Es bleibt kompliziert

geschrieben von Thomas Willms

6. Juli 2025

Selbst notorischen Feinden der Demokratie wird Legalität attestiert. Zur Debatte um ein Verbot der AfD

Die Sache »AfD-Verbot« ist seit dem 24. Juni nicht einfacher geworden. Im Verbotsverfahren gegen das wichtigste verschwörungsideologische und extrem rechte Printmagazin Compact, das über die Jahre viel zur Radikalisierung des früheren Gemischtwarenladens AfD beigetragen hat, fiel das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig zugunsten des Herausgebers Jürgen Elsässer aus (siehe auch Seite 7). Der von der früheren Bundesinnenministerin Nancy Faeser eingeschlagene Weg über ein Vereinsverbot wurde zwar nicht grundsätzlich für falsch erklärt und die inhaltliche Orientierung des Magazins auch als verfassungswidrig charakterisiert. Doch hätten die Aktivitäten der Compact Magazin GmbH die »Schwelle der Prägung noch« noch nicht erreicht. Wer je das aktuell schlimmste Hetzblatt deutscher Sprache gelesen hat, kann das zwar nur schwer nachvollziehen, muss aber trotzdem zur Kenntnis nehmen, dass Gerichte tendenziell bereit sind, selbst notorischen Feinden der Demokratie Legalität zuzubilligen, weil sie davon ausgehen, dass der demokratische Meinungsstreit es schon richten werde. Es bleibt kompliziert weiterlesen »

Pride-Verbot ausgehebelt

geschrieben von Andreas Siegmund-Schultze

6. Juli 2025

200.000 in Budapest. Auf Parade wurde auch Freilassung von Maja T. gefordert

Rund 200.000 Menschen haben sich am 28. Juni auf der vom Budapester Bürgermeister Gergely Karácsony zum »Freiheitsfest« erklärten Pride der LGBTIQ+-Bewegung zusammengefunden. Weil die Parade durch die Stadt ausgerichtet wurde, konnte das polizeiliche Versammlungsverbot ausgehebelt werden, das auf Grundlage einer im März erfolgten LGBTIQ+-feindlichen Gesetzesänderung unter dem Vorwand des »Kinderschutzes« durch die rechte ungarische Orbán-Regierung verhängt worden war. Auch wenn die Polizei nicht zuletzt aufgrund der unerwarteten Größe der Pride weitgehend im Hintergrund agierte, ist dennoch weiter unklar, ob die Androhung, dass Teilnehmer:innen jeweils Strafbefehle über 500 Euro erhalten sollen, umgesetzt wird. Auf der Paradestrecke waren unzählige Videokameras zur automatisierten Gesichtserkennung angebracht worden, um einzuschüchtern und Daten zu sammeln. Pride-Verbot ausgehebelt weiterlesen »

Hoffe auf politische Mehrheit

6. Juli 2025

Neues AfD-Gutachten des Verfassungsschutzes vorgelegt. Ein Gespräch mit Georg D. Falk

antifa: Kurz vor dem Regierungswechsel hat das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) ein Gutachten vorgelegt, in dem die AfD als gesichert rechtsextrem eingeschätzt wird. Wie beurteilen Sie das?

Georg D. Falk: Das Gutachten, das das BfV vorgelegt hat, war nach meiner Kenntnis schon vorher fertig. Und dann kamen die Ampel-Krise sowie die Auflösung des Bundestages, und da wirkte das Neutralitätsgebot. In einer solchen Phase des Wahlkampfs war es aus meiner Perspektive richtig, dieses Gutachten nicht öffentlich zu platzieren. Aus dem Grund hat sich das eben bis nach der Bundestagswahl verschoben.

Es kommt bei der Diskussion um ein AfD-Verbot eine besondere Problematik hinzu. Bei früheren Verbotsverfahren konnte man die Verfassungsfeindlichkeit an bestimmten Programmpunkten in den offiziellen Programmen festmachen. Dagegen findet man Verfassungsfeindliches in der offiziellen Programmatik der AfD nicht. Daher muss man bei dieser Partei die Verfassungsfeindlichkeit aus dem ableiten, was von Vertretern dieser Partei gemacht und gesagt wird. Deswegen ist dieses Gutachten auch mit über 1.000 Seiten so umfangreich ausgefallen; man muss viel dokumentieren, einfach sammeln, und dann kann man das juristisch bewerten. Hoffe auf politische Mehrheit weiterlesen »

Der Kampf bleibt wichtig

geschrieben von Kerstin Köditz

6. Juli 2025

Die Gedenkstätte KZ Sachsenburg scheint nun doch erst einmal gesichert

Terror und Unterdrückung – zentrale Bestandteile des NS-Herrschaftsapparates. Ein wichtiges Instrument dabei waren die Konzentrationslager. Vor den großen bekannten Lagern wie Buchenwald oder Dachau gab es die frühen KZs, deren Errichtung unmittelbar nach dem Reichstagsbrand begann. Etwa 100 davon gab es im gesamten Reichsgebiet, fast ein Viertel davon – 23 – allein in Sachsen. Das bis 1937 bestehende KZ Sachsenburg gehörte dazu, hatte in mancherlei Hinsicht Vorbildcharakter für die später errichteten Lager.

