In einem Leichenwagen wird der jüdische Maler Chaim Soutine Anfang August 1943 aus seinem Versteck in Champigny nach Paris transportiert. Er ist an einem lebensbedrohlichen Magengeschwür erkrankt, kann in Chinon nicht adäquat behandelt werden und soll daher ins Santé Lyautey Krankenhaus im 16. Bezirk. Eine lebensgefährliche Unternehmung, sein Magengeschwür steht kurz vor dem Durchbruch. Lebensgefährlich, denn Frankreich ist von Wehrmacht und SS besetzt, Soutine steht auf der Fahndungsliste, seit seine Gemälde für Hermann Görings in der Schorfheide geplante »Norddeutsche Galerie« geraubt werden sollen. Große Durchgangsstraßen zu fahren, birgt ein zu hohes Risiko, überall sind Kontrollposten an den Ausfallstraßen, suchen nach Arbeitsdienstweigerern. Streiflichtartig treten ihm unter Einfluss von Morphium die Stationen seines Lebens vor Augen. Die Flucht aus der Enge seines Heimatortes Smilowitschi zwischen Wilna und Minsk, wo die jüdische Gemeinschaft seine surrealistische Malerei nicht annimmt. Seine Angst angesichts der Pogrome in Berditschew und Shitomir im Vorfeld des 1. Weltkriegs. Soutine erinnert sich an den Sommer 1919 in Céret, an seine apokalyptischen Bilder, die er lieber zerstört als erhalten sieht. Dr. Barnes aus Philadelphia, ein Amerikaner, entdeckt ihn in Paris, kauft dem unbekannten Maler Dutzende seiner Gemälde ab und lässt sie in die USA bringen. Erinnerungen gehen Soutine durch den Kopf, an die Gruppe junger Künstler im Montparnasse-Viertel, wo er seit 1913 lebte, an Modigliani, Krémègne, Chagall, Picasso, Cocteau, Max Jakob. Marie-Berthe Aurenge, die einstige Geliebte Max Ernsts, rettet ihn zu Kriegsbeginn vor der Internierung in den Pyrenäen, nach der Besetzung vor dem Abtransport in die Durchgangslager Drancy oder Pithiviers. Einen Stern trägt er nicht, er braucht seine vertraute Umgebung, seine Pinsel, Paletten, Tuben, seinen Bach und seine Mischung aus Milch und Wismutpulver, um die wachsenden Magenschmerzen zu besänftigen. Nein, es gibt dort keine Milch, keine Hoffnung für Soutine.
Vom Umgang mit Literatur
13. Januar 2014
Leonhard Kossuths Blick auf die Wladimir-Majakowski-Rezeption
Wer kennt ihn nicht, den Dichter der Revolution, den Verfasser des »linken Marsches«, den Maler der ROSTA-Fenster, den Konstruktivisten und Futuristen, den Satiriker und Propagandisten der Sowjetunion oder welches Etikett man ihm noch angehängt hat: Wladimir Majakowski? Als er nach seinem Tod angefeindet wurde, hat der Vermerk Stalins, Majakowski sei der beste und talentierteste Dichter der Sowjetmacht, sicherlich sein Ansehen gerettet. In den 50er Jahren hat ihm dieses Lob aber ebenso geschadet, galt er doch damit als Dichter des Stalinismus.

Leonhard Kossuth, Der Hut flog mir vom Kopfe, Majakowskis Zylinder?, NoRa-Verlagsgesellschaft Berlin 2013
Wie schwierig eine angemessene Annäherung an diesen großartigen sowjetischen Dichter tatsächlich ist, kann man nun noch einmal im Detail nachvollziehen, Leonhard Kossuth, Herausgeber der umfangreichsten deutschsprachigen Werkausgabe Majakowskis, legte jüngst unter dem Titel »Der Hut flog mir vom Kopf« eine autobiographische und literaturwissenschaftliche Annäherung an ihn vor. Ende der 50er Jahre begann Kossuth, der sich seit mehreren Jahren mit Majakowskis Lyrik und anderen Werken beschäftigt hatte, eine Dissertation zum Thema »Majakowskis Werke in Deutschland«, bis er durch die Verhaftung seiner Frau durch die Stasi von seinem Thema abgelenkt wurde. Auch wenn er die Dissertation nicht wieder aufnahm. blieb Kossuth dem Thema verbunden und editierte im Verlag »Volk und Welt« von 1966 bis 1973 die fünfbändige Werkausgabe, die in der BRD vom Insel-Verlag herausgegeben wurde.
Der vorliegende Band mit über 660 Seiten ist eine wahre Fundgrube, nicht für Freunde des russischen Dichters, sondern auch zum Umgang mit Literatur, mit dem historischen und politischen Erbe und letztlich mit kritischem Denken in der DDR. Kossuth lässt in seinem fiktiven Brief an Wladimir Majakowski, den er dem Band voranstellte, keinen Zweifel daran, dass er – bei allen Fehlern, Schwächen und Versäumnissen – den sozialistischen Weg der DDR für die bessere Perspektive der Entwicklung hält. Und er zitiert immer wieder Gedichte oder aus Werken, um deutlich zu machen, wie gegenwärtig für ihn dabei die Texte von Majakowski sind.
