Versuche, zu verstehen

geschrieben von Ulrich Schneider

1. April 2018

Fragen und Antworten zwischen drei Generationen

Shalom Weiss schrieb vor etwa 30 Jahren unter dem Titel »Einer aus jeder Stadt« seine Erinnerungen an das Schicksal seiner Familie in der Shoa nieder. »Inzwischen ist mir klar geworden, dass mein Leben aus drei Abschnitten besteht, die miteinander verbunden sind. Es beginnt mit einer Jugend, voller Lebensfreude, in einer Diaspora-Gemeinde, die typisch war für das orthodoxe Judentum in Osteuropa. Es setzte sich fort in der Shoa und im Überleben und es endet in dem Erlebnis der Auferstehung in der alten-neuen Heimat«, so seine Begründung für das neue Buch.

Und so gliedert sich das Buch in die drei Hauptteile »Kindheit«, »Shoa« und »Auferstehung«.

Das erste Kapitel über eine jüdische Diaspora-Gemeinde, deren Realität schon von vielen anderen jüdischen Autorinnen und Autoren beschrieben wurde, lebt von der erfrischenden Perspektives eines Jugendlichen, der mit Neugier, aber auch mit einer gewissen aufgeklärten Distanz das religiöse Alltagsleben nachzeichnet. Doch schon hier wird durch die Ghettoisierung das kommende Verhängnis spürbar.

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Für die Literatur und die Erinnerung

geschrieben von Janka Kluge

1. April 2018

Zum Tod von Aharon Appelfeld

Am 4. Januar 2018 starb der Schriftsteller Aharon Appelfeld in seiner Wahlheimat Israel. Er lebte viele Jahre in dem Jerusalemer Stadtteil Rechavia. Hier wohnen bis heute viele israelische Intellektuelle. Appelfeld kam am 16. Februar 1932, mit dem Vornamen Erwin, in der Nähe von Czernowitz zur Welt. Die Stadt gehörte damals zum rumänischen Königreich. Heute liegt sie im Westen der Ukraine. Seine Eltern waren Teil der jüdischen Gemeinde der Stadt. In seinen mehr als 40 Büchern beschrieb er immer wieder das Leben von damals. In der Familie wurde deutsch gesprochen, so dass er es perfekt beherrschte.

Aharon Appelfeld ließ die Welt des untergegangen Judentums und seiner ermordeten Menschen in seinen Büchern wieder aufleben. Das Haus seiner Eltern wurde für eine kurze Zeit zu einem Zufluchtsort für geflohene, oder vertriebene Juden.

In dem Buch »Zeit der Wunder« heißt es: »Während der letzten Tage, die wir zu Hause verbrachten – und wir wussten nicht, dass es die letzten waren -, stand unsere Haustür offen. Und Fremde gingen aus und ein wie in einem Amtsgebäude. Mutter stand in der Küche und strich Brote. Die Fremden waren jüdische Geschäftsleute, die auf ihrer panischen Flucht vorübergehende Bleibe suchten. Auch gejagte Mädchen kamen, älter als ihre Jahre, bittere Linien durchzogen die puderverkrusteten Gesichter, die an Blumen mit braun geränderten Blütenblättern erinnerten; es kamen Frauen mit Kindern und andere, Gesichtslose, an denen bereits der Schmutz der Züge haftete, und ehrwürdige Kreise.«

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Wie rechts ist Simon Strauss?

geschrieben von Janka Kluge

1. April 2018

Die Antwort findet sich in seinem Buch »Sieben Nächte«

Seit einigen Monaten wird in deutschen Zeitungen ein Streit über die Frage geführt, ob Simon Strauss ein rechter Autor ist. Auf der einen Seite der Auseinandersetzung steht die Taz, auf der anderen beinahe die ganze Kulturgemeinde. Der 1988 geborene Simon Strauss ist als Ressortleiter des Feuilletons der FAZ jetzt schon ein Schwergewicht in der Kulturszene Deutschlands. Um es vorweg zu sagen, Simon Strauss ist ein sprachgewaltiger Wortkünstler. Sein Buch »Sieben Nächte« hat mich gefesselt. Aber kann die Sprache eines Menschen unabhängig davon betrachtet werden, was er sagt? Meiner Meinung nach steht der Inhalt sogar über der Sprache. Große Literatur entsteht, wenn beides zusammenkommt.

Die Geschichte, die Simon Strauss in dem Buch »Sieben Nächte« erzählt, ist die Geschichte einer Suche. Einer Suche nach dem Sinn des Lebens.

