Am 28. Februar und 1. März 2014 wird in Schwerin der nächste »Ratschlag gegen Rechts« stattfinden. Der Ratschlag ist eine Veranstaltungsreihe des Arbeitskreises Antirassismus/Antifaschismus des Landesbezirksvorstandes ver.di Nord. Diese Veranstaltung steht unter dem Motto: »Rassistische Gewalt und Nazi-Terror. Demokratiegefährdung- Ausblick und Gegenwehr«. Welche Folgen ergeben sich aus dem NSU-Skandal, wie sehen die neofaschistischen Organisationsstrukturen in Norddeutschland aus, welche erfolgreichen Strategien gegen Rechts gibt es im Alltag und im Betrieb? Diese Fragen wollen wir mit allen Interessierten und Aktiven, insbesondere auch mit Betriebs-und Personalräten diskutieren. Neben zahlreichen Experten werden Prof. Dr. Hajo Funke als Referent sowie die Politiker Hans-Christian Ströbele und Bodo Ramelow im Podium erwartet. Der Journalist Ulrich Chaussy wird am Abend den neuen Spielfilm »Der blinde Fleck« über das Oktoberfestattentat präsentieren. In einem word-Cafe werden Strategien gegen Rechts im Alltag und im Betrieb besprochen. Anmeldungen für Interessierte und die Buchung kostenfreier Übernachtungen für ver.di-Mitglieder sind bis zum 14. Februar 2014 möglich unter andrea.siegert@verdi.de.
Ein aufrechter Mann
15. Januar 2014
Bremen würdigt die Lebensleistung von Willi Meyer-Buer
Der Weg entlang Bremens Wallgraben unweit der Kunsthalle und des Goethe-Theaters soll künftig den Namen Willi Meyer-Buers tragen, beschloss Bremens Beirat Mitte am 4. November 2013. Ausschlaggebend für die einstimmige Entscheidung war seine Lebensleistung, sein antifaschistischer Widerstand, die zweimalige Verurteilung und KZ-Haft und sein wiederholter Einsatz zur Rettung von Menschenleben. Die Würdigung gilt auch als späte Wiedergutmachung seiner erneuten Verurteilung im Jahr 1963.

Willi Meyer-Buers Erinnerungen erschienen 16 Jahre nach seinem Tod im Mai 2013 im Neue Impulse Verlag Essen unter dem Titel »Erinnerungen. Der verlorene Kampf … aber er war nicht vergebens« ISBN 978-3-910080-79-9 (EUR 19,80)
Am 30. April 1911 wurde Willi Meyer-Buer als Sohn eines Bergwerksbeamten in Gelsenkirchen-Buer geboren, der Vater arbeitete auf der Schachtanlage EWALD III/IV in Buer-Resse. Willi Meyer-Buer absolvierte eine kaufmännische Lehre, wurde Mitglied im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) und 1931 der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Am 19. Oktober 1933 wurde er verhaftet, die Vernehmung abgebrochen, da er dem Sachverhalt nicht mehr folgen konnte. Bei der erneuten Vernehmung sprang Willi Meyer-Buer aus dem Fenster, blieb acht Meter tiefer bewusstlos auf dem Gefängnishof liegen, erlitt schwere innere Verletzungen. Polizeivermerk vom 2. November 1933: »Bei den stattgefundenen Gegenüberstellungen wollte er keine Person kennen und leugnete alles ab. Um seine Genossen nicht zu verraten, hat er einen Fluchtversuch unternommen…«
Nach drei Verhandlungstagen wurde er am 26. Oktober 1934 vom Oberlandesgericht Hamm zu 2 Jahren 3 Monaten Zuchthaus verurteilt. Vorgeworfen wurden ihm Herstellung und Verteilung von Flugblättern, Aufbau der zertrümmerten Organisation, Geldsammlungen, Unterstützung kommunistischer Funktionäre, insbesondere durch Beherbergung Flüchtiger. Bei dem 22-jährigen wurden Flugblätter mit der Überschrift »Wahrheit über den Reichstagsbrand« gefunden. Er war Kurier zwischen Instruktionsleiter und den Unterbezirken der verbotenen KPD, die er mit Material versorgte.
Im Januar 1936 wurde er aus der Haft entlassen und bereits im März wegen fortgesetzter illegaler Tätigkeit erneut verhaftet. Es folgten die Konzentrationslager Esterwegen und Sachsenhausen. »In Sachsenhausen wurden wir mit Hunden, Peitschen und Schlagstöcken empfangen. Mit fürchterlichem Gebrüll trieb uns die SS aus den Waggons.« Am 14. Dezember 1936 wurde er zum zweiten Mal wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« verurteilt, diesmal zu 4 Jahren 6 Monaten, die er im Zuchthaus Münster verbüßte. Dort lernte er den Sozialdemokraten Erwin Welke kennen, gemeinsam versorgten sie politische Gefangene mit Nachrichten. Als Kalfaktor kam Willi Meyer-Buer an die Krankenbücher und konnte dort ärztliche Verordnungen zusätzlicher Lebensmittel für andere politische Gefangene vortäuschen.
Nach seiner Entlassung am 24. September 1940 ging er nach Bremen und fand eine Anstellung als Leiter der Buchhaltungsabteilung der Uhren- und Schmuckwarenfirma Grüttert. Nach einem Jahr wurde er Prokurist. Als das Firmengebäude August 1944 durch Bombentreffer in Brand geriet, rettete er Leben und Wertgegenstände. Er wurde unter Trümmern begraben, konnte aber sich, ein junges Mädchen und zwei Männer aus den Trümmern ins Freie bringen. Das Mädchen und ein Mann erlagen ihren Verletzungen, er selbst erlitt schwere Verbrennungen, eine Rippenfellentzündung und Kreislaufstörungen. Die sollte er im Ausweichkrankenhaus Bassum auskurieren.
Als Bassum durch englische Truppen besetzt wurde, verhandelte er mit deutschen Offizieren, die Brücke in Groß-Henstedt nicht zu sprengen. Immerhin erreichte er, dass die Wehrmacht nicht auf englische Soldaten schoss. Unter dem Schutz der weißen Fahne überbrachte er dem englischen Kommandeur die entsprechende Zusicherung. Das Dorf Groß-Henstedt blieb unversehrt.
