Weg mit den Drohnen

geschrieben von Ulrich Sander

27. Januar 2014

Wird die deutsche Friedensbewegung wieder zu einer Einpunktbewegung? Vor 30 Jahren hatte sie mit der Forderung »Weg mit den Atomraketen« ihre größte Wirkung und massenhafteste Entfaltung. In Zeiten mit großen Koalitionsverträgen, in denen die Bundeswehr als »Armee im (Dauer-)Einsatz« definiert wird, könnte eine Friedensbewegung mit Ein-Punkt-Zielsetzung eigentlich nur die Forderung haben: Schafft die Bundeswehr ab. Das war und ist immer richtig, aber wohl nicht ohne weiteres erreichbar. Auf welche breiteste gemeinsame Losung könnte man sich dennoch einigen? Es zeichnet sich eine ab: Stoppt die Rüstung mit Kampfdrohnen!

Zu keiner anderen Forderung scheint es derzeit eine so große Zustimmung zu geben wie zu dieser. Unterschriftensammlungen wurden gestartet. Der Friedensratschlag von Kassel war stark von diesem Thema bestimmt. Linke, unzählige Friedensgruppen, Grüne Kommunisten, DKP, VVN-BdA und viele weitere Initiativen zeigen sich einig in dem Willen: Bewaffnete Drohnen, einsetzbar in internationalen Kriegen in allen möglichen Stufungen,dürfen wir nicht zulassen! Sogar die CDU/CSU zögerte im Wahlkampf, die Beschaffung von Kampfdrohnen auf die Tagesordnung zu setzen, und die SPD zeigte sich eifrig auf dem Antidrohnen-Kriegspfad. Doch im Koalitionsvertrag ist von der Absage an Drohnen nur jene an vollautomatische Kampfmittel und extralegale Tötungen übrig geblieben. Aus Kalkar/Uedem ist allerdings zu erfahren, dass die NATO dort weiter den Einsatz von Killerautomaten, also weiterentwickelten Drohnen einplant. Und »extralegale Hinrichtungen« sind in deutschen Polizeigesetzen seit langem vorgesehen – im Falle sogenannter Geiselbefreiungen per Scharfschützen. Und dann bald per Amtshilfe der Bundeswehr für die Polizei die Kampfdrohnen?

Der Einsatz von ferngelenkten Raketen, Marschflugkörpern und Kampfdrohnen aller Kategorien wird schon lange in Ramstein und Kalkar/Uedem geprobt, in Ramstein wird gar gegen Afrika der geheime Krieg per Drohnen auf den Weg gebracht. Vor hundert Jahren begann mit dem Ersten Weltkrieg der massenhafte Giftgaseinsatz. Der konnte weltweit geächtet werden. Jetzt muss der Drohnenkrieg geächtet werden. Die Antidrohnenstimmung ist vorhanden – von der Stimmung sollten wir zum Massenprotest gelangen.

Absurditäten des VS

geschrieben von Peter C. Walther

27. Januar 2014

Inhalte sind »unerheblich« und vieles bleibt geheim

 

Silvia Gingold, engagierte Antifaschistin, hat beim Verwaltungsgericht beantragt, den hessischen Verfassungsschutz zu verpflichten, vollinhaltlich darüber Auskunft zu geben, welche Daten über sie gespeichert wurden und diese sodann vollständig zu löschen. Silvia Gingold besteht darauf, dass der VS kein Recht hat, Daten über sie zu speichern. Als Erwiderung beantragte das hessische Landesamt für Verfassungsschutz, die Klage abzuweisen. Die seitenlange Begründung dafür hat es in sich.

Silvia Gingold

Silvia Gingold

Nach dem Hinweis, dass es gesetzlicher Auftrag sei, »Bestrebungen zu beobachten, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, den Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gerichtet sind«, folgt die Erklärung, »im Falle der Klägerin« lägen »tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass sie linksextremistische Bestrebungen verfolgt«. Darüber gebe es »sowohl offene als auch geheimhaltungsbedürftige Erkenntnisse«. Über alles, was »geheimhaltungsbedürftig« sei, dürfe jedoch keine Auskunft gegeben werden.

Laut Verfassungsschutz wurde 2009 »eine Personenakte zur Klägerin« »neu angelegt«, weil »Aktivitäten der Klägerin innerhalb einer linksextremistischen Gruppierung, die beim LfV Hessen Beobachtungsobjekt ist«, bekannt geworden seien. Um was es sich dabei handelt, unterliege wiederum der Geheimhaltung. Damit bleibt es nicht nachprüfbar und auch nicht widerlegbar.

Nach diesen Zumutungen erscheint fünf Seiten weiter endlich ein scheinbar konkreter Sachverhalt: Gingold sei »Rednerin bei der Demonstration am 28. Januar 2012« gewesen. Diese sei »von dogmatischen (Partei DIE LINKE) und undogmatischen linksextremistischen Gruppierungen (autonome antifa f) durchgeführt« worden. Was Silvia Gingold als Rednerin gesagt hat, sei »unerheblich«. Erheblich ist vielmehr, dass sich »unter den Veranstaltern« »auch solche« befunden hätten, die »ein kommunistisch orientiertes Antifaschismusverständnis vertreten«. Allein dadurch, dass Gingold als Rednerin auftrat, habe sie »dieses Antifaschismusverständnis gebilligt und zu seiner Verbreitung beigetragen«.

Schließlich wendet der VS sich der VVN zu. Diese sei »ursprünglich« eine »Vorfeldorganisation« der DKP gewesen, habe sich aber »wesentlich verändert«. Deshalb werde sie heute als »linksextremistisch beeinflusst« bewertet. Die »linksextremistischen Teile der VVN-BdA« seien »durch zwei Punkte charakterisierbar«: Erstens durch »Vertretung eines kommunistisch orientierten Antifaschismusverständnisses« , zweitens durch »Zusammenarbeit mit Linksextremisten anderer Organisationen« – was abzielt auf ein Kontaktverbot bei Aktivitäten gegen Neonazis, denn vor allem dort geht es um eine Zusammenarbeit aller Nazigegner.

Was der VS unter »kommunistischem Antifaschismusverständnis« versteht, wird folgendermaßen erklärt: Dieses »Antifaschismusverständnis« gehe »auf die sog. ‚Dimitroff-These‘ zurück«, die vom VS höchst sonderbar dargestellt wird: Danach werde nämlich »die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland als faschistisch betrachtet«.

