und erneuten Inhaftierung in der BRD zu entgehen. 1969 kehrte er nach Frankfurt am Main zurück und war in verschiedenen Funktionen in der VVN-BdA, der DKP und der Deutschen Journalisten-Union (dju) tätig. Als Zeitzeuge und Buchautor besuchte er, so lange seine Kräfte es erlaubten, Veranstaltungen, las aus seinen Büchern und berichtete in Antifa-, Jugend- und Gewerkschaftsgruppen von der Kraft der Solidarität im Widerstandskampf.

Der Schwur der befreiten Häftlinge des KZ Buchenwald blieb für den unbeugsamen Kommunisten Lebensmaxime. In einer kämpferischen Rede am 50. Jahrestag der Befreiung erinnerte er am 9. April 1995 auf dem Buchenwalder Appellplatz an diesen Schwur. An die anwesenden Überlebenden des KZ’s und die Teilnehmer der Kundgebung gewandt, forderte er: » … aber lasst nicht nach in Eurer Wachsamkeit. Lasst Euch durch schöne Worte nicht beruhigen. Unser Schwur gilt heute wie vor 50 Jahren: ›Für eine Welt des Friedens und der Freiheit‹. Zu Frieden und Freiheit aber gehört die Tradition des Kampfes gegen den Faschismus, gegen Antisemitismus, Rassenhass, Militarismus und Herrenmenschentum. In diesem Kampfe waren wir vereint, in diesem Kampfe bleiben wir vereint.«

Emil Carlebach starb am 9. April 2001 in Frankfurt am Main.

Der slowakische Aufstand

geschrieben von Gerald Netzl

18. Juli 2014

Zwei Monate Kampf gegen die deutschen Truppen

 

Der am 29. August 1944 begonnene Slowakische Nationalaufstand ist neben dem Warschauer Aufstand (1.8.-3.10.1944) und den Kämpfen jugoslawischer PartisanInnen die einzige herausragende militärische Rebellion im deutschen Herrschaftsbereich während des Zweiten Weltkrieges, wobei diese nicht miteinander koordiniert waren.

Die unabhängige Slowakei wurde 1939 als Satellitenstaat von Hitlers Gnaden geschaffen. Ihr Territorium war etwas kleiner als das der heutigen Slowakei. Sie war ein autoritärer, klerikaler, klerikalfaschistischer Staat, mit dem Priester Jozef Tiso als Präsident an der Spitze. Ihm gelang es politisch nicht ungeschickt, die Mehrheit der überwiegend bäuerlich-katholischen Bevölkerung für sein Programm zu gewinnen, wurden die Slowaken und Slowakinnen doch in Jahren davor in der ČSR von der tschechischen Mehrheit unterdrückt. Die Slowakei war im Unterschied zu anderen Ländern nicht von der Wehrmacht besetzt.

Priester Jozef Tiso

Priester Jozef Tiso

Bis zum Frühjahr 1944 war die Tiso-Herrschaft vergleichsweise mild. Mit wenig Begeisterung erfolgte die Beteiligung am Russlandfeldzug mit 50.000 Mann. Nach dem Fall von Stalingrad und der deutschen Niederlage in der Schlacht im Kursker Bogen im Juli 1943 kippte die Stimmung im Land. Die KP trat aus ihrem bisherigen Schattendasein, die herrschenden Kreise in Bratislava wandelten sich in dem Maße, in dem sich die Rote Armee der Grenze näherte. In der Armeeführung taten sich Verschwörer zusammen und konzentrierten Truppen, Nahrung und Kriegsmaterial in der Mittelslowakei, die zur strategischen Festung ausgebaut wurde. Man wollte sich in der absehbaren Schlussphase des Krieges vom Makel der Kooperation mit dem Nazismus befreien. Die 1943 noch zaghafte Partisanenbewegung wuchs mit sowjet-ischer Unterstützung 1944 stark an. Präsident Tiso und seine Clique wollten jedoch lieber als katholische Märtyrer für eine christliche Slowakei sterben, als mit der UdSSR gegen die Deutschen zusammenzuarbeiten.

Der Beginn des Aufstands wurde vorzeitig durch einen unvorhergesehenen Zwischenfall ausgelöst, 22 Mitglieder der evakuierten deutschen Militärmission in Rumänien wurden in der Nordslowakei kriegsrechtswidrig erschossen. Darauf marschierte die Wehrmacht – mit Zustimmung von Präsident Tiso! – von Norden, Osten und Westen in das Land ein und schaltete damit handstreichartig mehr als die Hälfte der slowakischen Truppen aus. Die Aufstandsarmee, rund 20.000 verbliebene Soldaten und Offiziere, war abgesehen von ca. 2.000 Partisaninnen die reguläre Armee. Auch wenn die NS-Propaganda von »Banditen« sprach, wurde sie von der kämpfenden Truppe der Wehrmacht als reguläre Soldaten angesehen und so behandelt. Nach wenigen Tagen drohte der Aufstand zusammenzubrechen. Eine sowjetische Waffenlieferung sowie Gerüchte über näher kommenden Entsatz stabilisierten die Verteidiger, die ca. die Hälfte des Landes hielten (20.000 km²). Die Hoffnung der Aufständischen auf Unterstützung aus dem besetzten Protektorat Böhmen und Mähren sollte sich nicht erfüllen. Anders als beim Warschauer Aufstand, den die Rote Armee verbluten ließ, rannte sie mit schwerem Geschütz und zahlreichen Truppen von Norden gegen die Karpaten, mit hohen Verlusten und erfolglos. Von den Westalliierten gab es keinerlei materielle Hilfe. Mit der tschechoslowakischen Exilregierung Beneš in London war man zwar in Kontakt, allerdings nicht im vollständigen Einvernehmen. Bei den Kämpfen erwiesen sich die kampf-erprobten deutschen Truppen den slowakischen zumeist überlegen. Das Aufstandsgebiet schmolz immer mehr zusammen. Der Warschauer Aufstand war am 3. Oktober zu Ende, der slowakische ebenso nach zwei Monaten am 28. Oktober. Ohne den heldenhaften Kampf im Land und ohne die sowjetische Offensive hätte er nicht so lange gedauert.

