Gegen die Ungerechtigkeit

geschrieben von Janka Kluge

12. November 2014

Vor zehn Jahren starb der antifaschistische Autor Stieg Larsson

 

Die Krimis der Millennium-Trilogie (Verblendung- Verdammnis- Vergebung) von Stieg Larsson haben weltweit riesige Auflagen erreicht. Bis Ende 2013 wurden über 67 Millionen Exemplare verkauft, dazu kommen noch die erfolgreichen Verfilmungen. Doch trotz dieses Erfolgs kennt kaum jemand die Geschichte ihres Autors, des überzeugten Antifaschisten Stieg Larsson. Um nicht mit dem gleichnamigen Regisseur verwechselt zu werden, schrieb er seinen Vornamen schon sehr früh mit einem zusätzlichen »e«. Er starb vor zehn Jahren am 9. November 2004 in Stockholm an einem Herzinfarkt.

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Am 15 August 1954 wurde er unter dem Namen Karl Stig-Erland Larsson in einer nordschwedischen Kleinstadt geboren. Da seine Eltern bei seiner Geburt beide erst 19 Jahre alt waren, brachten sie den Jungen zu den Großeltern. Die ersten neun Jahre verbrachte er dort. Sein Großvater hat ihn stark geprägt. Er war Kommunist und überzeugter Antifaschist. Als der Großvater starb, kam er zurück zu seinen Eltern.

Sein Freund Kurdo Baski schildert in seiner Biographie, wie er mit 14 Jahren hilflos zusehen musste, wie Freunde von ihm ein Mädchen vergewaltigten. Dieses Erlebnis, besonders das Gefühl der eigenen Hilflosigkeit, habe ihn dazu gebracht, Ungerechtigkeit nicht mehr hinzunehmen.

Der Vietnamkrieg brachte ihm zum Journalismus. Er kündigte seine Stelle bei der Post und gab ein politisches Magazin heraus. In seinen Artikeln schrieb er über den amerikanischen Imperialismus und den Vietnamkrieg. Stieg Larsson begann sich ab Mitte der siebziger Jahre für den Befreiungskampf in Afrika zu interessieren. Er reiste 1977 in die äthiopische Provinz Eritrea und schloss sich der marxistischen Guerilla an, die für ein eigenständiges Eritrea kämpfte. In einem Ausbildungslager unterrichtete er den Umgang mit Granatwerfern, den er in der schwedischen Armee gelernt hat. Auch später noch zeigte er sich beeindruckt von den vielen Frauen, die in der Guerilla gekämpft hatten.

1979 bekam er eine Stelle bei der schwedischen Nachrichtenagentur Tidningarnas Telegrambyrà (TT). Er arbeitete dort die nächsten 19 Jahre in der Grafikabteilung, verfasste in dieser Zeit aber auch immer wieder Artikel und Buchbesprechungen.

Als in den achtziger Jahren Neonazis in Schweden immer offener auftraten, begann Stieg Larsson sich verstärkt ihnen zu beschäftigen. Ab 1982 wurde er Korrespondent der antifaschistischen englischen Zeitschrift »Searchlight« für Schweden. Nachdem Stieg Larsson zusammen mit der Journalistin Anna-Lena Lodenius ein Buch über schwedische Nazis veröffentlicht hatte, wurden beide bedroht. In einem Nazi-Blatt wurden ihre Adressen und Telefonnummern veröffentlicht. Den Angaben war ein Aufruf zu Gewalt gegen sie angefügt. Er gipfelte in dem Satz »ob er weiterhin seine Arbeit fortsetzen dürfe, oder etwas unternommen werden müsse«. Seine langjährige Lebensgefährtin, Eva Gabriels, berichtete, dass es über die Jahre noch viele Morddrohungen gegen Stieg gab.

Doch Stieg Larsson ließ sich nicht einschüchtern. 1995 gründete er zusammen mit anderen die antirassistisch-antifaschistische Zeitung »Expo« und später die gleichnamige Stiftung. Bis zu seinem Tod war er Herausgeber der Zeitung.

Stieg Larsson war schon in den neunziger Jahren von der Idee begeistert, durch Krimis ein Gesellschaftsbild des modernen Schweden zu gestalten. Es dauerte jedoch noch einige Jahre, bis er begann die Millennium-Trilogie zu schreiben. Deren Hauptpersonen sind Mikael Blomkvist, ein schwedischer Enthüllungsjournalist, und Lisbeth Salander. Sie ist eine begnadete Hackerin und hilft Blomkvist immer wieder, wenn er nicht weiter kommt. Zusammen kämpfen sie für eine bessere Welt. Stieg Larsson nimmt in diesen Krimis eine Tradition auf, die bereits von den beiden Krimiautoren Maj Sjöwall und Per Wallhöö begonnen wurde. Larsson beschreibt Schweden als Land, in dem sich Nazis ungestört organisieren können, alte Naziseilschaften betreiben nach wie vor ihre Hetze und unterstützen die jungen Kameraden. Rassismus ist alltäglicher Bestandteil der schwedischen Gesellschaft. Er zeichnet ein skeptisches Bild, weit entfernt von der Einstellung, dass es in Schweden keine Gewaltverbrecher und kriminellen Machenschaften gibt.

