Der Sohn des Dorfhirten

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Zum 120. Geburtstag des Schriftstellers Adam Scharrer

Juli-Aug. 2009

»Ein großer Teil der deutschen Bürger beiderlei Geschlechts will von den Dingen und Menschen, (von) Gestapo, Konzentrationslagern und allem, was damit zusammenhängt, ›nichts mehr wissen‹. (…) Sie sind nur für eine ›konstruktiv-demokratische‹ Politik zu haben. Sie fühlen sich zudem auch unschuldig und erklären hartnäckig, sie hätten von all den grausigen Scheußlichkeiten nichts gewusst. In diesem geistigen Habitus spiegelt sich die ganze deutsche Tragödie in Reinkultur. Diese ›konstruktive Demokratie‹ ist auf die These zu reduzieren: Wir wollen davon einfach nichts wissen! Man muss Gras über die Geschichte wachsen lassen, und man muss die Ochsen verjagen, die das wachsende Gras immer wieder abfressen wollen.«

Diese Sätze leiteten 1947 einen Aufsatz ein in einer Zeitschrift namens »Heute und morgen«: »Die VVN – ihr Gesicht und ihr Gewicht«. »Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes«, heißt es weiter im Text, »verkörpert in sich die die Summe der Erfahrungen des Kampfes gegen Unterdrückung und Verknechtung und für Menschlichkeit und wirklichen Völkerfrieden. Diese Erfahrungen lebendig zu erhalten und fruchtbar zu machen für eine geistige Erneuerung, die in die Tiefe wirkt, ist daher eine Aufgabe von weitreichender historischer Bedeutung.«

Der Autor hieß Adam Scharrer. Gegen Ende der Weimarer Republik hatte er sich gerade ein gewisses Renommee erschrieben. Vor allem der Roman »Vaterlandslose Gesellen« mit dem Untertitel »Das erste Kriegsbuch eines Arbeiters« (1930) erregte als eine Art proletarisches Pendant zu Erich Maria Remarques »Im Westen nichts Neues« Aufsehen. Zwei weitere Romane folgten. »Ich habe«, schreibt Scharrer 1947 in einem Rückblick, »mit der Anklage wegen Hochverrats, Ausbürgerung und zwölfjähriger Verbannung aus meiner Heimat dafür büßen müssen.«

Eigentlich stammte er aus dem Fränkischen. Vor 120 Jahren, am 13. Juli 1889, kam Adam Scharrer in Kleinschwarzenlohe (heute Teil der bei Nürnberg gelegenen Marktgemeinde Wendelstein) als ältester Sohn des Gemeindehirten auf die Welt. Einer harten Kindheit folgen mühevolle Lehr- und Wanderjahre, die ihn nach Österreich, in die Schweiz und durch die deutschen Lande führen. Ab 1914 ist er in Berlin, ist Rüstungsarbeiter, Soldat, 1918 Revolutionär. Nachdem er sich Spartakusbund und KPD angeschlossen hatte, wechselt Scharrer 1920 zur KPD-»Linksabspaltung« KAPD. In diesem Umfeld beginnt er, publizistisch tätig zu werden, veröffentlicht auch seine erste Erzählung.

Immer wieder von Arbeitslosigkeit betroffen, wird ihm das belletristische, zugleich autobiographische Schreiben Orientierungshilfe. Unstete Jahre, erste Anerkennung, dann zwingt ihn das NS-Regime in Illegalität und Emigration. Über die Tschechoslowakei kommt er in die Sowjetunion, lebt zeitweise in Dörfern in der Ukraine, kann in Exilzeitschriften Texte veröffentlichen, 1939 erscheint im Moskauer Verlag Das Internationale Buch sein Roman »Familie Schuhmann«. Scharrer schreibt an Büchern, die sich immer intensiver mit den Gegenden seiner Herkunft befassen – am Roman »Der Hirt von Rauweiler« etwa, der erstmals 1946 im Nachkriegsdeutschland erscheinen wird.

Seinen letzten Wohnort findet er in Schwerin, wo er am 2. März 1948, 59 Jahre alt, stirbt. Er kann noch die Edition einiger seiner Bücher erleben, publiziert bis zuletzt in Zeitschriften, engagiert sich in der VVN und im Kulturbund. Einer Bekannten in München schreibt Adam Scharrer zwei Monate vor seinem Tod: »Ich habe natürlich den Gedanken, in meine engere Heimat zurückzukehren, noch nicht aufgegeben. Als Bettler möchte ich nicht auch wieder ankommen. Ich bin ja nun bereits ein Menschenalter auf der Wanderschaft.«

Die »engere«, die bundesdeutsche und bayerische Heimat zeigte in den folgenden Jahrzehnten am Werk ihres Dichters – von Veröffentlichungen in kleinen linken Verlagen abgesehen – demonstratives Desinteresse. In der DDR erschienen bei Aufbau immerhin acht Bände einer gut edierten Werksausgabe. Und zum hundertsten Geburtstag, im Juli 1989, bekam er eine Briefmarke.

Seither ist Adam Scharrer allerdings in ganz Deutschland arg in Vergessenheit geraten. In ganz Deutschland? – Oder gibt es da ein kleines fränkisches Dorf…?