In der zweiten Januarhälfte 1945 befreite die Rote Armee die Ostslowakei, am 26. März war sie in Banská Bystrica, dem militärischen Zentrum des Aufstands, und am 4. April in Bratislava.

Faktum und Vermächtnis des Aufstandes passten den stalinistischen Kommunisten unter Gottwald genauso wenig ins Konzept wie den tschechoslowakischen bourgeoisen Kräften unter Beneš, was nach 1945 eine langjährige Marginalisierung zur Folge hatte. In Banská Bystrica erinnert ein sehenswertes Museum an den slowakischen Nationalaufstand, der 29. August ist in der heutigen Slowakei Staatsfeiertag.

Das Erbe angenommen

geschrieben von Marek Winter

18. Juli 2014

Doch die Aufarbeitung der Tiso-Diktatur lässt auf sich warten

 

Wenn über den Umgang mit der Geschichte des Widerstandes gegen die deutschen Besatzer und ihre einheimischen Kollaborateure in Mittel- und Osteuropa nach dem Zusammenbruch der realsozialistischen Regime, in denen das Gedenken an diesen Widerstandskampf Teil der Staatsdoktrin war, diskutiert wird, dann stehen meist jene Länder im Fokus, in denen diese Erinnerung heute verdrängt und negiert wird und sich die dominierenden politischen Kräfte positiv auf nationalistische Bewegungen der Zwischenkriegszeit beziehen, die während der deutschen Besatzung ganz oder teilweise mit dieser kollaborierten. Daneben gibt es aber auch einige Länder, in denen der antifaschistische Partisanenkampf weiterhin, wenn auch in modifizierter Form, Teil der offiziellen nationalen Erzählung ist. Dies ist vor allem in jenen Ländern der Fall, in denen der Befreiungskampf gegen die Deutschen ein unverzichtbarer Teil des Prozesses der Nations- und Nationalstaatsbildung ist. Hierzu gehört die Slowakei. Obwohl nach 1989 aus der Emigration zurückkehrende Anhänger der Tiso-Diktatur den Slowakischen Nationalaufstand als Verrat an der Nation zu diffamieren suchten, Apologeten des Tiso-Regimes immer mal wieder in slowakischen Regierungen der letzten 20 Jahre saßen und eine wichtige Rolle in der Hierarchie der mächtigen katholischen Kirche spielen, stellte sich die unabhängige Slowakische Republik nach 1993 in die Kontinuität der aufständischen Slowakei und nicht in die der Tiso-Slowakei.

Denkmal des Slowakischen Nationalaufstands  in Banská Bystrica. Foto: Anna Regelsberger

Denkmal des Slowakischen Nationalaufstands in Banská Bystrica. Foto: Anna Regelsberger

Die heutige Slowakische Republik nahm das Erbe des Nationalaufstandes an, weil dieser die Legitimation ihrer staatlichen Existenz in den aktuellen Grenzen darstellt. Die faschistische Slowakei hatte in den durch den Ersten Wiener Schiedsspruch vom 2.11.1938 festgesetzten Grenzen existiert, ohne die heutige Südslowakei, die von Ungarn annektiert war. Die Alliierten erkannten 1944 die slowakischen Aufständischen als Teil der Antihitlerkoalition an und nach der Befreiung wurde die Südslowakei wieder in den tschechoslowakischen Staat eingegliedert. Dass sich Dank des Nationalaufstandes die Slowakei auf der Seite der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges wiederfand, ermöglichte nach 1945 und bis heute, sich um eine kritische und umfassende Aufarbeitung der Tiso-Diktatur herumzudrücken. Dies wird besonders am Beispiel der Situation der slowakischen Roma deutlich.

In der Slowakei lebten 1939 schätzungsweise ca. 100.000 Roma. Die den deutschen Marionettenstaat regierende Volkspartei, 1905 von Andrej Hlinka gegründet, war aggressiv antisemitisch und antiziganistisch. Schrittweise wurden seit 1939 Juden und Roma aller politischen und sozialen Rechte beraubt, an öffentlichen Plätzen fand sich z.B. der Hinweis: »Juden, Zigeunern und Hunden Zutritt verboten«. Am 20. April 1941 erließ das slowakische Innenministerium die Bekanntmachung Nr. 163/1941 »Über die Regelung einiger Verhältnisse der Zigeuner«. Diese verpflichtete die nomadisierenden Roma, binnen acht Tagen in ihre Heimatgemeinden zurückzukehren, die sie fortan nicht mehr verlassen durften, und zwang sie Wagen und Zugpferde zu verkaufen. Die sesshaften Roma (die große Mehrheit), die ihre Wohnstätten in der Nähe öffentlicher Wege hatten, mussten diese aufgeben und sich an entlegenen, von den Gemeinden bestimmten Plätzen niederlassen. Obwohl neben den Juden die Roma zu den Hauptleidtragenden der Niederschlagung des Aufstandes gehörten, viele Roma aufgrund des Verdachtes den Aufstand unterstützt zu haben ermordet wurden, wurde die Ausgrenzung der Roma, ihre Vertreibung und Verbannung aus den Ortschaften nach der Befreiung der Slowakei nicht rückgängig gemacht. Die Romasiedlungen außerhalb der Städte blieben bestehen. Erst im Zuge der Industrialisierung der Slowakei zogen Roma wieder in die Städte. Als jedoch die slowakische Industrie nach der Wende zusammenbrach kehrten viele Roma, die als erste entlassen wurden und seither kaum eine Chance auf dem slowakischen Arbeitsmarkt haben, in -diese Ansiedlungen zurück, wo sie heute ein elendes Leben fristen.

