Warum nicht schon früher?

geschrieben von P.C.Walther

9. September 2013

Juli-Aug. 2013

»Deutsche Justiz geht verstärkt gegen NS-Verbrecher vor«, lautete kürzlich die Überschrift in einer Tageszeitung. Tatsächlich sind Ermittlungen gegen einige ehemalige SS-Leute, KZ-Aufseher und Beteiligte an den Tötungs- und Mordkommandos, soweit sie noch leben, aufgenommen worden.

Doch warum erst jetzt? Fast siebzig Jahre nach den Verbrechen. Jahrzehntelang ist wenig, dann kaum noch etwas, oft sogar nichts mehr geschehen. Die Bilanz der Strafverfahren wegen Naziverbrechen ist mager, die Zahl der Verurteilungen noch magerer. Freisprüche waren nicht selten, weil den Beschuldigten die konkreten Taten individuell nicht »einwandfrei« nachzuweisen gewesen seien. Wie auch? Die Opfer und Zeugen waren umgebracht worden. Und die Verhältnisse in den KZs und Todeslagern ermöglichten kaum das Sammeln und Aufbewahren von Beweisen.

Dass Staatsanwaltschaften nunmehr trotzdem gegen Naziverbrecher vorgehen, wird mit dem Urteil des Landgerichts München gegen den früheren KZ-Aufseher John Demjanjuk begründet. Darin sei festgestellt worden, dass die Zugehörigkeit zur Tötungsmaschinerie die Tatbeteiligung ausreichend belegt und es deshalb nicht eines individuellen Nachweises einer einzelnen Handlung bedarf. -Diese Rechtsprechung ermögliche nunmehr die Verfolgung.

Da stellt sich allerdings die Frage, warum eine solche Rechtsprechung nicht schon Jahrzehnte früher erfolgt ist? Der Verdacht erhebt sich, dass die entscheidenden Leute das gar nicht wollten. War nicht z.B. das Bundesjustizministerium »bis in die sechziger Jahre von Alt-Nazis beherrscht«, wie dies erst kürzlich eingestanden wurde?!

Es ist gewiss nichts dagegen einzuwenden, dass versucht wird, ehemalige KZ-Wächter, soweit sie noch leben, zur Verantwortung zu ziehen. Das kann allerdings niemanden von den Unterlassungen in den vergangenen Jahrzehnten freisprechen. Und die Täter, die nunmehr um die 90 Jahre alt sind und bislang ihr Leben in Freiheit genießen konnten, brauchen eine Haft kaum noch zu fürchten.

War es NATO-Terrorismus?

geschrieben von Christian Rethlaw

9. September 2013

BND-Geheimorganisation der Urheberschaft an Bombenanschlägen
beschuldigt

Juli-Aug. 2013

In einem Verfahren vor dem Kriminalgericht in Luxemburg sind einige bemerkenswerte Dinge zur Sprache gekommen. Angeklagt sind ehemalige Polizisten, denen Beteiligung bzw. Urheberschaft an Bombenanschlägen in den Jahren 1984 bis 86 vorgeworfen wird. In dieser Zeit gab es in Luxemburg etwa zwanzig Sprengstoffattentate vorwiegend gegen Stromleitungsmasten.

Die Verteidigung versucht nachzuweisen, dass die Bombenanschläge eine andere Urheberschaft haben. Sie hätten zur damaligen NATO-Strategie gehört, Attentate zu begehen, sie linken Kräften zuzuschieben und so eine politische Rechtsentwicklung zu provozieren. Erfolgt sei dies alles im Rahmen der Tätigkeit der NATO-Geheimorganisationen »Stay behind«, auch unter dem Namen »Gladio« bekannt.

In dem Prozess trat als Zeuge der Deutsche Andreas Kramer auf. Er erklärte, sein verstorbener Vater Johannes Kramer, Hauptmann der Bundeswehr, habe als Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes im Rahmen von Tätigkeiten für die »Stay Behind«-Organisation der NATO solche Anschläge organisiert. Er habe auch den Anschlag auf das Münchner Oktoberfest im September 1980, bei dem 13 Menschen ums Leben kamen, eingefädelt.

Diese Meldungen, die ebenso wie der Prozess überhaupt, in den deutschen Medien (mit wenigen Ausnahmen) kaum Beachtung fanden, veranlassten die Bundestagsfraktion der Linken zu einer Anfrage an die Bundesregierung über die »Mögliche Beteiligung des BND an Bombenanschlägen im Rahmen der ›Stay behind‹-Organisation der NATO«.

Bemerkenswert ist, dass die Bundesregierung in ihrer Antwort (Drucksache 17/13214) die Existenz der Organisation der NATO bestätigt. Die unter der Bezeichnung »Gladio« bekanntgewordene Geheimorganisation wurde als »militärische Widerstandsorganisation« u.a. zum Zwecke der »Aufklärung« und Sabotageakten in besetzten Gebieten aufgebaut, auch vom BND.

Zu den konkreten Fragen der Beteiligung bzw. Urheberschaft an den Anschlägen heißt es allerdings in der Antwort der Bundesregierung, ihr lägen darüber »keine Erkenntnisse vor, die die Behauptung bestätigen«. Gleichwohl würden Bundesregierung und Generalbundesanwaltschaft »die Berichterstattung in den Medien zu dem angesprochenen Verfahren in Luxemburg« weiter »verfolgen«.

Der Prozess ist allerdings vorerst eingestellt, weil sich das Gericht durch das Geheimschutzgesetz blockiert sieht. Erst wenn der Geheimschutz aufgehoben sei, könne das Verfahren wieder aufgenommen werden.

Rassismus beim Burschentag

geschrieben von Axel Holz

9. September 2013

Juli-Aug. 2013

Der Sprecher der Initiative »Burschenschaftler gegen Neonazis«, Christian Becker, ist aus der »Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn« ausgeschlossen worden, weil er öffentlich mehrfach auf rechtsextremes Gedankengut innerhalb der Burschenschaften hingewiesen hatte.

Der Berliner Gesundheitsstaatssekretär Michael Büge ist kürzlich nach langem öffentlichen Streit vom CDU-Sozialsenator Mario Czaja entlassen worden. Büge war nicht bereit, aus seiner Burschenschaft Gothia auszutreten. Der Vorgang belegt, wie umstritten die studentischen Männerbünde heute sind.