Am Geburtsort des Schriftstellers soll ein »Adam-Scharrer-Zimmer« mit einer Ausstellung zu seinem Leben zu besichtigen sein. Die Wendelsteinerin Gudrun Vollmuth, auch sie eine Dichterin, erzählte dazu im Juli 2008 dem Bayerischen Rundfunk: »Mit unserem Bürgermeister war ich 1989 in Schwerin. Da waren Scharrers Gegenstände von 48 noch eingelagert: ein Schreibtisch, den wir hier jetzt haben, und ein riesiger Bücherschrank voller Bücher. Für einen Hirtenjungen aus Franken war das erstaunlich, was er alles gelesen hat. Aber das Merkwürdige ist: den Schreibtisch haben wir später bekommen. Doch die Dame aus dem Kulturreferat musste uns eine traurige Mitteilung machen. Schwerin hat nach der Wende einen Kulturreferenten aus dem Westen bekommen, dessen erste Handlung es war, den Bücherschrank eigenhändig zu zersägen. Also, den haben wir nicht mehr, aber wahrscheinlich hätten wir ihn hier gar nicht hereingebracht.«

Strafe muss sein

geschrieben von Alfred Fleischhacker

5. September 2013

Daniela Dahn befragt die deutsche Einheit

Juli-Aug. 2009

Daniela Dahn, Wehe dem Sieger! – Ohne Osten kein Westen

Rowohlt Verlag, 304 S., ISBN: 978-3-498-01329-5, 18,90 Euro

Vielleicht hatte Stefan Heym mit seiner Anfang der neunziger Jahre getroffenen Feststellung »von der DDR werde nicht mehr bleiben als eine Fußnote«, deren vierzigjährige Existenz zu gering veranschlagt. Schon die vielen Reden führender Köpfe des politischen Establishments in jüngster Zeit sprechen dagegen.

Mit dem untergegangenen Land DDR, seinen Vorzügen und Nachteilen, vor allem aber mit der Verquickung des kleineren mit dem größeren der beiden deutschen Staaten, beschäftigt sich auch die Schriftstellerin Daniela Dahn in ihrem jüngsten Buch. Es soll nach ihrem Wunsch nicht »die« Wahrheit sein. Eher »ihr« Bilanzbuch, »der bescheidene Versuch, die Geschichte seit dem Untergang des Sozialismus noch einmal anders zu erzählen«.

Schon im ersten Kapitel analysiert sie die Untergangsgesellschaft. Die aber hat größere Dimensionen als die einstige DDR Flächenmaß. Dahns für den Leser schon zu Beginn vielleicht irritierende Folgerung: »Am Ende war es die Ironie der Geschichte, dass jede Seite die andere überwinden wollte«. Sie erinnert daran, dass die Soziale Marktwirtschaft, deren positive Seiten von Millionen nicht in Abrede gestellt werden, erst mit dem Entstehen des sozialistischen Weltsystems nach Ende des zweiten Weltkrieges entstand. Doch mit dem – in manchen Aspekten auch kläglichen – Ende des kleineren Landes begann auch das Zerbröseln des größeren. Gegenwärtig wird der Alltag von Milliarden Menschen durch die Finanz- und Wirtschaftskrise durcheinander gerüttelt. Die meisten Staaten befinden sich im Stadium der Rezession, andere sind schon von der Depression geplagt. Vom angeblich so strahlenden Kapitalismus und seiner Überlegenheit sprechen zurzeit nur noch Narren.

Der Westen wollte in allen Bereichen der Bessere sein. In manchen gelang das auch. Zum Beispiel, als die IG Metall in den späten siebziger Jahren nach einem wochenlangen Streik die 35-Stunden-Woche erkämpft hatte. Die ist inzwischen Geschichte. Seit geraumer Zeit wächst die Arbeitszeit in Deutschland wieder. Nach dem Verschwinden des Konkurrenten konnte Hartz IV beschlossen und erst kürzlich der Beginn des Rentenalters um zwei Jahre nach hinten verschoben werden. Das Ende der Fahnenstange bei den sozialen Einschnitten ist noch lange nicht erreicht.

»So wie die DDR an die Westlöhne nie heranreichen konnte, so hat die BRD den östlichen Vorsprung bei der Gleichstellung der Frau im praktischen Familienrecht nie einholen können. In entscheidenden Punkten bis heute nicht.«, konstatiert die Autorin.

Die verfassungsrechtlich verbürgten Rechte auf Arbeit, gleichen Lohn für gleiche Arbeit und die Gleichstellung der Geschlechter bleiben im vereinigten Land wohl für viele Jahre Wunschträume. Und nach fast 20 Jahren Vereinigung bleibt auch die Angleichung der Lebensverhältnisse im Osten des Landes ein Phantom, das der neu zu wählende Bundestag kaum einfangen wird. Denn Prognosen der Deutschen Bank sagen aus, dass der Osten – -also die fünf neuen Bundesländer – im Vergleich zum Westen nicht aufholen, sondern weiter zurückfallen wird. In 40 Jahren, mithin 2050, soll der Abstand wieder so groß sein wie 1989.

Natürlich wird auch der Dauerbrenner »Stasi« im Buch nicht ausgeblendet. Die Autorin fand heraus, dass der aus Steueraufkommen entnommene Etat für die damit befasste Behörde jährlich ebenso so hoch ist wie der für die gesamte Industrieförderung im Osten. Da kann auf die Dauer zwischen Ostsee und Werra, oder Elbe und Oder nur eine Brache entstehen.

Wie sich die Lebensverhältnisse konkret in Ost und West in den letzten 20 Jahren verändert haben, schildert die Autorin in bewegender Weise an Einzelschicksalen.

