Mai-Juni 2009
Die Zahl der offiziell registrierten rechtsextremen Straftaten ist im Jahr 2008 um 16 Prozent auf 20.422 gestiegen und erreichte damit einen neuen Höchststand. Gewalttätig wurden Rechtsextremisten in 1.113 Fällen (Zunahme um 5,6 Prozent). Dabei wurden 1.937 Menschen verletzt. Die offizielle Statistik des Bundesinnenministeriums nennt außerdem zwei Todesopfer. Opfergruppen gehen von einer noch höheren Zahl aus. Auch Bundesländer meldeten eine Zunahme der Gewalttaten (so Berlin um 17 Prozent, darunter drei Mordversuche). Das Bundesinnenministerium spricht auch von einer Zunahme »links motivierter« Straftaten (insgesamt 6.724). Als »Straftaten« wer-den dabei u.a. Aktionen gegen Neonazis, wie z.B. Blockaden, gewertet.
Berlins Innensenator Erhart Körting (SPD) sprach sich dafür aus, gegenüber der NPD auf einem Insolvenzverfahren zu bestehen, wie dies auch bei überschuldeten Firmen getan werde. Die Bundestagsverwaltung verlangt von der NPD eine Rückzahlung von 2,5 Millionen Euro wegen unzutreffender Angaben im Rechenschaftsbericht 2007. Dagegen sprach das Verwaltungsgericht Berlin der NPD das Anrecht auf 300.000 Euro aus der Staatskasse zu, sofern die NPD dafür die notwendigen Si-cherheiten vorweise.
Eine enge Zusammenarbeit zwischen Finanz- und Verfassungsschutzämtern sieht ein Vorhaben der Bundesregierung vor. Damit soll rechtsradikalen Vereinen die Gemeinnützigkeit verweigert, bzw. aberkannt werden. Dafür sollen Mitteilungen des Verfassungsschutzes sollen maßgebend sein. Kritisch gesehen wird eine mögliche Ausdehnung dieser Praxis auch auf Vereinigungen von Nazigegnern, wenn diese als »extremistisch« bezeichnet werden.
»Wenn ich alle meine verdeckten Ermittler aus den NPD-Gremien abziehen würde, dann würde die NPD in sich zusammenfallen«, begründete Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) seine Weigerung, die als V-Leute beschäftigten Neonazis abzuschalten.
Nach einer im März veröffentlichten Studie über Rechtsextremismus bei Jugendlichen sind rechtsextreme Denkweisen unter diesen stark verbreitet. 14,4 Prozent der Jugendlichen seien »in hohem Maße« ausländerfeindlich. 4,9 Prozent der männlichen 15jährigen gehörten zur Anhängerschaft rechtsextremer Gruppen. In Kommentaren zu dieser Studie wurden deshalb mehr Mittel für demokratische Jugendarbeit und für Initiativen gefordert, die rechtsextreme Einstellungen bekämpfen.
Überregionale Initiativen gegen Rechtsextremismus sind in zwei Bundesländern gestartet. In Nordbayern bildeten mehrere Städte und Gemeinden eine »Allianz gegen Rechtsextremismus«. In Thüringen soll unter dem Motto »Kein Ort für Neonazis« mit vielfältigen Aktivitäten der Einzug von Neonazis in den Landtag verhindert werden. Verstärkte Aktivitäten gegen rechts werden auch von Gewerkschaften unternommen, so u.a. vom »Zentralen Arbeitskreis Offensiv gegen Rass-ismus und Rechtsextremis-mus« (ZAKO) der Gewerkschaft ver.di und vom zuständigen Bereich des DGB-Bundesvorstandes.
In Dessau wurden zwei Rechtsextremisten wegen der Ermordung eines Obdachlosen, den sie mit äußerster Brutalität zu Tode getreten haben, zu hohen Haftstrafen verurteilt: lebenslang für den Haupttäter, zwölf Jahre für den Mittäter. Bei beiden wurden Handys mit rechtsradikaler Musik und Hakenkreuzbilder gefunden. Die Opferberatung forderte, wegen der rechtsextremen Hintergründe die Tat in der Statistik als rechtsextrem motivierten Mord zu führen, was bislang nicht geschehen ist.
Im westfälischen Ahlen wurden zwei Neonazis der »Autonomen Nationalisten« wegen mehrfacher schwerer Körperverletzung und weiteren Straftaten in einem Fall zu drei Jahren, im anderen zu zehn Monaten Haft (in diesem Fall auf Bewährung) verurteilt. Während des vier Monate dauernden Prozesses kam es in Ahlen wiederholt zu Aufmärschen von Neonazis, gegen die sich jedoch zuletzt eine weitaus höhere Zahl von Bürgern mit Protestaktionen wandte.
Auf freien Fuß gesetzt wurde der mutmaßliche Haupttäter des Neonazi-Überfalls auf Antifaschisten auf der Autobahnraststätte Teufelstal, bei dem mehrere Gewerkschaf-ter verletzt wurden, darunter einer schwer. Da keine Fluchtgefahr bestehe, wurde der Haftbefehl außer Vollzug gesetzt. Ebenfalls auf freiem Fuß befindet sich der hessische Neonazi Kevin S., der im Juli 2008 zusammen mit anderen Neonazis ein Jugendzeltlager überfallen und dabei eine 13jährige mit einem Klappspaten schwer verletzt hatte. Seine Verurteilung zu 2 ¼ Jahren Jugendstrafe sei noch nicht rechtskräftig. Kevin S. ist bereits mehrmals gewalttätig geworden.
Mehr als 45.000 CDs und andere Tonträger mit rechtsradikaler Musik wurden bei einer bundesweiten Razzia in der Neonazi-Musikszene sichergestellt. In den durchsuchten Räumen wurden außerdem 82 Waffen gefunden. Das Ergebnis führte zu Ermittlungsverfahren gegen mehr als 200 Personen.
64 Jahre nach Ende der Nazibarbarei wurden nunmehr vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg Ermittlungen gegen mehrere ehemalige Angehörige der Waffen-SS-Einheit »Dirlewanger« aufgenommen. Obwohl die SS-Einheit in Polen, Weißrussland und der Slowakei zahlreiche Verbrechen begangen hat, wurde bisher kein einziger Angehöriger der SS-Einheit vor Gericht gestellt.
Die von einem britischen Verleger herausgegebene Zeitschrift »Zeitungszeugen« darf Naziblätter der Jahre bis 1938 als Beilagen veröffentlichen. Das entschied das Landgericht München I. Verboten bleiben Nachdrucke von Nazizeitungen ab 1939, deren Veröffentlichungsrechte dem Freistaat Bayern gehören. Nach Darstellung des Verlegers soll mit den Original-Nachdrucken Zeitgeschichte »direkter vermittelt« werden.
Das Nürnberger Aktionshaus Weidler bot bei einer Versteigerung zwei Aquarelle an, die Hitler gemalt haben soll. Das Aktionshaus soll bereits 2005 ein Hitlerbild verkauft haben.






























