Jetzt Butter bei de Fisch

geschrieben von Hans Canjé

11. September 2013

Was politisch aus dem NSU-Ausschuss folgen müsste

 

Lasst uns mal Optimisten sein und glauben, dass der am 22. August dieses Jahres an den Bundestagspräsidenten Lammers (CDU) übergebene Abschlussbericht des Bundestagsausschusses zur Aufklärung der Mordserie des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) nicht irgendwo in den Archiven des Hohen Hauses mit dem Vermerk »Zur Kenntnis genommen« abgelegt worden ist. Vielmehr darauf notiert ist: »Dem Ältestenrat des 18. Bundestages zur baldigen Wiedervorlage und Terminklärung«. Glauben wir mal weiter, dass bald nach Konstituierung des am 22. September gewählten Bundestages z. B. Sebastian Edathy (SPD), der den Ausschuss geleitet und den Bericht an Lammers übergeben hat, namens der Mitglieder dieses Ausschusses nun die Ergebnisse dieses Berichts, die ihnen zustehende (und zwingend notwendige) parlamentarische Behandlung auf die Tagesordnung zu setzen fordert. Und dabei dann auch noch einen Problemkatalog über notwendige Maßnahmen zur erforderlichen Beschlussfassung vorlegt. Der ist zusammen getragen von den Obleuten der Parteien, die 18 Monate getagt und dabei in Abgründe eines »historisch beispiellosen Behördenversagens« (Edathy) geblickt haben. Das zielt nicht nur auf das in 47 Punkten aufgelistete Versagen der personell und finanziell hochausgerüsteten Sicherheitsdienste. Es geht um deren geistig eingeschränkten Blickwinkel, der sich in Begriffen wie »Dönermord« und »Sonderkommando Bosporus« manifestiert und in der Praxis durch Wegsehen, Aktenschreddern und das Untertauchen-Lassen krimineller hochbezahlter V-Leute Alltag gewesen ist. Das gehört alles unter ein Dach. Unter das Dach des von den Anwälten der Familien der Mordopfer angeprangerten »institutionellen Rassismus«, dem bislang auch im Münchner NSU-Prozess nicht auf den Grund gegangen wurde. Da muss jetzt mal, wie die Hessen sagen, »Butter bei de Fisch« getan werden. Wenn die neofaschistische NPD in den zurückliegenden Wochen – gottlob nicht unwidersprochen – die »Abschíebung aller ausländischen Sozialschmarotzer, Asylbetrüger und krimineller Ausländer in ihre Heimat« fordert, dann gibt sie das wieder, was den »institutionellen Rassismus« ausmacht, der tief im staatlichen Handeln verwurzelt ist.

Verfolgung schwuler Menschen

geschrieben von Janka Kluge

11. September 2013

Der Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora, Professor Volkhard Knigge, hat am 23. Juni in einer Gedenkstunde im Nationaltheater Weimar verfolgter homosexueller Männer im Faschismus gedacht. Anlass, für diese von Teilnehmern als sehr bewegend geschilderte Feier, war der hundertste Geburtstag des ehemaligen Buchenwaldhäftlings Rudolf Brazda.

Rudolf Brazda war am 8. April 1937 in Altenburg verhaftet worden. Ihm wurde, wie tausenden anderen Homosexuellen, »widernatürliche Unzucht« vorgeworfen. Nach der Verbüßung einer Haftstrafe wurde er in die Tschechoslowakei, deren Staatsbürger er war, abgeschoben. 1942 wurde Brazda in Karlsbad erneut verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Homosexuelle Häftlinge standen in der Hierarchie der KZ-Gesellschaft auf der untersten Stufe. Brazda überlebte bis zur Befreiung. Volkhard Knigge betonte in seiner Rede, dass das Schicksal Brazdas für das Schicksal tausender anderer Häftlinge steht. Auch dieser Opfer des NS-Regimes muss endlich gedacht werden.

»Wenn wir heute aus Anlass des 100. Geburtstags von Rudolf Brazda exemplarisch auf die Verächtlichmachung, die Verfolgung, die Verstümmelung durch pseudomedizinische Experimente und die Ermordung von Homosexuellen im »Dritten Reich« zurückschauen, dann tun wir dies im Sinne jener Haltung, die Michel de Montaigne in der Mitte des 16. Jahrhundert angesichts der unerhörten Grausamkeiten der Religionskriege seiner Zeit so beschrieb. »Ich weiß nicht, ob andere ähnlich veranlagt sind – ich jedenfalls lerne von Gegenbeispielen mehr als von Beispielen, und weniger durch Nachvollziehen als durch Fliehen. (…) Meine Abscheu vor Grausamkeit zieht mich stärker zur Barmherzigkeit hin, als es deren leuchtendste Vorbilder je bewirken könnten. Was sticht, berührt uns tiefer und macht uns wacher, als was uns streichelt.«

Nur ein erster Schritt

geschrieben von Natalie Rottka

11. September 2013

Der NSU-Untersuchungsausschuss im Deutschen Bundestag

Die Bestürzung war groß, als im November 2011 mit jedem Tag deutlicher wurde, dass Neonazis 13 Jahre unerkannt mordend und Bomben legend durch die Republik gezogen waren. Aber war diese Bestürzung auch echt?

»Das hätten wir uns nie vorstellen können…«, hieß es vor allem von Seiten der politisch Verantwortlichen. Hatten sie alle nicht wahrgenommen, dass schon vor dem ersten Mord des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) an dem Blumenhändler Enver Simsek am 9. September 2000 in Nürnberg seit der Wiedervereinigung 105 Menschen von Neonazis aus rechtsextremen und rassistischen Motiven ermordet worden waren? Die Ermittlungen aus dem Bundestagsuntersuchungsausschuss erlauben eine erschreckende Vermutung: Sie hatten es nicht wahrgenommen, weil sie nicht wollten oder nicht sollten. Der inzwischen vorliegende Abschlussbericht – es kann nicht mehr als ein vorläufiger sein, da die Untersuchungen längst nicht abgeschlossen sind – manifestiert aus Sicht der Linken vor allem zwei Ergebnisse:

Zum einen fehlt in der Bundesrepublik eine öffentliche und ehrliche Debatte zum (alltäglichen) Rassismus. Zum anderen haben die Geheimdienste, die im westlichen Nachkriegsdeutschland maßgeblich von Nazi-Größen aufgebaut worden waren, auf ganzer Linie versagt.

Nur so lässt es sich erklären, dass über viele Jahre fast ausschließlich im Umfeld der NSU-Mordopfer mit dem Verdacht auf organisierte Kriminalität ermittelt wurde, während sämtliche Hinweise auf einen rassistischen Hintergrund unbeachtet blieben oder in kürzester Zeit fallen gelassen wurden. Auch deshalb ist es wichtig und zukunftsweisend, dass der nun vorliegende Bericht vom Untersuchungsausschuss einstimmig verabschiedet wurde – ein Novum in der Geschichte dieses Parlamentes.

