Aus Begegnungen Kraft geschöpft

geschrieben von Dieter Chitralla

4. Januar 2015

Zum 100. Geburtstag von Hans Lauter am 22. Dezember 2014

 

Zumindest hatte er ihn in persönlichen Gesprächen gegenüber Freunden bei seinen letzten Geburtstagen »angepeilt« – seinen 100. Geburtstag am 22. Dezember 2014, den er gern mit seiner Familie, mit seinen Genossen, Kameraden und Freunden gefeiert hätte.

Sein Gesundheitszustand – nach zehn Jahren Haft in den Gefängnissen und in den Moorlagern während der Zeit des Faschismus sowie nach aktiver, kräftezehrender Aufbauarbeit für ein neues Deutschland nach 1945 in zahlreichen Funktionen in der SED sowie als Hochschullehrer in Leipzig und in Chemnitz – erlaubten es ihm nicht, dieses Jubiläum zu erleben. Er verstarb am 31. Oktober 2012 nach langer schwerer Krankheit, genau ein Jahr nach seiner Teilnahme an der Einweihung der neugestalteten Gedenkstätte in Esterwegen im Emsland.

Foto: Gustav Peinel

Foto: Gustav Peinel

1914 im erzgebirgischen Adelberg geboren, musste er frühzeitig erkennen, dass er als Kind einer Arbeiterfamilie nicht studieren kann. So hat er den Beruf des Glasschleifers erlernt um zum Lebensunterhalt beizutragen. Geprägt von jugendlichen Vorbildern aus dem Arbeiter-Turn-und-Sportbund wurde er 1930 Mitglied des KJVD. 1935 wird er verhaftet, ist im Polizeigefängnis in der Leipziger Wächterstraße schlimmsten Misshandlungen ausgesetzt und wird zu 10 Jahren Zuchthaus und anschließender Sicherheitsverwahrung wegen » Vorbereitung zum Hochverrat unter erschwerenden Umständen« verurteilt. Drei Jahre sitzt er in Waldheim, danach kommt er ins »Moor«, ins Emsland. Hier hat er all das ertragen müssen, was die meisten aus dem Lied »Die Moorsoldaten« kennen. Auch die weiteren Jahre in Haft erneut in Waldheim und im Gefängnis Radebeul konnten seinen Willen nicht brechen und er gab seine kommunistische Überzeugung nie auf.

So auch nicht nach Rückschlägen durch ungerechtfertigte Anschuldigungen in seiner politischen Tätigkeit in der SED, denen Jahre später die vollständige Rehabilitierung folgte.

Mit viel Engagement widmete sich Hans Lauter der Zeitzeugenarbeit mit der Jugend, bei der er jede noch so profan erscheinende Frage ernst nahm und in seinen Antworten eine große Glaubwürdigkeit ausstrahlte. Ich konnte das bei zahlreichen Veranstaltungen mit Schülern immer wieder aufs Neue erleben. Zum ersten Mal bei einer Begegnung mit Schülern eines Gymnasiums aus Hannover, die in Leipzig weilten. Gespannt lauschten sie den Ausführungen von Hans Lauter über seine Kindheit und Jugend, seine Freude am Sport, seine Tätigkeit im KJVD, seine Verhaftung und seine Jahre im Gefängnis und im Emsland sowie seine abenteuerliche Flucht mit falscher Identität in den letzten Kriegstagen.

Wahrscheinlich schöpfte er selbst – wie viele andere Antifaschisten auch – gerade aus den Begegnungen mit der Jugend immer wieder neue Kräfte, um über die Ursachen und über das Wesen des Faschismus mit seinen unterschiedlichen Facetten aufzuklären und vor dem aufkommenden Neofaschismus im wiedervereinigten Deutschland zu warnen. Legendär waren die zahlreichen Auftritte von Hans Lauter im Rahmen der seit 1995/96 in Hoyerswerda um den 27. Januar stattfindenden Projekttage »Wider das Vergessen« vor Schülern aus fünf Einrichtungen, bei denen er die Zuhörer aufgrund seiner analytischen Fähigkeiten und klaren Sprache sowie seines bescheidenen Auftretens faszinierte.

Diese Eigenschaften verschafften Hans Lauter auch in seiner Arbeit auf Bundes- und Landesebene der VVN-BdA, als langjähriger Vorsitzender des Landesverbandes Sachsen und Mitglied des Bundesausschusses große Anerkennung bei seinen Kameraden, die ihn auf dem 3. Bundeskongress im Mai 2008 – gemeinsam mit der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejerano – zum Ehrenvorsitzenden ernannten. Bei den Repräsentanten von zahlreichen Kommunen in ganz Deutschland, in denen er als Zeitzeuge auftrat, genoss er eine hohe Wertschätzung nicht nur aufgrund seines hohen Alters.

So ist es m. E. maßgeblich seinem Auftreten auf einer 8. Mai-Veranstaltung von BdA und VVN-BdA in den neunziger Jahren auf dem Leipziger Südfriedhof zu verdanken, dass Oberbürgermeister und Stadtverwaltung das Gedenken an die Befreiung vom Faschismus einige Jahre später zu einem festen Bestandteil der Erinnerungskultur der Stadt Leipzig machten.

Es gäbe noch vieles über Hans Lauter zu berichten – als Familien-Mensch trotz seiner umfangreichen Tätigkeit, als Kenner der klassischen deutschen Literatur und letztlich als einen warmherzigen Menschen, wie ich ihn persönlich erleben durfte. Die Begegnung mit Hans Lauter hat mein Leben sehr bereichert – nicht nur im politischen Bereich.

Seine Chemnitzer Kameraden, Genossen und Freunde haben bereits am 31.10.2014 in einer Veranstaltung an Hans Lauter erinnert In Leipzig erfolgt das erinnernde Gedenken durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, den BdA Leipzig und den Stadtverband der Leipziger Linken am 17. Januar 2015.

