Hommage an die Opfer

geschrieben von Hans Canjé

10. März 2014

Die Wandinschriften im Kölner Gestapo-Gefängnis (EL-DE-Haus)

 

Die Botschaft klingt nicht nach Resignation, die fünf Frauen mit ihren Namen an einer Wand ihrer Zelle im ehemaligen »Hausgefängnis« der Kölner Geheimen Staatspolizei (Gestapo), dem EL-DE-Haus, hinterlassen haben: »Ob sie für das alles büßen müssen? Schlagt den Feind ohne Gnade. 12 Uhr vormittags, Mittwoch«.

Mut und Trotz spricht aus diesen Worten. Nicht minder mutig dieses »Tod den Faschisten« oder »Es lebe Frankreich!«. An einer Stelle hat Gaidan Wladimir angesichts des drohenden Todes mit bewegenden Worten an seine Heimat gedacht: »Stadt Rostow. Rostow am Don. Der blaue Sternenhimmel, die Gartenstraße, die kleine Ahornbank. Ach! Du Stadt Rostow am Don!« dazu die Jahreszahl 1945. Ob er seine Heimat wieder gesehen hat? Kurin Tolja Nikolai hat noch hinterlassen können: »Geboren 1925, gehängt 1945«. Vom 4. November 1944 ist dieser »Eintrag«: »Morgens um 10 Uhr hierhin gebracht. Wann werde ich diese Zelle wieder verlassen?«

Werner Jung (Hg.): »Wände, die sprechen. (Walls that talk). Die Wandinschriften im Kölner Gefängnis der Gestapo«. Gebunden mit Schutzumschlag, 420 Seiten, 28x34 cm. Sieben Altarfalze der Zellen zum Ausklappen. Emons Verlag Köln 2013, 69,90 Euro.

Werner Jung (Hg.): »Wände, die sprechen. (Walls that talk). Die Wandinschriften im Kölner Gefängnis der Gestapo«. Gebunden mit Schutzumschlag, 420 Seiten, 28×34 cm. Sieben Altarfalze der Zellen zum Ausklappen. Emons Verlag Köln 2013, 69,90 Euro.

»Wände, die sprechen. Walls that talk« lautet der Titel des hier vorzustellenden außergewöhnlichen und großformatigen Bandes (28 x34 cm) über die Wandinschriften im ehemaligen Gestapo-Gefängnis in Köln.

Die vorangestellten Inschriften gehören zu den rund 1400 (von insgesamt 1800 gezählten) rekonstruierten Lebenszeichen an den Wänden der Verhör- und Hafträume im Keller der einstigen Kölner Gestapo-Zentrale. Die hatte 1935 das Wohnhaus des Schmuck- und Uhrengroßhändlers Leopold Dahmen, daher EL-DE-Haus, beschlagnahmt. Nahe dem Polizeipräsidium, dem Gericht und der Haftanstalt Klingelpütz verfügten die hier wirkenden rund 100, zumeist promovierten Mitarbeiter, im Herzen der Stadt über ein Macht- und Terrorzentrum, das tiefe Spuren im städtischen Leben hinterlassen hat.

Einleitend rufen die Autoren die Geschichte des EL-DE-Hauses in den Jahren vom 1.Dezember 1935 bis zum 2. März 945 und den von Verdrängung und Vergessen gezeichneten, zuweilen recht mühseligen,  Nachkriegsweg bis zur 1981 fertiggestellten und an die Öffentlichkeit übergebenen Gedenkstätte in Erinnerung. Sie nennen die Haftanstalten, in die die Häftlinge, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter, deutsche und ausländische Widerstandskämpfer nach den Verhören weitergeleitet oder aber auf dem Innenhof durch den Galgen hingerichtet wurden.

Zur Erinnerung an die mindestens 400 hier Ermordeten ist im Dezember ein Mahnmal eingeweiht worden. (siehe dazu antifa Januar/Februar 2014, S. 30 »Kein besinnlicher Ort«.) Die Einbeziehung der Hinrichtungsstätte, heißt es im Text, stärke nochmals »den Stellenwert der Gedenkstätte, die ohnehin in Deutschland und Europa einen einzigartigen authentischen Gedenkort darstellt – in keinem anderen erhalten gebliebenen Gefängnis legt eine derart dichte Überlieferung von Inschriften an den Wänden so eindrucksvoll Zeugnis vom Schicksal der Gefangenen der Gestapo ab.«

Zu sehen sind in dieser zweisprachigen Ausgabe auf Deutsch und Englisch auf großformatigen Farbfotos die sorgfältig restaurierten Inschriften, die im Verlaufe der Jahre zum Teil übertüncht worden waren. Mit Nägeln, Bleistift, auch Kohlenstücken oder Lippenstiften hatten die Gefangenen ihre Namen und Botschaften hinterlassen. 600 dieser Eintragungen, oft ist es nur Name, sind in kyrillischer Schrift verfasst. 230 in französisch, polnisch niederländisch und spanisch..