Berührend auch ihre sehr persönlichen Wahrnehmungen nach dem Überfall der NATO auf Jugoslawien 1999. An diesem völkerrechtswidrigen Krieg war die Bundeswehr aktiv beteiligt. Mit Flugzeugen, die zivile Objekte wie Brücken, Fabriken, Radiostationen markierten, um sie anschließend in Schutt und Asche zu legen. Die Missachtung der im Artikel 1 des Grundgesetzes verbürgten Rechte wie die Unantastbarkeit der Menschenwürde bereiten der Bundesregierung bis heute keine Kopf- geschweige denn andere Schmerzen.

Daniela Dahn, Gründungsmitglied des Demokratischen Aufbruchs, war als kritische Chronistin der Einheit bis Ende der neunziger Jahre von den Goethe-Instituten wiederholt als Referentin eingeladen worden. 1998 begann mit ihrer Nominierung als Verfassungsrichterin in Brandenburg der Versuch, sie öffentlich zu demontieren. Aus den so genannten Volksparteien nahe stehenden Kreisen ertönte die Frage, ob die in Dahns Büchern geäußerten Kritiken überhaupt verfassungskonform seien. Von diesem Moment an war Daniela Dahn für alle Goetheinstitute und auch für manche deutsche Universitäten zur persona non grata geworden. Die Schriftstellerin wird die über sie verhängten Sanktionen aber sicher verkraften. »Wehe dem Sieger! – Ohne Osten kein Westen« ist ein spannendes Buch. Es ist zur rechten Zeit auf den Büchermarkt gekommen.

Todesstrafe zwingend

geschrieben von Susanne Willems

5. September 2013

Das Buch zur Aufhebung der Kriegsverratsurteile der
Nazi-Militärjustiz

Juli-Aug. 2009

Wolfram Wette, Detlef Vogel, »Das letzte Tabu. NS-Militärjustiz und Kriegsverrat«

Aufbau Verlag 2007, ISBN-10: 3351026544, 24,95 Euro

Das Buch entstand mit finanzieller Unterstützung der Bremer Stiftung »die schwelle. Beiträge zur Friedensarbeit« und der Hans-Böckler-Stiftung

Das 1965er Credo der Nazi-Militärrichter hat Norbert Haase 1993 im Begleitband zur Berliner Ausstellung der Gedenkstätte deutscher Widerstand zum Reichskriegsgericht dokumentiert: »Wer die Deutsche Wehrmacht verunglimpft, […] greift einen der Hauptpfeiler der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung an. Denn die Bundeswehr ruht auf der Deutschen Wehrmacht, was schon darin zum Ausdruck kommt, dass zahlreiche Offiziere der Bundeswehr aus der Deutschen Wehrmacht hervorgegangen und dass sie in deren Geist geformt sind. Verunglimpfende Angriffe müssen deshalb energisch zurückgewiesen und raschestmöglich strafrechtlicher Ahndung zugeführt werden.«

Die von Wolfram Wette und Detlef Vogel im Aufbau Verlag Berlin herausgegebene Dokumentation »Das letzte Tabu. NS-Militärjustiz und ›Kriegsverrat‹« basiert auf Stichproben in einem Teilbestand der 924 laufende Meter füllenden Feldgerichtsakten, auf früher publizierten Einzelfällen und auf der umfangreichen Microfiches-Edition des Münchner Instituts für Zeitgeschichte zu 6.000 vor dem Reichsgericht, dem Volksgerichtshof und dem Reichskriegsgericht verhandelten Hochverratsfällen. Der mit einem Quellen- und Literaturverzeichnis versehene und durch ein Personen- und Ortsregister erschlossene 512-Seiten-Band ist ein Kompendium des aktuellen Forschungsstands und die Dokumentation aller überlieferten 31 der bisher bekannten gewordenen 33 Verurteilungen des Reichskriegsgerichts wegen Kriegsverrats. Abgedruckt sind zudem Schriftstücke aus fünf Verfahren vor dem Volksgerichtshof und solche zu drei Feldgerichtsurteilen.

Einführend analysiert Wolfram Wette die juristische und politische Geschichte des »Kriegsverrat«-Delikts und die des jetzt, wie von Manfred Messerschmidt, dem Nestor der kritischen westdeutschen Militärgeschichtsschreibung und seit Jahrzehnten an der Seite von Ludwig Baumann Mitstreiter für die Anerkennung und Entschädigung aller Opfer des psychiatrischen und justiziellen Disziplinierungssystems der Wehrmacht, im Vorwort gewünscht, beschleunigt gereiften rechtspolitischen Lernprozesses, der alle Fraktionen im Bundestag jetzt zur gesetzlichen Aufhebung sämtlicher Kriegsverratsurteile bewegt hat. Von der westdeutschen Kontinuität der juristischen Verurteilung des Widerstands gegen Faschismus und Krieg handelt der Beitrag von Helmut Kramer, der Einblick in das von Adolf Grimme, einst preußischer Kultusminister und später Direktor des Nordwestdeutschen Rundfunks, Ende 1945 angestrengte Strafverfahren gegen den Ankläger der mit Schulze-Boysen und Harnack verbundenen Antifaschisten vor dem Reichskriegsgericht gibt.