Eigentlich hatte Stieg Larsson zehn Krimis schreiben wollen. Durch seinen frühen Tod kam er leider nicht mehr dazu. Selbst den Erfolg der ersten drei hat er nicht mehr erlebt. Seine ehemalige Lebensgefährtin hat noch die Entwürfe weiterer Krimis auf ihrem Computer, weigert sich aber, sie zur Verfügung zu stellen, nachdem ihr der Vater und der Bruder von Stieg Larsson von den Millionengewinnen der Bücher nichts abgeben wollten. Im Testament von Stieg Larsson, das Eva Gabrielsson, in seinen Unterlagen gefunden hat, hatte er geschrieben: »Ich bin ja kaum ein reicher Mann, aber mein Vermögen in reinem Geld (und in dem Punkt bin ich sehr bestimmt) soll der Ortsgruppe Umcà des Kommunisten Arbeiterbunds zufallen.«

Die Kunst des Erinnerns

geschrieben von Thomas Willms

12. November 2014

Patrick Modiano erhielt den Literatur-Nobelpreis

 

Am Abend des 9. Oktober konnte man endlich einmal zu einer 99,9%-Mehrheit in Deutschland gehören: Der soeben als Literatur-Nobelpreisträger ausgerufene Patrick Modiano war einem vollkommen unbekannt. Rasch stellte sich heraus, dass dies außerdem aus antifaschistischer Sicht eine erschreckende Bildungslücke ist.

In Frankreich sehr bekannt, hat Modiano sich seit Jahrzehnten kritisch mit der Okkupationszeit und dem französischen Antisemitismus auseinandergesetzt. In der Begründung des Nobelpreiskomitees heißt es denn auch: »Für die Kunst des Erinnerns, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen und die Lebenswelt während der (deutschen) Besatzung sichtbar gemacht hat.«

Patrick Modiano: L’herbe des nuits, 168 Seiten, 7,78 Euro, demnächst auf deutsch: Gräser der Nacht, 192 Seiten, 18,90 Euro

Patrick Modiano: L’herbe des nuits, 168 Seiten, 7,78 Euro, demnächst auf deutsch: Gräser der Nacht, 192 Seiten, 18,90 Euro

Modiano wurde 1945 als Kind einer flämischen Schauspielerin und eines französischen Juden, der den Krieg als Schwarzmarkthändler überlebt hatte, geboren. Deren Beziehung ging katastrophal schief, die Kinder landeten in den trostlosen Kinderheimen der 1950er Jahre. Neugierig, innovativ und tapfer hat er diesen persönlichen Ballast in zahlreichen Romanen verarbeitet.

Doch mit welchem anfangen? Sein erstes Buch »La place de l’étoile« von 1968 schockt den Leser gleich zu Anfang mit einem seitenlangen Ausbruch antisemitischer Halbsätze – lieber wieder zuklappen, auch wenn das sicher kritisch gemeint ist. Die Kulturmagazine empfehlen zum Einstieg »Dora Bruder« von 1998, in dem Modiano die Geschichte eines Pariser jüdischen Mädchens bis nach Auschwitz rekonstruiert hat – auch das lieber jetzt nicht.

Also dann das vorletzte und nicht von vornherein politische Buch »L’herbe des nuits«, das der Hanser-Verlag nun im November vorzeitig als »Gräser der Nacht« auf den Markt werfen wird. Und Modiano verzaubert tatsächlich gleich. Stilistisch beeinflusst vom Noveau Roman, aber ohne exzentrische Übertreibungen, taucht man ein in den Gedankenstrom des männlichen Ich-Erzählers. Er beschäftigt sich mit einem jahrzehntealten schwarzen Notizbuch voller Namen, Daten und Zeitungsschnipsel und lässt sich treiben, um merkwürdige Vorkommnisse im Paris der 1960er Jahren zu rekonstruieren. Hier ist alles zunächst denkbar vage: Personen, ihre Beschäftigungen, ihre Verhältnisse. Man ahnt mehr als man weiß, dass der Ich-Erzähler Kontakte zu einem kriminellen oder geheimdienstlichen Netzwerk hatte, bzw. zu einer Frau, die diesem angehörte. Erklärungen werden gefunden und wieder verworfen, banale Antworten auf scheinbar schwierige Fragen gefunden. Die Überreste des Krieges tauchen auf: übriggebliebene Verdunkelungsvorhänge im Hotelzimmer, Gesprächsfetzen über die Befreiung. Alles geschieht auf Straßen und in Hotels und Cafés, Durchgangsstätten, die kein Heimatgefühl aufkommen lassen. Vorhänge werden geschlossen, Lichter angelassen, man schaut durch Fenster und »trifft sich« dauernd ohne dass Fragen beantwortet werden. Die soziale Unbehaustheit kontrastiert mit dem einzig Sicheren, den Straßen und Gebäuden von Paris, durch die der Leser geführt wird. Es ist sowohl das Paris von damals und das von heute, wobei die Sympathien eher dem alten gelten.