Dem Betrachter dieses, auf edlem Papier gedruckten »Mahnmals« ganz besonderer Art, wird, wesentlich zu danken den Fotografen und Gestaltern, eine Ahnung des Geschehens in das vermittelt, was sich in den zehn Zellen des Kellergeschosses diesen repräsentativen Gebäudes ereignet haben mag – Qual Leiden, Angst, Trauer, Hoffnung und Mut. Die Zellen sind in aufklappbaren Aufnahmen (ca. 100 cm) abgebildet. Ihnen zugeordnet sind die Inschriften mit Angabe der Originalgröße. Berichte von Zeit-, eher Leidgenossen reflektieren Erinnerungen an ihre Erlebnisse in den Verließen der Gestapo.

Herausgeber ist der Direktor NS-Dokumentationszentrum der Domstadt, Dr. Werner Jung. Im Vorwort dieses typografisch hervorragend gestalteten Buches würdigt Herausgeber Werner Jung mit Dank an den Verlag und den Gestalter Jorg Weusthoff diese Dokumentation als das, was sie werden sollte (und in beidruckender Weise geworden ist): »Eine Hommage für die Opfer – ein Buch, wodurch an sie dauerhaft erinnert werden soll.«

Täter in Farbe

geschrieben von Markus Tervooren

10. März 2014

»Das radikal Böse« robbt sich an die Seelennöte der Holocausttäter heran

 

Der Holocaust war anfänglich Handarbeit, das zeigt der Film von Stefan Ruzowitzky deutlich. Zwei Millionen Menschen, überwiegend Jüdinnen und Juden, brachten die »Einsatzgruppen« der Sicherheitspolizei und des SD unter Reichsführer Himmler hinter der Front in Polen, der Ukraine, Belorussland und weiteren Gebieten der Sowjetunion zwischen1939 und 1943 um. Per Genickschuss, Tag für Tag, Dorf für Dorf. Das geschah in aller Öffentlichkeit, vor Zuschauern. Die Täter erschossen Männer, Frauen, Kinder an der Hand ihrer Mutter. Sie gingen gründlich vor. Auf die Frage, wie viele Juden von den Nazis ermordet wurden, antwortet im Film der heutige Bürgermeister des ukrainischen Städtchens Bibrka: »Genau so viele, wie laut Aufzeichnungen hier gelebt hatten.« Ein alter Mann berichtet dazu, wie er als Kind den Mördern helfen musste, die Gruben für die Erschießungen auszuheben. Wir sehen die Ruine der ehemaligen Synagoge und eine kleine Gedenkstätte, die Kerzen stammen aus Israel. So sieht es heute im ehemaligen Yidishland, in der Gegend um Lwiw (Lemberg) im Westen der Ukraine aus.

Das radikal Böse / Deutschland/Österreich, 01. 2014, 96 Min -Ab 12

Das radikal Böse / Deutschland/Österreich, 01. 2014, 96 Min -Ab 12

Der Film will ein Film über die Täter sein. Sehen wir deshalb die Täter in fiktionalen mit Schauspielern gespielten Szenen beim stramm Stehen, Marschieren, Morden, Kotzen, Saufen, Posieren, Fußball spielen, im Kino beim Anschauen von NS-Propagandafilmen, gesund, satt, jung und in Farbe? Die »radikal Bösen« sind allesamt »ganz normale« Menschen. Die Schauspieler reden nicht, ihre Gedanken werden eingesprochen. Es wird zitiert aus Tagebüchern, Briefen an die Lieben daheim, aus Kriegserinnerungen. Aus ihnen spricht das Bemühen, bei der blutigen Handarbeit in der Gruppe bestehen zu können, die Angst vor den Vorgesetzten, wir hören von selbstentlastenden Erklärungsversuchen – man erlöse schließlich das Kind, dessen Mutter schon erschossen worden sei, und Selbstmitleid. Auch um ihre Angehörigen machen sie sich Sorgen: »Liebe Heide, mache Dir keine Gedanken darüber – es muss sein«. Sie zeigen »Haltung« wie von Himmler in seiner berüchtigten »Posener Rede« gefordert.

