Geistige Wiedergeburt

geschrieben von Ulrich Schneider

27. September 2018

Antifa-Taschen-Jahrbuch für 1946 – »Kampf dem Faschismus«

Manchmal findet man in Antiquariaten kleine Raritäten, die einen interessanten Einblick in die Geschichte der antifaschistischen Bewegung eröffnen. Einen solchen Einblick vermittelt das »Antifa-Taschen-Jahrbuch für 1946«, das der Verfasser vor wenigen Wochen von einem Antiquar erhielt.

Herausgeber dieses Ende 1945 erschienen über 170 seitigen Jahreskalenders im A6-Format war Viktor Brychcy. Historische Details über sein Leben sind schwer zu finden, nur wenige Dokumente sind in Archiven überliefert. Als Geschäftsführer der Commerz-Werbung für Handel, Gewerbe und Industrie stellte er Ende 1945 einen Jahreskalender mit umfangreichen antifaschistischen Beiträgen zusammen, der sich vor allem durch Anzeigen von Unternehmen finanzierte. Geistige Wiedergeburt weiterlesen »

Nur wenige überlebten

27. September 2018

Vor 75 Jahren wagten Häftlinge in Treblinka den Aufstand

Treblinka war während des Zweiten Weltkriegs einer der großen Schreckensorte im okkupierten Europa. Erst spät hat sich die Weltöffentlichkeit an diesen Namen gewöhnt. Wer heute die Reise dorthin unternimmt, fährt meistens die Landstraßen hinauf an den verwunschenen Ort, der etwa 100 Kilometer in nordöstlicher Richtung von Warschau entfernt liegt. Mit Polens Hauptstadt ist der Ort seit dem Sommer 1942 schicksalsschwer verbunden. Auf dem Schienenweg wurden vom Juli bis September fast täglich tausende Menschen nach Treblinka deportiert, um vergast zu werden. Im Laufe des Sommers steigerte sich die Vernichtungsleistung im Lager auf 10.000 Menschen pro Tag. Am Anfang ahnte kaum jemand der Opfer, was eintreten würde, wenn die Züge mit den Güterwaggons, die den sogenannten Umschlagplatz am nördlichen Ende des Ghettos in unbekannte Richtung verließen, die Endstation der qualvollen Reise erreicht hatten. Erst später identifizierten Widerstandskämpfer und Flüchtende, was es mit der abgesperrten Bahnstation im Wald von Treblinka auf sich hat. In sein Tagebuch notierte der Hebräischlehrer und Untergrundarchivar Abraham Lewin unter dem 28. August 1942, einem Freitag: »Heute haben wir ein langes Gespräch geführt mit Dawid Nowodworski, der aus T[reblinka] zurückgekommen ist. Er hat uns genau berichtet über alles Leiden, dem er ausgesetzt war von dem Moment an, als man ihn geschnappt hatte, bis zur Flucht vom Ort des Entsetzens und der Rückkehr nach Warschau. Seine Worte bestätigen noch einmal, was wir bereits wissen, und sie sind über jeden Zweifel erhaben, dass die Menschen aus allen Transporten umgebracht werden und keiner sich retten kann. Also sowohl diejenigen, die geschnappt wurden, als auch diejenigen, die sich freiwillig stellten. Das ist die nackte Wahrheit. Schauderhaft. Und daran denken, dass in den zurückliegenden Wochen mindestens 300.000 Juden aus Warschau, Radom, Siedlce und vielen, vielen anderen Städten umgebracht wurden. ..« Nur wenige überlebten weiterlesen »

Sicherheitsrisiko VS

geschrieben von Axel Holz

24. September 2018

Warum der »Verfassungsschutz« unter demokratische Kontrolle gehört

Der Rechtsextremismusexperte Hajo Funke sieht im deutschen Verfassungsschutz ein Sicherheitsrisiko für Staat und Gesellschaft. Die Staatsaffäre um das V-Mann-Desaster habe das ganze Ausmaß der systematischen Verstrickungen des Inlandgeheimdienstes in die neonazistische Szene und das Umfeld des NSU-Trios gezeigt. Eine unendliche Geschichte von struktureller Unterstützung der rechten Szene, Behinderung der Aufklärung und Aktenvernichtung zur Vertuschung möglicher tieferer Erkenntnisse darüber, was der VS aus dem Umfeld des NSU-Trios und dessen Netzwerk wusste, befördert und billigend in Kauf genommen hat. Als der Skandal um die V-Männer im Umfeld des NSU öffentlich wurde, haben viele die Auflösung des VS gefordert. Heute hört man nicht mehr viel davon, nachdem der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages über 60 Forderungen als Schlussfolgerungen der Ausschussarbeit vorgelegt hat. Die verfehlen aber den Kern des Skandals: das Versagen des Geheimdienstes durch das Führen bezahlter Spitzel, die selbst Neonazis sind, sowie die Unkontrollierbarkeit einer staatlichen Behörde, die über Jahrzehnte in der Tradition des kalten Krieges steht, frühzeitig mit Nazipersonal ausgestattet und durch dessen undemokratischen Geist geprägt wurde, das dem Verfassungsschutzverständnis der Zivilgesellschaft zuwiderlaufe, so Funke. Ziel müsse die Auflösung des Geheimdienstes in seiner bisherigen Form sein. Es wäre schön gewesen, wenn Richter Götzl im NSU-Prozess diese schlüssige Forderung gestellt hätte. Denn wie in vielen solchen Prozessen in der deutschen Geschichte stand mit der »Einzeltäterthese« nicht das Netzwerk im Fokus, das in die Vorbereitung, Planung und Durchführung der Morde verstrickt sein muss, wie zahlreiche Untersuchungsausschüsse zum NSU auf Landes- und Bundesebene deutlich gemacht haben, in denen der Autor vielfach als Sachverständiger fungiert hatte. Sicherheitsrisiko VS weiterlesen »