Einer der größten Dachverbände der Burschenschaften, die Deutsche Burschenschaft, hatte sich zum jährlichen Treffen am 23. Mai in Eisenach versammelt. Der Verband vertritt etwa 100 Burschenschaften, in denen wiederum 1.500 aktive und 10.500 frühere Studenten mitwirken. Im vergangenen Jahr waren es noch 25 Bünde mehr, die mittlerweile wegen des Rechtsrucks des Dachverbandes ausgeschieden sind. Bereits 2011 hatte der Deutsche Burschentag in Eisenach über rassistische Aufnahmekriterien für Mitglieder diskutiert. Zwei Jahre später wurde nun ein erneuter rassistischer Antrag eingebracht, der zwischen »deutscher«, »abendländisch-europäischer und »nicht-abendländisch-europäischer« Abstammung unterschied. Aus solchen Vorschriften spreche ein offen völkischer Rassismus, bewertet der Rechtsextremismusexperte der Freien Universität Berlin, Hajo Funke, diese Überlegungen. Der rassistische Antrag wurde kurz vor Beginn der Tagung zurückgezogen. Es sei nicht auszuschließen, dass eine solche strategische Entscheidung Pluralismus vortäuschen soll, hatte ein Sprecher der Initiative »Bündnis gegen den Burschentag in Eisenach« den Rückzieher kommentiert. Der rassistische Auslöser zum Antrag kam übrigens von der »Alten Breslauer Burschenschaft Raczeks zu Bonn«, die die Verbindung »Hansea Mannheim« aus dem Dachverband ausschließen wollte, weil diese einen chinesischstämmigen Studenten in ihre Reihen aufgenommen hatte.

Die Bundesregierung sah zuletzt am 20. Dezember 2012 »keine hinreichenden Anhaltpunkte dafür, dass der Dachverband der Deutschen Burschenschaften (DB) Bestrebungen verfolgt, die gegen die freiheitlich demokratische Ordnung gerichtet sind«. Teil der Deutschen Burschenschaft ist übrigens auch die »Münchener Burschenschaft Arminia-Rhenania«. Ihr Mitglied Hans-Peter Uhl (CSU) entscheidet im »Parlamentarischen Kontrollgremium« des Bundestages mit über die Einschätzung von neonazistischen Strukturen.

Kein Fußbreit den Faschisten

geschrieben von Martin Schirdewan

9. September 2013

Der Stern der Thüringer Naziszene sinkt

Juli-Aug. 2013

Am 15. Juni 2013 mobilisierte die Neonaziszene erfolglos zum sogenannten »Thüringentag der nationalen Jugend« in die Stadt Kahla. Nur knapp 200 Rechtsextreme fanden ihren Weg in die in der Nähe Jenas gelegene Kleinstadt und trafen dort auf eine bunte und aktive Zivilgesellschaft, die sich ihnen mit kreativen Methoden in den Weg stellte.

Nach Vorstellung der thüringischen Neonazis sollte Kahla nach dem Niedergang des »Festes der Völker« in Jena ein Zentrum der Aktivitäten ihrer Szene werden. Tatsächlich wurde daraufhin in der Stadt selbst ein Anstieg rechtsextremer Betätigungen festgestellt. Doch sowohl die lokale Politik als auch die landesweite aktive Zivilgesellschaft waren und sind sich des Problems bewusst und agieren entsprechend klug. Als die Neonazis zum 15. Juni 2013 zum »Thüringentag der nationalen Jugend« – einer Neonazipropagandaveranstaltung mit Mucke und Blödsprech – mobilisierten, trafen weniger als 200 angereiste Rechtsextreme auf eine vom landesweiten Bündnis gegen Nazifeste organisierte »Meile der Demokratie«. Mehrere hundert aktive Bürgerinnen und Bürger Kahlas und zivilgesellschaftliche Akteure aus ganz Thüringen verwehrten den Rechtsextremen die Inbesitznahme des öffentlichen Raumes. Erfolgreich. Während die Antifaschisten den Pfarrer Lothar König auf ihrer Veranstaltung für sein aktives Engagement gegen jede Form des Rechtsextremismus ehrten und ihm so ihre Solidarität in seiner Auseinandersetzung mit der sächsischen Justiz wegen der Blockaden in Dresden erwiesen, misslang es den Neonazis in Kahla trotz Musik und Muskelspiel, weitergehende Aufmerksamkeit für sich zu erringen. Ein Trend, der sich hoffentlich verstetigt.

Als Ursache dafür, dass die Zeit der Großinszenierungen der Neonazis vorbei zu sein scheint, kommen mehrere Faktoren in Frage. Zum einen wirkt sich wohl die unglaubliche Effektivität der Selbstzersetzung der NPD aus. Ihr politischer Dilettantismus schadet dem parteiförmig organisierten Rechtsextremismus im Augenblick so sehr, dass man sich wünschen mag: mehr davon! Oder besser noch: gleich verbieten diese offenen Faschisten, bevor die NPD ihre Mobilisierungsfähigkeit evtl. wiedererlangt.

Auch scheinen die Neonazis nach den vergleichsweise erfolgreichen Anklängen in sub- und jugendkulturellen Zusammenhängen mittlerweile mit ihrer Charmeoffensive ans Ende ihres Lateins gelangt zu sein. Wer will noch verkleidet sein wie der black block und deutschsprachige Schrummelmucke hören? Wie uncool.

Doch wie tief sitzt der Schock des Auffliegens des NSU tatsächlich? Geht die rechtsextreme Szene durch die Bildung eines Mythos und einer falsch verstandenen Solidarität mit der Mörderbande aus dem NSU-Skandal und Prozess gestärkt hervor oder wenden sich Sympathisantinnen und Sympathisanten angewidert ab von den Mördern, ihrem Netzwerk und der Kultur, die solche Entartungen hervorbringt?

Trotz der Erkenntnis, dass es der rechtsextremen Szene derzeit in Deutschland nicht gelingt, ein irgendwie attraktives Politikangebot, und sei es auch nur für die eigenen Leute, zu unterbreiten, kann daher das antifaschistische Motto nur lauten: Wehret den Anfängen und natürlich auch den Resten!