Einen Beleg dafür können die Verfasser natürlich nicht anführen. Stattdessen zitieren sie aus einer Veröffentlichung einer früheren VVN-Landessprecherin: »Der Faschismus diente dem deutschen Kapital in erster Linie dazu, den Aufstieg zur Weltmacht mit militärischer Aggression durchzusetzen«; ein Satz, der aus einem Urteil der Nürnberger Prozesse gegen Wehrwirtschaftsführer stammen könnte. Davon, dass die Bundesrepublik »faschistisch« sei, steht natürlich nichts in dem Zitat. Genau so wenig wie in dem Zitat aus einem Referat Kurt Pätzolds, und erst recht nicht in einer Äußerung des VVN-Vorsitzenden Heinrich Fink, der laut VS in einem Interview erklärt habe: »Ich trete für den Sozialismus ein, ja. Die VVN ist jedoch eine strömungsübergreifende Organisation von Antifaschisten«. Der VS behauptet dennoch, dies sei ein weiteres »Beispiel für die immer noch vertretenen kommunistischen Weltanschauungen in der VVN-BdA«.

Im letzten Drittel des VS-Papiers wird Silvia Gingold vorgehalten, dass sie von einer »Kontinuität zwischen nationalsozialistischem Staat und der Bundesrepublik Deutschland« spreche. Als Beleg wird u.a. aus einer Rede Gingolds zitiert: Es seien »die höchsten Stellen der Verwaltung, der Wirtschaft, in den Medien, in der Justiz« mit Kräften besetzt worden, »die schon den Nazis gedient und den faschistischen Terror mitgetragen hatten«.

Das alles entspreche dem »kommunistisch orientierten Antifaschismusverständnis«. Alle Historiker und Publizisten, die immer wieder auf die braune Vergangenheit von Führungskräften in Ministerien, Konzernen und Medien, in BKA, BND und VS hinweisen, bedienen nach dieser Interpretation ebenfalls ein »kommunistisch orientiertes Antifaschismusverständnis« .

Deutlicher lässt sich die Absurdität der Argumentation des Verfassungsschutzes nicht aufzeigen. Verhängnisvoll bleibt jedoch, dass sie keine bloße Meinungsäußerung ist, sondern erhebliche Folgen für alle Betroffenen und die ganze Gesellschaft hat.

»Deitsch un frei wolln mer sei«

geschrieben von Kerstin Köditz

23. Januar 2014

Die NPD und die neue rassistische Welle in Sachsen

 

Führerlos. Eine Führerpartei ohne Führer. Ausgebrannt sei er, so die parteioffizielle Version. Der Apfel ist vom Stamm gefallen. Das Bild, bei dem der Lotse von Bord geht, könnte falscher nicht sein. Den Kurs des Schiffes NPD hatte Holger Apfel schon lange nicht mehr bestimmt. Und auf den Gedanken, ihm Bismarck’sche Größe zuzuweisen, wären selbst seine engsten Gefolgsleute nie gekommen.

Apfels Vorgänger will sein Nachfolger werden, will die zerstrittenen Reihen wieder einen. »Der deutschen Zwietracht mitten ins Herz« heißt folglich auch das Buch, das er unlängst im vogtländischen Theuma präsentierte. Doch werden seine Kameraden wirklich schon vergessen haben, dass sie ihm zu einem guten Teil ihre Finanzmisere zu verdanken haben? Auch Karl Richter, Stellvertreter Apfels, fühlt sich zum Führer berufen, zumindest zum Listenführer bei der Europawahl. Doch er ist noch kurz von Apfels Fall als Chef der Parteizeitung abberufen worden.

Rassistische Demonstration in Schneeberg.  Foto: Marcus Fischer

Rassistische Demonstration in Schneeberg.
Foto: Marcus Fischer

Führerlos, mittellos, chancenlos? Einen erheblichen Teil der Mitglieder ist man ohnehin los. In Sachsen desertierte in den letzten Jahren mehr als ein Viertel des Bestands, oftmals Mandatsträger und Funktionäre. Die Zeichen stehen also auf Sturm in Orkanstärke.

Bis vor wenigen Wochen wäre auch ich davon ausgegangen, dass dieser Sturm die NPD hinwegweht. Ganz ohne Verbotsverfahren. Doch, um im Bild zu bleiben, dann kam die Welle. Die rassistische Welle. Als die ersten Ausläufer die Kleinstadt Gröditz erreichten, dachte sich noch niemand etwas. Im Sommer 2012 wurde geplant, rund 100 afrikanische Flüchtlinge dort in Containern unterzubringen. Prompt druckte die NPD Flyer, initiierte eine Unterschriftensammlung. Die Stadt zog nach – ebenfalls mit einer Unterschriftensammlung. Eine Woche später hatten sich im Rathaus fast 2.100 der 7.300 Einwohner eingetragen. Ganze elf davon sprachen sich für die Aufnahme von Flüchtlingen aus.

Riesa, die in der Nähe gelegene Stadt mit NPD-Stadträten und dem Sitz der »Deutschen Stimme«, bot an, 50 der für Gröditz vorgesehenen Asylsuchenden aufzunehmen. Danach schwappte der Protest so hoch, dass Frank Richter, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung, als Mediator zu Hilfe geholt wurde. Der versucht, die Wogen zu glätten. Inzwischen auch in Chemnitz und in Schneeberg. Es handele sich bei den Protestierenden, so seine öffentlichen Äußerungen, nicht um Rassisten, nur um besorgte Bürger.

Kaum jemand redet in Chemnitz noch davon, dass das Jahr mit einem Anschlag auf das Erstaufnahmelager für Flüchtlinge begonnen hatte. Fast jeder aber weiß von den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen einigen Dutzend der dort zwangsweise eingepfercht Lebenden. Hier ist es nicht die NPD, die auf der rassistischen Welle surft, sondern die örtliche rechte Wählergemeinschaft »Pro Chemnitz.DSU« unter dem ehemaligen stellvertretenden REP-Bundesvorsitzenden Martin Kohlmann. Einer seiner Mitstreiter im Stadtrat gehört inzwischen dem Kreisvorstand der Alternative für Deutschland an.

Nein, es bedarf nicht der NPD, um rassistische Proteste in Gang zu setzen. Rassistisch ist ein erheblicher Anteil der Bevölkerung ohnehin. Aber, das Beispiel Schneeberg unterstrich dies nachdrücklich, dort, wo die NPD vor Ort ist, versteht sie es, das rassistische Potenzial für sich zu nutzen. Und wenn der Fackelmarsch in das harmlos klingende »Lichtellauf« umbenannt wird, dann spielen auch die Behörden mit. Die mobilisierenden Flugblätter sind durch die Facebookgruppe abgelöst worden. In den neunziger Jahren haben die Nazis Brandsätze auf die Heime geworfen. In Schneeberg bringt der örtliche NPD-Stadtrat Kinderspielzeug ins Heim. Und wo die Nazis so viel Kreide gefressen haben, dass sie statt Wölfe wie Schafe wirken, da folgt auch die Bevölkerung wie Schafe. Zwischen 1.500 und 2.500 Teilnehmende an den drei Demonstrationen waren es. Weit mehr als zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung der Stadt. »Deitsch un frei wolln mer sei« wurde gesungen, die Hymne der Region, geschrieben vom völkischen Heimatdichter Anton Günther.

