Die Zeit wird knapp

geschrieben von Thomas Willms

26. Juli 2019

Die AfD, die Mörder und die Deutschen

Der ermordete Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke wird immer wieder mit einem Satz zitiert, den er 2015 in einer Bürgerversammlung rechten Pöblern entgegengehalten hatte – wer die Werte des Zusammenlebens nicht teile, könne »Deutschland jederzeit verlassen«.

Ob bewusst oder nicht, Lübcke traf damit den empfindlichsten Nerv jedes Rechtsradikalen und eben auch den des in Saal sitzenden späteren, mittlerweile geständigen, Mörders. Es ist die Vorstellung vom »großen Austausch«, zurückgehend auf das Buch »Le grand remplacement« des französischen Ideologen Renaud Camus. Es ist die – in verschiedenen Graden der Wahnhaftigkeit verbreitete – Vorstellung, dass es ein Programm gebe die echten Deutschen (bzw. Amerikaner, Franzosen usw.) durch (muslimische) Einwanderer zu ersetzen. Früher hieß so etwas »Umvolkung«. Neu ist nur die Dimension der daraus resultierenden Selbstermächtigung bis hin zum Mord an den vermeintlich Verantwortlichen. Nicht umsonst heißt die deutsche, in Götz Kubitscheks Antaios-Verlag erschienene Ausgabe, »Revolte gegen den großen Austausch«. Die Zeit wird knapp weiterlesen »

Die »Blockowa« aus Ravensbrück

geschrieben von Gerald Netzl

23. Juli 2019

Die österreichische Widerstandskämpferin und SPÖ-Politikerin Rosa Jochmann

Rosa Jochmanns Biografie ist die einer stolzen Proletarierin des Roten Wien der Zwischenkriegszeit; einer stolzen Proletarierin und Sozialdemokratin, die die Februarkämpfe 1934 und damit das – vorläufige – Ende dieser großen Emanzipations- und Kulturbewegung hautnah miterlebte.

Unmittelbar nach ihrer Rückkehr aus dem KZ setzte sie ihre politische Tätigkeit in der SPÖ fort, wurde Vorsitzende des Frauen-Zentralkomitees der SPÖ (bis 1967) und Nationalratsabgeordnete. Von 1949 bis 1990 war sie Vorsitzende des Bundes Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen, Opfer des Faschismus und aktiver AntifaschistInnen, von 1984 bis 1994 Vorsitzende der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück. Ihr Leitmotiv blieb durch all die Jahre unverändert: »Alle sind uns willkommen, die mit uns gemeinsam gegen die erstarkenden Kräfte des Faschismus auftreten wollen … Der Kampf, den wir führen, ist ein Kampf der nie zu Ende geht!« Die »Blockowa« aus Ravensbrück weiterlesen »

Was will der BDS?

geschrieben von Andrej Reder, Berlin

23. Juli 2019

Zum Leserbrief von Mathias Wörsching in der antifa Mai/Juni 2019

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass bereits der einleitende Satz des Beitrages nicht zutreffend ist, denn P.C. Walther kritisiert nicht vordergründig die BDS-Bewegung, sondern benennt vor allem Ansichten und Widersprüche im Hinblick auf die »Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.« Im Widerwort wird lediglich die bekannte Kontroverse bezüglich der »Jüdischen Stimme…« benutzt, um die eigene Position zur BDS-Bewegung darzulegen. Offensichtlich spekuliert der Autor auf Unkenntnis des Aufrufs der palästinensischen Zivilgesellschaft zu BDS vom 9. Juli 2005 hierzulande und stellt Falschbehauptungen auf.

Denn worauf basiert die durch nichts gerechtfertigte Feststellung, dass »zentrale Forderungen« der BDS-Bewegung »auf die Beendigung der Existenz Israels als Heimstätte und Zufluchtsort für jüdische Menschen« abzielt? Wo im Aufruf steht die »Befreiung allen arabischen Landes« als Forderung, nicht etwa nur das Ende der seit 1967 anhaltenden Besatzung, wie der Autor hinzufügt? Auch ein »Rückkehrrecht« für alle palästinensischen Flüchtlinge ist darin so nicht definiert. Da der palästinensische Flüchtlingsstatus »als erblich gilt« fürchtet der Widerpart, dass »eine Einwanderung aller dieser Menschen die jüdischen Israelis zur Minderheit in Israel machen würde.«

Jeder Unvoreingenommene kann sich davon überzeugen, dass die palästinensische Zivilgesellschaft als Ausgang ihres Aufrufs den israelischen Mauerbau in den besetzten palästinensischen Gebieten thematisiert. Sie berief sich dabei auf das historische Gutachten des Internationalen Gerichtshofes, der das seinerzeit für illegal befunden hatte. Und bevor die Zivilgesellschaft ihre Forderungen erhob, verwies sie auf zahlreiche UN-Resolutionen, die die »koloniale und diskriminierende Politik Israels als illegal verurteilt hat«. Alle Friedensbemühungen waren fernerhin außerstande, »die Besatzung und Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung zu beenden.« Und inspiriert vom Kampf der Südafrikaner rief sie schließlich auf, »weitgreifend Boykott und Investitionsentzug gegen Israel durchzusetzen.« Diese gewaltlosen Maßnahmen sollten solange aufrecht erhalten bleiben, »bis Israel seiner Verpflichtung nachkommt, den Palästinensern das unveräußerliche Recht auf Selbstbestimmung zuzugestehen, und zu Gänze den Maßnahmen internationalen Rechts entspricht, indem es:

• Die Besetzung und Kolonisation allen arabischen Landes beendet und die Mauer abreißt;

• Das Grundrecht der arabisch-palästinensischen BürgerInnen Israels auf völlige Gleichheit anerkennt; und

• Die Rechte der palästinensischen Flüchtlinge, in ihre Heimat und zu ihrem Eigentum zurückzukehren, wie es in der UN Resolution 194 vereinbart wurde, respektiert, schützt und fördert.«

Was den Autor bewogen hat, sich einseitig tendenziell von dem BDS-Gründungsaufruf zu entfernen und zu behaupten »BDS richtet sich unterschiedslos gegen alles Israelische« bleibt sein Geheimnis.

Für den Autor ist offensichtlich, dass BDS »gegen eine friedliche, dauerhafte und gerechte Lösung des Nahostkonfliktes arbeitet«. Für mich sind hingegen absolut unwiderlegbare Fakten offensichtlich, die die Regierenden in Israel seit 1967 bis zum heutigen Tag zu verantworten haben, die eine Lösung im Interesse beider Völker und des Friedens in der Region in weite Ferne rücken.

Kritik an Netanjahu = antisemitisch?

geschrieben von Ulrich Sander, Dortmund

23. Juli 2019

Die gegenwärtigen Bemühungen, die Friedensbewegung mit dem Argument mundtot zu machen, sie sei antisemitisch, weil solidarisch mit allen friedliebenden Menschen in Nahost, sollten endlich gestoppt werden. Die Politik Trumps und Netanjahus ist entschieden zu verurteilen. Die deutsche Regierungspolitik, sich für die »Sicherheit« Israels verantwortlich zu fühlen, kann unser Land in einen Krieg im Nahen Osten hineinziehen. Denn die Regierungen der USA und Israels werden nicht davor zurückschrecken, eine deutsche Kriegsbeteiligung zu verlangen – wegen der »Staatsraison« Deutschlands. »Wie können Journalisten und Politiker dem Vorwurf des Antisemitismus entgehen, wenn sie sich der israelischen Politik kritisch gegenüberstellen wollen?« wurde der verstorbene israelische Friedensaktivist Uri Avnery gefragt. Er antwortete: »Sie müssen in ihrer Kritik deutlich machen, dass sie nicht gegen die Existenz Israels sind, sondern lediglich das Interesse von Palästinensern und Israelis gleichermaßen berücksichtigen wollen. Das muss vollkommen klar sein.«

Als Mitherausgeber der »Zeitung gegen den Krieg« wurde ich schon vor Jahren – da gab es die Bezeichnung BDS noch nicht – gefragt, ob wir mit zum Boykott israelischer Waren aufrufen sollten. Ich lehnte es ab, weil »Judenboykotte« sich für deutsche Friedensfreunde verbieten, kann ja nicht anders sein. Dabei bleibe ich. Und die »Zeitung gegen den Krieg« blieb auch dabei.

 

Eva.stories

geschrieben von Thomas Willms

20. Juli 2019

Geschichtsvermittlung per Instagram

Dass die Lebensgeschichte eines ermordeten jüdischen Mädchens ausgerechnet zu einer Instagram-Story verarbeitet wird, ruft zunächst instinktiv Abwehr hervor. Diese vor allem bei sehr jungen Menschen beliebte Social-Media-Plattform steht schließlich, wie kaum eine andere, für die Kommerzialisierung der Kommunikation, gipfelnd in dem atemberaubenden neuen Beruf des »Influencers«. »Stories« auf Instagram werden zudem routinemäßig nach 24 Stunden gelöscht (es sei denn, sie werden als »Highlight« definiert) was als künstliche Verknappung des Gutes heftige Suchteffekte bei Followern auslösen kann. Gerade diese technische Plattform, die mit eigenen ästhetischen Prinzipien, Nutzererwartungen- und -gewohnheiten verbunden ist, nutzte der israelische High-Tech-Unternehmer Matti Kochavi, um die Geschichte des ungarischen Mädchens Eva Heyman neu zu erzählen, schwerpunktmäßig für die Zielgruppe israelische Teenager. Eva.stories weiterlesen »

80 Jahre nach dem Überfall

geschrieben von Kamil Majchrzak

20. Juli 2019

Polen und Deutsche wissen wenig über ihre Nachbarn

Am 1. September 2019 wird an den 80. Jahrestag des Überfalls Hitler-Deutschlands auf Polen gedacht, in dessen Folge fast 6 Millionen Polen (beinahe 20 Prozent der Vorkriegsbevölkerung), darunter mehr als 3 Millionen polnische Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Roma, zu Tode gekommen sind. Gemessen an seiner Einwohnerzahl weist die polnische Bevölkerung die höchste Opferrate aller von Deutschland überfallenen Länder während des II. Weltkriegs auf. 80 Jahre nach dem Überfall weiterlesen »

