Bild einer Generation

geschrieben von Alfred Fleischhacker

5. September 2013

Ein erstaunliches Buch ist erstmals auf deutsch erschienen

Jan.-Feb. 2009

Friedrich Alexan

Die Welt der kleinen Leute

Wellhöfer Verlag

Oktober 2008

EUR 12,80

ISBN: 3939540293

Ungewöhnlich ist das Entstehen des Buches. Nicht weniger ungewöhnlich sein Inhalt. Es reflektiert Zeiten und Umstände, die für das 20. Jahrhundert nicht untypisch waren. Nachvollziehbar sind sie am Lebensweg des Autors, eines deutschen Juden und Sozialisten, dessen Vorfahren in Polen lebten.

Der Autor kam 1901 zur Welt und erhielt den Namen Alexander Kupfermann. Im Verlauf eines ständig im Aufbruch befindlichen Lebens wurde aus dem Heranwachsenden, oft den Wohnort, das Aufenthaltsland wechselnden Kupfermann Friedrich Alexan. Zum Schreiben fühlte er sich berufen. Schriftsteller wollte er werden. In einem vermutlich 1949 verfassten Lebenslauf hatte er notiert: eine Trilogie »Zwischen zwei Weltkriegen« zu schreiben. Deren erster Teil ist 1937 tatsächlich in einem Pariser Verlag erschienen. Titel: »Im Schützengraben der Heimat – Geschichte einer Generation«.

Alexan war ein verfolgter Schriftsteller. Um sein Leben zu retten, musste er flüchten. Erst nach Paris, dann nach Palästina, in die Vereinigten Staaten, bis er schließlich Anfang der fünfziger Jahre zurück nach Deutschland in den östlichen der 1949 entstanden zwei Staaten, die DDR, kam.

Es vergingen fasst sieben Jahrzehnte ehe dieses Buch auf deutschem Boden erscheinen konnte. Sein Inhalt reflektiert ziemlich genau den Alltag in Mannheim, dort, wo das Geschehen angesiedelt ist und der Autor auch lebte, bis er Anfang der dreißiger Jahre, noch ehe die Regierungsgewalt an Hitler übergeben wurde, die Heimatstadt verlassen hatte. Der Verleger Ulrich Wellhöfer und ein Pädagoge der Stadt Mannheim haben dieses Buch nicht nur neu entdeckt, sondern auch als einen wertvollen Beitrag zur Geschichte Mannheims beschrieben.

Es ist in drei Kapitel gegliedert. Das erste mit der Überschrift »Der Spieß« gibt Einblicke in den Alltag einer Schule zwischen 1914 bis 1916. Geschildert wird ein »Pädagoge« der viel besser auf einen Kasernenhof gehört hätte. Sein Credo gegenüber den Schülern: Absoluter Gehorsam. Wird der auch nur angezweifelt, setzt es Prügel. Die werden ohne Gefühlsregung verabreicht. Wichtigstes Hilfsmittel des Lehrers, die Schüler zu willenlosen Subjekten zu degradieren: eine blitzende Pfeife.

Die Hauptperson im dritten Kapitel ist ein von der Pubertät geplagter junger Mann, der von sexuellen Bedürfnissen getrieben, voll innerer Hemmungen und auch Ängsten, ein Bordell aufsucht. Dort eine der Frauen anspricht und in ihr eine verständnisvolle, fast mütterliche Beschützerin findet. Als stiller Beobachter registriert er sorgsam die Gespräche der Bordellkunden, Dauergäste, aber auch zahlreiche Soldaten aus den Schützengräben auf Heimaturlaub während des 1. Weltkrieges. So entsteht für den Leser des Buches ein Bild von den Sehnsüchten und Hoffnungen der kleinen Leute im dritten Kriegsjahr. Sie leiden unter ständig wachsenden Entbehrungen und die Zahl der Gefallenen wird immer größer.

Über die Qualität des Buches möchte ich an dieser Stelle einen Schriftsteller zu Wort kommen lassen, dessen Urteil mit Sicherheit gewichtiger ist als meines. Die Rede ist von Oskar Maria Graf.

Der hatte im Juli 1939 in einem Brief an Mr. Friedland als deutscher Emigrant in den USA geschrieben: »Es wäre nicht zu viel zu sagen, wenn ich behaupte, dass dieses Buch des leider zu wenig bekannten jungen Autors zu den stärksten und eindringlichsten Arbeiten des freien deutschen Schrifttums gehört. Alexan hat es – was bei einem so jungen erst beginnenden Autor besonders ins Gewicht fällt – verstanden, durch die Aufzeichnung vieler Einzelschicksale gleichsam ein gültiges Gesamtbild einer Generation, nämlich der deutschen Kriegsgeneration von der Heimat zu geben. Vieles, was heute in Deutschland traurige und verständliche Wirklichkeit geworden ist, findet durch Alexans Buch eine ursächliche Erklärung.«

Irene Runge, die Tochter des Autors Friedrich Alexan, der im Januar 1994 in Dornum verstarb, schreibt: »Mir bleibt zu hoffen, dass die Leserinnen und Leser sich wie ich von diesem zeitgeschichtlich wahrhaft verblüffenden Dokument gefangen nehmen lassen. Wir wissen eher wenig von jener Zeit, von den Lebensumständen außerhalb des damaligen Schützengrabens, vom Alltag der kleinen Leute, vom sozialen Unglück und dem Unrecht in einem Bordell. Wie gut, dass mein Vater das alles in seiner Jugend recherchiert und aufgeschrieben hat! Ich muss dennoch gestehen, dass mir der Ort seiner Handlung als Maß für seine Kapitalismuskritik sehr ungewöhnlich erscheint. Aber genau das macht das Buch so spannend.«