In der »Stadt der Bräute«

geschrieben von Hans Canjé

9. September 2013

In Iwanowo feierte ein Haus der Solidarität den 80. Jahrestag seiner
Gründung

Juli-Aug. 2013

Als sich am 22. Juni die Teilnehmer der Reise im Berliner Café Sybille zum »Russischen Abend« trafen, fehlte Hermann Müller aus Chemnitz. Der 91 jährige Senior der Reisegruppe, Deserteur aus der faschistischen Wehrmacht und Partisan in den Reihen der Roten Armee, war wenige Tage nach der Rückkehr verstorben. Mit der Reise hatte er sich, trotz der zu erwartenden Strapazen, einen letzten großen Wunsch erfüllt.

»Stadt der Bräute«, das war einmal im Volksmund die Bezeichnung für die rund 300 Kilometer von Moskau entfernt liegende Stadt Iwanowo. In ihrer Blütezeit hatte die örtliche Textilindustrie viele junge Frauen als Arbeiterinnen angelockt. Wenn der Bürgermeister Iwanowos heute von einem »Aushängeschild« der Stadt spricht, hat das aber weniger mit den Bräuten, als viel mehr mit einem Haus zu tun, das auf Initiative der Textilarbeiter Iwanowos und mit internationaler Solidarität gebaut und vor nunmehr 80 Jahren, am 1. Mai 1933 an die Jugend aus den um Brot, Freiheit und um ein Leben in Menschenwürde kämpfenden Völker übergeben werden konnte.

»Interdom«, so der Name des neuen Hauses der Organisation »Internationale Hilfsorganisation für die Kämpfer der Revolution«. Ein Stück Geschichte der Internationalen Solidarität ist mit dem Haus verbunden, das die Tradition des MOPR-Heimes fortführen wollte, welches am 25.April 1925 im thüringischen Elgersburg für die Betreuung von Kindern politischer Gefangener oder Ermordeter aus zahlreichen Ländern seiner Bestimmung übergeben worden war. Im Juli 1928 war der »Roten Hilfe« verboten worden, das Kinderheim in Elgersburg weiter zu betreiben. In jenen Tagen, als in Deutschland das faschistische Regime an die Macht gehievt worden war, kam aus dem fernen Russland mit der Inbetriebnahme des »Interdom« in Iwanowo die Antwort.

Auf die Spuren dieser Geschichte hatte sich in den Tagen, da in der Russischen Förderation der Tag des Siegs über den Hitlerfaschismus begangen wurde, eine Gruppe von Mitgliedern unseres Verbandes und des Vereins »Kämpfer und Freunde der spanischen Republik« (KFSR) gemacht. Im Reisegepäck die Fahne der 11. Internationalen Brigade aus dem spanischen Freiheitskrieg. Mit Isabel Pinar, der Präsidentin der »Assoziation der Freunde der Interbrigaden« (AABI), war auch eine Gruppe Spanier in Iwanowa zu Gast – im Gedenken daran, dass in den Jahren nach dem Franco-Putsch 1936 hier etwa 200 Kinder von Spanienkämpfern, unter ihnen auch die Kinder von Dolores Ibarruri, der »Pasionara«, und auch aus Deutschland, eine Heimstatt gefunden hatten.

Kinder aus Bulgarien, Deutschland, Rumänien, Italien, aus dem fernen Osten, aus China, Japan oder Korea fanden Aufnahme. 1936 hatten hier bereits Kinder aus 30 Nationalitäten eine neue Heimat gefunden. Insgesamt kamen im Verlaufe der Jahre Mädchen und Jungen aus 86 Ländern. Im Festzug am 1.Mai trugen Bewohner des Interdom die Fahnen dieser Länder. Das hauseigene Museum dokumentiert die bewegende Chronik des Hauses, die von den heutigen Bewohnern des Interdom in einem mitreißenden Jubiläums-Festprogramm singend und tanzend auf der Bühne nachvollzogen wurde. Berührend dabei die Erinnerung an die 17 Bewohner des Interdom, die im Großen Vaterländischen Krieg in den Reihen der Roten Armee gekämpft und ihr Leben gegeben haben. Dazu gehörten auch Kurt Römling aus Braunschweig und Rolf Gundermann.

Auch sie waren – zum Auftakt der Reise – eingeschlossen in das Gedenken an die im Kampf gegen die faschistischen Okkupanten Gefallenen der Roten Armee, derer an der Ehrenstätte für den »Unbekannten Soldaten« im Moskauer Alexandergarten nahe dem Roten Platz gedacht wird. Dass ihr Vermächtnis nicht vergessen ist, wurde auf jeder Etappe dieser Reise auf den Spuren der internationalen Solidarität deutlich. Im Interdom in Iwanowo, in dem heute überwiegend Kinder aus den Staaten der Russischen Förderation leben, wird es von den Bewohnern wachgehalten. »Wir brauchen keine nationalen und religiösen Streitigkeiten und Konflikte. Wir wollen keine Kriege«, so heißt es in einem Appell des internationalen Forums »Für Frieden und Freundschaft auf dem Planeten«, das im ehemaligen Moskauer Pionierpalast stattfand. Worte die, wie wir uns in den unvergesslichen Tagen im Interdom überzeugen konnten, Leitmotiv dieses Hauses sind – in der Tradition des MOPR-Kinderheimes in Elgersburg.

Die Nazis im Nordosten

geschrieben von Axel Holz

9. September 2013

Fast täglich gibt es in Mecklenburg-Vorpommern braune
Aktivitäten

Juli-Aug. 2013

In einer kleinen Anfrage hatte Linken-Abgeordnete Barbara Borchert die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns nach Veranstaltungen der rechtsextremen Szene im Jahr 2012 gefragt. Auf elf Seiten führt das Innenministerium 150 rechtsextreme Veranstaltungen an. Hinzu kommen Aktionen, die lediglich dem Kontrollgremium vorgelegt wurden und eine weitaus höhere Dunkelziffer nicht erfasster Veranstaltungen.

Zu den typischen Nazi-Veranstaltungen zählen Nazi-Gedenken zum Holocaustgedenktag am 27. Januar in Neustrelitz, Aufkleber-Aktionen wie am 7. April in Teterow oder Plakate, mit denen am 9. Oktober in Friedland die Freiheit für einen verurteilten SS-Mörder gefordert wird. Beliebte Themen der Naziszene sind auch Provokationen gegen das Gedenken für die NSU-Opfer, vermeintliches Heldengedenken und die Instrumentalisierung von Bombenopfern des Zweiten Weltkrieges. Gleichzeitig sollen Ängste vor Asylbewerbern geschürt werden und es wird vor dem angeblichen Volkstod gewarnt. Flyer und Aktionen der »Unsterblichen« sollen für die »nationale Sache« mobilisieren.

