Gegen Geschichtsrevisionismus in Ungarn

18. März 2014

Die Internationale Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) – Bund der Antifaschisten, die Dachorganisation ehemaliger Partisanen, Widerstandskämpfer, Deportierter und Opfer des Naziregimes und Angehöriger der alliierten Streitkräfte aus mehr als 25 Ländern Europas und Israels, unterstützt den Protest von Historikern, Antifaschisten und anderen Angehörigen der ungarischen Zivilgesellschaft gegen das geplante Denkmal zur Erinnerung an die Opfer der deutschen Okkupation.

besatzung

So richtig jede öffentliche Erinnerung an die Opfer faschistischer Terror-Herrschaft ist, müssen wir jedoch feststellen: Dieses Denkmal auf dem Budapester Freiheitsplatz soll das profaschistische Horthy-Regime entlasten, indem mit diesem Denkmal alle Ungarn – mit Ausnahme der faschistischen Pfeil-Kreuzler – zu »Opfern des Faschismus« gemacht werden.

Damit reiht sich dieses Projekt ein in die massiven Versuche der Rehabilitierung des Horthy-Regimes und der Leugnung des antifaschistischen Widerstandes, der bereits in den 30er und 40er Jahren geleistet wurde, ein.

Damit wird eine Tür geöffnet für Geschichtsfälschung und Umdeutung der Erinnerung, wie sie beispielsweise in der Ehrung jener ungarischen Soldaten stattfindet, die an der Seite der SS und der deutschen Wehrmacht im Frühjahr 1945 gegen die Befreiung des Landes vom Faschismus durch durch die sowjetische Armee als Teil der alliierten Streitkräfte gekämpft haben. Die FIDESZ – Administration zeigt damit, dass sie keine ernsthafte inhaltliche Distanz zu den neofaschistischen Kräfte von JOBBIK und anderen Gruppen der extremen Rechten hat.

Die FIR fordert die ungarischen Verantwortlichen auf, dieses Projekt nicht zu verwirklichen. Sie unterstützt den zivilgesellschaftlichen Protest und wird selber vor Ort ihre Ablehnung zeigen.

Das Alte stürzt

geschrieben von Regina Girod

18. März 2014

Vor 40 Jahren siegte in Portugal die Nelkenrevolution

Am 25. April 1974 verlas um 0.30 Uhr der Sprecher eines katholischen Rundfunksenders in Portugal die erste Strophe des von der Diktatur verbotenen Liedes Grândola, Vila Morena, danach erklang das Lied selbst, gesungen von dem antifaschistischen Protestsänger José Zeca Afonso. Das war das Signal für den Aufstand der militärischen Einheiten, die sich zur »Bewegung der Streitkräfte ( MFA)« bekannten.

25abril1974[1]

Knapp 18 Stunden später hatten sie das Salazar-Caetano-Regime, die älteste Diktatur Westeuropas, gestürzt. Die MFA bestand vornehmlich aus jungen Offizieren der unteren Ränge. Seit Beginn der Kolonialkriege in den afrikanischen Provinzen waren auch einfache Soldaten aus dem Volk zu Offizieren ausgebildet worden. Diese Männer waren es, die den diensthabenden Kommandanten festsetzten und über die Autobahn nach Lissabon fuhren, um Ministerien, Rundfunk- und Fernsehsender sowie den Flughafen zu besetzen. Die Mehrheit der angerückten Regierungstruppen lief zu den Aufständischen über.

Tausende Lissaboner säumten den Weg der Aufständischen, jubelten den Befreiern zu, liefen neben den Armeefahrzeugen her, sprangen auf. Die ersten roten Nelken leuchteten an den Uniformen der Soldaten und aus ihren Gewehrläufen. Die rote Nelke, das Symbol der sozialistischen Arbeiterbewegung, deren Ideen die portugiesische Revolution maßgeblich prägten, gab der Revolution ihren Namen.

In der Nacht zum 27. April wurden die politischen Gefangenen aus dem Kerkern der Geheimpolizei PIDE befreit. Ihre Verwandten und Freunde empfingen sie auf der Straße. Jahrelang waren sie dort ohne Gerichtsverfahren eingesperrt und Folter, Isolationshaft und Demütigungen ausgesetzt gewesen.

Noch vor dem 1. Mai kehrten viele Verbannte und politisch Verfolgte aus dem Exil zurück. Alvaro Cunhal, Vorsitzender der Kommunistischen Partei (PCP) hatte 13 Jahre in den Kerkern der Geheimpolizei verbracht, bis ihm 1960 die Flucht gelang. Seitdem hatte er in Moskau und Prag gelebt. Auch Mário Soares (Sozialistische Partei) kam aus Paris zurück. Ein machtvoller und widersprüchlicher Prozess der Umwandlung begann. Er fand seinen Ausdruck in der 1976 angenommenen neuen Verfassung Portugals.

Urte Sperling, Die Nelkenrevolution in Portugal. Basiswissen Politik/Geschichte/Ökonomie, PapyRossa Verlag, 131 Seiten, EUR 9,90

Urte Sperling, Die Nelkenrevolution in Portugal. Basiswissen Politik/Geschichte/Ökonomie, PapyRossa Verlag, 131 Seiten, EUR 9,90

Als die Nelkenrevolution 1974 siegte, war ich 19 Jahre alt. Wir standen damals alle unter dem Eindruck des faschistischen Militärputsches in Chile und hatten uns nicht vorstellen können, dass auch das Gegenteil- eine antifaschistische Militärrevolte (noch dazu in einem Nato-Land)-überhaupt möglich sei. Mit Begeisterung verfolgten wir die Nachrichten aus Portugal. Später haben viele von uns Portugiesisch gelernt, denn die DDR unterstützte mit Spezialisten den Aufbau in Angola und Mozambique, die durch den mehr als zehnjährigen Kolonialkrieg völlig zerrüttet waren.

Auch wenn die Errungenschaften der Nelkenrevolution in den darauffolgenden Jahren nach und nach revidiert wurden, nimmt sie für mich und viele meiner Generationsgefährten bis heute einen besonderen Platz in der Geschichte ein. Wir gratulieren den Antifaschistinnen und Antifaschisten der UNIÃO DE RESISTENTES ANTIFASCISTAS PORTUGUESE (URAP) herzlich zum 40. Jahrestag ihres Sieges.