In seinem Buch lässt Kossuth den Leser teilhaben an dem Prozess der Auseinandersetzung mit Majakowski, ind em er die vorliegenden Teile der abgebrochenen Dissertation und fast achtzig Korrespondenzen mit Persönlichkeiten und Institutionen zur deutschen Majakowski-Rezeption abdruckt. Man erkennt, wie unterschiedlich, aber auch wie komplex sich die Nachdichtung von Majakowskis Lyrik gestaltete. Spannend – nicht nur für Spezialisten – ist dabei ein Gutachten von Erich Weinert vom August 1940 über zwei unterschiedliche Ansätze der Nachdichtungen. Nachdichtung ist weit mehr ist als nur die Übersetzung fremdsprachiger Texte. Das Ringen um das »richtige« Wort ist immer auch eine Interpretation der Texte für die heutige Zeit. Es spricht für Kossuth, dass er für seine Dissertation den Kontakt zu verschiedenen Übersetzern gehalten hat und ihre zum Teil divergierenden Perspektiven auf den Dichter aufnahm. Die Vielfalt der Zugänge wird in der »Bibliographie deutscher Nachdichtungen/Übertragungen« sichtbar, die zwar nur den Zeitraum bis Anfang der 70er Jahre abdeckt, aber viele große Namen wie Johannes R. Becker, Karl Dedecius, Johannes von Günter, Hugo Huppert, Franz Leschnitzer und Erich Weinert umfasst – nicht zu vergessen Kossuths eigene Nachdichtungen.
Ein Aspekt aus antifaschistischer Perspektive ist noch berichtenswert. In der Bibliographie der deutschsprachigen Veröffentlichungen wird in den Jahren 1930 bis 1947 Majakowskis Wirkung sichtbar. Nachdem er in der Weimarer Zeit zunächst nur in linken Kreisen rezipiert wurde, fand er 1932 und 1933 auch Aufnahme in Lexikoneinträgen des »Großen Brockhaus« und des »Großen Herder«. Doch bereits am 10. Mai 1933 landeten seine Gedichte auf dem Scheiterhaufen der Bücherverbrennung und 1935, 1938 und 1942 in der faschistischen »Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums«.
Folgerichtig veröffentlichte die Zeitung der SMAD »Tägliche Rundschau« schon im Oktober 1945 als kulturelle »Orientierungshilfe« für den antifaschistischen Neubeginn einen Beitrag von Ossip Brick über Majakowski. Am 18. April 1946 folgten drei weitere ausführliche Beiträge. Im Herbst 1946 erschien von Hugo Huppert herausgegeben der erste Band ausgewählter Gedichte im Verlag der sowjetischen Militärverwaltung.
Kein »besinnlicher Ort«
10. Januar 2014
Die ehemalige Hinrichtungsstätte im Innenhof des Kölner EL-DE-Hauses
Der Innenhof in dem von der Gestapo genutzten EL-DE-Haus in Köln ist ein bedrückender Ort. Er war Teil der Hinrichtungsstätte, in der von Herbst 1944 bis März 1945 mehrere hundert Häftlinge ermordet wurden. Hingerichtet wurden vor allem »fremdvölkische Personen«. Die Hinrichtungen wurden zumeist durch Erhängen, selten durch Erschießen vollzogen. Der Galgen stand hinter dem Gebäudekomplex Elisenstraße 3-9, wo sich heute ein Garten befindet. Die Opfer wurden über den Innenhof zum Galgen geführt, vom Innenhof aus wurden die Leichen abtransportiert. Hier fanden außerdem Misshandlungen und Gewaltverbrechen statt.
Dass mitten im Herzen der Stadt derartige Verbrechen passiert sind, ist in Köln nicht sonderlich bekannt. Über Jahrzehnte hinweg befand sich der Innenhof in einem unwürdigen Zustand. Dort, wo die Gestapo über 400 Häftlinge ermordete, standen Müllcontainer und parkten Autos. Über Jahre hinweg ist von uns gefordert worden, diesen Schandfleck zu beseitigen und diesen Ort würdig zu gestalten und als Gedenkort in die Gedenkstätte Gestapogefängnis einzubeziehen. Mit großem Interesse hat sich der Kulturausschuss der Stadt Köln des Themas angenommen und Ende 2008 ist es gelungen, einen einstimmigen Beschluss des Rates zur Anmietung der bis dahin von einer Galerie genutzten Räumlichkeiten zu erreichen. Im August 2012 zog der bisherige Mieter aus. Nunmehr konnte der Innenhof als ein zentraler Ort des Gedenkens in die national und europaweit einzigartige Gedenkstätte Gestapogefängnis einbezogen und öffentlich zugänglich gemacht werden. Nun schließt sich der Kreis: 32 Jahre nach Einweihung der Gedenkstätte Gestapogefängnis gehört der Innenhof dazu.
Am Sonntag, den 8. Dezember 2013, wurde unter reger Anteilnahme der Bevölkerung ein Denkmal im Innenhof eingeweiht. Der Hinrichtungsort erhielt durch eine künstlerische Gestaltung als Gedenkort eine würdige Form. Thomas Locher, international einer der bekanntesten konzeptuell arbeitenden Künstler, hat einen ungewöhnlichen, spektakulären Entwurf verwirklicht. Der Innenhof wird weder umgewandelt oder ergänzt und dennoch auf eine überraschende Weise vollkommen neu erfahrbar. Durch eine Rundumverspiegelung der Wände werden die Besucherinnen und Besucher, sobald sie aus der Gedenkstätte auf den Innenhof treten, mit etwas konfrontiert, was sie vielleicht am wenigsten erwartet haben: mit sich selbst und der heutigen Situation – und an diesem Ort zwangsläufig auch mit der Geschichte des Ortes.