Mia und das Nazi-Netz

geschrieben von Janka Kluge

4. Januar 2015

Friedrich Anis neuer Krimi mit Bezug zu NSU und anderen

 

Es gibt in der Kriminalliteratur Autoren, die immer wieder aktuelle Geschichten in ihren Büchern verarbeiten. Zu ihnen gehört der 1959 geborene Friedrich Ani. Eine seiner Figuren ist Kommissar Tabor Süden. Der arbeitet bei seinen ersten Fällen als Polizist auf der Suche nach Vermissten. In einem Interview aus dem Jahr 2003 mit der Süddeutschen Zeitung sagte Ani dazu: »Ich fand es erstaunlich, dass vorher eigentlich kaum jemand über Vermisste geschrieben hat, merkwürdigerweise. Das war eigentlich immer mein Thema. Ich habe eine große Zuneigung zu Leuten, die verschwinden oder weggehen wollten.«

Friedrich Ani »M«, Droemer Verlag, 19,99 Euro

Friedrich Ani »M«, Droemer Verlag, 19,99 Euro

Doch das Schreiben von Krimis war Friedrich Ani, obwohl die Reihe um Tabor Süden erfolgreich war, zu wenig. Neben Hörspielen schrieb er immer wieder auch für das Fernsehen. Die Krimis haben ihn jetzt aber wieder eingeholt. In seinen neuen Reihen spielen ein ehemaliger Mönch, der jetzt bei der Kripo arbeitet und ein blinder Kommissar unter dem Namen »Seher« die Hauptrollen. Für seinen neuen Krimi »M« hat Friedrich Ani aber auch Tabor Süden wieder aktiviert. Der arbeitet inzwischen in einer Münchner Detektei und sucht nach wie vor nach verschwundenen Personen.

Eines Tages kommt eine gewisse Mia Bischof in die Detektei und bittet Tabor Süden, einen verschwundenen Freund zu suchen. Während dieser Suche und vor allem bei der Recherche nach den Lebensumständen des Vermissten stellt Süden fest, dass der gesuchte Siegfried Denning Kontakte zu Neonazikreisen in München hat. Denning arbeitet als Taxifahrer und ist immer wieder gebucht worden, wenn Nazis ein Taxi brauchten. Die jüngeren, militanten aus dem Umfeld des Freien Netzes Süd und der Kameradschaften brauchen zwar kein Taxi, dafür umso mehr die alten Herren der Burschenschaften und der NPD. Immer wieder wurde er zu einem Hotel in Starnberg gerufen, das Mias Vater, Lothar Geiger, gehört. In diesem Hotel treffen sich regelmäßig führende Personen der NPD um Feste zu feiern, oder geheime Treffen abzuhalten. Mit der Zeit wird klar, dass Mia fester Bestandteil dieses neonazistischen Netzes ist. Sie arbeitet als Journalistin im Lokalteil einer Tageszeitung und gilt als engagierte junge Frau, in der niemand eine überzeugte Nazianhängerin vermutet. Sie engagiert sich in einem Kinderhort, betreut manchmal die Kinder und singt mit ihnen alte Volkslieder. Sie ist es auch, die immer wieder neue Frauen mit Kindern für den Hort gewinnt. Niemandem fällt auf, dass alle Mütter und Kinder Deutsche sind. Mia hat einen Mädelring, eine Organisation für Neonazistinnen gegründet und den Kinderhort unterwandert. In einem Gespräch zwischen Mia und ihrem Vater, sagt der ihr, dass er sie irgendwann als Chefredakteurin der Deutschen Stimme und als Leiterin des dazugehörigen Verlags sieht. Den Einwand Mias, dass die nationalen Internetseiten, auch die der NPD, doch gut besucht werden, lässt er nicht gelten. Nach seiner Meinung kann die nationale Bewegung nur siegen, wenn sie eine auflagenstarke Zeitung an den Kiosken hat.

Früher war Mia mit Karl zusammen. Karl, Mitglied einer Münchner Kameradschaft und des Freien Netzes Süd, war nach dem gescheiterten Anschlag auf den Neubau einer Synagoge in München abgetaucht. Er hatte sich bei Kameraden im Osten versteckt. Der Verfassungsschutz vermutet ihn sogar im direkten Umfeld der Zwickauer, wie es im Buch heißt. Karl ist aber schon lange nicht mehr im Osten, sondern in einer konspirativen Wohnung in München, die ihm Mias Vater zur Verfügung gestellt hat. Nach wie vor ist er eine feste Größe in der Münchner Neonaziszene, obwohl er sich bei Versammlungen und Kundgebungen nicht sehen lässt.

»Seit fast zehn Jahren lebte Karl im Untergrund, Niemand, auch ihr Vater nicht, zweifelte daran, dass Karl, wäre der Anschlag auf die Synagoge damals geglückt, heute ein Held wäre und nicht, mehr oder weniger auf sich allein gestellt, wie ein Aussätziger durch Deutschland vagabundieren müsste. Zum Glück, wie Lothar Geiger vor den Kameraden immer wieder betonte, legten sich die Ermittlungsbehörden der herrschenden Polit-Kaste gegenseitig lahm, so dass Karl von dieser Seite wenig zu befürchten habe.«

Als Siegfried Denning sich verdächtig macht, die jungen und alten Kameraden auszuspionieren, lässt Karl ihn entführen. Am Ende sind viele Knoten entwirrt, es gibt eine Reihe Verhaftungen, doch an das Hotel am Starnberger See und seine Besucher geht die Polizei nicht heran. Es hätten sich keine Verbindungen zu den militanten Nazis ergeben.

Das Buch ist nicht nur für Fans von Krimis lesenswert, sondern auch für alle, die nicht unbedingt ein Sachbuch über neonazistische Strukturen lesen wollen. Friedrich Ani hat zwar einiges vereinfacht und wichtige Verbindungen weggelassen, wie die Unterstützertätigkeit von Blood & Honour, trotzdem ist ihm ein guter aktueller Krimi gelungen. Er wird im März als Taschenbuch erscheinen.