Dramen des Widerstands

geschrieben von Reinhard Strecker

14. März 2014

Günther Weisenborns Werke gegen das Vergessen

 

Günther Weisenborn und seine Frau Joy waren in der Gruppe Schulze-Boysen/Harnack aktiv und wurden mit vielen anderen am 26. September 1942 frühmorgens um 5 Uhr verhaftet. Viele ihrer Mitverschworenen wurden bald darauf von einer willfährigen Justiz ermordet.

Obwohl auch schon dem Schafott bestimmt, blieb Weisenborn im Zuchthaus Luckau am Leben. Bei seiner Befreiung durch die sowjetische Armee wurde er dienstverpflichtet als Bürgermeister für Luckau und Umgebung. Erst danach konnte er nach Berlin zurück und seine Frau suchen.

Die Alliierten hatten den großdeutschen Wahnsinn unter beträchtlichen Verlusten allein niederringen müssen und waren an Berichten über irgendwelchen Widerstand gegen die Nazis in Deutschland selbst nicht interessiert. Gegen dieses aktive Desinteresse der Alliierten und um Deutschland vom Widerstand zu berichten und an seine ermordeten Freunde zu erinnern, schrieb Günther Weisenborn sein erstes Drama: »Die Illegalen«. Die Uraufführung fand am 21. März 1946 am Hebbeltheater in Berlin statt. Lange Zeit war es das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen, später kam Zuckmayers »Des Teufels General« dazu. Ricarda Huch hatte im selben Jahr einen Aufruf in der Presse veröffentlicht, ihr Berichte über den Widerstand zu schicken und war ob der Menge des Materials erschrocken. Das könne sie nicht mehr bearbeiten, sagte sie als Präsidentin des 1. Deutschen Schriftstellerkongresses zu Günther Weisenborn, dafür habe sie nicht mehr die Kraft. Wenige Wochen später starb sie und Weisenborn brachte 1953 bei Rowohlt das Buch »Der lautlose Aufstand« heraus, ein Werk über den gesamten deutschen Widerstand, nicht nur über den des eigenen politischen Lagers, wie es üblich geworden war, in Ost und West.

Weisenborn blieb der Chronist des deutschen Widerstands in seiner ganzen Breite und damit un-zeitgemäß in einer Zeit, in der Adenauer glaubte, bei den Deutschen zu punkten und Wahlstimmen zu gewinnen, wenn er Brandt als den »Herrn Frahm« zu verleumden versuchte. Und Strauß fragte öffentlich, was Brandt denn wohl zwölf Jahre da draußen getan habe. Und fügte unfreiwillig entlarvend hinzu: »Wir wissen, was wir zwölf Jahre hier drinnen getan haben.«

Günther Weisenborn verfasste das Drama »Walküre – 44« über den 20. Juli, aber Piscator, der es aufführen wollte, starb. Doch angesichts der Vorwürfe von wiederbeamteten Alt-Nazis, er habe die Spionage der Roten Kapelle zugunsten der Sowjetunion verschwiegen, war es ihm wichtig, nachzuweisen, wie sie ebenso versucht hätten, Seeleute von westlichen Transportdampfern mit Hilfslieferungen auf der Murmansk-Route zu retten.

Doch Weisenborn starb Ende März 1969, so konnte Augsteins Haus-Nazi Heinz Höhne erst im »Spiegel« eine zehnteilige Serie über die Rote Kapelle herausbringen, aus der eine ARD Serie wurde, und dann 1970 bei Fischer in Frankfurt/Main sein Buch: »Kennwort Direktor – Die Geschichte der Roten Kapelle«, das 1972 dann als Fischer-Taschenbuch erschien.

Hans-Peter Rüsing, einem Nachgeborenen, ist zu danken, dass er nunmehr Weisenborn wieder das Wort gibt, der als erster in Deutschland vom Widerstand berichtete, als nur eine beteiligte und betroffene Minderheit etwas davon wusste, und der als Chronist des deutschen Widerstands die Ehre der Widerstandskämpfer als deutsche Patrioten in drei Dramen verteidigt hat.

Ein »Bekennender«

geschrieben von Werner Dietrich

14. März 2014

Heftreihe der VVN-BdA Sachsen-Anhalt zur Geschichte

 

In der Reihe, »Hallesche Hefte des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945« sind seit 2001 sieben – kürzere und längere – Arbeiten erschienen. In Ausgabe 1 (2001) hat Günther Pape den anhaltenden »Skandal um den Ehrenfriedhof der Opfer des NS-Regimes in Blankenburg/Harz« dokumentiert. Den Hintergrund dafür bildete die Umwandlung eines von US-amerikanischen Truppen 1945 im Harzstädtchen eingerichteten Ehrenfriedhofs für Opfer des NS-Regimes im Jahre 1999 zu einer Gedenkstätte aller Opfer von Gewalt, obgleich hier ausschließlich von den Nazis ermordete Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge bestattet wurden. Daran anknüpfend wandte sich Günther Pape in Heft 3 (2002) den »Konzentrations- und Zwangsarbeitslager in Blankenburg/Harz« in einer umfassenden Übersicht zu.

Werner Dietrich: Walter Gabriel – Lebenslinien eines Bekenntnispfarrers (Wider das Vergessen – Hallesche Hefte des Widerstands und der Verfolgung, Nr. 7), Halle (Saale) 2012, 152 S.

Werner Dietrich: Walter Gabriel – Lebenslinien eines Bekenntnispfarrers (Wider das Vergessen – Hallesche Hefte des Widerstands und der Verfolgung, Nr. 7), Halle (Saale) 2012, 152 S.