Was heißt hier trivial?

geschrieben von Diether Dehm

5. September 2013

Zum Gedenken an den Antifaschisten Johannes Mario Simmel

Jan.-Feb. 2009

Die politische Linke mag keine Bestsellerautoren. Aber auch mit dieser Pauschalierung klebt sie auf herrschendem Leim. Vorverurteilungen von Kleinbürgertum und Bestsellerei sind aus gleichem Holz. So giftete der Kleinbürger Brecht vergnüglich gegen die kleinbürgerlichen »Tuis« als vom Kapital pachtbare Verklärer und fügte in sein Werk selbst imprägnierend proletarische Standpunkte nebst Publikumsmobilisierung ein. Der Antikapitalismus des Kleinbürgers Thomas Mann war eher mit Georg Lukacs heraus zu tüfteln. Auch antifaschistische Massenwirkung kam vorwiegend aus dem Kleinbürgertum.

Dieser bürgerlichen Fahnenflucht in den Antikapitalismus musste nach dem Krieg ein besonderer Zaun entgegengestellt werden. Wer die Hauptlügen der Markwirtschaft unangetastet lässt, gilt bis heute als populär. Wer Antikapitalismus verbreitet, als »trivial und »populistisch«. Mit den 68ern teilten sich dann die journalistischen Wachmannschaften. Die Wenigsten um »Handelsblatt« und FDP priesen offen den monopolbourgeoisen Staat. Die Mehrheit wurde zu Kopfgeldjägern. Auf jene, die den Kapitalismus verrieten. Das Kleinbürgertum in Deutschland musste weiterhin als Schild & Schwert-Träger vor die ideologischen Hauptlasten des Monopolkapitals gespannt bleiben. Und die Linksabweichler mussten wieder in die zahnlose Herde zurückgestoßen werden.

»Bild« übernahm den Job der frühen SA (als da noch Hans Habe schrieb): gegeneinander aufschäumender Neid der Schichten bei gleichzeitiger Kriminalisierung von Klassenkämpfern. Und seit Altnazi Nollau vom Verfassungsschutz zum Ende der Augstein-Krise seinen Deal mit »Zeit« und »Spiegel« gemacht und diese zum legalen Arm der Öffentlichkeitsarbeit erhoben hatte, (man darf sich das wie die IRA bei der Sinn Fein-Partei vorstellen), weiß nun mit jeder »Spiegel«-Ausgabe jeder linksliberal getünchte Strichjunge bei Frankfurter Rundschau, Süddeutscher und Berliner Zeitung, welchen Antifaschisten er ins Visier zu nehmen hat. Der Antikommunismus der Spontis wurde dort zum Imperativ: möglichst rebellisches Styling bei gleichzeitig militanter Allergie gegen Eigentumsdemokratie-Forderungen.

Aber genau dagegen schrieb Simmel weiter an, mit den kindlichen Scheuklappen eines »frühreifen Begabten« (Gaus): gegen »die multinationalen Konzerne, die so viel Unglück über die Menschen bringen«. Demonstrativ trat er aus der Kirche aus, »weil die Waffen gesegnet hatte«. Und welchen Blutzoll hatte seine Familie den Nazis zu entrichten! Zunächst noch war er geschützt, als landesweit bestbezahlter Reporter der »Quick«, als Drehbuchautor von 36 Spielfilmen.

Dann jedoch geiferte der pawlowsche Feuilleton-Reflex ereifernd: »peinlich und links«. Das Totschlagswort »Kitsch«, das es nur im Deutschen gibt, wurde hierzulande stets gegen Wirkungsvolle instrumentalisiert, die antikapitalistischen Handlungsaufruf nicht aussparen: ob gegen Brecht, Hacks, Busch, Degenhardt, Hochhuth usw. Oder gegen Simmel. Aber in der Deckung seines Publikums und der 70 Millionen verkauften Bücher trafen ihn die Wortgranaten kaum. Dagegen konnte dann nur der Kriegshetzer Konsalik helfen.

In einem Gespräch 1996 mit Günter Gaus bewies er Unbeirrtheit. »Die größten Geister waren Kommunisten geworden… Viele sind meine Vorbilder… Ja, ich hoffe auf den Sozialismus … auf ein Konglomerat so vieler zertretener Träume.« Er schrieb gegen Euthanasie, gegen das Adenauer-Deutschland und seine Wiederbewaffnung und überall gegen »die Nazis, die leider doch nicht verschwunden sind«. Für die Feier zum 50. Jahrestag der Gründung der VVN bei uns in Frankfurt am Main sagte Simmel – wie er mir nebenbei erzählte- eine Lesung für ein paar tausend Mark ab. Die FAZ sprach vom »Trivialautoren«.