Gefährliche Kommunistin

geschrieben von Ludwig Elm

24. September 2018

Neuauflage der Biografie von Judith Auer

Der Name Judith Auer hatte in der DDR wie der vieler Antifaschisten und Antifaschistinnen auch im öffentlichen Raum seinen selbstverständlichen Platz im Erinnern und Gedenken. Ihn nach dem 3. Oktober 1990 von einer nach ihr benannten Straße in Berlin-Lichtenberg zu tilgen, konnte verhindert werden. Die Neuauflage des im Text wie im Anhang (S. 179-262) reich dokumentierten Bandes ist angesichts der politisch und medial vorherrschenden, unverändert einseitigen und defizitären Würdigung des Widerstandes unter der NS-Diktatur nachdrücklich zu begrüßen und ihr eine größtmögliche Aufnahme zu wünschen. Gefährliche Kommunistin weiterlesen »

Auf dem Weg ins Gestern?

geschrieben von Thomas Willms

24. September 2018

Das letzte Buch von Zygmunt Bauman

Von Karl Valentin gibt es das Wort: »Früher war alles besser: Sogar die Zukunft!«. Valentins Bonmot hat seine volle Bedeutung erst in unserer Gegenwart erlangt, könnte man mit Zygmunt Bauman sagen. »Retrotopia« ist das allerletzte Buch des antifaschistischen Kämpfers, Befreiers von Berlin und bedeutenden Soziologen der NS-Gewaltverbrechen (siehe den Nachruf in »antifa«, März 2017). Es zeigt den polnisch/britischen 92jährigen als aus dem Vollen schöpfenden Intellektuellen, der nicht nur auf der Höhe der Zeit diskutiert, sondern uns für die Zukunft noch etwas zu sagen hat. Er tut dies in lockerer Form – man hat sich ja nichts mehr zu beweisen – Themen, Thesen und Ideen durcharbeitend, ohne sonderlich viel Rücksicht auf die Leser zu nehmen. Grundstruktur seiner Argumentation ist ein Hegelscher Dreischritt, eine »Triade doppelter Negation« der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaften. Schritt Eins ist der bereits in der Vergangenheit versunkene »feste« Kapitalismus bis Anfang etwa der 1970er Jahre, als Kapital und Arbeit im Wesentlichen noch einen »Ort« hatten, der von einflussreichen Staatsgebilden organisiert, behütet und bewacht wurde. Macht und Politik werden aber seitdem in Schritt 2 – so Bauman – zunehmend entkoppelt. Das Kapital wurde, wenn nicht herrenlos, so doch ortlos und wortwörtlich »entgrenzt«. Phase 2 entband aber nicht nur das Kapital seiner Begrenzungen, sondern auch das Individuum. Aus der Welt stickiger Begrenzungen und Konformitäten brachen neue Zeiten individueller Freiheiten und Möglichkeiten heran, zumindest wurden sie versprochen! Die Abfolge war, könnte man schlagwortartig zusammenfassen, der Übergang von »Sicherheit« zu »Freiheit«: »Sicherheit« mit dem Doppelcharakter von Zwanghaftigkeit und Stabilität, die »Freiheit« mit dem Januskopf endloser Möglichkeiten und großer Ängste. Heute, in Phase 3, scheinen die Versprechen der Befreiung für sehr viele Menschen nicht mehr aufzugehen. Was nützen Reise- und europäische Arbeitsfreiheit, totale Informationsmöglichkeiten, usw., wenn nur diejenigen etwas davon haben, die sich das Ganze leisten können? Auf dem Weg ins Gestern? weiterlesen »

Immer weiter so!