Die Lüneburger Staatsanwaltschaft, aufgefordert wegen Rechtsbeugung und Verantwortlichkeit für 47 Justizmorde zu ermitteln, nutzte 1951 das Verfahren mit gutachterlichem Beistand von Nazi-Juristen und Ex-Gestapobeamten in 1190seitiger Einstellungsbegründung zur Rechtfertigung der Nazi-Blutjustiz und erneuten Diffamierung des gesamten antifaschistischen Widerstands. Und mehr: jede außenpolitische Verständigung mit der Sowjetunion führe zur »Bolschewisierung« Deutschlands, Wachsamkeit sei geboten: »Die ›Rote Kapelle‹ ist auch heute nicht tot.« Kramers Resumeé: »Im Rahmen des in der frühen Bundesrepublik gewissermaßen zur Staatsdoktrin gewordenen Antikommunismus wurde spiegelbildlich alles aufgewertet, was in der Geschichte den Kampf gegen den Kommunismus gefördert hatte.«

Die von Richarda Berthold und den Herausgebern sorgfältigst eingeführten und edierten Dokumente beweisen, dass der Kriegsverrats-Paragraph zwei für den von rechtsstaatlichen Mindeststandards unberührten Juristen praktikable Funktionen erfüllte: Wegen seiner Unbestimmtheit als Auffangparagraph zur Aburteilung jedweden unbotmäßigen oder widerständigen Verhaltens von Militärangehörigen im Krieg und als Justizmord-Paragraph wegen der zwingenden Todesstrafe. Wegen Kriegsverrats von Nazi-Richtern ums Leben gebracht wurden Menschen, die sich zum organisierten Widerstand zusammenfanden, die mit Menschen tatsächlich oder angeblich kommunistischer Überzeugung Kontakt hatten, die sich dem Krieg wenigstens zeitweise gedanklich verweigerten, die Juden Hilfe leisteten, mit Kriegsgefangenen ihre Hoffnung auf ein Ende von Krieg und Naziherrschaft teilten oder in Kontakt zu Partisanen traten. Die Dokumentation der – zumeist mit Hilfe von Denunzianten und Spitzeln – ermittelten Sachverhalte lässt erahnen, dass die einst in Kornelimünster und inzwischen im Militärarchiv in Freiburg lagernden Feldgerichtsakten mit den gescheiterten Versuchen, sich dem Morden und dem Krieg zu entziehen, eine Fülle von Zeugnissen vernünftigen Denkens damaliger Soldaten bereit halten. Mit der Aufhebung der Kriegsverratsurteile hat die in den 50er-Jahren aufgebaute Kameradschaftsfront der Nazi-Militärjuristen ihren Einfluss auf Wissenschaft und Politik unwiderruflich verloren. Deren Chefkommentator und Verfechter des Gesinnungsstrafrechts Erich Schwinge, bis zu seiner Emeritierung 1968 Marburger Universitätsprofessor, wir nannten ihn als Jurastudenten nur »Kopf-ab-Schwinge«, pflegte die Kritiker der Nazi-Blutjustiz in den 50er und 60er Jahren mit Prozessen zu überziehen. Genau dieses Wiegenlieds der Bundeswehr versucht sich heutzutage der verbliebene Kameradenkreis der Mittenwalder Gebirgsjäger von einst und jetzt zu entledigen, wiederum besorgt um den Ruf der weltweit intervenierend und in den Krieg hineingewachsenen Bundeswehr und mit denselben Methoden wie einst die Kameradschaft der Nazi-Militärrichter: ausnahmslos auf Kosten ihrer antifaschistischen und antimilitaristischen Kritiker.

Am historischen Ort

geschrieben von Axel Holz

5. September 2013

Die Kölner Gedenkstätte Gestapogefängnis wurde neu
gestaltet

Juli-Aug. 2009

Die Gedenkstätte befindet sich am Appellhofplatz 23 in 50667 Altstadt-Nord, Köln

Öffnungszeiten:
Gedenkstätte, Dauerausstellung und Sonderausstellungen:
Dienstag, Mittwoch und Freitag 10 bis 16 Uhr
Donnerstag 10 bis 18 Uhr
Samstag, Sonntag 11 bis 16 Uhr

Bibliothek, Medien- und Arbeitsräume:
Dienstag bis Donnerstag 10 bis 16 Uhr
Freitag 10 bis 13 Uhr

Eintrittspreise:
Erwachsene 3,60 EUR
ermäßigt 1,50 EUR

Das NS-Dokumentationszentrum in Köln hat die Gedenkstätte Gestapogefängnis mehr als 27 Jahre nach seiner Einweihung im Dezember 1981 vollständig erneuert und wesentlich erweitert. Neue Bildträger zeigen eine Fülle von Inschriften der Gefangenen auf den Zellenwänden Sie wurden in verschiedenen Themenblöcken zusammengefasst. In den vergangenen Jahren war es gelungen, das Schicksal einiger Häftlinge zu erforschen und damit einer Reihe von Inschriften »ein Gesicht« zu geben. Eine kleine Ausstellung geht zudem auf die Haftstätten der Kölner Gestapo, die Haft- und Lebensbedingungen der Gefangenen, die Hinrichtungen im Innenhof des »EL-DE-Hauses« und die Eröffnung der Gedenkstätte ein. Sie zeigt den langen Prozess der Recherchen zunächst weniger Antifaschisten, der in den 60er Jahren begann und erst 1979 zum Beschluss der Stadt über die Einrichtung eines NS-Dokumentationszentrums führte.