Eine »pèlerinage«, wörtlich »Wallfahrt«, wie Erinnerungsaktivitäten in Frankreich gerne genannt werden, ist all das aber gerade nicht. Die scheinbare Sicherheit und Konkretheit auch der schriftlichen Aufzeichnungen – des »schwarzen Heftes« – werden hinterfragt. Man fühlt sich an Jorge Semprun erinnert. Der hatte in verschachtelten Erinnerungsebenen an KZ und Illegalität präzise verschiedene »Selbst« herausgearbeitet, das von 1945, das von 1967 usw..

Auch Modiano inspiziert ein anderes »Ich-Selbst«, das »immer noch alterslos in der Gegend herumsteht« und »dieselben Gesten ausführt«. Aber Modiano ist sich weniger sicher als Semprun, wann er wie was gesehen, empfunden und interpretiert hat. Der Ich-Erzähler fragt sich, ob er seine alte Liebe – wenn sie es denn war – wirklich widersehen will. Der Autor Modiano – eher etwas für Melancholiker.

Gedanken zu Hans Lebrecht

12. November 2014

Von Moshe Zuckermann

 

Als im 19. Jahrhundert das von Nichtjuden geschaffene »jüdische Problem« den Juden zur Lösung vorgelegt wurde, entfalteten sich drei Strategien der Auseinandersetzung mit diesem für sie fremdbestimmten Ärgernis. Assimiliation war eine anvisierte Möglichkeit, der zufolge Juden sich in die sich heranbildende bürgerliche Gesellschaft ihres jeweiligen Residenzlandes integrieren sollten. Sozialismus begriff man als die Möglichkeit, die Emanzipation der Juden durch die allgemeine gesellschaftliche Befreiung des Menschen zu verwirklichen. Den Zionismus sah man als die herangereifte politische Möglichkeit einer nationalen Befreiung der dem modernen europäischen Antisemitismus zunehmend ausgesetzten Juden. Von selbst versteht sich, dass der Zionismus der Assimilation diametral entgegengestellt war. Er mochte sich hingegen dem Sozialismus verschwistern, beschritt aber letztlich doch den historischen Weg, der nicht nur den Sozialismus aus sich real ausmerzte, sondern auch erweisen sollte, dass er im Wesen mit dem universellen Befreiungsgedanken des Sozialismus unvereinbar ist. Konnte also ein Jude sich in seinem Leben sowohl einer Dimension der Assimilation, einem bestimmten Begriff des Zionismus und zugleich (und vor allem) dem Sozialismus, dem Kommunismus verpflichtet wissen?

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Hans Lebrecht war ein solcher Jude, wobei man sein Leben in den unterschiedlichen Wirksphären aus der Dynamik seiner Biographie begreifen muss. Er wurde von Deutschland verstoßen; dafür hatten die Nazis gesorgt. Und doch war er kulturell assimiliert genug, um Deutschland nicht (wie viele aus Deutschland nach Palästina vertriebenen Juden) den Rücken zu kehren. Er war auch Zionist genug, um – freilich notgedrungen – nach Palästina auszuwandern und sich dann in Israel nicht zuletzt beruflich (als Journalist) niederzulassen. Bei alledem war er aber gesinnungsmäßig primär aktiver Kommunist, und zwar in einem Land, das die Kommunisten aus der politisch etablierten Sphäre zu exkludieren pflegte (und noch immer pflegt): in Israel. Der Grund dafür lag nicht zuletzt darin, dass die Kommunistische Partei Israels die einzige in diesem Land war, die sich als Partei von gleichberechtigten israelischen Arabern und Juden verstand, eine Partei, die über Jahrzehnte zudem als erste die Errichtung eines souveränen palästinensischen Staates zum Ziel hatte und politisch vorantrieb. Dieses Ziel ist es auch, was Hans Lebrecht zum Mitglied von Uri Avnerys Gush Shalom hat werden lassen, der bedeutendsten aller außerparlamentarischen Organisationen und Bewegungen Israels, die die Versöhnung von Palästinensern und Israelis sowie den politischen Frieden zwischen ihnen zum Ziel hat.

Und es ist dies, was den Antifaschisten, den Widerstandskämpfer, kommunistischen Genossen und Friedensaktivisten Hans Lebrecht auch auf einer anderen Ebene zum paradigmatischen Vertreter eines anderen Judentums hat werden lassen – eines humanistischen Judentums, das die zionistische Unterdrückung eines anderen Volkes, den dieser innewohnenden Rassismus und die damit einhergehende Dehumanisierung des unsäglichen historischen Konflikts zwischen beiden Völkern grundsätzlich und unerbittlich bekämpft. Er war Jude genug, um sich nicht im selbstaufgebenden Sinn zu assimilieren; er war gleichwohl auch Jude genug, um sich nicht dem Irrweg des Zionismus, der das geworden ist, was sich im Nahostkonflikt manifestiert, zu verschreiben. Ein Judentum war es zudem, dem der Sozialismus Perspektive künftiger menschlicher Befreiung blieb. Ein leider zunehmend aussterbendes Judentum.

