Vom »lautlosen Aufstand«

geschrieben von Hans Coppi

5. September 2013

Erinnerung an den Dramatiker und Schriftsteller Günther Weisenborn

März-April 2009

Für das Drehbuch zu dem (ersten) Film über den 20. Juli (Regie Falk Harnack) erhielt Günther Weisenborn 1955 den Bundesfilmpreis.

In der Bundesrepublik blieb er mit seinen literarischen Arbeiten weitgehend ein Außenseiter, der in schweren Tagen der VVN kameradschaftlich verbunden blieb. So gehörte er dem VVN-Verteidigungskomitee an, das sich nach dem Verbotsantrag der Bundesregierung gebildet hatte. In den siebziger Jahren vergab die WN den Günther-Weisenborn-Preis für antifaschistische Literatur.

Vor 40 Jahren, am 26. März 1969, verstarb Günther Weisenborn in Berlin. 1902 geboren, hatte er bereits mit 26 Jahren nachdrücklich auf sein dramatisches Talent aufmerksam gemacht. Das Antikriegsstück »U Boot S 4« wurde Mitte Oktober 1928 mit Heinrich George in der Hauptrolle an der Berliner Volksbühne und zugleich in Stuttgart, Oldenburg und Bonn aufgeführt. Der Sozialist, dessen Partei wie er einmal sagte, die Kultur war, näherte sich Positionen der revolutionären Arbeiterbewegung. Davon zeugen der Studentenroman »Die Barbaren«, worin er jungen Akademikern als Alternative den Weg zu der entschiedenen Linken, der KPD, aufzeigte und die mit Brecht, Eisler, Dudow und Elisabeth Hauptmann vorgenommene Dramatisierung von Gorkis »Mutter«.

SA-Studenten warfen »Die Barbaren« am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz in die Flammen. Trotz alledem, er blieb in Deutschland. Nach tiefster Depression, äußerer Not und Flucht ins Private veröffentlichte er 1935 seinen zweiten Roman »Das Mädchen von Fanö«, 1937 »Die Furie« und unter Pseudonym das erfolgreiche Stück »Die Neuberin«. Es fiel ihm immer schwerer sein »Nichteinverstandensein« literarisch zu gestalten. Nach einem sechsmonatigen Emigrationsversuch in den USA kehrte er im Herbst 1937 wieder zurück.

Kurz danach traf Günther Weisenborn an einer Bushaltestelle Harro Schulze-Boysen. Sie hatten sich 1932 bei einer Diskussion zu den »Barbaren« kennen gelernt hatte. Bei dem Angestellten im Luftfahrtministerium traf er Regimegegner, den roten Matrosen und Kommunisten Walter Küchenmeister, den Bildhauer Kurt Schumacher, die Ärztin Elfriede Paul und andere. Politische und künstlerische Diskussionen, gemeinsame Ausflüge auf den Darß, nach Liebenberg und in der Schorfheide führten sie zusammen.

Seit 1937 schwieg der Schriftsteller Günther Weisenborn. Unter Pseudonym veröffentlichte er noch Abenteuergeschichten zum Broterwerb und übernahm Filmarbeiten. 1940 gelang es ihm, eine Anstellung beim Großdeutschen Rundfunk zu finden. Bald leitete der Hitlergegner die Kulturredaktion und ab Januar 1942 die Korrespondentenzentrale. Er unterstützte seine Freunde im Widerstand und wurde mit ihnen im September 1942 verhaftet. Nach der beantragten Todesstrafe verurteilte ihn das Reichskriegsgericht zu drei Jahren Zuchthaus, die er bis zur Befreiung in Luckau verbrachte.

Mit dem im März 1946 aufgeführten Stück »Die Illegalen«, es war ein Zeitdokument und zugleich ein poetisches Mahnmal, verarbeitete er, wie später auch in dem Hörspiel »Klopfzeichen«, eigene Erfahrungen. Er wollte seinen in Plötzensee ermordeten Freunden aus der »Roten Kapelle« und den vielen namenlosen Widerstandskämpfern der »Schafottfront« ein Denkmal setzen. »Die Illegalen« gehörten zu den meist gespielten Gegenwartsstücken in den frühen Nachkriegsjahren. In dem bereits in Gestapohaft konzipierten und 1947 veröffentlichten »Memorial«, verdichten sich Episoden aus Widerstand und Haft mit seinem Leben in Freiheit. Ein insbesondere für die junge Nachkriegsgeneration wichtiges Buch.

Weisenborn trat für eine politisch verantwortliche, dezidiert antifaschistische Literatur ein. Die greise Ricarda Huch übergab ihm kurz vor ihrem Tod das von ihr zusammengetragenes Material über die vielstimmige Opposition gegen das Naziregime. Das im Jahre 1953 bei Rowohlt veröffentlichte Buch »Der lautlose Aufstand« (1962 dann auch in einer größeren Taschenbuchauflage), war eine der ersten Dokumentationen über den deutschen Widerstand in seiner erstaunlichen Vielfalt. Im Westen wurde ein Zuviel an kommunistischem Widerstand bemängelt. Aus DDR-Sicht war dieser nur unzureichend repräsentiert und entsprach nicht dem propagierten Bild von der führenden Rolle der Kommunisten im deutschen Widerstand. »Der lautlose Aufstand« erschien nicht in der DDR.

Der Röderberg-Verlag brachte 1974 »Memorial« und 1977 den »lautlosen Aufstand« erneut heraus.

Günther Weisenborn ist seit seiner Jugend für das »andere« Deutschland, für ein demokratisches und humanistisches Gemeinwesen eingetreten. Seit einigen Jahren trägt eine Straße in Leverkusen seinen Namen, und in Berlin ist an seinem früheren Wohnhaus in der Niedstraße zu seinem 100. Geburtstag eine Gedenktafel angebracht worden. Die Wiederentdeckung seines überaus reichen künstlerischen Werkes steht noch aus.

Vermächtnis des Widerstands

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Die Repräsentanten der Internationalen Komitees an die
Nachgeborenen

März-April 2009

Die Internationale Förderation der Widerstandskämpfer (FIR) – Bund der Antifaschisten hat als Dachorganisation ehemaliger Widerstandskämpfer und Partisanen, Deportierter und Verfolgter sowie Antifaschisten der heutigen Generation in einer Erklärung die Übergabe des Vermächtnisses durch die Präsidenten der Lagerkomitees begrüßt und ihre Bereitschaft erklärt, die Verantwortung für die Bewahrung des Vermächtnisses zu übernehmen