Weiße Busse der Hoffnung

geschrieben von Helga Niet

9. Juli 2014

KZ-Häftlinge in letzter Minute gerettet

 

Die Rettung von Häftlingen aus den Konzentrationslagern im Jahre 1945 durch das Schwedische, Dänische und Internationale Rote Kreuz ist in der Gegenwart kaum noch bekannt. Ein schwedischer Journalist stellte 1998 in der Schweriner Volkszeitung die Frage nach zwei Ärzten – Dr. Zehrer und Lubinski. Ende April 1945 retteten sie einem schwedischen Leutnant in einem Schweriner Reservelazarett das Leben. Daraus ergaben sich viele Nachforschungen in Deutschland, Schweden und Norwegen.

In Schweden waren Informationen zur »Endlösung der KZ« bekannt geworden und damit für Verhandlungen Eile geboten. Die Aktion »Weiße Busse« war das Ergebnis von Verhandlungen zwischen Vertretern der schwedischen Regierung und Himmler. Den Schweden ging es um die Rettung norwegischer und dänischer Häftlinge aus den KZ, Himmler versprach sich Kontakte mit den Westmächten. In den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945 gestattete Himmler Schweden, vertreten durch den Vize-Präsidenten des Schwedischen Roten Kreuzes, Graf Folke Bernadotte, Norweger und Dänen aus deutschen KZ nach Schweden »ausreisen« zu lassen. Himmler erweiterte seine Zusage später auf Gefangene anderer Nationen wie Niederländer, Polen und Franzosen. Endlich konnte am 12./13. März mit der schwedischen Hilfsaktion begonnen werden. Sammelpunkt war Neuengamme bis zur Weiterfahrt nach Schweden. Am 15. März fuhr die erste Kolonne nach Sachsenhausen, der bis zum 29./30. April noch viele in alle Konzentrationslager, wo immer sich skandinavische oder die erwähnten anderen Gefangenen befanden, folgten.

Die Fahrzeugkolonnen bestanden aus Bussen, Lastkraftwagen und Transportfahrzeugen, versehen in nächtlichen Aktionen mit einem weißen Anstrich, dem »Roten Kreuz« in einem schwarzen Kreis und der schwedischen Flagge. Ziele waren KZ u.a. in Dachau, Auschwitz, Theresienstadt, Buchenwald, Natzweiler, Ravensbrück, Oranienburg und das Zuchthaus Bützow. In weiteren Verhandlungen am 20./21. April 1945 gibt Himmler die Zusage für das Freikommen von 1000 jüdischen Frauen. Überliefert ist, dass Bernadotte weibliche Gefangenen, gleich welcher Nationalität, aus Ravensbrück abholen und nach Schweden mitnehmen konnte. Damit begann eine der größten Hilfsaktionen des Schwedischen, Dänischen und Internationalen Roten Kreuzes. In allerletzter Minute gelang es, für Frauen aus Ravensbrück einem Zug der Reichsbahn mit 50 Güterwagen, je Wagen ca. 60 bis 80 Personen zu beschaffen. Insgesamt waren es 3989 Frauen, die nach vier Tagen abenteuerlicher Fahrt am 29. April 1945 im Bahnhof von Lübeck ankamen. Mit dem »Geisterzug« – wie er genannt wurde, ging es weiter nach Dänemark, von dort mit Personenwagen weiter in die Freiheit. Am 27. April wurde das KZ Ravensbrück geräumt. Die noch verbliebenen KZ-Häftlinge – etwa 18 bis 30.000 – mussten auf den Todesmarsch.

Die Fahrten fanden unter großen Schwierigkeiten und absoluter Geheimhaltung statt. In den wenigen vorliegenden Fahrtprotokollen der Busfahrer ist von Orten wie Ludwigslust, Perleberg, Havelberg, Belzig , Ziesar, Berlin, Dresden, Wismar , Sternberg, Neustrelitz die Rede. Es gab bei den Fahrten Tote und Verletzte, u.a. in der Nähe von Schwerin und nach Wismar. Von den vier Toten und zehn Schwerverletzten fehlt bis heute jeder Nachweis.

Deutsche Armeefahrzeuge waren weiß gekennzeichnet, mischten sich unter die Buskolonnen, um von Tieffliegern verschont zu werden.

Am Holocaustgedenktag am 27. Januar 2014 in Malmö berichtete Stefan Zablocki über seinen Weg nach Auschwitz, Braunschweig und Wöbbelin und seine dortige Befreiung durch die Amerikaner. Erinnerungen an diese Zeit würden für weitere Recherchen hilfreich sein. Nichts darf dem Vergessen anheim fallen, damit die Zukunft für alle eine gute ist und wird.

Relikt des Kalten Krieges

geschrieben von Hans Canjé

9. Juli 2014

Von der schnellen Erledigung einer Petition an den Bundestag

 

Eine Erinnerung vorweg. Wir schreiben den 5. Juli 1955. Es ist der 48. Verhandlungstag im 1951 von der Bundesregierung beim Karlsruher Bundesverfassungsgericht (BVG) beantragten Verbot der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Ritter Hans von Lex (CSU), er ist Leiter der Prozessdelegation der Bundesregierung vor dem Ersten Senat des BVG, hält das Schlussplädoyer. Die KPD, so von Lex ganz alte Schule (Reichsinnenministerium), sei »eine ernste Bedrohung für unser freiheitliches demokratisches Leben«, sie ist gar, so weiter und ungerügt, ein »gefährlicher Infektionsherd im Körper unseres Volkes, der Giftstoffe in die Blutbahnen des staatlichen und gesellschaftlichen Organismus sendet.« Um die »Giftzufuhr« zu beenden, erfolgte dann am 17. August 1956 das geforderte Verbot.