Dann werden die deutschen Täter von Experten begutachtet: ihr Interesse ist vor allem ein psychologisches. Anschaulich erklären der Psychologe, Robert Jay Lifton (»Psycho-history«), Dave Grossmann (ehem. Psychologe in West Point), Roy Baumeister (Sozialpsychologe und Autor) in ausführlichen Interviews, wie aus (jungen) Männern erst Soldaten und dann willfährige Mörder (gemacht) werden, die dem Gruppendruck nachgeben, der Entmenschlichung ihrer Opfer zustimmen und die NS-Ideologie verinnerlichen und leben. Veranschaulicht wird das mit Spielszenen sozialpsychologischer Experimente, so das Konformitätsexperiment von Asch oder das Milgram-Experiment. Christopher Browning, Autor der Studie über das Reserve-Polizeibataillon 101 »Ganz normale Männer«, wendet dies auf die Einsatzgruppen an.

Die Opfer, die Ermordeten, bleiben übrigens schwarz-weiß, tauchen in historischen Filmaufnahmen und auf Fotos, in Listen: »Ukmerge – 298 Juden, 255 Jüdinnen, 88 Judenkinder; Lazdijai – 485 Juden, 511 Jüdinnen, 539 Judenkinder« und Einsatzbefehlen auf. Das ist auch folgerichtig – Tote reden nicht.

Ruzowitzky interessiert sich wenig für die historischen und politischen Bedingungen, aus denen das hier geschilderte Menschheitsverbrechen, der Holocaust und der NS-Vernichtungskrieg hervorgingen. Das ist die Schwäche oder der Irrtum dieses durchaus gut gemachten Films. Weder vermag er sich einer Beschreibung oder gar Erklärung der mörderischsten Variante des Antisemitismus, des deutschen Antisemitismus, Kernbestandteil der deutschen Faschismus und seiner Massenbasis anzunähern, noch dessen Aufstieg in der Weimarer Republik zu deuten, der von Anfang an von quasi staatlich und gesellschaftlichen sanktionierte Morden an Arbeiterfunktionären und Juden begleitet wurde, ausgeführt von Männerbünden wie z.B. den Freikorps. Waren das auch schon ganz normale Männer? Oder doch nur ganz normale Deutsche?

Der Film besticht trotzdem durch gut aufbereitete Fakten über den »vergessenen Holocaust« und vergisst nicht aufzuzeigen, dass die Straflosigkeit, die die Mordlust vieler Angehöriger der Einsatzgruppen noch beflügelte, in der frühen Bundesrepublik anhielt. Die meisten Täter, die in Nürnberg 1947/48 im »Einsatzgruppen-Prozess« zu hohen Strafen verurteilt wurden, kamen nach Übergabe an die bundesdeutschen Behörden nach wenigen Jahren frei. Der allergrößte Teil wurde nie vor Gericht gestellt. Also trotz einiger Bauchschmerzen – anschauen!

Franziska Kessel

6. März 2014

 

06.01.1906 – 23.04.1934

 

Kalenderblatt aus »Trotz alledem - Ein Porträt des Widerstandes im Rhein-Main-Gebiet 1933-1945« Linoldrucke von Thilo Weckmüller und Texten von Mathias Meyers.

Kalenderblatt aus »Trotz alledem – Ein Porträt des Widerstandes im Rhein-Main-Gebiet 1933-1945« Linoldrucke von Thilo Weckmüller und Texten von Mathias Meyers.

Im Alter von 26 Jahren war Franziska Kessel jüngste Abgeordnete des Deutschen Reichstages in der Fraktion der KPD. 1933 wurde sie unverzüglich im antifaschistischen Widerstand der KPD und der Roten Hilfe aktiv. Schon im Sommer 1933 wurde sie verhaftet und im Mainzer Landgerichtsgefängnis schwer gefoltert. Durch die Schläge während der Verhöre verlor sie hr Augenlicht. Am 23. April 1934 – vor achtzig Jahren – wurde Franziska Kessel erhängt in ihrer Zelle aufgefunden. Ob sie, weil sie nicht zum Verrat bereit war, ermordet wurde oder durch die Folter in den Tod getrieben wurde, ist nie ermittelt worden.

 

Collage zum NPD-Verbotsantrag

27. Januar 2014

Eine Collage zum NPD-Verbotsantrag. Zu sehen ist der Kurier, der  unter Polizeischutz am 3.12.2013 den NPD-Verbotsantrag der Bundesländer beim Bundesverfassungsgericht einreicht. Die anderen Bilder zeigen Mitglieder der VVN-BdA wie sie beim Bundestag kistenweise Unterschriften für ein NPD-Verbot beim Bundestag in Berlin übergeben.

Eine Collage zum NPD-Verbotsantrag. Zu sehen ist der Kurier, der unter Polizeischutz am 3.12.2013 den NPD-Verbotsantrag der Bundesländer beim Bundesverfassungsgericht einreicht. Die anderen Bilder zeigen Mitglieder der VVN-BdA wie sie beim Bundestag kistenweise Unterschriften für ein NPD-Verbot beim Bundestag in Berlin übergeben.

