»Maximal überreagieren«

geschrieben von Markus Roth

26. Januar 2017

Zum Umgang mit der AfD in den Parlamenten

Auch in Berlin hat die Alternative für Deutschland (AfD) im September den Einzug in das Landes- und die zwölf Bezirksparlamente geschafft. Erstmalig seit ihrer Gründung 2013 kommt sie damit auch in den Genuss, nennenswerte Regierungsverantwortung zu übernehmen. Andernorts ist sie in Landtagen und Kommunalparlamenten bisher nur Teil der Opposition. Mit einem berlinweiten Ergebnis von 14 Prozent ändert sich das nun und die AfD muss »erwachsen« werden. In sieben Berliner Bezirken wird die Partei wohl Stadtrats-Posten besetzen und damit für die nächsten fünf Jahre mit eigenen Ressorts Bestandteil der jeweiligen Bezirksämter sein. Mit eigenem Apparat und Budget ausgestattet, werden die AfD-Stadträte allerhand beweisen müssen. Ihren Wählerinnen und Wählern, der eigenen Partei und der Öffentlichkeit. Denn sie werden zur Bundestagswahl 2017 als Beispiele für mehr oder weniger gelungene Regierungskompetenz der Gesamt-AfD herhalten dürfen. Ob sie daraus einen positiven Propagandaeffekt erzielen können, wird auch davon abhängen, wie viel Gestaltungsspielraum den AfD-Regenten in den Bezirken gelassen wird. Doch was ergibt sich außerdem, wenn eine Partei wie die AfD große Fraktionen bilden kann und das Konzept der Isolation (das beispielsweise bei der NPD sehr erfolgreich gefahren wurde) nicht mehr aufgeht?

Anti-Parlamentarische Arbeit
Seit 2014 sitzt die AfD bereits in Landtagen. Ihre Arbeit dort kann überwiegend als »anti-parlamentarisch« deklariert werden. Die Mitarbeit durch Anfragen und Eingaben verfolgt ausschließlich den Zweck, den außerparlamentarischen Markenkern zu stärken. Das Wechselspiel populistischer Kommunikationsspiralen aus lautem Tabubruch und medialer Aufgeregtheit wird in den Parlamenten fortgeführt. Insofern wird die Forderung an demokratische Parteien, den AfD-Parlamentariern »auf der Sachebene zu begegnen«, nur bedingt funktionieren. Denn es gibt für die AfD keinen Grund, sich auf die Sachebene hinabzulassen – schon gar nicht in den Kommunen. Wer die AfD also konfrontieren will, wird wohl nicht darum herumkommen, einen eigenen »Markenkern« zu entwickeln und ihn der AfD auch außerhalb der Geschäftsordnung der hohen Häuser quasi allgemeinpolitisch entgegenzusetzen. Dass dieser, als »demokratischer Konsens« bekannte, aber unbestimmte »Wertekanon«, in Zeiten aktueller Krisen und deren brutalem Management durch Nicht-AfD-Regierende, nur noch Phrase ist, tut dem keinen Abbruch. Warum die Debatte mit und gegen die AfD nicht nutzen, um einige rote Linien in Sachen Menschenwürde zu ziehen? Sehr schnell würde sich herausstellen wer AfD-Inhalte teilt, oder schon heute die Politik einer AfD von morgen betreibt, es aber anders auszudrücken vermag. Die manchmal unbedarften Provokationen der AfD können hier als dankbarer Anlass für weiterführende Debatten aufgefasst werden. Das mag zwar Unruhe ins »demokratische Spektrum« von Linke bis CDU bringen, ist aber lohnenswerter als sich einmütig gegen die AfD zu stellen und die Politik im eigenen Sinne zu vernachlässigen.

Solidarität üben
Ob nun in Regierungsverantwortung oder als unbequeme Fragestellerin, die AfD verfolgt in den Parlamenten ihre politische Agenda. Betroffene ihrer Politik sind Jugendträger, Vereine und religiöse Gemeinden, die, oft auch mit öffentlicher Förderung, in Bereichen agieren, die der AfD ein Dorn im Auge sind. Beratungsstellen für Opfer von Diskriminierung, Vereine die sich für Inklusion einsetzen, Bildungseinrichtungen die Gender-Studies betreiben usw. – je nach Ausdauer kann die parlamentarisch verankerte AfD, ihr publizistisches Echo (Junge Freiheit, Compact und Co.) und ihr auf der Straße agierendes Umfeld, Kampagnen fahren, die solchen Einrichtungen ihre Arbeit massiv erschweren. Für die AfD dient die jeweilige öffentliche Denunzierung und die als Hassobjekt auserkorene Einrichtung nur als symbolisches Vehikel. Entsprechend symbolhaft muss die Antwort lokaler antifaschistischer Bündnisse auf solche Angriffe sein. Ein »maximales Überreagieren« hat dabei mehrere Funktionen: Einerseits wird den Betroffenen gezeigt dass der Angriff gegen sie wahr- und nicht hingenommen und ihre Arbeit durchaus wertgeschätzt wird. Der Öffentlichkeit – und damit nicht nur der AfD – wird zudem signalisiert, dass Angriffe auf solche Einrichtungen ein Echo erzeugen, das zum Eigentor wird. Gleichzeitig tragen solche gemeinsam ausgetragenen Konflikte gegen die AfD dazu bei, lokale Strukturen zusammenzuschweißen, um auch größere Projekte, wie beispielsweise die nächste Kürzungswelle im Jugendbereich, gemeinsam anzugehen. Insofern ist die AfD in den Parlamenten eine Herausforderung, die über sie selbst hinausgeht.

Blumen von der AfD: SPD-Bürgermeister im Bezirk Spandau, Helmut Kleebank, bekommt zur Wahl auch von der AfD Blumen überreicht. Das Bezirksparlament hatte einen AfD-Kandidaten zum Stadtrat für »Facility Management, Umwelt und Naturschutz« gewählt.

Zusammengehörend

26. Januar 2017

Neonazis und Rechtspopulisten aus Identitärer Bewegung, AfD und Pegida trafen im November bei einem Kongress des Magazins Compact in Berlin zusammen, darunter André Poppenburg (AfD), Lutz Bachmann (Pegida), Martin Sellner (IB) und Compact-Chefredakteur Jürgen Elsässer. »Um die rechte Bewegung voranzubringen«, bedürfe es »drei Arme«, zitierte die Sächsische Zeitung den Pegida-Anführer Bachmann: »Die AfD im Parlament, Pegida auf der Straße und die Aktionen der IB im ganzen Land«.