Wie 2004, zur Zeit der Massenproteste gegen Hartz IV, sieht sich die NPD als Vollstreckerin des Volkswillens und nutzt Rassismus und völkischen Nationalismus zur Mobilisierung. Und der Erfolg führt dazu, dass man glaubt, nunmehr auf die Kreide verzichten zu können. Als in der Kleinstadt Rötha Asylsuchende in einem leer stehenden Hotel untergebracht werden sollten, lautete eines der ersten Postings auf der umgehend eingerichteten Facebook-Seite: »Das wird das neue Sonnenblumenhaus.« Die Seite hat über 800 Likes. Rötha hat knapp 4.000 Einwohner. Die sächsische NPD hat im letzten Vierteljahr rund 50 neue Mitglieder gewonnen.

Meldungen

23. Januar 2014

Aktion gegen Abs

Das Anbringen einer Gedenktafel für Fritz Bauer im Plenarsaal des Frankfurter Stadtparlaments nutzte die Stadtverordnete und Ökosozialistin Jutta Ditfurth, um auf einer anderen Gedenktafel, die im selben Saal an die Ehrenbürger Frankfurts erinnert, demonstrativ den Namen von Hermann Josef Abs zu überkleben. Auf dem Klebestreifen war zu lesen: »Abs war Chefbankier der Nazis und mitverantwortlich für Krieg, KZ, Massenmord, Raub und Versklavung. Marx Horkheimer und Fritz Bauer sollen durch die Nähe zu seinem Namen nicht beleidigt werden.« Horkheimer steht auf der Ehrenbürger-Tafel. Mit einer persönlichen Erklärung im Stadtparlament erläuterte Ditfurth ihre Aktion. Danach wurde das Klebeband von einem Stadtbediensteten entfernt. Ditfurth beantragte erneut, Abs aus der Liste der Ehrenbürger zu streichen.

Neue NPD-Spitze

Neuer NPD-Chef vorerst bis zur Neuwahl auf dem nächsten Parteitag ist der Vorsitzende der NPD-Landtagsfraktion in Schwerin, Udo Pastörs. Er hat enge Verbindungen zu Neonazi-Kameradschaften und gilt als Hardliner unter den NPD-Führern. Neuerdings arbeitet er auch mit dem ehemaligen NPD-Vorsitzenden Udo Voigt zusammen. Zum Führungswechsel an der NPD-Spitze kam es nach dem Rücktritt und Parteiaustritt des bisherigen Parteivorsitzenden Holger Apfel, der seinen Parteifreunden unter anderem »zunehmend ehrverletzende Verleumdungen« vorwarf.

Über 9.000 Straftaten

In den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres wurden offiziell 9.102 Straftaten mit rechtsextremem oder ausländerfeindlichem Hintergrund registriert. In 6.338 Fällen handelt es sich um Propagandadelikte. Außerdem wurden allein von Juli bis September 2013 bundesweit 190 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund gezählt. Alle Zahlen sind vorläufig. Laut BKA-Präsident Ziercke passieren »täglich zwei bis drei rechte Gewalttaten«. Ein Drittel aller NPD-Funktionäre ist, wie im Verbotsantrag des Bundesrats festgestellt wird, vorbestraft oder von Strafermittlungsverfahren betroffen.

Neonazi-Aufmärsche

Fremdenfeindliche Übergriffe, Drohungen und Hetze gegen Flüchtlinge, Asylsuchende und Muslime, sind nach wie vor an der Tagesordnung. Bundesweit mobilisieren Neonazis für Proteste gegen Flüchtlingsheime. Nach einer offiziellen Statistik (mit vorläufigen Zahlen) gab es im vergangenen Jahr bundesweit über 70 zumeist von der NPD mitorganisierte Aufmärsche vor Flüchtlingsheimen. Hinzu kommt die Beteiligung von Neonazis an weiteren solchen Umtrieben.

Weitere Terrorgruppen

Neben den Verfahren gegen Neonazis, die zum Umfeld des NSU gehören sollen, ermittelt die Bundesanwaltschaft derzeit gegen vier weitere Neonazivereinigungen wegen des Verdachts der Bildung terroristischer Gruppierungen.

»Keinerlei Gefahr«

Die Querelen in der NPD-Führung seien »ein weiteres Zeichen dafür, dass es sich um rechtsextreme Minderheiten handelt, die für unsere Demokratie glücklicherweise keinerlei Gefahr darstellen«, erklärte der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Hans-Peter Uhl im Gespräch mit der »Frankfurter Rundschau« (27.12.13). »Eine solche Partei braucht man nicht zu verbieten«, fügte Uhl hinzu.

Klausel soll weg

Die neue Bundesfamilienministerin Manuela Schleswig (SPD) kündigte wenige Tage nach ihrem Amtsantritt an, die »Extremistenklausel«, die Anti-Rechts-Initiativen unter Generalverdacht stellt und ein schriftliches Bekenntnis zur Verfassung verlangt, abschaffen zu wollen. Aus der CDU/CSU gab es sofort Widerspruch. Die Ministerin erklärte gleichzeitig, dass »der Rechtsextremismus in ganz Deutschland nicht unterschätzt werden« dürfe.

VS-Mitwirkung

Bei seiner Vernehmung als Zeuge im NSU-Prozess erklärte der Vater des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos, Prof. Siegfried Mundlos, »ohne die Unterstützung vom Verfassungsschutz durch V-Leute« bei der Bildung von Neonazigruppierungen wäre der NSU »nie zustande gekommen«.

Bei der Vernehmung des ehemaligen V-Mannes Benjamin G. griff der Verfassungsschutz indirekt in das Prozessgeschehen ein: Er stellte dem Ex-Neonazi einen vom VS bezahlten Anwalt als Beistand und Aufpasser zur Seite.

Nebenkläger forderten erneut, die gesamten Akten über den hessischen Verfassungsschützer Andreas Temme einsehen zu können, der zum Zeitpunkt des Mordes an Halit Yozgat in Kassel am Tatort anwesend war und dies heute als »zufällig« bezeichnet..

Hellersdorf verändert

Nach der Zunahme von Solidaritätsaktionen von Nachbarn und Bürgerinnen sowie antirassistischen und antifaschistischen Gruppen haben in Berlin-Hellersdorf neonazistische und rassistische Umtriebe abgenommen. In Berichten wird von einem »Stimmungsumschwung« gesprochen. Ein maßgebendes Mitglied der Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf klagte gegen die VVN-BdA, weil -diese ihm eine »rassistische Einstellung« nachgewiesen hatte. Die Klage wurde vom Gericht abgewiesen.

110 Verdächtige

Die Plakatkampagne des Simon-Wiesenthal-Centers hat nach Angaben des Centers Hinweise auf 110 Verdächtige erbracht, die möglicherweise an Naziverbrechen beteiligt waren.

Von der Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen werden die Ergebnisse von Vorermittlungen in 30 Fällen an die zuständigen Staatsanwaltschaften abgegeben.