Editorial

geschrieben von Regina Girod

27. Januar 2014

Die Redaktion der antifa bedankt sich bei allen Leserinnen und Lesern für die Solidarität und das Interesse, mit denen sie unser Projekt auch im letzten Jahr begleitet haben. Viele Gespräche und Briefe mit  Hinweisen, Kritiken und  Angeboten haben unsere Arbeit bereichert und uns ermutigt, immer wieder Neues zu probieren. Natürlich danken wir auch den Spenderinnen und Spendern, mit deren Hilfe wir zum Beispiel Ende letzten Jahres den Internetauftritt der antifa erneuern konnten. Wir hoffen, dass unsere gute Zusammenarbeit mit Lesern, Autoren und Freunden 2014 weiter wächst und gehen mit Optimismus und vielen Ideen in das neue Jahr. Mehr über die Pläne und Vorhaben, die wir auf der Redaktionskonferenz im Dezember in Berlin diskutiert haben, findet sich auf Seite 2 der Verbandsseiten dieser Ausgabe.

Thematisch wollen wir uns in Zukunft verstärkt der Situation in anderen europäischen Ländern zuwenden, natürlich speziell aus antifaschistischer Sicht. Im Herbst haben wir mit Griechenland begonnen, in dieser Ausgabe beschäftigen sich drei Artikel mit Spanien und in der Märzausgabe wird unsere portugiesische Schwesterorganisation über historische und aktuelle Probleme ihres Landes berichten.

Seit Erscheinen der letzten antifa gab es auch in der Bundesrepublik eine wichtige Neuigkeit: Mit dem Einreichen des NPD-Verbotsantrages der Bundesländer beim Bundesverfassungsgericht wurde das von der VVN-BdA seit Jahren geforderte NPD-Verbotsverfahren endlich auf den Weg gebracht. Zeitgleich brach in der NPD eine Führungskrise aus, von den Gegnern des Verbotsverfahrens umgehend als Beweis für ihre »Ungefährlichkeit« interpretiert. Nach wie vor fehlt bei großen Teilen der CDU/CSU der politische Willen zu einem Verbot der NPD. Wie gefährlich sie tatsächlich weiter ist, belegt der Beitrag von Kerstin Köditz aus Sachsen. (S.9)

Mit dem »Spezial« versuchen wir, eine erste Einschätzung der AfD zu geben, denn längerfristig scheint sich eine Umformierung der rechten Szene dieses Landes anzubahnen. Mit Blick auf die Europawahlen eine durchaus problematische Entwicklung.

Von Apfel zu Lucke?

geschrieben von Thomas Willms

27. Januar 2014

Umformierungen im rechten Lager

 

Auf diesen schönen Dienstag, den 3. Dezember 2013, hat man lange warten müssen. Ein Kurier lieferte den Antrag des Bundesrates auf Verbot der NPD beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ab. Die Vorgeschichte und das endlose Hin und Her sind bekannt. Über sie ist in dieser Zeitschrift oft genug berichtet worden, mehr noch: diese Zeitschrift und die sie tragende Organisation, ihre Mitglieder und Freunde sind Teil des Prozesses, die diesen Dienstag ermöglicht haben. Natürlich werden sich im Erfolgsfalle andere das Verdienst anheften und schon immer dafür gewesen sein wollen. Egal. Die VVN-BdA kann sich freuen, dass ihr Anliegen unter weitaus besseren Umständen als beim ersten Mal verhandelt werden wird.

Ein Kurier liefert den NPD Verbotsantrag beim Verfassungsgericht in Karlsruhe ab (Foto: dpa).

Ein Kurier liefert den NPD Verbotsantrag beim Verfassungsgericht in Karlsruhe ab (Foto: dpa).

Auf den schönen Dienstag folgte am 19. Dezember gleich noch ein schöner Donnerstag als Holger Apfel von seinen wichtigsten Ämtern zurücktrat. Nicht nur war ihm das ewige Ränkeschmieden der beiden anderen Platzhirsche Pastörs und Voigt zuviel geworden, auch »die zwei Jahre währende Debatte um ein NPD-Verbot« hätten ihn »stark belastet« und zu einem »Burnout« geführt, der so stark zu sein schien, dass ihm sogar eine englische Vokabel in den Abschiedstext geraten ist. Dass mit Apfel einer der zweifellos fähigsten deutschen Neonazi-Anführer unter dem Druck einknickt, zeigt welch verheerende Auswirkungen allein die Vorbereitung eines Verbotsverfahrens auf die Kader hat. Illegalität ist Mist, wenn man die Macht ergreifen will. Das wissen Praktiker wie Apfel am allerbesten.