Mit dem Aktionstag »Raus aus dem Euro« am 21. April und verstreuten Mahnwachen zur angeblichen Aufklärung über »Kinderschänder« wird im Norden das bekannte Themenspektrum der extremen Rechten regelmäßig bedient. Zum klassischen Repertoire der rechten Szene gehören Hitlergedenkfeiern, diesmal abgehalten in Bernitt und Hohen Trechow und die traditionelle Geschichtsverdrehung in Demmin, wo die Befreiung zum 8. Mai als »Vernichtung« verkehrt und als Trauermarsch inszeniert wurde. Ein Zentrum der Nazi-Aktivitäten in Mecklenburg-Vorpommern ist das Grevesmühlener »Thingh-Haus«. Dort ist neben dem Wahlkreisbüro der NPD auch der »Ring nationaler Frauen« aktiv, wird neben Rechtsrockkonzerten und Schulungen mit »De Meckelbörger Bote« die rechte Zeitungslandschaft bedient.

Erschreckend findet Linken-Abgeordnete Barbara Borchert die hohe Zahl von 25 aktiven Kameradschaften mit 210 bekannten Mitgliedern, darunter die »Nationalen Sozialisten Müritz«, der »Arische Widerstandsbund« aus Altentreptow und die »Völkische Burschenschar Strasbourg« sowie die »Ayan Warriors« aus Ückermünde.

Bemerkenswert ist die enge Zusammenarbeit zwischen NPD und neonazistischer Kameradschaftsszene, die durch die gemeinsame ideologische Ausrichtung befördert werde, kommentiert der Bericht des Innenministeriums. Zudem verfolge die Szene eine Strategie der Einschüchterung gegenüber politischen Gegnern, etwa durch Droh- und Verleumdungsaktionen.

Ein beliebtes Rekrutierungsmittel für die Nazi-Szene sind in Mecklenburg-Vorpommern Rechtsrockkonzerte. Davon fand ein Konzert im Grevesmühlener »Thing-Haus« statt, zwei im Szeneobjekt »Schweinestall« in Viereck, deutlich mehr aber im vorpommerschen Raum um Anklam. Elf Live-Konzerte registrierten die Behörden. Etwa 15 regionale Nazi-Bands sind aktiv und konzentrieren ihr Aufritte zunehmend auf private Feiern, darunter ein Konzert des »Hammerskin Chapter Pommern« am 28. April in Grevesmühlen mit 400 Teilnehmern, davon rund 160 aus anderen Bundesländern. Die herausragende Großaktion der rechten Szene war 2012 das Pressefest der »Deutschen Stimme« in Pasewalk. Begleitet von landesweiten Protesten musste das rechte Fest auf einen Tag verkürzt werden und die Besucherzahl früherer Konzerte von bis zu 7.000 sank auf 1.200 Teilnehmer.

Nicht unerheblich sind die überregionalen und internationalen Kontakte der nordöstlichen Naziszene. Nazis aus Mecklenburg-Vorpommern nahmen an sogenannten Trauermärschen in Sachsen-Anhalt ebenso teil, wie in Lübeck, Hamburg und Bad Nenndorf oder mit eigenem Bus am »Hammerfest« des »Hammerskin Chapter Schweiz« am 03. November im französischen Toul mit insgesamt 1.500 Teilnehmern.

Einen eher geringen rechtsextremen Einfluss sieht das Innenministerium in Elternvertretungen, Kinder- und Jugendgruppen sowie Vereinen. Der Landtagsabgeordnete der Linken Hikmat Al-Sabty warnt vor der wachsenden Rolle der Frauen in der rechten Szene. Die Nazi-Muttis halten Babykleiderbörsen ab, verteilen Propagandamaterialien und marschieren bei Demonstrationen mit. Im Lübthener »Hotel Hamburg« wurde der rechte Sportclub Sportfreunde Griese Gegend e.V.« gegründet. Auch bei den Neuburger »Sturmvögeln« mit engen Kontakten zur Artamanen-Szene bei Güstrow, mischen Frauen aktiv mit.

Schulfrei für die Bundeswehr

geschrieben von Lena Sachs

9. September 2013

Aktionstage für militärfreie Bildung und Forschung in mehreren
Städten

Juli-Aug. 2013

Weitere Infos zu Aktionen gibt es unter www.antimilitaristische-aktionstage.info

Lena Sachs ist im Bündnis »Schulfrei für die Bundeswehr« in Baden-Würtemberg aktiv

Vom 13. – 15. Juni 2013 fanden im Rahmen der dezentralen Aktionstage für militärfreie Bildung und Forschung in mehreren Städten unterschiedliche Veranstaltungen und Aktionen gegen die Militarisierung von Schulen und Hochschulen statt.

Ziel der Aktionstage war es, Öffentlichkeit und Politik auf die zunehmende Militarisierung der Gesellschaft aufmerksam zu machen und für eine friedliche, aufklärerische Ausrichtung von Bildung und Wissenschaft zu streiten. Denn Bildung und Wissenschaft können dazu beitragen, die Ursachen von Krieg und die Voraussetzungen für Frieden zu ergründen. Der Einfluss der Bundeswehr auf die Schulen und militärisch orientierte Forschung und Lehre an Hochschulen zielen stattdessen auf die Vorbereitung, Akzeptanz und Normalisierung von Krieg als Mittel der Politik.

Die Aktionstage wurden von einem breiten Bündnis von über 100 unterstützenden Gruppen und Organisationen getragen das sich aus Studierenden- und Schülerinnenvertretungen, Friedensgruppen, Bündnissen und Kampagnen gegen die Zusammenarbeit von Bundeswehr und Schulen, gewerkschaftlichen- sowie Jugend- und Ortsgruppen der Linken, Grünen und SPD, Antimilitaristinnen und Pazifistinnen zusammen setzt. Die Forderungen des Bündnisses sind die gesetzliche Verankerung der zivilen und friedlichen Ausrichtung von Hochschulen sowie die Kündigungen der bestehenden Kooperationsabkommen zwischen Bundeswehr und Kultusministerien und das Zurückdrängen von Jugendoffizieren und sog. »Karriereberatern« der Bundeswehr aus den Schulen. Mit vielen bunten und unterschiedlichen Aktionen und Veranstaltungen wurden nicht nur diese Forderungen kundgetan. So weiteten manche Gruppen ihren Protest aus, um auf die gesamte Bandbreite der Militarisierung der Gesellschaft hinzuweisen und die Heimatfront zum Bröckeln zu bringen.