1946 wurde er KPD-Fraktionsvorsitzender in der Bremischen Bürgerschaft, in der er sein Mandat bis 1959 ausübte. Am 20. Mai 1963 wurde er für seine Einzelkandidatur zu den Wahlen zum Deutschen Bundestag 1961 wegen Verstoßes gegen das KPD-Verbot zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Damit verbunden war die Aberkennung sämtlicher Ansprüche auf Wiedergutmachung für 1933 bis 1945 erlittene Zuchthaus- und KZ-Haft. Bürgerschaftsdirektor August Hagedorn und Bürgerschaftsdirektor Wolfgang Müller (beide SPD) bezeichneten ihn als »sachlich und rührig in seinen politischen Aktionen«, als »Menschen anständiger Gesinnung und aufrechten Charakters«. Am 13. Juli 1997 verstarb Willi Meyer-Buer. Die Wegebenennung mitten in der Innenstadt stellt eine späte Wiedergutmachung dar, sein Verteidiger Heinrich Hannover wird anlässlich der Enthüllung des Wegeschilds im Frühjahr die Laudatio halten können.
Nazis verbünden sich
15. Januar 2014
In Spanien treten mehrere faschistische Gruppierungen neuerdings gemeinsam auf
Rund ein Dutzend rechte Organisationen haben sich in Spanien zum Bündnis »España en marcha« (Spanien marschiert) zusammengeschlossen. Sie wollen die stark zersplitterte extreme Rechte ihres Landes einen. »España en marcha«, das sind: Democracia Nacional, La Falange, Movimiento Católico Español (Spanische katholische Bewegung), Alianza Nacional sowie Nudo Patriota Español (Patriotischer Kern).
Das Bündnis wurde im Spätsommer dieses Jahres über Nacht landesweit bekannt. Anhänger hatten am 11. September – dem wichtigsten katalanischen Feiertag – eine Veranstaltung des katalanischen Kulturinstitutes in Madrid gestört. Zwei Dutzend Nazis hatten die Bühne gestürmt, Gäste sowie Vertreter der Presse bedrängt und Mobiliar umgestoßen. Es kam zu Rangeleien, mehrere Personen wurden durch Reizgas verletzt. Der Tumult war umfangreich dokumentiert worden, die wenigsten der Neonazis waren maskiert. Die Polizei nahm in den Folgewochen zwölf mutmaßliche Täter fest. Mitte Dezember meldete ein rechtes Infoportal, »alle fraglichen Beteiligten« seien ermittelt.
Unter ihnen war auch Iñigo Pérez de Herrasti, verurteilter Rechtsterrorist von der Alianza Nacional. Der 56jährige war im Jahr 2000 mit drei Neonazis u.a. wegen Waffenbesitz und Attentatsplänen festgenommen worden. Wegen Anschlägen, die er gegen Angehörige von Gefangenen der baskischen ETA verüben wollte, wurde er zu 14 Jahren Haft verurteilt, kam jedoch vorzeitig frei.
Nach Recherchen der Tageszeitung Ara kommt Pérez de Herrasti aus einer Adelsfamilie mit engen familiären Verbindungen zur spanischen Volkspartei (PP). Seine Mutter war viele Jahre Vizepräsidentin und Schatzmeisterin der Alianza Popular, der Vorgängerin der PP. Sein Onkel ist amtierender spanischer Verteidigungsminister, ebenfalls für die PP. Ein Schwager war Volkspartei-Abgeordneter im Europaparlament und ist derzeit Staatssekretär unter der Regierung Rajoy.
Zwischen der post-franquistischen PP und »España en marcha« gibt es inhaltlich große Überschneidungen: Nationalismus, Ausländerfeindlichkeit gemischt mit ultrakonservativen und teils streng religiösen Positionen. Leitbild ist ein starker spanischer Zentralstaat. Nach Auffassung von »España en marcha« stehe das Land kurz vor dem Untergang: Politikverdrossenheit, Staatskrise, Vertrauensverlust in die Institutionen etc. Es sei »Zeit für eine Nationale Revolution«.
Die neue rechte Allianz will die bürgerlich-demokratische Verfassung von 1978 abschaffen, ebenso die jetzige Form des Föderalismus mit den 17 autonomen Gemeinschaften. Forderungen nach mehr Unabhängigkeit, wie sie etwa im Baskenland oder in Katalonien vertreten werden, gehörten als »staatsfeindlichen Terrorismus« verfolgt. Einwanderung wird strikt abgelehnt. Ethischer Bezugspunkt ist der Katholizismus mit der bürgerlichen Kleinfamilie, bestehend aus einem Mann und einer Frau. Gleichstellung für Lesben und Schwule sei Teufelszeug, genauso wie die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch.
Zur Europawahl im Mai 2014 habe man sich auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt. Ein Erfolg ist derzeit jedoch nur schwer vorstellbar, »España en marcha« müsste für einen Sitz deutlich über 200.000 Stimmen erhalten. In der Summe verfügen die Einzelorganisationen in Spanien derzeit nur über einige wenige Kommunalmandate.
Grundsätzlich kann die Allianz als Novum bezeichnet werden. Größere faschistische Formationen konnten sich seit dem Ende der Franco-Diktatur Mitte der 1970er Jahre nicht etablieren. Die ehemaligen faschistischen Eliten, darunter auch Minister aus dem Franco-Kabinett, sammelten sich zunächst in der Alianza Popular. Im Zuge eines Generationswechsels 1989 übernahm José María Aznar den Vorsitz der seit dem als Partido Popular firmierenden Partei. Aznar war 14 Jahre Chef der PP (1990-2004) und Ministerpräsident von Spanien zwischen den Jahren 1996 und 2004.
Zurück nach ganz rechts
15. Januar 2014
Für die spanische Regierung existieren die Verfolgten des Franco-Regimes nicht
Luis Pérez, Präsident des Verbandes der ehemaligen Gefangenen und politisch verfolgten Anti-Francisten bietet uns zwischen Kisten voller Informationsmaterial und Plakaten in seinem Büro in Madrid einen Platz an. Pérez saß bis zum Ende des spanischen Faschismus 1977 als politischer Gefangener hinter Gittern. Er wurde 1967 verhaftet und wegen »Verschwörung« zu einer über 13 Jahre langen Haftstrafe verurteilt. Sein Vater wurde als politischer Kommissar im spanischen Bürgerkrieg 1939 von den Faschisten Francos in Abweseheit zum Tode verurteilt. Luis Pérez protestiert auch heute wieder auf den Straßen Madrids, weil er selbst unter der Sparpolitik leidet, wie er sagt. Was Spanien erlebe sei ein sozialer Kahlschlag, der »wie ein Wasserfall übers Volk« käme.

Luis Pérez beklagt, dass der Staat die Grabstätten der Opfer des Franco-Faschismus verkommen lässt. Der Verband habe über Jahre ein »Gesetz des historischen Gedächtnisses« mit der vormals regierenden Sozialistischen Arbeiterpartei bis zum Gesetzentwurf entwickelt. Dieser sei nun in der Versenkung verschwunden. Der Spanische Widerstand während der Franco-Zeit und seine Opfer würden unter der derzeitigen Regierung geleugnet.