Zu seinem Verzagen hat aber vielleicht auch der Blick nach England beigetragen. Der englische (eigentlich nicht britische) Neofaschismus ist ein traditioneller Partner und Bezugspunkt der NPD. Ganz ähnlich wie die NPD in Deutschland hatte sich die gleichfalls ideologisch »harte« und eindeutige »British National Party (BNP) unter Nick Griffith gemausert, Mitglieder gewonnen und deutliche Wahlerfolge eingefahren. Auch in England ging es aber 2013 mit Pleiten und Pannen rapide bergab für die parteiförmig organisierten Faschisten. Gut organisierte antifaschistische Kampagnen machten ihnen das Handeln zunehmend schwer. Wesentliche Ursache der Wählerverluste war aber dort eine fundamentale Verschiebung im rechten politischen Spektrum, nämlich der Aufstieg der rechtspopulistischen »United Kingdom Independence Party« (UKIP) zwischen Konservativer Partei und BNP mit dem irrlichternden Nigel Farage als Anführer. Der UKIP, bestehend aus »verkappten Rassisten und Schwulenfeinden« wie David Cameron sie apostrophierte, wird allgemein ein Erdrutscherfolg bei den Europawahlen zugetraut, auf Kosten der faschistischen wie der konservativen Partei. Nicht nur die BNP, auch die Tory-Partei ist dadurch in eine Zerreißprobe geraten. Immer stärker formieren sich in Camerons eigener Partei Europafeindlichkeit, Einwanderungsphobien, Antiliberalismus und allerlei irrationale Stimmungsmache.

Dieses Szenario scheint zeitverzögert auch in Deutschland zu entstehen. Die selbsternannte »Alternative für Deutschland« zwischen NPD und CDU/CSU/FDP hat das Potential, ähnliche Effekte bei uns auszulösen. Der direkt auf die von den Mainstream-Medien hofierte AfD zurückzuführende Untergang der FDP ist ein Menetekel, das man gar nicht ernst genug nehmen kann.

Der ideologische Formierungsprozess der Afd ist noch nicht abgeschlossen. Es ist kein Zufall, dass ein wichtiger innerparteilicher Streitpunkt der AfD eben ihr Verhältnis zur UKIP ist, mit der Parteivorsitzender Lucke (noch) nichts zu tun haben möchte. Die AfD-Anführer um Lucke wollen nämlich den Stempel »Rechtspopulismus« dringend vermeiden. Warum eigentlich?

Das NPD-Verbotsverfahren gilt zwar einer konkreten politischen Formation, betrifft aber inhaltlich das, was man generell als Rechter »sagen darf«. Wird die Nähe zu den Inhalten der NPD zu deutlich, gerät man in die Nähe zu einer potentiell eben verbotenen und kriminellen Organisation. Wer also der AfD schaden will, muss das NPD-Verbot befördern.

Schreckliche Visionen

geschrieben von Ernst Antoni

27. Januar 2014

»Kommunistisch orientierter Antifaschismus« eine Epidemie?

 

Neulich also auch der BND. In Pullach im oberbayerischen Isartal, wo es die Auslands-Geheimdienstler jahrzehntelang schön ruhig hatten, weshalb nicht wenigen immer noch vor dem näher rückenden Umzug ins unwirtliche Berlin graut, gab es in Gemeinderäumen eine Ausstellung. Und Vorträge. Einer handelte, so die Lokalausgabe der »Süddeutschen«, von »Verstrickungen des BND mit Altnazis« und die Zeitung titelte: »Gruselige Kontinuität«.

Kommt noch dazu, dass all dies stattfand, weil seit einiger Zeit auch der Auslandsgeheimdienst, die eigene Nachkriegsgeschichte betreffend, Historiker in manche seiner (sicherlich nach wie vor handverlesenen) Akten schauen lässt. Da wird dann – Stichwort »Amt Gehlen« – doch manches öffentlich. Es sei dahin gestellt, warum sich staatliche und private Institutionen, Interessensverbände, Unternehmen hier zunehmend einer gewissen neuen Offenheit befleißigen. Abgesehen davon, dass die einst handelnden Personen jetzt fast alle meist üppig alimentiert das Zeitliche gesegnet haben und nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden können. Aufschlussreich sind die neu-alten Erkenntnisse allemal.

Und gar nicht so ungefährlich. Könnten sich doch die Auftraggeber solcher Recherchen, die Forschenden und letztlich auch Medienmacher, die daraus – siehe oben – gewisse Schlüsse ziehen, plötzlich dem Vorwurf ausgesetzt sehen, an der Propagierung eines »kommunistisch orientierten Antifaschismus« beteiligt zu sein. Diese schreckliche Vision wiederum gehört zum Standardrepertoire des Inlandsgeheimdienstes, der die angeblich von ihm zu schützende Verfassung besonders bedroht sieht, wenn die eine oder der andere laut und öffentlich sagt, ihr oder ihm schienen die vielen Kontinuitäten schon recht gruselig.