Der »Schutzraum« schrumpft

geschrieben von Axel Holz

23. Januar 2017

Antidemokratisches Potenzial aus der »Mitte der Gesellschaft«

Seit 2002 werden vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld Facetten gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF) untersucht. Ihre Ergebnisse werden seit 2006 im Zweijahresrhythmus in den sogenannten »Mitte-Studien« von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) herausgegeben. Die neuste Studie trägt den Titel »Gespaltene Mitte – feindselige Zustände«.
Die Studie belegt neben der Stabilität rechter Einstellungen in Teilen der Bevölkerung deren gleichzeitige Verlagerung hin zu neurechtem Denken. Trotz eines Anstiegs von Polarisierung und Gewaltbereitschaft bleibe die Stimmung in der Bevölkerung mit Blick auf die Flüchtlingssituation gelassen. Mit 56 Prozent finde mehr als die Hälfte der Bevölkerung die Aufnahme von Flüchtlingen gut. Parallel dazu geben 41 Prozent der Befragten an, dass sie selbst oder Menschen in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis sich für Flüchtlinge ehrenamtlich engagieren.
Die Vorurteils-Befragungen im Einzelnen zeigen mit einem Niveau von zwei Prozent rückläufige Abwertungen gegenüber homosexuellen Menschen und auch der offene Antisemitismus ist mit sechs Prozent Zustimmung rückläufig. Weiter stark ausgeprägt sind mit 19 Prozent muslimfeindliche Einstellungen und die Ablehnung von asylsuchenden Menschen. Abwertende Haltungen gegenüber langzeitarbeitslosen Menschen bewegen sich auf einem stabil hohen Niveau von 49 Prozent. Im Osten Deutschlands sind wiederum Fremdenfeindlichkeit, Muslimfeindlichkeit, die Abwertung von Sinti und Roma sowie asylsuchenden und wohnungslosen Menschen besonders stark ausgeprägt. Nicht überraschend ist die Tatsache, dass alle untersuchten menschenfeindlichen Einstellungen bei AfD-Anhängern überdurchschnittlich ausgeprägt sind, besonders mit 88 Prozent die Ablehnung gegenüber Asylsuchenden und 68 Prozent die Ablehnung gegenüber arbeitslosen Menschen. Dies bestätigt auch frühere Umfragen, nach denen die Haltungen gegenüber Geflüchteten weniger vom Einkommen oder anderen soziodemografischen Daten abhängent, sondern mehr von der politischen Grundhaltung. Die Daten bestätigen: Diejenigen, die die AfD gut finden, sind seit 2014 weiter nach rechts gerückt.

Andreas Zick, Gespaltene Mitte - Feindselige Zustände. Rechtextreme Einstellungen in Deutschland 2016

Andreas Zick, Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtextreme Einstellungen in Deutschland 2016

Die insgesamt überwiegend positive Einstellung der Bevölkerung gegenüber Flüchtlingen wird nur von einer Minderheit nicht geteilt. In ihrer Lebensweise sehen sich sechs Prozent und finanziell sieben Prozent durch Flüchtlinge bedroht. 35 Prozent meinen hingegen, dass sich der deutsche Staat mehr um Flüchtlinge als um hilfsbedürftige Deutsche kümmere. Dieses gefühlte Ungleichgewicht ist wohl der signifikanteste Ausdruck der Spaltung der Mitte, die die Studie im Auge hat. Damit hat sich die Feindseligkeit gegenüber Muslimen und Geflüchteten weiter verschärft gegenüber der letzten FES-Studie, die noch von einer fragilen Mitte gesprochen hatte. Das Thema Flüchtlinge steht exemplarisch für die Gespaltenheit der Gesellschaft in eine Mehrheit, die Weltoffenheit, Toleranz und Gleichwertigkeit will und eine laute Minderheit, die Abschottung, nationale Rückbesinnung und Ungleichheit fordert.
Erstmals hat die FES-Studie neurechte Positionen erfasst, in denen über Begriffe wie »Identität« und Widerstand« eine nationalistisch-völkische Ideologie bedient wird. Das neurechte Meinungsmuster findet sich bei 28 Prozent der Bevölkerung und zeichnet sich durch Verschwörungsmythen einer vermeintlichen muslimischen Unterwanderung der Gesellschaft aus, durch die Beschimpfung des »Establishments« als illegitim, verlogen und betrügerisch und die Forderungen nach nationaler Rückbesinnung gegen die EU. Hinter Verschwörungsmythen mit Blick auf den Islam und die etablierte Politik, dem Einklagen von Meinungsfreiheit und dem Aufruf zum Widerstand verbergen sich nicht selten antidemokratische Haltungen. Der marktförmige Extremismus, den die Studie seit geraumer Zeit in den Blick nimmt, ist dabei ein wichtiger Vermittler zwischen AfD-Sympathie und menschenfeindlichen Haltungen. Zudem findet sich bei 40 Prozent derjenigen, die sich gegen Zuwanderung an Demonstrationen beteiligen, eine hohe Gewaltbereitschaft.
Die FES-Studie der Universität Bielefeld bestätigt viele Aussagen der Leipziger Studie »Die enthemmte Mitte« unter der Leitung von Elmar Brähler, die am 20. Juni 2016 in der Rosa-Luxemburgstiftung in Kooperation mit der Friedrich-Ebertstiftung und der Otto-Brenner-Stiftung präsentiert und bereits in der antifa besprochen wurden. Zwar seien die demokratischen Milieus in der letzten Dekade gewachsen, doch zeige sich die »Mitte« in der aktuellen Erhebung nicht als Schutzraum der Demokratie, sondern aus ihr könne ein großes antidemokratisches Potenzial erwachsen. Während die aktuelle Studie aus Bielefeld die stabilisierende Wirkung der demokratischen Mehrheit betont, schält die Leipziger Studie stärker die Fragilität des politischen Meinungsbildungsprozesses heraus.

 

Die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt die Stabilität rechtsextremer und rechtspopulistischer Einstellungen. Doch die Stimmung der Bevölkerung bezüglich der Flüchtlingssituation bleibe gelassen.

Leserbrief – Wenn ein AfD-Aktivist sich beleidigt fühlt

23. Januar 2017

»Rassist« sei für Parteigänger und Aktivisten der rassistischen AfD eine Beleidigung. Ein entsprechendes Klageverfahren hat leider gute Erfolgsaussichten. So jedenfalls muss ein Urteil vom Amtsgericht Leverkusen verstanden werden. Der Hintergrund: Gegen einen Infostand der AfD in Leichlingen/Rheinland im April 2016 organisierte sich sehr schnell eine Protestversammlung; es kam zu lautstarken Auseinandersetzungen in deren Verlauf von Seiten der Gegendemonstranten das rassistische und fremdenfeindliche Programm der AfD attackiert wurde.

Es wurde festgestellt, dass es Rassisten sind, die dieses Programm vertreten. Unter den Gegendemonstranten war auch unser Kamerad Günter Bischoff, Vorstandsmitglied der VVN/BdA in Solingen. Konkret von ihm fühlte sich ein AfD-Aktivist persönlich beleidigt und erstattete Anzeige gegen Günter Bischoff. Das Programm der AfD als rassistisch zu kennzeichnen, ist nach dem nun erfolgten Richterspruch eine zulässige Meinung. AfD-Aktivisten dürfen sich mit einer solchen Zuschreibung aber beleidigt fühlen.

Günter Bischoff machte in dem Verfahren deutlich, dass er in den Auseinandersetzungen niemanden persönlich angesprochen habe, seine Bemerkungen über Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und geistige Brandstiftung immer mit konkreten Belegen auf das AfD-Programm bezogen waren. Gleichwohl folgte der Richter den Aussagen des als Zeugen geladenen Klageführers trotz seiner widersprüchlichen Hinweise als glaubwürdig. Das Urteil: 15 Tagessätze à € 25,– plus Gerichtskosten für den angeklagten Antifaschisten.