Vor wenigen Monaten erzählte er mir, dass er anfänglich gemeint hatte, ohne Sex & Crime könne »die ausführliche Beschreibung der herrschenden Verbrecher kein Mensch aushalten« und wie froh er später wurde, »bei seinen letzten Romanen dann keinerlei deftige Bettszenen mehr nötig gehabt zu haben, um hohe Aufklärung in hohen Auflagen zu bringen. Damit mehr Menschen mehr denken und weniger glauben.«

Für meine Brüder

geschrieben von Markus Tervooren

5. September 2013

Kino-Epos über die jüdischen Bielski-Partisanen in
Weißrussland 1941-1944

Jan.-Feb. 2009

Defiance

Regie: Edward Zwick

Kinostart 05.03.2009

USA 2008

Die Geschichte, die der Film erzählt, beruht auf wahren Begebenheiten, ihre Helden haben wirklich gelebt. Mit Daniel Craig – Mein Name ist Bond, James Bond – als Hauptdarsteller ist es gelungen, diesem filmischen Hohelied auf den Widerstand gegen die Nazis breite mediale Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Der Titel »Defiance« ist ein Wort, das das Deutsche nicht kennt. Das Wörterbuch umschreibt es mit Trotz, offener Ungehorsam, tollkühner Widerstand. Der Film liefert uns die Übersetzung. Das passiert in einem durchaus konventionellen, schön fotografierten Abenteuer- und Actionfilm, von Edward Zwick (Der Letzte Samurai, Blood Diamond). Mit tollen Schauspielern und packenden Actionszenen wird er seinem Anliegen, ein noch weitgehend unbekanntes Kapitel bewaffnetem antifaschistischen Widerstandes und jüdischer Selbstbehauptung inmitten des Grauens der Shoa einem breiten Kinopublikum näher zubringen, durchaus gerecht.

1941 in Weißrussland, die Wehrmacht ist auf dem Vormarsch auf die Sowjetunion, die osteuropäischen Juden werden, mit Unterstützung von weißrussischen Kollaborateuren, zu Hundertausenden ermordet. Aber die weißrussischen Wälder werden auch zum Operationsgebiet zahlreicher sowjetischer, polnischer und weißrussischer Partisaneneinheiten.

Die Bielski-Brüder Tuvia (Daniel Craig), Zus (Liev Schreiber), Asael (Jamie Bell), und Aron (George MacKay), aus dem Dorf Stankiewicze bei Nowogródek, verstecken sich in den Wäldern, nachdem die Deutschen zusammen mit der örtlichen Polizei ihre Familie ermordet haben. Längst hat sich der Nalibocka-Wald zur Zuflucht für zahlreiche Juden und Jüdinnen entwickelt. Die Brüder werden rasch zu den Anführern einer jüdischem Partisanengruppe. Ihr Hauptanliegen ist die Rettung weiterer Juden. Schnell hat sich ihr Ruf als tollkühne Rächer herumgesprochen. Tuvia und seine Brüder gehen auch ins Ghetto von Nowogróde, bewegen viele dort Zusammengepferchte zur Flucht, um sich ihrer Gruppe anzuschließen. Diese hat sich als »Bielski-Brigade« längst einen Ruf unter den anderen Partisanen und auch bei den verhassten Deutschen erworben. So entsteht in den Wäldern eine jüdische Gemeinschaft, die bis 1944 auf 1200 Menschen anwächst, das »Jerusalem in den Wäldern«. Die meisten ihrer Mitglieder überlebten den Holocaust.

Wie dies möglich war, mit allen scheinbar unüberwindlichen Widersprüchen ist das eigentliche Thema dieses Films. Wie ist es möglich, als Partisanen gegen die Deutschen zu kämpfen und gleichzeitig Hunderte Menschen am Leben zu erhalten, die nach militärischer Logik lediglich Ballast darstellten. Woher und wie kann das Lebensnotwendige beschafft werden, wie behauptet man sich als Juden, gegen den allgegenwärtigen Antisemitismus in der Bevölkerung, aber auch bei anderen Partisanengruppen? Verkörpert wird dieses Dilemma durch die beiden gegensätzlichen Bielskie-Brüder und Konkurrenten, Tuvia und Zus. Kaum finden die ersten Flüchtlinge zu den Partisanen fragt Zus, wie man diese denn im Wald ernähren und gleichzeitig kämpfen solle. Tuvia antwortet ihm: »Ich will retten und nicht nur töten«. So sieht man in der Folge Tuvia als charismatischen Organisator, oft umstrittenen Führer des Partisanenlagers und schlagkräftigen Beschützer seiner Gemeinschaft, der zur Waffe vor allem zur Verteidigung greift. Zus hingegen ist der tollkühnen Rächer und Partisanenkämpfer, der zusammen mit sowjetischen Partisanen Kollaborateure bestraft, deutsche Posten überfällt und Militärtransporte angreift.

Gleichzeitig erfahren wir einiges über die Probleme einer Gemeinschaft, die durch brutale antisemitische Verfolgung und individuellen Überlebenswillen zustande gekommen ist und Solidarität erst lernen muss. Das »Schtetl Bielsk« will und muss eine Gemeinschaft der Gleichen sein, doch auch hier gibt es Neid, Hass, Ungleichheit und Frauenfeindlichkeit, droht immer wieder das Recht des Stärkeren einzubrechen. Das erzählt der Film in kleinen persönliche Geschichten von Liebe und Hass, jugendlichem Erwachen, Neubeginn und Emanzipation. Und gerade hier bricht auch immer wieder die Parallelität von Selbstbehauptung und Widerstand, von Verfolgung und Vernichtung in die abgelegene Gemeinschaft ein. Nachrichten von draußen sind immer auch Nachrichten vom Tod der Angehörigen und Freunde, jeder Hoffnung folgt die tiefste Verzweiflung.