Die Übersetzung des kyrillischen Textes lautet: »Hier bei der Gestapo / haben zwei Freunde gesessen aus / dem Lager Messe seit dem 24.12.44, Kurow Askold und Gaidai Wladimir, / jetzt ist schon der 3.2.45. Heute ist der 3.2., 40 Leute wurden gehängt. Wir haben schon 43 Tage gesessen, das Verhör geht zu Ende, jetzt sind wir / mit dem Galgen an der Reihe. Ich bitte diejenigen, die uns kennen, / unseren Kameraden auszurichten, dass auch wir in diesen Folterkammern / umgekommen sind / Heute ist der 4.2.45, 5.2., 6.2., 7.2., 8.2.45, 9.2., 10.2.« Die Inschrift wurde von Askold Kurow verfasst. Sie befindet sich in Zelle 1. Foto: RBA, Marion Menniken
Dieser Ort spiegelt im wahrsten Sinne des Wortes nicht allein das damalige Geschehen, sondern auch den Umgang der Gesellschaft mit ihm nach 1945. Zudem öffnet die Verspiegelung den Raum in die Umgebung, macht deutlich, dass hier nicht etwas strikt Verborgenes stattfand, sondern etwas, das zu sehen war. Dies zeigt, wie dieser Ort in die Stadtgesellschaft hineinwirkte und hineinwirkt.
Thomas Locher meint zu seinem Kunstwerk: »Die Idee der Neugestaltung ist es, den einerseits gewöhnlichen und gleichermaßen besonderen Innenhof als einen ‘spezifischen’ Ort zu markieren … Der Innenhof bleibt in seinen Dimensionen fast erhalten; aber er wird nicht mehr dieselbe Sichtbarkeit haben. Durch die Spiegelung wird der Innenhof zum Verschwinden gebracht, obwohl er räumlich präsent bleibt. Keine auratische Stimmung soll hervorgerufen werden. Es soll kein besinnlicher Ort werden, aber ein Ort der Besinnung«.
Möge das Denkmal dazu beitragen, dass diese Verbrechen vor unserer Haustüre stärker ins Bewusstsein gerückt werden und dass deren Opfer nicht länger vergessen werden.
Von Gurlitt und anderen
10. Januar 2014
Ein »Kunstfund« erinnert ans profitable Raubmorden
Eine Kunst-Geschichte? Das auch. Aber viel mehr noch ist es eine Geschichte von Beziehungen und Geschäften. Von einem Raubmörder-Staat, von dessen Protagonisten und Stützen, Helfern und Handlangern. Nicht wenige davon fanden sich, nachdem eine Antihitler-Koalition dem Staat den Garaus und dem Zweiten Weltkrieg ein Ende gemacht hatte, rasch wieder in Netzwerken zusammen. Und besetzten bald in der jungen Bundesrepublik Deutschland wichtige Terrains in Wirtschaft, Verwaltung, Politik. Und auch in Medien, Kultur- und Kunstbereichen.
»Schwabinger Kunstfund«: So lautet die offiziöse Sammelbezeichnung für das, was seit November vergangenen Jahres, verbunden mit dem Namen Gurlitt, Begriffe wie »NS-Raubkunst«, »Beutekunst« und noch speziellere wie »Provenienz« oder »Restitution« in Medien-Diskussionen brachte. Nicht nur in Feuilletons, sondern auch in eher kunstfernen Winkeln.
Losgetreten wurden alles durch das Öffentlich-Werden einer bereits länger zurückliegenden staatsanwaltschaftlichen Aktion. Eine stattliche Kunstsammlung war in einer Münchner Wohnung konfisziert worden. Es ging um den Verdacht der Steuerhinterziehung, betroffen war der über 80jährige Nachkomme und Erbe der Galeristen-Familie Gurlitt, der die Bilder in seiner Wohnung aufbewahrte. Ab und zu, so der bisherige Erkenntnisstand, soll er das eine oder andere Werk aus diesem Fundus veräußert haben. Manchmal für beachtliche Summen.
Fokussierte sich das anfängliche Medieninteresse noch sehr auf diesen Cornelius Gurlitt und sein etwas eigentümliches Leben mit den ererbten Bildern, kam es dann doch schnell zu einer Verlagerung des Interesses auf den verstorbenen Vater Hildebrand Gurlitt. Und auf dessen Wirken von der Weimarer Republik über die NS-Zeit bis hinein in die Mitte der 50er-Jahre der Bundesrepublik.
Konkret liest man zu dem »Kunstfund« unter www.loststart.de: »Im Frühjahr 2012 wurde in München-Schwabing im Rahmen staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen und auf Grundlage eines richterlichen Beschlusses eine umfangreiche private Kunstsammlung beschlagnahmt. Abzüglich beschlagnahmter Gegenstände, die keinen Bezug zur sog. ›Entarteten Kunst‹ oder zu ›NS-Raubkunst‹ besitzen, sind rund 970 Werke wissenschaftlich auf ihre Herkunft zu überprüfen. Ca. 380 dieser Werke konnten bislang dem Beschlagnahmegut der nationalsozialistischen ›Aktion Entartete Kunst‹ zugeordnet werden. Es handelt sich hierbei also um Objekte, die von den Nationalsozialisten in erster Linie aus öffentlichen Sammlungen und Museen entfernt worden waren.«
Hildebrandt Gurlitt – als Förderer zeitgenössischer Kunst in der Weimarer Republik Museumsdirektor in Zwickau, Lehrender an der Dresdener Kunstakademie, dann Direktor des Hamburger Kunstvereins, von den Nazis damals wegen der von ihm bevorzugten Kunst durchaus angefeindet – wird nach deren Machtübernahme und im Zuge der deutschen Eroberungsfeldzüge einer ihrer wichtigen Kunsthändler. Als »entartet« definierte gestalterisch oder politisch missliebige Werke der »Moderne« lassen sich devisenbringend ins Ausland verkaufen, ebenso nicht gewünschte Kunst aus »arisierten« Beständen. Angekauft wird aus diesen Beständen, weit unter Wert, von Gurlitt und Kollegen in Frankreich und anderen besetzten Ländern traditionelle, »klassische« Kunst, die dereinst nach Kriegsende im Rahmen des »Sonderauftrag Linz« Hitlers dort geplantes Renommier-Museum schmücken soll.