Wir von der VVN-BdA Solingen erklärten: Sollen, wie im Falle von Günter Bischoff, Gegner der AfD auf diese Weise mundtot gemacht und Demokraten eingeschüchtert werden? Während Anzeigen wegen Volksverhetzung gegen einen anwesenden CDU-Ratsherren (»die Syrer zünden ihre Heime doch selbst an«) von der Kölner Staatsanwaltschaft nicht weiterverfolgt wurden, hat man jetzt gegen den Sprecher der VVN-BdA verhandelt. Ein Jugendlicher AfD-Gegner wurde bereits mit einem Bußgeld belegt.

Günter Bischoff sagt: »Es ist ein Skandal, dass Gegner dieser Rechtspopulisten jetzt durch Gerichte eingeschüchtert werden sollen, während die AfD weiterhin gegen Flüchtlinge und Asylsuchende hetzen darf. Ich habe niemanden persönlich beleidigt, sondern die Politik der AfD als in weiten Teilen rassistisch und völkisch national dargestellt. Mit ihrer Hetze ist diese Partei Stichwortgeber für die Nazis und Brandstifter in Deutschland. Das habe ich während des Infostandes der AfD deutlich gemacht und dabei bleibe ich. Ich lasse mich nicht mundtot machen«.

Inge Krämer, Solingen

Auf dem Weg zum Faschismus

geschrieben von Ulla Jelpke

23. Januar 2017

Der Umbau der Türkei zum autoritären Führerstaat begann schon früher – Von Ulla Jelpke