Im Heft 2 (2001) beschrieb Artur Schellbach ausgewählte Orte der »Zwangsarbeit in der preußischen Provinz Sachsen und in Anhalt zur Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft«. Dazu zählen die Strafanstalten in Halle und Coswig, die KZ-Außenlager in Langenstein-Zwieberge, Rehmsdorf, Uftrungen und Wolfen sowie das sogenannte Arbeiterziehungslager in Zöschen. In letzterem kam der Vater des Autors, ein kommunistischer Funktionär aus Weißenfels, zu Tode. Daran anknüpfend zeichnete sein Sohn in Heft 4 (2004) der Reihe »Arthur Friedrich Schellbach. Ein Lebensbild« Lebensstationen seines Vaters nach.

Die Hefte 5 bis 7 wurden vom Autor dieses Beitrags verfasst. Er schreibt in seinen Arbeiten über mitteldeutsche Widerständler und Naziopfer, wobei diese in das gesamtgesellschaftliche Geschehen auf lokaler, regionaler und zentraler Ebene eingeordnet werden. So behandelt Heft 5 (2005) »Widerstand und Verfolgung in Zeitz 1933-1945« mit Dr. Rudolf Agricola, Richard Dietrich, Dr. med. Gustav Flörsheim und Walter Retterath vier Akteure sozialdemokratischer, jüdischer und kommunistischer Provenienz. Internationale Vorgänge kommen in Heft 6 (2006) zur Sprache, da diese Studie unter dem Titel »Max Dankner – Biographische Skizze eines kämpferischen Antifaschisten« einen verdienstvollen Kämpfer im reichsdeutschen Untergrund, dem tschechoslowakischen Exil, dem spanischen Bürgerkrieg und der französischen Résistance porträtiert. Schließlich folgt mit dem aktuellen Heft 7 (2012) »Walter Gabriel – Lebenslinien eines Bekenntnispfarrers« das umfangreiche Porträt eines Aktivisten der christlichen Opposition im sogenannten Dritten Reich.

In der Kirchenfrage im Widerspruch zum totalitären Machtanspruch des NS-Regimes stehend, gehörte Pfarrer Gabriel zu jener Minderheit der evangelischen Gläubigen und Würdenträger, die sich als Widerpart gegenüber den NS-freundlichen Deutschen Christen in der Bekennenden Kirche (BK) sammelten. Als deren Protagonist trug er maßgeblich dazu bei, dass sich die von ihm seelsorglich betreute Gemeinde – die Neumarktgemeinde von Halle (heute St. Laurentius) – zu einer der wenigen Hochburgen der BK im Stadtgebiet entwickelte. Zudem engagierte er sich stark in den Leitungsgremien der BK in der Kirchenprovinz Sachsen und war Teilnehmer zahlreicher lokaler und zentraler Bekenntnissynoden der Kirchenopposition, wie etwa der wegweisenden Synode von Wuppertal-Barmen im Mai 1934.

Wegen seines kirchenoppositionellen Engagements gelangte der Pfarrer schon frühzeitig ins Visier der Geheimen Staatspolizei. Nach Stigmatisierung und vielfältigen Repressalien (zahlreiche Verhaftungen, Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmungen) ließ ihn die Gestapo im Februar 1941 ins Konzentrationslager Dachau deportieren. Hier musste er bis Weihnachten 1943 die Hölle im Modell-Lager des KZ-Systems der SS erleiden. Danach stand er unter theologischem Berufsverbot und diente bis Kriegsende als Sanitätssoldat.

Gabriels nach der Befreiung von der NS-Diktatur erfolgte Anerkennung als Opfer des Faschismus, beziehungsweise Verfolgter des Naziregimes, war nur zu berechtigt. Er engagierte sich als Aktivist beim Aufbau der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes in der Provinz Sachsen und der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, allerdings verließ er den Verband später wieder. Gleichwohl blieb er bis zum Lebensende ein durch die entsprechenden staatlichen und gesellschaftlichen Stellen der DDR betreuter VdN-Kamerad.

Die aus heutiger Sicht problematischen Seiten in Gabriels Lebensweg sind nicht ausgeklammert. Insbesondere betrifft dies eine bis weit in die NS-Diktatur vom nationalen Mythos bestimmte Haltung zu den beiden Weltkriegen oder ebenso lange vertretene antisemitische Ansichten. Solche Positionen kennzeichneten seinerzeit einen Großteil der Würdenträger in der Kirchenopposition.

Die feindliche Übernahme

geschrieben von Wolfgang Triebel

14. März 2014

Heinrich Fink erinnert daran »Wie die Humboldt-Universität gewendet wurde«

 

Dieses kleine Buch berichtet konkret-historisch und politisch brisant über die Einvernahme der Humboldt-Universität zu Berlin in das BRD-Hochschulsystem und die bösartig lancierte Entfernung ihres Rektors Prof. Dr. Heinrich Fink. Das Buch handelt von der Zeit der Eingliederung der DDR in das Staatsgefüge der alten Bundesrepublik Deutschland von 1990 bis 1992. Finks Erinnerungen demonstrieren am Beispiel der HUB, wie die bisherigen »Brüder und Schwestern im Osten« von ihren Arbeitsplätzen vertrieben und nunmehr mit dem Kainsmal »IM der Stasi« versehen als nicht mehr zumutbar abgestempelt worden sind. Als 1989/1990 Bürger der DDR auf die Straßen gegangen sind und der politischen Obrigkeit die Losung entgegenschleuderten »Wir sind das Volk!«, kehrten westliche Politiker und ihre Medien diesen Ruf nach volksnaher Demokratie in der DDR in den nationalistischen Schlachtruf um, »Wir sind ein Volk!« und verkündeten den »befreiten« ostdeutschen Bürgern durch den Zusammenschluss beider Teile Deutschlands »blühende Landschaften«. So etwa ist das bis heute im Bewusstsein der meisten westdeutschen Bürger verinnerlicht. Mit den tatsächlichen Abläufen des Einigungsprozesses 1990 und danach hat das jedoch nichts zu tun. Die damaligen Vorgänge mit ihren Nebenerscheinungen und manchen menschlichen Tragödien verdienen weite Verbreitung, weil die Bundesregierungen dazu schweigen oder die Tatsachen verdrehen.