Man muss weit zurückblättern in der Geschichte der europäischen Vereinigungen der Überlebenden des faschistischen Terrors, um ein Ereignis ähnlicher Bedeutung zu finden wie das Treffen der Repräsentanten der Internationalen Komitees der Konzentrationslager Auschwitz, Bergen-Belsen, Buchenwald, Dachau, Flossenbürg, Mittelbau-Dora, Neuengamme, Ravensbrück und Sachsenhausen am 25. Januar dieses Jahres in Berlin. 64 Jahre nach dem Sieg der Völker über den Faschismus haben sie, allesamt Überlebende des Terrors und heute hochbetagt, sich am Vorabend des Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslager Auschwitz mit ihrem Vermächtnis an die europäischen Völker, vor allem aber an die Jugend gewandt. Ein bewegendes Zeitdokument, ein Mahnruf zu einer Zeit, da sich das Ende der Zeitzeugenschaft nähert, verfasst in der Verantwortung, die die damals aus den Konzentrationslagern Befreiten mit ihrem Schwur: Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus! übernommen haben. (Wortlaut Seite 23)

»Im Lichte unserer Erfahrungen«, so sagte Noach Flug (84) aus Israel, Präsident des Internationalen Auschwitzkomitees, bei der Vorstellung des Dokuments auf einer Pressekonferenz in Berlin, »fühlen wir uns verpflichtet, unsere bitteren Erfahrungen, unsere Forderungen und Erwartungen an die nachfolgenden Generationen zu übergeben«. Das ist die Aufforderung, den Kampf gegen Rassismus, Neofaschismus, Fremdenfeindlichkeit, für eine gerechte Welt des Friedens fortzuführen und Appell zum Eintreten für den Erhalt der authentischen Orte der ehemaligen Lager. Diese Gedenkstätten, ergänzte Pierre Gouffault (85), der französische Präsident des Internationalen Auschwitzkomitees müssen auch in Zukunft den europäischen Widerstand würdigen.

»Mit großer Sorge« wandte er sich gegen eine Gleichsetzung der faschistischen Konzentrationslager mit den von den Alliierten nach der Befreiung u.a. in Sachsenhausen oder Buchenwald eingerichteten Internierungslagern »Auch in der Zukunft darf es an allen Orten zweifacher Vergangenheit keine Vermischung der historischen Phasen geben. Ursachen und Wirkung müssen deutlich gemacht werden, auch wenn wir anerkennen, dass nach 1945 neues Leid und neues Unrecht geschehen ist. Wir werden aber nie akzeptieren, dass diese Phasen der Darstellung der Geschichte vor und dem Ende des zweiten Weltkrieges miteinander vermischt werden.«

Die Präsidenten der Internationalen Komitees übergaben das Dokument am 27. Januar, im Anschluss an die Gedenkstunde des Bundestages für alle Opfer des NS-Terrors, an Bundestagspräsident Norbert Lammert. Es ist inzwischen allen Bundestagsabgeordneten zugestellt worden.

Erinnerung bewahren

geschrieben von Berlin, 25. Januar 2009

5. September 2013

Die Erklärung der Lagergemeinschaften im Wortlaut

März-April 2009

KZ-Überlebende, die die internationalen Komitees von neun Lagern vertreten, verabschiedeten in Berlin ein »Vermächtnis«, das am 26.1.09 auf einer Presskonferenz in der Berliner Akademie der Künste vorgestellt und am 27. 1. an Bundestagspräsident Norbert Lammert übergeben wurde.

»Wir, die Unterzeichnenden, Überlebende der deutschen Konzentrationslager, Frauen und Männer, vertreten Internationale Häftlingskomitees der Konzentrationslager und ihrer Außenkommandos. Wir gedenken unserer ermordeten Familien und der Millionen Opfer, die an diesen Orten der Asche getötet wurden. Ihre Verfolgung und Ermordung aus rassischen, politischen, religiösen, sozialen, biologischen und ökonomischen Gründen und ein verbrecherischer Krieg haben die Welt an den Rand des Abgrunds geführt und eine schreckliche Bilanz hinterlassen.

Nach unserer Befreiung schworen wir eine neue Welt des Friedens und der Freiheit aufzubauen: Wir haben uns engagiert, um eine Wiederkehr dieser unvergleichlichen Verbrechen zu verhindern. Zeitlebens haben wir Zeugnis abgelegt, zeitlebens waren wir darum bemüht, junge Menschen über unsere Erlebnisse und Erfahrungen und deren Ursachen zu informieren.

Gerade deshalb schmerzt und empört es uns sehr, heute feststellen zu müssen: Die Welt hat zu wenig aus unserer Geschichte gelernt. Gerade deshalb müssen Erinnerung und Gedenken weiterhin gleichermaßen Aufgabe der Bürger und der Staaten sein. Die ehemaligen Lager sind heute steinerne Zeugen: Sie sind Tatorte, internationale Friedhöfe, Museen und Orte des Lernens. Sie sind Beweise gegen Verleugnung und Verharmlosung und müssen auf Dauer erhalten werden.

Sie sind Orte der wissenschaftlichen Forschung und des pädagogischen Engagements. Die pädagogische Betreuung der Besucher muss ausreichend gewährleistet sein.

Die unvergleichlichen Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten – erinnert werden muss in diesem Zusammenhang vor allem an den Holocaust – geschahen in deutscher Verantwortung. Deutschland hat viel zur Aufarbeitung seiner Geschichte getan. Wir erwarten, dass die Bundesrepublik und ihre Bürger auch in Zukunft ihrer Verantwortung in besonderem Maße gerecht werden.

Aber auch Europa hat seine Aufgabe: Anstatt unsere Ideale für Demokratie, Frieden, Toleranz, Selbstbestimmung und Menschenrechte durchzusetzen, wird Geschichte nicht selten benutzt, um zwischen Menschen, Gruppen und Völkern Zwietracht zu säen. Wir wenden uns dagegen, dass Schuld gegeneinander aufgerechnet, Erfahrungen von Leid hierarchisiert, Opfer miteinander in Konkurrenz gebracht und historische Phasen miteinander vermischt werden.

Daher bekräftigen wir den von der ehemaligen Präsidentin des Europäischen Parlaments und Auschwitz-Überlebenden Simone Veil vor dem Deutschen Bundestag 2004 ausgesprochenen Appell zur Weitergabe der Erinnerung: »Europa sollte seine gemeinsame Vergangenheit als Ganzes kennen und zu ihr stehen, mit allen Licht- und Schattenseiten; jeder Mitgliedstaat sollte um seine Fehler und sein Versagen wissen und sich dazu bekennen, mit seiner eigenen Vergangenheit im Reinen zu sein, um auch mit seinen Nachbarn im Reinen sein zu können.«

Unsere Reihen lichten sich. In allen Instanzen unserer Verbände, auf nationaler wie internationaler Ebene, treten Menschen an unsere Seite, um die Erinnerung aufzunehmen: Sie geben uns Vertrauen in die Zukunft, sie setzen unsere Arbeit fort. Der Dialog, der mit uns begonnen wurde, muss mit ihnen fortgeführt werden. Für diese Arbeit benötigen sie die Unterstützung von Staat und Gesellschaft.