Furien oder »Helferinnen«?

geschrieben von Hans Canjé

4. Januar 2015

Wendy Lower über »Deutsche Frauen im Holocaust«

 

Der Originaltitel dieser aus dem englischen übersetzten Untersuchung der britischen Autorin lautet: »Hitler’s Furien«. Eine Furie ist in der Deutung ein »böses, wütendes Weib«. Dem Verlag war das vielleicht etwas zu drastisch und brachte dieses beklemmende Werk mit dem etwas milder klingenden Titel »Hitlers Helferinnen. Deutsche Frauen im Holocaust« auf den Markt. Wer das auf zahlreiche, zum Teil immer noch nicht vollständig ausgewertete, vom Zerfall bedrohten Dokumenten, auf Zeitzeugenaussagen und Gesprächen mit den 13 Frauen, deren Lebensläufe sie hier betrachtet, gestützte Werk beendet hat, wird dem Originaltitel den Vorzug geben.

Wendy Lower: Hitlers Helferinnen. Frauen im Holocaust. Carl Hanser Verlag, 335 Seiten, gebunden mit zahlreichen Fotos. 24,90 Euro

Wendy Lower: Hitlers Helferinnen. Frauen im Holocaust. Carl Hanser Verlag, 335 Seiten, gebunden mit zahlreichen Fotos. 24,90 Euro

Dabei geht es hier nicht um die »großen Namen«, die im Mordgefüge des Regimes eine Rolle gespielt haben. Insoweit ist dem vom Verlag zitierten US-amerikanischen Historiker Timothy Snyder zuzustimmen, dass diese Veröffentlichung »einen Wendepunkt für die Frauengeschichte wie für die Geschichte des Holocaust« bedeutet. Da ist etwa Josefine Bock, die im Juni 1943 in Drohobytsch ihren Mann bei der Auflösung des dortigen Ghettos begleitet. Ein sieben Jahre altes jüdisches Mädchen kam auf sie zu und flehte weinend um ihr Leben. Sie packte die Kleine an den Haaren, schlug mit den Fäusten auf sie, warf sie zu Boden, trat gegen den Kopf, Die Mutter nahm die fast tote Tochter und versuchte vergeblich sie wieder zu beleben. Liesel Willhaus, Ehefrau des SS-Untersturmführers Gustav Willhaus, Kommandant des Lagers Janowska in Lemberg, nutzte ihren Balkon um auf Häftlinge zu schießen, »einfach nur zum Spaß«, wie ein jüdischer Augenzeuge sagte. Oder Johanna Altvater, die jüdische Kinder mit Süßigkeiten zu sich lockte. Wenn sie kamen und den Mund öffneten, schoss sie ihnen mit einer silbernen Pistole in den Mund. .

Einige Beispiele nur aus einer Fülle von Verbrechen, die wir bislang nur aus Berichten über das Wüten der SS-Einsatzgruppen oder der Wehrmacht in Polen und der Sowjetunion kennen, nicht aber von der in der Staatspropaganda gefeierten »kleinen tapferen Soldatenfrau« oder der wackeren Straßenbahnschaffnerin, die an der Stelle der den Osten als »Lebensraum« erobernden Männer die Bahn durch die Trümmer der zerbombten Städte fährt.

Die Autorin spricht von rund 5000.000 Frauen, die in die okkupierten Gebiete des Ostens gingen, in die vom faschistischen Regime so heiß begehrte Ukraine, die »Kornkammer Europas« Sie waren »erschreckend jung«, Sekretärinnen, Ehefrauen, Krankenschwestern, KZ-Aufseherinnen. 30.000 waren es in den Reihen der SS. Hitlers Helferinnen, so die Autorin, »waren der Überzeugung, ihre Gewalttaten seien als Racheakt an Feinden des Reiches gerechtfertigt; in ihren Augen waren solche Gewalttaten ein Ausdruck von Loyalität.« Sie wurden zu Täterinnen, »die aus Überzeugung eigenhändig mordeten«.

Lower konstatiert:« Keine der in diesem Buch vorkommenden Frauen musste töten. Hätten sie sich geweigert, Juden umzubringen, so hätte das keine Bestrafung zur Folge gehabt. Wenn man sich jedoch entschloss, den Opfern zu helfen, kannte das Regime keine Gnade.«

Die aber fanden die Frauen, die wegen ihrer Untaten, wenn überhaupt, in der alten BRD vor Gericht gerieten. »Die meisten Mörderinnen kamen ungestraft davon.« Die Autorin findet dafür u. a. die (stimmende) Erklärung: »(…) die Justiz in Westdeutschland und Österreich war nicht gründlich entnazifiziert.«

Im »Ostdeutschen Polizeistaat« wurde (nach »entlocktem Geständnis«) als einzige der dreizehn Erna Petri schuldig gesprochen. Die Ermittlungsbehörden fanden in ihrem Haus Beweise, dafür, dass das Ehepaar Petri auf ihrem landwirtschaftlichen Gut im ukrainischen Grzenda Zwangsarbeiter und entflohene Jüdinnen und Juden folterte, missbrauchte und ermordete – darunter sechs von Erna eigenhändig erschossene jüdische Kinder.

Eine beklemmende Lektüre, die an einigen Stellen vielleicht »nachgebessert« werden könnte: Wieviel sind »rund fünf«? (S. 175), unbestraft statt »ungestraft« (S. 254). In die Gestapo-Zentrale wurden Deutsche nicht »einbestellt« (S. 81). Sie wurden eingeliefert. Die Zentrale des Mordprogramms »Euthanasie« (T4) befand sich nicht im Berliner Columbia-Haus. (S. 73). T4 steht vielmehr für Tiergartenstraße 4.

Keine Konzertlager

geschrieben von Jörg Wollenberg

4. Januar 2015

Bremer Beiträge in den KZs zu Musik und Literatur

 

Die Konzentrationslager waren als Einrichtung der Ausbeutung und Vernichtung zugleich Orte, in denen Beethoven und Mozart auf dem Programmzettel standen und Goethes Faust gespielt wurde. Es erklang gelegentlich entartete Musik und es wurde zum Swing oder Jazz getanzt. Ein »Nigger-Gesang«, der im »Dritten Reich« verboten war und dazu führte, dass Schüler nicht nur aus Hamburg, Lübeck und Bremen deshalb ins Jugendkonzentrationslager Moringen bei Göttingen deportiert wurden.