Doch hinter Namen und Politik der Spanischen Regierung stecken weit mehr als die Spardoktrin von Merkel, Schäuble & Co. und deren gnadenloser Umsetzung. In der Regierungspartei wirken die alten faschistischen Kräfte und bauen die Gesellschaft und die deomkratische Grundordnung um. In Spanien regiert die »rechteste Regierung« im Westen der Europäischen Union, urteilt der Vorsitzende des spanischen Partnerverband der VVN-BdA, der »Asociación de Ex presos y Represaliados Políticos Antifranquistas«. Der landesweit agierende Verband der ehemaligen Gefangenen und politisch verfolgten Anti-Francisten ist auch Mitglied der Fédération Internationale des Résistants (FIR).
Mit dem Wahlsieg des in der deutschen Presse allgemeinhin als »konservativ« bezeichneten Regeierungschefs Mariano Rajoy sieht Pérez jedoch eine ideologische Wende in Spanien eingeleitet. Dieser Regierung geht es nicht nur »ums Sparen«, so Pérez. Gesetzesvorlagen gegen liberale Positionen bei Homosexualität und beim Schwangerschaftsabbruch seien auf der Tagesordnung. Pérez zitiert Rajoy mit der Aussage »künftig werde nicht mehr die einzelne Frau, sondern Rajoy selbst entscheiden, wann eine Schwangerschaft abgebrochen wird und wann nicht«. Diese Regierung steuert hin zu den Wurzeln ihrer politischen Gesinnung: »Sie kommen von ganz rechts und sie wollen nach ganz rechts«. So habe die Regierung beispielsweise das Schulfach Sozial- und Gesellschaftskunde einfach aus den Lehrplänen gestrichen.
In der Tat ist Rajoys Partei Partido Popular (PP) aus einer Sammel- und Vereinigungsbewegung der Franco-Faschisten entstanden. Nach dem Tod Francos 1975 begann in Spanien ein Systemwandel hin zur parlamentarischen Demokratie. Die ersten freien Parlamentswahlen 1977 beendeten die Diktatur. Zur Parlamentswahl 1977 trat ein Bündnis aus Parteien und rechten Splittergruppen unter der neu gegründeten Allianza Popular an. Fünf der sieben Parteien des Parteienbündnisses wurden von Ex-Ministern der Franco-Regierung angeführt. Sie errangen 1977 lediglich 8,2 % der Wählerstimmen und wurden in der Folgezeit noch unbedeutender. Die Wende gelang mit der Parteiumbenennung in Partido Popular im Jahr 1989. Die personelle Besetzung war weiter von Personen des Franquismus geprägt. Der neue Parteivorsitzende und spätere spanische Regierungschef José María Aznar war selbst Vorsitzender einer franquistischen Studentenorganisation. 2011 errang die Partido Popular unter Mariano Rajoy erstmals die absolute Mehrheit.
Einen demokratischen Prozess zur Willensbildung gibt es seither nicht mehr im Land. Politische Entscheidungen sind nicht transparent und werden von Rajoy nur noch verkündet. »Fernsehansagen« nennt das die spanische Opposition. Gewerkschaften werden beispielsweise in Gesetzgebungsprozesse zu Sparmaßnahmen oder dem Kündigungsschutz einfach nicht mehr einbezogen und angehört. Der Regierungspräsident verliest seine Dekrete nur noch im Fernsehen. »Er ist kein Demokrat, also verhält er sich auch nicht so«, so Luis Pérez. Die Botschaften der Regierungspartei seien einfach und klar: »Ihr habt über Eure Verhältnisse gelebt, jetzt müssen wir alle die Suppe auslöffeln«, gemeint ist das spanische Volk. Angesprochen auf die Obdachlosen und Armen im Land habe eine Abgeordnete der PP aus Valencia im Parlament unter tosendem Applaus ihrer Fraktion gerufen: »Die sind mir alle scheißegal«. Die Übersetzerin weist mich darauf hin, dass die originale Übersetzung deutlich vulgärer sei.
So wundert es wohl kaum, dass die »neue« Regierung unter dem Deckmäntelchen des Sparens die Mittel für die Arbeit des Verbandes praktisch komplett gestrichen hat. Nach wie vor gelten die Verfolgten und politischen Häftlinge des Franco-Regimes als Kriminelle. Luis Pérez kämpft auch persönlich seit Jahren um die Streichung seiner Haftstrafe aus seinem polizeilichen Führungszeugnis.
Der erste Aufstand
13. Januar 2014
Was geschah am 12. Februar 1934 in Wien?
Der 12. Februar 1934 stellt eines der historischen Daten des Zwanzigsten Jahrhunderts für Österreich dar. An diesem Tag endete mit dem Verbot der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei endgültig die 15 Jahre dauernde demokratische Phase der Ersten Republik. Der schrittweise Abbau demokratischer Rechte sowie sozialer Errungenschaften durch die bürgerlichen Bundesregierungen mündete in einem verzweifelten Aufstandsversuch von Teilen des seit 31. März 1933 verbotenen Republikanischen Schutzbunds. Verkürzt dargestellt kann man den Schutzbund mit dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold vergleichen, wenn dieser auch militärisch höher gerüstet war bzw. besser bewaffnet.
Linz, Montag, 12. Februar 1934, 7:00 Uhr. Die Polizei durchsucht das sozialdemokratische Parteiheim im Hotel »Schiff« nach Waffen. Mitglieder des Republikanischen Schutzbunds eröffnen das Feuer. Der Kampf, das Wort »Bürgerkrieg« wäre trotz der Schwere der Ereignisse übertrieben, hat begonnen. Neben Linz sind Steyr, Bruck an der Mur und Graz die Hauptzentren der Kämpfe. In Wien setzt der Widerstand um 11:46 Uhr ein: E-Werk-Arbeiter schalten den Strom ab und geben damit das vereinbarte Signal zum Generalstreik. Die ersten Schüsse fallen. Die Bundesregierung verhängt das Standrecht … Am Donnerstag, dem 15. Februar, sind die Kämpfe zu Ende. Ein Generalstreik hat nicht stattgefunden, die Arbeiterschaft war nach fünf Jahren Weltwirtschaftskrise zu demoralisiert. Die Regierung ist endgültig »Herrin der Lage«. Die Opfer in ganz Österreich (nach offiziellen Angaben): 118 Tote und 486 Verwundete auf Regierungsseite, 196 Tote und 319 Verwundete auf der Gegenseite. Neun Schutzbündler werden standrechtlich gehenkt, mehr als 1.200 eingekerkert.
In Wien hatte man erst in der Vorwoche Hausdurchsuchungen im Parteihaus und in den großen Wohnhausanlagen der Stadt (»Gemeindebauten«) erlebt. Vom Dachboden bis zum Keller suchte die Polizei – vergeblich – nach Waffen. Die Parteiführung, unter dem Eindruck des verheerenden Schicksals der Arbeiterparteien im Deutschen Reich, war immer noch in der Hoffnung auf einen Kompromiss mit der Regierung. Es sollte anders kommen.