Freilassung

Einer der Verdächtigen, der frühere Aufseher im KZ Auschwitz, Hans Lipschis, der wegen Beihilfe zum hundertfachen Mord vor Gericht gestellt werden sollte, wurde wegen beginnender Demenz aus der U-Haft entlassen. Lipschis war bereits vor über dreißig Jahren (1982) wegen seiner Vergangenheit als KZ-Wächter aus den USA ausgewiesen worden. Er lebte seitdem in Deutschland in Freiheit. Erst im Mai 2013 wurde er festgenommen, im Dezember wieder freigelassen.

Skandalöse Milde

Zwei Neonazis, die im Februar 2012 in Mücheln (Sachsen-Anhalt) einen Imbiss überfallen und den türkisch-kurdischen Inhaber zusammengeschlagen hatten, wurden vom Amtsgericht Merseburg freigesprochen, weil der Tathergang »nicht mehr zu klären« gewesen sei. Ein dritter jugendlicher Tatbeteiligter erhielt zwei Wochenende Jugendarrest. Die Mobile Opferberatung bezeichnete das Urteil als skandalös; es ignoriere und verharmlose rassistische Gewalt.

Zusammengestellt von P.C.Walther

 

Schritte gegen Diskriminierung

geschrieben von Janka Kluge

23. Januar 2014

Sinti und Roma in Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg anerkannte Volksgruppen

 

Eine späte Anerkennung erfahren seit einiger Zeit Sinti und Roma in Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein. In beiden Bundesländern sind sie als Volksgruppen anerkannt worden. In Schleswig-Holstein wurden Ende Dezember 2012 die Rechte der Sinti und Roma in der Verfassung festgeschrieben. Noch ein Jahr zuvor war ein Vorstoß von SPD und Grünen in dieser Sache an der Weigerung der CDU gescheitert. Für die waren Sinti und Roma damals keine »landesübliche Minderheit«, wie es die Verfassung vorschreibt. Mit der Aufnahme in die Verfassung sollen in der Zukunft Sprache und Kultur von Sinti und Roma geschützt sein. Sie könnten außerdem eigene Schulen gründen. In einer ersten Stellungnahme lehnte der Landesvorsitzende der Sinti und Roma, Matthias Weiß, dies allerdings ab. Für ihn steht Integration in die Gesellschaft ganz oben auf der Liste der Wünsche für seine Volksgruppe.

Etwas anders sah es im Vorfeld der Vereinbarung über den Staatsvertrag Ende 2013 in Baden-Württemberg aus. In Heidelberg gibt es seit Anfang der neunziger Jahre das sehr sehenswerte Dokumentation- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma. In einer Ausstellung wird die über 600 jährige Geschichte ihrer Ansiedlung im späteren Deutschland geschildert. Genauso alt ist aber auch die Ausgrenzung und Diskriminierung von Sinti und Roma. Sie gipfelte schließlich in der Vernichtung durch die Nationalsozialisten. Das sogenannte »Zigeunerlager« in Auschwitz Birkenau ist untrennbar mit dem Leid der Sinti und Roma verbunden. Allein hier wurden mehr als 20 000 Menschen ermordet.

Nach der Befreiung vom Faschismus mussten viele Überlebende die Erfahrung machen, dass sie von den Behörden nicht als Opfer des Faschismus anerkannt worden sind. In den Buch »Von Antiziganismus bis Zigeunermärchen« (Heidelberg 2008) heißt es: »Ohne eine Spur von Unrechtsbewusstsein widersetzten sich viele Städte und Kommunen nach 1945 der Rückkehr und der Wiedereingliederung ihrer deportierten Mitbürger. Vorurteile und offene Ablehnung, schlugen den überlebenden Sinti und Roma entgegen, als sie in ihre Heimat zurückkehrten. Jede Familie hatte einen Großteil ihrer Angehörigen in den Konzentrationslagern verloren, alle waren härtesten Torturen ausgesetzt gewesen. Jetzt waren sie ausgezehrt, krank, verletzt, traumatisiert und gedemütigt mit leeren Händen zurückgekommen.«

Die hier beschriebene Diskriminierung von Sinti und Roma hält in ihren Grundmustern bis heute an. Antziganistische Einstellungen werden nach aktuellen Umfragen immer noch von fast Dreivierteln aller Deutschen geteilt. Sie lehnen es beispielsweise ab, dass Sinti und Roma in ihrer Nachbarschaft leben. Sie unterstellen ihnen, dass sie stehlen, lügen und schmutzig sind. Es ist deshalb ein wichtiger Schritt, dass die Landesregierung von Baden-Württemberg in dem Staatsvertrag angekündigt hat, den Antiziganismus zu bekämpfen. Denn immer wieder werden antizaganistische Vorurteile auch in der Berichterstattung der Medien über vermeintliche Armutsflüchtlinge, aus Rumänien und Bulgarien verbreitet. Nicht ohne Häme hat sich zum Jahresende die angeschlagene NPD bei der CSU für ihre Unterstützung bei der Hetze gegen »Armutsflüchtlinge« bedankt.

Auch in vielen Ländern Osteuropas herrscht eine regelrechte Hetze gegen Sinti und Roma. Rechtsradikale Schläger überfallen zu Hunderten ihre Siedlungen verprügeln sie und zerstören ihr Hab und Gut, um sie zu vertreiben. Diese Menschen, die oft schon am Rand der Gesellschaft leben, müssen nun auch noch um ihr Leben fürchten.

Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralverbands der Sinti und Roma in Deutschland, betonte angesichts der Wandlung in der Landespolitik von Schleswig-Holstein: »Hier wird der Minderheit Schutz und Förderung über die Verfassung zugesichert. Ich denke, dass das ein Signal ist, nicht nur im Innern unseres Landes, sondern es ist auch ein Signal für die Europäische Union, wo die Situation der Minderheit in vielen Ländern besorgniserregend ist.«

Vom Holocaust keine Rede

geschrieben von Frank Brendle

23. Januar 2014

In Lettland werden Angehörige von SS-Divisionen als »Freiheitskämpfer« geehrt

 

Weit über 1000 Menschen beteiligen sich jedes Jahr an einem Gedenkmarsch für Angehörige der Waffen-SS in der lettischen Hauptstadt Riga. Aufrufer sind der Veteranenverband, ein nationalistischer Jugendverein und die rechtsextreme Partei »Alles für Lettland«, die Teil der Regierungskoalition ist. Die positive Erinnerung an die SS-Kämpfer ist in Lettland absolut salonfähig. Die wenigen Gegendemonstranten werden meist als »Provokateure« oder »Agenten Moskaus« abgetan.