Wie sich inzwischen an einigen Beispielen nachweisen ließ, wächst in diesem Umfeld auch die private Sammlung des Händlers Hildebrandt Gurlitt, der es nach 1945 versteht, letztlich die US-Besatzungsoffiziere an den »Collecting Points« für eventuelle NS-Raubkunst von seiner Lauterkeit zu überzeugen. Als »Retter« moderner Kunst, als selbst von den Nazis Verfemter, nicht zuletzt wegen einer jüdischen Großmutter. Einem Neuanfang steht bald nichts mehr im Wege. 1948 wird Gurlitt Direktor des Kunstvereins in Düsseldorf, versteht sich dort mit der Wirtschaftselite an Rhein und Ruhr, ist international aktiv in Sachen »klassische Moderne« und bringt gerne auch Werke aus seiner Sammlung ein. 1956 stirbt er bei einem Autounfall.
Im Zuge der »Provenienz«-, also Herkunftsforschung, die nicht nur bei »lostart.de«, sondern auch in einigen Medien eingesetzt hat, werden inzwischen vielfältig Zweifel laut, einzelne Bilder betreffend. Und immer deutlicher tritt zutage, wie eingespielte Bekannte aus »Sonderauftrag-Linz«-Tagen zumindest in den 50er-Jahren in Kunstmarkt und -publizistik neue Spiele spielten. Modern jetzt, weltoffen und wiederum profitabel. Restitutions(Entschädigungs-)fragen stehen nun im Raum. Schade wäre es, bei aller Wichtigkeit, wenn über diesen wieder einmal die Analyse historisch-politischer Zusammenhänge vergessen würde.
Menschen über der Welt
10. Januar 2014

Conrad Felixmüller, Menschen über der Welt, 1919, zum Gedenken an Liebknecht und Luxemburg. Noch bis zum 27. Januar ist dieses Werk in der Ausstellung Wien-Berlin in der Neuen Berlinischen Galerie zu sehen.
Es gibt von Felixmüller auch ein Gemälde zum Thema das verschollen ist. Und Felixmüller taucht auch im »Lostart«-Verzeichnis auf.
Titelbild der Ausgabe Nov./Dez. 2013
17. Dezember 2013
Editorial
17. Dezember 2013
Wie ging man in der alten BRD mit der Nazivergangenheit um und was bedeutet das für uns Heutige? Diese Frage, einschließlich ihrer internationalen Dimension, zieht sich wie ein roter Faden durch die vorliegende antifa-Ausgabe. In den Beiträgen über Gauck in Oradour (Seite 9), Priebke, Kappler und Co (Seite 8) und die Überlebenden des Massakers von Santa Anna (S. 20) geht es um Naziverbrechen in den besetzten Ländern und ihre jahrzehntelangen Nachwirkungen. Im Porträt stellen wir eine litauisch-jüdische Partisanin vor, die bis heute für die Erinnerung an den Widerstand und seine Würdigung kämpft. Und die junge Autorin Nele Nussbaum informiert über ein eindrucksvolles Straßenprojekt zur Kennzeichnung von Orten der Besetzung und des Kampfes gegen die deutschen Okkupanten in Marseille (S. 29).
Doch auch unsere eigene Geschichte kommt nicht zu kurz. Ulrich Sander, seit seiner Jugend engagierter Antifaschist, zieht im »Spezial« eine Bilanz seiner politischen Erfahrungen. Der zweite Teil des »Spezials« vermittelt parallel dazu einen Eindruck von den ungehobenen Schätzen, die im Bundesarchiv der VVN ruhen. Die Geschichte einer beinahe vergessenen Publikation der VVN hat nicht nur uns beeindruckt, sondern auch den 23jährigen Studenten, der sie dort gefunden hat.
Schließlich gibt es noch eine direkte Verbindung aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Auf den Seiten 22 und 23 erinnern P.C. Walther und der 86jährige Journalist Conrad Taler, der vor 50 Jahren als Berichterstatter am Auschwitzprozess in Frankfurt am Main teilgenommen hat, an diese wichtige Zäsur bundesrepublikanischer Geschichtsdebatten. Im »Haus Gallus«, das extra für diesen Prozess errichtet wurde, wird vom 30. Mai bis zum 1. Juni 2014 der nächste Bundeskongress der VVN-BdA tagen. Die Information für alle Mitglieder über seine Einberufung durch den Bundesausschuss findet sich auf den Verbandsseiten.
Ehrung für die VVN-BdA
28. November 2013
Hans-Frankenthal-Preis 2013
Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky, 17. Oktober 2013
Preisverleihung an die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschist_innen VVN-BdA, Berlin
Laudatio: Dr. Detlef Garbe, Direktor der Gedenkstätte Neuengamme, Mitglied im Stiftungsrat
Sehr geehrte Gäste, liebe Freundinnen und Freunde.