»Sehnt ihr euch nicht manchmal auch nach wilderem Denken? Nach Ideen ohne feste Ordnung, Utopien ohne berechenbaren Sinn, nach Ecken und Kanten, an den ihr euch stoßen könnt? Schämt ihr euch nicht keine Antwort zu haben auf die Frage, ›Was für eine Meinung vertrittst du, die nicht auch die Mehrheit teilt?‹ Dabei geht es nicht um Provokation, sondern Bewusstsein. Darum zu begreifen, wo man steht und mit wem man den Standort teilt.« (S.17)

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Verboten und wiederentdeckt

geschrieben von Raimund Gaebelein

29. März 2018

Der Bremer Detektiv Aren erhält von Direktor Ovelmann von den Zeinithwerken den Auftrag, Diebstähle in seinem Uhrenwerk aufzuklären. Dubios erscheint ihm, dass Ovelmann ihn nicht zu sich ins Kontor kommen lässt und sich auch nicht in seine Detektei bemüht, sondern ihn in eine Weinstube einlädt. Er trifft seine Vorsichtsmaßnahmen, die Weinprobe zieht sich in die Länge. Offensichtlich nutzt Ovelmanns Geschäftspartner die Zeit, um Arens Detektei zu durchsuchen. Gemeinsam mit Kommissar Winkelmann nimmt Aren die Spur auf, die beide zu einer aufwendigen Schatzsuche ins ceylonesische Hochland führen soll. Es ist ein Wettlauf mit der gefährlichen wie entschlossenen Betrügergruppe um Ovel(mann) und Alming (Mingal). Die abenteuerliche und nicht ganz ungefährliche Suche führt Aren zu dem Versteck der Diamanten des Miquel genannten Plantagenbesitzers Michael Mohringers aus Dinkholder und seinen Erben, denen er die Hinterlassenschaften des Verstorbenen übergeben kann.

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Verschiedene Kriege?

geschrieben von Regina Girod

29. März 2018

Was Geschichtsbücher heute über den 2. Weltkrieg schreiben

Eine einfache, doch überraschende Idee: aktuelle Geschichtsbücher weiterführender Schulen aus Tschechien, Deutschland, Italien, Polen, Litauen und Russlands danach zu befragen, wie sie den 2. Weltkrieg behandeln und anschließend mit ihren Erklärungen und Fotos eine nach Themen geordnete Ausstellung zu gestalten. Das jeweilige Geschichtsbuch vor den Tafeln ausgelegt, damit die Besucher selbst nachschlagen können.

Diese wirklich erhellende Ausstellung des EU-Russia Civil Society Forums war sechs Wochen lang im Museum Berlin Karlshorst zu sehen, jener großen Villa, in der am 9. Mai 1945 die Kapitulation der Deutschen Wehrmacht vor den Alliierten Siegermächten unterzeichnet wurde.

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100 Dokumente aus 100 Jahren

geschrieben von Heinrich Fink

29. März 2018

Friedensinitiativen für Israel und Palästina (1917 – 2017)

Mit dem Sammelband »100 Dokumente aus 100 Jahren – Friedensinitiativen für Israel und Palästina (1917-2017)« hat Angelika Timm auf 724 Seiten einen Dokumentenband der Zeitgeschichte zusammengetragen, ein einmaliges gesamtgeschichtliches Werk vorgelegt und damit das israelisch-palästinensische Spannungsverhältnis als Kern des umfassenden Nahostkonflikts dokumentiert. Damit ist ihr nicht nur eine Geschichtsdokumentation zu Israel und Palästina gelungen, sondern auch eine Gesamtanalyse des Nahen Ostens und der Geschichte seiner Konflikte.

Die Dokumentation teilt in der Einleitung die historischen Prozesse in sechs Abschnitte ein. Er beginnt mit Dokumenten, die sich den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges auf Palästina (1917-1920) widmen, durch die in der Balfour-Erklärung den Juden eine nationale Heimstatt in Palästina versprochen wurde.

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Angekommen im Thriller

geschrieben von Thomas Willms

26. März 2018

PfD heißt die Rechtspartei in der Serie »Berlin Station«

Die AfD, Frauke Petry und Alexander Gauland sind im internationalen Seriengeschehen angekommen und Personal eines hochklassigen Thrillers geworden. Sie sind das Thema der zweiten Staffel von »Berlin Station« und für den antifaschistisch Interessierten sind es neben dem eigentlichen Plot die leicht verfremdeten Bilder der Partei, die zu denken geben. Im Gedächtnis bleibt ein Parteiempfang der »Perspektive für Deutschland (PfD)« mit lauter gut gekleideten, fröhlichen, optimistischen Anhängern. Es ist ein »Möglichkeitsraum«, in dem diverse Akteure auf der Jagd nach Zukunft die Sektgläser klingen lassen. Unter ihnen sind Agenten der CIA, wie immer beschäftigt mit der Beschaffung von Informationen und wichtiger noch mit der aktiven Einflussnahme auf das Geschehen – doch mit welchem Ziel? Geht es nach »Berlin Station« gehört zu den Kernzielen der CIA die Verhinderung rechtsradikaler Erfolge wie dem der PfD, denn das kann man den »fucking Germans« auf keinen Fall durchgehen lassen. Aber die vorausgesetzte allgemeine Eindeutigkeit dieses Zieles gerät ins Rutschen. Ein neuer Botschafter trifft ein und sucht die CIA-Abteilung, eine Parallelwelt innerhalb der Botschaft, zu unterwerfen. Entsandt hat ihn »die neue Administration«. Irgendetwas geht zwischen »Washington« und »Langley«, den beiden bürokratischen Oberzentren, vor sich. »Washington« denkt offenbar anders über die PfD als die Profis in Berlin.