Das lettische Außenministerium stellt auf seiner Homepage bizarr anmutende Versuche an, »Missverständnisse« bezüglich des SS-Marsches aufzuklären. Es gehe dort lediglich um eine private Gefallenen-Ehrung. Die rund 100.000 Mann (überwiegend Wehrpflichtige), die in der 16. und 19. Waffengrenadierdivision der SS gekämpft haben, seien eindeutig prowestlich orientiert gewesen und hätten mit den Nazis eigentlich nichts zu schaffen gehabt. Vor die Wahl zwischen Deutschland und »Russland« gestellt, hätten sich die Legionäre für Deutschland entschieden, »weil sie die Zusammenarbeit mit der westlichen Zivilisation suchten«, wird allen Ernstes ausgeführt. Verständnisheischend wird erklärt, viele hätten 1940/41 bei den sowjetischen Deportationen Familienangehörige verloren. Vom Holocaust und dessen Opfern ist in dem Text nicht die Rede, auch nicht von den Verbrechen der SS-Legion bei der sogenannten Partisanenbekämpfung. Staatspräsident Andris Berzins erklärte im Jahr 2012, man solle sich vor den Legionären »verbeugen«, die für »ihr Vaterland« gefallen seien. Wer in Riga demonstriert, begreift sich nicht als Nazi, sondern als Patriot.

Die Teilnehmer, darunter viele junge Menschen, bewegen sich schweigend, fast ohne Plakate und Transparente, zum Freiheitsdenkmal, das den Unabhängigkeitskämpfern des Jahres 1918/1919 gewidmet ist. Damit wird eine historische Kontinuität behauptet, die die SS-Kämpfer in den Kanon der Freiheitskämpfer einschließt. Auch die Wahl des Gedenktages ist hochpolitisch: Am 16. März 1944 hatte die Lettische Legion ihr erstes großes Gefecht mit der Roten Armee.

Dass der Kampf der Legion die Mordmaschinerie in Auschwitz verlängert hat, interessiert nicht. Diese Politik spiegelt sich auch im staatlichen »Okkupationsmuseum«, das den antisowjetischen Widerstand glorifiziert, aber die Rolle dieser »Widerstandskämpfer« in faschistischen Polizeiverbänden und die Kollaboration mit den Nazis generell kleinschreibt.

Die Gegendemonstranten sind überwiegend Angehörige der russischen Minderheit (was in den Augen von Letten wiederum das Vorurteil von den »Agenten Moskaus« bestätigt). Im vorigen Jahr beschallten sie den Platz am Freiheitsdenkmal mit sowjetischer Kampfmusik. Die Bewegung »Lettland ohne Nazismus« legt vor dem Eintreffen der Rechten einen Kranz zu Ehren der Nazi-Opfer ab – der wird im Anschluss vom Blumenmeer der SS-Verehrer überhäuft, ganz oben thronte im vorigen Jahr ein Foto eines dekorierten SS-Mannes, mit gut sichtbarem Hakenkreuz.

Mitten in Europa wird der SS gehuldigt, was allem, wofür die Anti-Hitler-Koalition gekämpft hat, unvereinbar gegenübersteht. Die Kräfte der lettischen Antifaschisten reichen nicht aus, um dieser Revision der Geschichte ein Ende zu machen. Sie setzen auf eine Internationalisierung des Themas, um einen Meinungswandel zu bewirken. In diesem Sinne ist eine sichtbare Präsenz ausländischer Unterstützer für die lettischen Antifaschisten zu wünschen. Einige Monate später findet im estnischen Sinimäe ein ganz ähnlicher SS-Aufmarsch statt, auch dorthin wird international zu Protesten mobilisiert.

»Alternative« unter der Lupe

geschrieben von Axel Holz

23. Januar 2014

Schließt AfD eine rechtspopulistische Lücke?

Die Einschätzung der AfD durch Experten ist bisher nicht eindeutig, weil die Partei sich noch in einer Konsolidierungsphase befindet und ihre Inhalte nicht nur mit einem knappen Papier zur Bundestagswahl dürftig ausgefallen sind, sondern zumindest auch bis zu ihrem Bundesparteitag im Januar 2014 inhaltlich unbestimmt bleiben. Die Arbeit an einem Programm stürze die Partei in handfeste Tumulte, kommentiert die Frankfurter Rundschau am 30. November. Deshalb ist die Analyse des Rechtspopulismusforschers Alexander Häusler im Auftrag der Böll-Stiftung umso wichtiger, weil er den prägenden Einfluss und die Bedeutung rechtspopulistischer, rechtskonservativer und marktradikaler Vorstellungen in der AfD herausarbeitet. Nach seiner Meinung könne die Afd die rechtspopulistische Lücke in Deutschland schließen, wie es Rechtspopulisten in Frankreich, Holland oder Österreich gelungen sei. Häusler untersucht in der Analyse den politischen Entstehungskontext der Afd in seinen Vorläuferorganisationen »Wahlalternative 2013« und »Zivile Koalition«. Systematisch analysiert der Experte Struktur, Aufbau, Programm und Führungspersonal vor der Bundestagswahl und die Reaktionen des rechtskonservativen und neofaschistischen Spektrums nach der Wahl. Trotz aller Bekundungen der Partei, weder rechts noch links zu sein, legt Alexander Häusler offen, dass die Partei über Personal verfügt, das bei »Die Republikaner« oder »Die Freiheit« aktiv war, Mitglied in Burschenschaften oder verbunden mit rechten Zeitschriften ist.

Die »Alternative für Deutschland« – eine neue rechtspopulistische Partei? Materialien und Deutungen zur vertiefenden Auseinandersetzung, Fachhochschule Düsseldorf, Alexander Häusler u.a., Hrsg. Heinrich Böll Stiftung NRW, September 2013, PDF unter: http://www.boell-nrw.de/downloads/AFD_Studie_FORENA_HBS_NRW.pdf

Die »Alternative für Deutschland« – eine neue rechtspopulistische Partei? Materialien und Deutungen zur vertiefenden Auseinandersetzung, Fachhochschule Düsseldorf, Alexander Häusler u.a., Hrsg. Heinrich Böll Stiftung NRW, September 2013, PDF unter: http://www.boell-nrw.de/downloads/AFD_Studie_FORENA_HBS_NRW.pdf

Häusler stellt fest, dass Euro-Skepsis allein noch keinen Rückschluss auf Rechtslastigkeit erlaube. Erst durch das Zusammenkommen von EU- und eurokritischen Positionen mit nationalistischen und wohlstandschauvinistischen Auffassungen sowie diskriminierenden Zuschreibungen, sei eine rechtspopulistische Klassifizierung gerechtfertigt. Auch Gerd Wiegel von der Partei die Linke warnt im »Rechten Rand« davor, die AfD als Nazi-Partei zu verkennen und das Tabu der Rechten damit zu schleifen. Er hebt hervor, dass sich Teile der neuen Rechten bereits heute positiv auf die AfD bezögen. Ob die AfD eine rechtskonservative, aber demokratische Partei bleibe oder in Richtung extreme Rechte tendiere, hänge davon ab, ob sich die AfD dem im Rechtspopulismus vorherrschenden Antiislamismus, einer Ethnisierung der sozialen Frage und einem völkischen Verständnis der Nation nähere. Mit 340.000 Stimmen hatte die Linke hinter der FDP die zweitmeisten Stimmen an die AfD verloren. Gerd Wiegel betont deshalb den Unterschied der linken EU-Kritik. Hinter der Schuldzuweisung der AfD an EU und Brüssel bleibe verborgen, dass die EU-Politik maßgeblich durch Deutschland dominiert werde und deutsche Kapitalfraktionen in hohem Maße für die Krise Verantwortung trügen.