Der Verfassungsschutz ist in seiner jetzigen Form überflüssig

Allerdings bleibt festzuhalten, dass im Detail durchaus unterschiedliche Auffassungen zu verzeichnen sind. Ausschließlich die Linke spricht sich dafür aus, den Verfassungsschutz – die Vizepräsidentin des Bundestages und Obfrau der Linken im Untersuchungsausschuss, Petra Pau, spricht vom »Hauptversager« – in seiner jetzigen Form abzuschaffen. Es gibt gute Gründe: Eine Behörde, die in Bund und Ländern unabhängig voneinander, aber stets in Konkurrenz zueinander und fast immer im Geheimen arbeitet, ist parlamentarisch nicht zu kontrollieren. Das Beispiel NSU hat gezeigt, wie anfällig der Verfassungsschutz für Einflussnahme zwielichtiger Machenschaften sein kann. Letztlich ist die persönliche Gesinnung Einzelner – als Beispiel sei hier der thüringische Verfassungsschutzchef Roewer genannt – für die Arbeit der Behörden entscheidend, die unsere demokratische Grundordnung schützen sollen. Nun aber muss der Verdacht aufkommen, dass es Verfassungsschutzämtern von Bund und Ländern manches Mal wichtiger war, ihre Spitzel, die oft selbst rechter Gesinnung waren, vor der Enttarnung zu bewahren. Auch deshalb will die Linke das V-Leute-System sofort und ersatzlos beendet wissen.

Allerdings darf selbstverständlich nicht unterstellt werden, dass die Fehler ausschließlich den Geheimdiensten anzulasten sind. Im Laufe der Untersuchung hat sich letztlich herausgestellt, dass auch bei der Polizei rassistische Motive eine Rolle gespielt haben.

Gegen den alltäglichen Rassismus

Offensichtlich wird dies im Fall der ermordeten Polizistin Michelle Kiesewetter, in deren Polizeieinheit Kollegen beim deutschen Ableger des Ku-Klux-Klan engagiert waren. Entscheidender allerdings war sicherlich der strukturelle und institutionelle Rassismus, der deutschen Behörden seit jeher nachgesagt wird und im Fall der NSU-Mordserie ganz offensichtlich zu Tage getreten ist. Dabei verstört die Erkenntnis der anderthalbjährigen Untersuchungen, dass dieser latente Rassismus auch in den obersten Etagen den Blick nach rechts zumindest getrübt hat.

Deshalb muss eine wesentlich Konsequenz aus diesem Totalversagen der deutschen Sicherheitsstruktur der Kampf gegen den alltäglichen Rassismus in allen Teilen der Gesellschaft sein. Dazu gehört zwingend, dass die Anti-Rassismus-Arbeit zivilgesellschaftlicher Gruppen nicht länger durch unsichere Finanzierung und andere Hindernisse wie die unsägliche Extremismusklausel beeinträchtigt wird. Vielmehr fordert die Linke in ihrem Sondervotum eine sofortige Verdopplung der Bundesmittel für Antifa-Arbeit auf 50 Millionen Euro.

Unsere Gesellschaft braucht zu allererst Aufklärung über menschenfeindliche Ansichten und rassistisches Gedankengut, um sich dagegen bewusst wappnen zu können.

Meldungen

11. September 2013

Zusammengestellt von P.C.Walther

Starke Proteste

Die Aufmärsche und Umtriebe von Neonazis und Rechtsradikalen in mehreren Städten – darunter auch die Stationen der sogenannten »Deutschlandtour« der NPD und von »Pro Deutschland«, die Neonazi-Aktivitäten vor Flüchtlings-Unterkünften, Moscheen und linksalternativen Treffpunkten sowie vor Gebäuden linker Organisationen und Redaktionen – stießen nahezu überall auf massive Proteste und Gegenaktionen. Trotz der Vielzahl der Neonazi-Aktivitäten standen den oft nur zehn bis höchstens zwanzig Neonazis oder Rechtsradikalen häufig fünf- bis zehnmal so viele Nazigegner gegenüber. Meistens ermöglichte nur starker Polizeischutz den Neonazis überhaupt ihr Auftreten. In einigen Fällen be- oder verhinderten Blockaden den vorgesehenen Aufmarsch der Neonazis.

Täglich Straftaten

Täglich gibt es in Deutschland 45 Straftaten mit rechtem Hintergrund, davon zwei bis drei gewalttätig. Das erklärte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, bei der Vorstellung eines »Masterplan«, mit dem die SPD verstärkt gegen Rassismus und Neonazismus vorgehen will.

Über 200 Haftbefehle

Über 200 Neonazis werden per Haftbefehl gesucht. Stand: August 2013. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf Anfragen der Linksfraktion hervor. Die Angaben sind allerdings abweichend und ungenau, weil die Erfassungskriterien der Landeskriminalämter unterschiedlich sind. Das soll geändert werden.

Schutz für Roma

Maßnahmen der Bundesregierung gegen den Antiziganismus in Deutschland forderte der Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des Bundestages, Tom Koenigs. Die Politik müsse der historischen Verantwortung Deutschlands gerecht werden und Sinti und Roma vor Anfeindungen und Angriffen schützen.

Für Euthanasie-Opfer

Ein Denkmal für die Opfer der nazistischen Euthanasie-Verbrechen entsteht in Berlin in der Tiergartenstraße 4, wo sich die Organisationszentrale der Naziverbrechen an Behinderten befand. In Europa wurden während der Naziherrschaft über 300.000 Behinderte umgebracht. Bis in die achtziger Jahre gingen die Täter straffrei aus oder wurden in den wenigen Fällen von Anklagen freigesprochen. Das 1933 erlassene »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses«, das die Nazis für ihre Verbrechen nutzten, blieb in der Bundesrepublik bis 1974 in Kraft und wurde erst 1988 vom Bundestag geächtet.

Staatlicher Rassismus

Beklagt haben die Anwälte der Nebenkläger im Münchner NSU-Prozess, dass im Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses des Bundestages ausgeblendet werde, »dass das systematische Versagen der Ermittlungsbehörden auf institutionellem Rassismus beruht«. Die Anwälte fordern in zehn Punkten Maßnahmen, die diesem institutionellen Rassismus entgegenwirken. Dazu gehöre auch die Abschaffung des V-Mann-Systems, das rechtsradikale Entwicklungen fördere statt verhindere.