Das NS-Dokumentationszentrum hat die Gedenkstätte um einige Bereiche erweitert. Besucher können nun die Aufenthaltsräume der Gestapobeamten und Wachleute im hinteren Teil des Gefängnisses besichtigen. Dort schuf das Museum in einem ehemaligen Aufenthaltsraum einen Gedenkraum für die Opfer der Kölner Gestapo und des NS-Regimes in Köln. Außerdem sind der Hausbunker der Gestapo im Tiefkeller und eine Dunkelzelle jetzt für die Öffentlichkeit zugänglich.

Mit der umfangreichen Neugestaltung wird die Gedenkstätte Gestapogefängnis nun ihrer großen Bedeutung als Kulturgut von nationalem und europäischem Rang gerecht. Die Dauerausstellung »Köln im Nationalsozialismus«, die das NS-Dokumentationszentrum seit 1997 auf zwei Etagen des EL-DE-Hauses zeigt, wurde ebenfalls grundsätzlich erneuert. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse aufgrund eigener Forschungsprojekte und die in über zehn Jahren gewonnenen pädagogischen Erfahrungen führten zur Neugestaltung der Ausstellungsbereiche »Jugend«, »Unangepasste Jugendliche« und »Widerstand«. Hier wird besonders eindrücklich herausgestellt, wie durch Nazi-Erlasse zahlreiche der 5.000 Vereine der Stadt Köln bereits im Jahre 1933 entweder verboten oder durch drastische Eingriffe in das Vereinsleben beschnitten oder gleichgeschaltet wurden. Besonders zu dem großen Themenkomplex »Jugend in der NS-Zeit« konnte das NS-Dokumentationszentrum in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Erkenntnisse gewinnen und umfangreiche Materialien entdecken. Sie machen es nun möglich, zentrale Aspekte des Lebens von Jugendlichen in der Vorkriegs- und der Kriegszeit in angemessener Form in der Dauerausstellung zu präsentieren. Hinzu kommen die bislang nicht in der Dauerausstellung behandelten Themen »Gestapo« und »Polizei«. Dabei geht die Ausstellung auch auf die Biographien der Gestapobeamten im »El-De-Haus« ausführlich ein, darunter die des NS-Kriegsverbrechers Kurt Lischka. Trotz zahlreicher Verurteilungen zu hohen Haftstrafen waren die meisten der Täter schon nach wenigen Jahren Haft wieder frei und oder sie gingen ganz straffrei aus.

Eine völlig neue Qualität erhält die Dauerausstellung durch den Einsatz von 31 Medienstationen. In den dort präsentierten Zeitzeugengesprächen stellt sich die Kölner Gedenkstätte auch den Herausforderungen, die sich durch den Tod der Generation ergeben, die die NS-Zeit noch erlebt hat. Wie wichtig ein solch direkter Zugang zu historischen Ereignissen und Wertungen ist, zeigt sich in der tagtäglichen Arbeit des NS-Dokumentationszentrums mit Schülerinnen und Schülern immer wieder aufs Neue. Geschichte erhält so ein »Gesicht« und macht sie für die jüngere Generation verständlicher und nachvollziehbarer. In diesem Sinne vertiefen die Medienstationen die vielfältigen Inhalte der Dauerausstellung und passen sie den Herausforderungen an die Vermittlung der Geschichte des deutschen Faschismus für zukünftige Generationen an. Die Neugestaltung der NS-Dokumentationsstätte kam durch die Hilfe zahlreicher Organisationen und Personen zustande, darunter auch der örtlichen VVN-BdA. Angesichts der zunehmenden neofaschistischen Aktivitäten in ganz Deutschland ist der Stadt Köln für die Neugestaltung ihres NS-Dokumentationszentrums besonders zu danken.

Ende eines langen Weges

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Dokumentationszentrum der Topographie des Terrors in Berlin vor
Fertigstellung

Juli-Aug. 2009

»Auf Wiedersehen am 9. Mai 2010« sagte Prof. Dr. Andreas Nachama, Geschäftsführender Direktor der Berliner Stiftung Topographie des Terrors, am Ende seiner Rede anlässlich des Richtfestes für den Neubau des Dokumentationszentrums auf dem Gelände der ehemaligen Prinz-Albert-Straße im Berliner Bezirk Kreuzberg. Dann soll, so sieht es der Zeitplan vor, eine über 50jährige und insgesamt nicht gerade rühmliche Nachkriegsgeschichte mit der Eröffnung dieses Hauses zu (einem guten) Ende gehen. Im Erdgeschoss des zweistöckigen Gebäudes mit einer Gesamtfläche von 45.700 Quadratmeter wird künftig die Dauerausstellung »Topographie des Terrors. Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt« ihren Platz haben. Das neue Haus bietet Räume für Wechselausstellungen und Veranstaltungen. Im Sockelgeschoss wird die Bibliothek der Stiftung angesiedelt. Nach Fertigstellung wird über das Gelände ein Rundweg mit 15 Stationen führen und einen Überblick über die Geschichte des historischen Ortes geben. Der Ausstellungsgraben bleibt erhalten.