Schwach ist der Film an den Stellen, wo sich Tuvia alias Daniel Craig als Anführer in programmatische Ansprachen an die jüdischen Brüder und Schwestern wendet und der Film sich nicht auf die Geschichte(n), die er erzählt, verlässt. Sein kleinerer Bruder Asael hingegen bringt die Dinge auf den Punkt, wenn er beim Schießtraining kurz bemerkt: Das Gewehr, Juden, ist nicht einfach eine Waffe, es ist die Schleuder, mit der David Goliath tötet.

Der Film räumt gründlich mit dem immer noch weit verbreiteten Vorurteil auf, Juden hätten sich »wie Lämmer zur Schlachtbank« führen lassen. »Defiance« kommt in Deutschland am 5. März in die Kinos. Reingehen!

Ambivalente Anonyma

geschrieben von Rahel Fink

5. September 2013

Zwischen historischen Klischees und bitteren Wahrheiten

Jan.-Feb. 2009

Anonyma – Eine Frau in Berlin

Deutschland 2008

Regie: Max Färberböck

Darsteller: Sandra Hüller, August Diehl, Juliane Köhler, Nina Hoss, Rolf Kanies, Irm Hermann

Zu Beginn des Films geht mir nur ein Gedanke durch den Kopf: »Oh nein, also doch das Klischee, die Russen kommen nach Berlin und fallen über die Frauen her!«. Zum Glück hält dieser Eindruck nicht den ganzen Film hindurch. Aber ambivalent bleibt mein Gefühl bis jetzt. Wie soll ich diesen Film beschreiben? Was will er sagen? Finde ich ihn sehenswert und kann ich ihn empfehlen? Ich finde keine Antwort, alle Gedanken in meinem Kopf bleiben widersprüchlich.

Er beginnt mit einem Fest. Wunderschön gekleidete deutsche Frauen, die das Schönheitsideal der 40er Jahre verkörpern. Sie stoßen mit Champagner an und halten kurz inne, um an ihre Männer an der Ostfront zu denken. Leider können diese den herrlichen Moment nicht miterleben, aber wer weiß – noch hofft man auf den Endsieg.

Die Hauptperson des Filmes, eine schöne kühle Frau, die auch im Chaos der letzten Tage des Krieges und den ersten im Frieden, alles im Griff zu haben scheint, ist Journalistin und beherrscht mehrere Sprachen. Sogar Russisch. Damit bekommt sie nach dem Einmarsch der roten Armee eine besondere Funktion. Sie wird Dolmetscherin, Vermittlerin und Organisatorin.

Die Rahmenhandlung des Films ist ihr Tagebuch, sie schreibt es für ihren Freund, der noch an der Front ist. Sie schreibt es scheinbar unbeteiligt, wie eine Reportage. Doch die politischen Ereignisse, das Ende des Krieges und die deutsche Kapitulation spielen keine Rolle. Den Neuanfang unter russischer Besatzung beschreibt sie nur unter dem Blickwinkel der bitteren Erfahrung ihrer Vergewaltigungen.

In der für mich eindrücklichsten Szene erzählt ein russischer Soldat unter Tränen von der Vernichtung seines Dorfes durch deutsche Soldaten. Die Journalistin wird als Dolmetscherin herangeholt. Sie hört dem Soldaten zu, aber übersetzt nur zögerlich. Der Soldat forderte sie energisch auf zu übersetzten. Sie tut es und schluckt schwer dabei. Er beschreibt, wie die deutschen Soldaten in sein russisches Dorf einfielen, die Einwohner quälten, vergewaltigten, umbrachten und weiterzogen. Die Dolmetscherin macht ihre Zweifel an seiner Beschreibung mit zwei Worten deutlich »nur gehört?« oder »selber gesehen?« Der Soldat antwortet: »gesehen!«

Die Kapitulation wird von den russischen Soldaten groß gefeiert. Gemeinsam mit den deutschen Frauen wird Essen vorbereitet, getafelt und getanzt. Wie kann das sein? Für die Deutschen brach doch jede Illusion zusammen. Ist die Freude und die Lust am Feiern stärker als alles andere?

Im Laufe des Films kehren zwei Männer aus dem Krieg zurück. Ein Ehemann, der schweigend versucht, wieder ganz normal bei seiner Familie zu leben. Es aber doch nicht schafft und sich in der Nacht nach der Kapitulationsfeier das Leben nimmt.

Auch der Freund der Journalistin kehrt zurück. Er regt sich auf, weil er sein Atelier nicht vorfindet, wie er es verlassen hat. Sie gibt ihm das Tagebuch, er liest es kommentarlos und verschwindet ohne Abschied.

Keine der handelnden Deutschen hat das Kriegsende als Befreiung erlebt. Der Film bedient doch wieder nur das alte Klischee der vergewaltigenden, feiernden, saufenden und tanzenden russischen Soldaten.