Die letzten Augenzeugen wenden sich an Deutschland, an alle europäischen Staaten und die internationale Gemeinschaft, die menschliche Gabe der Erinnerung und des Gedenkens auch in der Zukunft zu bewahren und zu würdigen. Wir bitten die jungen Menschen, unseren Kampf gegen die Nazi-Ideologie und für eine gerechte, friedliche und tolerante Welt fortzuführen, eine Welt, in der Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus keinen Platz haben sollen.

Dies sei unser Vermächtnis.«

Das Vermächtnis unterzeichneten:

Noach Flug (Jerusalem), Internationales Auschwitz Komitee

Sam Bloch (New York), World Federation of Bergen-Belsen

Bertrand Herz (Paris), Internationales Buchenwald Komitee

Max Mannheimer (München), Internationales Dachau Komitee

Uri Chanoch (Jerusalem), Internationales Komitee Nebenlager Dachau

Jack Terry (New York), Internationales Flossenbürg Komitee

Albert van Hoey (Brüssel), Internationales Komitee Mittelbau-Dora

Robert Pinçon (Tours), Internationales Neuengamme Komitee

Annette Chalut (Paris), Internationales Ravensbrück Komitee

Pierre Gouffault (Paris), Internationales Sachsenhausen Komitee

Das Archiv der VVN

geschrieben von Stephan Feldhaus

5. September 2013

Ein Fundus der Zeitgeschichte wird gesichert und erschlossen

März-April 2009

Mehr als einhundert Ordner umfasst der Aktenbestand der einstigen Frankfurter Bundesgeschäftsstelle der VVN aus den Jahren 1947 bis 1977, die heute im Gebäude am Berliner Franz-Mehring-Platz eingelagert sind; hinzu kommen Zeitschriftensammlungen und Bildmaterial: Dokumente aus vier Jahrzehnten der politischen Arbeit in der Bundesrepublik, die ein interessantes Licht auf die Rolle der VVN in der Nachkriegszeit und den Umgang von Staat und Gesellschaft mit den Verfolgten werfen.

Bislang konnte der genaue Umfang und Inhalt dieser Aktenbestände nur erahnt werden. Im Rahmen des Projekts »Geschichtswerkstatt« wurde nun eine präzise und umfassende Bestandsaufnahme der Dokumente durchgeführt und eine elektronische Datenbank erstellt. Ordner für Ordner wurde von den Projektmitarbeiterinnen gesichtet, Dokument für Dokument schriftlich mit den wichtigsten Angaben festgehalten und in Erfassungsmasken eingegeben.

Die Gesamtzahl der Dokumente kann nur geschätzt werden. Da jedoch alle Ordner prall gefüllt sind, ist von 15.000 bis 30.000 Einzelschriftstücken auszugehen. Es handelt sich dabei um Schriftverkehr der Bundesgeschäftsstelle, Zusammenstellungen von Zeitungsartikeln der internationalen Presse, Diskussionsbeiträge, Flugblätter, Programme der unterschiedlichsten Organisationen und vieles mehr. Alle diese Einzeldokumente sind zwischen 1947 und 1977 in der Bundesgeschäftsstelle der VVN gesammelt, jedoch offensichtlich nie katalogisiert worden, sodass die gezielte Suche nach einzelnen Schriftstücken oder die Recherche zu bestimmten Themen einer Sisyphusarbeit gleichkommt.

Das Archiv der VVN-BdA enthält sämtliche Ausgaben von »Der (antifaschistische) Widerstandskämpfer« von 1968 bis 1987, der internationalen Zeitschrift für Widerstandskämpfer, herausgegeben von der Zentralleitung des Komitees der antifaschistischen Widerstandskämpfe der DDR. Die Zeitschrift gibt einen guten Überblick über die Aufklärungs- und Gedenkarbeit in der DDR über die Verbrechen und Verfolgungen während der Zeit des »Dritten Reichs«. Ebenso enthält das Archiv die gebundenen Ausgaben der Wochezeitung »Die Tat (deutsch unabhängig antifaschistisch demokratisch)« von 1953 bis 1967, die in Frankfurt/Main erschien, herausgegeben von der deutschen Widerstandsbewegung, das Organ der Opfer des Naziregimes und ihrer Hinterbliebenen. Während »Der antifaschistische Widerstandskämpfer« mehr ein nationales Verbandsorgan ist, ist »Die Tat« eine politische Wochenzeitung mit allen Themen einer Zeitung mit dem Schwerpunkt Mahnung und Aufruf zur Aufarbeitung der Nazi-Zeit.

Weiterhin findet sich im Archiv umfangreiches Material in Schrift und Bild über die FIR (Fédération Internationale des Resistants).

Das Aktenmaterial dokumentiert schwerpunktmäßig die folgenden Ereignisse:

– die regelmäßig durchgeführten Bundeskongresse der VVN,

– das gescheiterte Verbotsverfahren der Bundesregierung gegen die VVN,

– den Prozess gegen den ehemaligen Bundesminister für Vertriebenenfragen Theodor Oberländer.

Zu den Bundeskongressen finden sich Listen mit Delegierten, Ansprachen, Anträge und Protokolle über die Beschlussfassungen. Besonders ist hier der BK von 1971 in Oberhausen zu erwähnen, auf dem die Öffnung der VVN und ihre Erweiterung zur VVN-BdA beschlossen wurde.

Der zweite große Teilbestand beinhaltet Dokumente zum Versuch der Bundesregierung Anfang der 60er Jahre, die VVN als verfassungsfeindlich verbieten zu lassen. Der Prozess scheiterte schon zu Beginn aufgrund der NS-Verstrickungen des vorsitzenden Richters. Im Bestand findet sich Schriftverkehr der beteiligten Anwaltskanzleien, Protestbriefe einer internationalen Solidaritätskampagne mit der VVN, Schriftsätze zu den Standpunkten der Bundesregierung sowie eine Sammlung der weltweiten Pressereaktionen.

Schließlich ist noch die VVN-Kampagne gegen Theodor Oberländer zu erwähnen, Minister im Kabinett Adenauer und durch seine Nazi-Vergangenheit schwer belastet. Während ihm in der DDR ein juristisch fragwürdiger Prozess gemacht wurde und er in Abwesenheit zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde, erreichte die Kampagne im Westen zumindest, dass Oberländer sein Amt aufgeben musste.

Neben dem allgemeinen Schriftverkehr des Bundesbüros sind dies die historisch interessantesten Dokumente, die nun der Forschung zugänglich gemacht werden sollen. Nach der Erfassung und Neuordnung steht eine Datenbank in elektronischer Form zur Verfügung, die das schnelle Auffinden einzelner Dokumente anhand verschiedener Kriterien ermöglichen soll. Dieser zeitgeschichtliche Schatz wartet darauf gehoben zu werden.