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Zurück ins Heute. 19. Mai 2014. Die Vorsitzende des Petitionsausschusses des Bundestages, Kerstin Steinke (Die Linke), empfängt den Sprecher der Initiativgruppe für die Rehabilitierung der Opfer des Kalten Krieges (IROKK), Peter Dürrbeck, und Prof. Heinrich Fink, langjähriger Vorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschisten (VVN-BdA). Sie übergeben eine von rund 3000 Personen unterzeichnete und von der VVN-BdA unterstütze Petition. Der 18. Deutsche Bundestag wird aufgefordert, Schritte einzuleiten, um das KPD-Verbotsurteil aufzuheben. Es habe als Begründung für ungerechtfertigte politische Verfolgungen und Diskriminierung gedient und wirke bis heute. (Siehe dazu antifa März/April 2014) Kerstin Steinke sagte laut Presseinformation der IROKK zu, »das Anliegen im Ausschuss vorzutragen, und dafür zu plädieren, dass eine Debatte dazu im Parlament stattfindet«.

Das wäre angemessen gewesen angesichts der Auswirkungen, die das KPD-Verbot nicht nur für solche Mitglieder der Partei gehabt hatte, die das Karlsruher Urteil als Gesinnungsurteil, als Ausdruck des »paranoiden Antikommunismus« jener Jahre betrachteten. 16 politischen Sonderstrafkammern oblag es fortan, Verstöße gegen das Verbot zu ahnden. An die 250 000 Ermittlungsverfahren und etwa 10 000 Verurteilungen waren das Ergebnis.

Von der nach dem Verbot verstärkt beginnenden antikommunistischen Hexenjagd waren nicht wenige Kommunisten betroffen, die in den Jahren der faschistischen Diktatur lange Jahre in Zuchthäusern und Konzentrationslager verbringen mussten. Auch dies, so Heinrich Fink, sei Anlass für die VVN-BdA, das Anliegen der Petition zu unterstützen. Er nannte Namen: u. a. die inzwischen verstorbenen VVN-Mitglieder Karl Schabrod (Lebenslang Zuchthaus), Kurt Baumgarten (Lebenslang Zuchthaus), Martha Hadinsky (acht Jahre Zuchthaus). Wegen »Verstoßes gegen das KPD-Verbot« waren sie nach 1956 erneut verurteilt worden; damit verfiel auch der Anspruch auf die Verfolgtenrente.

Eine seriöse Auseinandersetzung des Bundestages mit der nun eingereichten Petition und eine endliche Rehabilitierung der Opfer der Politischen Justiz in den Jahren des Kalten Krieges hätte, so die Erklärung des Sprecherrates der Initiative »ein Vorteil für alle Demokratinnen und Demokraten im Lande« sein können. Hätte, wenn die Auseinandersetzung stattgefunden hätte. Mit Datum vom 22. Mai wurde dem Sprecher der IROKK in Essen mitgeteilt, dass die in der Petition vom Bundestag geforderte Überprüfung des Verbotsurteils wegen »Dreiteilung der Staatsgewalt und der Unabhängigkeit der Richter« nicht möglich sei. »Ihre Eingabe«, so informiert die teilzeitbeschäftigte Oberamtsrätin Karla Melcher, »sehe ich damit als abschließend beantwortet an (…)«.

Zehn Jahre zurück: Am 1. November 2004 teilte der Petitionsausschuss der Essener Initiative immerhin noch mit: »… der Deutsche Bundestag hat ihre Petition beraten und am 28. Oktober beschlossen: Das Petitionsverfahren abzuschließen (…) Mit dem Beschluss des Deutschen Bundestages ist das Petitionsverfahren beendet.« Damals war immerhin noch im Parlament beraten worden! Heute bürstet eine Teilzeitbeschäftigte die Petenten ab.

Die Informationen ignoriert

geschrieben von Günter Wehner

9. Juli 2014

Auf den Spuren der lange vergessenen Widerstandskämpferin Ilse Stöbe

 

Der Titel ist ein Signal, das bisher weitgehend verschwiegene antifaschistische Wirken von Ilse Stöbe im Auswärtigen Amt des NS-Regimes in der Berliner Wilhelmstraße zu würdigen. Ihr Name fehlt bis heute auf der Ehrentafel der Widerstehenden. Diesem Anliegen dient auch das umfangreiche Vorwort von Johanna Bussemer und Wolfgang Gehrke »70 Jahre verschwiegen«.

Hans Coppi/Sabine Kebir Ilse Stöbe: Wieder im Amt Eine Widerstandskämpferin in der Wilhelmstraße Mit einem Vorwort von Johanna Bussemer und Wolfgang Gehrke VSA Verlag Hamburg 2013, 213 Seiten, 16.80 Euro

Hans Coppi/Sabine Kebir
Ilse Stöbe: Wieder im Amt
Eine Widerstandskämpferin in der Wilhelmstraße
Mit einem Vorwort von Johanna Bussemer und Wolfgang Gehrke
VSA Verlag Hamburg 2013, 213 Seiten, 16.80 Euro

Hans Coppi zeichnet, gestützt auf alle ihm erreichbaren Quellen und bereits vorliegenden Publikationen, in seiner biografischen Skizze zu Ilse Stöbe ein außerordentlich lebendiges Bild der Antifaschistin nach. Einfühlsam schildert er den nicht einfachen Lebensweg der in Berlin-Lichtenberg Geborenen, die sich durch intensive Arbeit und Weiterbildung zu einer hoch qualifizierten Auslandskorrespondentin entwickelte.