Vier Tage lang dauert der Kampf um den Karl-Marx-Hof, jenes Bauwerk, das in der ganzen Welt als Symbol der sozialen Wohnbautätigkeit des »Roten Wien« gilt. Montagnachmittag hatte die Polizei nach vergeblicher Waffensuche Beobachtungsposten rund um den großen Gebäudekomplex aufgestellt. Gegen 19:00 Uhr kam es zu blutigen Zusammenstößen. Schutzbundführer Emil Svoboda wird wegen dieser Kämpfe am 15. Februar standrechtlich hingerichtet.
Montagabend vertreibt der Schutzbund vorübergehend die Polizei aus dem Wachzimmer des benachbarten Bahnhofs Heiligenstadt. Der Bahnverkehr auf der Franz-Josefs-Bahn wird unterbrochen. Gegen 23:00 Uhr rückt der Heimatschutz an und nimmt die Verteidiger unter Beschuss. Ein Angriff wird zurückgeschlagen. Nun kommt das Bundesheer. Um 1:00 Uhr eröffnen die Haubitzen einer Gebirgskanonenbatterie von der Hohen Warte her das Feuer auf den Wohnkomplex. Um 4:00 Uhr früh kommt Fey und billigt ausdrücklich den Plan, den Karl-Marx-Hof mit Artillerie sturmreif zu schießen. In den Wohnungen befinden sich Frauen und Kinder.
Am 13. Februar, um 9:45 Uhr, trifft die Artillerie den »Blauen Bogen« im dritten Stockwerk. Nun folgt der Sturmangriff. Aber die Verteidiger geben nicht auf. Stundenlang tobt ein erbitterter Kampf. Dann müssen die Panzerautos und Kanonen nach Floridsdorf, diesen Bezirk kontrolliert als einzigen der Schutzbund, abgezogen werden, auch wird das Feuer aus anderen nahen Gemeindebauten immer heftiger. Die Angreifer ziehen sich aus dem halbzerstörten Gebäude wieder zurück.
Nun wenden sich Polizei, Militär und Heimwehr gegen die Gemeindebauten der Umgebung und treiben deren Verteidiger in die Schrebergärten. In der Nacht zum Mittwoch kommen neue Truppen, wagen aber keinen Angriff. Erst am 15. Februar, als Militär in überwältigender Stärke aufmarschiert und neuerlich Kanonen schießen, hissen die Verteidiger die weiße Fahne. Um 14:30 Uhr besetzt die Exekutive den Hof.
Am Sonntag danach fuhren die Wiener zu den Stätten der Zerstörung: Die einen sahen sie mit Genugtuung, die anderen mit bitterer Trauer. Die Risse, die die Artillerie der Regierung in die Arbeiterhäuser geschossen hatte, gingen auch durch die Herzen. Sie machten Österreich sturmreif für eine noch viel grausamere Diktatur vier Jahre später. Heute, achtzig Jahre danach, sind die Ereignisse weitgehend in Vergessenheit geraten, Medien und Öffentlichkeit konzentrieren sich auf 1914 und den Beginn des Ersten Weltkriegs. Doch es bleibt, dass Österreichs Arbeiter als erste in Europa dem Faschismus mit der Waffe entgegen traten.
Der 27. Januar und die Jugend
13. Januar 2014
Das Interesse ist größer als das Wissen – Ergebnisse einer Umfrage
Zur Einführung des 27. Januar als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus im Jahr 1996 sprach der damalige Bundespräsident Roman Herzog: »Die Bürger unseres Landes sollen wenigstens einmal im Jahr über das Geschehene nachdenken und vor allem über die Folgerungen, die daraus zu ziehen sind. Ganz besonders wichtig aber ist es, unsere jungen Menschen zu erreichen und ihren Blick für – möglicherweise – kommende Gefahren zu schärfen.« Er mahnte »zum Erinnern und zur Weitergabe der Erinnerung. Nicht nur am 27. Januar. Aber vielleicht kann dieser Gedenktag uns dabei helfen.« Seitdem wird am Jahrestag der Befreiung des KZs Auschwitz in den verschiedensten Formen an die NS-Zeit und deren Opfer erinnert. Dennoch, der 27. Januar scheint gerade bei jüngeren Menschen nur wenig Resonanz zu finden. Eine Umfrage des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933-1945, die im Frühjahr 2009 unter knapp 600 Frankfurter Schülerinnen und Schülern durchgeführt wurde, unterstreicht dieses Resultat:
Der 27. Januar 1945 ist in den Köpfen der befragten Jugendlichen als historisches Datum quasi nicht existent: Nur 2,9 Prozent konnten diesen Tag der Befreiung des KZ Auschwitz zuordnen. Ähnlich unbekannt ist lediglich der 2. Mai 1933. Den Tag, an dem die Gewerkschaften zerschlagen wurden, kannten weniger als 5 Prozent der befragten Schüler. Besser bestellt ist es um das Wissen über die Novemberpogrome um den 9. November 1938 und den Beginn des 2. Weltkriegs am 1. September 1939: Jeder fünfte der befragten Schüler konnte das richtige Ereignis diesen Daten zuordnen. Die deutlichsten Spuren im Schülerwissen hat der 30. Januar 1933 hinterlassen: 45 Prozent der Schüler kannten das Datum der so genannten »Machtergreifung«. Auch das Ende Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945 und der Attentatsversuch von Claus von Stauffenberg am 20. Juli 1944 sind bekanntere Daten: Knapp 44 Prozent der Befragten kannten die richtige Antwort auf diese Geschichtsdaten. Das vergleichsweise gute Abschneiden des 20. Juli 1944 erklärt sich mit Sicherheit durch den Film »Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat« mit Tom Cruise, der zu Beginn des Befragungszeitraumes in den deutschen Kinos lief und eine große mediale Aufmerksamkeit auf sich zog.
Sicherlich erschöpft sich die Aneignung der Geschichte des »Dritten Reiches« nicht im Erlernen von historischen Daten und Fakten. Dennoch bilden Geschichtsdaten einen wichtigen Zugang zu dieser Geschichtsepoche: Sie ermöglichen die chronologische Einordnung von Prozessen, Strukturen und Biografien und helfen bei der Orientierung im zeitgeschichtlichen Feld.