Wieder Setzen! Nazis blockieren!

geschrieben von Markus Tervooren

27. Januar 2014

Am 13. Februar 2014 in Dresden und am 18. Januar in Magdeburg

 

War Dresden am 13. Februar noch vor wenigen Jahren ein Synonym für Deutschlands und Europas größte regelmäßige Neonaziaufmärsche, Geschichtsvergessenheit, deutsches Selbstmitleid und Schuldabwehr, hat sich dies dank der Kampagne des Bündnisses Nazifrei! – Dresden stellt sich quer und alljährlich zehntausender Blockiererinnen, mittlerweile entscheidend geändert. Der größte Naziaufmarsch Deutschlands ist seit drei Jahren Geschichte, dank, zivilem Ungehorsam, zielgerichteten Regelverletzungen, also Massenblockaden. Was ist schon eine kollektive »Ordnungswidrigkeit« gegen den Aufmarsch des 5000 köpfigen NSU-Fanclubs? Die Stadt hat seitdem einen Exportschlager – entschlossene Zivilcourage gegen rechts. Das fand übrigens auch die österreichische SPÖ – bei einem Besuch der Landtagsfraktion der sächsischen SPD stand der Wunsch nach einem Treffen mit Dresden Nazifrei auf der Wunschliste der SPÖ-Delegation.

dresden

Auch das allzu einträchtige Gedenken von NPD bis SPD, von Volksbund deutsche Kriegsgräber Fürsorge bis Bundeswehr an die Bombenopfer des 13. Februar 1945 auf dem Heidefriedhof gehört jetzt der Vergangenheit an, zumindest Neonazis wird der Zutritt verwehrt. Diese Veranstaltung war genauso wie das »stille Gedenken« an der Frauenkirche, seit den 90iger Jahre ein willkommener Anknüpfungspunkt für die größer werdenden Neo-naziaufmärsche. Die revanchistischen Thesen der Neonazis vom »alliierten Bombenterror« bis zum »Bombenholocaust« störten damals die Dresdener Stadtgesellschaft weniger, als die Kritik und die Kritikerinnen am Mythos von der »unschuldigen Stadt«, um deren Tote man in Ruhe trauern wolle. Aber: vor Dresden gab es Oradour, Lidice, Zamosc, Leningrad und Distomo, Treblinka, Majdanek und – Auschwitz.

Doch die die Neonazis lassen nicht locker. Zwar scheinen sie den überregionalen Aufmarsch am Wochenende aufgegeben zu haben, am historischen Datum, also am Donnerstag, dem 13. Februar 2014, wollen sie es doch noch einmal wagen. Dem Vernehmen nach hat der Dresdener Neonazikader -Maik Müller den Demonstrationsversuch angemeldet. Mensch darf also gespannt sein. Schon letztes Jahr hatte der Dresdener Polizeichef Kroll verkündet: »Wir werden für Neonazis nicht kämpfen« und »3000 Menschen kann man nicht wegtragen«.

Außer dem notwendigen »Wieder Setzen« gibt es auch weiterer gute Gründe im Februar nach Dresden zukommen. Seit mehreren Jahren greift das Bündnis Dresden Nazifrei mit dem Mahngang Täterspuren aktiv in den Erinnerungsdiskurs der Stadtgesellschaft ein. Dem Gedenken an »unsere Toten« wird die Dresdener Vorgeschichte im NS vorangestellt. Am 13. Februar 2014 wird der Mahngang gegen 13.00 Uhr am Volkshaus am Schützenplatz starten und an verschiedenen Stationen an die Dresdener NS-Täter erinnern: z.B. an den Überfall auf das Gewerkschaftshaus, die Vertreibung der »Nichtarier« aus den Universitäten und an die Verwalter und Profiteure von Zwangsarbeit. Auch von den NS-Tätern werden sicher einige unter den Toten des 13. Februar 2014 gewesen sein. Eingeladen zu dem Rundgang sind natürlich auch all jene Dresdner und Dresdnerinnen, die seit Jahren mit einer Menschenkette gegen den Neonaziaufmarsch protestierten und auch die Blockaden gegen den Naziaufmarsch verstärkt haben. Das Bündnis Dresden Nazifrei hat übrigens die Initiatorin der Menschenkette, Oberbürgermeisterin Helma Orosz zu einem Gespräch eingeladen.

Und nicht zuletzt ist der 13. Februar 2014 eine Gelegenheit, Solidarität mit all jenen zu üben, die von den sächsischen Ermittlungs- und Justizbehörden bedrängt werden.