Auch wenn in der öffentlichen Wahrnehmung dieser Tage zuweilen der Eindruck entsteht, als seien von Neonazis verübter Terror erst mit Bekanntwerden und Aufdeckung der Mordtaten des NSU, des Zwickauer Mordtrios und ihres weit verzweigten, bis in die NPD hinein reichenden Unterstützerumfeldes, vor zwei Jahren im November 2011 in der Welt, so wissen wir alle, die wir heute Abend zur Verleihung des Hans-Frankenthal-Preises 2013 zusammen gekommen sind, dass rechter Terrorismus auch nach der Niederringung des nationalsozialistischen Deutschlands und der Befreiung von der Gewaltherrschaft des NS-Regimes die Geschichte unseres Landes, und nicht nur unseres Landes durchzieht. Terrorismus ist mitnichten identisch mit den Taten der Roten Armee Fraktion, mit dem Deutschen Herbst des Jahres 1977 oder den spektakulären Al-Kaida-Anschlägen vom 11. September 2011. Die Taten des rechten Terrorismus sind in der öffentlichen Wahrnehmung weniger präsent, doch die meisten von uns werden sich noch genau erinnern an dem Anschlag beim Münchner Oktoberfest am 16. September 1980, bei dem 13 Menschen bei einer Explosion einer Bombe starben, die Gundolf Köhler, ein Neonazi mit Verbindungen zur paramilitärischen Wehrsportgruppe Hoffmann, zündete. Ich war an dem Tag zufällig in München und werde nie vergessen, wie die Meldungen im Bayerischen Rundfunk bei der Tat wie selbstverständlich zunächst linke Bombenleger am Werke sahen. Nur einen Monat zuvor, am 20. August 1980, starben hier in Hamburg zwei Flüchtlinge aus Vietnam bei einem Brandanschlag auf eine Asylunterkunft in Billbrook. Wegen Anstiftung zu dieser Tat und Rädelsführerschaft in einer terroristischen Vereinigung wurde der neonazistische Rechtsanwalt Manfred Röder später zu 13 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. 1990 folgte seine vorzeitige Haftentlassung wegen – wie es hieß – guter Führung und günstiger Sozialprognose.
Nach der deutschen Vereinigung stieg die Zahl der Opfer weiter an. In den 20 Jahren von 1990 bis 2010 haben nach Recherchen der „Zeit“ mindestens 137 Menschen ihr Leben durch Angriffe rechtsextremer Täter verloren. Und die zehn Mordopfer der NSU sind in dieser erschreckend hohen Zahl noch gar nicht einbezogen, weil die Taten ja damals noch anderen Zusammenhängen zugeschrieben wurden.
Natürlich wird in den Medien auch über rechtsradikale Gewalttaten, zum Beispiel über Schändungen von Gedenkstätten, oft ausführlich und gut berichtet, doch gleichwohl ist dieser Terrorismus im öffentlichen Bewusstsein weit weniger gegenwärtig. Als vor fünf Jahren, am 13. Dezember 2008, der Passauer Polizeidirektor Alois Mannichl von einem Neonazi vor seiner Wohnung niedergestochen wurde, war dies kurz in den Schlagzeilen, doch stelle man sich vor, der Täter hätte anderen politischen Zusammenhängen bzw. einer ethnischen Minderheit angehört oder es wäre jemand mit Migrationshintergrund gewesen. Ich denke, dass die Wahrnehmung eine andere gewesen wäre.
Den Neonazismus zum Thema zu machen, Nachrichten zu sammeln, zu recherchieren und öffentlich aufzuklären, ist das Verdienst der Preisträger, die am heutigen Abend den Hans Frankenthal-Preis für ihr Engagement verliehen bekommen. Seit annähernd drei Jahrzehnten organisiert der Arbeitsbereich Neofaschismus in der VVN-BdA, der einst unter anderem von dem unvergessenen Hamburger Landesvorsitzenden Helmut Stein initiiert wurde, Wanderausstellungen zum Thema. Die erste Fassung der Wanderausstellung „Neofaschismus in Deutschland“ erschien 1985, seit Mai 2010 ist die inzwischen fünfte Fassung in zahlreichen deutschen Städten zu sehen. Die Nachfrage ist erfreulicherweise so groß, dass es die Ausstellung in mehr als 10 Exemplaren gibt, um sie an mehreren Orten zeitgleich zeigen zu können. Allein diese fünfte Fassung wurde in den drei Jahren ihres Bestehens schon 170-mal ausgestellt. Ein enormer Erfolg, der sich neben der Prägnanz und der didaktischen Anschaulichkeit auch dem Umstand verdankt, dass hier eine Ausstellung und ihre Begleitmaterialien so passgerecht produziert wurden, dass Verleih und Aufbau weitgehend unkompliziert bewerkstelligt werden können.
Derzeit arbeitet eine Gruppe um Dr. Axel Holz und Thomas Willms an einer neuen Version, die nicht nur erneut Dokumente und Fotos durch aktuellere ersetzt und Aspekte wie Rechtspopulismus, V-Männer und Terrorismus stärker betont. Erstmals sollen nun auch die Möglichkeiten der neuen Medien verstärkt genutzt werden. So soll eine „App“, also eine Anwendung für die heute als Handys und Alleskönner üblichen Smartphones, angeboten werden, über die beim Ausstellungsrundgang im Rahmen einer Audioführung vertiefende Informationen und Tondokumente abgerufen werden können. Die Jury zur Verleihung des Hans Frankenthal-Preises hat sich auch deshalb für dieses Projekt entschieden, weil sie den Ansatz, mit der Ausstellung gezielt junge Menschen zu erreichen und sie über den Neofaschismus und seine Hintergründe aufzuklären, unterstützen möchte. Die Jury wurde in ihrer Entscheidungsfindung auch dadurch bestärkt, dass Steffi Wittenberg, die bei uns in Hamburg den Kampf gegen Neofaschismus und Antisemitismus und für die Rechte von Flüchtlingen mit einer bewundernswerten Kraft und Ausdauer führt, im Begutachtungsverfahren sehr überzeugende Argumente benennen konnte. Wir hoffen, dass über das Preisgeld hinaus auch eine verstärkte Publizität über dieses wichtige Vorhaben dazu beiträgt, dass die Finanzierung der neuen Ausstellung gesichert werden kann.