Umfassend beschreibt der Autor den Weg der Antifaschistin Ilse Stöbe zur Kundschafterin für die Sowjetunion, die wichtige Informationen über die Aggressionsabsichten des NS-Regimes zusammentrug und nach Moskau übermittelte. Der Leser erfährt, dass die präzisen Fakten zum Überfall auf die Sowjetunion von Stalin bewusst ignoriert wurden.

Hans Coppi vermittelt die verzweifelte Suche nach der verloren Spur der wichtigen Quelle Ilse Stöbe mit dem Decknamen »Alta«. Er beschreibt wie dilettantisch die sowjetische Abwehr dabei vorging. Unerfahrene und mangelhaft ausgebildete Abwehroffiziere suchten in Berlin nach der Kundschafterin. Durch ihre unverzeihlichen Fehler geraten die gut getarnten und bisher nicht erkannten Widerstandskämpfer Ilse Stöbe und Rudolf von Scheliha im Herbst 1942 in die Hände der Gestapo. Beide werden nach unmenschlichen Verhören zum Tode verurteilt und am 22. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Das beharrliche Schweigen von Ilse Stöbe bei den Verhören konnte das Leben von Mitstreitern der Kundschafter, wie z. B. von Gerhard Kegel, retten.

Hans Coppi berichtet, das die Familie Stöbe vom NS-Regime ausgelöscht wurde. Dieser Fakt und das bewusste Verschweigen ihrer ignorierten Informationen sowie die Tatsache ihrer sicher ungewollten Auslieferung an die Gestapo durch die Moskauer Regierung, führten zum Vergessen der Antifaschistin.

Sabine Kebir geht unter der Überschrift »Verwischte Spuren der Widerstandskämpferin Ilse Stöbe« der unterschiedlichen Rezeption in Ost und West nach. Sie bewertet die Publikationen der unterschiedlichen Autoren und benennt neue Forschungsergebnisse.

Trotz exakter Recherchen widerspricht Sabine Kebir ihren eigenen Aussagen sowie den Darstellungen von H. Coppi, dass Ilse Stöbe in der DDR bis Ende der 1960er Jahre keine Beachtung mehr fand.

Ferner möchte der Rezensent darauf hinweisen, dass die Publikation von Gerhard Kegel »In den Stürmen unseres Jahrhunderts« nicht 1984 erschienen ist, sondern 1983. Gerhard Kegel war auch nicht Mitglied des ZK der SED, aber einige Jahre Mitarbeiter im Apparat des ZK.

Trotz dieser kritischen Hinweise ist das Buch der beiden Autoren eine verdienstvolle Leistung, die hoffentlich die unbedingt notwendige Ehrung von Ilse Stöbe beschleunigen wird.

Den Krieg herbeigepredigt

geschrieben von Heinrich Fink

9. Juli 2014

Der Erste Weltkrieg wurde von den Kirchen in Deutschland bejubelt

 

Dass deutsche evangelische und katholische Prediger den Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 geradezu bejubelten, ist heute nur schwer zu verstehen. Mit nationalem Pathos wurde die Überzeugung vertreten, dass Gott dem deutschen Kaiserhaus und dem Volk eine große Chance zu tapferer Bewährung gibt, um durch den Krieg eine Führungsrolle im christlichen Abendland zu erobern. Von einer zum Frieden verpflichtenden biblischen Botschaft war da kaum noch etwas zu hören. Dabei wäre doch der Text Lukas 9,54, als die Jünger Jesus auffordern, Feuer vom Himmel zu erbitten, damit ein ungastliches Samariterdorf bestraft würde, sehr bedenkenswert gewesen: Denn Jesus reagierte sehr ärgerlich und fragte die Jünger, ob sie denn vergessen hätten, wessen Geistes Kinder sie sind. Die Aufgabe des Messias sei nicht zu zerstören, sondern Frieden zu bringen. Aber seitdem der kriegsbegeisterte römische Kaiser ein römisches Großreich erkämpfen wollte, stellte er den bis dahin auch wegen ihrer pazifistischen Überzeugung hart verfolgten Christen in Aussicht, dass sie nach gelungener Eroberung die neue Staatsreligion werden könnten. Der Kirchenvater Laktanz, der bereits vor 313 in seinem Buch jeglichem Kriegsdienst im Namen Jesu eine öffentliche Absage erteilt hatte, reagierte prompt: In der Neuauflage fehlten alle Argumente gegen Militär und Krieg.

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Kardinal Franziskus von Bettinger, Feldprobst der bayerischen Armee, beim Besuch an der Westfront
September/Oktober 1915

Eine Legende besagt, dass dem immer noch heidnischen Kaiser Konstantin die Mutter Jesu in einer Vision gesagt habe, dass er nur im »Zeichen des Kreuzes« seinen Eroberungskrieg gewinnen würde, was auch leider geschah. Der Kaiser Konstantin habe umgehend angeordnet, auf die Uniformen »Kreuze« zu nähen. Diese Legende hat dann eine fatale Blutspur nicht nur durch das christliche Abendland gezogen. Die Kreuzzüge der Päpste und Kaiser führten bis Jerusalem. Und mit nationalem Pathos stand 1914 »Gott mit uns« als unbiblische Behauptung auf deutschen Koppelschlössern. Nur Karl Liebknecht stimmte im Reichstag unbeirrt gegen die Kriegskredite. Die Christen beider Konfessionen fühlten sich dem vaterländischen Geist und seinen wirtschaftlichen Interessen eindeutig mehr verpflichtet als den biblischen Friedensforderungen.