Die Dresdener hätten die Proteste satt, bemerkte ein Dresdener Richter, bevor er Tim H. zu 21 Monaten Haft ohne Bewährung verurteilte. Tim soll mit einem Megaphon Proteste angeführt haben. Der Hauptbelastungszeuge konnte dies allerdings nicht bestätigen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, 2014 geht es in die nächste Runde. Bei dem Prozess gegen den Jenaer Pfarrer Lothar König, er sollte genau wie Tim als Rädelsführer der Blockaden aufgebaut und abgeurteilt werden, tauchten zahlreiche entlastende Beweismittel erst während des Prozesses auf, zuvor waren sie von der Staatsanwaltschaft unterdrückt worden. Statt den Pfarrer freizusprechen, wurde der Prozess bis jetzt nur unterbrochen. Darüber hinaus laufen noch immer Verfahren und Ermittlungen gegen hundert weitere Antifaschisten.

Doch zahlreiche Freisprüche und Verfahrenseinstellungen bei den »Blockadeprozessen«, zeigen, dass die von der Extremismusdoktrin gespeiste Verfolgungs- und Anklagewut selbst in Sachsen nicht zu den gewünschten Verurteilungen und auch nicht zu dem erwünschen Abschreckungseffekt führten. Das demonstrieren die zahlreichen Menschen in Dresden, die sich immer wieder den Neonazis in den Weg stellen. »Kommt nach vorne!«: Für diesen Spruch soll Tim H. eingesperrt werden, »Kommt nach vorne – wieder setzen« heißt es am 13. Februar 2014 in Dresden.

Das war kein »Bürgerkrieg«

geschrieben von Hans Canjé

27. Januar 2014

Vor 75 Jahren: Mit Hitlers und Mussolinis Hilfe siegt Franco in Spanien

 

Auftakt einer Reise auf den Spuren der Vergangenheit. Im Haus der Handels- und Industriegewerkschaft in Barcelona spricht an diesem Novemberabend des Jahres 2013 der französische Historiker der Universität in Dijon, Serge Wolikow, über die Ebroschlacht vom 25. Juli bis 16. November 1938. Mit Nachdruck betont er: »Was von 1936 bis 1939 in Spanien tobte, das war kein Bürgerkrieg sondern die erste bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Demokratie und Faschismus.«

Blick auf den Ebro 2013. Foto: H. Canjé

Blick auf den Ebro 2013. Foto: H. Canjé

Unter den zuhörenden Gästen aus Frankreich, Italien, Russland und Deutschland sitzen die Brüder Vincent (96) und Joseph Almudever (94) aus Frank-reich. Beide Spanienkämpfer. Joseph war Kämpfer in der spanischen republikanischen Armee, dann in der Internationalen Brigade. Er bekräftigt aus eigenem Erleben, die Erkenntnisse des Wissenschaftlers: Der durch Franco im Juli 1935 ausgelöste Putsch war kein Krieg zwischen Spaniern, sondern zwischen Antifaschisten und Faschisten. Und die Non-Interventions-Haltung in London und Paris war ein Verbrechen.

»Nichts ist vergessen und Niemand« singt Franz Josef Degenhardt. In der Tat. Dieses Verbrechen wurde von den Großmächten England und Frankreich wohlwollend beobachtet. Ging es doch auf der iberischen Halbinsel, unterstützt von Italien und Deutschland mit modernen Waffen und Soldaten, um den »Kampf gegen den Kommunismus«. Dieses Kapitel endete am 1.April 1939 mit dem Sieg Francos über die demokratisch gewählte Volksfrontregierung. Am 14. Januar 1939 waren seine Truppen in Taragosa eingezogen, am 26. in Barcelona, und am 4. Februar in Girona. Fünf Tage später war der letzte Widerstand in Katalonien gebrochen. Am 27. Februar wurde das Franco-Regime von England und Frankreich offiziell anerkannt Am 28. Februar fiel Madrid in Francos Hand.

Vincent Almudever ging gemeinsam mit anderen Interbrigadisten über die Pyrenäen zurück nach Frankreich und wurde im Lager Gurs interniert. Sein Bruder Joseph blieb in Spanien. Beide gehörten der französischen Gruppe an, die Ende Oktober, Anfang November nach Barcelona gereist war. In einer international zusammengesetzten Delegation unternahmen sie eine Erinnerungsreise an die Orte, an denen vom 25. Juli bis 16. November im unteren Ebrotal eine der blutigsten Schlachten in Nordkatalonien stattgefunden hat.

Eine Station war Campredó. Hier weihte der Bürgermeister zur Erinnerung an die Ereignisse vor 75 Jahren einen Gedenkstein ein. Vom alten Turm auf der kleinen Anhöhe bietet sich an diesem sonnigen Tag ein weiter Blick auf den Ebro, lässt fast vergessen, was vor 75 Jahren geschehen ist. 700 Angehörige des französischen Bataillons »Commune de Paris« kamen hier bei der Erfüllung des Auftrages ums Leben, bei Gandesa einen Entlastungsangriff zu unternehmen, der zur erfolgreichen Überschreitung des oberen Ebro beigetragen hat.