Ich möchte noch auf einen weiteren Aspekt hinweisen: Eine Auszeichnung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschist_innen ist zugleich ein politisches Symbol. Anders als im europäischen Ausland, wo die aus dem deutschen Widerstand gegen das Naziregime hervor gegangene Organisation und ihre Repräsentanten vielfach hoch geehrt wurden, dürfte die VVN-BdA in ihrer 65-jährigen Geschichte in der Bundesrepublik Deutschland nicht sehr häufig Preise und Auszeichnungen für ihre Arbeit erhalten haben. Der VVN-BdA als größter Organisation der Verfolgten des NS-Regimes, der Widerstandskämpfer, der Hinterbliebenen und seit vielen Jahren ehrenamtlich auf dem Gebiet der Erinnerungsarbeit Tätigen wurden derartige Würdigungen für ihre Erinnerungs- und Aufklärungsarbeit in aller Regel durch Staat und Gesellschaft bis in die Gegenwart hinein verweigert. Hier dürften immer noch die Frontlinien des Kalten Krieges nachwirken.
Erinnern wir uns. Im Zuge eines geistigen Klimas, dass in den 1950er-Jahren im Zuge von Restauration, Antikommunismus und Remilitarisierung den großen Frieden mit den einstigen Funktionseliten des Hitlerregimes suchte, gerieten nach der Teilung und der Eingliederung der beiden Deutschlands in die großen von der USA einerseits und der Sowjetunion andererseits dominierten Blöcke auch die in der VVN organisierten ehemals politisch Verfolgten ins Visier des Staatsschutzes und der neu gegründeten Geheimdienste. Es gab in dieser Zeit nicht nur die politische Verfolgung von Angehörigen der Jungen Gemeinde, von Zeugen Jehovas und von Sozialdemokraten in der DDR, es gab auch im Westen politische Verfolgungsmaßnahmen, die sich in erster Linie gegen Kommunisten richteten, die in der VVN organisiert waren, weil sie sich am kommunistischen Widerstand beteiligt hatten und deshalb verfolgt worden waren. Als die Bundesregierung sich 1951 anschickte, die VVN zu verbieten, griffen Rheinland-Pfalz und Hamburg zur Tat. Während in diesen beiden Bundesländern die VVN verboten wurde, folgten andere Bundesländern dem nicht. Es gehört zu den bemerkenswerten Kuriositäten der frühen Geschichte der Bundesrepublik, dass in Bayern der VVN verwaltungsgerichtlich die Verfassungskonformität zugesprochen und über den Arbeitsausschuss der Bayerischen Verfolgtenverbände sogar indirekt weiterhin (in geringem Umfang) staatliche Förderung erhielt, während sie hier, in dieser sich ihrer Liberalität rühmenden Stadt, verboten blieb, bis nach der Neugründung als „Vereinigte Arbeitsgemeinschaft der Naziverfolgten“ in Hamburg 1961 nach und nach die staatliche Repression abnahm.
Und wir reden hier nicht nur über lange zurückliegende Zeiten. Bis zum Jahr 2005 wurde im Verfassungsschutzbericht des Bundes die VVN-BdA unter der Rubrik „linksextremistische Bestrebungen“ geführt. Und noch heute ist die Organisation, die wir heute mit dem Preis der Stiftung Auschwitz-Komitee ehren, in den Berichten einzelner Landesverfassungsschutzämter zu finden. Das ist nicht hinnehmbar und gehört geändert.
In Zeiten, in denen uns durch Historikerkommissionen zur Aufarbeitung der Geschichte der Bundesministerien, des Bundeskriminalamtes und des Bundesnachrichtendienstes noch einmal aus den Akten veranschaulicht wird, wie stark die Bundesrepublik in ihrer Frühzeit durch ehemalige Nationalsozialisten geprägt wurde, sollte man sich bewusst machen, dass es hier keine einfache Betrachtung gibt. Für jene Zeit ist es fürwahr nicht so leicht mit den Maßstäben für demokratisches Denken und Handeln. Denn die Frontlinien im Kalten Krieg verliefen nicht gerade.
25 Minister, ein Bundespräsident und ein Bundeskanzler der Bundesrepublik waren ehemalige Mitglieder in NS-Organisationen. Im Bundesfinanzministerium war die Hälfte aller Staatssekretäre, Abteilungsleiter und Unterabteilungsleiter in den 1950er-Jahren ehemalige Parteigenossen der NSDAP. Beim Bundesgerichtshof, der höchsten Instanz im Straf- und im Zivilrecht, lag 1953 der Anteil NS-belasteter Richter bei 72 Prozent, bis 1956 stieg er auf 79 Prozent, in den Strafsenaten lag er noch 1962 bei 80 Prozent.
Beim Bundeskriminalamt war es noch gravierender. Ehemalige SS-Offiziere besetzten zeitweise mehr als zwei Drittel aller leitenden Positionen. Kurzum: In den frühen Jahren der Bundesrepublik herrschten gesellschaftliche Bedingungen, in denen heutige Maßstäbe nur schwer anlegbar sind.
Diese einstigen Helfer und Vollstrecker des Hitlerregimes erkannten – was nicht überraschen kann –in der VVN und ihrem Wachhalten der Erinnerung eine Gefahr und nahmen die Kommunistenjagd erneut auf. Dass sie dafür im neuen demokratischen Staat Rückhalt fanden und Rückenwind erhielten, verdankten sie dem Umstand, dass auch ihre unbelasteten Kollegen und die neuen politischen Entscheidungsträger unter den Bedingungen des Kalten Krieges dem Kampf gegen die „rote Gefahr“ eine höhere Priorität einräumten als einer konsequenten Aufarbeitung der braunen Vergangenheit. Trotz der verheerenden Erfahrung des Nationalsozialismus blieb auch der neue demokratische Staat wie in Weimarer Zeiten weiterhin auf dem rechten Auge blind.