»Symphonia Rromani«

geschrieben von Renate Hennecke

11. November 2014

Wie die Geschichte des Hugo Höllenreiner vertont wurde

 

Hugo Höllenreiner – wer einmal seine Geschichte gehört hat, wird es nie vergessen. Es ist die Geschichte eines Sinto-Jungen aus München, der als Neunjähriger mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert wurde, dort dem KZ-Arzt Josef Mengele in die Hände fiel, Unvorstellbares, Unsagbares durchlebte, überlebte. Auf seine Frage nach dem Warum – »wir haben doch nichts getan!« – antwortete der Vater: »Weil wir Sinti sind.« So einfach, so außerhalb menschlicher Ordnung war das.

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Nach einer Odyssee durch mehrere Lager nach München zurückgekehrt, erfährt Hugo, jetzt zwölf Jahre alt, dass Sinti auch weiterhin aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Er schafft es trotz allem, eine Familie zu gründen, zu leben, freundlich zu sein. Nach Jahrzehnten wird er gefragt und beginnt zu erzählen. Die Erinnerung schmerzt noch immer fast unerträglich, aber Hugo redet nun davon. Vor Schulklassen, bei Veranstaltungen und Gedenkfeiern – ohne Hass, ohne Anklage, nur »damit so etwas nie wieder passiert«. 2008 spricht er beim Gedenken an den Jahrestag der Liquidierung des so genannten Zigeunerlagers in Auschwitz-Birkenau. Sechsunddreißig Mitglieder seiner Familie wurden dort ermordet.

Unter den Teilnehmern an der Gedenkfeier sind Iovanca und Iosif Gaspar, Roma aus Rumänien, die in Wien leben. Sie sind 1996 dorthin gezogen, um ihrem Sohn Adrian, der schon als kleines Kind eine ungewöhnliche musikalische Begabung zeigte, eine optimale Ausbildung zu ermöglichen. Jetzt, 2008, ist Adrian 21 Jahre alt und bereits ein international bekannter und vielfach ausgezeichneter Pianist und Komponist.

Über die Verbrechen der Nazis an den »Zigeunern« hat Adrian in der Schule gehört, aber es ist ihm Schulwissen geblieben. Die Berichte der Eltern über ihre Begegnung mit Hugo Höllenreiner sind etwas Reales, sie wecken Gefühle, die er in seiner Sprache ausdrücken möchte: der Musik.

Zwei Jahre zuvor, noch als Schüler des Wiener Musikgymnasiums, hat er bei einer Aufführung des Oratoriums »Belshazzar’s Feast« des britischen Komponisten William Walton im Chor mitgesungen. Dem Werk liegt die biblische Geschichte der Unterdrückung der Juden im Exil und ihrer Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft zugrunde. So ein großes Werk müsste es sein.

Im November 2008 besucht Adrian Gaspar Hugo Höllenreiner in dessen heutigem Heimatort Ingolstadt. Später reisen sie gemeinsam nach Auschwitz, Hugo zeigt Adrian, wo sich »das alles« abspielte. Am 29. September 2010 wird im Kulturzentrum von Eisenstadt im österreichischen Burgenland die »Symphonia Rromani – Bari Duk/Großer Schmerz« uraufgeführt.

Iovanca Gaspar, Adrians Mutter, ist seit 2005 beim Wiener Magistrat im Bereich »Integration und Diversität« für Roma und Sinti zuständig. Als erste Romni hat sie 2009 an der Wiener Universität ihr Magisterexamen in Soziologie abgelegt. Ihre Magisterarbeit heißt: »Der Schlüssel zur Integration – Roma des 21. Jahrhunderts in Wien«; man kann sie im Internet abrufen. Integration heißt für sie: Chancen zu geben, zu bekommen und zu nutzen. Sie selbst hat entmutigende Zurücksetzung schon in der Schule erfahren. Aber sie hat sich durchgebissen und hartnäckig dafür gesorgt, dass auch ihr Sohn seine Chance bekam.

Die Entstehung der »Symphonia Rromani« hat sie mit der Filmkamera begleitet. »Dui Rroma« (»Zwei Roma«) heißt der tief berührende Dokumentarfilm darüber. Im Zug nach Polen und in der Gedenkstätte von Auschwitz berichtet Hugo dem jungen Komponisten, was er dort erlebt und erlitten hat. Im Wechsel damit wird man Zeuge der Aufführung des daraus entstandenen Werkes, interpretiert von dem Sänger Theodore Cortesi, dem Orchester »Filarmonia Mihail Jora« und dem Chor »Corul Armonia«, alle aus Rumänien. Gesprochen und gesungen wird in Romanes, der Muttersprache der beiden Hauptprotagonisten. Bei den Untertiteln kann man zwischen fünf Sprachen wählen.