Gegen Militarisierung

Mit einem Offenen Brief haben sich prominente Christen vor der Bundestagswahl gegen eine »Militarisierung« und einen »neuen Nationalismus« in Deutschland gewandt. »Deutschland wird immer mehr zum Akteur einer militärgestützten Interessen- und Machtpolitik«, heißt es in dem Schreiben, das u.a. vom langjährigen Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, Konrad Raiser, vom früheren Generalsekretär von Amnesty Deutschland, Volkmar Deile, und vom Erfurter Propst Heino Falcke unterzeichnet wurde.

Geheimdienst BKA

Mitglieder der Expertenkommission der Bundesregierung zur Überprüfung der Anwendung der nach dem 11.September 2001 erlassenen Sicherheitsgesetze, empfehlen eine stärkere Kontrolle der Sicherheitsbehörden, insbesondere des Bundeskriminalamtes, das geheimdienstliche Kompetenzen erhalten habe und damit gegen das Trennungsgebot von Polizei und Geheimdiensten verstoße. Das gelte ebenso für die Tätigkeit des »Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ)«, das 2004 in Berlin eingerichtet wurde und dem 40 Behörden angeschlossen sind. Wegen gegensätzlicher Auffassungen und Interessen der vom Innenministerium und vom Justizministerium paritätisch besetzten Kommission sind gemeinsame Aussagen dazu unterblieben. Jan Korte von der Linksfraktion kommentierte: »Wenn man feststelle, dass Teile des BKA wie ein Geheimdienst agieren, müsse das als »Gefahr für den Rechtsstaat erkannt und gestoppt werden«.

Zur Abschiebepraxis

Der Bundesgerichtshof sieht in der Unterbringung von Abschiebehäftlingen in Gefängnissen einen möglichen Verstoß gegen europäische Richtlinien. Das soll nunmehr durch eine Vorlage des BGH beim Europäischen Gerichtshof geprüft werden (Az: V ZB 40/11 und 144/12). Anwälte weisen darauf hin, dass von der Abschiebehaft auch Kinder, Alte und Kranke betroffen sind.

Sächsische Justiz

In Dresden sind Staatsanwaltschaft und Justiz weiter eifrig dabei, zivilen Widerstand gegen Neonazi-Aufmärsche zu kriminalisieren und bestrafen zu wollen. So wurde im Juli ein Strafbefehl gegen den Landtagsabgeordneten Falk Neubert (Die Linke) erlassen, weil er sich im Februar 2011 an einer Blockade des Neonaziaufmarschs beteiligt hat. Neubert legte Widerspruch ein und erwartet nunmehr einen Prozess.

Kessel rechtswidrig

Nach zwei Jahren wurde vom Landgericht Lüneburg das Festsetzen von Demonstranten in einem sogenannten Polizeikessel für rechtswidrig erklärt. Ein ähnliches Urteil erging vom Landgericht Frankfurt wegen der Einkesselung von Teilnehmern einer antikapitalistischen Demonstration im März 2012. Einige Polizeiführungen halten diese Urteil offenbar dennoch nicht davon ab, erneut Einkesselungen anzuordnen.

Hitlergrüße frei

Obwohl er wiederholt bei Veranstaltungen und anderen Auftritten den Hitlergruß gezeigt hat, wurde der Provokations-Künstler Jonathan Meese vom Vorwurf der Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen freigesprochen. Das Amtsgericht Kassel bewertete seine Hitlergrüße als Teil »künstlerischer Freiheit«.

Volksverhetzung

Die Verurteilung des langjährigen NPD-Vorsitzenden Udo Voigt wegen Volksverhetzung ist rechtskräftig geworden. Der Bundesgerichtshof bestätigte in letzter Instanz das Urteil.

Vorsicht: Verfassungsfeind!

geschrieben von Hans Canjé

11. September 2013

Grundrechte-Report zur Geheimdienst- und Behördenwillkür

»Wo bleibt das Positive?« – fragt Erich Kästner, dessen Kinderbuch »Das doppelte Lottchen« bekannter ist als die Tatsache, dass die Faschisten am 9. Mai 1933 auf dem Platz vor der heutigen Humboldt-Universität auch seine Bücher als »volksfeindlich« und »entartet« auf den Scheiterhaufen warfen. »Wo bleibt das Positive?« – eine Frage, die man auch gerne stellen möchte, wenn man den 17. »Grundrechte-Report 2013 – Zur Lage der Bürger- und Menschenrechte in Deutschland« zur Hand nimmt. Die Herausgeber dieses Projekts, diverse Bürgerrechtsorganisationen, stellen in ihrem Vorwort klar, dass sie für den aktuellen Berichtszeitraum 2012 ihren Befund über das Treiben der Verfassungsschutzämter im Vorjahreszeitraum – »auf dem rechten bestenfalls Auge blind, auf dem linken Auge hyperaktiv bis wahnhaft« erneut stellen – und »er hat sich sogar verschlimmert«.

Das Urteil klingt hart und wird ganz sicher keinerlei Gnade finden vor den Augen des Präsidenten des Bundesamtes (BfV) Hans Georg Maaßen und seines obersten Dienstherrn, Bundesinnenminister Friedrich (CSU). Das skandalträchtige Verhalten, besser Nichtverhalten, der diversen Sicherheitsbehörden im Fall des jahrelangen Mordfeldzugs des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU), steht im Report an der Spitze. (Heiner Busch: »Betriebsunfall NSU? Interpretationen und übliche Lösungen«). Die 45 Autoren, Juristen, Journalisten, Aktivisten in Bürgerrechtsorganisationen, kritische und wachsame Zeitgenossen allesamt, beleuchten die Alltagsumsetzung des Grundgesetzes von Artikel 1: »Die Würde des Menschen ist unantastbar« über Artikel 2: »Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit«, Artikel 3: »Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich« bis hin zum Artikel 38: »Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages sind Vertreter des ganzen Volkes«

Wer die bis dahin 200 Seiten über den schandhaften Umgang der Behörden mit Asylbewerbern, mit Hartz IV-Empfängern, der Polizei mit »Andersaussehenden« und Demonstranten, die von ihrem im Artikel 8 festgeschriebenen »Recht, sich zu versammeln« Gebrauch machen, über die permanente Bespitzelung »extremistischer oder extremistisch beeinflusster« Organisationen durch die »Hüter der Verfassung«, die mit ihren, gezielt auf Abschreckung getrimmten Berichten über antifaschistische Organisationen mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA) an der Spitze als »bundesweit größte linksextremistisch beeinflusste Organisation im Bereich des Antifaschismus« (Bayerischer Verfassungsschutzbericht 2012) denunzieren, wer also all das und einiges mehr über die hier verdienstvoll aufgelistete und nachdenklich stimmende Kluft zwischen Verfassungstext und Verfassungswírklichkeit gelesen hat, der wird dem Einleitungstext der Herausgeber des Report nicht widersprechen können: »Der Verfassungsschutz ist gründlich diskreditiert. Die Verfassungsschutzberichte sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen; sie gehören geschreddert.«