Vermehrt sprechen Journalisten und Politiker in Westeuropa seit dem gescheiterten Putsch vom 15. Juli 2016 und dem faktischen Gegenputsch des Erdoğan -Regimes vom Übergang zu einer faschistischen Form der Herrschaft in der Türkei. Dabei handelt es sich allerdings um keine Entwicklung, die von einem Tag auf den anderen zustande kam. Vielmehr ist dieser Prozess jahrelang durch den jetzigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan und seine religiös-nationalistische Regierungspartei AKP vorbereitet worden.
Entscheidendes Merkmal der Faschisierung der Türkei ist dabei deren dialektische Verschränkung mit der kurdischen Frage. Der traditionelle Kemalismus als Gründungsideologie der Republik, als auch das von den Grauen Wölfen repräsentierte rechtsextreme Lager verteidigen das Bild eines ethnischen Türkentums, das aus Angst vor einer Spaltung der Türkei eine Assimilations-, Verleugnungs- und auch kriegerische Vernichtungspolitik gegenüber der kurdischen Bevölkerung und ihrer politischen Organisierung an den Tag legten.
Die Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP), die das Land seit 2002 regiert und sich anfangs vor allem aus den religiös-konservativen Eliten in Mittelanatolien rekrutierte, vertrat demgegenüber zunächst eine andere Agenda. Für sie stand die Umma – die religiöse Gemeinschaft – im Vordergrund und weniger die ethnische Identität. So konnte die AKP zu Beginn als Reformerin erscheinen und auch viele religiöse Kurden ansprechen. Ihr Projekt geht dabei weit über die Grenzen der Türkei hinaus, es dreht sich um eine Vormachtstellung im Mittleren Osten in Anlehnung an neoosmanische Großmachtphantasien. Die erste Strategie der AKP zur Vernichtung der kurdischen Opposition in der Türkei war also eine Art Umarmungsstrategie konservativer Teile der kurdischen Gesellschaft durch kleinere Zugeständnisse im Bereich von Sprache und Kultur sowie eine offene Annäherung an die rechtskonservative Demokratische Partei Kurdistans (KDP) von Präsident Massud Barzani in der Region Kurdistan-Irak.
Allerdings wurde schon bei den Kommunalwahlen 2009 deutlich, dass dieses Konzept nicht griff. Die linke, zur kurdischen Freiheitsbewegung gehörige Partei für eine Demokratische Gesellschaft (DTP) konnte die von ihr verwalteten Kommunen im kurdischen Osten des Landes verdoppeln. Der türkische Staat reagierte mit extremer Repression – über 9.000 zivile politische Aktivistinnen und Aktivisten, darunter zahlreiche Bürgermeister und Stadträte, wurden im Rahmen der sogenannten KCK-Verfahren unter Terrorvorwürfen inhaftiert.
Parallel dazu begann der türkische Staat, auf faschistische Kräfte wie Milizen der sunnitischen türkischen Hisbollah zurückzugreifen, um eigene parastaatliche Schlägertrupps und Mordkommandos in den kurdischen Gebieten zu haben. So amnestierte Erdoğan im Oktober 2011 die Führung dieser religiös verbrämten Konterguerillaorganisation, die in den 90er Jahren tausende Aktivisten in den kurdischen Gebieten gefoltert und ermordet hatte. Mit dem sogenannten Arabischen Frühling, der in Tunesien und Ägypten die Muslimbrüder an die Macht brachte, erschienen die neoosmanischen Träume der AKP zum Greifen nahe. Erdoğan wurde vom ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi wie ein König empfangen. Die AKP, die selbst aus der Tradition der Muslimbrüder kommt, hoffte, sich als Führungsmacht dieser Strömung im Nahen Osten zu etablieren – eine Rolle, die ihr vorübergehend auch von der NATO zugedacht worden war. Die Türkei hatte nun ein Auge auf Syrien geworfen – gemeinsam mit Ägypten, Saudi Arabien und Katar. Vom Westen geduldet oder sogar unterstützt wurde die Türkei zum wichtigsten Transitland für die aus aller Welt nach Syrien strömenden dschihadistischen Kämpfer. Der türkische Geheimdienst versorgte diese anfangs noch unter dem Dach der Freien Syrischen Armee agierenden doch bald als Al Qaida / Al Nusra und dann als Islamischer Staat offen ihre Agenda zeigenden Terrororganisationen mit Waffenlieferungen, mit Ausbildungslagern im Grenzgebiet und mit eigens eingerichteten Krankenhäusern. Damit verband die türkische Regierung das doppelte Ziel, einerseits den syrischen Präsidenten Bashar al Assad zu stürzen und durch eine sunnitische, protürkische Regierung in Damaskus zu ersetzen und andererseits die Etablierung einer kurdischen Selbstverwaltungsregion in Nordsyrien/Rojava zu verhindern.
Dennoch befanden sich die kurdische Freiheitsbewegung und ihr inhaftierter Repräsentant Abdullah Öcalan ab Ende 2012 in einem intensiven Friedensdialog mit dem türkischen Staat. Abgeordnete der linken prokurdischen Demokratischen Partei der Völker (HDP) fungierten als Vermittler der Friedensgespräche zwischen dem weiterhin auf der Gefängnisinsel Imralı inhaftierten Öcalan, der PKK-Führung in den Bergen und der türkischen Regierung. Offenkundig hoffte die AKP auf einen schmutzigen Deal, wonach die kurdische Seite der von Erdoğan angestrebten Präsidialdiktatur im Gegenzug zu mehr Rechten für die Kurden zustimmen würde. Doch der Co-Vorsitzende der HDP, Selahattin Demirtas, machte deutlich, dass seine Partei ihr Ziel einer Demokratisierung der ganzen Türkei nicht für so einen Handel opfern würde und niemals das Präsidialsystem unterstützen werde. Erdoğan brach daher im März 2015 den Dialog mit der kurdischen Seite ab und erklärte die bis dahin erreichten weitgehenden Vereinbarungen über den weiteren Verlauf des Friedensprozesses für null und nichtig. Solche Vereinbarungen, die Ende Februar von HDP- und Regierungspolitikern gemeinsam im Dolmabahçe-Palast in Istanbul präsentiert wurden, betrafen unter anderem die Gewährung kommunaler Autonomie für die kurdischen Städte.
Im dem darauffolgenden Wahlkampf setzte die AKP auf eine massive nationalistische Kampagne gegen die HDP, die nun als verlängerter Arm von Terroristen und Partei von Gottlosen und Homosexuellen diffamiert wurde. Die massive Unterstützung insbesondere dschihadistischer Gruppen wie des IS hatte seine Rückkopplung in die Türkei und so begann der IS als Terrorgruppe zur Vernichtung der innertürkischen Opposition zu arbeiten. Vor den Parlamentswahlen vom 7. Juni 2015 begann eine Kampagne von Terroranschlägen auf Wahlkundgebungen der HDP. Gleichzeitig eskalierte der Staat militärisch und versuchte die Guerilla dazu zu zwingen, ihren seit 2013 ausgerufenen Waffenstillstand noch vor den Wahlen zu beenden.
Dass der Dialog mit der kurdischen Seite von der AKP nur taktisch als Spiel auf Zeit motiviert war, hatte bereits die massive Unterstützung der Türkei für den IS während der Schlacht um die syrisch-kurdische Stad Kobanî im Winter 2014/15 deutlich gemacht. Doch Kobanî konnte gehalten werden und der IS erlitt seine erste große Niederlage. Dieser Kobanî-Effekt und die Nachwehen der landesweiten Gezi-Park-Proteste gegen die autoritäre AKP-Regierung trugen wesentlich zum Wahlerfolg der als breiter Bündnispartei aus Kurden, Aleviten, sozialistischen Vereinigungen, Ökologen, der Frauenbewegung und Gewerkschaftern gebildeten HDP bei. Als erste prokurdische Partei übersprang die HDP mit 13 Prozent die Zehnprozenthürde, während die AKP ihre für eine weitere Alleinregierung notwendige absolute Mehrheit einbüßte. Wutentbrannt erklärte Erdoğan die Wahl für einen durch Neuwahlen zu korrigierenden Fehler. Um die Stimmung für eine erneute AKP-Alleinregierung und ein Präsidialsystem mit ihm als starken Mann zu schaffen, setzte Erdoğan auf eine Strategie der Spannung.
Am 25. Juni 2015 drangen IS-Terroristen unter anderem über den türkischen Grenzübergang in Kobanî ein und ermordeten über 200 Männer, Frauen und Kinder. Am 20. Juli 2015 sprengte sich ein Selbstmordattentäter des IS bei einer Kundgebung in der Grenzstadt Suruc inmitten von zivilen Helfern für Kobanî in die Luft. 34 Menschen, vor allem Jugendliche, starben – 74 wurden zum Teil schwer verletzt. Der Selbstmordattentäter aus einer türkischen IS-Zelle stand unter der Observation des Geheimdienstes. Was folgte war, dass der türkische Staat internationale Unterstützung gegen den »Terror« einforderte. Doch sein Kampf gegen den Terror beschränkte sich auf die Bombardierung der PKK-Hauptquartiers in Kandil und Repressionen gegen die kurdische Bevölkerung und die radikale Linke in der Türkei, während in Syrien nur bereits geräumte IS-Stellungen beschossen wurden.
Aufgrund der undemokratischen Situation hatten einige kommunale Räte in verschiedenen kurdischen Städten nun selbst die demokratische Autonomie ausgerufen. Der Staat reagierte mit Festnahmen und Repression. Daraufhin begannen Jugendliche vereinzelt Verteidigungsgräben auszuheben, um das Eindringen der Polizei in die selbstverwalteten Stadtviertel zu verhindern – der Staat reagierte nun mit aller militärischer Gewalt und es begann ein Bombardement der Städte.
Am 10. Oktober 2015 rissen zwei Suizidattentäter des IS mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer von der HDP, sozialistischen Parteien und Gewerkschaften durchgeführten Friedenskundgebung in Ankara in den Tod. Die Attentäter gehörten der gleichen unter Geheimdienstaufsicht agierenden Zelle aus Adiyaman an, wie bei vorangegangenen Anschlägen in Suruc und Diyarbakir.
Nach dem Anschlag von Ankara trauten sich viele Menschen nicht mehr, für ihre Rechte auf die Straße zu gehen, die HDP verzichtete auf Wahlkampfveranstaltungen, um ihre Anhänger nicht zu gefährden. So fanden die Wahlen im November 2015 in einem undemokratischen Klima statt und dennoch konnte die HDP erneut die 10%-Hürde überspringen. Doch die Angst-Strategie der AKP war aufgegangen, mit rund 50 Prozent der Stimmen konnte sie eine neue Alleinregierung bilden. Nun folgte eine weitere Verschärfung des Kolonialkrieges in den kurdischen Landesteilen.
Über viele kurdische Städte wurden wochen- und monatelange Ausgangssperren verhängt. Dabei wurde die türkische Verfassung gebrochen – ohne dass dies moniert wurde. Denn es liegt nicht in der Befugnis der Regionalgouverneure eine solche Ausgangssperre zu verhängen. Auch hierin liegt ein Merkmal der Faschisierung, dass das Recht nicht mehr bindend ist. Hunderte Zivilisten – Kinder, Alte und Kranke – wurden von Scharfschützen getötet oder wie in Cizre von Sonderkommandos der Polizei lebendig in Kellern verbrannt. Ganze Wohnviertel in der Altstadt von Diyarbakir, Sur, sowie Städten wie Cizre, Silopi, Şırnak, Nusaybin, Hakkari, Yüksekova und Silvan wurden von der Armee mit Panzern und Artillerie zuerst in Ruinen geschossen und anschließend von schweren Baufahrzeugen dem Erdboden gleichgemacht. Selbst die Menschenrechtsorganisation Amnesty International geht von einer halben Million kurdischen Binnenflüchtlingen aus. Die Regierung ließ die Bewohner der zerstörten Viertel per Dekret enteignen, es gibt Überlegungen, an ihrer Stelle sunnitische syrische Flüchtlinge anzusiedeln. So soll in den Hochburgen der HDP, in denen diese Partei zwischen 60 und über 90 Prozent der Stimmen bekam, die Demographie zugunsten der AKP verändert werden.
In der Westtürkei gab es abgesehen von der HDP und marginalen revolutionär-sozialistischen Organisationen keinen Protest gegen die Kriegsverbrechen in Kurdistan. Bei Anzeichen von Kriegsmüdigkeit unter der Bevölkerung der Westtürkei machte der türkische Staat stets einige wenige der vielen im Kampf mit der Guerilla gefallenen Soldaten öffentlich, um ein nationalistisches Klima weiter anzuschüren. Befördert von Polizei kommt es regelmäßig zu pogromartigen Übergriffen auf Linke, Kurden und die HDP. Zum Einsatz kommen dabei immer wieder die sogenannten »Osmanen-Herde« (Osmanli Ocaklari), eine aus dem Milieu der Grauen Wölfe rekrutierte und in strikter Treue zu Erdoğan stehende religiös-faschistische Schlägertruppe. Gleichzeitig kamen in den kurdischen Landesteilen neben den regulären Armee- und Polizeieinheiten Sondereinheiten mit Söldnern zum Einsatz, die sich aus Grauen Wölfen und zum Teil ausländischen Dschihadisten rekrutieren. Ein Großteil der Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung wird diesen teilweise sogar im Outfit des IS agierenden Kräften zugeschrieben.
Im Mai 2016 unterstützten die mit der AKP in einer inoffiziellen Kriegsregierung stehendende faschistische Partei der nationalistischen Bewegung (MHP) und ein Teil der kemalistischen Republikanischen Volkspartei den Antrag der Regierung, Abgeordneten die Immunität zu entziehen, wenn gegen sie Strafverfahren laufen. Der Immunitätsentzug traf zwar Abgeordnete aller Fraktionen, doch er zielte auf die HDP, denn fast alle ihrer Abgeordneten hatten, aufgrund ihrer parlamentarischen und außerparlamentarischen Aktivitäten, zahlreiche Anzeigen wegen Terrorunterstützung laufen. Dabei wurde bereits die im Parteiprogramm verankerte Forderung nach kommunaler Selbstverwaltung und regionaler Autonomie als solche gewertet.
Parallel zum Vorgehen gegen die kurdische Bewegung verschärfte sich der Druck auf die oppositionelle Presse. Zeitungen und Sender, die zum Imperium von Erdoğans langjährigem Verbündeten und nunmehr zum Staatsfeind Nummer 1 ernannten Fethullah Gülen gehörten, wurden staatlichen Zwangsverwaltern unterstellt und dann geschlossen. Der Chefredakteur der renommierten liberalen Tageszeitung Cumhurriyet, Can Dündar, wurde wegen seiner Enthüllungen über türkische Waffenlieferungen an syrische Terrororganisationen zu einer Haftstrafe verurteilt und von Faschisten mit dem Tod bedroht, so dass er ins Ausland floh.
Die türkische Unterstützung für den IS-Angriff auf Kobanî im Winter 2014, die Aufkündigung des zwischen Öcalan und der Regierung ausgehandelten Dolmabahçe-Abkommens im März 2015, das für ungültig erklärte Wahlergebnis vom Juni 2015, der Krieg gegen die kurdischen Städte und die Aufhebung der Abgeordnetenimmunitäten im Mai 2016 müssen als Etappen einer zunehmenden Faschisierung der türkischen Politik gewertet werden, die mit dem 15. Juli 2016 eine neue bis dahin unbekannte Qualität annahm.