Um nur ein paar Beispiele zu nennen: In Kassel gab es großen und vielfältigen Protest gegen die Bundeswehr auf dem Hessentag, in Rostock stiegen im Rahmen »165 Jahre Deutsche Marine, 100 Jahre Militärstützpunkt Hohe Düne – kein Grund zum Feiern!« schwarze Luftballons auf und es durfte im Sarg Probe gelegen werden. In Stuttgart »starben« Flashmobteilnemerinnen vor der Deutschen Post um gegen die Bundeswehrsonderbriefmarke zu protestieren. In Düsseldorf und Stuttgart gab es Mahnwachen zur Kündigung der Kooperationsvereinbarungen. In Baden-Württemberg wurden viele grün-rote Abgeordnete in einer konzertierten Aktion angerufen. In Hamburg, Mainz, Köln, Göttingen, Trier, Karlsruhe, Ludwigsburg und Wuppertal wurden vor Schulen oder an öffentlichen Plätzen Flyer verteilt, Infotische aufgeschlagen oder Unterschriften gesammelt, um auf die Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und Schulen aufmerksam zu machen. In Breisach gab es Widerstand gegen die Militärparade zur deutsch – französischen Freundschaft, und in vielen weiteren Städten wurde informiert, diskutiert, Filme gezeigt und zur Tat geschritten. Als ein zentrales Element startete mit den Aktionstagen auch die bundesweite Unterschriftenkampagne »Lernen für den Frieden!« Kein Militär und keine Rüstung in Bildung und Wissenschaft – Lernen für den Frieden! Allein über 300 Unterschriften sind beim GEW-Gewerkschaftstag in Düsseldorf gesammelt worden. Der Bundesverband der GEW unterstützte die Kampagne dabei einstimmig. Die ersten Unterschriften sollen am 5. Dezember bei der Kultusministerkonferenz in Bonn den politisch Verantwortlichen übergeben werden (weitere Infos sowie Listen zum Download unter: www.lernenfuerdenfrieden.de).

Schule als Rekrutierungsort

geschrieben von Frank Brendle

9. September 2013

Bundeswehr militarisiert den Unterricht – offen und durch
»eingebettete Lehrer«

Juli-Aug. 2013

Einige Schulen, vor allem in Berlin und NRW, haben sich bereits als militärfrei erklärt. Drei dieser Schulen wurde jüngst der Aachener Friedenspreis zugesprochen. (An einer Aachener Schule wies die – neue – Direktorin den Preis allerdings zurück, weil der Beschluss nicht rechtsverbindlich sei). Auch die außerschulischen Rekrutierungsversuche der Bundeswehr müssen zunehmend mit Protesten rechnen (einen guten Überblick bietet die Homepage www.bundeswehr-wegtreten.org).

Eine Auflistung bevorstehender Bundeswehr-Reklametermine wird jedes Quartal von der Linksfraktion veröffentlicht. http://dokumente.linksfraktion.net/mdb/17_13796_Bundeswehr_Reklame_III_2013.pdf

Die Wehrpflicht als Rekrutierungsinstrument ist weggefallen, immer weniger Jugendliche sind immer weniger darauf angewiesen, sich ausgerechnet bei der Bundeswehr zu bewerben. Die Truppe steht damit einerseits unter starkem Druck, ihre Personalwerbung aufzurüsten. Andererseits muss sie darauf achten, nicht durch falsche Verheißungen die »falschen« Jugendlichen anzulocken. Diesen Spagat hat sie bislang nicht geschafft. Zwar hat sich der Etat für Personalwerbung in den letzten Jahren vervielfacht. Standen 2009 noch vier Millionen Euro zur Verfügung, waren für 2012 bereits fast 14 Millionen eingeplant. In diesem Jahr sollen es sogar 30 Millionen sein.

Quantitativ dreht die Bundeswehr auf. Anzeigen, Radiospots, Plakatwände und »Eventmarketing« überziehen die Republik. Im Jahr 2011 war sie an 1647 Veranstaltungen (Messen, Ausstellungen, Festivals usw.) vertreten. Insgesamt seien dabei 10 240 070 Personen erreicht worden, davon entfielen fast ein Drittel auf einberufungsnahe Jugendliche »sowie deren relevanten Umfeld«, erklärte die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage von Ulla Jelpke (Linksfraktion).

Auf »qualitativer« Ebene verharrt die Bundeswehr aber auf dem alten Niveau. Und das schafft Konflikte: Als die Truppe im vorigen Jahr gemeinsam mit der Jugendzeitschrift »Bravo« und der Parole »Action, Abenteuer und jede Menge Fun« ein Abenteuer-Camp bewarb, hagelte es massive Kritik nicht nur von Friedens- und Kinderrechtsorganisationen. Auch in Militärforen sorgte man sich, dass solcherart angelockten Rekruten das soldatische Selbstverständnis fehle. Wer coole »Party-Locations« sucht, ist in Kunduz fehl am Platz. Auf einer Bundeswehrtagung im Herbst forderte Verteidigungsminister Thomas de Maizière, nicht die Illusion zu verbreiten, »als könne die Bundeswehr ein Leben wie auf einem Ponyhof bieten«.

Tatsächlich verändert hat sich aber beim »Jugendmarketing« nichts. Im Juni 2013 zeigte sich die Bundeswehr beim »Bw-Beachen«, einem Beach-ball-Wettbewerb, wieder als reine Sport- und Spaß-Truppe. Es zeigte sich aber noch etwas: Statt der 1000 geplanten Jugendlichen konnten gerade einmal 560 angelockt werden. Offenbar verlieren Jugendliche das Interesse an der Bundeswehr, selbst an deren Sportveranstaltungen.

Die Werbung verfängt nicht mehr so. Es nützt nichts, dass eine Person zwar einen Werbestand der Bundeswehr wahrnimmt, (»erreicht« wird), wenn sie daraufhin einen Bogen um den Stand macht.

Einen Ort gibt es freilich, an dem die Hauptzielgruppe geballt auftritt und keine Chance hat, einfach wegzulaufen. An Deutschlands Schulen geben sich 96 hauptamtliche Jugendoffiziere sowie 390 Wehrdienstberater (neuerdings »Karriereberater« genannt) die Klinke in die Hand, um die Schülerinnen und Schüler zu agitieren.