Unter denen, die an diesem etwas verregneten 5. Mai zum Fest erschienen waren, sah man Frauen und Männer, die im Verlaufe dieser Jahrzehnte immer wieder, und zum Teil durch spektakuläre Aktionen, den Blick auf dieses Gelände gelenkt hatten. Mit langem Atem (und von den »Staatsschutzbehörden« dabei zeitweilig recht kritisch beobachtet) haben sie schließlich entscheidend dazu beigetragen, dass nun die Vollendung dieses Denkortes naht, die Zeit des unwürdigen Provisoriums vorbei ist. Die Vorkriegsgeschichte dieses Geländes ist mit Blut geschrieben. In der Prinz-Albrecht-Straße 8 waren in den Jahren der faschistischen Herrschaft das Hauptquartier der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) und ab 1939 auch des Reichssicherheitshauptamtes. Im Hotel Prinz Albrecht saß die Reichsführung der SS. Der berüchtigte Sicherheitsdienst der SS (SD) hatte seinen Sitz im Prinz-Albrecht-Palais in der Wilhelmstraße 102. Von deren hier stehenden Schreibtischen aus ist der Völkermord an den europäischen Juden ebenso organisiert worden wie der an den Völkern der Sowjetunion und Polens. Mehr als 15 000 Gegner des Faschismus wurden im Kellergefängnis der Prinz-Albrecht-Straße gefoltert, nicht wenige haben die brutalen »Verhöre« nicht überlebt.

Ein Ort der Täter also. Ein Umstand, der nicht wenig dazu beigetragen hat, dass die Regierenden der Stadt diesem Ort so lange, zurückhaltend formuliert, »distanziert« gegenüber gestanden haben und finanzielle Probleme zum willkommenen Vehikel bei der Verschleppung der endlichen Beschlussfassung über den Bau und dessen Realisierung wurden. Das alles ist wohl dokumentiert von der Installierung des faschistischen Regimes über die Sprengung der baulichen Überreste der Terrorzentrale mit der (fast) Tilgung des Ortes aus dem öffentlichen Gedächtnis. Ebenso die Geschichte der »Erinnerungswütigen«, etwa der Internationalen Liga für Menschrechte, dem Verein Aktives Museum Faschismus und Widerstand oder der Berliner Geschichtswerkstatt. Zu schreiben bleibt die Geschichte der Mitarbeiter der Stiftung Topographie des Terrors, die mit der Dauerausstellung im Graben entlang der Niederkirchnerstraße, mit Ausstellungen am Bauzaun und anderen Aktivitäten dazu beigetragen haben, dass die Zahl der jährlichen Besucher auf 500 000 angestiegen und die Topographie damit zu dem meist besuchten Erinnerungsort der Hauptstadt geworden ist.

Erinnerung und Mahnung

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Weihe eines jüdischen Friedhofs für ermordete KZ-Häftlinge
in Brandenburg

Juli-Aug. 2009

Der Rabiner Menachem Halewi Klein aus Frankfurt am Main und Peter Fischer vom Zentralrat der Juden ließen einen Sarg mit sterblichen Überresten ermordeter KZ-Insassen in ein Grab.

Zum 65. Jahrestag des Massenmordes soll im Februar 2010 der ermordeten Juden von Jamlitz-Lieberose in Staakow von Klaus D. Grote ein Gedenkstein aufgestellt werden.

Am 16. Juni diesen Jahres wurde in einer Waldlichtung an der Chaussee zwischen Jamlitz und Guben ein jüdischer Friedhof eingeweiht. Ein ungewöhnliches Ereignis an einem ungewöhnlichen Ort im Brandenburger Landkreis-Spree-Neiße. Denn es gibt hier weder eine jüdische Gemeinde, noch eine Synagoge. Doch im Februar 1945, als alliierte Truppen schon auf deutschem Boden für die Befreiung vom Faschismus kämpften, ermordeten SS-Wachmannschaften an diesem Ort 589 KZ-Häftlinge des Außenlagers Lieberose. Sie veranlassten Bewohner benachbarter Dörfer, die Leichen der jüdischen Häftlinge aus Osteuropa in der Kiesgrube bei Jamlitz zu verscharren.

In Lieberose-Jamlitz befand sich eines der vielen Außenlager des KZ-Sachsenhausen. Ein Knoten in einem mörderischen Netz von Stätten, an denen Herrenmenschen in SS-Uniform bis zuletzt »Untermenschen« aus vielen Nationen vernichteten. Die meisten Häftlinge hier stammten aus Ungarn und Polen. Wer weiß, wo es im brandenburgischen Sand noch weitere unentdeckte Massengräber als verborgene Signatur der Hitlerzeit gibt, denn die SS hatte damals innerhalb von zwei Tagen mindestens 1342 jüdische KZ-Insassen von Sachsenhausen-Lieberose ermordet. Der Verbleib von 753 der Opfer ist bis heute ungeklärt. Die Suche nach weiteren Massengräbern in der Umgebung Lieberoses war im Mai 2009 erfolglos abgebrochen worden. In der Kiesgrube waren bereits 1958 und 1971 Gebeine zwecks Identifikation exhumiert worden. Leider wurde der Fundort damals nicht zu einer Gedenkstätte erklärt. Seitdem ist nicht nur Jahrzehnte lang das sprichwörtliche Gras darüber gewachsen, sondern sogar ein Wald. Die mörderische Vergangenheit des berüchtigten Lagers Lieberose-Jamlitz bezeugt ein kleines Museum.

Zur Feier angereist war Gabriel Rodan aus Ungarn, der mit seinem Vater in Lieberose interniert war. Er berichtete: Die schwere Arbeit, mangelhafte Ernährung und fehlende ärztliche Hilfe bei Krankheiten hätten nur wenige überleben lassen. Vater und Sohn Rodan überlebten sogar den Todesmarsch von Jamlitz nach Sachsenhausen. Rodan war damals 14 Jahre alt. Glücklicherweise hatte er sich als älter ausgegeben, denn Kinder und Kranke wurden sofort nach Auschwitz transportiert.