Ulla Jelpke ist innenpolitische Sprecherin der Partei DieLinke im Bundestag

Ulla Jelpke ist innenpolitische Sprecherin der Partei DieLinke im Bundestag

Durch die Verhängung des Ausnahmezustandes nach dem Putsch kann Erdoğan seitdem am Parlament vorbei per Dekret regieren. Auf diese Weise wurden die Bürgermeister von Dutzenden kurdischen Städten und Gemeinden für abgesetzt erklärt, unter Terrorvorwürfen inhaftiert und durch staatliche Treuhänder ersetzt. Damit ist der offene Kolonialismus in die kurdischen Siedlungsgebiete der Türkei zurückgekehrt. Im Staatsapparat, in Justiz, Militär und Polizei sowie im Bildungssektor finden seit dem Putschversuch massive Säuberungen und Massenverhaftungen statt, die nicht nur mutmaßliche Anhänger des Gülen-Netzwerkes sondern zunehmend jegliche Opponenten Erdoğans betreffen. Als Beweis einer Gülen-Anhängerschaft konnte schon ein Konto bei einer Gülen-nahen Bank oder der Schulbesuch der eigenen Kinder auf einer Privatschule der Gülen-Bewegung gelten. Es fanden mehr als 100.000 Festnahmen, eine Säuberung von und vor allem auch im Bildungssektor, statt. Alle Regionen der Türkei waren betroffen, aber wieder insbesondere Kurdistan. In den kurdischen Landesteilen wurden zehntausende Lehrer, insbesondere Mitglieder der linken Lehrergewerkschaft Eğitim-Sen, entlassen. Bildung ist so quasi nicht mehr möglich. Wie die verbliebenen oder neueingesetzten Erdoğan-getreuen Lehrer ihren Unterricht abhalten, verdeutlicht das Bild eines Lehrers, der Grundschüler mit Galgenschlingen in den Händen für die Einführung der Todesstrafe demonstrieren ließ.
Die meisten verbliebenen Oppositionsmedien, sowohl aus dem Umfeld der Gülen-Bewegung als auch Dutzende prokurdische Zeitungen und Sender, wurden per Dekret ebenso verboten wie hunderte zivilgesellschaftliche Vereinigungen – darunter kurdische Kulturzentren, Frauenvereinigungen, fortschrittliche Anwaltsvereinigungen, Hilfsvereinigungen für politische Gefangene und humanitäre Unterstützungsverbände für Binnenflüchtlinge aus den zerstörten Städten. Rund 6000 HDP-Politiker wurden seit Juli 2016 inhaftiert, darunter die beiden Parteivorsitzenden Selahattin Demirtaş und Figen Yüksekdağ und mindestens zehn weitere Parlamentsabgeordnete sowie über 50 Bürgermeister.
Um seine derzeit nur durch den Ausnahmezustand bestehenden Sondervollmachten dauerhaft abzusichern, strebt Erdoğan eine Verfassungsänderung zur Einführung eines Präsidialsystems an. Der Posten des Ministerpräsidenten soll darin ebenso abgeschafft werden wie das Kabinett. Der Präsident soll per Dekret regieren können, seine Stellvertreter und Minister sowie hohe Behördenvertreter und die Hälfte der obersten Justizaufsichtsbehörde direkt ernennen und das Parlament auflösen können. Da die nötige parlamentarische Mehrheit für das Präsidialsystem selbst mit den Stimmen von AKP und MHP bei strikter Ablehnung durch HDP und CHP fehlt, soll es stattdessen in einem für Frühjahr nächsten Jahres angekündigten Referendum von der Bevölkerung direkt beschlossen werden. Die Unterstützung der MHP dafür sichert sich die AKP durch die Zusage, auch die Todesstrafe einschließlich einer möglichen Hinrichtung von Abdullah Öcalan auf die Agenda zu bringen.