Die Jugendoffiziere erledigen die politische Arbeit und erläutern, dass die Bundeswehr unverzichtbar und ihre Auslandseinsätze alternativlose Beiträge zu mehr Frieden, Sicherheit, Stabilität und überhaupt einer besseren Welt sind. Werbung für einen Job hingegen ist Aufgabe der Karriereberater, die Ausbildungsberufe und Verdienstmöglichkeiten in der Truppe vorstellen.

Beides geschieht in Klassenzimmern. Jugendoffiziere profitieren von strukturellen Defiziten im Bildungsbereich: Viele Lehrer fühlen sich im Themenbereich Sicherheitspolitik nicht firm und akzeptieren dankbar das Angebot der Bundeswehr, ihre eigenen »Experten« in den Gemeinschaftskunde- oder Politikunterricht zu entsenden. Dort halten sie in der Regel einen 45minütigen Vortrag mit anschließender Diskussion. Es gilt Anwesenheitspflicht. Karriereberater kommen ebenfalls zu Vorträgen in die Klassen, wobei hier strenggenommen keine Anwesenheitspflicht besteht. Außerdem beteiligen sie sich an schulinternen Projekttagen, Ausbildungsmessen usw.

Die Einsatzzahlen sind beeindruckend: Die Karriereberater haben im vergangenen Jahr 188.000 Schüler alleine durch Vorträge an den Schulen erreicht, Jugendoffiziere traten dort vor knapp über 100.000 Schülern auf. Hinzu kommen fast 40.000 weitere Schüler, die in Seminaren oder bei Truppenbesuchen agitiert werden konnten.

Über den Besuch eines Jugendoffiziers entscheidet die jeweils zuständige Lehrerin bzw. der Lehrer. Vor vier Jahren forderte der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung die Bildungs- bzw. Kultusministerien der Länder auf, Kooperationsvereinbarungen mit der Bundeswehr zu schließen. Als Ziel des Unterfangens nannte er dabei ausdrücklich, »den Sinn bewaffneter Auslandseinsätze zu vermitteln.«

Acht Länder haben mittlerweile solche Abkommen geschlossen. Sie bekräftigen die Bereitschaft, Jugendoffiziere in den Unterricht einzubinden. Sie sind rechtlich nicht bindend, sollen aber Lehrern eine »Entscheidungshilfe« geben und etwaige Skrupel beseitigen.

Jugendoffiziere sind aber keine unabhängigen Experten, sondern beauftragte PR-Agenten der Bundeswehr. Ihre Arbeitsgrundlage, das »Handbuch: Der Jugendoffizier« schärft ihnen ein: »Für die Arbeit müssen Sie sich immer an politische Grundsatzaussagen, Analysen und Hintergrundinformationen aus den Bereichen der Sicherheits- und Verteidigungspolitik des BMVg« (des Verteidigungsministeriums) halten. Jugendoffizieren ist ausdrücklich aufgetragen, nur parteiisches Wissen zu vermitteln, vor allem aber Imagewerbung zu machen: »Wenn nichts von dem Thema in Erinnerung bleibt, so muss auf jeden Fall ein positiver Eindruck des Jugendoffiziers als Vertreter der Bundeswehr entstehen.«

Das widerspricht eklatant bildungspolitischen Grundsätzen. Die besagen unter anderem: Was in der Gesellschaft kontrovers diskutiert wird – und das lässt sich für Kriegseinsätze wohl sagen – muss auch im Unterricht als kontrovers dargestellt werden. Das können, ja dürfen Jugendoffiziere aber nicht, weil sie die Pflicht haben, einseitig Werbung für diese Kriegseinsätze zu machen.

Ironie der Geschichte: Die Kooperationsabkommen haben sich wenigstens teilweise als Schuss nach hinten erwiesen. So stellen die Bezirksjugendoffiziere etwa in Bayern und Baden-Württemberg fest, die Abkommen hätten keine positive Wirkung entfaltet, weil man davor schon »auf einer breiten Basis« mit Lehrern kooperiert habe. »Vielmehr fand die Kooperationsvereinbarung bei Kritikern einer inhaltlichen Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Sicherheitspolitik Gehör«, heißt es aus dem Süden. Konnten die Militärs bislang eher unbemerkt in den Schulen agitieren, seien manche Elternräte erst durch die Vereinbarung darauf aufmerksam gemacht worden, und nun protestierten sie dagegen – und forderten auch noch »erweiterte Mitbestimmungsmöglichkeiten«, so die genervten Militärs.

Heute gibt es in einer Vielzahl von Bundesländern Bündnisse gegen die Schuleinsätze der Militärwerber. Gewerkschaften wie ver.di und GEW sind sensibilisiert und positionieren sich gegen die militärische Beeinflussung des Unterrichts. Schüler beginnen, sich über Schulen hinaus zu vernetzen. Eltern wenden sich dagegen, dass ihre Kinder indoktriniert werden sollen. Mitunter genügt schon die Ankündigung von Protesten, um die Militärs in die Flucht zu schlagen. Es gibt erste Ansätze einer bundesweiten Vernetzung dieser Protestbewegungen.

Die wachsenden Proteste haben aber, wie oben gezeigt, noch nicht die Reichweite der Jugendoffiziere beeinflusst. Die Frage des strategischen Herangehens wird noch wenig diskutiert. Die meisten Bündnisse verstehen sich als explizit antimilitaristisch. Es geht ihnen nicht nur um die Jugendoffiziere, sondern sie sind gegen die Bundeswehr überhaupt. Das ist zwar sympathisch, bedeutet strategisch gesehen aber eine Verengung des Wirkungskreises. Es gibt mit Sicherheit viele Eltern, die nicht grundsätzlich antimilitaristisch sind, die aber nicht wollen, dass ihre Kinder ausgerechnet – und ausschließlich – von einem Jugendoffizier mit Wissen über die Bundeswehr abgefüttert werden. Diese Eltern werden von den Protesten faktisch ausgeschlossen, wenn die Eintrittskarte ein Bekenntnis gegen die Bundeswehr an sich ist.