Eine Freundin fragte mich, ob ich mir erklären könne, warum der Film wohl »Anonyma« heißt? Warum will diese Frau anonym bleiben, wovor hat sie Angst? Ich habe keine schlüssige Antwort. Vielleicht sollen Klischees geschichtliche Ereignisse anonymisieren? Die bittereren Schilderungen des russischen Soldaten werden bezweifelt, aber deutsche Frauen sind die namenlosen Opfer der Befreiung…

Der aufrechte Gang

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Zur Ausstellung »Guido Zingerl. Regensburger Welttheater«

Jan.-Feb. 2009

Die Ausstellung »Guido Zingerl. Regensburger Welttheater« ist noch bis zum 1. März 2009 in Städtischen Galerie »Leerer Beutel«, Regensburg, Bertoldstr. 9 zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag mit Sonntag, 10 bis 16 Uhr. Am Dienstag, 24. 2. 2009 (Faschingsdienstag) ist die Galerie geschlossen.

Das zur Ausstellung erschienene Begleitbuch »Guido Zingerl. Regensburger Welttheater«, (126 S., zahlreiche vierfarbige und sw-Abbildungen) ist für 19,50 Euro + Versandkosten zu erhalten über »Museen der Stadt Regensburg«, Postfach 11 06 43, 93019 Regensburg, e-mail: museen_der_stadt@regensburg.de

Deutsche Gartenzwerg-Michel wie das treuherzig dreinschauende Wesen mit der sauberen Schürze und dem tropfenden Beil gibt es im Karikaturenwerk des Künstlers Guido Zingerl öfter. Auf einer Zeichnung für eine Postkartenserie der VVN-BdA aus den 90er-Jahren sitzt so einer (da ohne Zipfelmütze) im Fernsehsessel. Am Bildschirm ein Jet mit Balkenkreuz-Flügeln beim Bombenabwurf. Begeisterter WM-Jubel vom Zuschauer-Michel: »Deutschland, Deutschland«.

Als Bildsatiriker ist Zingerl ein Meister der Eindeutigkeit. »Geschmacklos« und »Klischees« lauteten nicht selten Reaktionen auf seine Zeichnungen – die moderateren. Vor Jahrzehnten schon hat Zingerl solche Kritik an (nicht nur) seiner Kunst mit einer heute wieder recht aktuellen Karikatur bedacht: Der Künstler steht neben seiner Staffelei, davor ein Banker mit Melone auf dem Kopf, Vampirzahn und Geldsack. Das Bild auf der Staffelei zeigt das Konterfei eines Bankers mit Melone, Vampirzahn, Geldsack. »Die Ähnlichkeit«, sagt der Banker zum Künstler, »war bei den Abstrakten doch besser!«

Bildsatiren, Karikaturen, Comics: Auch davon ist ein bisschen zu sehen in der großen Werkschau von Bildern Guido Zingerls, die seit November 2008 in Regensburg im historischen Gebäude »Leerer Beutel« gezeigt wird. In erster Linie aber sind es die in knapp fünf Jahrzehnten entstandenen Einzelgemälde und Bilderzyklen des heute im oberbayerischen Fürstenfeldbruck lebenden Malers und Grafikers, die unter dem Titel »Regensburger Welttheater« versammelt wurden.

Es gibt mancherlei Komisches, Satirisches, dominierend aber ist in den sehr oft quadratischen Bildformaten mit den leuchtenden Acrylfarben (mit viel Schwarz dazwischen) eine Sicht, die uns hineinzieht in ein doch recht Furcht erregendes Gewimmel und Gewirr von menschlichen Figuren, technischen Gerätschaften, Verdrahtungen und Schlauchverbindungen. Nach wie vor meist gut zu erkennen, aber gar nicht mehr zum Lachen sind die Strippenzieher und die anderen, die an und in den Drähten hängen. Fließende Übergänge und Funktionswechsel inbegriffen.

Das Bild »Der aufrechte Gang« (entstanden 1982, siehe die Titelseite dieser antifa), steht als bedeutsame Station im Werk des Künstlers für die von ihm bis heute immer wieder aufgenommene bildnerische Auseinandersetzung mit unserer jüngeren Geschichte, mit Faschismus, Verfolgung und Widerstand, Tätern und Opfern. Ein heroisches Bild ohne Siegerpose, ein Held, der sich noch im Tode hinaushebt über die Mörder und die Vollstrecker und über deren Befehlsgeber im Bildhintergrund.

Zu den Gemälden und Zeichnungen, die Zingerl diesem Thema widmete und widmet und deren viele in der aktuellen Ausstellung zu sehen sind, gehören die Hommage aus dem Jahr 2006 für den jüdischen Schriftsteller und NS-Verfolgten Edgar Hilsenrath (dem Verfasser der Romane »Nacht« und »Der Nazi und der Frisör«), viele »heimatgeschichtliche« Allegorien und nicht wenige der literarischen Interpretationen, Adaptionen und Illustrationen des Künstlers. Auch »Auftragswerke« gehören dazu, die in der Ausstellung nicht zu sehen sind. Für die VVN-BdA etwa Porträt-Würdigungen antifaschistisch Widerständiger wie Centa Herker-Beimler oder Alfred Hausser zu damaligen »runden« Geburtstagen.