Heinrich Fink »Wie die Humboldt-Universität gewendet wurde«, Verlag Ossietzky, Hannover, 128 S., 12,50 EUR

Heinrich Fink »Wie die Humboldt-Universität gewendet wurde«, Verlag Ossietzky, Hannover, 128 S., 12,50 EUR

Der Theologe Prof. Dr. Heinrich Fink, seit 1980 Dekan der Theologischen Fakultät und Direktor der Sektion Theologie der HUB, wurde am 3. April 1990 zum Rektor der Humboldt-Universität Berlin gewählt. Zu Recht wird hinzugesetzt, seine Wahl erfolgte in einem ordentlichen universitären akademischen Akt ohne Druck oder Einflussnahme der politischen Obrigkeit der DDR. Finks Losung bei seinem Amtsantritt lautete: »Erneuerung aus eigener Kraft und mit den vorhandenen Menschen.« Dies entsprach auch der Auffassung der meisten der protestierenden Bürger der DDR und war politische Konzeption der DDR-Regierung unter Hans Modrow. Die Wahrheit ist: Der dann am 12. April 1990 von der ersten »frei« gewählten Volkskammer und dem Ministerpräsidenten De Maiziere zum Hochschulminister der DDR ernannte Prof. Dr. Hans-Joachim Meyer verfügte laut Beschluss des neuen Ministerrats vom 23. Mai 1990 die sofortige Auflösung aller Institute für Marxismus-Leninismus an allen Hochschulen der DDR. Das sei »eine notwendige Maßnahme…im Hinblick auf die demokratische Erneuerung der Universitäten und Hochschulen der DDR«. Noch in der DDR wurden diese Hochschullehrer abberufen.

Nach dem 3. Oktober 1990 begann das Überstülpen des westdeutschen und westberliner Hochschulrahmengesetzes. Prof. Fink lässt Zahlen sprechen: »Von den insgesamt 782 Hochschullehrern der HUB verloren 644 ihre Position. Nur 16 % aller im Jahre 1989 Beschäftigten (einschließlich Verwaltung und Technik) gehörten der HUB im Jahre 1994 noch an. Rund 2 500 waren innerhalb dieses Jahrfünfts entlassen worden.« Finks Vorstellung, Erneuerung der Humboldt-Universität aus eigener Kraft und mit den vorhandenen Menschen, wurde mit üblen Mitteln und hinterhältigen politischen Methoden verhindert. Ein übles Mittel war die vom damaligen Berliner Wissenschaftssenator Manfred Erhard (CDU) verfügte Einsetzung – nicht demokratische Wahl! – sog. Gründungsdekane aus dem Westen. Sie hatten Professoren und Dozenten der Sektionen der HUB auf fachliche und politische Eignung zu prüfen. Dieser Erhard war der Haupteintreiber der Abwicklung vor allem der geisteswissenschaflichen Sektionen Geschichte, Philosophie, Erziehungswissenschaft, Rechtswissenschaft und Wirtschaftswissenschaft. Ein Skandal besonderer Art war: Gründungsdekan für die Sektion Wirtschaftswissenschaft wurde der emeritierte Professor Wilhelm Krelle aus Bonn, der sich gegenüber Prof. Fink großspurig vorstellte, er müsse nun »reinemachen«, marxistische Ökonomie wäre sowieso keine Wissenschaft, und »solange er Gründungsdekan sei«, dürfe »kein Marxist seinen Fuß über die Schwelle seiner Fakultät setzen«. Die Studenten, die sich der westlichen Abwicklungspolitik energisch widersetzten, durchleuchteten den Lebenslauf von Prof. Krelle und fanden heraus, dass dieser Herr 1944 SS-Sturmbannführer der Panzergrenadierdivision der SS »Götz von Berlichingen« war, an der Okkupation Griechenlands und am Afrikafeldzug teilgenommen und zum Generalstab des VIII. SS-Korps gehört hatte. Prof. Fink nennt in seinem Buch die Hauptverantwortlichen für die Abwicklungspolitik an der HUB mit Namen, man kann sie darum nicht vergessen.

Ein unrühmliches Kapitel

geschrieben von Hans Canjé

14. März 2014

Franco und das moralische Versagen der Schweizer Diplomatie

 

Die offizielle Schweiz suchte schon früh die Annäherung an das faschistische Franco-Regime und verschloss die Augen vor dem Massenmord an der spanischen Bevölkerung. So urteilt Ralph Hug, im schweizerischen St. Gallen lebender Journalist und Autor, in seinem neuen Buch. Seine harte Kritik bezieht sich, im Ergebnis umfassender Recherchen in diversen Archiven der Eidgenossenschaft, vor allem auf das moralische Versagen der Berner Regierung angesichts des Umgangs der spanischen Machthaber mit Schweizer Bürgern in den Jahren zwischen dem Putsch Francos gegen die Republikanische Regierung im Juli 1936 und dem von ihm am 1. April 1939 proklamierten Sieg. Es führt weiter bis ins Jahr 1947 und bringt, wie der Verlag ankündigte, tatsächlich »Licht in ein unrühmliches Kapitel der schweizerischen Zeitgeschichte im 20. Jahrhundert«

Als Ursachen für dieses Versagen benennt er zum einen die unverhohlen bekundeten Sympathien für die antikommunistisch-republikfeindliche Zielsetzung des, von den faschistischen Regierungen in Deutschland und Italien massiv militärisch unterstützten Putschisten Franco, im Verbund mit der, auch durch die Berner Regierung mitgetragenen, vorgeblichen »Nichteinmischungspolitik« Frankreichs und Englands. Zum anderen waren da handfeste wirtschaftliche Interessen im Spiel, die den »Finanzplatz Schweiz » zum »Mitfinanzier Francos und der Diktatur« machten.

Auf Verlangen »des mächtigen Wirtschaftsverbandes der Industriellen« war schon im Februar 1937 ein schweizerischer Wirtschaftsvertreter an Francos Amtsitzsitz in Burgos entsandt worden. Eine »faktische Anerkennung der Putschisten«, der folgte dann am 14. März 1939, der Kampf zwischen Francos Truppen und der, von den Internationalen Brigaden unterstützten Republikanischen Armee war noch nicht beendet, mit allem Pomp die Akkreditierung des Schweizer Diplomaten Eugène Broye als offiziellem Repräsentanten.