Gewiss, das Konzentrationslager war kein Konzertlager. Aber in den deutschen KZ waren Musik und Literatur nicht ausgelöscht. Fast jedes KZ hatte ein Orchester und eine Bibliothek. Was für die Bürger in Deutschland verboten war, das war den Häftlingen erlaubt. Sie konnten die verbrannten Bücher der deutschen Dichter und Denker lesen und »entartete Musik« von Schönberg hören, gespielt in Auschwitz von seinem Schüler Gideon Klein, der am 18. Januar 1945, dem Tag der Befreiung der Lager, aus Krankheitsgründen zurückbleiben musste und dort starb, bevor die sowjetische Armee Auschwitz am 27. Januar 1945 befreite. Unter den schwierigsten Bedingungen und oft illegal bot sich so den Häftlingen die Möglichkeit, an ihren eigenen Ideen und Fähigkeiten festzuhalten, psychisch zu überleben, widerständig zu bleiben.

Edgar Bennert (Foto von 1951) gehörte zusammen mit seinem Bremer Freund Max Burghardt zum Schauspielensemble des Bremer Stadttheaters und war von 1928 bis 1933 Chefredakteur der Bremer Arbeiterzeitung, der Tageszeitung des KPD-Bezirks Nordwest. Als solcher wurde er schon vor 1933 mehrfach mit Prozessen überzogen und verurteilt.

Edgar Bennert (Foto von 1951) gehörte zusammen mit seinem Bremer Freund Max Burghardt zum Schauspielensemble des Bremer Stadttheaters und war von 1928 bis 1933 Chefredakteur der Bremer Arbeiterzeitung, der Tageszeitung des KPD-Bezirks Nordwest. Als solcher wurde er schon vor 1933 mehrfach mit Prozessen überzogen und verurteilt.

Erich Klann, der aus Lübeck stammende und ins KZ Sachsenhausen deportierte spätere Direktor des Arbeitsamtes der Hansestadt, organisierte z.B. mit dem illegalen Lagerleiter von Sachsenhausen Harry Naujoks aus Hamburg und dem Bremer Leiter der Häftlingsbücherei Edgar Bennert nach dem Massenmord an 18.000 sowjetischen Soldaten und der Exekution von jüdischen Häftlingen Musikabende und Lesungen von Goethe- und Tolstoi-Stücken. Sie wollten damit die Moral derjenigen aufrecht erhalten, die angesichts dieser Morde und Untaten verzweifelten. Ein Versuch, die gequälten Häftlinge zu stärken, ihnen Mut zu geben, den Kampf gegen den Faschismus auch und gerade im KZ so lange wie möglich zu führen.

Warum ging die Erinnerung an diese eng mit den Hansestädten verbundenen Männer und Frauen des Widerstands verloren? Zum Beispiel an Edgar Bennert (1890-1960). Er war vor 1933 ein prominenter Schauspieler und Redakteur aus Bremen, der als KPD-Mitglied schon vor 1933 verfolgt wurde. Edgar Bennert leitete die legendären »Blauen Blusen«. Er gründete an der Wende von 1932 auf 1933 die Marxistische Arbeiterschule Bremen, dem Vorläufer der Masch. Und er leitete mit Eberhard Peters die »Soziologische Studiengemeinschaft«, eine Bildungseinrichtung in Kooperation mit fortschrittlichen bürgerlichen Kräften zur Intensivierung der antifaschistischen Aufklärung. Hier kamen noch vor 1933 Erich Weinert, Erich Mühsam und Alfons Goldschmidt zu Wort.

Als KZ-Häftling in Bremen-Mißler, in Esterwegen und Sachsenhausen setzte Bennert die kulturelle Überlebensarbeit fort, u.a. mit Helmut Bock von der SPD als Regisseur von Theaterstücken von Goethe und Hauptmann im KZ Sachsenhausen. Er spielte im KZ den Faust, Gustav Voss den Wagner und Bock den Mephisto. Und er leitete die Häftlingsbibliothek als Keimzelle des Widerstands im KZ. Nach der Befreiung kam kein Ruf aus Bremen. Aber Bennert wurde Intendant des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin.

Nicht anders und besser erging es zunächst dem Bremer Schauspieler, Regisseur, Theaterleiter und Kulturpolitiker Max Burghardt(1893-1977). 1945 nach Verfolgung und Zuchthaus zurückgekehrt nach Bremen, gehörte er zu denen, die das Theaterleben hier wieder aufbauten. Er verfasste für die Bremer Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus (KGF) einen Grundsatzbeitrag zum »Theater als Spiegel der Zeit«, nachzulesen im »Aufbau«, dem Organ der KGF, Nr.8 vom September 1945: »Aus tiefer Not geboren, dient das Theater der Milderung der Not und der Herstellung der Wahrheit«.

Vergeblich wartete der Kommunist Burghardt auf ein Angebot aus Bremen. Er hatte dennoch Glück: Der prominente Theatermann überlebte für kurze Zeit ab Mai 1946 mit Hilfe der britischen Besatzungsmacht als »Roter Intendant« am Kölner Sender, dem Vorläufer des WDR. Er wurde 1947 Intendant der Leipziger Bühnen, bevor er den ehrenvollen Ruf als Leiter der Deutschen Staatsoper in Berlin erhielt und Präsident des Kulturbundes wurde. Ebenso erging es seinem Freund aus Bremer und Düsseldorfer Jahren, dem KZ- Börgermoor-Häftling Wolfgang Langhoff (Die Moorsoldaten). 1945 zurückgerufen aus dem Exil als Mitglied des Züricher Schauspielhauses in seine Heimatstadt als Generalintendant der Städtischen Bühnen Düsseldorf, musste er Platz machen für den Göring-Freund Gustaf Gründgens, konnte aber seine Weltkarriere als Intendant des Deutschen Theaters in Berlin fortsetzen. Also in jenem Theater, das von 1934 bis 1944 von Gründgens als Staatstheater geleitet worden war . In den offiziellen Darstellungen des Theaterlebens von Bremen tauchen sie bis heute nicht auf. Keine Straße, keine Ehrentafel hält die Erinnerung an sie fest.