Dabei scheint es unter Jugendlichen kein prinzipielles Desinteresse an der NS-Zeit und an der Erinnerung daran zu geben. Unter allen abgefragten Themen der Geschichte des 20. Jahrhunderts ist die NS-Zeit das Thema, dass die meisten Schülerinnen und Schüler interessiert: Immerhin 78% der befragten Schüler geben an, sich sehr stark bzw. stark für dieses Thema zu interessieren. Darüber hinaus findet ein Großteil der befragten Jugendlichen die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus auch heute noch wichtig. Lediglich knapp jeder zehnte der Befragten (9,5%) äußerten, dass die Erinnerung an diese Zeit gar nicht bzw. nicht mehr so wichtig sei. Der Zeit von 1933 bis 1945 zu gedenken, fanden dagegen 88% der Jugendlichen für sehr bzw. ziemlich wichtig. Auffallend ist aber, und dies deckt sich mit der Alltagserfahrung derjenigen die an Gedenkveranstaltungen teilnehmen, dass diesem Wunsch nach Erinnerung keine konkrete Beteiligung bei Gedenkveranstaltungen folgt: Über drei Viertel der Jugendlichen hat bislang nie an einer Gedenkveranstaltung teilgenommen.
Zu überlegen wäre also, ob die bestehenden Gedenkformen (Ausnahmen bestätigen hier die Regel) informelle Zugangsbarrieren erzeugen. Erreicht die Ankündigung einer Veranstaltung den gewünschten Adressatenkreis? Ist die oft ritualisierte Form der Veranstaltung mit Ansprachen von kommunalen WürdenträgerInnen, die mitunter auch nur aus Sprechblasen und Satzbausteinen bestehen, die richtige Form – sowohl für jüngere als auch ältere TeilnehmerInnen? Gibt es andere, projektartigere Formen der Auseinandersetzung, Formen die mehr in den Alltag und den öffentlichen Raum hineinreichen, wie z.B. Straßentheater, Plakat- und Ausstellungsaktionen etc., die einen eigenen, kreativen Zugang für Menschen ermöglichen, die den etablierten Gedenkformen bislang fern bleiben. Darüber sollten wir nachdenken.
Strafrecht in Deutschland
13. Januar 2014
Juristisch-Biographisches über das Wirken Fritz Bauers
50 Jahre nach dem Beginn des ersten Auschwitzprozesses ist es ein guter Anlass, der Lebensleistung Fritz Bauers (1904 – 1968) zu gedenken. Ronen Steinke hat dazu mit dieser einfühlsamen Biographie eine materialreiche Grundlage geschaffen. In ihr geht es natürlich nicht nur um den Werdegang des Strafrechtlers und Rechtspolitikers. Er wird immer als Teil einer konfliktreichen menschlichen Entwicklung beleuchtet. Insofern mag die Überschrift dieser Besprechung verkürzt erscheinen. Zu deren Rechtfertigung soll deshalb die Feststellung dienen, die Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, im Vorwort zu dem Band getroffen hat: »Nie geschieht Recht von selbst. Stets ist es angewiesen auf Persönlichkeiten, die seine Verwirklichung zu ihrer Sache machen.« Von den prägenden Elementen und Etappen der Persönlichkeit Fritz Bauers handelt dieses Buch.
Da sind zunächst die Studienjahre an Universitäten, deren Studentenschaft von zunehmend antisemitischen Verbindungen dominiert wurde. Er schloss sich in Heidelberg der »Freien Wissenschaftlichen Vereinigung« an, einer liberalen und überkonfessionellen Verbindung, in der sich jedoch schon wegen des andernorts bereits praktizierten »Arierparagraphen« vorwiegend Juden zusammenfanden. Sie bekannte sich jedoch explizit zum »Deutschtum« und grenzte sich von zionistisch orientierten Vereinigungen ab.

Ronen Steinke: »Fritz Bauer – oder Auschwitz vor Gericht«
Piper Verlag München, 352 Seiten, 16,99 EUR
Seine rechtstheoretischen Überzeugungen orientierten sich früh an denen des Rechtsphilosophen und zeitweiligen Reichsjustizministers Gustav Radbruch und dessen Lehrer Franz v. Liszt: Weg von dem noch von Kant und Hegel vertretenen Sühneprinzip hin zu einem auf Prävention und Besserung gerichteten Strafrecht. Seine Dissertation handelt allerdings von der Rechtfertigung der wachsenden großindustriellen Zusammenschlüsse, was ihm eine glänzende Karriere als Wirtschafsjurist ermöglicht hätte. Jahre später wird er dazu einen dezidiert entgegengesetzten Standpunkt einnehmen. Aber schon damals zog er den Beruf eines Jugend- und Strafrichters am Amtsgericht Stuttgart vor, aus dem er dann 1933 vertrieben wurde.
Wesentlich für ihn war auch der aktive Einsatz zur Verteidigung der Republik im Reichsbanner an der Seite vom Kurt Schumacher. Die Niederlage in diesem Kampf brachte beiden Haft und Misshandlung im KZ ein. Während Schumacher bis zum Untergang des Faschismus inhaftiert blieb, unterschrieb Bauer eine demütigende Unterwerfungserklärung, die ihm die Entlassung und später das Exil in Skandinavien ermöglichte. Seine und seiner Familie Geschichte der Verfolgung, Entrechtung, Enteignung und Vertreibung festigen zwar seinen Antifaschismus. Der von interessierter Seite vorgebrachte Vorwurf eines Rachefeldzugs bei der Verfolgung von Nazi-Verbrechen prallte jedoch von seiner souveränen Persönlichkeit ab.
Auch sein konsequenter Einsatz für ein humanes Sexualstrafrecht war prinzipieller Natur – unbeschadet seiner persönlichen Betroffenheit: Seine Versuche, seine gleichgeschlechtlichen Neigungen im dänischen Exil zu leben, brachten ihm als Ausländer polizeiliche Verfolgungen ein, obwohl dies nach dortigem Recht nicht illegal war. Als hessischer Generalstaatsanwalt nahm er allerdings keinen Einfluss auf einschlägige Verfahren. Seine Prioritäten galten dem Auschwitzprozess. (Die Strafrechtsreform von 1969 wird er dann nicht mehr erleben.)
Der an Hindernissen reiche Weg aus dem Exil zurück in den Justizdienst wird von Steinke ausführlich geschildert. Zwar suchten die Verantwortlichen der Alliierten nach unbelasteten Juristen, seine jüdische Herkunft galt ihnen zunächst jedoch als »inopportun« – besonders schmerzlich für jemand, der sich immer als deutscher Patriot definiert hatte und sich später nur noch als »Jude im Sinne der Nürnberger Gesetze« bezeichnete. Als er schließlich doch in verantwortliche Positionen berufen wurde, war die Durchsetzung des Justizapparats mit alten Nazijuristen bereits weit fortgeschritten. Sich dagegen zu behaupten, war die Hauptlast seiner weiteren Arbeit.