geschrieben von Anne Waninger

21. September 2018

Ein Dokumentarfilm über Esther Bejaranos Konzertreise nach Kuba

»Wo der Himmel aufgeht« ist eine Mischung aus Konzert- und Musikfilm, einem Portrait von Esther Bejarano, sowie Blicken auf Kuba und der dortigen Rezeption von Esthers Geschichte:

Im Januar 2017 erfüllt sich die Ehrenvorsitzende der VVN-BdA, Esther Bejarano, einen lang gehegten Wunsch: Sie besucht Kuba. Sie fährt nicht als Touristin auf die Karibikinsel, sondern gibt auf Einladung des kubanischen Musikinstituts mit der Band Microphone Mafia Konzerte in Havanna, Camagüey und Santa Clara. Immer weiter so! weiterlesen »

Lebensthema Menschlichkeit

geschrieben von Janka Kluge

21. September 2018

Zum Gedenken an Claude Lanzmann

Als ich vor Jahren in der Diskussion mit einer Freundin wieder einmal bei dem Punkt angelangt war, ob Menschen in der Lage sind, aus der Geschichte zu lernen, empfahl sie mir die Biographie von Claude Lanzmann »Der patagonische Hase«. Dieses Buch hatte sie, die Tochter eines Shoah-Überlebenden, stark beeindruckt.

Ich kannte damals den Namen von Claude Lanzmann, hatte aber noch nichts von ihm gelesen und auch sein Hauptwerk, den über neunstündigen Film »Shoah«, noch nicht gesehen. Neugierig machte ich mich an die Lektüre und versank immer tiefer in seine Biographie. Lebensthema Menschlichkeit weiterlesen »

Immer noch ein kurzer Traum

geschrieben von Ernst Antoni

21. September 2018

Neuerscheinungen zur bayerischen Revolution 1918

»Der kurze Traum vom Frieden« heißt eine in diesem Jahr erschienene umfangreiche historische Studie des Münchner Autors Günther Gerstenberg im Haupttitel. Sie versteht sich als »Beitrag zur Vorgeschichte des Umsturzes in München 1918« und wird ergänzt durch einen »Exkurs über die Gießener Jahre von Sarah Sonja Rabinowitz«, verfasst von Cornelia Naumann. Immer noch ein kurzer Traum weiterlesen »

Unser Titelbild

23. August 2018

27. Mai 2018, Berlin. Boots-Demonstration gegen AfD-Aufmarsch. Foto: Sören Kohlhuber.

27. Mai 2018, Berlin. Boots-Demonstration gegen AfD-Aufmarsch. Foto: Sören Kohlhuber.

Editorial

geschrieben von Regina Girod

23. August 2018

»Ganz Berlin hasst die AfD!« skandierten Tausende am 27. Mai in Berlin. Staunend erlebte die Stadt die wohl größte Mobilisierung gegen rechts seit 18 Jahren. Ganz »normale« Bürger, darunter viele, die sich selbst kaum als »politisch« bezeichnen würden, demonstrierten gemeinsam mit Antifas, Gewerkschaftern und Migrantinnen gegen die AfD und die Bedrohung der Demokratie durch die forcierte Rechtsentwicklung. Eine große Ermutigung für alle, die dabei gewesen sind. Markus Tervooren, Geschäftsführer der Berliner VVN-BdA, analysiert auf Seite 3 Bedingungen und Erfahrungen der erfolgreichen Aktion.

Doch die Gefahr, dass die »rote Linie« vor einer möglichen Regierungsbeteiligung der AfD, zunächst in Bayern oder bei der Landtagswahl in Sachsen 2019 überschritten wird, ist real. Cornelia Kerth stellt in ihrem Kommentar den Anteil politischer Hasardeure aus den Regierungsparteien daran in den Mittelpunkt (Seite 5), und Thomas Willms untersucht die Situation der AfD im Zyklus der Landtagswahlen und mit Blick auf die Europawahlen im nächsten Jahr. (Seite 11)

Großen Raum nehmen in dieser Ausgabe auch internationale Themen ein, denn die aktuelle Rechtsentwicklung betrifft viele Länder Europas. Was ist von der neuen, extrem rechten Regierung in Italien zu erwarten? Ulrich Schneider stellt seinen Artikel dazu unter die Überschrift »Staatlich legitimierter Hass.« (Seite 22).

Antifaschismus war und ist international. Deshalb erinnern wir im Porträt dieser Ausgabe an die ungarische Internationalistin Erzsébet Fazekas und veröffentlichen unter der Rubrik »Geschichte« (Seiten 21-22) einen Beitrag des Vorsitzender des Russischen Verbandes der Kriegsveteranen, General M.A. Moissejew, über die Schlacht am Kursker Bogen.

In Zeiten politisch geschürter Russophobie halten wir es für unerlässlich, unsere russischen Partner selbst zu Wort kommen zu lassen; auch als Grundlage für weitere Diskussionen, nicht nur in unserem Verband.

 

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