Natürlich hat laut Verfassung jede Bürgerin und jeder Bürger das Recht, das auch laut zu sagen. Nur: er muss aufpassen, dass er das nicht in der Nähe einer »Gefahrenquelle« für den Bestand der »freiheitlich-demokratischen Grundordnung« (fdGO), also einem der 27 Bundestagsabgeordneten der Linksfraktion sagt, die vom BfV beobachtet werden. Er gerät in Gefahr, selbst als Verfassungsfeind »aufgeklärt« zu werden. Denn, so zitiert Christoph Gusy, Professor für Öffentliches Recht, Staatslehre und Verfassungsschutz, in seinem Beitrag über die Bespitzelung der Abgeordneten der Links-Fraktion die entsprechenden Regeln: »… eine Person, die nicht merkt, wofür sie missbraucht wird, kann für den Bestand der fdGO genau so gefährlich sein, wie der Überzeugungstäter.«

Den Herausgebern, den Autoren und dem Verlag ist zu danken für diesen »authentischen Verfassungsschutzbericht«, der erschienen ist bevor wir, und vor allem die Kanzlerin, überrascht wurden von dem, was BFV und BND und MAD und NSA und weitere Dienste alles getan haben, »um Schaden (…) von unsrer Bevölkerung« abzuwehren.

Die Identitären

geschrieben von Janka Kluge

11. September 2013

Wie eine neue Gruppe rechte Ideen scheinbar unpolitisch verpackt

 

Rechte Strategen sind ständig auf der Suche nach neuen Verpackungen für ihre immer gleiche Hetze. Eine solche neue Gruppe sind die »Identitären«, die seit einigen Monaten im Internet für Furore sorgen. Gemeinsames Zeichen der Gruppen ist der Buchstabe Lambda aus dem griechischen Alphabet. Mit diesem Buchstaben nutzen die Identitären ein Symbol aus einem Comic von Frank Miller (siehe S. 30) über den Kampf von 300 spartanischen Kriegern gegen eine übermächtige Streitmacht aus Persien. Diese 300, so will es der von ihnen verbreitete Mythos, haben einst den Sieg des Islams in Europa verhindert. Genau das sehen die Identitären heute als ihre selbst auferlegte Aufgabe an.

Wenn man auf die Anfänge dieser Bewegung schaut, kommt man auf Frankreich. Am 20. Oktober 2012 besetzten fast 100 Mitglieder des Jugendverbandes der Génération Indentitaire in der französischen Stadt Poitiers das Dach einer im Bau befindlichen Moschee. Dieser demonstrative Akt ging in Frankreich durch alle Medien. Auch wenn sich die Besetzer aus Frankreich anders gaben als die bekannten Nazis, eint sie eine gemeinsame Auffassung: Der Islam gehört nicht nach Europa und die in Frankreich Zugewanderten und die vielen Flüchtlinge zerstören die französische Identität.

Mit ihrem Ansatz versuchen die Identitären, unpolitische Jugendliche und Studenten anzusprechen. Dafür nutzen sie den Slogan »100% identitär, 0% rassistisch«. Diese Selbstdarstellung wird allerdings ins rechte Licht gerückt, wenn man sich die Mühe macht, auf der Internetseite der Identitären in Deutschland den Artikel über ihr Selbstverständnis zu lesen.

»Unsere Geschichte, unsere Heimat und unsere Kultur geben uns, was ihr uns genommen habt. Wir wollen nicht Bürger der Welt sein, denn wir sind mit unserer eigenen Heimat glücklicher. Wir wollen kein Ende der Geschichte, denn unsere Geschichte gibt uns keinen Grund, sie zu beklagen. Wir wollen keine multikulturelle Gesellschaft, denn in ihr geht unsere eigene Kultur unter. Wir sind anspruchsloser als ihr, und doch wollen wir soviel mehr!«

Mit diesen Sätzen belegen sie eindeutig, was sich hinter ihrem vermeintlich »unpolitischen« Auftreten verbirgt. Ähnlich wie in Frankreich versuchen sich die deutschen Ableger der Identitären durch mediengerechte Aktionen in Szene zu setzen.

Die erste öffentliche Aktion in Deutschland war am 30. Oktober 2012 die Störung der Eröffnung der »Interkulturellen Woche« in Frankfurt.

Enge Verbindungen halten Aktive der Identitären zur German Defence League, zur Partei Pro Deutschland, zur Konservativen Aktion und zum Internetportal »PI-News«. Einer ihrer strategischen Köpfe ist Götz Kubitschek. (siehe S. 24). Er ist seit vielen Jahren politisch aktiv. Im Jahr 2000 gründete er das »Institut für Staatspolitik«. In diesem Institut wird versucht, neurechte Ideologien, wie den Ethnopluralismus, hoffähig zu machen. Zum Umfeld des Instituts gehören die Internetzeitung  »Blaue Narzisse« und der Verlag Edition Antaios. In diesem Geflecht von neurechten Organisationen wird die Identitäre Bewegung gehegt und gepflegt. Götz Kubitschek reiste extra nach Frankreich, um sich mit den dortigen Anführern der Identitären auszutauschen.

Die Idee des Ethnopluralismus entstand ebenfalls in den siebziger Jahren in Frankreich. Der Theoretiker der neuen Rechten, Alain de Benoist, vertrat die These, dass es keine biologische Höherwertigkeit von Rassen gibt, sondern sie sich durch ihre Kultur unterscheiden. Diese wird geprägt durch Umwelt und Vererbung. Mit diesem Ansatz hat die »Neue Rechte« versucht, sich vom nationalsozialistischen Denken abzugrenzen. Gemeint haben sie allerdings das Selbe, sie änderten lediglich die Verpackung.

Die neu-rechte Wochenzeitung hat einen »Jungautorenwettbewerb« mit ausdrücklichem Bezug zur Identitären Bewegung ausgelobt: »Nicht erst seit dem Auftreten einer ›Identitären Bewegung‹ in mehreren Ländern Europas steht das Thema ›Identität‹ wieder auf der Agenda. Doch von welcher Identität sprechen wir eigentlich? Von einer regionalen, einer nationalen oder gar einer christlich-abendländischen, die ganz Europa einschließt?« Die Zeitung fordert Autoren bis zum Alter von 30 Jahren auf, sich an der Ausschreibung zu beteiligen.