»Mir war klar,« sagt Adrian, »dass ich damit viele Menschen ansprechen und sie aufmerksam machen kann, was in der Geschichte der Sinti und Roma geschah.« Das ist die eine Seite. Die andere nennt Iovanca: »Wenn man heute Roma sagt, denkt jeder an arm und dreckig. Ich wollte zeigen, was für eine reiche Kultur und was für Menschen wir haben, die man nicht mehr vergisst.«

Mehr als ein Gedenkort

geschrieben von Erika Schwarz und Simone Steppan

6. November 2014

Zur künstlerischen Gestaltung der Mahn-und Gedenkstätte Ravensbrück

 

Vor 55 Jahren wurde die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück eingeweiht. Sie ist noch heute ein Zeugnis für Geschichts- und Traditionsverständnis, für die politische Kultur in der SBZ/DDR und ihre Gestaltung. Die Entstehungsgeschichte der Stätte in den Jahren von der Befreiung des größten Frauen-Konzentrationslagers des Dritten Reiches am 30. April 1945 bis zu ihrer Eröffnung am 12. September 1959 weist drei Etappen auf. Die erste von 1945 bis 1948 war durch den fortschreitenden Verfall des nicht von sowjetischen Truppen besetzten kleinen Areals vor der Lagermauer, der einstigen Haftstätte am Ufer des Schwedtsees gekennzeichnet. Der größte Teil des Geländes und seiner Baulichkeiten diente jedoch von 1945 an bis 1993 der Roten Armee.

Die zweite Etappe begann 1948 mit der Errichtung einer einfachen Gedächtnisstätte. Pläne sahen vor, das geschaffene »Provisorium« zu einem würdigen Gedenkort umzugestalten. Charakteristisch für die dritte Etappe von 1953 bis 1959 war die Erarbeitung und Verwirklichung eines unter zentraler staatlicher Leitung entstandenen Konzepts. Im Unterschied zu den früh geschaffenen Gedenkstätten in der BRD, die vorwiegend aus Grabmalen bestanden und erst später zu Museen gestaltet und durch Baulichkeiten ergänzt wurden, entschloss man sich in Ravensbrück ebenso wie in Buchenwald und Sachsenhausen, deren Gedenkstätten 1958 bzw. 1961 eröffnet wurden, für eine dominierende künstlerische Prägung. Es sollte mehr entstehen als nur ein Platz der Totenehrung. Bereits die Benennung der Gedenkstätte bezog die Mahnung für die Überlebenden und Nachkommenden ein.

Das Wirken der Künstler, die vor 55 Jahren mit ihren Arbeiten dem Ort eine bleibende Gestalt gaben, ein Äußeres, das dominierend blieb auch als sich die Gedenkanlage so weit ausdehnte, dass sie heute nahezu das gesamte ehemalige KZ-Gelände umfasst, verdient an diesem Jahrestag eine Erinnerung. Das Gremium setzte sich aus jungen, engagierten Menschen zusammen, die erst wenige Jahre zuvor ihr Studium beendet hatten. Zu ihnen gehörten u. a. die Architekten Ludwig Deiters, zu diesem Zeitpunkt 32 Jahre alt, Horst Kutzat (30), Kurt Tausendschön (27) sowie die Landschaftsgestalter Hubert Matthes (29) und Hugo Namslauer (31). Sie begannen mit den Entwürfen für den Aufbau der Gedenkstätte auf dem Ettersberg. Während eines Treffens ehemaliger Häftlinge im April 1955 stellte dann das »Buchenwaldkollektiv«, so die Bezeichnung der Gruppe, in der Stadt Fürstenberg auch seine Entwürfe für Ravensbrück vor. Darauf folgte die Hinzuziehung weiterer Künstler. Zu ihnen gehörte die Schriftstellerin Anna Seghers. Von ihr stammen jene beiden Sätze, die 1949 in deutscher, französischer und russischer Sprache auf Tafeln an der Lagermauer von Ravensbrück zu lesen waren: »Sie sind unser aller Mütter und Schwestern. Ihr könntet heute weder frei lernen, noch spielen, ja, Ihr wäret vielleicht gar nicht geboren, wenn solche Frauen nicht ihre zarten schmächtigen Körper wie stählerne Schutzschilder durch die ganze Zeit des faschistischen Terrors vor Euch und Eure Zukunft gestellt hätten«. Auf Vorschlag des Buchenwaldkollektivs wurde der Spruch in eine Stele am Eingang des künftigen Gedenkortes gemeißelt. Verwendet wurde dafür das Schriftbild des international bekannten Kunstschmieds Fritz Kühn (1910-1967), das er vordem schon für die Namensnennung der 20 Nationen an der Lagermauer entworfen und hergestellt hatte. Seiner Werkstatt in Berlin-Grünau entstammten auch weitere Elemente der Ravensbrücker Anlage, so die kupferne Feuerschale mit Stahlbock, die Treppen- und Podiumsgitter sowie die Brüstungsgitter am und im Museum, das im Zellenbau, dem KZ-Gefängnis, eingerichtet werden sollte, sowie drei Tore für das ehemalige und erhalten gebliebene Krematorium.

An den künstlerischen Arbeiten war auch der Bildhauer Will Lammert beteiligt, der, von den Faschisten verfolgt und emigriert, erst Ende Dezember 1951 aus dem Exil zurückgekehrt war. Er beabsichtigte, in das Zentrum des künftigen Gedenkortes eine Figurengruppe zu stellen, aus der eine lebensgroße Frauengestalt herausragen sollte Doch hat er, der seine Entwürfe immer wieder mit ehemaligen Häftlingen besprach, deren Verwirklichung nicht erlebt. Nach seinem unerwarteten Tod am 30. Oktober 1957, er wurde 65 Jahre alt, verpflichtete das Ministerium für Kultur die Bildhauer Hans Kies und Gerhard Thieme unter Anleitung von Fritz Cremer (1906-1993), einem Schüler Lammerts, die Arbeiten des Verstorbenen zu beenden. Das Ergebnis ihrer Arbeit, die vier Meter hohe Plastik, »Die Tragende«, errichtet auf einer in den Schwedtsee hineingesetzten »Insel« gilt den Besuchern noch heute als Symbol von Ravensbrück und als ein unverwechselbarer Platz des Gedenkens.