Die wahren Menschen

geschrieben von Thomas Willms

4. Januar 2015

Über Schwedens Rechtspopulismus und den Umgang mit »Hubots«

 

Schweden muss ein nettes friedliches Land sein. Selbst die Rechtsradikalen sind ein bisschen verdruckst. Und so erscheinen die elementaren Konflikte und Interessensgegensätze, die die international erfolgreiche Fernsehserie »Äkta människor« (bei uns als »Real Humans« im Vertrieb) durchdiskutiert, auf den ersten Blick immer noch als familienfreundliche Version typischerer Erscheinungen des Genres – ja welches eigentlich?

»Äkta människor« steht tief in der Tradition von Science-Fiction-Klassikern wie »Westworld« und hat auch deutliche Bezüge zum neueren Highlight »Cloud Atlas«. Es geht um Roboter, die ein Ich entwickeln; Klone, die an ihrer Identität zweifeln; künstliche Intelligenz, die der menschlichen überlegen ist usw. usf.

»Real Humans – Echte Menschen«, erste Staffel: 600 Minuten, 2012, 18,99 Euro

»Real Humans – Echte Menschen«, erste Staffel: 600 Minuten, 2012, 18,99 Euro

Nur merken tut man dies nicht, denn die Filmemacher haben erfolgreich alles getan, um jeden Anflug von Sci-Fi zu vermeiden. Mit den »Hubots« (humanoiden Robotern) wird in der schwedischen Wohnstraße etwa so umgegangen wie mit Handys. Man kann sie kaufen, wegwerfen oder entsorgen; sie sind Spielzeug, Arbeitsgerät oder Prestigeobjekt; die neuen sind teuer und die gebrauchten billig; manche haben mehr Funktionen als andere und »frisieren« kann man sie auch.

Und damit ist man beim zweiten – hier stärker interessierenden Strang – der Serie. Die Hubots stehen für Migranten und Ausländer, die es in dieser »alternativen Realität« nämlich nicht gibt. Einerseits geht es darum, welchen Platz sie sich selbst erkämpfen wollen, andererseits darum, wie die so aufgeklärte schwedische Gesellschaft mit ihnen umgeht und welche Abgründe hier lauern.

Modellhaft stehen für die Arbeiterschicht die Familie Larsson und für die Mittelschicht Familie Engman. Besonders große Schwierigkeiten mit den Hubots hat Familienvater Roger Larsson. Als eigentlich überflüssiger Vorarbeiter in einem Großhandel hat er gesehen wie die fleißigen, verantwortungsbewussten Hubots nach und nach alle seine Kollegen ersetzt haben. Noch schlimmer ist es zuhause: Seine Ehefrau hat sich bereits einen intelligenten, sportlichen, sauberen, lustigen Begleit-Hubot zugelegt und ihn – nicht ganz legal – auch noch zum dauerpotenten Liebhaber umprogrammiert. Das ist nicht einfach für den übergewichtigen und schlampigen Roger, den es deshalb zur Bewegung der »wahren Menschen« verschlägt. Wie im echten Schweden die »Schwedendemokraten« erzielen diese zehn Prozent der Wählerstimmen mit einem Ausländer-, nein Hubotfeindlichem Programm. Rogers Sohn reicht das nicht. Der nimmt lieber gleich den Baseballschläger, nichtahnend, dass sein leicht beeinflussbarer Vater im geheimen zur rechtsterroristischen Aktion übergegangen ist.

Zerfällt auf der einen Straßenseite exemplarisch die Arbeiterfamilie Larsson, sieht es auf der anderen bei den Mittelschichts-Engmans zunächst besser aus. In mildes IKEA-Licht getaucht, kommen Mutter, Vater, Sohn und Tochter auch ohne Hubot gut zurecht, bis dann doch »Mimi« in ihr Leben tritt. Das erschreckend verletzlich und nicht zufällig koreanisch wirkende künstliche Geschöpf ist das emotionale Zentrum des ganzen Geschehens. Äkta Människor nimmt hier die Vorgabe von »Cloud Atlas« an: wenn schon nicht mehr edle Wilde das Herz anrühren, so sind es jetzt ätherische Koreanerinnen.

An Mimi wird die narzisstische Versuchung, die die rechtlosen Hubots hervorrufen, besonders deutlich. Man kann sie einfach so lange arbeiten lassen wie es einem beliebt, denn sie machen klaglos alles mit. Darüber hinaus müsste man nicht mehr tun als den »Sex-Chip« einsetzen, um sie vollständig ausnutzen zu können, wissen Engman-Vater und Engman-Sohn. Das nicht zu tun, zermürbt beide. Straflos Gewalt gegen menschenhafte Wesen ausüben zu können, ist die dritte Facette der Versuchung, der im Laufe der Handlung auch ausgiebig nachgegangen wird.

Der ideale Hubot ist eigentlich der rechtlose Mensch. Möglich und bereit zur Sklavenhaltung ist jeder, wenn es gesellschaftlich akzeptiert ist. Das ist die beunruhigende Botschaft des Films.

Hubot-Feinde und Hubot-Freunde oder gar –Befreier treten in einen kulturellen und politischen Wettkampf. Und hier beginnen bereits in der zweiten Staffel die dramaturgischen Schwierigkeiten von Äkta Människor, denn der Sci-Fi-Strang und der Antisklaverei-Impetus lassen sich nicht ohne weiteres kombinieren. Ist der aufgeklärte Mitteleuropäer einerseits selbstverständlich für die Befreiung der Hubots, ist den Verschrottungsfantasien der »Wahren Menschen« sachlich kaum etwas entgegen zu halten. Auch wenn es mit eventuellen weiteren Staffeln vermutlich kein gutes Ende nehmen wird, kann sich der Zuschauer doch über eine politisch hochinteressante und hintersinnige erste Staffel freuen.