Das Zingerl’sche »Welttheater« hat in Regensburg, der Geburtsstadt des Künstlers, einst seinen Ausgang genommen. Der Direktor der Museen der Stadt, Martin Angerer, nennt ihn im Begleitbuch einen »wunderbaren Unangepassten«. Vorne im Buch steht auch das bei der Ausstellungseröffnung von Oberbürgermeister Hans Schaidinger (CSU) gehaltene Grußwort: »Ganz wenigen ist es gelungen, aus der ehemaligen Reichsstadt wegzugehen und doch stets präsent zu bleiben. Einer dieser ganz wenigen ist der Künstler Guido Zingerl, der vor 75 Jahren als Heinrich Scholz in Regensburg geboren wurde. (…) Ohne ihn wäre die Regensburger Kultur um manches ärmer.«

Ausstellungsplakat und Titelbild des Begleitbuches: das Bild »Die Überfahrt II«. Ein Boot im Wirbel des berühmten Regensburger Donaustrudels. Am Ruder der Tod; an Bord bunt gemischtes Volk. Ein Bischof scheint »Huch« zu sagen, der Militär hat vorsorglich die Gasmaske auf, ein Typ mit Melone und ein paar andere haben noch einen Mordsspaß. Auf dem Liebespaar, das in sich selbst versunken scheint, liegt schon ein enthäuteter Leichnam, unter den noch Fröhlichen auf dem Kahn sind andere »begraben«: KZler im gestreiften Gewand, viele Schädel und Gebeine. Eine nicht gerade optimistische Fortsetzung der von der Stadt einst angekauften und für die Ausstellung endlich wieder einmal aus dem Depot befreiten umfangreichen Jahrhunderte übergreifenden Bilderchronik »Aufzeichnungen eines Donauschülers« (1986/87) von Guido Zingerl.

»antifa«Ausgabe Nov.-Dez. 2008

geschrieben von Foto: privat

5. September 2013

Nov.-Dez. 2008

»Soeben sind wir raus aus Deutschland« – erster Kindertransport nach England am 1. Dezember 1938. Die Kinder werden in Holland willkommen geheißen.

Demonstration der Jugendlichen Ohne Grenzen anlässlich des Tags der Kinderrechte und der Innenministerkonferenz

Donnerstag 20.11.2008, Potsdam

Siehe S. 12

Editorial

geschrieben von Regina Girod

5. September 2013

Nov.-Dez. 2008

Vor 70 Jahren, am 9. November 1938, gaben die Faschisten mit der Inszenierung landesweiter Pogrome den Startschuss zu der von ihnen geplanten systematischen Vernichtung der Juden. Der Entrechtung, die schon 1933 begonnen hatte, folgte nun der offene Terror. Neben der Zerstörung von Synagogen, Einrichtungen und Geschäften wurden tausende jüdische Männer in KZs verschleppt. Das Signal war eindeutig: Von nun an ging es nur noch um das nackte Überleben. Doch wohin sich retten? In dieser Situation beschloss die englische Regierung, 10.000 jüdischen Kindern aus Deutschland Asyl zu gewähren. Bereits drei Wochen nach den Novemberpogromen rollte der erste Zug von Berlin nach London. Viele der Kinder waren später die einzigen Überlebenden ihrer Familien. Alfred Fleischhacker, langjähriger Autor der antifa, gehörte zu ihnen. Er berichtet im Gespräch von seinen Erinnerungen.

Gerade diese historischen Erfahrungen sollten die Bundesrepublik Deutschland eigentlich zu einem mustergültigen Asylland machen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die gezielte Abschottung der Festung Europa wird auch hier rigoros betrieben. Opfer dieser Politik sind immer wieder auch Kinder, denen ihre in der UN Kinderrechtskonvention festgeschriebenen Rechte vorenthalten werden. Für die im November in Potsdam stattfindende Konferenz der Innenminister ruft deshalb ein breites Bündnis zu Protesten auf. »Jugendliche Ohne Grenzen« und das Aktionsprogramm »Hiergeblieben« erläutern, worum es konkret geht.

Das »Spezial« dieser Ausgabe widmet sich diesmal einem Thema, das in der Arbeit unseres Verbandes immer eine bedeutende Rolle spielte: Entschädigung. Mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Krieges erinnert sich Dr. Ulrich Rabe an seine Arbeit im OdF-Ausschuss einer sächsischen Kleinstadt. Die Bundessprecher Ulrich Sander und Gerhard Fischer erläutern historische, politische und juristische Aspekte der Entschädigungsproblematik, die auch weiter ein wichtiges Arbeitsfeld der VVN-BdA bleiben wird.

Meldungen

geschrieben von Zusammengestellt von P. C.Walther

5. September 2013

Nov.-Dez. 2008

Das oberste italienische Berufungsgericht hat die Bundesrepublik dazu verurteilt, an die Opfer deutscher Kriegsverbrechen eine Entschädigung zu zahlen. Die Bundesregierung verweigert dies jedoch, weil Zivilklagen unter die Staatenimmunität fallen würden. Dagegen erklärte das italienische Gericht, dass dies bei der Haftung für Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht zutreffe. Die Kläger drohen nunmehr mit der Pfändung deutschen Eigentums in Italien oder anderen Ländern.

Deutlich höher als bisher benannt liegt im ersten Halbjahr 2008 die Zahl rechtsextremer Straftaten. Durch Nachmeldungen hat sich die Zahl um 3.300 auf 10.655 erhöht. Das ergab die Regierungsantwort auf Nachfragen von Petra Pau (Die Linke). Im sächsischern Landtag rief der Neonazi Klaus-Jürgen Menzel zum Waffeneinsatz gegen »Zionisten, Freimaurer und andere Psychopathen« sowie gegen »Rotfront und Antifa« auf. Gegen die würden »nur noch Handgranaten« oder »die Panzerfaust« helfen.