Durchgangsstation DP-Camp

geschrieben von P. C. Walther

6. November 2014

Eine Ausstellung in Frankfurt über ein Stück Nachkriegsgeschichte

Knapp zehn Millionen Menschen, die aus vielen Ländern von den Nazis in KZs oder zur Zwangsarbeit verschleppt worden waren und den Naziterror, wenn auch geschunden und geschwächt, überlebt hatten, befanden sich 1945 fernab ihrer Heimat auf für sie fremdem Boden, zumeist in Deutschland. Dazu zählten auch Kriegsgefangene. Sie alle wurden von den Alliierten als »Displaced Persons« (verschleppte Personen) bezeichnet. Befreit, mussten sie erst einmal untergebracht, versorgt und betreut werden. Ihnen musste geholfen werden, entweder in ihre Heimatorte zurückkehren zu können, wo das möglich und gewollt war, oder Wege in eine neue Heimat zu finden. Zur Bewältigung dieser Aufgaben errichteten die Alliierten sogenannte DP-Camps. Vereinzelt wurden zu diesem Zweck auch Wohnungen und Häuser belegt.

Blick in die Ausstellung. Foto: P.C. Walther

Blick in die Ausstellung. Foto: P.C. Walther

Über das Schicksal der Menschen in den DP-Camps und DP-Einrichtungen berichtet mit Bildern, Texten und Exponaten sehr anschaulich und informativ eine Ausstellung des International Tracing Service (ITS). Die Ausstellungsmacher haben die Frage, die sich damals den meisten dieser Naziopfer stellte, zum Titel genommen: »Wohin sollten wir nach der Befreiung?«. Untertitel: »Zwischenstationen: Displaced Persons nach 1945«.

Die Ausstellung hatte im September Premiere in Frankfurt am Main. Sie wurde dort zum ersten Mal präsentiert – und zwar an einem durchaus passenden Ort: in den Räumen der Bildungsstätte Anne Frank. Mit der Ausstellung wird an einen wesentlichen Abschnitt im Leben von Millionen Menschen erinnert; ein Lebensabschnitt, der vom Terror und den Folgen des deutschen Faschismus geprägt war. Die Erinnerung daran ist in Deutschland, wenn sie überhaupt einmal gegenwärtig war, weitgehend verdrängt und vergessen – wie so vieles, was zu den Bestandteilen und Folgen des Faschismus gehört.

Deshalb leistet die Ausstellung ein wichtiges Stück Gedenk- und Erinnerungsarbeit. Das wurde bei der Eröffnung auch von der Kuratorin, Dr. Susanne Urban, betont: Eine Erinnerung, die den Blick des Betrachters »in die Gegenwart richten« soll. Dabei verwies sie auf die Flüchtlinge heute.

Die einzelnen Tafeln mit Bildern, Kopien von Dokumenten und erläuternden Texten informieren sehr gut über das Schicksal der Menschen in den damaligen DP-Camps und Wohnungen, über das Erlebte und die Ziele ihres künftigen Lebens, die Wege dorthin und auch über die dabei aufgetretenen Schwierigkeiten. Besonders eingängig nachzuempfinden ist das auf denjenigen Tafeln, die über Einzelschicksale berichten.

In den einzelnen DP-Camps entwickelte sich auf der Basis einer gewissen Selbstverwaltung sehr bald eine Art von eigenen Gemeinden und Zusammenschlüssen mit politischem und kulturellem Leben, das sehr vielfältig war. Schließlich kamen die Menschen aus verschiedensten Ländern und aus unterschiedlichsten Verhältnissen – auch mit unterschiedlichen Einstellungen. »Die Beziehungen zwischen DPs, Alliierten und Deutschen veränderten sich ständig, bedingt durch politische, gesellschaftliche und individuelle Faktoren«, heißt es auf einer der Tafeln. Auf Seiten der deutschen Bevölkerung herrschten Wegschauen bis blanke Ablehnung vor.

Rund sechs Millionen Menschen konnten bis September 1945 repatriiert werden. Für mehr als drei Millionen dauerte der Schritt zu einem neuen Ort und Lebensabschnitt wesentlich länger. 1951 wurde die Zuständigkeit für die verbliebenen DPs an die deutschen Behörden abgegeben. Bezeichnenderweise bestimmte die Bundesregierung das Vertriebenenministerium für zuständig und bezeichnete diese Naziopfer fortan als »heimatlose Ausländer«.