Kinderweihnacht in Ravensbrück

geschrieben von Regina Girod

4. Januar 2015

Erinnerung an eine märchenhafte Weihnachtsfeier vor 70 Jahren

Vor Jahren hat Lisl Jäger, die nach drei Jahren Zuchthaushaft im September 1944 20-jährig nach Ravensbrück verschleppt wurde, einmal bei einem Zeitzeugengespräch zu Schülern gesagt: »Die SS hatte die Macht, sie konnte alles mit uns machen. Aber menschlich waren wir ihnen überlegen.« Einen besseren Beweis für ihre Worte, als die unglaubliche Geschichte der Weihnachtsfeier, die die Häftlingsfrauen 1944 für die Kinder im Lager organisierten, kann es nicht geben.

Tandera-Theater

Tandera-Theater

Viele Überlieferungen existieren zu diesem Ereignis. So schrieb die tschechische Häftlingsfrau Vera Hozákova: »Der starre Mechanismus des Lagerlebens setzt aus, und langsam schleicht sich durch den Stacheldraht die Vision von Freiheit ein. Dadurch erwachen in unseren Herzen jäh die Erinnerungen an die schönsten Feiertage des Jahres, welche wir zu Hause erlebt hatten – an Liebe und Freude, die du gabst und erfuhrst. Bald sind Weihnachten, und im Lager sind an die 400 Kinder – von denen einige nichts anderes kennengelernt haben als Gefangenschaft und Lager. Kinder, die nicht wissen, was Familie ist – sie kennen die Worte Papa, Oma nicht – sie kennen nur die Mama, die eigene oder die ›Lagermutter‹, Die Mama, die verzweifelt um ihr Leben kämpft – oft ein vergeblicher Kampf. Sie kennen nicht das Gefühl des Sattseins, der sicheren Wärme – wissen nicht, was ein Ball, eine Puppe ist. Die Worte Stadt, Brücke, Fluß, Schönheit sagen ihnen nichts. Sie kennen nur die Mama, sie ist der einzige warme Platz, die einzige Zuflucht im Leben hier – in diesem Nichtleben.« Für diese Kinder bastelten die Frauen heimlich Geschenke, sparten etwas von ihren kargen Rationen ab, dachten sich ein Kaspertheaterstück aus. Ilse Hunger schrieb in ihren Erinnerungen: »Wir lebten neu auf, das ganze Lager lebte neu auf, schöpfte aus diesem Tun neue Hoffnung, vereint in dieser Kinderhilfsaktion. Wir sammelten Esswaren, Leckereien aus Paketen, Äpfel, Gebäck, Brot, Marmelade, viele gaben, nein alle gaben. Wir erreichten von der Lagerführung die Erlaubnis für das Kaspertheater, aber man verbot uns die Verteilung der Geschenke, nachdem man gesehen, welch reizende Sachen gearbeitet worden waren. Aber wir hatten ja fast alles gut versteckt, und heimlich haben wir nach dem Weihnachtsfest diese Sachen auf den Blocks verteilt.«

Lisl Jäger.  Fotos: Jutta Harnisch

Lisl Jäger.
Fotos: Jutta Harnisch

Wie bedrückend ist der Gedanke, dass trotz der nahenden Befreiung nur wenige Kinder das Lager überlebten. Ab Januar 1945 wurden sie von der SS in der Gaskammer von Ravensbrück ermordet oder auf Transport nach Bergen-Belsen geschickt, wo in den letzten Kriegswochen noch tausende Häftlinge umkamen. Am 13. Dezember gedachte die Berliner VVN-BdA gemeinsam mit vielen Unterstützern der Kinderweihnacht von Ravensbrück. Das Plakat der Veranstaltung zierte eine Zeichnung der österreichischen Romni Ceija Stojka, die als elfjähriges Mädchen an der Feier teilnahm und als eine der wenigen ihrer großen Familie 1945 die Deportation nach Bergen-Belsen überlebte.

Zeichnung von Ceija Stojka

Zeichnung von Ceija Stojka

Es war eine berührende Veranstaltung, eingeleitet von dem Theaterstück »1944 – es war einmal ein Drache« des Tandera-Theaters aus Mecklenburg-Vorpommern, in dem zwei Schauspielerinnen und eine Puppenspielerin mit einfachen Handpuppen die Geschichte der Kinderweihnacht ins Heute holten. Anne Hunger, Enkelin der deutschen Häftlingsfrau Ilse Hunger las aus den Erinnerungen ihrer Großmutter, Bärbel Schindler-Saefkow, deren Mutter Änne Ravensbrückerin war, sprach über die Situation im Lager zur Jahreswende 1944/45. Und die 90jährige Lisl Jäger erinnerte sich daran, wie sie einen vierjährigen Jungen zur Weihnachtsfeier zum Block 22 brachte. Welch ein Glück für uns, diese großartige Frau noch immer unter uns zu haben.

Der Weg zum Tanz der Toten

geschrieben von Ernst Antoni

4. Januar 2015

Erinnerung an Leben und Werk des Künstlers Felix Nussbaum

 

Das Schreiben an den damals 27jährigen Maler und Grafiker Felix Nussbaum war datiert vom 8. August 1932, Absender der »Preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung«: »Den gewünschten Studienaufenthalt in der Deutschen Akademie (Villa Massimo) in Rom bewillige ich ihnen als Studiengast vom 1. Oktober 1932 ab zunächst für 6 Monate. Ein Geldstipendium ist mit der Aufenthaltsbewilligung nicht verbunden, jedoch wird Atelier und freie Wohnung einschließlich Beleuchtung sowie Morgenfrühstück gewährt. Für Verpflegung müssen Sie selbst sorgen.«

Immerhin eine Anerkennung für das Schaffen eines jungen Künstlers, obwohl der, aus Osnabrück kommend, einige Monate zuvor in Berlin mit dem gegenüber damaligen Kunst- und Akademie-Autoritäten recht despektierlichen Gemälde »Der tolle Platz« für einen kleinen Wirbel gesorgt hatte. Dennoch nun, zwar nicht gleich als »Stipendiat«, wohl aber als »Studiengast«, die Einladung in die Villa Massimo. Zu den damaligen »Stipendiaten« gehörte übrigens auch der Bildhauer Arno Breker, der in den folgenden Jahren zu einer der Hauptfiguren im Nazipropaganda-Dekorationswesen werden sollte.

nussbio2

Für Felix Nussbaum, einer jüdischen Kaufmannsfamilie entstammend, sollte nicht nur sein künstlerischer Lebensweg sehr rasch eine andere Richtung nehmen. Antisemitische Angriffe hatte es schon Anfang der 30er-Jahre an Berliner Hochschulen gegeben. Nicht zuletzt sah sich ihnen Max Liebermann ausgesetzt, den Nussbaum in seiner malerischen Autoritäten-Persiflage vom »tollen Platz« als weltentrückten Malerfürsten durchaus in sein ironisches Spektakel einbezieht. Dennoch ist es wohl gerade die liberale Ausbildungs-Atmosphäre in Berlin (neben Liebermann sind da etwa Käthe Kollwitz oder Karl Hofer, der für Nussbaum als Lehrer besonders wichtig wird), die das Schaffen des jungen Mannes beeinflusst.