Bei den Kommunalwahlen in Brandenburg steigerten NPD und DVU ihre Stimmenanteile von zusammen 1,5 auf 3,4 Prozent. Sie erreichten den Einzug in 13 von 14 Kreistagen sowie in die Stadtparlamente von Potsdam und Cottbus. In Bayern errangen bei der Landtagswahl Republikaner und NPD zusammen 2,6 gegenüber vorher 2,2 Prozent. Vor fünf Jahren hatten nur die REPs kandidiert.

Ein breites Bündnis von linken bis bürgerlichen Rechtsextremismus-Gegnern trat im September in Köln dem »Antiislamisierungskongress« der rechtsgerichteten Vereinigung »Pro Köln« entgegen. An den Protesten beteiligten sich rund 50.000 Menschen. Der Massenprotest und Sitzblockaden verhinderten eine vorgesehene Kundgebung der Rechtsextremisten. Die Polizei verzichtete auf eine gewaltsame Räumung der Straßen für die Rechtsradikalen, kesselte aber dennoch rund 500 Demonstranten ein und hielt sie bis zum Morgengrauen fest.

Erneut das Verbot der NPD forderten u.a. der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber, Ex-Ministerpräsident Harald Ringstorff, Bundeministerin heidemarie Wieczorek-Zeul und der Sprecher des Innenministeriums von Sachsen-Anhalt, Martin Krems. Er erklärte, das NPD-Verbot sei wichtiger und wirksamer als die Absicht der Schweriner Landesregierung, mit Hilfe einer Kommunalwahlrechtsänderung und Anfragen beim Verfassungsschutz Neonazis von Wahlkandidaturen ausschließen zu wollen.

Heftige Proteste von Nazigegnern führten in Hamburg zur Schließung eines Neonazi-Ladens der Marke »Thor Steinar«. In Berlin und Magdeburg gaben Gerichte den Räumungsklagen gegen »Thor-Steinar«-Läden statt. In Dresden forderten über tausend Demonstranten die Schließung des »Thor Steinar«-Ladens am Ferdinandplatz.

Gegen den Entscheid der Kasseler Staatsanwaltschaft, den Neonazi-Gewalttäter, der in Nordhessen beim Überfall auf ein Zeltlager eine 13-Jährige fast totgeschlagen hat, nur auf »gefährliche Körperverletzung« hin und nicht wegen Mordversuch oder versuchtem Totschlag anzuklagen, haben die Anwälte des Opfers einen entsprechenden Änderungsantrag gestellt. Gegen den Gewalttäter wurden bereits fünf Ermittlungsverfahren immer wieder eingestellt. Das Amtsgericht hat dem Antrag entsprochen und das Verfahren ans Landgericht verwiesen.

Gegen die neofaschistische »Heimattreue Deutsche Jugend« (HDJ) fand eine bundesweite Razzia statt. In den Kinder- und Jugendlagern der HDJ findet neben nazistischer Indoktrination auch paramilitärische Ausbildung statt.

NPD-Anwalt Jürgen Rieger setzt seine scheinbaren oder tatsächlichen Immobilienerwerbsgeschäfte fort. Erneut kündigte er den Kauf von Immobilien für die NPD an. Beobachter vermuten, dass damit in vielen Fällen die Preise hochgetrieben werden sollen, wenn die betroffene Kommune von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch macht, um eine vermeintliche NPD-Ansiedlung zu verhindern.

Ende November soll in Berlin am Bahnhof Friedrichstraße eine Gedenkskulptur eingeweiht werden, die an die Kindertransporte nach Großbritannien erinnert, mit denen vor siebzig Jahren rund tausend Kindern das Leben gerettet wurde. Die Skulptur soll gleichzeitig an die späteren »Züge in den Tod« erinnern, mit denen Tausende vor allem jüdische Kinder in den Tod transportiert wurden.

Andere Strukturen schaffen

geschrieben von Peter C. Walther

5. September 2013

Finanzkrise: Es geht auch um Sicherung und Ausbau der Demokratie

Nov.-Dez. 2008

Täter als Opfer

Einer der eifrigsten Propagandisten des Neoliberalismus in Deutschland, IFO-Präsident Hans-Werner Sinn, setzte die Kritik an Bankmanagern mit der Hetze gegen Juden in den dreißiger Jahren gleich. Mit diesem ungeheuerlichen Vergleich von berechtigter Kritik an Bankmanagern, den Tätern der Finanzkrise, mit der Hetze gegen Juden und damit auch mit deren späterer Verfolgung und Ermordung, folge er einer bekannten Masche, »um sich damit unter die Opfer einreihen zu können«, kommentierte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, die Sinnsche Geistesleistung.

Die Finanzmarktkrise und eine womöglich damit verbundene Weltwirtschaftskrise beherrschen in diesen Wochen nicht nur die Schlagzeilen, sondern auch die meisten politischen Überlegungen und Handlungen. Die Folgen des ungezügelten Kapitalismus sind in allen Bereichen und für jeden spürbar.

Über die Ursachen des Desasters wird viel geschrieben und spekuliert. Hauptursache ist zweifelsohne die Brachialgewalt eines ungebremsten Finanzkapitalismus, dessen Zügellosigkeit von der Politik erst ermöglicht wurde. Da wurde kräftig dereguliert, »freie Bahn« fürs Kapital geschaffen, »Hemmnisse und Bürokratie abgebaut«, wie das schönfärberisch genannt wurde. Hinzu kamen die geistigen Wegbereiter in Hochschulen, Propagandafilialen und den Medien. Sie sangen Tag für Tag das Hohelied des Neoliberalismus, des »freien Marktes« und der »Reformen«.