Auch Kollaborateure und andere Nazihelfer versuchten über die DP-Camps unerkannt und mit gefälschter Vita Unterschlupf und Wege ins Ausland zu finden, was ihnen zum Teil auch gelang. Der später aus den USA ausgewiesene und dann in München verurteilte KZ-Wächter Demjanjuk war einer von ihnen. Auf alle diese Facetten wird in der Ausstellung hingewiesen, ihr Besuch lohnt sich unbedingt.

Ein britisches No pasarán

geschrieben von Peter Steglich

6. November 2014

Bewegender Film über antifaschistisches Musical zum Spanienkrieg

 

Weltstädte wie London und Barcelona verbindet nicht wenig, zum Beispiel die Nähe und Verbindung zum Meer. Dass aber ein Musical dieser Tage an die Solidarität junger Engländer mit der ihre Republik verteidigenden spanischen Antifaschisten 1936 erinnern würde, erfuhren die Teilnehmer des Internationalen Jahrestreffen der »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik« am 18. Oktober im Berliner Kino Babylon auf bewegende und eindrucksvolle Weise. Sie applaudierten einem Film über ein Antifaschistisches Musical mit dem Titel »Goodbye Barcelona«. Gewöhnlich wird dieses Genre vornehmlich mit seichter Unterhaltung verbunden. Nicht in diesem Fall. Englische Komponisten, Szenaristen, Regisseure sowie talentierte Sängerinnen und Sänger riefen in einem Londoner Theater Herz und Sinne aufrüttelnd jene Jahre in die Erinnerung zurück, als englische Freiwillige in Spanien aufopferungsvoll und leidenschaftlich an der Seite ihrer spanischen Kameradinnen und Kameraden für Freiheit und Demokratie stritten. Die spanische Zeitung »El País« sieht in diesem Stück ein Sinnbild »für die Träume unserer Großeltern und deren Glauben an eine bessere Welt«. Die Musik zur Handlung kann der Londoner »Evening Standard« nicht anders als »aufwühlend« beschreiben. Menschen, wie der Komponist und Regisseur KS Lewkowitz erzählte, haben mit Mühe und großem Enthusiasmus um künstlerischen Zugang zu diesem für sie weitgehend unbekannten Thema gerungen. Als Ergebnis erlebten die Zuschauer eine beinahe meisterhafte politisch-musikalische und natürlich historische Zusammenfassung der Auseinandersetzung um Werte, die auch heute höchst aktuell sind. Begriffe wie Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit, Menschenwürde stehen im Musical jenen Worthülsen gleichen Namens entgegen, die zu instrumentalisieren sich wirtschaftliche, politische oder andere Kreise nicht scheuen, so ihre Interessen betroffen oder gefährdet sind.

»Goodbye Barcelona« Buch: Judith Johnson Musik und Texte: K S Lewkowicz Großbritannien 2011, 105 Minuten. Englisch mit deutschen Untertiteln

»Goodbye Barcelona«
Buch: Judith Johnson
Musik und Texte: K S Lewkowicz
Großbritannien 2011, 105 Minuten.
Englisch mit deutschen Untertiteln

Die Freiwilligen sind auf abenteuerlichen Wegen nach Spanien aufgebrochen. Meist ohne Mittel, nötige Kleidung oder behördliche Zeugnisse. Getragen hat sie der Wille, jenen wirklichen Patrioten an die Seite zu treten, die ihre durch Wahlen gewonnene Republik per faschistischen Putsch verlieren sollten. Geleitet hat sie nicht der Segen ihrer Dienstherren, wie heute, geschützt haben sie nicht eine solide Ausrüstung und moderne Waffen wie heute, begleitet wurden sie nicht von fragwürdigen Argumenten und wohlfeilen Lügen, wie heute. Ihr Kompass waren Selbstbestimmung und ein ehrenwertes Gespür dafür, wo Recht zu verteidigen und Unrecht zu tilgen sind. Die Entscheidung, solidarisch zu sein, wurde, um am Beispiel des »Guerra Civil« in Spanien zu bleiben, weder geschult noch bezahlt. Sie entsprang vielmehr selbst empfundener Ungleichbehandlung, Benachteiligung oder anderer Ungerechtigkeiten im eigenen Land und dem Wunsch, dem Faschismus zu trotzen.

Bedürfte es eines Beweises für die Aktualität besagten Musicals, war es eine Kundgebung der Teilnehmer des Jahrestreffens der Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik.