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Humanität verschwindet

geschrieben von Raimund Gaebelein

26. März 2018

Tagebuch-Aufzeichnungen von 1939 bis 1945

1970 verstarb ein Mann, der als Justizinspektor in der oberhessischen Kleinstadt Laubach 1939 bis 1945 Tagebuch führte. Der Sozialdemokrat Friedrich Kellner macht in seinen Aufzeichnungen deutlich, wieviel ein durchschnittlicher Deutscher während des Krieges darüber wissen konnte, was geschah. Seinem Enkel Robert Martin Scott Kellner ist es zu verdanken, dass diese Aufzeichnungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Darüber hinaus befragte er selbst Ende der 60er Jahre in Kenntnis der Tagebücher Zeitzeugen in Hessen. Es gelang ihm nach Jahren, die verschollen geglaubten ersten Aufzeichnungen zu erhalten, die ein Freund seines Großvaters aufbewahrt hatte.

Dieser verließ 1934 Mainz, wo er sich als Justiz-inspektor nicht mehr sicher glaubte, und ließ sich in die tiefste Provinz versetzen. Zehn Tagebücher enthalten Hunderte Berichte, Schlagzeilen, Fotos, Karikaturen, Ausschnitte von Tages- oder Wochenzeitungen, die er sorgfältig ausschnitt, einklebte und kommentierte. Phrasen und dreisten Lügen faschistischer Amtsträger begegnete er mit klassischen Zitaten. Mehr noch, er deckte Widersprüche in den Aussagen über einen größeren Zeitraum auf. Als im August 1942 von Judendeportationen die Rede war, fragte er sich nach dem Wohin. Er zeichnete auf, was Soldaten auf Heimaturlaub über Mordgräuel im Osten berichteten. Bis zuletzt hoffte er auf Einsicht der Generäle, dass die Lage aussichtslos war. Den Abschluss der Aufzeichnungen bildet der Bericht eines KZ-Überlebenden.

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Ein Jahrhundertschicksal

geschrieben von Reinhold Weismann-Kieser

26. März 2018

Ivan Moscovich zu Gast in Hannover

Geboren 1926 in der seit 1918 jugoslawischen Vojvodina in einem bürgerlichen jüdischen Elternhaus, aufgewachsen in der multikulturellen Hauptstadt Novi Sad, erlebte er eine friedliche und glückliche Kindheit und frühe Jugend. Angeregt durch seinen Cousin, den später weltberühmten Mathematiker Paul Erdös, fand er früh seine Liebe zur Mathematik.

Der zunehmende Einfluss des faschistischen Deutschlands und des faschistischen Ungarns verschärfte die nationalistische und antisemitische Hetze auch in Novi Sad. 1941, nach dem Überfall auf Jugoslawien und der ungarische Besetzung, gipfelte sie im Januar 1942, nach der »Razzia«, in den unsäglichen Massenmorden vor allem an Juden und Serben. Sein Vater und zahlreiche Freunde wurden dabei ermordet, er überlebte mit nur wenigen Anderen. Die scheinbare Normalität der folgenden Zeit endete mit der deutschen Besetzung Ungarns und der darauffolgenden Deportation der Juden nach Auschwitz.

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Unser Titelbild

8. Februar 2018

Unser Titelbild: Schon im März 1933 richteten SA-Angehörige in einer ehemaligen Brauerei in Oranienburg das erste »wilde« Konzentrationslager in Preußen ein. Das Foto zeigt die Häftlinge Kurt Magnus, Hans Flesch, Heinrich Giesecke, Alfred Braun, Friedrich Ebert jun. und Ernst Heilmann (v.r.n.l.) am 1. August 1933.

Unser Titelbild: Schon im März 1933 richteten SA-Angehörige in einer ehemaligen Brauerei in Oranienburg das erste »wilde« Konzentrationslager in Preußen ein. Das Foto zeigt die Häftlinge Kurt Magnus, Hans Flesch, Heinrich Giesecke, Alfred Braun, Friedrich Ebert jun. und Ernst Heilmann (v.r.n.l.) am 1. August 1933.

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