»Darum auf! Zu den Waffen! Jedes Schwanken, jedes Zögern wäre Verrat am Vaterlande. Wir werden uns wehren bis zum letzten Hauch von Mann und Roß. Vorwärts mit Gott, der mit uns sein wird, wie er mit den Vätern war.« Mit diesem Aufruf wandte sich Kaiser Wilhelm II. anlässlich der Mobilmachung des Deutschen Reiches am 1. August 1914 an das Volk. Dieser Ruf wurde von evangelischen und katholischen Kirchen gleichzeitig als Mobilmachung für die Erneuerung der Christenheit verstanden. Der Oberkirchenrat von Berlin stimmte dem Aufruf sofort zu: »Wir ziehen in diesen Krieg, nicht nur um unser Volk zu verteidigen, sondern für unsere deutsche Kultur, gegen die fremde Unkultur, für die deutsche Gesinnung, gegen Barbarei, für die freie an Gott gebundene Persönlichkeit. Und Gott wird mit unseren gerechten Waffen sein.« In Berlin gab es öffentliche Gottesdienste zur feierlichen Verabschiedung der Freiwilligen. In einem Festgottesdienst ruft der Domprediger Bruno Döhring den »Heiligen Krieg« aus und erklärt den Zuhörern: »Wenn wir nicht … die Nähe Gottes empfinden, der unsere Fahnen entrollt und unserem Kaiser das Schwert zum Kreuzzug, zum Heiligen Krieg in die Hand drückt, dann müssten wir zittern und zagen. Nun aber geben wir die trotzige kühne Antwort, die deutscheste von allen deutschen: Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt.«

Oberhofprediger Ernst von Dryander proklamierte im Berliner Dom zur Eröffnung des Reichstages am 4. August 1914, woher diese Freude kommt: »Gott ist mit uns! Wer mag gegen uns sein?« Die andächtig lauschenden Mitglieder des königlichen Hauses, die Heerführer und Vertreter der Reichsleitung, ja alle versammelten Volksboten bis weit in die Kreise der Linken hinein (damit meinte er die Reichstagsabgeordneten) durften demnach guten Gewissens die kriegspflichtigen Untertanen ins Gemetzel schicken.

Doch der Krieg bot nicht nur die Möglichkeit, das fünfte Gebot in diesem Verständnis sachgerecht zu erfüllen, sondern er eröffnete nach Auffassung des einflussreichen Theologieprofessors Paul Althaus für die Kirche zugleich die große Chance zur Missionierung: »… weil da unter unserer Kanzel Männer sitzen, die vielfach seit einem Jahrzehnt nicht mehr in die Kirche gegangen sind« Nach dem Kriege bereitete Althaus in seinem Buch »Staatsgedanken« (1928) auf weitere Krieg vor: »Nur der tritt in eine Zeit des Völkerfriedens wahrhaft ein, der das Ja zum Kriege im Herzen trägt.«

Es waren Karl Barth und die religiösen Sozialisten, die sich deutlich gegen dieses »deutsche Kriegslamento« wehrten und das Christentum durch diese deutsch-nationale Theologie verraten sahen. Sie wehrten sich gegen den kriegerischen Zeitgeist und Barth schreibt verbittert über den Ausverkauf der Theologie durch die Verfälschung der Botschaft vom Frieden.

Europäische Geschichtsrevision

geschrieben von Ulrich Schneider

9. Juli 2014

Ein Schulbuch über die »Schrecken des Totalitarismus«

 

Als »Plattform für das Gedächtnis und das Gewissen Europas« bezeichnet sich gegenwärtig ein »Institut für die Erforschung totalitärer Regime« mit Sitz in Prag. Ausgehend von geschichtsverfälschenden Beschlüssen des Europarates und des Europaparlaments soll von dieser Institution aus zukünftig ein Geschichtsbild im Sinne der Totalitarismustheorie etabliert werden. Dieses Anliegen, das seit vielen Jahren von der CDU und weiteren Parteien der Europäischen Volkspartei (EVP) vorangetrieben wurde, wird mit viel Geld aus den Töpfen der Europäischen Union alimentiert. Nachdem man bislang die personelle Infrastruktur aufgebaut und geschichtspolitische Konferenzen abgehalten hat, wurde Ende 2013 ein »Lesebuch für Schüler höherer Klassen überall in Europa«, editiert von Gillian Purves unter dem Titel »Damit wir nicht vergessen – Erinnerungen an den Totalitarismus in Europa« in englischer und deutscher Sprache herausgebracht, das in großer Stückzahl u.a. den sächsischen Schulen kostenfrei übergeben wurde.

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In einer Einleitung darf der Herausgeber des »Schwarzbuch Kommunismus« Stéphane Courtoise die »Erkenntnis« verbreiten, dass der Totalitarismus in Russland geboren sei. Von diesem Satz zu der extrem rechten These von Prof. Nolte, dass die Gulags die Voraussetzung für Auschwitz gewesen seien, ist es kein großer Schritt mehr. Und damit die Leser gleich wissen, wer der eigentliche Hauptfeind ist, findet sich auf den ersten Seiten eine Tabelle totalitärer und autoritärer Regime in Europa im 20. Jahrhundert. Sinnigerweise tauchen in dieser Tabelle weder Spanien, noch Portugal oder Italien auf, auch das Griechenland der Obristen-Herrschaft fehlt. Selbst Bulgarien wird erst ab 1941 aufgenommen. Dafür finden sich darin die baltischen Staaten, Polen und selbst die Ukraine als unter »kommunistischer Besetzung« wieder.