Ein weiterer Ansatz, sich unpolitisch zu geben, zeigt sich bei der Sportvereinigung »Sektion Jahn«, die im Internet mit den Identitären verlinkt ist. Bei dieser »Sektion« sollen durch Sport- und Ernährungstips Freizeitsportler angesprochen werden. Im Untertitel wird das Ziel deutlich: »Zur Förderung und Erhaltung unserer traditionellen Sport- und Kulturgemeinschaften«

Für antifaschistische Beobachter ist im Moment noch nicht genau auszumachen, wie sich die Identitäre Bewegung weiterentwickelt. Sie ist zwar hauptsächlich im Internet aktiv, kann aber bereits über eine stattliche Anzahl von Ortsgruppen verfügen. Wie attraktiv der Ansatz für organisierte Nazis ist zeigt, dass die JN in Flugblättern neuerdings ebenfalls den Begriff »Identitär« benutzt und dass es enge Kontakte zu verschiedenen Kameradschaften gibt.

Würde und Widerstand

11. September 2013

Der jüdische Beitrag zum Sieg über den Faschismus – Von Kamil Majchrzak

 

Die Geschichte des jüdischen Widerstands ist auf der Landkarte der europäischen Historiographie immer noch inselhaft und weitgehend unerforscht. Dies führt dazu, dass selbst Antifaschisten nicht verstehen, dass angesichts des systematischen Völkermords an den Juden der bewaffnete jüdische Widerstand unter komplizierten Bedingungen stattfand und besondere Formen annehmen musste. Das Ausmaß an Tapferkeit und Verzweiflung, das er erforderte, wird oft bagatellisiert. Häufig wird auch vergessen, dass viele Juden nicht ohne Widerstände in bestehende Partisaneneinheiten aufgenommen wurden. Der polnische Untergrund der Londoner Exilregierung und die später aus der Sowjetunion in den Iran evakuierte Armee von General Władysław Anders nahmen sie nur wiederwillig in ihre Reihen auf. Auf Schwierigkeiten trafen auch polnische Juden, die sich sowjetischen Partisanen anschließen wollten. Aufgrund der antirussischen Politik Polens vor dem Krieg begegnete die Sowjetführung Polen grundsätzlich mit Misstrauen. Polnische Juden wurden noch zusätzlich mit Ressentiments und Stereotypen bezüglich ihrer Tapferkeit konfrontiert.

In Europa wurden Juden lange vor der Deportation enteignet, aus dem Arbeitsleben ausgeschlossen und ihrer Bürgerrechte beraubt. Obwohl die Nazis in den besetzten Ländern Europas teilweise unterschiedliche Politiken verfolgten, verband sie seit Sommer/Herbst 1941 immer ein Ziel: die vollständige Extermination der Juden. Charakteristisch war dabei, dass der Ermordung europäischer Juden die minuziös geplante ökonomische Ausplünderung voranging. Aus dem »Finanz-Bericht über die Vernichtung der Juden in Polen«, den Odilo Globocnik am 15.12.1943 verfasste, geht hervor, dass allein durch die Massenmorde der sogenannten »Aktion Reinhardt«, bei der nahezu 90 Prozent der polnischen Juden ermordet wurden, mehr als 178 Millionen Reichsmark »eingenommen« wurden.

Der Osten Europas, insbesondere das von den Nazis besetzte Polen, wurde nicht zufällig als Ort der Vernichtung ausgewählt. In Polen lebten die meisten europäischen Juden, und obwohl die Polen selbst nicht zur sofortigen Vernichtung bestimmt waren, unterlagen sie dem schärfsten Terror-Regime aller besetzten Länder. Die Konzentration der Juden ging mit einer instrumentellen Logik der Vernichtung und einer Art mentalen Kollaboration einher: sie betreffe ja »nur« die jüdischen Nachbarn und nicht Polen als solche, außerdem könne man sich an dem Völkermord bereichern. Die in Ghettos konzentrierten Juden wurden für jeden Akt des Widerstands als Kollektiv bestraft. Auch deshalb entstand frühzeitig unter jüngeren Juden die Diskussion, ob Juden im Ghetto verteidigt werden sollten, oder der Kampf eher außerhalb der Ghettos stattfinden müsse. Doch in beiden Fällen fehlte es an Waffen. Ein weiterer Umstand wird dabei oft vergessen: der weitverbreitete Antisemitismus in Polen. An polnischen Universitäten wurde die Einrichtung von Ghettos bereits in den 1930er Jahren gefordert, lange vor dem Einmarsch der Einsatzgruppen des SD. Pogrome gehörten nach dem Tod von Marschall Józef Piłsudski zur Tagesordnung und die von ihm begründete Sanacja-Regierung tendierte seit Mitte der 1930er Jahre immer stärker zur faschistischen Ideologie der Endecja von Roman Dmowski, einem Erzfeind Piłsudskis. Die brutale Ermordung von Juden in Jedwabne im Juli 1941 durch ihre polnischen Nachbarn, ohne Zutun der Deutschen, sowie die mittelbare Beteiligung vieler Polen an dem Raub jüdischen Eigentums durch die Nazis, das sie verbilligt erwarben, sind Ausdruck jener kollaborativen Haltung. Die polnischen Faschisten der Endecja, insbesondere ihre Abspaltung Nationalradikale Lager (poln.: Obóz Narodowo-Radykalny, ONR) und ihre Partisanen-Einheiten NSZ, die heute als antikommunistische Helden vom polnischen Parlament geehrt werden, bedauerten dabei in ihrem Untergrund-Blatt Walka vom 28.07.1943, dass die »Endlösung« vermutlich noch nicht vollzogen sei und dies eine Gefahr für die Nachkriegszeit darstelle. Nach Angaben von Prof. Feliks Tych übernahmen ca. 700.000 Polen enteignetes jüdisches Eigentum oder Mobiliar.

Diese Ausgangslage setzte den Juden enge Grenzen für die Möglichkeit des Überlebens außerhalb der Ghettos, was entscheidenden Einfluss auf die Form des bewaffneten jüdischen Widerstandes hatte. Welche Rolle konnte der bewaffnete Widerstand z.B. der Bielski-Brüder Tuvia, Zus, Asael und Archik haben? Kämpften sie, oder retteten sie in ihren Waldlagern »nur Menschen«? Während polnische oder sowjetische Partisanen auf Rückhalt in der Bevölkerung setzen konnten, mussten Juden nicht nur vor den Deutschen, sondern auch vor Polen, Ukrainern oder Litauern auf der Hut sein.

Ritualisierungen und Auslassungen

In seinem Film »Der Passagier – Welcome to Germany« setzte sich Thomas Brasch, Regisseur und Kind jüdischer Flüchtlinge, mit der Erinnerung an den Holocaust und dem Maß an individueller Gestaltungsfreiheit der Juden auseinander. Darin lehnte er eine »Holocaust-Sentimentalität« ab und forderte ein Umdenken in der Erinnerungskultur. Brasch hatte Recht, denn die Unfassbarkeit des dennoch realisierten planmäßigen Völkermords der deutschen Faschisten an den europäischen Juden führte dazu, dass der vielfältige Widerstand jüdischer Kombattanten, Soldaten, Partisanen und Aufständischen in den Hintergrund gerückt wurde. Die ritualisierte Erinnerungskultur an den Holocaust ermöglichte dabei in Deutschland eine Art Exkulpation der Täter und Kollaborateure, die den Opfern eine Mitschuld an den Verbrechen zuwiesen: sie hätten sich ja wehren können – oder müssen. Dadurch wurde jedoch der tatsächlich geleistete und mögliche Widerstand ausgeblendet.