Mit der Machtübernahme der Nazis mehren sich auch in der Villa Massimo antisemitische Attacken. Felix Nussbaum beschließt, mit seiner Malerkollegin, Freundin und späteren Frau Felka Platek im Exil zu bleiben: zuerst in Italien, dann in Frankreich und schließlich ab 1937 in Belgien, wo das Paar heiratet. Er malt anfangs in Brüssel Bilder in einem von ihm auf eigene Art weiter entwickelten, von Künstlern wie Girgio de Chirico und James Ensor beeinflussten, »magischen Realismus«.

Dabei versteht sich Nussbaum, wie schon in Berlin, durchaus auch als »politischer« Künstler. In Brüssel gibt es Kontakte zu einem »Sozialistischen Club«, zu seinem Berliner Kollegen- und Freundeskreis gehörte das kommunistische Künstlerpaar Dore und Walter Meyer-Vax, abgebildet in der Malergruppe vom »tollen Platz«, wie der Kunsthistoriker und Galerist Richard Hiepe 1986 nachwies.

»Akribische Zeugnisse von Kunst im Widerstand«, seien Felix Nussbaums Bilder, schreibt Reinhard Schweicher 2003 in den »Informationen des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933- 1945«. »Spätestens 1938, als er sich auf Einladung des emigrierten Kunstkritikers Paul Westheim mit der unter dem Titel ‚Freie Deutsche Kunst‘ gegen die Nazi-Schau ‚Entartete Kunst‘ aufgebotenen ersten Kollektivausstellung des ‚Freien Künstlerbundes‘ in Paris beteiligte«, könne man die Nussbaum-Werke so bezeichnen.

Mit dem deutschen Einmarsch in Belgien beginnt die Zeit der Verfolgung – und zunehmend entstehen jene Bilder, die seit der Wiederentdeckung des Werkes des lange verschollenen Künstlers in den 70er-/80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die öffentliche Wahrnehmung prägen: Selbstbildnisse in verschiedenen Variationen (oft »mit Judenpass«), Bilder, in denen die Internierung im französischen Lager St. Cyprien thematisiert werden, die Flucht, das Untertauchen… Illegal wieder zurück in Brüssel, werden Felix und Felka nach einer Denunziation von der Wehrmacht verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort in den letzten Monaten des Jahres 1944 ermordet.

Das Bild »Triumph des Todes«, datiert 1944, Felix Nussbaums Variation der seit dem Mittelalter immer wieder gestalteten »Totentanz«-Motive ist das letzte überlieferte Gemälde aus dem Nachlass des Künstlers. Als Drehorgelmann hat er sich, das Gesicht bereits im Stadium der Verwesung, noch einmal selbst ins Bild gebracht. Zu Füßen der musizierenden Skelette versammelt sind diverse Zeugnisse der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte, die er einst so gerne allegorisch in viele seiner Werke hineinzitiert hat. In diesem Gemälde sind nun auch sie Opfer der Nazibarbarei geworden.

Rücktitel

4. Januar 2015

Ebenfalls ein Todestanz-Motiv: Zeichnung aus dem 1941 entstandenen Zyklus »Danse Macabre« des belgisch-französischen Künstlers Frans Masereel (1889 – 1972).

Ebenfalls ein Todestanz-Motiv: Zeichnung aus dem 1941 entstandenen Zyklus »Danse Macabre« des belgisch-französischen Künstlers Frans Masereel (1889 – 1972).

Editorial

geschrieben von Regina Girod

21. November 2014

Was tun gegen die AfD? Diese Frage stellt sich Antifaschistinnen und Antifaschisten spätestens seit dem rasanten Aufstieg der Partei bei den Europa- und Landtagswahlen dieses Jahres. In Sachsen erreichten NPD und AfD zusammen mit weiteren rechten Wahlparteien um die 15 Prozent der Wählerstimmen. Das gemahnt an die 15 Prozent bis 20 Prozent, die von Sozialwissenschaftlern seit langem als äußerst rechtsgerichtetes Wählerpotential genannt werden. Die Politik rückt nach rechts und die AfD hat schon jetzt einen sichtbaren Anteil daran. Welche Dämme lassen sich dagegen bauen? In unserem »Spezial« untersuchen wir u.a. die Wurzeln der AfD, die keineswegs nur ein deutsches Phänomen ist, sondern als Element eines rechtsliberalen Reformprojekts verstanden werden muss, das sich seit Anfang der 90er Jahre kontinuierlich, durch immer ähnliche Akteure, auf europäischer Ebene Geltung verschafft. Ihr Ziel ist die Begrenzung der politischen und sozialen Integration Europas, insbesondere der Sozialpolitik, bei gleichzeitigem Abbau von Beschränkungen im Handel und Kapitalverkehr. So werden wir auf die neuen Fragen auch europäische Antworten finden müssen. Auf unseren Kulturseiten informieren wir diesmal u.a. über zwei Dokumentarfilme, die antifaschistischen Kunstwerken eines Genres gewidmet sind, das eher selten mit solchen Inhalten in Verbindung gebracht wird – der Musik. Der Film »Dui Rroma« (S. 28) dokumentiert die Enstehung der »Symphonia Rromani« des jungen Komponisten Adrian Gaspar, der, selbst Rom, die Leidensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiner vertonte, welcher als Kind die Deportation nach Auschwitz überlebte, aber 36 Familienangehörige dort verlor. Und »Good Bye Barcelona« (S.31) bringt das in London aufgeführte gleichnamige Musical auf die Leinwand, das den Kampf britischer Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg auf mitreißende Weise nacherlebbar macht. Der Film, der schon zweimal in Hamburg gezeigt wurde, wurde im Oktober in Berlin aufgeführt. Man kann ihn sich auch auf youtube ansehen.