Sachsen hat jetzt offiziell einen weiteren Gedenktag, den 8. Mai, den Jahrestag der Befreiung vom Faschismus. Was Sachsen nicht hat, ist ein Lern- und Gedenkort in einem ehemaligen Konzentra-tionslager. Das Bundesland mit den meisten frühen KZs ist heute das einzige Flächenland ohne eine solche Gedenkstätte. Ein Skandal. Natürlich.

Und natürlich gibt es seit vielen Jahren Menschen und Organisationen aus unterschiedlichen Zusammenhängen, die gegen diesen Skandal ankämpfen, einen würdigen Gedenkort schaffen wollen. Es gab Fortschritte dabei – und herbe Rückschläge wie den Abriss der Kommandantenvilla, eines zentralen Gebäudes des Komplexes. Der Kampf bleibt wichtig weiterlesen »

Kein Verbot von Compact

geschrieben von Janka Kluge

6. Juli 2025

Bundesverwaltungsgericht verwirft Entscheidung von früherer Innenministerin Faeser

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat mit einer Entscheidung vom 24. Juni das Compact-Verbot gekippt. Im Sommer 2024 war die damalige Innenministerin Nancy Faeser (SPD) gegen die extrem rechte Zeitschrift und das dazugehörige Onlinemedium mit einem Vereinsverbot vorgegangen. Betroffen waren neben der Zeitschrift mit einer Auflage von zehntausenden Exemplaren auch ein YouTube-Kanal, der teilweise bis zu 460.000 Klicks pro Video erreicht hat. In der Begründung von 2024 hieß es, dass sich die Zeitschrift und die dazugehörigen Medien »gegen die verfassungsmäßige Ordnung richteten«. Das Netzwerk rund um Compact wird von Jürgen Elsässer und Ehefrau Stephanie Elsässer geleitet. Kein Verbot von Compact weiterlesen »

Rechte Influencer im Visier

geschrieben von Janka Kluge

6. Juli 2025

Recherche zu AfD-nahen YouTubern veröffentlicht

Anfang Mai hat sich der ZDF-Moderator Jan Böhmermann in seiner Sendung »Neo Magazin Royale« mit rechten YouTubern beschäftigt. Es gibt eine ganze Reihe an Kanälen auf der Onlinevideoplattform, die, ohne eine direkte Verbindung zur AfD zu haben, für die Partei Werbung machen.

Auf einen von ihnen ging Böhmermann nun genauer ein. »Clownswelt«, so sein Name auf YouTube, kommentiert in seinen Videos aktuelle Geschehnisse und die Politik aus extrem rechter Perspektive. Er erreichte mit seinen Videos fast 300.000 Zuschauer*innen. Die Videos werden von einer gezeichneten Clownsmaske mit einer Computerstimme moderiert. Das Team um Jan Böhmermann und Journalist*innen der Zeit haben in einer aufwändigen Recherche offengelegt, wer hinter dem YouTube-Kanal steckt. Rechte Influencer im Visier weiterlesen »

Netanjahus Obsession

geschrieben von Kristin Caspary

6. Juli 2025

Der militärische Angriff Israels gegen Iran trifft vor allem Zivilist*innen

Der militärische Angriff Israels gegen Iran, der in der Nacht zum 13. Juni begann, erfolgte mit der Begründung, Israel hätte aus geheimdienstlichen Quellen klare Belege dafür erhalten, dass Iran kurz vor dem Bau einer Atombombe stünde. Der Angriff wurde dementsprechend als Präventivschlag, angesichts der seit Jahrzehnten formulierten Vernichtungsfantasien des iranischen Regimes gegenüber Israel, legitimiert. Historisch ist dieser erklärte israelische Präventivschlag kein Einzelfall, sondern die folgerichtige Konsequenz der sogenannten Begin-Doktrin, die der israelische Premierminister Menachem Begin 1981 nach der Zerstörung des irakischen Leichtwasserreaktors Osirak durch Israel verkündete. Das Völkerrecht kennt keine Präventivschläge, nur Verteidigungskriege: Die internationale Öffentlichkeit lehnte den Angriff 1981 als rechtswidrig ab und verabschiedete einstimmig eine entsprechende Resolution im UN-Sicherheitsrat. Als Israel dann unter Premierminister Ehud Olmert 2007 das Atomprogramm Syriens anzugreifen begann, zeigte sich die Situation schon anders – auffällig war vor allem die Abwesenheit jedweder internationaler Kritik. Netanjahus Obsession weiterlesen »