Ein weiteres Problem der Kampagnen sind Trittbrettfahrer. Vor allem kirchliche Kreise, die früher hauptamtliche Berater für Kriegsdienstverweigerer beschäftigten, wittern eine Einnahmequelle, wenn sie »alternative« Kooperationsabkommen fordern: Neben Jugendoffizieren sollten alternative Experten in die »friedenspolitische Bildungsarbeit« einbezogen werden. Das Netzwerk Friedensbildung hat bereits ein eigenes Abkommen in Rheinland-Pfalz erreicht. In Nordrhein-Westfalen wurde das Abkommen mit der Bundeswehr neu formuliert und sieht jetzt vor, Jugendoffiziere »wie auch Vertreterinnen und Vertreter anderer Institutionen sowie Organisationen der Friedensbewegung« »gleichberechtigt« einzuladen.

Damit wird den Forderungen zur Kündigung der Abkommen die Spitze genommen und der Wehrkundeunterricht letztlich legitimiert. Denn eine »Waffengleichheit« gibt es nicht. Schließlich haben »Organisationen der Friedensbewegung« weder 96 hauptamtliche Reisekader, um in Schulen aufzutreten, noch einen Apparat mit millionenschwerem Reklamebudget hinter sich. Ausgewogenheit wird hier nur suggeriert. Auch in Baden-Württemberg ist die Protestbewegung, der einst auch die Grünen angehörten, mit einer solchen Entwicklung konfrontiert.

Noch ein strategisches Problem: Die Bundeswehr geht zunehmend zu einer Art verdeckten Einsatzes über. 30.578 sogenannte »Multiplikatoren« wurden im vergangenen Jahr von den Jugendoffizieren umworben, mit Vorträgen und noch mehr mit Seminaren. Darunter waren 12.000 Lehrer und 2000 Vertreter von Schulbehörden. Immer mehr Seminare richten sich an Referendare. Die Jugendoffiziere in Baden-Württemberg versprechen sich davon, »dass es in Zukunft einfacher sein dürfte, Kontakte zu Schulen aufzubauen bzw. pflegen zu können«. Während Jugendoffiziere durch ihre Uniform wenigstens noch als Partei zu erkennen sind, ist die Instrumentalisierung scheinbar neutralen Lehrpersonals ein geschickter Schachzug, um eine Art »militärisch eingebetteten« Unterricht hinzukriegen. Das gleiche gilt für Unterrichtsmaterial, das ein scheinbar unabhängiger Verlag kostenlos bereitstellt: »Frieden und Sicherheit«, mit wöchentlich neuen Arbeitsbögen, zehntausendfach von Lehrern abgerufen, didaktisch aufbereitet – und militäraffin: Die Kosten werden zu 100 Prozent von der Bundeswehr getragen. Es dürfte eine Aufgabe vor allem der GEW sein, dem entgegenzuwirken.

Zivilcourage

geschrieben von Die Fragen stellte Regina Girod

9. September 2013

antifa-Gespräch mit Dietrich Schulze, Initiative gegen
Militärforschung an Universitäten

Juli-Aug. 2013

Dr.-Ing. Dietrich Schulze war von 1966 bis 2005 im Kernforschungszentrum Karlsruhe (jetzt KIT Campus Nord) tätig, anfangs als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Hochenergiephysik-Projekten und später als Betriebsratsvorsitzender. Er ist Mitbegründer der Initiative gegen Militärforschung an Universitäten, Beiratsmitglied der NaturwissenschaftlerInnen-Friedensinitiative sowie DFG-VK- und BdWi-Mitglied. Seit der Öffnung der VVN zur VVN-BdA ist er als Antifaschist aktiv, zurzeit als Kreisvorstandsmitglied in Karlsruhe.

Web-Dokumentation der Initiative

www.stattweb.de/files/DokuKITcivil.pdf

Whistleblowerin Irma Kreiten

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antifa: Wie sieht es in der Bundesrepublik aus in Bezug auf die Zusammenarbeit von Hochschulen und Militär?

Dietrich Schulze: Militärforschung im natur- und geisteswissenschaftlichen Bereich ist eine flächendeckende Erscheinung. Nur zwei aktuell heiß diskutierte Beispiele: In München entsteht auf dem Gelände einer ehemaligen militärischen NS-Versuchsanstalt der zivilmilitärisch-industrielle Forschungskomplex BICAS für die Entwicklung von autonom agierenden Kampfdrohnen. In Kiel haben Uni und Institut für Sicherheitspolitik (ISPK) ein Konzept zur Aufstandsbekämpfung in den Ländern des globalen Südens entwickelt. Aus Feldforschungen in Afghanistan wird die »Enthauptung aufständischer Gruppen durch Ausschaltung von bedeutenden Führern« als wirksames Instrument abgeleitet.

antifa: Die Kooperationen haben doch sicher auch mit Geld zu tun?

Dietrich Schulze: Bleiben wir bei Kiel. Die Uni hat in den letzten Jahren 2,7 Mio. Euro von BMVg und NATO eingenommen. Die Not der gezielten Unterfinanzierung der Hochschulen machen immer mehr Uni-Verantwortliche zur Tugend der Fremdfinanzierung und Fremdsteuerung durch Wirtschaft und Rüstung.

antifa: Seit einigen Jahren formiert sich dagegen eine so genannte Zivilklauselbewegung. Was ist darunter zu verstehen?

Dietrich Schulze: Eine Zivilklausel ist die Selbstverpflichtung der Uni bzw. die Bestimmung im Landeshochschulgesetz, nur für friedliche, zivile, nicht-militärische Zwecke zu forschen und zu lehren. Ausgehend von einer erfolgreichen Urabstimmung im Januar 2009 an der Uni Karlsruhe ist in nur vier Jahren eine beachtliche Bewegung entstanden. Inzwischen gibt es fünf weitere Abstimmungen der Studierenden in Köln, Frankfurt a.M., FU Berlin, Kassel und Kiel. Zu den vor 2009 bestehenden fünf Zivilklauseln sind mindestens sieben neue dazu gekommen.

antifa: Gab es zu den Aktionstagen im Juni auch Aktionen an Hochschulen?

Dietrich Schulze: Die Aktionstage für militärfreie Schulen und Hochschulen waren aus vielerlei Gründen nicht so kräftig unterstützt wie noch im Herbst 2012, wo es z.B. eine Demo in Stuttgart vor dem Kultusministerium (Kündigung des Kooperationsabkommens Schule/Bundeswehr) und dem Wissenschaftsministerium (landesgesetzliche Zivilklausel) gab. Doch es gab einige innovative Aktionen wie die Kundgebung in Stuttgart gegen die geplante Bundeswehr-Briefmarke.

antifa: Wie kann man als Student oder Lehrender in dieser Bewegung aktiv werden?