Breiten Raum nimmt bei Steinke die Frage ein, wie der Strafanspruch gegen die NS-Täter mit Bauers rechtspolitischer Position der Vorbeugung vereinbar sei: In allen großen NS-Prozessen steht für ihn nicht so sehr die Bestrafung der Täter im Vordergrund, wichtiger ist die öffentliche Beleuchtung des verbrecherischen Systems: Als Generalstaatsanwalt in Braunschweig führt er den Prozess gegen Otto Ernst Remer wegen Verunglimpfung der Widerstandskämpfer vom 20. Juli als »Verräter«. Er arbeitet dabei heraus, dass Widerstand gegen das von Anfang an illegale NS-System Pflicht gewesen sei. Es hätte keinerlei Anspruch auf Loyalität besessen. Zur Ergreifung Eichmanns durch Israel leistet er einen wesentlichen Beitrag in der Erwartung, durch den Prozess das verbrecherische Mordsystem vor die Weltöffentlichkeit zu bringen. Im Auschwitzprozess stellt er »22 Angeklagte für 20 Millionen Deutsche« vor Gericht. Aufklärung über das mörderische Lagersystem ist das Anliegen, eine präventive Absicht also!
Der »Charakter der Ordnung«
13. Januar 2014
Aufschlussreiches zur Polizei in der NS- »Hauptstadt-der Bewegung«
Wer sich Gedanken macht über das Verhalten von Polizei und Geheimdiensten gegenüber Faschisten und Antifaschisten heute, kommt nicht umhin, sich auch mit den Traditionen deutscher »Sicherheitsorgane« zu befassen. Recherchen eines Arbeitskreises von Polizeibeamten und wissenschaftlichen Mitarbeitern des künftigen Münchner NS-Dokumentationszentrums zum Thema »Die Münchner Polizei und der Nationalsozialismus« sind hier hilfreich.
Erforscht wurde unter Leitung des Historikers Dr. Joachim Schröder, wie wichtige Teile der Münchner Polizei sich gegenüber dem Aufstieg der faschistischen Bewegung und den Nazis an der Macht verhalten haben. Ausdrücklich ausgespart blieb die Geheime Staatspolizei, die aus der -Bayerischen Politischen Polizei hervorgegangen war. Viele Gestapo-Größen wie z.B. Heinrich Himmler, Reinhard Heydrich, Heinrich Müller u.a. bewiesen in München ihre Brauchbarkeit, bevor sie in Spitzenpositionen nach Berlin gerufen wurden. Die Gestapo unterstand jedoch nicht mehr dem Münchner Präsidium.
Aber auch über die »normale« Polizei kamen unbequeme Wahrheiten zutage. »Was wussten wir schon über die nationalsozialistische Vergangenheit des Polizeipräsidiums München, was erwarteten wir zu erfahren?« fragt Kriminalhauptkommissar Fabian Frese in einem Artikel auf der Website des Dokumentationszentrums, in dem er den Arbeitskreis vorstellt. »War uns klar, dass geschlossene Einheiten der Münchner Polizei an Kriegsverbrechen, an der massenhaften Ermordung von Zivilisten beteiligt waren? Überraschte uns, dass Transporte in die Vernichtungslager durch Münchner Schutzpolizisten begleitet wurden, Münchner Polizisten sogar in KZ-Mannschaften waren?«
Das Bild der Polizei sei, so Frese, geprägt gewesen von »den frühen Entscheidungen in den Nürnberger Prozessen: Gestapo und SS waren als verbrecherische Organisationen gebrandmarkt – die Polizei nicht«. Lange habe sich der Mythos gehalten, Schutz- und Kriminalpolizei seien »sauber geblieben«. Für die Dauerhaftigkeit der Legende von der »unpolitischen«, »sauberen« Polizei sei der Einfluss von »Tatbeteiligte(n) und Anstifter(n)« entscheidend gewesen, die ihre Laufbahnen nach 1945 unbehelligt fortsetzen konnten.
Das Buch informiert über die Vorgeschichte in der Weimarer Republik: über antidemokratische Tendenzen aus der Zeit vor und während des Ersten Weltkriegs und der Niederschlagung der Räterepublik, über Schutz und Unterstützung, die Freikorps, Kapp-Putschisten und Fememörder genossen, über die frühe Existenz nationalsozialistischer Zellen in der Polizei und über die Großzügigkeit, mit der die Polizeiführung diese »im völkischen Lager stehenden wertvollen Kräfte der vaterländischen Bewegung« gewähren ließ. Und auch über Gegensätzliches: Während Wilhelm Frick, Leiter der Politischen Abteilung der Münchner Polizei, mit den Putschisten des 9. November 1923 kooperierte, schlug die Landespolizei den Putschversuch nieder.
Der zweite Abschnitt behandelt die Jahre 1933 bis 1945, den Umbau der Polizei zum Terrorapparat, ihre Rolle bei der Verfolgung verschiedener Opfergruppen im Reich und in den besetzten Ländern, die Beteiligung an Kriegsverbrechen und am Holocaust. Auch nach Handlungsspielräumen wird gefragt. Bei der Suche nach »wirklich mutigem, abweichendem Verhalten« kamen lediglich drei Fälle zutage.
Im Abschnitt »Neue Polizei – neues Denken?« geht es um Kontinuitäten nach 1945. Eine »fortgesetzte Kriminalisierung von Sinti und Roma und Homosexuellen« wird festgestellt, altgediente Kommunistenhasser konnten wählen, ob sie ihre Karriere bei der Polizei, beim Verfassungsschutz oder beim Bundesnachrichtendienst fortsetzen wollen. Viele hohe Funktionäre des NS-Regimes wurden bei der »Entnazifizierung« als »Mitläufer« eingestuft.
Zur Veränderung, die die faschistische Macht für die Polizei mit sich brachte, ist zu lesen: »Alle Polizeisparten … überwachten und vollstreckten die Gesetze und Verordnungen, die die damalige Regierung erließ. Dies unterschied sie nicht von der heutigen Polizei oder derjenigen der Weimarer Republik. Geändert hatte sich nunmehr der Charakter der Ordnung, die die Polizei unter dem NS-Regime aufrecht zu erhalten hatte…: Sie schützte nicht mehr die Rechte des Individuums vor Übergriffen anderer (auch des Staates). Geschützt wurde nur noch die nationalsozialistische ‚Volksgemeinschaft‘, die nach politischen, ‚rassischen‘ und sozialen Kriterien Menschen in diese Gemeinschaft ein- und aus ihr ausschloss.«
Solche Sätze regen dazu an, über den »Charakter« zu schützender Ordnungen nachzudenken – und darüber, was es bedeutet, wenn es heute offenbar in Polizei und Geheimdiensten wieder Tendenzen gibt, dem Treiben von Nazis nachsichtig, wenn nicht gar positiv gegenüber zu stehen, und dies durch vorgesetzte Stellen geduldet wird. Im Vorwort bemüht dagegen Bayerns Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer mit »Extremismus«-Warnungen das alte Rechts-gleich-Links-Schema. Das Buch gibt das an keiner Stelle her.