Toleranz im Schwimmbad

geschrieben von Irene Runge

5. September 2013

Oder: was ein Burkini offenbart

März-April 2009

Nicht nur ein deutsches Problem. Bereits am 25. 2.2008 meldete die Süddeutsche Zeitung:

Das „Hansebad“ im niederländischen Zwolle verweigert muslimischen Frauen im sogenannten Burkini den Zutritt zu normalen Öffnungszeiten. Der Direktor des Schwimmbades wies darauf hin, dass es auf Wunsch einzelner Gruppen gesonderte Öffnungszeiten gebe – etwa für Menschen mit Migrationshintergrund, Übergewichtige, Parkinson-Kranke oder Nacktschwimmer. Die abge- wiesene Muslimin solle wie andere von diesen Sonderschwimmzeiten Gebrauch machen und eine Öffnungszeit für muslimische Frauen anfragen.

Auf eigenwillige Weise kleidsam verkleidend und fürs sportliche Schwimmen offenbar geeignet, ein solches Gewand nennt sich Burkini. Diese unerhörte Erfindung, die streng religiösen muslimischen Frauen das fast Unmögliche, nämlich das Baden in öffentlichen Schwimmanstalten ermöglichen soll, dieses Burkini also, ein Wortgebilde aus Burka und Bikini, könnte zum Sprungbrett werden. Eine junge muslimische Designerin aus Berlin hat es kreiert, und sie hätte vermutlich keine Absatzsorgen, würden die Männer der Bäderbetriebe allen Badewilligen ungeachtet ihrer Gewandung demokratisch das Schwimmrecht zubilligen.

Ein wenig erinnert die Robe aus wassergeeignetem Material an die fesch verhüllende Badekleidung der vorletzten Jahrhundertwende, durch Stummfilme, alte Fotos und romantisches Kino in der Erinnerung geblieben. Damals nutzten Frauen genierlich und kokett auch die ihnen zugewiesenen Badestege, manchmal führte der Schritt ins erfrischende Nass zusätzlich durch ein abgrenzendes Zelt. Aber selbst diese reich bebilderte Vergangenheit kann heutiger Leute Vorurteil nicht unbedingt schwächen. Ginge es nach ihnen, wäre verboten, was in Berlin der badebehördlichen Erlaubnis harrt, nämlich das Schwimmen der gesetzestreu verhüllten Frauen in öffentlichen Becken.

Im Fernsehen sahen sie zunächst komisch aus, als sie derart bekleidet ins Wasser stiegen. Aber warum sprachen spärlich bekleidete andere Frauen, noch wassertriefend, in das Mikrofon des Berliner Fernsehens von Irritation, Entsetzen, Empörung und Beschämung? Das ungewöhnliche Outfit der Geschlechtsgenossinnen schien ihnen Angst zu machen. Ich hingegen sah eher Eleganz und neidete den Verhüllten ihre Geschmeidigkeit, mit der sie vom Brett sprangen, die Schnelligkeit, mit der sie das Becken durchquerten, und die Herzlichkeit, mit der sie in ihren dichten bunten Gewändern miteinander plauderten.

Die Aufregung ist mir nicht nachvollziehbar. In Israel nahm mich eine Frau an den Badestrand der Religiösen mit. Natürlich an den für Frauen, der durch einen blickdichten, bis ins Meer hinein reichenden Zaun vom Männerstrand getrennt ist. Trotz unerträglicher Hitze und obgleich sie unter sich waren, trugen die Frauen mantelartige Überhänge und Kopfverhüllungen. Ich ging nicht ins Wasser, mein Bikini, so schien mir, könnte die Gefühle anderer verletzen. Nein, sagte meine Begleiterin, die nur mit den Füßen badete, ich wäre sichtbar keine von ihnen, daher würde meine befremdliche Badekleidung eher mit missbilligendem Schweigen toleriert werden.

So tolerant wird in Berlin nicht reagiert. Das Burkini, ob hell, dunkel, gestreift oder mit Blumendruck versehen, verärgerte nicht nur schwimmende Halbnackte, sondern emanzipierte religionsferne wie antireligiöse Frauen gleichermaßen. Sie alle trugen ihre moralischen, ästhetischen und ideologischen Einwände gegen solche Anblicke, auch hygienische Bedenken und geheuchelte Besorgnis vor, jene Kleidung könne das Schwimmen behindern, zudem würde eine solche Kleiderordnung den Frauen nur wegen ungezügelter Männertriebe aufgezwungen. Wobei die Meinung religiöser Frauen niemandem eine Erwähnung wert war.

Genaugenommen hat das wenig mit sich verhüllenden Frauen und mehr mit Vorurteilen zu tun. Genaugenommen schüren Ängste und Unsicherheiten gegenüber dem Islam, nicht selten als radikaler Islamismus verkannt, den Wunsch nach Ausgrenzungen. Warum gerade verhüllte Frauen die platten Vorurteile anheizen, weiß ich nicht. Diese irrationalen Klischees werden hoffentlich irgendwann an unserer Lebensvielfalt zerschellen.

Der Bundesverfassungsschutz scheint das Problem längst erkannt zu haben. Warum sonst würde er seit fast drei Jahren die Wanderausstellung »Die missbrauchte Religion – Islamisten in Deutschland« auf die Reise schicken, und darin die Vielfalt der Weltreligion Islam als mögliche Lebensweise und die Abkehr auf den schmalen finsteren Grat islamistischen Terrors in sechs Stationen anschaulich und ausführlich dokumentieren? Badende Frauen kommen hier nicht vor, aber die Aussage, dass 99 Prozent aller in Deutschland lebenden Muslime über den politischen Verdacht des Extremismus erhaben sind. Müsste eine solche Erkenntnis dem möglichen Badeverbot nicht von vornherein das Wasser abgraben?

»An die deutschen Hörer«

geschrieben von Peter Fisch

5. September 2013

Thomas Manns Rundfunk-Ansprachen von 1940 bis 1945

März-April 2009

» Ein deutscher Schriftsteller spricht zu euch, dessen Werk und Person von euren Machthabern verfemt sind und dessen Bücher, selbst wenn sie vom Deutschesten handeln, von Goethe zum Beispiel, nur noch zu fremden, freien Völkern in ihrer Sprache reden können, während sie euch stumm und unbekannt bleiben müssen. Mein Werk wird eines Tages zu euch zurückkehren…«

So begann die erste Ansprache des Emigranten Thomas Mann im Oktober 1940.

Der Krieg war bereits ein Jahr im Gange, als die British Broadcasting Corporation (BBC) den exponiertesten Vertreter des antifaschistischen Exils bat, sich mit Radioansprachen an die Deutschen zu wenden. Er sollte, wie er 1942 schrieb, »die Kriegsereignisse kommentieren und eine Einwirkung auf das deutsche Publikum im Sinne meiner oft geäußerten Überzeugungen versuchen…«

Insgesamt trat Thomas Mann zwischen 1940 und 1945 58mal im Deutschen Dienst des britischen Senders auf. Zunächst wurden die Reden nach London gekabelt, wo sie ein deutscher Sprecher der BBC verlas, später in den USA auf Schallplatten aufgenommen und per Telefon nach London abgespielt. Diese Ansprachen, immer jeweils von ca.acht Minuten Dauer, sind wohl die entschiedensten und kompromisslosesten Äußerungen, die er Zeit seines Lebens zu Fragen des Zeitgeschehens geschrieben und gesprochen hat. Wer sich heute den vorliegenden Texten oder dem Tondokument zuwendet, wird sich der bedeutenden literarisch-publizistischen Leistung, aber auch der intellektuellen und zugleich emotionalen Wirkung nicht entziehen können. Nicht gedacht als essayistische Bemühung über das aktuelle Kriegsgeschehen, wollte Thomas Mann die Deutschen wachrütteln und ihnen Mut zusprechen.