Die Folgen sind gravierend. Nicht nur die Finanzmärkte brechen ein, schlimmer noch sind die Bedrohungen für die wirtschaftliche Entwicklung. Die Arbeitslosigkeit, noch immer weit verbreitet, wird erneut wachsen. Die Armut ist selbst in Deutschland, das zu den reichsten Ländern gehört, gewachsen und wächst weiter; ebenso die Zahl ungeschützter Arbeitsverhältnisse und miserabler Arbeitsbedingungen.

Das alles hat nicht nur soziale und ökonomische Auswirkungen. Es stellt vor allem auch den Bestand und die Perspektive der Demokratie in Frage. Dabei geht es nicht nur um den gegenwärtigen Zustand unserer Demokratie, der unvollständig und unbefriedigend ist, vor allem weil sie von demokratieferner Wirtschafts- und Kapitalmacht eingeengt wird und weil ihr noch immer die ausreichende soziale Basis fehlt. Es geht um den Bestand des Demokratiefundaments überhaupt – und gleichzeitig um damit verbundene Einfallstore für neofaschistische Ideologien und Praktiken.

Die Folgen dieses Brutalkapitalismus und nun erst recht der von ihm verursachten Krisen werden von den Nazis unserer Tage zu nutzen versucht, Existenz- und Zukunftsangst, Frust und soziale Not für ihren Nazismus und Rassismus zu verwerten.

Wenn die demokratischen Kräfte es in dieser Krisensituation nicht schaffen, klare Wege aus der Krise aufzuzeigen und vor allem Maßnahmen durchzusetzen, die den Ursachen der Krisen zu Leibe gehen und grundlegend andere Strukturen schaffen, wenn das nicht gelingt, hat das nicht nur schlimme soziale und wirtschaftliche Folgen, es drohen auch gravierende Folgen für den Fortbestand der Demokratie, die wir ausbauen müssen, niemals aber einschränken oder gar beseitigen lassen dürfen.In diesen Tagen wird oft an die verheerenden Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929 erinnert. In Deutschland trugen sie zur Etablierung der Herrschaft des Faschismus bei. Natürlich steht nicht eine Wiederkehr des Hitlerfaschismus in alter Form bevor; doch auch »moderne« autoritäre Strukturen können die Demokratie aushebeln.

Bekämpft und verhindert werden muss daher gerade in der heutigen Krisensituation der Abbau von Demokratie, wie er gegenwärtig – die Krise nutzend – nicht nur mit der Etablierung von Entscheidungsgremien fern des Parlaments und dem Erlass einer Art von Notverordnungen betrieben wird, sondern vor allem auch mit dem fortgesetzten Ausbau von Überwachungs- und »Sicherheits«-Gesetzen sowie einer fortschreitenden Militarisierung der Gesellschaft bis hin zum Bundeswehreinsatz im Innern.

Wir brauchen gerade jetzt erst recht m e h r, nicht weniger Demokratie und wir müssen die Barrieren gegen das Anwachsen rechtsradikaler Einflüsse noch höher bauen.

War Mölders ein Held?

geschrieben von Regina Girod

5. September 2013

Die Zeitschrift »Das Parlament« brüskiert den
Bundestag

Nov.-Dez. 2008

»Das Parlament«, herausgegben vom deutschen Bundestag, verbreitet Informationen über das parlamentarische Leben und die Positionen des Bundestages.

Die Deutungshoheit über die Geschichte ist heiß umkämpft in diesem Land. Jüngster Beweis: der Abdruck einer euphorischen Besprechung des Buches »Jagdflieger Werner Mölders. Die Würde des Menschen reicht über den Tod hinaus.« in der Zeitschrift »Das Parlament«. In der Politik entscheidet das Kräfteverhältnis und das kann man verschieben. Sagt sich offenbar die »Mölders-Vereinigung«, die seit 2005 erbittert gegen die Entscheidung des Verteidigungsministeriums anrennt, dem Luftwaffenjagdgeschwader JG 74 den Namen Werner Mölders zu entziehen. Grundlage dieser Verfügung war eine Entscheidung des Bundestages von 1999 (!), Angehörigen der Legion Condor kein ehrendes Andenken mehr zu erweisen und ein Gutachten des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes zur Person von Mölders. Die neue Mölders-Biografie versteht sich als Antwort auf eben dieses Gutachten und will den 1941 abgestürzten Kriegshelden rehabilitieren. Also kommt ihr Autor, Hermann Hagena, pensionierter Luftwaffengeneral und ehemaliger Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr, ganz im Sinne heutiger Deutungsmuster zu neuen Erkenntnissen. Zum Opfer kann man den Mann, der mit Begeisterung Bomben abwarf und »Feinde vernichtete« schlecht machen, aber im »inneren Widerstand« zum NS-Regime hat er sich denn doch befunden. Schließlich war Mölders Katholik. An der Bombardierung Guernicas war er nicht persönlich beteiligt und die Stadt Corbera am Ebro wurde nicht von den dort im Einsatz befindlichen Flugzeugen der Legion Condor zerstört, sondern von der Artillerie. Punkt. Bleibt zu hoffen, dass der Bundestag auf diesen Reinwaschungsversuch angemessen reagiert.

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