Parallelen zum italienischen Faschismus
Erdoğan will nach eigenem Bekenntnis in seinem Präsidialsystem nach dem Vorbild des Hitler-Faschismus agieren. Während einerseits sicherlich Vergleiche insbesondere in der Phase der Macht-übertragung naheliegend sind, liegt der italienische Faschismus historisch dem, was wir derzeit in der Türkei erleben, näher. Erdoğans Schwarzhemden sind die in den letzten Jahren, in den zunehmend islamisierten Schulen des Landes erzogenen, Hunderttausende von fanatischen jungen Männern, die jederzeit bereit sind, für ihn Blut zu vergießen. Diese Kräfte waren es, die als Lynchmobs am Abend des 15. Juli 2016 junge Wehrpflichtige und vermeintliche Putschisten folterten und nach Art des IS mit Messern ermordeten.
Erdoğan greift immer wieder, ähnlich wie Mussolini, auf die Mobilisierung solcher Mobs zurück und regiert immer wieder scheinbar auf »Wunsch des Volkes« – er will als »Volkstribun« die Todesstrafe durchsetzen, natürlich will er auch als »Vollstrecker des Volkswillens« durch ein Präsidialsystem regieren. So, wie sich Mussolini auf das Imperium Romanum bezog, ist Erdoğans Bezugspunkt die Restaurierung des Osmanischen Reiches. Großprojekte wie Erdoğans eigener 1000-Zimmer-Palast oder Tunnel unter und Brücken über den Bosporus, neue Flughäfen und Staudämme stellen Erdoğans ökonomisches Projekt dar. Und wie Führer anderer faschistische Bewegungen hat auch Erdoğan begriffen, dass Macht auf Kontrolle der Medien basiert. So kann der zu vollstreckende »Volkswille« entsprechend manipuliert werden. Kontrolle über Justiz, Militär und Polizei sind dabei ebenfalls bedeutend.
Mussolini deutete seine Niederlagen 1923 auf Korfu in große Siege um – ähnlich handelt Erdoğan mit seinem in Wahrheit hochgradig erfolglosen Vorgehen gegen die PKK-Guerilla und die kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG in Nordsyrien. Doch die Versionen der AKP setzen sich durch, denn etwas anderes zu berichten, wird zum Staatsverbrechen und als Unterstützung des Terrorismus ausgelegt, wie wir es aus vielen Verfahren gegen Journalistinnen und Journalisten in der Türkei kennen.
Mussolinis Katholizismus ist Erdoğans politischer Islam – beide praktizieren eine frauenfeindliche, religiös konservative Politik. Erst neulich wurde dies im allerdings durch massiven Protest selbst aus AKP-nahen Frauenverbänden gestoppten Gesetzentwurf für eine Straflosigkeit im Falle der Vergewaltigung Minderjähriger bei anschließender Heirat deutlich.
Es gibt viele Parallelen zum historischen Faschismus, allerdings fehlt der Kampf einer geeinten Volksfront dagegen. Die kemalistisch-sozialdemokratische CHP ist damit beschäftigt, sich ihrem Henker anzudienen und ihrerseits willfährig jeden Akt des militanten antifaschistischen Widerstands als Terrorismus zu diffamieren. Die Masse der jungen Liberalen und Säkularen in den westtürkischen Großstädten, die im Sommer 2013 bei den Gezi-Park-Protesten dem Erdoğan-Regime die Stirn boten, sind heute eingeschüchtert. Proteste auf der Straße sind aufgrund der Polizeigewalt aber auch aus Angst vor Anschlägen kaum noch möglich. Und schon die kleinste öffentliche Kritik an der Regierungspolitik kann zum Verlust des Arbeitsplatzes, einem Strafverfahren, einer Inhaftierung und Folter führen. Einzige noch begrenzt handlungsfähige Oppositionskraft sind so die unter schwerer Repression leidende kurdische Freiheitsbewegung und die in ihrem Umfeld agierenden, jedoch schwachen sozialistischen Kräfte.
Die Türkei erlebt derzeit allerdings eine schwere Wirtschaftskrise. Erdoğan rief bereits dazu auf, gebunkerte Spargroschen in ausländischer Währung und Gold zu verkaufen, was den Ernst der Situation verdeutlicht. Ein Großteil des Erfolges der AKP basiert auf dem bereits im Parteinamen genannten Versprechen des permanenten ökonomischen Aufschwungs. Bleibt dieser spürbar aus, wird es auch zu Brüchen unter den 50 Prozent der mehrheitlich sunnitisch-konservativ-nationalistischen Türken kommen, die bislang fest hinter Erdoğan standen. Dass Erdoğans zunehmend auch in außenpolitische Isolation geratenes Projekt eines persönlichen Sultanats von langer Dauer sein wird, ist damit noch keinesfalls ausgemacht.

 

Erdoğan war im Vorfeld des Putsches, hinter dem wohl seine einstigen Verbündeten von der religiös-nationalistischen Gülen-Bewegung aber auch andere unzufriedene Kreise im Militär standen, von den Umsturzabsichten informiert. Entsprechende Gegenmaßnahmen gegen den von Erdoğan nicht umsonst als »Geschenk Gottes« titulierten Putsch konnten so von langer Hand vorbereitet werden.

Um die nötigen gesellschaftlichen Mehrheiten für den Umbau des Landes in eine auch durch die Verfassung abgesicherte Präsidialdiktatur zu sichern, setzt Erdoğan auf die Mobilisierung nationalistisch-chauvinistischer Gefühle und suggeriert, die Türkei befände sich in einem nationalen Befreiungskampf gegen den westlichen Imperialismus und von diesem unterstützten Terrorismus. Nach dem Anschlag einer von der PKK abgespaltenen Stadtguerillagruppe gegen Polizisten in Istanbul rief Erdoğan im Dezember 2016 eine »Nationale Mobilmachung« gegen Terrorismus aus. Nach einem neuerlichen Anschlag auf eine für ihre Kriegsverbrechen berüchtigte Kommandoeinheit der Armee in Kayseri überfielen Graue Wölfe und Islamisten erneut landesweit HDP-Büros und linke Vereinigungen und setzten deren Räume in Brand.