Am Nachmittag des gleichen Tages erinnerten sie an die Tage, Wochen und Monate erbitterten Widerstandes nationaler und Internationaler Brigaden gegen eine Übermacht spanischer, italienischer und deutscher Faschisten und das Versagen einer so genannten Nichteinmischungspolitik. Unter und mit ihnen ein 95 jähriger spanischer Brigadist, den Alter und körperliche Gebrechen nicht daran hinderten, an dieser kleinen aber ehrlichen und aufrichtigen Manifestation teilzunehmen. Begriffe wie Freiheit, Würde, Gleichheit, Demokratie waren da keine notwendigen Floskeln, sondern bewusst ge- und erlebte Erkenntnis. Besonders gedachten die internationalen Gäste deutscher Brigadisten, denen kein Opfer, und sei es das des eigenen Lebens, zu gering war, um an der Seite ihrer spanischen Schwestern und Brüder für jene Ziele zu streiten, die in diesen Tagen an Aktualität nicht verloren haben. Einige von ihnen waren am Werden eines deutschen Staates beteiligt, dem heute, dem Zeitgeist nahe, das allumfassende Diktum des Unrechts auferlegt wird. Die solches zu tun bereit und aktiv dabei sind, sollten Pein und Scham dabei empfinden, sich bei ihren Urteilen, Aussagen und Bewertungen vom Standpunkt der Beliebigkeit oder Käuflichkeit, nicht aber von den Überzeugungen jener Menschen leiten zu lassen, von denen »Goodbye Barcelona« erzählt. Dass der berühmte Ruf der Spanienkämpfer No pasarán – Sie kommen nicht durch, auch wenn eine militärische und politische Niederlage erlitten wurde, noch immer gilt, mag eine kleine Episode zu Beginn der 80er Jahre in Madrid beweisen. Bei einem Empfang in der Botschaft einer heute nicht mehr existenten UdSSR galten Bewunderung, Interesse und Aufmerksamkeit einer einzigen Person, nämlich Dolores Ibarruri, der Großen Gestalt aller Antifaschisten in der »Guerra Civil«.

Eine erlittene Niederlage heißt nicht, das Ziel aus den Augen zu lassen. Ihr Leben war dafür beispielhaft und so zeigt sich auch heute: »No Pasarán« bleibt sehr aktuell!

Rücktitel

6. November 2014

Am 12. Oktober wurde in der Gedenkstätte Sachsenhausen ein Denkmal eingeweiht, das an die Ermordung von 27 Widerstandkämpfern, 24 deutschen und drei französischen Häftlingen, vor 70 Jahren erinnert. Das Denkmal »Der Klang der Erinnerung« von Eva Susanne Schmidhuber wurde im Rahmen eines künstlerischen Wettbewerbs unter Studenten der Kunsthochschule Weißensee ermittelt. Stifter sind das deutsche Sachsenhausen Komitee und die französische Amicale.

Am 12. Oktober wurde in der Gedenkstätte Sachsenhausen ein Denkmal eingeweiht, das an die Ermordung von 27 Widerstandkämpfern, 24 deutschen und drei französischen Häftlingen, vor 70 Jahren erinnert. Das Denkmal »Der Klang der Erinnerung« von Eva Susanne Schmidhuber wurde im Rahmen eines künstlerischen Wettbewerbs unter Studenten der Kunsthochschule Weißensee ermittelt. Stifter sind das deutsche Sachsenhausen Komitee und die französische Amicale.

Titelbild

23. September 2014

Der aufenthaltsrechtliche Status »Duldung« » ist eine vorübergehende Aussetzung der Abschiebung. Rund 100.000 Menschen leben mit diesem Status in Deutschland.

Duldung

Editorial

geschrieben von Regina Girod

23. September 2014

Je weiter wir uns von historischen Ereignissen entfernen, desto größer wird die Möglichkeit, sie aus ihrem historischen Kontext zu reißen und sie – politischen Interessen folgend – umzuinterpretieren. Wenn keine Zeitzeugen mehr da sind, fehlen ihre Erinnerungen und Erfahrungen als his­torisches Korrektiv. Mit dem Überfall auf Polen am 1. September vor 75 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Wir sind froh, in dieser Ausgabe der antifa nicht nur unter dem grundsätzlichen Aspekt der Kriegsschuld an dieses Datum zu erinnern (S.3), sondern unseren Lesern auch die Erfahrungen zweier heute noch lebender Polen vermitteln zu können. Ada Żurawska kämpfte als Kompanieführerin des Frauenbataillons Emilia Plater in der 2. Polnischen Armee an der Seite der Roten Armee und engagiert sich bis heute für eine gerechte Darstel-lung und Bewertung dieses Kampfes (S. 19). Und Alojzy Twardecki, der als Kind Opfer des faschistischen Programms zur »Eindeutschung Fremdstämmiger« wurde, übermittelte mit seinem Erlebnisbericht nachfolgenden Generationen ein einzigartiges Dokument über dieses weithin unbekannte faschistische Verbrechen (S. 25). Doch Twardecki wollte nicht nur Opfer sein. Bis heute setzt er sich für Aussöhnung und Verständigung zwischen Polen und Deutschen ein.

Die zweite Linie, die sich durch diese Ausgabe zieht, widmet sich der Flüchtlingsfrage. Im derzeit geschürten Klima von Ängsten und offen rassistischer Hetze ist es wichtig, den Blick für die Situation der Menschen zu öffnen, die hierher flüchten. Besonders die aus den ehema-ligen Staaten Jugoslawiens kommenden Sinti und Roma werden immer wieder zu rassistischen Feindbildern stilisiert. In unserem »Spezial« (S. 13 – 16) lässt Jürgen Weber die Romafamilie Alisanovic zu Wort kommen, die vor dem Terror von Neonazis aus Südserbien nach Deutschland flüchtete. Dass schon der Großvater der Familie nur knapp der Vernichtung durch die deutschen Nazis entging, interessiert die deutschen Behörden jedoch ebenso wenig, wie sie den aktuellen Fluchtgrund akzeptiert.

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