Nun kann dieser Ort der Schande nicht wieder dem Verschweigen anheim fallen: »Erde bedecke nicht ihr Blut«. Dieser Satz aus dem biblischen Buch Hiob ist am Eingang des Friedhofes in fünf Sprachen zu lesen. Adam König, selbst Überlebender von Sachsenhausen und Auschwitz, bezeichnete in seiner Rede den Friedhof als spätes aber eindrückliches Mahnmal gegen faschistische Barbarei. Es gehe jetzt um die Aufgabe, die grausamen Ereignisse besonders jungen Menschen so zu vermitteln, dass sie als Mahnung der Geschichte im Gedächtnis bleiben.

Die Rede des französischen Präsidenten des Internationalen Sachsenhausen Komitees, Piere Gouffault, wurde vom Vizepräsidenten Roger Borgage verlesen: »Dem Präsidenten ist es wichtig, dass ein Rabbiner in jüdischer Liturgie unter Gebet und Psalmlesung diesen Mordort zu einem offiziellen Platz in der deutschen Geschichte gemacht hat. Er ist nun die Ruhstätte von ermordeten Juden.«

Weil aber Erinnern an den Faschismus bedeutet, sorgfältig zu unterscheiden, was unter anderen Bedingungen Menschen angetan worden ist, mahnte er ausdrücklich die Brandenburgische Landesregierung, dass mit der Totalitarismusthese diese ermordeten Juden nicht mit jenen Nazitätern gleichgesetzt werden dürfen, die nach dem 8. Mai 1945 im Speziallager Nr. 6 in Lieberose unter harten Haftbedingen gestorben sind: » An diesem Tag, an diesem Ort möchte ich im Namen des Internationalen Sachsenhausen Komitees eine feierliche Warnung erteilen: Ihre Erinnerung darf nicht durch ein empörendes Amalgam geschändet werden, wie jenes, das dem Konzept der brandenburgischen Landesregierung zu Grunde liegt und gegen das wir entschieden unsere Stimme erheben. Selbst wenn wir Verständnis für einige der im Speziallager Nr. 6 internierten Gefangenen empfinden, ist es unwürdig, ihr Schicksal mit dem Schicksal derjenigen zu vermischen, die im Außenkommando des KZ-Sachsenhausen, welches direkt mit dem Vernichtungslager Auschwitz verbunden war, massakriert wurden. Ihre Erinnerung soll ewig wach bleiben.«

5000 Gründe für NPD-Verbot

5. September 2013

Regina Scheer auf der NoNPD-Veranstaltung am 29. Januar 2009 in Berlin

Juli-Aug. 2009

Regina Scheer am 29. Januar 2009. Sie ist Autorin, Historikerin und Herausgeberin zahlreicher Bücher.

Viele, die zögern, ein Verbot der NPD zu fordern, haben bedenkenswerte Argumente. Ja, es ist wahr, dass wir es nach einem Verbot dieser Partei immer noch mit Rassismus und Menschenverachtung im Alltag zu tun hätten, nicht nur bei primitiven Schlägern, sondern auch bei eloquenten Historikern, biederen Bürgermeistern, abgestumpften Polizisten, wild gewordenen Kleinbürgern in Mügeln und anderswo. Der bösartigen Dummheit zu begegnen, der Herzensträgheit und völkischen Überheblichkeit, wird unsere Aufgabe bleiben. Und doch: Die NPD muss verboten werden. Damit ihre Macher kein Geld mehr aus öffentlichen Kassen bekommen, damit sie sich nicht in Parlamenten spreizen, damit ein Zeichen gesetzt wird.

Von Goebbels stammt das hämische Zitat, bezogen auf die Weimarer Republik: »Das wird immer einer der besten Witze der Demokratie bleiben, daß sie ihren Todfeinden die Mittel stellte, durch die sie vernichtet wurde.«

Vor fünf Jahren haben Verfassungsrichter die Einstellung des Verbotsverfahrens mit der »fehlenden Staatsferne« der NPD begründet. Das ist eine Aussage über den Staat, dem diese Partei nicht fern genug steht.

Ich frage mich, ist die NPD von V-Leuten durchsetzt oder wird sie gar von V-Leuten gesteuert? Wohin? Wo ist die Kontrolle?

In diesen Tagen wird oft Brecht zitiert: »Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber.«

Brecht hat auch über den österreichischen Faschismus geschrieben, 1934 in der Kantate auf Koloman Wallisch, was auf die NPD passt, heute:

Sie lügen die Berge weg!
Ihr Maul hat 5 Zungen:
Eine ist väterlich.
Eine ist lehrerhaft.
Eine des gemeinen Mannes.
Eine des Seelsorgers.
Eine des Schlächters.

Hanne Hiob zum Gedenken

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Juli-Aug. 2009

Das schauspielerische Lebenswerk von Hanne Hiob ist seit ihrem Tode in ausführlichen Nachrufen angemessen gewürdigt worden. Ich möchte eine, für viele wichtig gewordene, Begegnung mit ihr zu Beginn der Wende hinzufügen. 1990 stand im Hof der Humboldt-Universität der Ausstellungskonvoi zu Brechts Gedicht: »Der anachronistische Zug«. Diese Demonstration war Teil eines internationalen Kongresses von Künstlerinnen und Künstlern im Auditorium Maximum zum Thema »Wohin zieht der anachronistische Zug?« Auch Hanne Hiob nahm teil, zumal sie Schirmherrin des Ausstellungszuges als auch des Kongresses war. Ihr wurde begeistert applaudiert. Ohne ihre künstlerische aber auch großzügige finanzielle Unterstützung hätte -diese »Gedichtdemonstration« ihre aufrüttelnde Reise durch ganz Deutschland für »Frieden und Demokratie« nicht unternommen werden können.