Sein Engagement gegen das faschistische Deutschland resultierte nicht nur aus der Sorge um den Kriegsausgang, sondern auch aus Sorge um sein Werk.Er wusste: Dieser Krieg ist eine »Entscheidungsschlacht der Menschheit, und alles entscheidet sich darin, auch das Schicksal meines Lebenswerkes.« Er könne für lange Zeit nicht nach Deutschland zurückkehren, »wenn das elende Gesindel siegt…« So wichtig ihm die Sorge um sein Oeuvre war, die Radioansprachen wurden dennoch primär von politisch-moralischen Motiven getragen. Nicht zuletzt war es das »Leiden an Deutschland«, an »all dem, was es nach dem Willen verbrecherischer Gewaltmenschen…der Welt angetan hat«, das ihn zum Sprechen anregte.

In der Rede vom März 1941 charakterisierte Thomas Mann seine Ansprachen explizit als Dienst an den Deutschen, als Hilfe für ein gedemütigtes und verführtes Volk, das sich zugleich immer mehr mitschuldig macht. Die Deutschen zum Sturz des Faschismus zu bewegen – darin bestand das eigentliche Ziel der Rundfunkreden. Ihre Inhalte konnte Thomas Mann frei bestimmen.

Welches Bild zeichnet er von Deutschland und den Deutschen? Danach zu fragen, erscheint wichtig, weil die Antwort Aussagen zur Position des Repräsentanten der antifaschistischen Emigration über die spezifische historische Verantwortung ihres Landes und Volkes vermittelte, die nach wie vor aktuell sind. Eine grundlegende Prämisse Thomas Manns war, dass er strikt zwischen den Interessen des deutschen Volkes und denen der faschistischen Machthaber unterschied. Geradezu leitmotivisch durchzog diese Auffassung seine Reden: Die Verführung der Deutschen sei das Werk des Faschismus und seiner Repräsentanten, und nur so wären die furchtbaren Verbrechen möglich gewesen. Dabei war für ihn die Abkehr eines großen Teils der Deutschen von den humanistischen Idealen rational nur schwer fassbar.

Er appellierte daran, Mut zum Widerstand zu entwickeln. In seiner Rede vom 25.5.1942 forderte er die Deutschen zur Reue, Sühne und Selbstreinigung auf – als Bedingung für den Neuanfang. Letzterer sollte sich nicht »auf die Ausbrennung der Nazipest beschränken…,sondern die ganze Menschenschicht treffen, deren Macht -und Habgier sich des Nazitums als Instrument bediente…« Seine Parteinahme für die Staaten und Armeen der Antihitlerkoalition wurde immer deutlicher, zumal auch seine Kinder Klaus, Golo und Erika als Angehörige der US-Streitkräfte bewusst antifaschistisch handelten. Dieser Logik folgend, rechtfertigte er alle militärischen Handlungen, die der Niederwerfung des Faschismus dienten, so auch den Bombenkrieg. Schon im April 1942, nach der Bombardierung Lübecks, bekannte er: »Das geht mich an, es ist meine Vaterstadt…Aber ich denke an Coventry – und habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, dass alles bezahlt werden muss.«

Nach Kriegsende musste er erkennen, dass die Mehrheit der Deutschen sich nur in ihrer Opferrolle gefiel, keinen Blick auf das Leid anderer Völker warf und die Frage der Mitschuld an Krieg und Faschismus ignorierte. »Es ist kein großes Volk«, stellte er verbittert fest.

In seiner Ansprache vom 10.Mai 1945, angesichts der faschistischen Kapitulation, resümierte er:

Das deutsche Volk habe es nicht vermocht, sich selbst zu befreien, dennoch, »…die Stunde ist groß – nicht nur für die Siegerwelt, auch für Deutschland -, die Stunde, wo der Drache zur Strecke gebracht ist, das wüste und krankhafte Ungeheuer…«, Unabdingbar wird es sein, so fortsetzend, die militärische Zerschlagung des Faschismus als Befreiung und historische Leistung anzuerkennen, als Chance für die Deutschen zur, »Rückkehr zur Menschlichkeit« durch die »innere Abkehr« vom nazistischen Ungeist in seiner Gesamtheit.

Endstation Riga

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Wie das Münsterland mit Hilfe der Reichsbahn »judenrein«
wurde

März-April 2009

Determann/Ester/Spieker: Die Deportationen aus dem Münsterland. Katalog zur Ausstellung im Gepäcktunnel des Hauptbahnhofs von Münster vom 18. Mai bis 15. Juni 2008. Münster 2008, 15. Bezug: Geschichtsort Villa ten Hompel, 48145 Münster, Kaiser-Wilhelm-Ring 28, E-Mail: tenhompel@stadt-münster.de

»In den Tod geschickt«

Bis zum 26. April 2009 ist eine Ausstellung mit diesem Titel in der Hamburger Kunsthalle ((Klosterwall19, Dienstag bis Sonntag 11-18,00 Uhr) zu sehen.

Die am 15. Februar eröffnete Ausstellung erinnert an die mindestens 7.962 Juden und Sinti und Roma, die von den Hamburger Behörden vom Hannoverschen Bahnhof aus mit 20 Transportzügen in die Ghettos und Vernichtungslager deportiert wurden. Bis 2017 soll auf diesem Gelände eine Gedenkstätte entstehen.

Was mag im Kopf des Dorfpolizisten von Heek im münsterländischen Ahaus vorgegangen sein, als er am 10. Dezember 1941 diese »Quittung« verfasste: »Die Juden 1. Siegmund Israel Gottschalk, 2. Rosalie Sarah Gottschalk, geb. Salomonson, erhalten zu haben bescheinigt…«?

Was mag im Kopf jenes Lokomotivführers der Deutschen Reichsbahn vorgegangen sein, der am 13. Dezember 1941 auf dem Bahnhof von Bielefeld so fröhlich lächelnd aus dem kleinen Fenster der Lokomotive 93 062 blickend abgelichtet wurde? Wusste er, dass in den anhängenden Waggons 1031 Menschen eingesperrt waren, die in den Tagen zuvor im Rahmen einer von der Gestapo und den staatlichen Dienststellen koordinierten Aktion zusammen getrieben worden waren? Dass er sie auf den Transport ohne Rückkehr brachte?