Pioniertat gegen das Vergessen

geschrieben von Jens Rüggeberg

20. Januar 2017

Alfred-Hausser-Preis 2016 an »Geraubte Kinder – vergessene Opfer« verliehen

Das Thema dürfte selbst Menschen, die schon lange antifaschistisch engagiert sind, wenig sagen. Worum geht es? Statt langer Worte zitiere ich Reinhard Strecker, geboren 1930, der als einer der ersten über alte Nazis in der BRD informierte, mit Material insbesondere aus DDR-Archiven und in Zusammenarbeit mit der VVN, und der 1959/60 mit einer Ausstellung über Nazi-Blutrichter in westdeutschen Justizdiensten einen Skandal auslöste. Strecker also fasste vor drei Jahren in einem Interview, angesprochen auf seine Globke-Dokumentation von 1961, unser heutiges Thema kurz und prägnant zusammen: »Sagt Ihnen der Name Zamość etwas? Zamość liegt im südöstlichen Bereich des polnischen Bezirks Lublin, Schwarzerdegebiet, von Himmler ausgesucht als Hauptsitz seines eigenen Kurfürstentums. Es wurde eingedeutscht unter dem Namen Himmlerstadt. Die Polen und Juden dort am Ort und in dem ganzen Bereich Zamość störten und kamen … die ersten hatten noch Glück, die kamen zum Teil mit Kindern in Zwangsarbeit, die anderen wurden getrennt und die Kinder wurden durchgemessen, ob sie eventuell regermanisierungsfähig seien und kamen dann nach Łódź, Litzmannstadt. Wenn sie dann für wieder ›rückdeutschungsfähig‹ gehalten wurden, dann kriegten sie einen Namen von einem der Globkeschen Sonderstandesämter – eine Erfindung Globkes von 1934 – und wurden dann einer guten, ich nehme an vorwiegend einer SS-Familie zugeteilt. Die wenigsten Eltern haben überlebt, aber wenn dann nach dem Krieg Eltern die Spur ihrer Kinder fanden und vor deutschen Gerichten auf Rückgabe der Kinder an die Eltern klagten, dann urteilten die Amtsgerichte in aller Regel, es sei im wohlverstandenen Interesse des Kindes, nicht einem Aufwachsen und Leben im kommunistischen Osteuropa ausgeliefert zu werden.«

Der historische Hintergrund
Die Nazis wollten Osteuropa nicht nur erobern, ausbeuten und ausplündern, sondern auch »germanisieren«. An Deutschland grenzende Gebiete wie Teile Frankreichs, Belgiens, Sloweniens, der Tschechoslowakei und Polens wurden annektiert, so auch die Provinz Posen, von den Nazis »Reichsgau Wartheland« genannt. Dort begann die Germanisierungspolitik. »Volksdeutsche« aus allen Teilen Europas wurde dort angesiedelt, die Juden deportiert, und die nicht-jüdische polnische Bevölkerung wurde in Kategorien aufgeteilt: »Volksdeutsche«, »Eindeutschungsfähige« usw. und eben unerwünschte Polen. Letztere wurden ins »Generalgouvernement« abgeschoben. Kinder in Waisenhäusern und in Pflegefamilien wurden, wie wir schon von Reinhard Strecker hörten, von so genannten »Experten« geprüft. Für »gutrassig« befundene Kinder wurden geraubt.

Der Umgang mit den Verbrechen nach 1945
Streckers Erkenntnisse über geraubte Kinder – das war 1961. Elf Jahre zuvor war zuletzt über das Thema verhandelt worden, und zwar vor einer Münchner Spruchkammer. Es war um die Entnazifizierung von Beteiligten an dem Verbrechen gegangen. Fast alle wurden als »Mittäter« eingestuft und freigesprochen. Immerhin waren aber kurz zuvor einige Hauptverantwortliche in einem Prozess vor einem Gerichtshof der Vereinigten Staaten in Nürnberg verurteilt worden, wenngleich sie verhältnismäßig mild davonkamen. Das war 1948.
Nach 1961 waren die geraubten Kinder für viele Jahre kein Thema mehr. Zwar veröffentlichte der Rowohlt-Verlag 1981 eine polnische Dokumentation zum Thema, aber die Wissenschaft wandte sich ihm erst in den letzten fünfzehn Jahren wieder zu.
Als der Verein »Geraubte Kinder – vergessene Opfer« 2014 unter Federführung von Christoph Schwarz seine gleichnamige Ausstellung in Freiburg eröffnete, war also eine Pioniertat vollbracht. Von einer Pioniertat zu sprechen, ist aber auch deshalb angebracht, weil die Ausstellung von der Konzeption her ganz auf die Opfer ausgerichtet ist, ihre furchtbaren Schicksale vorstellt, sie damit dem Vergessen entreißt und ihre Entschädigung einfordert. Ich spreche deshalb im Präsens, weil die Ausstellung nach wie vor gezeigt wird. Man kann sie ausleihen!
Österreich hat diejenigen ehemaligen geraubten Kinder, die dort waren oder sind, inzwischen entschädigt. Das Gesetz, das die Grundlage dafür bot, trat im November 2000 in Kraft. Insgesamt 22.693 Entschädigungsanträge wurden positiv beschieden – wie viele Anträge insgesamt gestellt worden waren, wurde allerdings nicht veröffentlicht. Und die Beträge von durchschnittlich 1.453,- Euro waren auch eher symbolisch angesichts des Leids, das die Opfer erfahren haben. Ich zitiere die frühere Vorsitzende des »Verbands der polnischen Kinder, die durch das Hitlerregime eingedeutscht wurden«, Barbara Paciorkiewicz, die selbst zu den geraubten Kindern gehörte:
»Die ›Eindeutschung‹ der dem polnischen Volk entrissenen Kinder vernichtete die Psyche dieser Kinder. Auch wenn die »Eindeutschung« erfolglos durchgeführt wurde, die Kinder zurückkehrten und in Polen blieben. Aber die Seele ist wie ein gebrochener Ast: Er wächst nie mehr wieder zusammen und findet nie mehr seine Lebensruhe.«

Die Wanderausstellung »Geraubte Kinder – vergessene Opfer«  des gleichnamigen Vereins aus Freiburg wurde am 5. November 2016 mit dem Alfred-Hausser-Preis der VVN-BdA Baden-Württemberg geehrt. Die Laudatio auf die Preisträger hielt Jens Rüggeberg aus Tübingen. Der nebenstehende Beitrag ist ein Auszug aus dieser Laudatio.

Zwei Mitbegründerinnen der VVN

geschrieben von Gisela Blomberg/Ulrich Schneider

20. Januar 2017

Alice Stertzenbach (1909 – 1996)