Auch wenn zweifelsohne innerhalb der VVN in ihrer langen Geschichte manche Irrwege beschritten wurden, der Einfluss der DKP offenkundig war und nicht zuletzt die verheimlichten jahrzehntelangen Zuwendungen aus der DDR, die nach 1989 publik wurden, zu Zerwürfnissen führten und weiterhin ein schweres Erbe darstellen, so bedeutet die ungebrochene Nennung der VVN in Verfassungsschutzberichten altes Denken in den Kategorien des Kalten Krieges und eine Negierung der in den letzten Jahrzehnten vollzogenen innerverbandlichen Veränderungen.
Die VVN stellt sich heute ihrer Geschichte, sie stellt sich auch schwierigen und sehr schmerzhaften Fragen. In den letzten Jahren wurde – um hier ein Beispiel zu nennen – eine intensive Aufarbeitung der Geschichte von jenen mehreren Tausend deutscher Antifaschisten vorangetrieben, die Opfer der stalinistischen Verfolgung in der Sowjetunion wurden. Zu Recht stellte die Tagung „Das verordnete Schweigen“, die im Juni 2010 im Berlin durchgeführt wurde, fest: „Dass gegenwärtig die Gleichsetzung von Nazis und Antifaschisten, von NS-Regime und DDR und Kommunismus besonders eifrig betrieben wird, darf uns nicht daran hindern, uns mit »weißen Flecken« und unangenehmen Themen selbständig und durchaus offensiv auseinanderzusetzen.“ (antifa 7-8/2010, Seite 6)
Die Stigmatisierung dieser Organisation als extremistisch, ihre Überwachung durch die Verfassungsschutzämter, die andererseits nicht nur beim Terrorismus des NSU versagt haben, ist anachronistisch. Wer heute noch die VVN-BdA politisch auszugrenzen versucht, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er nicht eher auf das unbequeme heutige politische Engagement zielt, das sich im Kampf gegen den Neofaschismus gerade auch um unsere Demokratie und unseren Rechtsstaat verdient macht und mithin echten, konstruktiven Verfassungsschutz darstellt. Die 2007 gestartete Kampagne der VVN-BdA zum NPD-Verbot, ihre entschlossene Gegenwehr zur Verhinderung von Nazidemonstrationen, ihre Bündnisbreite und ihre Offenheit auch für unkonventionelle Protestformen der jungen Antifa lassen in Behörden und im Parteienspektrum jene nach Ausgrenzung verlangen, die im Unterschied zu großen Teilen der VVN-BdA noch im alten Denken verhaftet sind. Erfreulicherweise findet dies im Land und in den Städten, in denen sich in den letzten Jahren in großer Zahl Bündnisse gegen rechts gebildet haben, wenig Anklang, denn nicht selten sind dort – wie bei uns in Hamburg-Bergedorf – die Rathausparteien CDU, SPD, FDP, Grüne und Linke mit der VVN-BdA gemeinsam vertreten.
Es ist gut und richtig, dass diese Organisation und ihre Ausstellungen über den Neofaschismus in Deutschland heute geehrt werden. Und ich wünsche der VVN-BdA, dass sie auch nach 65 Jahren nicht in Rente geht, denn wir, denn unser Land braucht diese wichtige mahnende Stimme.
Verhandlungsmasse?
28. November 2013
Bundesländer kündigen NPD-Verbotsantrag an
Ein halbes Jahr ist es her, dass der Bundestag den Vorstoß der SPD-Fraktion, einen eigenen Antrag für ein NPD-Verbotsverfahren zu stellen, abgelehnt hat. Nach einer mehr als traurigen Debatte stimmten damals CDU und FPD dagegen, die Grünen enthielten sich und die 211 Ja-Stimmen von SPD und Linken zeigten, dass nur eine Minderheit dieses Parlaments bereit war, der offen verfassungsfeindlichen NPD mit den Mitteln des Staates entgegenzutreten.
Danach verschwand das Thema aus den Medien; monatelang bestimmten Wahlkampf und Koalitionsgerangel die öffentlichen Debatten. Bis Ende Oktober aus dem Bundesrat zu hören war, dass die 16 Bundesländer bis zum Jahresende einen gemeinsamen NPD-Verbotsantrag beim Bundesverfassungsgericht einreichen wollen. Scheinbar ein normaler Vorgang – den entsprechenden Beschluss hatte der Bundesrat bereits vor einem Jahr gefasst, danach wurde weiter an dem Antrag gearbeitet. Doch unterdessen sind die Verhältnisse andere geworden. CDU und SPD schicken sich an, gemeinsam zu regieren. Zu den vielen strittigen Fragen kommt das Thema NPD-Verbot nun noch hinzu.
Aus dem Bundesrat war zu hören, sein Verbotsantrag komme auf jeden Fall. Doch natürlich sei es besser, wenn sich die Regierung auch dazu bekennt. Genau das hat die Kanzlerin bisher abgelehnt. Der bayerische Innenminister (wie seine Vorgänger im Amt ein Befürworter des NPD-Verbots) verlangte jetzt sogar, dass die Haltung zum NPD-Verbot im Koalitionsvertrag verankert werden muss.
Das kann alle, denen das NPD-Verbot ein wirkliches Anliegen ist, in Angst und Bange versetzen. So viele Punkte, in denen sie die Stärkere ist, besitzt die SPD in den Koalitionsverhandlungen nicht. Wird sie gerade beim NPD-Verbot standhaft bleiben?
Fragen für hier und heute
28. November 2013
antifa-Gespräch mit Ernst Grube über Gedenkstätten und Lernorte
antifa: Im unlängst veröffentlichten »Fünfjahresbericht« der »Stiftung Bayerisches Gedenkstätten« ist festgehalten, dass »der engagierte Überlebende« – so steht es da – Ernst Grube 2012 zum Vorsitzenden des »Kuratoriums der Stiftung« gewählt wurde, »dem die in der Erinnerungsarbeit aktiven Vereine und Verbände angehören«. Was macht dieses Kuratorium?