An diesem 13. Dezember fuhr der erste Transport mit Juden aus dem Münsterland nach Riga, wo sie am 16. Dezember ankamen und im dortigen Ghetto interniert wurden. Von diesem ersten Transport überlebten nur102 Jüdinnen und Juden. Am 31. Juli 1942 ging der nächste Transport auf die Reise mit Endziel Konzentrationslager Theresienstadt. Der letzte von insgesamt sechs dieser Todeszüge verließ Münster am 13. Februar 1945.

Die »Quittung« des Dorfpolizisten von Heek und das Bild des strahlenden Lokführers sind in einem Katalog enthalten, den der Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster gemeinsam mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit zu der im vergangenen Jahr gezeigten Ausstellung »Die Deportationen aus dem Münsterland« herausgegeben hat. Sie war als Ergänzung zu der von der Bundesbahn nach jahrzehntelangem Verdrängen der Mitwirkung der Reichsbahn am faschistischen Massenmord erst im Januar 2008 eröffneten Wanderausstellung »Sonderzüge in den Tod – Die Deportationen mit der Deutschen Reichsbahn« konzipiert und wurde mit ihr zusammen an einem Ort auf dem Bahngelände gezeigt, von dem aus sich die Todeszüge in Bewegung gesetzt hatten..

Auf einem überschaubaren Raum wird hier sichtbar, dass die Reichsbahn mit ihrem Transportaufkommen ein, wie der Historiker Raul Hilberg formulierte, »unerlässliches Element in der Vernichtungsmaschinerie« des Regimes war. Erkennbar wird, wie dieses System auf dem Boden eines tief verwurzelten Antisemitismus in dieser katholisch geprägten Region funktionierte. Und das nicht erst seit 1933. Im Katalog sind die Dokumente dazu nach zu lesen, sind die Bilder von den tief gedemütigten Juden zu sehen, die mit der ihnen gestatteten kärglichen Habe von der »Ordnungspolizei« in die Waggons getrieben werden. Ihr Eigentum war ihnen geraubt worden. Bis auf 50 RM – die hatten die Opfer für den Transport in die Todeslager selbst als Gebühr zu zahlen.

Zu sehen sind die Deportationslisten mit den Rubriken Alter und »arbeitsfähig«. Manfred Cohn war sieben, Paul Steinweg acht Jahre alt. Unter den laufenden Nummern von 247 bis 255 sind die Angehörigen der Familie Perlstein mit den Kindern Anni (neun Jahre) und Else (acht Jahre) erfasst. Manfred Frank war am Tag der Deportation nach Riga fünf Jahre alt. Die »Ordnungspolizei« hatte für das Gebiet des heutigen Landes Nordrhein-Westfalen ihren Sitz in der Villa ten Hompel. Von hier aus wurden auch die Polizeiformationen in Gang gesetzt, die in den Vernichtungslagern im Osten die »Endlösung« exekutierten. In diesem Haus trafen die wenigen zurückgekehrten Juden nach 1945 auf so manchen, der damals ihre Deportation verfügt und vollstreckt hatte: Nun war das Amt für Wiedergutmachung hier untergebracht worden. Diesem Kapitel ist in der Villa ten Hompel seit 2001 eine ständige Ausstellung gewidmet. In dem empfehlenswerten Katalog kommt es leider nicht vor.

Fragwürdige Lesart

geschrieben von Tanja Girod

5. September 2013

Hollywood verfilmt Bernhard Schlinks Roman »Der Vorleser«

März-April 2009

Der Vorleser (The Reader)

Drama – USA/Deutschland 2008

FSK: Freigegeben ab 12 Jahren – 124 Min. – Verleih: Senator

In meinem Schrank steht ein Buch von Bernhard Schlink. Kein Roman, sondern ein Lehrbuch; Staatsorganisationsrecht II. Dieses Buch ist ein außergewöhnliches intellektuelles Vergnügen, geschrieben von einem herausragenden Didaktiker. Professor Schlink war mein Lieblingsprofessor.

Im Jahr 1999 veröffentlichte er einen Roman, den er nach den Vorlesungen für die Mütter seiner Studentinnen signierte: »Der Vorleser«. Wenn dieser auch, vor allem in den USA, millionenfach verkauft wurde: Bernhard Schlink wird wohl als schreibender Rechtswissenschaftler in die Geschichte eingehen und nicht als juristisch gebildeter Dichter.

Dennoch: ein mutiger Schritt, sich als anerkannter Jurist von der Literaturkritik in Frage stellen zu lassen. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass der Autor sehr wohl wusste, was er tat. Denn in diesem ambivalenten Buch verdichtete Schlink seine Erfahrung als Nachkriegsjurist und »Alt-68er«. Der Roman erinnert an eine juristische Fallstudie und Kleist`sche Reportagetechniken. Plot und Figuren-ensemble erschienen mir geradezu kühn.

Erzählt wird von der sexuellen Initiation eines 15 jährigen Gymnasiasten durch eine Ex-KZ-Aufseherin. Sie begegnen sich in einer Straßenbahn. Die große Liebe und das Banale sind immer so nah. Zufällig treffen beide sich Jahre später im Gerichtssaal wieder. Er kann nicht zu ihr stehen und lässt zu, dass sie stellvertretend für raffiniertere Täter verurteilt wird. Am Ende ist sie tot, eine kulturell geläuterte Ex-Analphabetin, er für den Rest seines Lebens liebesunfähig, schuldig.

Im Buch liegt der Schwerpunkt auf dem männlichen Protagonisten und seinem Leiden. Schlink spielt das Drama einer ganzen Generation an einem besonders zugespitzten Fall durch. Diese Nachkriegsgeneration wird permanent geplagt von schlechtem Gewissen, einer Art kultureller Erbschuld. Hanna Schmitz, Geliebte und Täterin, erscheint als Deutsche, wie sie im Buche steht: Arisch, blond, etwas herb, pflichtbewusst, reinlich, verantwortungsbewusst und mit einem Hang zur Uniform. Das einzige, was ihr fehlt – und das unterscheidet sie von den anderen SS-Aufseherinnen – ist ein gewisses Maß an Dreistigkeit und Corpsgeist. Sie ist eine Außenseiterin. Deshalb kommen die anderen auch mit milderen Strafen davon.

In einer Kritik in der SZ wurde der Roman als kulturelle Pornographie diffamiert. Ich fand die Rückblenden und das Ressentiment eines »Alt-68ers« auf seine erste Beziehung im steifen Deutschland der 50er Jahre nicht so peinlich, dass die Bezeichnung »Naziporno« gerechtfertigt gewesen wäre. Anders der Film! Meiner Meinung nach wurde das Buch durch Filmemacher Daldry, den Drehbuchautor David Hare und durch die amerikanische Öffentlichkeit falsch rezipiert. Denn das Buch handelt von der Frage nach persönlicher Schuld und sexueller Verstrickung vor dem Hintergrund der deutschen Zeitgeschichte; Aufwachen und doch nicht Aufwachen wollen; Entgrenzung und doch gehemmt sein. Der Film dagegen handelt von Kate Winslet als bemitleidenswerter Täterin. Er bietet schönstes amerikanisches Ausstattungskino – die Farben, das Licht und das Set-Design entsprechen allen Erwartungen und bedienen jedes zitierfähige Klischee.