Deutliche Unterschiede in der politischen Stoßrichtung von Rechtsextremismus und Rechtspopulismus zeichnet auch Alexander Häusler. Während die NPD »nationalrevolutionär«, offen neonazistisch und gewaltorientiert sei, verlagere die AfD den politischen Diskurs nach rechts unter populistischen Vorzeichen innerhalb des demokratischen Gefüges. »Liberale AfD-Politiker wollen die FDP ersetzen« titelte spiegel-online und blickte dabei auf die in Aussicht gestellte Vereinfachung des Steuerrechts, die Ablehnung des Mindestlohns und die vermeintliche Orientierung auf das Individuum.

Abgrenzungsbestrebungen nach rechts außen

Rechtspopulistischer Anwürfe werden von der AfD bisher entschieden abgewiesen. Der Chef der rechtspopulistischen Partei »Die Freiheit« René Stadtkewitz erklärte, dass die Positionen von »Die Freiheit« mit denen der AfD zu 90 Prozent übereinstimmten. Mittlerweile ist »Die Freiheit« nur noch in Bayern aktiv und ihre Akteure wurden weitgehend in die AfD integriert. Importiert wurde damit die typische Islamfeindlichkeit rechtspopulistischer Bewegungen. Im Verlaufe des Wahlkampfes hatte sich die AfD immer wieder von den Akteuren von »Die Freiheit« distanziert und bei Übertritten Einzelfallprüfungen angekündigt. Noch in der Ausgabe 42-2013 der Zeitung der neuen Rechten »Junge Freiheit« grenzte sich die AfD nach der Bundestagswahl von »Die Freiheit« ab. Aber schon eine Woche später hieß es in derselben Zeitung, Parteichef Lucke gehe auf ehemalige Mitglieder der Freiheit zu. Einige haben bereits starken Einfluss in Landesverbänden der AfD gewonnen und wurden in Ländern wie in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg in die Landesvorstände der AfD gewählt. Noch im Oktober hatte sich Lucke gegen den Rechtspopulismusvorwurf von Bundespräsident Joachim Gauck bei einer Diskussionsveranstaltung mit dem polnischen Staatspräsidenten Bronislaw Komorowski an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) gewehrt. AfD-Chef Lucke hatte Gaucks Bemerkung als einen »Verstoß gegen die Neutralitätspflicht des Bundespräsidenten« zurückgewiesen. Darauf sprach Gauck von einem Missverständnis: Er habe die AfD »nicht in Verbindung mit Rechtsextremismus und Populismus gebracht«, hieß es in der Süddeutschen Zeitung dazu.

Auffällig ist, dass die AfD als relativ junge Partei vor der Wahl in nahezu alle großen Fernseh-Talkshows eingeladen wurde, in Spiegel und Focus hofiert und in der Presse meist gut bedient wurde. Anders als die NPD, die von Parteien, Medien und namhaften Wirtschaftskreisen gemieden wird, hat die AfD offensichtlich wirksame Kontakte in der Medienlandschaft und wird offen vom Mittelstand und von Familienunternehmen unterstützt, stellt Andreas Kemper in seinem Buch »Rechte Euro-Rebellen« fest. Als symptomatisch zitiert er einen Facebook-Eintrag, in dem die AfD als »atmende Partei« beschrieben wird, die die millionenschweren Think Tanks des Neoliberalismus als Lungen habe. In die Vorgängerorganisationen Wahlalternative 2013, Bund freier Bürger und BügerKonvent waren Millionenspenden geflossen, sechs Millionen allein vom Milliardär August von Finck für eine Kampagne des Bürgerkonvents. In dessen Vorstand sitzen mit Beatrix von Storch, Vera Lengsfeld und Peter Krause Vertreterinnen des Netzwerkes um die Zivile Koalition e.V., erläutert Kemper. Vera Lengsfeld, die ehemalige Bürgerrechtlerin aus der DDR, ist im Netzwerk Sprecherin der Initiative Bürgerecht Direkte Demokratie. Anders als in vorangegangenen rechtspopulistischen Parteien sei die AfD nicht nur ein Sammelbecken für rechtskonservative und nationalistische Interessen, sondern vertrete die Interessen einer bestimmten Kapital-Fraktion, bewertet Kemper. Eine Fraktion mit wirtschaftlichem Rückgrat, politischem Netzwerk und medialer Verankerung könnte man hinzufügen. Auch die Zusammensetzung der Partei-Spitze spricht für sich. »Professoren- und Adels-Partei« wird sie nicht zufällig genannt. Hinter Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke steht ein ganzes Arsenal an geballter marktradikaler Intellektualität, das sich bei den Münchner Wirtschaftsgesprächen regelmäßig trifft. Mit Beatrix von Storch als Mitbegründerin der Vorgängerorganisation zivile Koalition e.V. findet sich eine repräsentative Vertreterin des Adelsgeschlechts, das in den 90er Jahren Ländereien aus den neuen Bundesländern zurückforderte, die per Einigungsvertrag unantastbar sind.

»Wir sind nicht das Weltsozialamt«

Bezeichnend für die Demokratieauffassung in der AfD sind eine Reihe von Konzepten im AfD-Umfeld, mit denen das allgemeine Wahlrecht zu Gunsten des gut verdienenden Mittelstandes aufgelöst werden soll. Die Alternativen zur Demokratie reichen von Direktwahlen der Ministerpräsidentinnen (Konvent für Deutschland), der Einschränkung des aktiven oder passiven Wahlrechts für Arbeitslose (Vaubel) bis zur Schaffung einer »echten« Monarchie (Albrecht/Krause) hinter die demokratischen Errungenschaften der bürgerlichen Revolution von 1918 zurück. Konrad Adam forderte 2005 die Einführung des Mehrheitswahlrechts, um gegen den Linkstrend stabile politische Mehrheiten herstellen zu können.

Bisher ist die AfD neben eurokritischen Positionen auch durch sozialchauvinistische Einflüsse aufgefallen. »Keine Einwanderung in unsere Sozialsysteme« war der Slogan der AfD auf den Bundestagswahlplakaten, mit denen Stimmung gegen Asylrecht, Zuwanderung und Migration gemacht wurde. Allein im geforderten Arbeitsrecht für Asylbewerber unterscheidet sich die AfD in ihren Asyl-Vorurteilen von der NPD. Auffällig sind in den Interviews mit AfD-Funktionären Bemerkungen wie »Wir sind nicht das Weltsozialamt«, die Abwertung anderer Nationen in der Finanzkrise oder das Gerede von der »Musterintegration« Einzelner, das die grundsätzliche Integrationsfähigkeit der Einwanderer in Frage stellt.