Erste Überlegungen zum bewaffneten Widerstand entstanden im Dezember 1941 im Kreis um Abe Kowner aus der Jugendorganisation Haszomer Hacair, der lokale Untergrundgruppen zur »Vereinigten Kampf-Organisation« (jiddisch: »Farajnigte Partizaner Organizacje«, FPO) bei Vilnius zusammenschloss. Darauf folgte im Sommer 1942 die Gründung der »Jüdischen Kampf-Organisation« (ŻOB) in Warschau, der unterschiedliche linke Gruppen und Parteien angehörten.

Insgesamt kämpften mehr als 1,5 Millionen Juden in den Armeen der Anti-Hitler-Koalition. Mehr als 200.000 Juden kämpften in den Reihen regulärer polnischer Verbände an der Seite der Sowjetunion und bei den Alliierten im Westen. In Partisanenverbänden auf dem Gebiet Weißrussland kämpften ca. 8.000, in der Ukraine 3.000, in Litauen 2.000 und in Wolhynien ca. 1.000 Juden. Viele von ihnen verheimlichten jedoch ihre Identität. Der Aufstand im Warschauer Ghetto im April 1943 gehörte zu den ersten bewaffneten Erhebungen im urbanen Raum des besetzten Europas überhaupt. Jene Partisanen des ŻOB, die die Liquidation des Warschauer Ghettos nach den Kämpfen in Verstecken überlebt hatten, nahmen dann im August 1944 am Warschauer Aufstand teil.

Hervorzuheben ist, dass innerhalb der kommunistischen »Armia Ludowa« ca. neun von insgesamt 38 Einheiten der Partisanen als jüdische Abteilungen galten. Darunter befanden sich auch überlebende Kämpfer des Aufstandes im Vernichtungslager Sobibór oder dem Warschauer Aufstand. Einige der Kämpfer aus der Anielewicz-Einheit unter dem Kommando von Mordechaj Growas und Ignacy Podolski wurden im Frühjahr 1944 von polnischen Faschisten der NSZ ermordet.

Die Aktionen der jüdischen Kombattanten waren vielfältig: die spektakuläre Befreiung eines Auschwitz-Transportes am 20. April 1943 durch jüdische Partisanen in Belgien, die Teilnahme an der Befreiung von Castres und Mazamet in den Pyrenäen 1944, die Verzögerung von Rommels Vorstoß auf Tobruk durch das Fort Bir Hakeim, mit seiner größtenteils jüdischen Besatzung aus Palästina oder die legendäre Aktion der Widerstandsgruppe um Herbert Baum am 18. Mai 1942 gegen die antikommunistische Propagandaausstellung »Das Sowjetparadies« im Berliner Lustgarten. Jüdische Kombattanten kämpften an nahezu allen Fronten und nahmen an den wichtigsten Operationen der Anti-Hitler-Koalition teil, ob bei der Verteidigung von Leningrad, der Schlacht bei Stalingrad, am Kursker Bogen, schließlich als Soldaten der 1. Polnischen Armee auch beim Sturm auf Berlin 1945 und der Zerschlagung der letzten faschistischen Bastion Europas. Nahezu ein Viertel der sowjetischen Streitkräfte bestand aus jüdischen Kämpfern. Man vergisst dies wohl nur, weil sie keine eigenständigen Uniformen trugen, sondern immer jene der jeweiligen Verbündeten der Anti-Hitler-Koalition.

Juden spielten auch eine nicht zu unterschätzende Rolle im antifaschistischen Nachrichtendienst. Besondere Verdienste kommen dabei dem polnischen Juden Leopold Trepper von der »Roten Kapelle« zu, der die Sowjetunion vor der bevorstehenden Kaukasus-Offensive der Wehrmacht warnte, wodurch der Widerstand in der Schlacht von Stalingrad vorbereitet werden konnte. Eine ebenso wichtige Rolle spielten auch die sogenannten »Ritchie Boys«, deren Kern aus deutschen Juden bestand, unter ihnen der spätere DDR-Schriftsteller Stefan Heym, die seit ihrer Landung in der Normandie 1944 erfolgreich an der »Wehrkraftzersetzung« der deutschen Faschisten arbeiteten.

Die polnisch-jüdische Partisanin Janina Duda, die als Gast der Berliner VVN-BdA am Tag der Mahnung 2012 teilnahm, erinnerte uns daran, dass die Entscheidung zur Aufnahme des bewaffneten Widerstandes nie gleichbedeutend war mit einer Entscheidung fürs Überleben, einer Entscheidung über die Rettung vor dem Holocaust.

Der Aufstand von Sobibor

11. September 2013

»Wir müssen erinnern, damit wir nie vergessen!«

Am 14.Oktober 1943, kurz vor Ausbruch des Aufstandes und der Massenflucht aus dem deutschen Vernichtungslager Sobibor, riefen die Anführer des Aufstandes Leon Feldhendler (Rabinersohn aus Żółkiewka) und der sowjetische Kriegsgefangene Sascha Petscherski, alle KZ-Häftlinge auf, dass sie, falls sie überleben, der Welt die Wahrheit über Sobibor verkünden. In Sobibor wurden nach unterschiedlichen Schätzungen 250.000 Menschen auf brutale Weise durch Motorabgase vergast.

Angesichts des Widererstarkens neofaschistischer Gruppen in ganz Europa, von Deutschland über Polen, bis Ungarn und Bulgarien, und der vermehrten Leugnung des Holocaust selbst in jenen Ländern, in denen er während der deutschen Besatzung stattfand, kommt den noch lebenden Zeitzeugen eine wichtige Aufgabe zu. Die Berliner VVN-BdA erinnert beim diesjährigen »Tag der Mahnung und Begegnung« aus Anlass der 70. Jahrestage bewaffneter Aufstände im Vernichtungslager Sobibor und Treblinka sowie im Warschauer Ghetto an die jüdischen Widerstandskämpferinnen. Zu den letzten, noch lebenden Aufständischen im deutschen Vernichtungslager Sobibor, gehört Philip (Fiszel) Bialowitz.