Der Aufbau des Buches, das grafisch sehr aufwändig gestaltet wurde, ist einheitlich dergestalt, dass am Beispiel von dreißig Persönlichkeiten Widerstand und nichtkonformes Verhalten nachgezeichnet werden soll. Dabei ist die Auswahl der Biographien bereits Programm. Für Ungarn beispielsweise stehen zwei Personen, die nur als »Freiheitskämpfer« gegen den Kommunismus galten. Widerstand gegen das Horthy-Regime kommt dagegen nicht vor. Für Polen wurden zwei Biographien von Kämpfern der »Heimatarmee« ausgewählt, die in der Zeit des Bürgerkrieges wegen Spionage bzw. Hochverrat verurteilt wurden. Mit Blick auf die Zielgruppe sächsischer Schulen wurde auch ein Porträt der Ärztin Margarete Blank in der Sammlung aufgenommen. Damit aber kein falsches Bild entsteht, heißt es extra in der Kurzbiographie, die SED habe Margarete Blank zu einer antifaschistischen Widerstandskämpferin stilisiert, »die sie nicht war. Sie war ein unabhängiger Mensch mit einer zutiefst humanen Grundeinstellung.« Wer behauptet, dass Antifaschist zu sein und eine zutiefst humane Grundeinstellung zu besitzen ein Widerspruch sei, macht deutlich, dass er ähnlich dem sächsischen Landesamt für Verfassungsschutz den Begriff des Antifaschismus als denunziatorischen Kampfbegriff missbrauchen will. Und damit wird auch das Andenken z.B. einer Margarete Blank missbraucht.

Ergänzt werden die biographischen Texte durch kurze Einführungen zu den dargestellten Ländern und erläuternden Infokästen, die Begriffe klären sollen. Auch in diesen Teilen wird deutlich, wie durch Weglassen und Schwerpunktverschiebungen Verfälschung von Geschichte stattfindet. Auf einer beiliegenden DVD finden sich zusätzliche audiovisuelle Materialien, so dass mit diesem Buch im Unterricht gearbeitet werden kann. Denn genau auf diesen Einsatz zielt das Material. Es solle helfen, »über den Schrecken des Totalitarismus zu unterrichten«. Angesichts der gegenwärtigen Situation in der Lehrerausbildung, der fehlenden Mittel für angemessene Lehrbücher und dem ideologischen Druck auf die Lehrkräfte in den Schulen steht zu befürchten, dass dieser Ansatz zur Geschichtsrevision nicht ohne Wirkung bleibt.

Jahrhundert der Vertreibung

geschrieben von Axel Holz

9. Juli 2014

Rückblick mit Bezügen auf Gegenwart und Zukunft

 

Das vergangene Jahrhundert wurde durch die Zwangsumsiedlung, Flucht und Vertreibung von 80 Millionen Menschen begleitet. Der polnische Historiker Jan M. Piskorski, Sohn eines Widerstandskämpfers und Professor für vergleichende Geschichte an der Universität Szczecin, liefert ein überfälliges Buch ab, das nicht aufrechnet, sondern aufklärt. Er trug damit auch kritisch zur Debatte um das Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin bei.

Das 20. Jahrhundert wird gelegentlich als Zeitalter der Vertreibungen bezeichnet. Durch Europa strömten bereits um den Ersten Weltkrieg herum Menschen, die vor ethnischen Verfolgungen flohen. Am Ende des Jahrhunderts wurden Zwangsmigrationen durch den Konflikt im ehemaligen Jugoslawien ausgelöst, der ethnische Probleme offenbart und zugleich im strategischen Fokus der Großmächte steht. Piskorski legt mit seinem preisgekrönten und auf breiter Quellen- und Literaturbasis geschriebenen Buch die erste europäische Geschichte der Vertreibungen im 20 Jahrhundert vor. Er spricht vom Exodus der Serben 1915, von den sowjetischen Deportationen der 1930er- und 1940er-Jahre, den Vertreibungen der Polen und Deutschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, von der Evakuierung von Kindern aus dem von Bombenangriffen bedrohten London, von der Flucht der Italiener aus Istrien nach dem Krieg und schließlich vom Zerfall Jugoslawiens am Ende des 20. Jahrhunderts.

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Entstanden ist ein engagiertes, informatives und auch provokantes Buch, das einen reichen Fundus an Faktenwissen verarbeitet und zeigt, wie Kriege und gewaltsame Konflikte stringent durch die Vertreibung und Entwurzelung von Menschen begleitet werden. Das trifft für die gesamte Weltgeschichte zu, häuft sich aber in seinem Umfang in den ethnischen, sozialen und politischen Konflikten des 20. Jahrhunderts besonders. Piskorski beschreibt eindrücklich die immer gleichen Szenen in den Erinnerungen der Flüchtlinge in Kriegszeiten: »Angst, seelenlose Gewalt, das Gefühl von Verlorensein und Vereinsamung, Revisionen und Razzien, Durst und Hunger, Kälte oder Hitze je nach Jahreszeit und Klimazone, Viehwaggons und Frachtschiffe, schließlich der Tod, der immer größere Ernte hält, zunächst unter den Schwächsten – Kindern und Greisen.« Vertriebene »sterben still in Straßengräben, überfüllten Waggons, Eisenbahnunterführungen, Übergangs- und Internierungslagern – sie sterben unterwegs«, heißt es bei Piskorski.

Die Übergänge von der Zwangsvertreibung zur sogenannten freiwilligen Auswanderung sind fließend und werden durch die Globalisierung der Prozesse in der Welt weiter verschwimmen. Ab dem19. Jahrhundert waren in knapp 100 Jahren 50 Millionen Menschen aus Europa nach Amerika ausgereist. Nicht alle waren freiwillig gegangen. Viele flohen vor Hungersnot, Perspektivlosigkeit und Armut oder wurden Opfer von profitsüchtigen Schleppern, wie heute noch weltweit. Neu ist im 20. Jahrhundert das Ausmaß von Fluchtbewegungen, Zwangsumsiedlungen und Vertreibungen in Folge nationaler oder ethnischer Konflikte, als Begleiterscheinung von regionale Konflikten und zwei Weltkriegen. Zu den imperialen Interessen gesellen sich rassistische, nationalistische und ideologische Motive. Piskorski schildert die verschiedenen Verfahren zur vermeintlichen »Homogenisierung der Gesellschaft« und streut gelegentlich seine eigene Familiengeschichte ein. Piskorskis Buch »Die Verjagten« ist zugleich eine Mahnung, sich von nationalistischen Tönen und rassistischen Vorurteilen endgültig zu trennen. Laut UN-Flüchtlingshilfe sind 2014 weltweit über 45 Millionen Menschen auf der Flucht, mit steigender Tendenz. Das Buch »Die Verjagten« ist auch ein Versuch, den Europäern über die eigenen Vertreibungsgeschichten die Dimensionen des Themas wieder bewusst zu machen.