Dietrich Schulze: An vielen Unis gibt es Zivilklausel-Arbeitskreise bei den ASten. Es gibt auch über die Uni hinausreichende Bündnisse an den Hochschulorten. Wichtig ist es, selber tätig zu werden, bei allen Problemen, die das bei dem heutigen verschulten Studium persönlich mit sich bringt. Bei den Lehrenden herrscht die urdeutsche oft intelligent verbrämte Anpassung vor. ISPK-Direktor Joachim Krause geht soweit, den studentischen Vorwurf der Kriegsforschung als paranoid zu bezeichnen.

antifa: Der Direktor hat dich Anfang Juli in einer Veröffentlichung persönlich angegriffen ….

Dietrich Schulze: Ja, er schimpft: »Diese Kampagne wird bundesweit von Gruppen und Personen koordiniert, die aus dem linken (oft linksextremen), antimilitaristischen Spektrum stammen (wie das »Imi« in Tübingen oder Dr. Dietrich Schulze aus Karlsruhe, der ansonsten auch noch für den VVN Bund der Antifaschisten auftritt, einer Organisation, die der Verfassungsschutz in Baden-Württemberg wohl nicht zu Unrecht als ›linksextremistisch beeinflusst‹ qualifiziert).« Das kann ich nur als Ermutigung begreifen. Ebenso wie Faschismus und Krieg gehören Antimilitarismus und Antifaschismus zusammen. Und weiter schreibt er: »Diese Art von Kooperations- und Kontaktverboten (mit dem Ziel der gesellschaftlichen Ausgrenzung bestimmter Institutionen und Personen) erinnert fatal an Zeiten, in denen Universitäten in Deutschland nicht mit Menschen oder Institutionen kooperieren durften, weil diese jüdisch waren.« Eine unglaubliche Gleichsetzung, die von ihm selbst inzwischen zwecks Vermeidung von Konsequenzen klammheimlich gelöscht worden ist.

antifa: Gibt es denn auch Beispiele für Zivilcourage?

Dietrich Schulze: Alle Welt spricht über den Mut

der Whistleblower Assange, Manning und Snowden. Es gibt auch im Wissenschaftsbereich der Bundesrepublik Whistleblower. Am 17. Juni trat die Ethnologin Irma Kreiten im Rahmen der Eröffnung einer Whistleblower-Ausstellung der Linken

im ver.di-Haus Karlsruhe erstmals an die Öffentlichkeit. Verantwortliche der Universität Tübingen

hatten mit schmutzigen Mitteln versucht, sie in Kriegsforschung einzuspannen. Dagegen hat sie sich gewehrt. Unter der Diskriminierung, auch wegen mangelnder Unterstützung, hat sie jahrelang gelitten und sich jetzt durchgerungen, reinen Tisch zu machen. Eine mutige und bescheidene Persönlichkeit, von deren »Weltpremiere« alle sehr bewegt waren.

Lübeck: Zum Andenken an Erich Mühsam

geschrieben von Johanna Jawinsky

9. September 2013

Juli-Aug. 2013

Wir, das heißt unser Vorstand der VVN-BdA Rostock, erhielten eine Einladung zur Verleihung des Erich-Mühsam-Preises 2013 am 7. Juni 2013 in Lübeck. Die Lübecker waren auf Rostock aufmerksam geworden, weil es in Rostock ein Denkmal für Erich Mühsam gibt.

Fünf Rostocker/innen fuhren also nach Lübeck, um .an der Veranstaltung teilzunehmen.

Die Erich-Mühsam-Gesellschaft Lübeck hat sich zur Aufgabe gestellt, das Andenken des Schriftstellers, Dramatikers und Journalisten Erich Mühsam in seiner Heimatstadt zu erhalten, in seinem Geiste die fortschrittliche, friedensfördernde und für soziale Gerechtigkeit eintretende Literatur zu pflegen und seine Absage an jede Unterdrückung und Diskriminierung von Minderheiten in der Gegenwart zu nutzen.

In seiner Begrüßungsrede ging der Vorsitzende der Gesellschaft auf das vorbildliche Wirken von Erich Mühsam und seinen Kampf ein. Erich Mühsam, am 6. April 1878 geboren, in Lübeck aufgewachsen, brandmarkte zeitig noch vor deren Machtergreifung das Unwesen der Nationalsozialisten Da er niemals seine Meinung widerrief, war er einer der bestgehassten Persönlichkeiten der Nazis und wurde einer der ersten Opfer. Am 19. Januar 1934 wurde er im KZ Oranienburg erhängt.

Die Veranstaltung wurde feierlich durch Musikbeiträge einer Band von Christoph Holzhöfer, die auch Texte von Mühsam vortrug und einem Duo mit Klarinette (Akos Hoffmann) und Klavier (Nikolai Juretzka) gestaltet.

Die bisherigen Preisträger sagen viel über die Erich Mühsam-Gesellschaft aus. So haben den Preis bisher unter anderem erhalten:

1995 der Totalverweigerer Andreas Speck

1999 der Kabarettist Dietrich Kittner

2001 Mumia Abu-Jamal

2003 die Tageszeitung »Junge Welt«

2005 die Rechtsanwältin Felicitas Langer

2007 das Komitee für Grundrechte und Demokratie

Dieses mal erhielten den Preis die Verleger Dr. Andreas Hohmann und Jochen Schmück für ihre Veröffentlichung anarchistischer Literatur.

Der Verlag Hohmanns »Edition AV« ist ein anarchistischer Verlag der 1988 in Frankfurt am Main gegründet wurde Er veröffentlicht Bücher zu Theorie und Geschichte, politische Satiren, Lyrik usw. (siehe Wikipedia)

Der Verlag unter Leitung von Jochen Schmück »Libertad« ist u.a. mit der Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus (DadA) befasst. (siehe www.libertad-verlag.de) .

Für uns war die sehr gut besuchte und niveauvolle Veranstaltung ein bedeutsames Erlebnis.

Wir hatten den Veranstaltern Fotos und Texte über das Denkmal für Erich-Mühsam in der Rostocker Kopernikusstraße übergeben. Die Lübecker möchten von uns gern wissen, wann und auf wessen Veranlassung dieses Denkmal eingeweiht worden ist. Dies konnten wir leider noch nicht beantworten. Wir hoffen durch weitere Recherche die Antwort zu finden.

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