Unser gemeinsames Erbe

geschrieben von Gemma Pörzgen

20. Juli 2019

Der 20. Juli 1944 gehört zum antifaschistischen Widerstand

Meinen Großvater Heinrich Körner (1892−1945) habe ich nie kennengelernt und doch begleitet er mein Leben und unsere Familiengeschichten, seitdem ich denken kann. Er war christlicher Gewerkschafter in Bonn, wurde nach der NS-Machtergreifung 1933 erstmals verhaftet und war später als Widerstandskämpfer im Rheinischen Kreis an der Vorbereitung des Attentats vom 20. Juli 1944 gegen Adolf Hitler beteiligt. Nach dem Scheitern wurde Heinrich Körner verhaftet, im April 1945 vom Berliner Volksgerichtshof zu vier Jahren Haft verurteilt und saß im Gefängnis Plötzensee ein. Als die sowjetischen Truppen die Gefangenen in der Haftanstalt befreiten, geriet er in die Straßenkämpfe mit der SS und wurde erschossen. Unser gemeinsames Erbe weiterlesen »

Einheit ist eine Waffe

geschrieben von Ali Ahmed

17. Juli 2019

Zur Lage im Sudan nach der Absetzung von Omar al-Bashir durch das Militär

Am 30. Juni 1989 riss im Sudan Omar al-Bashir die Macht durch einen Militärputsch gegen eine zivile Regierung an sich. Dabei wurde er von der Islamischen Partei massiv ideologisch unterstützt. Schon zu Beginn seiner diktatorischen Herrschaft wurden Tausende entlassen und verhaftet. Nach der Ermordung von 28 Generälen, die sein Regime kritisiert hatten, im Ramadan 1993, begann eine massive Auswanderung aus politischen und ökonomischen Gründen, die die Wirtschaft des Landes erheblich beeinträchtigte. Einheit ist eine Waffe weiterlesen »

Ein Schlag ins Gesicht

geschrieben von Janka Kluge

17. Juli 2019

Strategien und Verbindungen der Neuen Rechten

Bücher über die Neue Rechte gibt es einige. Trotzdem lohnt sich immer wieder ein Blick in Neuerscheinungen. »Das Netzwerk der Neuen Rechten« von Christian Fuchs und Paul Middelhoff ist solch ein Buch. Die beiden arbeiten als Journalisten für »Die Zeit« und »Zeit online«. Seit Jahren beschäftigen sie sich mit der Neuen Rechten und der AfD.

In zehn Kapiteln versuchen die Autoren zu erklären, was eigentlich ein Widerspruch zu sein scheint. Wie kommt es, dass intellektuelle und gebildete Menschen für Rassismus, Ungleichheit und Nationalismus anfällig sind? Dabei beziehen sie sich auf die Konservative Revolution, eine Bewegung, die in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu den Wegbereitern des Faschismus gehörte. Über den Unterschied zur alten Rechten schreiben Fuchs und Middelhoff: »Die Strömung lehnt Hitler und seine Verbrechen ab, leugnet weder die Shoa, noch die Konzentrationslager und gibt sich als Vertretung der `christlich-jüdischen abendländischen Tradition‘.« Die neue Rechte leugnet die Verbrechen nicht, sie sind für sie nur nicht wichtig, oder wie Gauland sagte, ein »Vogelschiss der Geschichte«. Auch wenn diese Äußerung unerträglich ist, ist es wichtig, den Unterschied zur alten Rechten zu verstehen. Ein Schlag ins Gesicht weiterlesen »

Auf der Suche nach Freiheit

geschrieben von Dirk Krüger

17. Juli 2019

Eine Erinnerung an den Dichter, Revolutionär und Antifaschisten Ernst Toller

Am 22. Mai 1939 – in diesen Tagen vor 80 Jahren – hat sich Ernst Toller in einem New Yorker Hotel sein bewegtes und so endlos wertvolles Leben genommen. Mit Hilfe seiner Sekretärin hatte er für eine Reise nach Europa die Koffer bereits gepackt. Als sie aus einer kurzen Mittagspause zurückkehrte, hatte er sich erhängt.

An der Gedenkfeier nahmen 500 Trauergäste teil. Oskar Maria Graf, Juan Negrin und Sinclair Lewis hielten die Grabreden, Olga Fuchs rezitierte aus dem »Schwalbenbuch«, seinen 1923 im Festungsgefängnis Niederschönenfeld geschriebenen Texten.

Bei der Einäscherung am nächsten Tag waren nur noch drei Menschen anwesend. Die Urne mit Tollers Asche stand danach unbeachtet über zwei Jahre im Keller des Krematoriums. Niemand hat sie abgeholt. Auf der Suche nach Freiheit weiterlesen »

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