Der Autor hat sich schon als sachkundiger Koautor von Bert Huber an dem 2009 im selben Verlag erschienenen Biografischen Handbuch »Die Schweizer Spanienfreiwilligen« mit den rund 800 Schweizer Interbrigadisten beschäftigt. Hier widmet er sich nun den »vergessenen Opfern«, die »von der historischen Forschung bislang weitgehend unbeachtet geblieben sind« und »im kollektiven Gedächtnis der Schweiz nie verankert« waren. Das sind Auswanderer, die sich nach dem Ersten Weltkrieg in Spanien eine neue Existenz aufbauen wollten und ab Juli 1936 »in die Wirren des Bürgerkriegs und der ausbrechenden sozialen Revolution« gerieten«.

Da sind aber auch die Schweizer Bürger, die als Interbrigadisten nach Spanien gegangen waren, weil sie, im Gegensatz zu ihrer Regierung, »im Staatstreich der Generäle eine weitere Etappe im scheinbar unaufhaltsamen Vormarsch des Faschismus in Europa (erblickten), der unter allen Umständen gestoppt werden sollte«: Als »Militärdienst in fremden Streitkräften« stand darauf in ihrer Heimat die Verurteilung durch die Militärjustiz. In Spanien folgten für sie, so sie nach Francos Sieg in die Hände des Regimes gefallen waren, Prozesse vor den Militärgerichten des Regimes mit langjährigen Haftstrafen, Verbannung in Konzentrationslager und Zwangsarbeiterlager.

Hug nennt sie beim Namen, die so » in einer Art stillen Komplizenschaft« von den in Spanien amtierenden Schweizer Diplomaten und dem Berner Eidgenössischen Politischen Departement (EPD) Abgestempelten. Dort wusste man sehr wohl etwa um das Geschehen im Konzentrationslager Mirando de Ebro, in dem in den Jahren seiner Existenz an die 80 000 Gefangene inhaftiert und misshandelt worden sind. Man war informiert über das Schicksal beispielsweise der Schweizer Brigadisten Georg Storz und Rudolf Sigg, die Ende 1939 gemeinsam mit 459 Internationalen aus rund dreißig Ländern in einem Zwangsarbeitsbataillon das in den Kämpfen zerstörte Städtchen Belchite zu einer Gedenkstätte des Franquismus gestalten mussten.

In den hier vorliegenden Fallstudien belegt Hug detailliert und umfassend, dass die vielbeschworene Schweizer »Neutralität« nicht nur bei der Wahrung ökonomischer Interessen ihre Grenzen fand. Sie galt auch nicht, wenn es um die notwendige Vertretung der von den Francobehörden verfolgten Landsleute ging. Die dem »faschistischen Sadismus« ausgesetzten Brigadisten galten amtlich als »tendenziell zweitrangige Schweizer, die sich ›neutralitätswidrig‹ verhalten hatten und daher selber die Verantwortung für ihr Schicksal trugen«

Gesellschaft voller Gewalt

geschrieben von Janka Kluge

14. März 2014

Das Buch »Exodus« von DJ Stalingrad

 

Das vorliegende Buch hat mich noch Tage nachdem ich es gelesen hatte, nicht losgelassen. Der Moskauer Antifaschist Piotr Silaev erzählt darin unter dem Pseudonym DJ Stalingrad von militanten Aktionen gegen große Gruppen von Faschisten. Obwohl die Faschisten meist in der Überzahl waren, gelang es Silaev und seinen Freunden oft, sie zurückzuschlagen.

Er reiste Ende 2008 nach Finnland und Griechenland, weil ihm in Moskau die Verhaftung drohte. Hier schrieb er weiter und veröffentlichte unter dem Pseudonym Exodus. Er kehrte allerdings nach Russland zurück und wurde 2010 nach der Auseinandersetzung um die geplante Abholzung eines Waldes bei der Chimki erneut zur Fahndung ausgeschrieben. Piotr Silaev konnte nach Spanien fliehen. Der spanische Staat hat bis jetzt alle Auslieferungsanträge gegen Silaev abgelehnt, weil er eindeutig wegen seiner antifaschistischen Haltung ausgeliefert werden soll.

Im griechischen Exil schrieb er den Roman, jetzt unter dem Pseudonym Exodus, weil er in Russland unter DJ Stalingrad bekannt war. Zunächst war der Text nur über verschiedene russische Internetseiten zugänglich. Erst 2010 hat ihn die Literaturzeitung Snamja veröffentlicht. In Deutschland hat ihn der Berliner Verlag Mathhes & Seitz Anfang 2013 herausgebracht.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, das im Januar 2013 veröffentlicht wurde, sagte Silaev: »Im Buch gibt es eine Episode, wo ich das erste anti-faschistische Musikfestival in Moskau beschreibe. Das war 2007. Den Erlös haben wir an ein Waisenhaus gespendet. Rund um das Festival gab es den ganzen Tag Schlägereien mit attackierenden Nazi-Gruppen. Aber wir haben sie zurückgeschlagen – und danach haben sie nie wieder versucht, ein Festival von uns offen anzugreifen. Sie haben sich von da an vor allem auf Menschenjagden und kleinere Attacken konzentriert.«

Trauriger Höhepunkt der Erzählung ist der Mord an dem jungen Antifaschisten Fedja aus Moskau. Er wurde auf dem Weg zu einem Punkkonzert von Faschisten erstochen.

Immer wieder treffen die antifaschistischen Red-skins auf Nazis. Bei Auswärtsspielen ihres Fußballvereins schließen sich rechte Hooligans zusammen, um sich Schlägereien mit ihnen zu liefern. Als er wieder einmal verhaftet worden war fragte ihn ein Polizist, warum sie so leben. Seine Antwort steht stellvertretend für einen Teil der russischen Jugend.