Oft ist in den USA der nackte Körper tabu, dafür wird die Darstellung äußerster Grausamkeiten toleriert. Hier wird plötzlich sehr viel nackte Haut gezeigt (ein Jurist würde sagen: geschlechtliche Beiwohnungen), dafür aber keine blutigen Naziverbrechen. In dieser Hinsicht wirkt der Film fast europäisch. Allerdings erscheint die sexuelle Initiation nicht so überzeugend, dass sie das Entstehen einer echten Neigung rechtfertigen würde. Und ist es legitim, den Zuschauer mit einer visuellen Projektion vom Sex mit der KZ-Aufseherin im Kopf nach Hause gehen zu lassen?

Die Bearbeitung von Daldry greift die Frage der Deutungshoheit auf. Jede bildliche Darstellung einer historischen Fiktion verändert unsere Rezeption der Zeitgeschichte. Wir haben andere, neue Bilder in unserem Kopf. Das eigentlich avantgardistische Moment des Films besteht darin, den Fokus nicht auf die Monster Eichmann, Goebbels oder von Schirach, also die üblichen hässlichen Deutschen zu richten, sondern auf eine »Mörderin«, die nur pflichtbewusst ist, sehr eigenwillig, Analphabetin und eine wunderschöne Frau. Sie entscheidet sich innerhalb ihrer Umstände nicht für den Persilschein wie die anderen pflichtbewussten Deutschen in dieser Zeit – sondern für Gefängnis, Freitod und die Rolle des Sündenbocks.

Der Film hat ein im Buch nicht enthaltenes, bitteres und sehr unversöhnliches Ende. Die Überlebende verweigert die Absolution und die persönliche Wiedergutmachung der KZ-Aufseherin. Hanna Schmitz hat sich umsonst im Gerichtssaal geopfert und sinnlos lebenslang gesessen.

Für mich war der Film eine Enttäuschung. Zu viel Mainstream, das Niveau der Romanvorlage wurde deutlich verfehlt. Die mediale Verwurstung von Nazistoffen, die Oskar-, Bären- oder sonstig preisverdächtig sind, hat mich bereits bei der Weißen Rose und dem Stauffenbergfilm der Scientologynase Tom Cruise geärgert. Don’t fraternize!

»Ein Leben für ein Leben«

geschrieben von Frank Horzetzky

5. September 2013

Ein verstörendes Meisterwerk über Folgen des Holocausts

März-April 2009

»Ein Leben für ein Leben«

»Adam Resurrected«, 2008

Regie: Paul Schrader, Drehbuch: Noah Stollmann. Deutschland, USA, Israel 2008, nach dem Roman »Adam Hundesohn« (1969, dt. Titel) von Yoram Kaniuk

Dr. Frank Horzetzky praktiziert als Facharzt für Psychotherapie und Psychosomatik in Berlin

Vorweg ohne Umschweife: Ein sehenswerter Film! Ausgangspunkt der Handlung ist eine abgeschiedene, in der Wüste gelegene, psychiatrische Klinik im Israel der fünfziger Jahre. Die Klinik wirkt ebenso wie ihre Insassen auf den ersten Blick verwirrend. Alle Regeln scheinen verloren, Tabus gebrochen, es gibt scheinbar keine Hemmungen mehr. Da ist die Frau mit dem Hitlergruß oder die in Unterwäsche, die generelle Distanzlosigkeit, der Verlust von Intimität oder die Liebesbeziehung zwischen Oberschwester und Patient. Doch schnell wird klar, dass diese Menschen etwas Besonderes verbindet. Die Klinikinsassen sind Holocaustüberlebende, entwurzelte, schwer traumatisierte Menschen aus Europa , denen es nicht gelungen ist, ihre Traumatisierungen zumindest soweit zu verarbeiten, dass sie wenigstens äußerlich angepasst in ihrem neuen Alltag in Israel funktionieren. Alle Insassen wirken verstört, in einer verrückten Weise im Trauma fixiert und in ihrem Leben stehen geblieben. Sie tragen etwas nicht zu bewältigend Schreckliches in sich, wirken kindlich, hilflos und dabei ganz menschlich und liebenswert. Ihre Verstörung wurzelt in der tiefen Erschütterung der Grundwerte des menschlichen Zusammenlebens und ihrer Existenz in dieser Welt. Sie alle ringen um ein Verstehen des Unfassbaren des Zivilisationsbruches, zu unglaublich, zu verrückt war das Ausmaß der sinnlosen Willkür. Voller Verzweiflung klagen sie Gott an, doch der antwortet nicht.

Erzählt wird mittels Rückblenden die Geschichte des ehemaligen Varietéstars Adam Stein (Jeff Goldblum), eines modernen Hiob. Seine Erinnerungen kommen, wie es für Traumata typisch ist, flashbackartig immer wieder über ihn und werfen ihn zurück in die Zeit in Deutschland und im Lager. Für den Lagerkommandanten Klein war Adam der »größte lebende deutsche Komiker«. Ein Clown, Magier, Zirkusveranstalter und Charmeur im Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre, ein Mann mit einer starken Ausstrahlung und einem übersinnliches Gespür für die tiefsten Sehnsüchte und Ängste der Menschen. Adam hatte Klein einmal das Leben gerettet und dieser – »Ein Leben für ein Leben« – revanchiert sich nun auf seine – sadistische – Weise: Er lässt Adam als seinen Hund leben.

Als ein kleiner Junge in der Klinik aufgenommen wird, der viele Jahre wie ein Hund gehalten worden war und sich immer noch als solcher gebärdet, kommt es zu einer seltsamen Begegnung mit Adam. Die Geschichte einer unerwarteten Heilung nimmt ihren Anfang. Den Filmemachern, die hervorragend agierenden Schauspieler eingeschlossen, gelingt es auf beeindruckende und subtile Weise zu zeigen, wie Traumatisierungen uns verändern, wie die Täter ein Teil der Opfer werden, den sie nicht mehr los werden können. Es gibt keine Rückkehr zum unbefangenen Zustand davor. Das Ringen zwischen Opfer und Täter geht in den Menschen weiter, noch lange nachdem alles schon vorbei ist und vergiftet ihr Leben. Die Opfer werden ein zweites Mal Opfer und drohen, in dem Kampf zu unterliegen.

Auf verstörende Weise zeigt der Film sowohl die Opfer- als auch die Täterperspektive immer wieder in ein und denselben Personen. Die unvermeidlichen Situationen der Retraumatisierung werden in den Beziehungen anschaulich. In seinem Verhältnis zu dem kleinen, verstörten Jungen wird Adam nicht nur in sein eigenes traumatisches Erleben rückversetzt, er wird unvermeidlich auch mit seinen eigenen introjizierten Täteranteilen konfrontiert und bekommt so einen Zugang zu dem Jungen und zu seinem eigenen Trauma. Beide können daran wachsen.