Sich fügen heißt lügen

geschrieben von Janka Kluge

9. Juli 2014

Zur Erinnerung an Erich Mühsam, der vor 80 Jahren ermordet wurde

 

Erich Mühsam wurde am 6. April 1878 in Berlin geboren. Nach wenigen Jahren zog seine Familie nach Lübeck, wo er seine Jugend verbracht hat. Im Buddenbroockhaus, dem Museum für Heinrich und Thomas Mann in Lübeck, wurde deshalb ein Zimmer zur Erinnerung an Erich Mühsam eingerichtet.

Kurz vor dem ersten Weltkrieg veröffentlichte Erich Mühsam einen Artikel über die Militarisierung und Aufrüstung Deutschlands. Er hat bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt:

»Seit der Kapitalismus die Welt beherrscht ist noch fast jeder Krieg vom Reichen gegen den Armen geführt worden. Der Große saugt dem Kleinen das Blut aus. Es ist mit den Staaten wie den Einzelnen. Die Mehranhäufung wird von keinem Bedürfnis bestimmt, sondern ist Selbstzweck wie die Ansammlung von Kapitalien, deren Ertrag niemand zunutze kommt, für die modernen Geldmagnaten Selbstzweck ist. Die Machtanhäufung der Staaten aber, um derentwillen Kriege geführt werden, ist in Wahrheit Kapitalanhäufung bei einzelnen Kapitalisten.«

1918 wurde Erich Mühsam verhaftet, weil er sich trotz eines Verbots politisch betätigt hatte und sich weigerte, an »Vaterländischen Hilfsdiensten« teilzunehmen, Er bekam sechs Monate Festungshaft.

Während der Novemberrevolution 1919 wurde Erich Mühsam Mitglied im Revolutionären Arbeiterrat. Nach der Zerschlagung der Räterepublik in Bayern durch Reichswehr und rechtsradikale Freikorps wurde erneut verhaftet und nunmehr zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt. Nach fünf Jahren kam Erich Mühsam allerdings gemeinsam mit einigen Aktivisten der Münchner Räterepublik wieder frei. Sie profitierten von einer Amnestie, die eigentlich Hitler gegolten hatte. Während der Haft war Erich Mühsam von der Roten Hilfe unterstützt worden. Er war so froh über diese Hilfe, dass er kurz nach seiner Entlassung auf vielen Veranstaltungen als Redner für die Rote Hilfe auftrat. Ihm schwebte eine partei- und strömungsübergreifende Hilfsorganisation für politische Häftlinge vor. Als die Rote Hilfe jedoch offen für die »Rote Fahne« warb, ist Erich Mühsam ausgetreten. Er hatte noch einen anderen Konflikt mit der Roten Hilfe. In Reden und Artikeln forderte er immer wieder die Freilassung der politischen Gefangenen in der Sowjetunion.

Als bekannter Gegner der Nazis und engagierter Kriegsgegner wurde Erich Mühsam noch in der Nacht nach dem Reichstagsbrand verhaftet. Seine Koffer für die Flucht waren bereits gepackt, als die Kriminalpolizei ihn holte. Am 10. Juli 1934 wurde Erich Mühsam von Mitgliedern der SS im Konzentrationslager Oranienburg ermordet. Seine Witwe schildert in einem Brief vom 23.8.1934 seine letzten Tage:

»Laut wahrhaftigem Bericht ist der Todestag von Erich 9. Auf den 10. Juli. Der Rottenführer Eradt sagte am Montagmorgen zu Erich: `Wie lange gedenken Sie noch auf der Erde herumzuwandeln?´ Hierauf Erich: `Noch sehr lange.´ Dann sagte dieser Rottenführer Eradt: Wir raten Ihnen sich innerhalb von drei Tagen aufzuhängen, sonst helfen wir Ihnen nach.` Erich ging runter und sagte dies seinen Kameraden. Er verschenkte alle die Lebensmittel, die ich ihm mitgebracht hatte usw., und sagte wörtlich: `Kameraden meinen eigenen Henker mache ich nicht!´ Er musste den ganzen Tag noch die SS-Uniformen putzen. Am Abend um 7 Uhr wurde er herausgerufen. Sämtliche Gefangenen mussten früher zu Bett, auch die fünf oder sechs Gehilfen, die sonst mit Aufräumarbeiten beschäftigt waren, wurden nicht mehr abgezählt vor dem Einschlafen, was sonst immer war. Die Genossen wussten, Mühsam fehlt. Viele legten sich auf die Lauer und hörten nichts. In der Frühe, um dreiviertel fünf wie immer, kam der SS-Mann Himmelstoß, der von den Gefangenen so genannt wurde, und zählte die Gefangenen. Da sagte einer: `Mühsam fehlt.´ Da ging er hinaus und sagte kein Wort. Wie die ersten Gefangenen auf das Klosett gingen, fanden sie dort Erich mit einer Wäscheleine aufgehängt. Technisch war der Strick so angemacht, dass der Erich in seiner Ungeschicklichkeit niemals da hätte heraufklettern können. Sein Gesicht war vollkommen ruhig und schön und die Hände gar nicht verkrampft, ganz schön glatt.«

Es ist gut, dass aus Anlass seines Todestages an vielen Orten Deutschlands an Erich Mühsam, den unbeugsamen Anarchisten und Antifaschisten, den scharfzüngigen Dichter und Journalisten erinnert wird.

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