Ernst Grube: Es handelt sich um ein Gremium, das laut »Gesetz über die Errichtung der Stiftung Bayerische Gedenkstätten« aus dem Jahr 2002 »den Stiftungsrat und den Stiftungsdirektor in allen fachlichen Fragen« beraten soll. Die Kuratoriumsmitglieder kommen aus verschiedenen zivilgesellschaftlichen Bereichen – unter anderem sind der DGB dabei, der Landesjugendring, Vertreter jüdischer Organisationen, der Verband der Sinti und Roma, kirchliche Gremien und Gedenkstättenleitungen. Ich gehöre dem Kuratorium als stellvertretender Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau an.

Ernst Grube am ehemaligen SS-Schießplatz Hebertshausen beim KZ Dachau, an dem über 4000 sowjetische Kriegsgefangene ermordet wurden. Foto: Parvin Ghahraman
antifa: »Beratende Funktion« – das ist nicht selten ein weites Feld, auf dem jemand sich abarbeiten darf. Und letztlich machen die politisch und finanziell Entscheidenden dann doch das, was sie ohnehin wollen…
Ernst Grube: Gefeit davor ist niemand. Bisher allerdings hatte ich bei unserer Kuratoriums-Arbeit schon den Eindruck, dass viele unserer Anregungen auf fruchtbaren Boden fallen. Dass es also nicht um Alibi-Funktionen geht, sondern sehr ernsthaft mit den Anliegen und Anregungen vor allem der ehemals Verfolgten umgegangen wird. Es ist ja nicht so, dass das alles in einem quasi wertfreien wissenschaftlichen Raum stattfindet, sondern hat zu tun nicht nur mit politischen und weltanschaulichen Herangehensweisen, sondern ganz konkret auch mit regionalen und lokalen Formen des Gedenkens. Die hatten dort oft über Jahrzehnte hinweg ihre eigene Entwicklung und nicht immer die Aufmerksamkeit von politischer oder Medienöffentlichkeit, die ihnen eigentlich zugestanden hätte. Gerade in solchen Fällen glaube ich aber, dass auch mit Hilfe der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten hier etwas weitergebracht werden kann. Im Kuratorium jedenfalls beschäftigen uns derzeit vor allem die Außenlager der großen Konzentrationslager in Bayern, von denen bisher oft wenig bis gar nichts im allgemeinen Gedächtnis vorhanden ist.
antifa: Ein anderes Projekt, dem du dich, auch im Rahmen deiner Aktivitäten in der VVN-BdA, seit langem verschrieben hattest und hast, ist der Bau eines NS-Dokumentationszentrums in München. Konkret geht es um das nun entstehende Gebäude auf dem Terrain des ehemaligen »Braunen Hauses«, in dem der Weg Münchens zur einstigen Nazi-»Hauptstadt der Bewegung« dokumentiert werden soll.
Ernst Grube: Ich gehörte zu dem Initiativkreis, der vor weit über zehn Jahren mit der Idee an die Öffentlichkeit ging, im Umfeld des von der NSDAP als Aufmarschort umfunktionierten Königsplatzes mit den diesen flankierenden »Führerbauten« solch eine Einrichtung zu schaffen. Mir scheint das Dokumentationszentrum, für das ich derzeit als Vertreter jenes Initiativkreises im Politischen Beirat bin, nach langen nicht immer einfachen Vorbereitungen nun auf einem guten Weg. Im Gegensatz zur Stiftung, über die wir vorher gesprochen haben, geht es hier nicht um eine Gedenkstätte. Das Zentrum soll ein Ort werden, der von den Tätern handelt. Warum gerade hier in München – und wer war beteiligt? Ich persönlich halte diese Einrichtung, die im November 2014 eröffnet werden sein soll, deshalb für wichtig, weil sie unsere Zielvorstellung befördert, Hintergründe und Wurzeln auszuleuchten und nicht nur für die Jugend daraus Fragen für hier und heute zu entwickeln: Was geht uns das an, was können wir tun, damit so etwas nie wieder geschieht?
antifa: »Fragen für hier und heute«: Du warst ja im August dabei beim Besuch von Angela Merkel in der KZ-Gedenkstätte Dachau und wurdest danach in einem Bericht des Evangelischen Pressedienstes zitiert: »Ich habe ihr gesagt, dass eine schöne Rede nicht genügt, wenn man nicht die Gegenwart einbezieht.«
Ernst Grube: Gewünscht war von den Initiatoren des Besuchs, dass KZ-Überlebende teilnehmen und es für sie die Möglichkeit zu einem Gespräch mit der Bundeskanzlerin gibt. Mein Anliegen war, bei dieser Gelegenheit Frau Merkel zum Neofaschismus und zu juristischen Freibriefen für braune Aufmärsche und Propaganda, zum Rassismus und zum Umgang mit Flüchtlingen anzusprechen. Dabei erinnerte ich sie daran, dass die Verbreitung der »Auschwitz-Lüge« ja juristisch sanktioniert werde. Ich forderte sie auf, sich für ein Gesetz einzusetzen, das generell die Propagierung von Rassismus und Neofaschismus bei uns unter Strafe stellt. Ich verwies dabei auf das Grundgesetz und die darin schon angelegten Voraussetzungen. Nachdem das Gespräch bereits beendet war, kam sie danach noch einmal auf mich zu und meinte: »Eigentlich haben Sie ja recht. Ich werde darüber nachdenken.« Wir sollten die Kanzlerin bei Gelegenheit daran ab und zu erinnern.


