Für Teile der Mitglieder rechter Parteien und die neue Rechte mit ihrem Sprachrohr »Junge Freiheit« ist die AfD eine erfolgversprechende »Alternative« und »Hoffnungsträger« einer immer noch erfolglosen nationalistischen Rechten. Experten sehen die AfD mit ihren wohlstandschauvinistischen und neoliberalen Einflüssen auf der politischen Skala rechts von der Union mit rechtspopulistischer Ausrichtung.

»Noch in Gründung«

23. Januar 2014

antifa-Gespräch mit Prof. Dr. Richard Stöss

 

antifa: 4,7 Prozent für die AfD bei der Bundestagswahl. Ein starkes Signal für die Rechte?

Richard Stöss: Das Wahlergebnis der AfD signalisiert zunächst einmal erhebliche Legitimations- und Integrationsdefizite der etablierten Parteien. Es waren vor allem ehemalige Wähler der FDP, der Linken und der Unionsparteien sowie ehemalige Nichtwähler, die der AfD ihre Stimme gegeben haben. Ursächlich dafür dürften in erster Linie die verbreitete Unzufriedenheit mit dem Zustand und mit den Folgen (v.a. Migration) der europäischen Integration sowie Kritik an der Rettungspolitik des Euro gewesen sein. Die bestehenden Rechtsaußen-Parteien (NPD, REP, Pro Deutschland, Die Rechte) waren nicht in der Lage, dieses Potenzial mit ihrer mehr oder weniger völkischen und/oder nationalistischen Programmatik anzusprechen. Das Wahlergebnis der AfD signalisiert daher auch, dass am rechten Rand des politischen Systems der Bundesrepublik – jedenfalls auf der nationalen Ebene – eher gemäßigte Positionen auf Erfolg hoffen können.

Richard Stöss, Parteienforscher und Rechtsextremismusexperte an der Freien Universität Berlin

Richard Stöss, Parteienforscher und Rechtsextremismusexperte an der Freien Universität Berlin

antifa: Rechtsextrem, rechtsradikal, rechtskonservativ – wo steht die AfD?

Richard Stöss: Die Gründungsphase der Partei ist noch längst nicht abgeschlossen. Vieles ist noch in Bewegung und daher ist nur eine vorläufige Antwort möglich. Nach meinem Verständnis handelt es sich bei der AfD im Großen und Ganzen um eine rechts- bzw. nationalkonservative Partei mit starken neoliberalen Tendenzen. Diese Einschätzung basiert auf der Programmatik der AfD und auf Äußerungen von führenden Parteifunktionären. Über die politischen Vorstellungen (z.B. Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus oder Antiislamismus) der mittleren Funktionärsschicht oder der »einfachen« Parteimitglieder ist so gut wie nichts bekannt. Die Gruppe um den Bundesvorsitzenden Bernd Lucke ist zwar um konsequente Abgrenzung gegenüber rechtsradikalen und rechtsextremen Kräften bemüht, stößt damit aber innerparteilich nicht nur auf Zustimmung. Im Übrigen ist die Zentrale auch gar nicht in der Lage, alle Eintritte auf Kreis- oder Landesebene politisch zu kontrollieren bzw. zu steuern.

antifa: Dennoch waren deutliche wohlstandschauvinistische Untertöne mit den Pro-D-Mark-Forderungen und der sozialdarwinistischen Rhetorik gegen sozial Schwache im AfD-Wahlkampf nicht zu überhören. Öffnet sich mit der AfD eine neue Chance für die deutsche Rechte?

Richard Stöss: Der rechte Rand unseres politischen Systems reicht vom Rechtskonservatismus über den Rechtsradikalismus bis hin zum Rechtsextremismus. Er ist in sich ideologisch außerordentlich heterogen und organisatorisch völlig zersplittert. Anstatt die Einheit auf der Grundlage des kleinsten gemeinsamen Nenners zu suchen (Begrenzung bzw. Regulierung der Immigration, Rückbau der EU, nachhaltige Gewährleistung von »Law and Order«) kämpfte bisher Jeder gegen Jeden. Die Erfahrung lehrt, dass ein (potenzielles) Erfolgsmodell zumeist nicht als nachahmenswertes Vorbild sondern als unerwünschte, angeblich die »reine Lehre« missachtende, Konkurrenz betrachtet wird. Eine häufige Reaktion bestand in der Vergangenheit darin, derartige Gruppierungen per Unterwanderung entweder komplett zu übernehmen und auf den vermeintlich rechten ideologischen Weg zu bringen oder sie durch die gezielte Anzettelung von innerparteilichen Konflikten zu schwächen oder sogar aufzuspalten. Dass die Erfolgsaussichten der AfD geeignet wären, nunmehr ein Umdenken innerhalb des rechten Randes im Sinne eines Minimalkonsenses zu bewirken, erscheint mir wenig realistisch.

antifa: Ist die AfD gekommen, um zu bleiben?

Richard Stöss: Der Erfolg von neuen Parteien hängt nicht nur von ihrem personellen und programmatischen Angebot und der diesbezüglichen Nachfrage auf dem Wählermarkt ab sondern auch vom Zustand der politischen Kultur insgesamt und der Integrationskraft der bestehenden Parteien. Die AfD wird sich im Parteienwettbewerb nur dann behaupten können, wenn es den pro-europäischen Kräften nicht gelingt, die Bevölkerung von der Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit eines humanen, demokratischen, sozialen und solidarischen Europa zu überzeugen.

antifa: Welche Streitpunkte und Konfliktlinien bestehen innerhalb der Partei?

Richard Stöss: Der Hauptkonflikt dürfte gegenwärtig zwischen neoliberalen und wertkonservativen Kräften bestehen. Ersteren geht es vor allem um makroökonomische und finanzwirtschaftliche Probleme mit Blick auf die EU und den Euro. Es handelt sich um die betont neoliberal ausgerichtete Gruppe um Bernd Lucke. Die Wertkonservativen werden insbesondere durch Konrad Adam, Alexander Gauland und Joachim Starbatty repräsentiert. Ihnen geht es nicht nur um die – wie es im Wahlprogramm heißt – »geordnete Auflösung des Euro-Währungsgebietes«, sondern darüber hinaus um ein »Europa souveräner Staaten«. Damit soll wohl an de Gaulles Konzept eines »Europas der Vaterländer« angeknüpft werden. Jedenfalls liegt den Wertkonservativen die nationale Identität der Deutschen sehr am Herzen, womit dann auch die Forderung nach einer restriktiven Einwanderungspolitik korrespondiert. Wohlgemerkt handelt es sich dabei nicht um rechtsradikale und schon gar nicht um rechtsextreme Positionen. Aber sie bieten Anknüpfungspunkte für Personen mit fremdenfeindlichen oder gar rassistischen Einstellungen. Damit zeichnet sich eine weitere Konfliktlinie ab, nämlich zwischen rechtskonservativen und extrem rechten Kräften. Der Zustrom von ehemaligen Mitgliedern der Partei »Die Freiheit« von René Stadtkewitz dürfte nur der Anfang ein. Je erfolgreicher die Entwicklung der AfD verläuft, desto bedeutsamer dürfte diese Konfliktlinie werden.

antifa: Die AfD hat einen flächendeckenden Wahlkampf in der gesamten Bundesrepublik durchführen können. Die reinste Materialschlacht. So etwas kostet. Wer finanziert die AfD?