»Jeder verbringt seine freie Zeit, wie er Bock hat. Der eine hängt in Hauseingängen rum, der andere in Spielhallen, und wieder ein anderer zieht sich gut an, geht zu einem Konzert oder fährt zu einem Auswärtsspiel in eine andere Stadt, amüsiert sich mit fröhlichen Mädchen, interessiert sich für irgendwas, spielt Gitarre in einer Band. Das machen die Klugen, es ist billig und schön. Wir versuchen doch nur, mit unseren begrenzten Mitteln zu leben wie die Könige, wie man so sagt. Doch in dieser Stadt, in Moskau ist alles immer voller Scheißer, ständig muss man seinen Platz an der Sonne von Dreck säubern. Massen von Idiotien stören die Moskauer dabei, schön zu leben und ihren Feierabend zu genießen.«

Piotr Silaev betont in Interviews immer wieder, dass sein Buch nicht nur ein Buch über Nazis und Antifaschisten ist, sondern das Gefühl einer ganzen Generation ausdrückt, die »Gewalt mit der Muttermilch« aufgesogen hat und sich nur durch sie äußern kann.

Schwer nachvollziehbar war für mich seine Sympathie für den Una-Bomber Theodore Kaczynski. Dieser hatte mehrere Briefbomben an Personen in Amerika geschickt, bei denen drei Personen getötet und 16 verletzt wurden. Der bekennende Anarchist wollte den Fortschritt bekämpfen und schickte die Briefbomben hauptsächlich an Manager von Computerfirmen und Fluggesellschaften.

Obwohl das Buch voller Gewalt ist, ist Piotr Silaev selbst einen anderen Weg gegangen. In dem schon erwähnten Interview sagte er zum Schluss:

»Aber allein Gewalt reicht natürlich nicht aus, um etwas zu verändern. Man braucht einen administrativen und zivilgesellschaftlichen Körper, der von einem mehr verlangt als nur Kampfkünste. Das haben wir ja auch mit unseren Aktivitäten umgesetzt und bewiesen, dass man mit Strukturen erfolgreich sein kann. Ich bin diesen Weg der Veränderung ja selbst gegangen. Vom Straßenkampf zum strukturellen Protest und zivilen Ungehorsam. Und frag jetzt nicht, ob wir glauben, dass das etwas Großes in Russland verändern könne. Natürlich glauben wir, dass das alles letzten Endes keinen Sinn hat. Aber wir müssen es zumindest versuchen.«

Dieser Ansatz wird auch in einem Nachwort deutlich, das er für die deutsche Ausgabe in Spanien geschrieben hat. Der militante Kampf damals war wichtig und richtig, um die Gesellschaft aber zu verändern, bedarf es anderer Ansätze.

Das Buch ist erschreckend, aber wichtig für alle, die ihren Blick auf die russische Gesellschaft schärfen wollen.

Pete Seeger war stets dabei

10. März 2014

Aus den Erinnerungen des Schriftstellers Walter Kaufmann

Pete Seeger 2007 (Foto: Anthony Pepitone)

Pete Seeger 2007 (Foto: Anthony Pepitone)

An jenem Abend im Winter 2009 gehörte ich zu den ältesten Besuchern im Kino Babylon in Berlins Mitte. »The Power of Song« schickte mich auf eine innere Weltreise. Ich sah mich als jungen Mann von Melbourne nach Sydney zum Fest der Eureka Youth League trampen, an die tausend Kilometer in Wind und Wetter, und immer an der Küste entlang, vorbei an Port Phillips Bay bis hin nach Wonthaggi, wo ich bei einer Bergarbeiterfamilie unterkam, und am Morgen weiter bis Bairnsdale am Tasmansee und von dort in einem Plymouth, den ein raubeiniger Unternehmer fuhr, der sich Jack nennen ließ und eine Mary als Begleiterin hatte, die irgendwie verzweifelt wirkte. Die beiden brachten mich bis Batemans Bay am Pazifik, von wo es, gemessen an australischen Entfernungen, nicht mehr weit bis Sydney war. Dort fand ich mich auf einer großen Wiese mit schattigen Eukalyptusbäumen ein, und schon von fern schallte mir der Song If I had a hammer entgegen, und ja, es war ein Fest der Jugend, mit Losungen und Fahnen, und ob ich in den Nächten zwischen Freitag und Montag mehr als insgesamt zehn Stunden schlief, ist fraglich. Drei verwegene Typen brachten mich in einem klapprigen Ford zurück nach Melbourne, was fünf Tage dauerte, wegen der Pannen, aber auch der trampenden Mädchen wegen, mit denen die drei den Ford überfrachteten … In unseren Köpfen war Pete Seeger mit dabei und die Lieder, die er zum Banjo und zur Gitarre sang. Jahre später, im fünfundfünfziger Jahr, auf der Neptunia, die uns von Sydney nach Genua brachte, war das wieder so, denn einer in der Gruppe besaß ein songbook mit Peters Liedern. Er konnte Noten lesen und sang los, und wir sangen mit, übten uns in Pete-Seeger-Songs, bis wir glaubten, bei den Weltfestspielen in Warschau (1955, d. Red.) bestehen zu können – Where have all the flowers gone … Zwei Mal erlebte ich den Sänger später im Berliner Osten, hörte ihn live – diese Kraft in der Stimme, die Überzeugungskraft, und wie er virtuos Gitarre und Banjo zum Klingen brachte. Turn, turn, turn … Jahre später im Central Park, New York, bei einer Rally for Peace, da war die Menge um Pete Seeger so dicht, meine Entfernung zu ihm so weit, ich sah ihn wie durch ein umgekehrtes Fernrohr, hoch und schlank und hager hinterm Mikrophon. Doch über die Lautsprecher hörte ich ihn gut – das Lied vom Hammer und das von den Blumen, und Turn, turn, turn. Das war das dritte und letzte Mal, dass ich ihn live erlebte, aber im übertragenen Sinn war er noch oft zugegen – nach dem Mord an Martin Luther King am 4. April des Jahres 1968 beim Poor Peoples March von Memphis, Tennessee bis Washington D. C., dort schallten seine Lieder durch die Lautsprecher über die Köpfe der Menge weg bis hin zum Weißen Haus. Joan Baez sang und Phil Ochs, und bis heute habe ich Joans helle glasklare Stimme im Ohr und Phil Ochs’ stählerne zur Gitarre.