Sein Erlebnisbericht, welcher dank der Aufzeichnungen seines Sohnes Joseph Bialowitz in dem Buch »A Promise at Sobibór: A Jewish Boy’s Story of Revolt and Survival in Nazi-Occupied Poland« veröffentlicht wurde, belegt eindrücklich, wie vielfältig jüdischer Widerstand war, und dass von den deutschen Faschisten zur Vernichtung bestimmte Juden selbst unter unmenschlichsten Bedingungen bewaffneten Widerstand organisierten.

Als die Häftlinge von Sobibor Ende Juni 1943 die Ankunft eines Transportes jüdischer Häftlinge des Sonderkommandos aus dem Vernichtungslager Bełżec erlebten, die sich noch auf der Rampe aus den Waggons heraus sofort auf die SS-Wachen stürzten, war für sie klar, dass auch sie einen Aufstand vorbereiten mussten. In den Kleidern der ermordeten Häftlinge aus Bełżec fanden Sie eine Nachricht: »Wir sind alle Häftlinge von Bełżec. Die Deutschen benutzten uns bis zur Schließung des Lagers. (…) Es erwartet uns das gleiche Schicksal, das unsere Brüder und Schwestern erreichte. Euch werden Sie auch töten. Lasst Euch nicht betrügen, wie wir! Rächt Euch! Rächt Euch!«

Bialowitz verbreitete den Appell unter den Häftlingen in Sobibor. Im Waldkommando kam es kurz danach zur Flucht von vier Häftlingen, bei der ein ukrainischer SS-Mann mit Äxten erschlagen wurde. Philips Bruder Symcha, der als Pharmazeut arbeitete, versuchte im August, die SS-Wachmannschaften mit einer Überdosis Morphium zu vergiften. Diese Verschwörung wurde durch Unachtsamkeit aufgedeckt. Erneut wurden zur Strafe Menschen ermordet. Andere Häftlinge gruben einen unterirdischen Tunnel, der jedoch kurz vor Fertigstellung entdeckt wurde. Ähnlich wie einige Monate zuvor, als im Lager III, wo die Vergasung stattfand, bereits ein Tunnel gebaut worden war, ermordete man die Widerständler. Eine weitere Aktion der Häftlinge war die Tötung des berüchtigten Kapos Berliner, die als Krankheit getarnt werden konnte.

Das Wunder geschah am 23. September 1943 als in Sobibor ein Transport mit Dutzenden sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem Ghetto Minsk ankam. Die Deutschen machten den entscheidenden Fehler, aus diesem Transport ca. 80 Männer auszuwählen, die den Häftlingen in Sobibor helfen sollten das Lager IV, in dem Munition gelagert und delaboriert werden sollte, zu bauen. Dadurch erhielt der Widerstand unter Leon Feldhendler einen entscheidenden Impuls und Unterstützung durch kampferprobte Soldaten unter der Führung von Aleksander »Sascha« Petscherski.

Der Plan der Häftlinge sah vor, dass in der ersten Etappe, am 13. Oktober ab 16 Uhr innerhalb einer Stunde die wichtigsten deutschen SS-Offiziere unbemerkt eliminiert werden sollen. Die SS sollte durch ihre Gier nach Schmuck und Geld an einen verabredeten Ort gelockt werden. Dort warteten Kampfeinheiten aus drei Häftlingen mit Äxten und Messern auf sie. Als nächstes sollte mit den erbeuteten Waffen das Waffenlager gestürmt werden. Bereits zuvor hatten Frauen, die in den Plan eingeweiht waren, im Lager Waffen gestohlen. Die zweite Phase war weitaus schwieriger. Es sollte zu einem offenen Aufstand und zu der Flucht aller, auch der nicht eingeweihten Häftlinge im Lager I und II kommen. Zum Lager III bestand kein Kontakt. Kurz vor dem Appel um 17 Uhr sollten die Telefon- und Elektroleitungen zerschnitten werden. Anschließend sollten die Kapos Pożycki und Bunio die Häftlinge zum Haupttor führen wie zu einem Arbeitseinsatz.

Am Tag des Aufstandes kamen jedoch plötzlich mehrere LKWs mit deutschen Soldaten an. Der Aufstand wurde auf den nächsten Tag verschoben. Am 14. Oktober 1943 verlief am Nachmittag alles nach Plan. Als sich die Häftlinge kurz vor 17 Uhr auf dem Appellplatz versammelten, fielen jedoch Schüsse. Irgendetwas musste schief gelaufen sein. Sofort sprang Sascha auf den Tisch auf dem Appellplatz und rief: »Brüder! Der lang ersehnte Augenblick ist gekommen. Wir haben schon die meisten Deutschen getötet. Erheben wir uns und vernichten diesen Ort. Wir haben kaum Chancen aufs Überleben, aber wenigstens sterben wir ehrenhaft im Kampf. Wenn es jemandem gelingen sollte zu überleben und fliehen, soll er nicht vergessen, dass er verpflichtet ist Zeuge zu sein und der Welt zu berichten über diesen Ort und darüber, was er hier gesehen hat.«

Es entstand ein großes Durcheinander. Die Häftlinge konnten nicht mehr wie geplant durch das Haupttor herausgeführt werden. Der SS-Mann Frenzel konnte nicht liquidiert werden und begann auf die Menschen zu schießen. Die Mehrheit der Häftlinge versuchte, den drei Meter hohen Stacheldrahtzaun zu überwinden und über das Minenfeld zu entkommen.

Von den ca. 650 Häftlingen, die am 14. Oktober 1943 in Sobibor waren, nahmen nach Berechnungen des niederländischen Sobibor-Deportierten Jules Schelvis 365 an der Massenflucht teil. Ca. 285 Häftlinge blieben zurück im Lager und wurden kurze Zeit später ermordet. Ca. 158 Personen wurden durch Schüsse oder Minen getötet. Bis zum 23. Oktober 1943 wurden weitere 107 Flüchtlinge gefasst. Mindestens 22 Flüchtlinge wurden noch vor Kriegsende von Deutschen, Ukrainern oder Polen in der Lubelskie-Region aus antisemitischen oder kriminellen Motiven ermordet. Lediglich 42 Flüchtlinge erlebten nach Schlevis Schätzungen das Kriegsende. Als Rache für die Flucht aus Sobibor wurden alle jüdischen Gefangenen des Vernichtungslagers Majdanek sowie der Arbeitslager Trawniki und Poniatowa ermordet.

Nach der Flucht gelang Philip und seinem Bruder die Kontaktaufnahme zu polnischen Partisanen. Es wurde jedoch schnell klar, dass diese Einheit mehr an ihrem Geld interessiert war und sich offen antisemitisch gebärdete. Die Brüder flüchteten in der Nacht. Sie versteckten sich bei mehreren Bauernfamilien bis sie zur Familie Mazurek in Tarzymiechy gelangten, deren beide Söhne bei der Armia Krajowa (AK) waren. Den Brüdern Philip und Symcha war bewusst, dass es auch bei der AK zu Morden an Juden gekommen war, die entweder antisemitisch motiviert waren oder mit dem Vorwurf prosowjetsicher Sympathien begründet wurden. Dennoch versteckten sie sich bei Familie Mazurek bis zur Befreiung durch die Rote Armee.