Ihr Credo: »Nie wieder!«

geschrieben von Hannelore Rabe

6. Juli 2025

In Rostock wurde auf dem Neuen Friedhof ein Gedenkort für die Verfolgten des Faschismus eingeweiht

Es war im Sommer 2001, als eine kleine Gruppe von Mitgliedern der Basisorganisation VVN-BdA Rostock auf dem Neuen Friedhof am Rande eines ausgetrockneten Teiches stand. Hier

befanden sich noch einige Grabstätten von Kameraden und Kameradinnen, die nach 1945 auf Rostocker Friedhöfen ihre letzte Ruhe gefunden hatten. Einige Gräber waren gepflegt und neu bepflanzt, einige wirkten vernachlässigt, bei einigen waren die Grabsteine überwuchert und die Schrift kaum noch zu erkennen. Der Zustand dieser kleinen Grabablage spiegelte den Zustand auch der zahlreichen Einzelgräber von Verfolgten des Naziregimes wider, das hatten die fünf Kameradinnen vermutet.

Hier am Rande des Teiches hatte man die Verstorbenen von 1959 bis 1967 beigesetzt, danach auf dem Neuen Friedhof einen »Ehrenhain für Sozialisten« errichtet, auf dem aber auch Rostocker Bürger beigesetzt wurden, die sich beim Aufbau des Sozialismus in der DDR verdient gemacht hatten. Nach 1990 verkam dieses Areal und wurde zum Schandfleck des Friedhofes. Im Auftrag des Vorstandes des VVN-BdA gründete sich 2001 eine Arbeitsgruppe, die sich zum Ziel setzte, das Andenken und die Würde der Verfolgten zu wahren, dafür zu sorgen, dass ihre Grabstätten gepflegt, gesichert und erhalten bleiben. Hinterbliebene und Angehörige werden dies aus Altersgründen bald nicht mehr leisten können. Ihr Credo: »Nie wieder!« weiterlesen »

Meldungen

6. Juli 2025

Margot Friedländer tot

Wie zum 80. Jahrestag der Befreiung bekannt wurde, ist die Shoah-Überlebende Margot Friedländer im Alter von 103 Jahren in Berlin gestorben. Friedländers Mutter und Bruder wurden in Auschwitz ermordet. Sie selbst war als Jüdin im KZ Theresienstadt inhaftiert. Anfang April erhielt sie noch den »Sonderpreis des Westfälischen Friedens«. Die Verleihung des Großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der BRD erlebte sie nicht mehr.

Angriff auf Wohnprojekt

Vermummte griffen Ende Mai in Cottbus erneut das alternative »Hausprojekt Zelle 79« mit Böllern und Fackeln an. Sie skandierten »Adolf-Hitler-Hooligans« und versuchten, die Haustür aufzubrechen. Bereits Anfang April hatte es ähnliche Angriffe gegeben. Die Täter werden im Umfeld des FC Energie Cottbus vermutet. Meldungen weiterlesen »

Wo gibt es das schon?

6. Juli 2025

Die »Aktion 3. Welt Saar« will verschiedene Kämpfe miteinander verbinden. Gespräch mit Roland Röder

antifa: Die Anfänge Eurer Organisation liegen jetzt rund 40 Jahre zurück. Wie kam es zur Gründung?

Roland Röder: Der Konsens war damals die Wut und Empörung darüber, dass Menschen verhungern, obwohl schon seit Jahrzehnten genügend Nahrungsmittel produziert wurden. Dagegen wollten wir etwas tun. Wir haben mit der Gründung der »Aktion 3.Welt Saar« diesen moralischen Impuls verstetigt und ihm eine Struktur gegeben. Wir ahnten damals schon, dass der Grund des Übels, also des Verhungerns, im »Herzen der Bestie« liegt, also in den sogenannten entwickelten Ländern des globalen Nordens.

antifa: Euer Name lässt den Eindruck entstehen, Ihr seid vorwiegend im Bereich Unterstützungsarbeit für den globalen Süden tätig …

R. R.: … ja ja, die Sache mit unserem Namen: Damit beziehen wir uns auf den dritten Stand der Französischen Revolution. Das war der Stand, der erst einmal nichts hatte und aufbrach, sich das zu nehmen, was ihm, salopp gesagt, zustand. Wir haben bewusst kein Projekt im globalen Süden, weil wir uns nicht anmaßen möchten, über Tausende von Kilometern hinweg andere zu »entwickeln«. Wir entwickeln diese Gesellschaft. Und so sehr man auch diese Projektarbeit oft und gern mit dem Begriff »Hilfe zur Selbsthilfe« umschreibt, bleibt es in meinen Augen oft Paternalismus und Eurozentrismus. Wo gibt es das schon? weiterlesen »

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