Und wo noch war Pete Seeger dabei? In San Franciscos Berkeley, als Studenten zu Tausenden gegen den Vietnamkrieg auf die Straße gingen, auch Judy Bates, die junge Hebamme, die mir viel bedeutete damals, und die mir für meine noch kleine Tochter Deborah ein Cookie Monster mit auf den Weg nach Berlin gab, eine blaue Handpuppe mit riesigem Mund – Judy Bates, die wir dann, vom Polizeiknüppel blutig geschlagen, zur Klinik in Fremont bringen mussten

Und auch in Los Angeles nach Angela Davis’ Freispruch war Pete Seeger im Geiste zugegen, und später im Madison Square Garden New York, da wurde ihr Sieg gefeiert, und auch in Montevideo damals, wo Delia Murillo und ich an der Kundgebung der Künstler für Kuba teilnahmen und uns das Lied Guantamera noch in den Ohren klang, als wir im Strom der Demonstranten durch Pueblo Victoria zogen und am Ende vor einer Wolke beißendem Tränengas in eine Seitengasse geflohen waren, wo wir in einem Hauseingang Schutz suchten …

Mit Blick ins Tal über den Hudson River lebt -Pete Seeger heute in Beacon, einem kleinen Ort knapp zwei Stunden nördlich von New York City, in einem Blockhaus, das er sich selbst gebaut hat. Im hohen Alter von über neunzig darf er sagen: »Ich habe von meiner Musik gelebt. Ich bin für die Menschen aufgetreten, die mit mir singen wollten. Was kann man sich mehr wünschen?«

Nicht nur für Anfänger

geschrieben von Kurt Pätzold

10. März 2014

Gerd Fesser sorgt für wichtiges Basiswissen

Die Forschungen über den Krieg der Jahre von 1914 bis 1918 haben an Tiefgang und Breite in den beiden letzten Jahrzehnten dermaßen zugenommen, dass es nicht verwundert, wenn dickleibige Bücher erscheinen, deren Autoren dieses Wissen mit dem Blick auf den 100. Jahrestag zusammenzufassen suchen. Auch dann noch muss manches arg komprimiert und anderes weggelassen werden. Denn die Forschungen erstrecken sich inzwischen auf den lange vernachlässigten Kriegsalltag an den Fronten und in der Heimat, auf das kulturelle Geschehen im Kriege und die Rolle von Wissenschaftlern, Schriftstellern und Künstlern, der Kirchen und Pastoren, ja sie reichen selbst zu den Tieren, Pferden und deren Verwandten zumal, die im Ersten Weltkrieg massenhaft mobilisiert, geschunden, unterernährt wie die Menschen und gleich diesen von Granaten zerfetzt wurden.

Gerd Fesser, Deutschland und der Erste Weltkrieg, Papy Rossa Köln 2014,123 S. (Reihe Basiswissen), 9,90 EUR

Gerd Fesser, Deutschland und der Erste Weltkrieg, Papy Rossa Köln 2014,123 S. (Reihe Basiswissen), 9,90 EUR

Wenn sich jemand angesichts dieses Befundes von einem Verlag bewegen lässt, in einer rasch an Zahl zunehmenden Reihe, die sich Basiswissen nennt, einen Überblick über diesen Krieg zu schreiben und wenn ihm das dann auch noch gelingt, lautet das erste an den Verfasser gerichtete Wort: Chapeau! Mädchen und Jungen höherer Schulklassen, aber auch Studenten, die sich im Jahr, in dem des Kriegsbeginns vor einem Jahrhundert gedacht wird, mit Sicherheit vermehrt diesem Geschehen werden zuwenden müssen, könnten ihm das vor allem danken. Insbesondere womöglich jene, die sich mit ihren Lehrern vorbereiten, eine Reise an Orte anzutreten, in oder bei denen die Schlachten in Frankreich und Belgien tobten und an die riesige Friedhofsfelder erinnern. Denn es macht einen Unterschied, ob über dieses Massenmorden in einem Schulraum in Brandenburg oder Oldenburg gesprochen wird oder am Rande des Gräberfeldes von Verdun oder vor jenem Denkmal, das Käthe Kollwitz für den deutschen Soldatenfriedhof in Belgien schuf, auf dem auch der Leichnam ihres Sohnes bestattet wurde.

Gerd Fesser hat seine Darstellung in 23 Abschnitte gegliedert. Der längste befasst sich mit der Rivalität der imperialistischen Großmächte am Vorabend des Krieges. In mehreren wird der Kriegsverlauf an den Fronten geschildert. Präzise und nahezu lexikalisch werden die einander dicht folgenden Ereignisse aufgezählt. Zusammenhänge gehen darüber weder verloren noch werden sie vereinfacht. Befolgt wird der Grundsatz, den Tucholsky guten Rednern empfahl: Hauptsätze! Hauptsätze! Andere Abschnitte gelten der Kriegszieldebatte, der Kriegswirtschaft, dem Kriegsalltag. Gedrängt und aufschlussreich auch am Ende die nahezu fünf Seiten füllenden Literaturhinweise.

Gibt es an diesem kleinen Werk gar nichts auszusetzen? Im abschließenden Abschnitt ist von der Geschichte der Historiographie die Rede. Das führt unvermeidlich zur aktuellen Debatte um die Thesen, die in dem in Deutschland 2013 zum Bestseller hochjubelten Buch von Christopher Clark vertreten werden. Die letzte Seite ist dem zugewandt. Fesser überlässt die Parteinahme seinen Lesern. Denen sei die noch immer solideste Kritik am Konstrukt von der gleichen Schuld aller Staaten empfohlen, die des Autors »Zeit«-Kollege Volker Ulrich schrieb.