Doch die Morde an Juden gingen weiter. Mehrmals wurden die vor der Shoah geretteten Brüder, wie viele andere Juden, von polnischen Nationalisten überfallen und mit dem Tode bedroht. Die polnischen Faschisten der NSZ mordeten auch nach der Befreiung hinterhältig weiter. Unter ungeklärten Umständen wurde nach der Befreiung vermutlich von der NSZ auch Leon Feldhendler ermordet. Bialowitz gelangte nach dem Krieg über Szczecin in mehrere Displaced Persons-Lager u.a. in Berlin Schlachtensee bis er 1950 in die USA auswandern durfte.

Philip (Fiszel) Bialowitz ist den vergangen 25 Jahren als gefragter Zeitzeuge in vielen Ländern aufgetreten. Als Zeuge nahm er auch an mehreren Verfahren gegen Kriegsverbrecher teil, zuletzt an dem Verfahren vorm Landgericht München II gegen den SS-Aufseher John (Iwan) Demjanjuk. Die Kammer verurteilte den 91-jährigen Ukrainer wegen Beihilfe zum Mord in 28.000 Fällen zu fünf Jahren Haft. Das Urteil gilt als Meilenstein der Verfolgung von Nazis durch die bundesdeutsche Justiz, die nach 1945 im Umgang mit NS-Straftätern komplett versagt hat.

Im Zusammenhang mit Kriegsverbrecherprozessen stellte sich Philip Bialowitz oft die Frage nach Vergebung: »Ich weiß, dass Vergebung eine heilende Kraft besitzt. Sie kann mich von Hass befreien gegenüber den Mördern, der mich seit über sechzig Jahren quält. Bestimmt kann ich jenen Banditen vergeben, die doch versuchten, den Opfern zu helfen, zu ihnen nachlässiger waren als andere. Aber ich kann nicht Sadisten vergeben, die jeden Tag töteten, als wäre es irgendein Sport. Es ist sehr schwierig, jemandem zu vergeben, der einen Menschen tötet. Aber was ist, wenn jemand Tausende Menschen ermordet, darunter kleine Kinder?«

Die jüdischen Aufstände in den Vernichtungslagern Treblinka, Sobibor und Aschwitz-Birkenau sowie in mehreren Ghettos belegen, dass die deutschen Faschisten nicht in der Lage waren, die Menschenwürde der KZ-Häftlinge zu zerstören. Es muss hervorgehoben werden, dass angesichts des planmäßigen Mordes an europäischen Juden selbst alltäglich Erscheinendes zum Widerstand wurde, ja das Leben selbst bereits Widerstand war. Philip Bialowitzs Sohn Joe formuliert das im Buch seines Vater folgendermaßen: »Wir sollten über zwei Arten des jüdischen Widerstand sprechen: wenn Juden um ihre Körper kämpften und wenn sie um ihre Seelen kämpften. Durch Rettung ihrer Seelen, schöpften sie Kraft zum Kampf ums Leben oder siegten zumindest durch einen würdevollen Tod. Nicht allein, sondern als Teil einer Gemeinschaft. Beide Widerstandsformen, die bewaffnete und zivile waren ebenso mutig wie wichtig und wir müssen den zukünftigen Generationen darüber berichten.«

Frühe Rehabilitierung

geschrieben von Harald Bauer, München

11. September 2013

Zum Artikel »Offene Wunden der Stalinära«

 

Ich möchte an zwei Jahrestage erinnern: Den 70. Jahrestag der Gründung des NKFD und 70. Todestag von Julius Fucik. Wäre schön, wenn darauf eingegangen würde.

Zum Artikel »Offene Wunden«. Es sollte auch gesagt werden, dass noch während der Sowjetzeit viele Rehabilitierungen erfolgten. Und ohne die Sowjetunion hätte es eben keinen deutschen antifaschistischen Staat gegeben (1949 – 1990) und es hätten sich dadurch die Bedingungen für die Antifaschisten in Westdeutschland noch schwieriger gestaltet.

Kritik: Das Foto auf Seite 28 stammt aus dem Jahr 1932, also einer Zeit, in der ausländische Antifaschisten noch nicht von den Repressalien betroffen waren.

Bedrückende Erinnerungen

geschrieben von Anita Krebs, Berlin

11. September 2013

Zum Artikel »Offene Wunden der Stalinära«

 

Ich habe beide Ausstellungen gesehen, angeregt durch den Artikel in der antifa. Die Ausstellung in der Stauffenbergstr. »Ich kam als Gast in euer Land gereist« hat mich am meisten beeindruckt, aber auch sehr traurig gemacht. Auch, weil ich die Familie Koenen persönlich kannte. Ich glaube, es war die Familie von Wilhelm Koenen, mit der wir in den 50er Jahren gemeinsam in einem Haus am Frankfurter Tor wohnten. Das Märchen des Sohnes von Herrmann Duncker hat mich ebenfalls sehr berührt. Hermann Duncker war mein Lehrer des M/L 1950 oder 1951 an der Gewerkschaftshochschule in Bernau. Ich habe aber nicht gefunden, was ich gesucht habe. Mein Vater hatte einen Freund, Erich Schuster, der ist auf Beschluss der Partei in Dresden mit seiner Frau und drei Kindern in die SU gereist. Keiner hat mehr von ihm gehört.

Den Übersetzer und Mitgestalter der Ausstellung, Herrn Wladislaw Hedeler, habe ich persönlich kennen gelernt. Er hat auch das im Februar 2013 herausgekommenes Buch von Alexander Fatlin »Was für ein Teufelspack: Die Deutsche Operation des NKWD in Moskau und im Moskauer Gebiet 1936 bis 1941« übersetzt. Ich habe es gelesen – tief beeindruckt!

Meine Freundin hat in der Aufstellung der deutschen Antifaschisten den Namen ihres Onkels gefunden, der erschossen wurde. Ich habe in dem Buch Roberta Gropper gefunden, sie war unsere langjährige Freundin, ist leider schon 1993 gestorben. Sie kam 1948 aus der SU zurück und war in der Berliner Gewerkschaft Sekretär für Frauen und die Sozialversicherung.

Ich war auch in der Ausstellung GULAG und habe mir ein Bild gemacht, was GULAG in der Stalinära bedeutete. Ich bin sehr bedrückt und traurig, dass so viele Kommunisten und Antifaschisten diese Zeit nicht überstanden haben. Das Schreiben ist mir schwer gefallen, doch ich wollte das sagen.

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