Schlimm, der Extremismus…

geschrieben von Ernst Antoni

21. November 2014

Klage der bayerischen VVN-BdA in erster Instanz abgewiesen

 

Am Anfang schleppte sich die Verhandlung vor dem Münchner Verwaltungsgericht wenig unterhaltsam dahin. Allerlei fachimmanentes juristisches Hin und Her, Erläuterungen und Nachfragen von der Richterbank zu den schriftlichen Einlassungen von Kläger- und Beklagtenseite, Verweise auf Gesetzes-passagen und darauf, was eventuell sonst noch zur Wahrheitsfindung beitragen könnte.

Rechtzeitig zu Prozessbeginn hatte die Süddeutsche Zeitung in einem ausführlichen Bericht dargelegt, was da an diesem 2. Oktober verhandelt werden sollte. Unter der Überschrift »Antifaschistisch statt linksextremistisch. Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes klagt gegen Nennung im bayerischen Verfassungsschutzbericht«. Zu Wort kamen in dem Artikel für die Klägerseite der Landesgeschäftsführer und die Landessprecherinnen der VVN-BdA Bayern und deren Anwalt, für die Beklagten ein Sprecher des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz.

Seiten zur VVN im bayerischen Verfassungsschutzbericht für 2013

Seiten zur VVN im bayerischen Verfassungsschutzbericht für 2013

Im Gerichtssaal saßen dann den VVN-Landessprecherinnen Renate Hennecke und Mastaneh Ratzinger und ihrem Anwalt Yunus Ziyal ein Vertreter der Freistaats-Landesanwaltschaft, zwei Damen vom Bayerischen Innenministerium und ein Herr vom Inlandsgeheimdienst gegenüber. Letzterem gelang es schließlich, mit einem seiner Beiträge für eine gewisse Heiterkeit im Saale zu sorgen.

Hatte doch der Richter milde Zweifel an der Relevanz der bisher von dessen Behörde vorgelegten »Erkenntnisse« über die Tätigkeit der VVN-BdA in Bayern geäußert, worauf der VS-Mann sich eifrig bemühte, deren Dürftigkeit zu erklären. Man habe, sagte er sinngemäß, in den letzten Jahren nicht mehr so viel Zeit gehabt, sich den linksextremistischen Umtrieben zu widmen. Weil man sich ja in dem Zeitraum, über den hier verhandelt werde, ständig mit dem Rechtsextremismus habe befassen müssen.

Angesichts dieses selbst ausgestellten Armutszeugnisses aus der Überwacher-Ecke – in der Verhandlung ging es um bayerische Verfassungsschutz-Veröffentlichungen aus den Jahren 2010 bis 2013 – hätte es eigentlich nahegelegen, die Kompetenz jener Behörde für überhaupt irgendetwas anzuzweifeln. Nicht zuletzt, weil bekanntlich das Befassen mit dem Rechtsextremismus auch und gerade in Bayern in Sachen NSU zu wunderlichsten Interpretationen und mörderischen Folgen geführt hatte. Weshalb bis heute der Eindruck besteht, dass die tatsächlichen Kompetenzen dieses Dienstes (hier nicht allein in Bayern) so richtig eigentlich nur in Tätigkeitsbereichen wie Aktenschreddern und Nebelkerzenwerfen auffällig geworden sind.

Umso bedauerlicher ist es deshalb, dass das Gericht der Klage der VVN-BdA Bayern, ihre Nennung als »linksextremistisch beeinflusst« in den in den vergangenen Jahren veröffentlichten Verfassungsschutzberichten des Freistaats ersatzlos zu entfernen, nicht stattgeben wollte. Die Klage wurde in mündlicher Verhandlung schließlich abgewiesen, eine schriftliche Begründung steht noch aus.

»Damit wird«, so Renate Hennecke und Mastaneh Ratzinger in einer öffentlichen Erklärung vom 7. Oktober, »die skandalöse Diffamierung unserer Organisation, die unsere Ziele und unser Wirken völlig missachtet, fortgesetzt.« Erwähnt werden in der Erklärung »ehemalige Widerstandskämpfer und Verfolgte des NS-Regimes in unseren Reihen, wie Ernst Grube, Hermann und Hugo Höllenreiner und Martin Löwenberg, die noch in hohem Alter die Jugend über den Nationalsozialismus aufklären und letztlich als ›Extremisten‹ auf die gleiche Stufe mit Neonazis gestellt werden«. Und angekündigt wird: »Die VVN-BdA wird dies nicht hinnehmen und Berufung gegen das Urteil einlegen.«

Wie wichtig das ist, wurde eine knappe Woche nach dem Prozess überdeutlich. Hatte der Geheimdienst-Mann in der Münchner Verhandlung noch für die kleinen Lacher gesorgt, titelte am 13. Oktober ein Kommentator der »Süddeutschen« auf den ganzen Freistaat bezogen: »Schlapphüte zum Schlapplachen«.

Da war gerade die Sache mit Maik M. öffentlich geworden. Jenem aus Brandenburg nach Oberfranken gezogenen bekannten Neonazi und Sänger der Band »Hassgesang«, der sich in seiner neuen Heimat knapp ein Jahr lang als Zivilrichter am Amtsgericht betätigen durfte.

Bis heute steht hinter den geheimdienstlichen Diskriminierungen ein »Extremismus«-Modell aus Kalten-Kriegs-Zeiten, für das die in obiger Zeitungs-Überschrift formulierte Alternative »Antifaschistisch statt linksextremistisch« gar nicht besteht. Denen ist da echt alles eins. Nach rechts aber sind sie, sanft ausgedrückt, offen.

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