In mir kommt die Erinnerung an die Bundestagssitzung vom 29. September 2006 hoch, an den von der Linksfraktion aus Anlass des 70. Jahrestages der Gründung der Internationalen Brigaden in Spanien eingebrachten Antrag. Das Parlament, hieß es da, möge den Kampf der 5000 deutschen Freiwilligen an der Seite der Spanischen Republik für ein antifaschistisches und demokratisches Europa würdigen. Erinnert wurde daran, dass in Frankreich die republikanischen Freiwilligen den Résistance-Kämpfern gleichgestellt wurden und daran, dass Spanien 1996 allen noch lebenden ausländischen Kämpfern für die Spanische Republik die Ehrenstaatsbürgerschaft verliehen hat…

Während die Grünen moderate Zustimmung zum Anliegen der Linken bekundeten, schütteten CDU/CSU und FDP Hohn und Spott über die Linksfraktion aus und die SPD verzichtete gleich ganz auf ihr Rederecht. Der deutsche Spanienkämpfer Kurt Goldstein und der ehemalige Generalsekretär der Kommunistischen Partei Spaniens, Santiago Carrillo, auch er Teilnehmer am Kampf gegen Franco, wurden auf der Besuchertribüne Zeugen dieser schmählichen neudeutschen Geschichtsstunde. Bis heute steht die politische Würdigung der deutschen Spanienkämpfer aus.

Besser nachfragen

geschrieben von Axel Holz

27. Januar 2014

Gab es viel mehr Opfer rechter Gewalt als angenommen?

 

Die Staatsanwaltschaft Magdeburg sah nach dem Überfall auf einen Dönerbudenbetreiber und dessen Freundin am Bernburger Bahnhof keinen Anlass, ein rassistisches Tatmotiv zu unterstellen. Mit Rufen wie »Scheiß Ausländer« und »Scheiß Türke« hatten Jugendliche aus der Schönebecker Naziszene am Rande einer Feier den Imbissbesitzer angegriffen und lebensgefährlich verletzt. Derartige Taten hatten auch die Fraktionen der Linken und der Grünen im Blick, als sie in einer Anfrage an die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern fünf Morde hinterfragten. Drei Obdachlose und zwei Migranten wurden zwischen 1996 und 2001 in Mecklenburg-Vorpommern getötet, die in das Feindbild der Neonazis passen, aber nicht als Opfer rechter Gewalt erkannt wurden. In der Begründung hatten die Parteien darauf verwiesen, dass von 152 Todesopfern rechter Gewalt, die unabhängige Untersuchungen nennen, nur 63 behördlich anerkannt sind.

Innenminister Caffier (CDU) wies in der Antwort der Landesregierung darauf hin, dass zu den Fällen keine Anhaltspunkte oder Tatsachen festgestellt worden seien, die eine rechtsgerichtete Tat vermuten ließen. Die Nachfrage dürfte aber berechtigt gewesen sein. Denn mittlerweile stießen die Ermittler des Bundeskriminalamtes bei der Analyse von 3.000 Fällen auf möglicherweise 746 vollendete oder versuchte Tötungen, bei den 849 Menschen starben oder lebensgefährlich verletzt wurden. Es geht dabei und Delikte, bei denen bisher keine Tatverdächtigen bekannt waren. Für die jetzt laufende Untersuchung aller ungeklärten Verdachtsfälle seit 1990 wurde ein »Indikatorenkatalog« erstellt, der untersucht, ob Opfer in rechtsradikale Feindbilder passen. So wird gefragt, ob die Opfer Migranten, Obdachlose oder Homosexuelle sind oder die Tat einen andern politischen Hintergrund hatte.

Die Opferzahl rechter Gewalt könnte sich in Bezug auf vollendete und versuchten Tötungen dadurch auf mehrere Hundert erhöhen. Bundestagsvize Petra Pau sagte, dass die Diskrepanz zwischen den Opferzahlen von Journalisten und gesellschaftlichen Initiativen auf der einen Seite und offiziellen Statistiken auf der anderen Seite nicht hinnehmbar sei. Sicherheitsbehörden hätten die Dimension rechter Gewalt jahrelang verharmlost, kommentierte die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung Anetta Kahane. Es bleibt zu hoffen, dass die Innenminister der Länder nun genauer hinschauen, wenn es um rechte Gewalt geht – bei falsch beurteilten Gewalttaten in der Vergangenheit ebenso wie bei absehbaren Fällen in der Zukunft.

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