Vor der letzten Reise

geschrieben von Ernst Antoni

10. März 2014

Dokumentation eines ergreifenden Briefwechsels

 

»›Es ist nur vorübergehend‹, pflegten Papa und Mutti zu sagen, ›und die Dinge werden sich sicherlich bald wieder bessern‹. (…) Aber es wurde nicht besser.«, schreibt der Sohn Alfred Koppel im Rückblick. »Bald darauf begannen sie, über die Auswanderung aus Deutschland zu sprechen.«

Der Familienvater kann diese schließlich in die Wege leiten. 1940 kommt Carl Koppel in den USA an und macht sich daran, Frau und Kinder nachzuholen. Es geht um Formulare und Einreisepapiere, zwei Söhne, Alfred und Walter, die zu dieser Zeit bei Verwandten in Berlin untergebracht sind, können als erste nachkommen. In München versucht währenddessen die Mutter, für sich und die vier weiteren Kinder die Ausreise zu organisieren. Es beginnt ein Kampf gegen den Repressionsapparat des NS-Regimes und gegen bürokratische Hürden, die nicht nur von diesem, sondern auch vom ersehnten Einwanderungsland aufgebaut werden. Carla Koppel korrespondiert darüber ausführlich mit ihrem Mann im US-Exil, mit Freunden, Bekannten und Behörden. Anfangs noch recht zuversichtlich.

Ilse Macek, Friedbert Mühldorfer (Hrsg.), Alfred Koppel, »Dies ist mein letzter Brief…«. Eine Münchner Familie vor der Deportation im November 1941., Volk Verlag München, 288 S., 19,90 Euro

Ilse Macek, Friedbert Mühldorfer (Hrsg.), Alfred Koppel, »Dies ist mein letzter Brief…«. Eine Münchner Familie vor der Deportation im November 1941., Volk Verlag München, 288 S., 19,90 Euro

Aber schließlich heißt es am 10. November 1941: »Dies ist mein letzter Brief, den ich Euch hier schreiben kann, da wir alle morgen verreisen.« Die »Reise« ging in die Festungsstadt Kaunas, einer der Orte in Litauen, an denen unter deutschem Befehl stehende Mordkommandos weit über hunderttausend Jüdinnen und Juden ermordeten. Carla Koppel und die vier Kinder wurden wie alle Juden aus München, die mit ihnen auf diesen Transport geschickt worden waren, am 25. November 1941 erschossen.

»1995, 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges,« schreibt Sohn Alfred, »beschloss ich, mich an die Erforschung meiner in Deutschland zurückgelassenen Familie zu machen.(…). Ein halbes Jahrhundert hatte ich die Erinnerung an meine Angehörigen, meine Eltern und deren Kinder verdrängt. Ich hatte vermieden, ihre Fotos anzusehen, aber gleichzeitig darüber nachgedacht, wie ein warmherziges Familienleben hätte aussehen können. Ich machte mir nicht klar, welches Ausmaß an Emotionen und Seelenqualen ich auf dem Weg tief hinein in das Leben meiner Mutter, meiner zwei Brüder und meiner zwei Schwestern durchmachen würde.«

Alfred Koppel war bereits 70 Jahre alt, als er »die mit Briefen aus Deutschland gefüllte Schuhschachtel« aus dem Schrank nahm. »Zögerlich«, schreibt er, habe er diese hervorgeholt, »mit den vielen über so lange Zeit versteckt aufbewahrten Briefen«. »Einige waren von meiner Tante und den Onkeln. Einige von fremden Leuten. Aber die meisten von meiner Mutter aus München an meinen Vater in Brooklyn, New York.«

Aus Alfred Koppels Recherchen, die er daraufhin aufnahm, entstand ein Buch, das 2010 in den USA erschienen ist: »My Heroic Mother. Voices from the Holocaust«. Auszüge aus den Briefwechseln der Eltern, dazwischen geschnitten Stationen seines eigenen Lebensweges, die Familiengeschichte, historische Einordnungen und Reflexionen und die ausführliche Dokumentation seiner Spurensuche.

Am 27. Januar 2013 ist Alfred Koppel, 87 Jahre alt, in Fort Collins, USA, verstorben. Fünf Tage vor ihm starb in München Werner Grube im 83. Lebensjahr. Obgleich sich die Lebens(und Verfolgungs-)wege der Familien Koppel und Grube zeitweise überschnitten hatten, lernten die beiden sich erst 1996 kennen. Im Zuge von Koppels Spurensuche in München. Der Theresienstadt-Überlebende Werner Grube war es dann, der nach dem Erscheinen der US-Ausgabe den Autor davon überzeugte, dass es unbedingt auch eine deutsche Edition geben müsse und der nach dessen Zustimmung viele Hebel in Bewegung setzte, um dies in die Wege zu leiten.

»Dies ist mein letzter Brief…«. Das Zitat von Carla Koppel gibt diesem Werk nun den Titel. »Die Briefe«, schreiben die Herausgeber der deutschen Ausgabe, Ilse Macek und Friedbert Mühldorfer, in ihrem Vorwort, »werden nach den Originalen wiedergegeben. Auf Kürzungen, wie sie Alfred Koppel vorgenommen hatte, wird verzichtet, um den dokumentarischen Charakter zu erhöhen. Die Briefe von Carla Koppel zählen zu den seltenen persönlichen Schriftzeugnissen aus der Zeit unmittelbar vor den Deportationen aus München, die von Opfern erhalten geblieben sind.«

Es ist jener »dokumentarische Charakter« in Text, Bild und wissenschaftlichem Anhang, der dieser Edition neben den ergreifenden Briefen, in denen ja vieles nur zwischen den Zeilen geäußert werden konnte und die dennoch so viel über das alltägliche Elend berichten, eine über die »Zeitzeugenschaft« hinausgehende Bedeutung verleiht. Das reicht bis ins ausführliche Register, das dem Buch durch die Herausgeber beigegeben wurde. Ein besonderes Anliegen sei ihnen auch gewesen, schreiben sie im Vorwort, »dem Willen der nationalsozialistischen Mörder, dass nichts an die die Opfer erinnern sollte, Namen und Lebensdaten entgegenzusetzen. In den Briefen fallen viele Namen, oft nur Vornamen von Verwandten, Freunden, Nachbarn, die das Schicksal von Carla Koppel teilen mussten. (…) Personen, die Al Koppel nie kennenlernen konnte, sollten nicht dem Vergessen anheimfallen. Ihnen werden in einem Personenverzeichnis mit biografischen Angaben kleine schriftliche Erinnerungssteine gesetzt.«

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