Französische Leerstellen
13. Januar 2014
Alte und neue Kunstwerke versuchen sie zu füllen
Frankreich war die eigenartigste Siegernation des II. Weltkrieges und hatte 1945 eine Menge zu verdrängen: die totale Niederlage gegen Deutschland und die breite ideologische, organisatorische, wirtschaftliche und sogar militärische Kollaboration mit dem Sieger, gipfelnd in einer halbfaschistischen eigenen Regierung. So folgte auf eine kurze Phase der Verfolgung von Kollaborateuren die weitgehende Festlegung auf ein »nationales Narrativ«, die Fixierung auf das andere, das »freie« Frankreich, für das verdächtig Viele sich schon immer eingesetzt haben wollten. Erst ab den 1960ern begann eine differenziertere Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Das Schicksal einer Gesellschaftsgruppe aber blieb bis in die Gegenwart schwach beleuchtet. Es sind die 1,6 Millionen französischer Kriegsgefangenen, die nach der Niederlage im Juni 1940 nach Deutschland verschleppt wurden und dort auch überwiegend bis 1945 blieben. -Diese Männer symbolisierten das Desaster das 1945 durch die Teilhabe an Sieg und Besetzung Deutschlands nur mühsam überlagert werden konnte. Sie waren irgendwie peinlich vor allem im Vergleich mit den siegreichen Soldaten von 14/18. Andererseits hatten sie es »nicht so schlimm« gehabt wie die Deportierten und KZ-Häftlinge, die ebenfalls nach dem 8. Mai zurückströmten.
Der französische Historiker Jacques Benoist-Méchin schilderte 1956 in »Der Himmel stürzt ein« den rapiden Verfall der politischen und militärischen Elite im Mai und Juni 1940, die immer verzweifelteren Pläne, das zunehmende Misstrauen untereinander aus dem heraus sich nur zwei klare Positionen entwickelten. Auf der einen Seite General de Gaulle mit dem Willen, den Krieg von wo auch und unter welch schlechten Bedingungen auch immer fortsetzen zu wollen und auf der anderen Marschall Pétain, der dafür stand, sich mit dem Sieger im nationalen Interesse einigen zu wollen. Benoist-Méchin steht für letzteres. Bereits vor dem Krieg imponierte ihm das faschistische Deutschland, insbesondere sein Militär. In völliger Fehleinschätzung der tatsächlichen deutschen Pläne zur Auflösung Frankreichs, engagierte er sich für die deutsch-französische Zusammenarbeit – »la collaboration« – und wurde zum Leiter der französischen diplomatischen Delegation für die »Kriegsgefangenenfrage«. Darin musste er scheitern, denn die deutsche Seite dachte gar nicht daran, die Beute Arbeitskraft wieder herauszurücken.
Die Unklarheit der Führung machte sich den französischen Soldaten in unklaren Befehlen, dem Nebeneinander von Durchhalteparolen und defätistischen Ordern deutlich. Die schlechte Vorbereitung der eigenen Seite – auch noch acht Monate nach der Kriegserklärung – die Wehrlosigkeit gegenüber der Luftwaffe und den Panzerdivisionen und die pausenlosen Gewaltmärsche zerrütteten die Soldaten in selten dagewesener Geschwindigkeit.
Auf diese Art und Weise erfolgte bereits die Gefangennahme dieser ungeheuren Anzahl von Männern unter ungünstigsten psychologischen Umständen. Man trieb sie in riesigen Herden wie Vieh durch Deutschland in die Oflags (Offizierslager) und Stalags (Stammlager für Mannschaften). Die ohnehin große Kluft zwischen Offizieren und Soldaten wurde von den Deutschen so noch weiter zementiert.Es entstand ein paralleles Lagersystem zu den KZs, mit dem man sich nur wenig beschäftigt.
Ins Oflag IID im damaligen Pommern wurde der Leutnant Georges Hyvernaud verbracht. Auf diesen Erlebnissen basiert sein Kurzroman »Haut und Knochen«, der bereits 1949 veröffentlicht wurde. Es wundert nicht, dass er rasch aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwand und erst 1997 (auf Deutsch erst 2010) wieder aufgelegt wurde. Er schildert das Lager-Offiziersmilieu aus vormaligen Unterinspektoren, Gymnasiallehrern und Versicherungsdirektoren als halt- und ziellos. Das eigentliche Elend sind die hospitalistischen Mitgefangenen. Man sei »verurteilt zu den anderen« und »Gefangener von Gefangenen – den anderen.« Wer hier an Jean-Paul Sartre denkt, liegt nicht falsch, denn in »Les Temps Modernes«, der Zeitschrift des existentialistischen Philosophen, erschien bereits 1948 ein Kapitel des Buches.
Der Ich-Erzähler reflektiert in dem auch heute noch radikal modern wirkendem Roman seine Rückkehr nach Frankreich. In der Familie, auf den Ämtern, auf der Straße erlebt er sich als Fremder, der äußerlich dort weitermacht, wo er vor dem Krieg aufgehört hatte. Was er erlebt hat, interessiert niemanden wirklich. Beamte, Ärzte, Tanten und Onkel reden über ihn hinweg, schreiben ihm eine Geschichte und eine Rolle zu. Er soll zu »unseren Gefangenen« gehören und kommt in eine Reihe mit »unseren Kathedralen« und »unseren Soldaten«, ob er will oder nicht.
Erwartet werden Anekdoten, nicht aber dass er fünf Jahre nichts anderes als ein »Sack aus Gedärm« gewesen ist, der um die Latrine herumlungerte. Gleich 20 Seiten des Romans beschäftigen sich mit den Klosetts, als einem Hauptproblem der Gefangenen.
»Haut und Knochen« ist aber kein Zeitzeugenbericht, sondern ein Roman, der die Gesellschaftssicht Hyvernauds widerspiegelt, worauf seine Übersetzerin Julia Schoch hinwies (»Literatur als Rache«, Sinn und Form 5/13). Es ist eine ätzende Kritik nicht nur an der Bildung eines einseitigen Geschichtsbildes, am romantisierenden Konservatismus, sondern generell an »falschen Posen« und »selbstverpaßten Etiketten« wie Schoch schreibt.
Der Arbeitszwang für gewöhnliche Soldaten und die Größe der Lager unterschied Oflags von Stalags. 40 km vom Oflag IID befand sich das zehntausende Gefangene umfassende Stalag IIB, Schauplatz des Graphic Novels »Ich, René Tardi, Kriegsgefangner im Stalag IIB« von Jacques Tardi. Mit Tardi hat sich ein sehr bekannter Künstler des Themas angenommen. Man kennt ihn als Tabubrecher, Anti-Nationalen und Defätisten aus seinen Werken über den I. Weltkrieg. Es sind Horrorwerke, ausgerichtet auf die Zerstörung von »gloire« und »honneur«.