Neben dieser eigentlichen Geschichte enthält der Film noch eine eher latente Ebene, die Bezug nimmt auf die teilweise permanent traumatisierenden gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen die Menschen in Israel bis heute leben und in denen die unselige Opfer-Täter-Spirale fortgesetzt wird. Die Erschütterungen des Zivilisationsbruches wirken nach. Sie werden transgenerational übertragen. Am deutlichsten wird das, als Adam mit seinem Schwiegersohn am Grab seiner älteren Tochter steht, die den Holocaust überlebt hatte und bei der Geburt ihres ebenfalls toten Sohnes starb. Es ist schwer, darin keine Symbolik zu sehen, ebenso wie in der absurden abgeschiedenen Lage der Klinik, die ein Bild sein mag für die »Aussätzigkeit« der Holocaustüberlebenden, denen es nicht gelingen will, sich in die Alltagverhältnisse einzufinden. Sie erinnern an Leprakranke, die ausgesperrt werden weil die »normal Angepassten« sich bei Kontakt anzustecken fürchten; einerseits hinsichtlich einer fortgesetzten Opfer-Täter-Retraumatisierung, andererseits aber auch hinsichtlich der ständig von ihnen ausgehenden Mahnung, was Gewalt und Traumatisierung mit uns machen.

Der Film entlässt uns mit Bildern, die wir nicht mehr vergessen, die uns in unseren unbewussten Ängsten ansprechen, mit emotionalen Eindrücken die uns die Tränen in die Augen treten lassen. Durch seinen makaberen Humor macht er dem Zuschauer die unerträglichen Wahrheiten doch noch erträglich. Ein anrührender und verstörender, ein tief berührender Film. Ungeteilter Respekt den Filmemacher und Schauspielern.

Chronist des Völkermords

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Otto Pankoks Sinti- und Roma-Porträts wurden in Berlin gezeigt

März-April 2009

Die Berliner Saarländische Galerie Europäisches Kunstforum e. V. präsentierte Anfang des Jahres in Kooperation mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg eine Ausstellung mit Arbeiten von Otto Pankok. Der Katalog erschien unter dem Titel otto pankok: sinti – portraits 1931 bis 1945 – eva pankok und romani rose (hg.) im Dam und Lindlar Verlag. ISBN Nr. 978-3-9812268-3-6

Die Präsentation der künstlerischen Arbeiten von Otto Pankok zur Erinnerung an den Völkermord an den Sinti und Roma sollte eigentlich als Begleitprogramm zur Errichtung des Denkmals des israelischen Künstlers Dani Karawan, der den ersten Preis bei der Auslobung im Wettbewerb zu dem Mahnmal gewonnen hatte, laufen. Doch leider wurde dieses Mahnmal für die 500 000 Ermordeten immer noch nicht am vorgesehenen Ort in der Nähe des Bundestages aufgestellt, obwohl der Bundesrat am 20. Dezember 2007 einstimmig den Bau beschlossen hatte und am 22. Januar 2008 eine Einigung von Bundesregierung und dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma über die ideenreiche architektonisch-plastische Gestaltung des Environments erzielt wurde. Auch über die Inschrift der Widmung war man sich einig. Sie ist ein Zitat von Roman Herzog: »Der Völkermord an den Sinti und Roma ist aus dem gleichen Motiv des Rassenwahns und dem gleichen Vorsatz und dem gleichen Willen zur planmäßigen und endgültigen Vernichtung durchgeführt worden, wie an den Juden. Sie wurden im gesamten Einflussbereich der Nationalsozialisten systematisch und familienweise vom Kleinkind bis zum Greis ermordet«.

Otto Pankok (1893-1966) ist der einzige deutsche Künstler, der sein gesamtes Schaffen dem Volk der Sinti und Roma gewidmet hat. Romani Rose bezeichnet ihn als historischen Chronisten des Holocaust an seinem Volk. »Die von Otto Pankok geschaffenen Portraits bewahren die Erinnerung an unsere verfolgten und ermordeten Frauen, Männer und Kinder, denen der NS-Staat das bloße Recht zu existieren absprach.«

Überdies dokumentierte die Berliner Ausstellung Pankoks eigene Verfolgung in den Jahren der Nazidiktatur, als seine Kunst als »entartete« diffamiert wurde und seine Familie in größter Bedrängnis leben musste. Darüber gibt Eva Pankok, seine Tochter, in ihrem beeindruckenden Beitrag: »Mein Vater und die Sinti«, mit zahlreichen Fotografien aus dem Zusammenleben mit den Sinti und Roma in Heinefeld-Düsseldorf, Auskunft, Dort waren viele von ihnen seit 1936 KZ-ähnlich interniert.

Das Buch zur Ausstellung – es ist mehr als ein Katalog – enthält Aufsätze und Dokumente zu folgenden Themen: »Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma: ein Überblick« (Silvio Peritore und Frank Reuter); »Zur Kunstpolitik des Nationalsozialismus« (Martin Damus); »Zur Ikonografie der ›Zigeunerbilder‹ der Moderne« (Gerhard Baumgartner und Éva Kovác); »Otto Pankok und die Avantgarde der Zwanzigerjahre« (Rolf Jessewitsch).

Der Katalog gibt einen repräsentativen Ein- und Überblick des Werkes Otto Pankoks über sein künstlerisches Schaffen in Plastik und Kohlezeichnungen. Seine antifaschistische Überzeugung und sein Widerstand gegen den faschistischen Rassenwahn werden immer wieder deutlich in seinen Kinderportraits. Jedes ist mit dem Namen des Kindes benannt. Er erhält sie über den Tod hinaus für uns im Gedächtnis.

Am 29.12.1963 schrieb Heiner Müller an Otto Pankok: »Sie fanden die Schönheit des Menschen auf noch unausgetretenen Pfaden und sie gestalteten diese Würde des Menschen, der doch das Maß aller Dinge ist. … Wie gerne blicke ich doch Raklo und Ringela ins Gesicht. … Es ist ein traurig-schmerzliches Blatt, so als wüssten die beiden schon um ihr späteres Schicksal. Es ergreift mich tief.«

Otto Pankok lebte den Widerstand gegen Herabwürdigung und Ausgrenzung. Sehr früh hat er Leiden in seiner Kunst thematisiert, so in seinem Zyklus »Die Passion Jesu von Nazareth«. Es ist sein zentrales Werk ein Zeugnis gegen Gewalt, Willkür und Unmenschlichkeit. Sein durch die Friedensbewegung bekannt gewordenens Werk ist »Christus zerbricht das Gewehr«.

Der Dam und Lindlar Verlag und die Ausstellung in der Saarländischen Galerie am Festungsgraben füllen nicht nur die durch die Verzögerung der Errichtung des Denkmals von Dani Karawan entstandene politisch unverständliche Lücke, sondern bezeugen den großen Einsatz von Otto Pankok gegen den Rassenwahn. Der Verlag macht neugierig auf weitere eindrucksvolle Veröffentlichungen.

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