Der Moderator würdigte Hanne Hiob vor dem Auditorium als die große Schauspielerin, die mit Leidenschaft wichtige Stücke ihres Vaters, Bertolt Brecht, auf die Bühne gebracht habe. Neben Therese Giehse habe sie z. B. der stummen Katrin in »Mutter Courage« und der Heiligen Johanna der Schlachthöfe unter der Regie von Gustaf Gründgens 1959 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg Gestalt verliehen. Mit diesen Rollen sei sie in die Theatergeschichte als Brechtschauspielerin eingegangen. Hanne Hiob bedankte sich freundlich, aber kritisch: »Meine Bühnenlaufbahn ist für mich Geschichte. Mein Lebensthema ist die antifaschistische Botschaft wie sie speziell in Brechts Anachronistischem Zug ausgedrückt ist. Jetzt geht es darum, wie ehrlich in die Einheit Deutschland ›Freiheit und Demokratie‹ eingebracht wird. Wird das nun wieder große Deutschland es schaffen demokratischer zu werden oder ›fährt die Dummheit immer noch mit im Zug‹.«

Sie hatte sich gegen Berufsverbote in der Bundesrepublik Deutschland eingesetzt, gegen alten wie neuen Faschismus, der für sie paradigmatisch bei der Wahl des ehemaligen Mitglieds der NSDAP, Karl Carstens, zum Bundespräsidenten offenbar wurde. Damals hat sie als aktuellen Protest den »Anachronistischen Zug« verlesen. Dafür bekam sie prompt einen Prozess mit Franz Josef Strauß.

Für ihre Freunde und Kampfgefährten war es eine besondere Freude, dass Hanne Hiob als erste Künstlerin den Aachener Friedenspreis für ihr Lebenswerk im Kampf gegen Faschismus und Rechtsradikalismus bekommen hat. Sie rief damals spontan in die Menge: »Ich werde auch mit 100 noch auf die Barrikaden gehen für Gerechtigkeit und Frieden.« Nun ist sie leider nur 86 Jahre alt geworden. Sie wird uns fehlen.

»antifa«Ausgabe Mai-Juni 2009

geschrieben von Bildnachweis: Staatliches Film-und Fotoarchiv Krasnogorsk

5. September 2013

Mai-Juni 2009

»Veteraninnen im Park des Sieges«, Tiflis, 8. März 1985

Berliner Arbeiterwiderstand 1942 – 1945

„Weg mit Hitler – Schluß mit dem Krieg!“

Die Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation

Ausstellung der Berliner VVN-BdA in der Humboldt-Universität zu Berlin / Foyer der „Kommode“

Editorial

geschrieben von Regina Girod

5. September 2013

Mai-Juni 2009

Diese Ausgabe erscheint am 8. Mai, dem 64. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg. Ein Tag des Gedenkens für Antifaschistinnen und Antifaschisten in vielen Ländern und ein Grund zu feiern für all jene, denen eine Welt des Friedens und der Freiheit am Herzen liegt. Wie schon seit Jahren wird die Berliner VVN-BdA gemeinsam mit anderen antifaschistischen Gruppen am Treptower Ehrenmal der gefallenen Sowjetsoldaten gedenken und diesmal zudem am 9. Mai ein deutsch-russisches Fest zum Tag des Sieges ausrichten. Sein Motto: »Wer nicht feiert, hat verloren!« Das Titelbild unserer Zeitschrift zeigt einen Ausschnitt aus dem Plakat für diese Veranstaltung.

Im Interview berichtet Hanna Podymachina darüber, wie sie als Berliner Mädchen mit ihren Eltern in die Sowjetunion emigrierte und als Offizier der Sowjetarmee zurückkehrte.

Der Sieg über den Faschismus war die Grundlage für all jene Entwicklungen, derer in diesem Jahr in der Bundesrepublik gedacht wird. Als erstes rundes Datum fällt in den Monat Mai der 60. Jahrestag der Annahme des Grundgesetzes. Was bedeutet es für Antifaschisten gestern und heute? Wo stehen wir in Bezug auf die Verwirklichung der Grundrechte? Wie kann die Lücke zwischen deklarierter Verfassung und politischer Realität geschlossen werden? Wir versuchen, unterschiedliche Ansätze für Antworten aufzuzeigen: mit einem Beitrag des Publizisten Lorenz Knorr, mit dem Nachdruck eines Artikels von Wolfgang Abendroth zum 25. Jahrestag des Grundgesetzes und vor allem mit dem »Spezial«, in dem Heinrich Hannover über seine Erfahrungen als Anwalt in politischen Prozessen der BRD berichtet.

Der vor fünfunddreißig Jahren erschienene Beitrag Wolfgang Abendroths zeigt auf besondere Weise, was es am Grundgesetz bis heute zu verteidigen gilt und wie aktuelle Kräfte- und Interessenkonstellationen zu jeder Zeit Interpretation und Umsetzung von Recht bedingen. Eine dialektische Sicht auf Geschichte und Gesellschaft, sehr unterschieden vom heute propagierten Geschichtsbild.

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