Ton und Strich dieser Werke werden aufgenommen, aber bezeichnend modifiziert. Hier geht es um den Vater und seine Sicht auf die Erlebnisse, die er in den 1980ern niedergeschrieben hatte. Tardi zeichnet sich selbst als Jungen mit kurzen Hosen in die Geschehnisse ein, fungiert als allwissender Erzähler und imaginiert Dialoge mit dem Vater. Aber das Ergebnis der guten Idee befriedigt nicht. Er kann sich nicht lösen von der Selbstdarstellung des Vaters, der kein Verlierer sein wollte. Er war immerhin Unteroffizier gewesen, der sich 1935 bewusst zur Armee gemeldet hatte, um etwas gegen Deutschlands Aufstieg zu tun. Die eigenen Erfolge als Panzerkommandant sind ihm wichtig, er will nicht teilhaben an der Depression, sondern auch im Lager fünf Jahre lang ein wütend Aufsässiger gewesen sein. Inkonsistenzen und Unwahrscheinlichkeiten in der Erzählung werden übergangen.
Trotz dieser strukturellen Schwäche liefert Tardis Buch ein extrem hartes, rohes und vulgäres Panorama des Lebens im Stalag, das an Hyvernaud gemahnt.
Auch »Rogers Heimkehr« von Florent Silloray ist ein Graphic Novel eines Nachgeborenen. Doch es ist ein Enkel, der Abstand ist größer, die gewählte Methode eine gänzlich andere, sehr viel zurückhaltendere.
Silloray zeichnet eine Parallelhandlung von Gestern und Heute. Der Großvater Roger hatte dem Enkel Florent nur sehr wenig über die Kriegsgefangenschaft erzählt. Mit Elan stürzt sich Florent deshalb nach Roberts Tod auf dessen Tagebuch, in dem dieser von 1940 bis 1941 über seine Zeit als Soldat und in der Kriegsgefangenschaft akribisch Notizen angefertigt hatte.
Florent Silloray macht sich mit Hilfe dieser zeitgenössischen Aufzeichnungen auf den Weg nach Belgien und Sachsen. Es ist kein sympathisches Bild, das er von der heutigen sächsischen Provinz zeichnet. Die Leute reden nicht gerne, die Spurensuche ist mühsam, vieles bleibt ungeklärt, Informationen über die Zeit von 1941 bis 1945 und die Heimkehr fehlen gänzlich.
Wo Tardi imaginiert und kräftig ausmalt, hält sich Silloray an Fakten. Geradezu archäologisch bearbeitet er Details. Er sucht und zeichnet Orte, Straßen, Häuser, Brücken, Gleise mit derselben Akribie wie sein Großvater sie mit Worten beschrieben hatte. Roger Silloray stand am unteren Ende der französischen Soldatenhierarchie, denn er gehörte zur Masse der Wehrpflichtigen. Der Gemüsebauer war nicht gerne Soldat geworden. Er hasste die Langeweile des Soldatseins, die im Mai 1940 urplötzlich in wildes Marschieren, Flucht und Gefangennahme umschlug. Hatte er vielleicht sogar »Glück« gehabt, dass die Deutschen ihn anschließend in einem sächsischen Tagebau einsetzten?
Florent Sillorays Buch lässt all das offen und wirkt dadurch fragmentarisch und auf den ersten Blick hölzern. Aber der Verzicht auf die krassen Bilder ist mutig und regt vielleicht besonders zum Denken an.
Lachen am offenen Grab?
13. Januar 2014
Die Hofers und ihr Kabarett in Theresienstadt
Zu den für Nachgeborene schwer nachvollziehbaren Phänomenen der faschistischen Konzentrationslager gehört die Tatsache, dass sich Häftlinge trotz der unmenschlichen Lebensbedingungen auf unterschiedliche Weise künstlerisch betätigten. Nicht nur in den so genannten »Häftlingskapellen«, die sich manche Lagerführer hielten, sondern auch aus eigenem Antrieb. Von den Wachmannschaften gefördert, geduldet oder ganz im Verborgenen, entstanden Lieder, Gedichte, Zeichnungen, ja ganze Theateraufführungen, wie die im Sommer 1943 in Dachau mit Erwin Geschonneck als blutrünstigem Ritter Adolar (siehe antifa September/Oktober 2012). Beliebt waren auch kleine Formen, wie das Kabarett. Kunst als Überlebensmittel, als Widerstand, als Instrument der Verdrängung, als Apologetik der Verhältnisse- oder ein Amalgam aus all dem?

Die Broschüre kann gegen eine Spende von 5 Euro von der VVN-BdA Rostock oder über die Bundesgeschäftsstelle bezogen werden.
Wem einfache Antworten nicht ausreichen, der findet in Hannelore Rabes Broschüre »Die Hofers. Theresienstadt – Kabarett – Rostock«, herausgegeben von der VVN-BdA Rostock, jede Menge Anregungen und Stoff zum Weiterdenken. Hans und Lisl Hofer gehören zu den Opfern des Faschismus, die auf dem Neuen Friedhof in Rostock begraben sind. Doch bevor beide ihre künstlerische Laufbahn am Volkstheater Rostock beendeten, hatten sie als jüdische Wiener Künstler ein bewegtes und schweres Leben zu bestehen, dessen dunkelster Abschnitt in den Jahren von 1942 bis 1944 im Ghetto Theresienstadt lag. Er endete mit der Deportation beider nach Auschwitz.
Theresienstadt, von den Nazis zum Sammellager für mehr als 140 000 europäische Juden gemacht, wurde von einem jüdischen Ältestenrat verwaltet. Dieser förderte ein reges kulturelles Leben. Hans Hofer gehörte zu den aktivsten Theatermachern, er schrieb Texte, führte Regie und hatte ein eigenes Kabarett. Im Sommer 1944 assistierte Hofer seinem Mithäftling Kurt Gerron bei den Dreharbeiten zu dem berühmt- berüchtigten Propagandafilm »Theresienstadt – ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet«. Der Bericht, den er 1968 über diese Dreharbeiten für das Buch »Theresienstadt« des Europaverlages Wien schrieb, ist im Dokumentenanhang der Broschüre nachzulesen- ein eindrucksvolles historisches Dokument über einen Vorgang, den heute nur noch wenige vom Hörensagen kennen.
Die Widersprüchlichkeit künstlerischer Betätigung unter den Bedingungen völliger Rechtlosigkeit herausgearbeitet zu haben, ist der große Vorzug der Broschüre. Er wiegt ihre konzeptionellen Probleme, eine Verbindung aus biographischem Erzählen, historischen Quellen und eigenen Gedanken der Autorin herzustellen, bei weitem auf.




