Richard Stöss: Über die Finanzierung der AfD liegen keine gesicherten Informationen vor. Pressemeldungen war zu entnehmen, dass die Partei etwa 2,7 Millionen Euro Spenden für den Bundestagswahlkampf erhalten hat. Zudem war von einem zinsgünstigen Darlehen über eine Million Euro von einem sympathisierenden Unternehmer die Rede. Schließlich dürfte es sich bei den Mitgliedern und Sympathisanten der Partei weithin um wohlsituierte Personen handeln. Für 2014 erwartet die AfD etwa zwei Millionen Euro als staatliche Wahlkampfkostenerstattung. Finanziell dürfte sie daher über ein stabiles Fundament verfügen, was möglicherweise aber auch Begehrlichkeiten Außenstehender weckt.

antifa: In ganz Europa erstarken derzeit rechtspopulistische, teilweise sogar neofaschistische Parteien. Schwimmt die AfD auf diesem Trend mit?

Richard Stöss: Euroskeptizismus ist in allen Staaten Europas mehr oder weniger weit verbreitet. Er verbindet sich oft mit nationalistischen und fremdenfeindlichen, oft sogar mit völkischen Einstellungen. Davon profitieren in Deutschland – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – alle Parteien am rechten Rand. Die AfD bedient diese Mentalitäten aus den genannten Gründen zwar deutlich weniger als die NPD oder die PRO-Gruppierungen. Aber sie dürfte vielfach bei Wahlen als »kleineres Übel« präferiert werden, weil sie keinerlei Affinitäten zu deutschnationalen oder gar nationalsozialistischen Traditionen aufweist und dennoch als gleichsam seriöse Fundamentalopposition gegen das pro-europäische Establishment wahrgenommen wird.

antifa: Wie schätzen Sie derzeit die Chancen der AfD für die Europawahlen im Mai 2014 ein?

Richard Stöss: Im Europawahlkampf wird sich der Wettbewerb am rechten Rand vermutlich zwischen »weichen« EU-Skeptikern (AfD) und »harten« EU-Gegnern (NPD) abspielen. Dass die AfD die Drei-Prozent-Marke deutlich reißt, muss aus heutiger Sicht befürchtet werden. Ob die NPD diese Hürde überwindet, ist derzeit noch wegen ihrer desolaten inneren Situation fraglich. Überhaupt ist noch offen, ob die Drei-Prozent-Klausel Bestand vor dem Bundesverfassungsgericht hat. Entscheidend dürfte auch sein, wie sich die REP und die PRO-Gruppierungen verhalten.

antifa: Ein Tipp für die Politik: Wie sollte der AfD sinnvollerweise Paroli geboten werden?

Richard Stöss: Erstens müssen sich die pro-europäischen Parteien endlich offensiv auch mit den – teilweise durchaus nachvollziehbaren – Ängsten vor negativen ökonomischen und sozialen Begleiterscheinungen der europäischen Integration auseinandersetzen und Vorteile und Grenzen einer solidarischen europäischen Gemeinschaft diskutieren, in der die Starken die Schwachen zum Wohle Aller unterstützen. Gleichzeitig bedarf es zweitens einer intensiven geistig-politischen Auseinandersetzung mit völkisch-nationalistischen Einstellungen und Verhaltensweisen, an der sich alle gesellschaftlichen Gruppen mit massiver ideeller und finanzieller Unterstützung des Staates beteiligen.

Die Fragen stellte Martin Schirdewan

Länderseiten Januar/Februar 2014

23. Januar 2014

Hier finden Sie Berichte und Nachrichten aus den Landesvereinigungen Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen:

laenderseiten_jan_feb2014web

Eine politische Lüge

geschrieben von Dr. Jakob Heinz, Schwerin

23. Januar 2014

Zum »Spezial« der antifa November/Dezember

In der antifa November/Dezember 2013 wird auf der Seite10 berichtet, dass nach Aussagen der Außenamtsstaatssekretärin Cornelia Pieper die Bundesregierung eine Beteiligung an den Kosten der geplanten Gedenkstätte in Sobibor ablehnt, da dort »keine deutschen Juden« vergast wurden. Doch es gibt Publikationen, die das Gegenteil belegen. In dem Buch »Der Ort des Terrors« von Barbara Distel, das im Verlag C. H. Beck erschienen ist, heißt es auf S. 380: »Mindestens 10.000 deutsche und österreichische Juden wurden zwischen April und Juni 1942 in Sobibor ermordet.« Auf Seite 376 schreibt Barbara Distel: »In den Todeslagern von Belzec, Sobibor und Treblinka wurden dann in einem Zeitraum von 21 Monaten 1,75 2 Millionen Menschen ermordet. Die Zahl der Opfer in Sobibor wird auf 150.000 – 200.000 Menschen geschätzt. Eine genauere Bestimmung der Zahl ist nicht mehr möglich, da alle schriftlichen Unterlagen vernichtet wurden. Die Schätzung beruht auf der Rekonstruktion der Transporte bzw. Aussagen polnischer Eisenbahnbeamter. In Sobibor wurden vermutlich ausschließlich Juden ermordet. Neben der Mehrzahl polnischer Staatsbürger waren es Holländer, Deutsche, Franzosen, Tschechen, Slowaken und sowjetische Bürger.

Eine andere Quelle ist das Buch »Ausgrenzung, Vertreibung, Vernichtung. Juden in Schwerin 1933-1945«, 1995 herausgegeben vom Historischen Museum Schwerin. Darin schreibt Bernd Kasten, Direktor des Schweriner Stadtarchivs aus Seite 49: »Dr. Otto Rosenbaum, geboren 1875 in Schwerin, Arzt, wurde am 8. Oktober 1934 zum Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde gewählt. Entzug der Approbation am 30.9.1938, August 1939 Emigration nach Holland, 1943 Deportation von Holland nach Sobibor.« Stephanie Rosenbaum, die Ehefrau von Dr. Rosenbaum, ist ebenfalls 1943 mit ihrem Mann aus Holland nach Sobibor deportiert worden.

Ich wollte Ihnen diese Fakten mitteilen die vielleicht helfen könnten, die Behauptungen der Staatssekretärin Cornelia Pieper zu widerlegen.

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