»Ich war fest entschlossen, nicht kampflos unterzugehen, sondern so viele Menschen wie möglich zusammenzubringen, um uns zu wehren« Diesem Motto ist Alice Stertzenbach, am 13. September 1909 in Dortmund als Alice David in eine jüdische Familie geboren, ihrem ganzen Leben treu geblieben.
1933 konnte sie ihr Zahnmedizinstudium erfolgreich abschließen, die Examensurkunde wurde ihr verweigert, stattdessen war sie im Kölner Frauengefängnis eingesperrt.
Seit 1930 war Alice Heymann David – wie sie sich nach ihrer ersten Eheschließung nannte – in der KPD organisiert und auch nach ihrer Freilassung setzte sie die Widerstandsarbeit fort – nur disziplinierter und konspirativer als zuvor.
Nach ihrer Flucht im Jahre 1936 wurde sie in Amsterdam über Vermittlung des »Komitees zur Unterstützung der jüdischen Flüchtlinge« stellvertretende Leiterin des Hauses Oosteinde, eines Begegnungs- und Kulturzentrums für jüdische Flüchtlinge. Sie organisierte ein umfangreiches Bildungs- und antifaschistisches Kulturprogramm, dabei knüpfte sie wertvolle Kontakte und bildete eine Gruppe, die sich um die illegale antifaschistische Flüchtlinge kümmerte.
Nach der Besetzung der Niederlande durch die faschistische Wehrmacht arbeitete ihre Gruppe eng zusammen mit der Widerstandsgruppe von Werner Stertzenbach, die im Lager Westerbork u.a. Fluchtversuche für besonders gefährdete Menschen organisierte.
Unter Mitwirkung von Alice Heymann-David, die im Herbst 1943 selbst untertauchen musste, wurde die »Interessensgemeinschaft deutscher und staatenloser Antifaschisten« gegründet.
Nach ihrer Rückkehr 1946 nach Deutschland war sie in der Wohlfahrtspflege, Familienfürsorge und Altenpflege tätig. Die Kommunistenverfolgung während der Adenauer-Zeit blieb auch Alice Stertzenbach – wie sie nach der Ehe mit Werner Stertzenbach hieß – nicht erspart, 1958 wurde sie zu acht Monaten Haft (auf Bewährung) verurteilt.
Bis in die 80er-Jahre forderte sie eine stärkere Berücksichtigung der Sozialpolitik innerhalb der VVN-BdA und warnte vor der »Zurückschaltung des Netzes der sozialen Sicherheit auf die individuelle Absicherung der Lebensrisiken auf den einzelnen«. Sie engagierte sich in der ÖTV und ihre Solidarität mit Verfolgten hörte nie auf, konsequent setzte sie sich in den 70er Jahren für die Flüchtlinge aus Chile ein.
Trotz schwerer Krankheit mischte sie sich weiterhin politisch ein. Am 19. Februar 1996 starb Alice Stertzenbach in Düsseldorf.

Alice Stertzenbach setzte sich vehement für die Wiedergutmachung der Opfer des Naziregimes ein, – ihre eigene Wiedergutmachung hatte sie durch das Urteil von 1958 verloren. Viele Jahre leitete sie die Kommission für Sozialpolitik beim Präsidium der VVN.

Edith Leffmann (1894 – 1984)

Dr. Edith Leffmann

Dr. Edith Leffmann

Als Kind einer jüdischen Unternehmerfamilie in Köln am 22. Juli 1894 geboren, studierte sie Medizin, promovierte, heiratete Robert Leffmann und eröffnete in Berlin eine eigene Kinderarztpraxis. Durch ihr soziales Engagement in der Weimarer Zeit kam sie in Kontakt mit der Roten Hilfe und der KPD. Als Jüdin wurde sie von den Nazis 1933 gezwungen, ihre Arztpraxis zu schließen und kehrte nach Köln zurück. Der Sohn emigrierte gemeinsam mit den Großeltern 1939 in die Niederlande, wurde jedoch 1943 verhaftet und ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo er umkam. Die Eheleute flohen am 17. April 1939 zunächst nach Brüssel. Nach dem Tod ihres Mannes im April 1940 flüchtete Edith Leffmann weiter nach Frankreich, wo sie zuerst im Camp de Gurs interniert wurde. Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete sie in der Résistance in Frankreich im Comité »Allemagne libre pour l‹Ouest« (CALPO) und kehrte getarnt als französische Krankenschwester zurück nach Deutschland. Hier setzte sie ihre antifaschistische Arbeit in einer Papierwarenfabrik in Eger unter den eingesetzten Arbeiterinnen fort.
Nach Kriegsende reiste sie mit dem Widerstandskämpfer Alphonse Kahn über Paris in die französische Besatzungszone ein. Sie ließ sich im August 1945 in Ludwigshafen nieder und trat der KPD bei. Sie übernahm trotz eigener gesundheitlicher Probleme unter schwierigsten Bedingungen die medizinische Versorgung der von Krieg und Entbehrung gezeichneten Patienten. In Ludwigshafen erhielt sie dafür den Ehrentitel »Engel von Hemshof«. Gleichzeitig arbeitete sie im Ludwigshafener Friedenskomitee und kandidierte 1951 für die KPD zum rheinland-pfälzischen Landtag. Sie war Mitbegründerin der VVN, die erste Vorsitzende der VVN in Rheinland-Pfalz, Mitglied im VVN-Zonensekretariat und blieb aktiv, auch als die Organisation angefeindet wurde und sie selber im August 1952 einen Strafbefehl erhielt.
Seit 1960 wohnte sie in Mannheim, wo sie am 3. Februar 1984 starb. Nach ihrem Tod setzten sich verschiedene Initiativen für eine Würdigung von Edith Leffmann ein. Erst 2013 konnte gegen den Widerstand der CDU-Mehrheit im Stadtrat eine Gedenktafel in Ludwigshafen durchgesetzt werden.

Edith Leffmann war die jüdische Vertreterin im Betreuungsausschuss für die Opfer des Faschismus, der 1950 in das Amt für Wiedergutmachung und Kontrolliertes Vermögen überführt wurde.

Beide Texte gehören zu den 25 Kurzporträts von Männern und Frauen aus der Gründergeneration der VVN, die in der Broschüre »Widerstehen: damals – heute – morgen« zum 70. Jahrestag der VVN im Frühjahr 2017 veröffentlicht werden.

In christlicher Verantwortung

geschrieben von Heinrich Fink

20. Januar 2017

Der »dangerous person« Martin Niemöller zum 125. Geburtstag

Die von Martin Niemöller bei politischen Entscheidungen oft gestellte Frage: »Was würde Jesus dazu sagen?«, war für ihn keine fromme Floskel, sondern seine Überzeugung, sich in schwierigen Situationen Rat zu holen.
Niemöller wuchs in einem konservativen westfälischen Pfarrhaus auf, in dem »Kaisertum und väterliche Gesinnung«, Bibellesen, Beten, Fleiß und Hilfsbereitschaft christliche Attribute waren. In der Gemeinde herrschte unbeschreibliche Armut. Der Vater versuchte, durch Sammlungen und Spenden zu helfen. Niemöller erinnert sich, daß sein Vater aber mit ihm niemals über die Ursachen der Armut gesprochen hat.

Martin Niemüller »Ich habe mich von einem sehr konservativen Menschen zu einem fortschrittlichen Menschen und am Schluß zu einem revolutionären Menschen entwickelt.«

Martin Niemüller »Ich habe mich von einem sehr konservativen Menschen zu einem fortschrittlichen Menschen und am Schluß zu einem revolutionären Menschen entwickelt.«

Nach der Novemberrevolution quittierte Nie-möller den Militärdienst und entschloss sich zum Theologiestudium. Er beginnt politisch zu denken und arbeitet als Theologiestudent im katholischen Münster in der Kommunalpolitik und gründet eine evangelische Fraktion. Allerdings war er der Politik der NSDAP mit ihren sozialen Forderungen nicht abgeneigt. Nach seinem Vikariat und der diakonischen Arbeit bekam er in Berlin-Dahlem eine Pfarrstelle.
1933 gelingt es der »Glaubensbewegung Deutscher Christen«, in dieser Gemeinde mit Hilfe der neuen Machthaber Schlüsselpositionen in Kirchenleitung und Synode zu besetzen. So konnte die Einführung des Arierparagraphen auch in der Kirche durchgesetzt werden. Hier setzte Niemöllers Widerstand ein: Er rief seine Amtsbrüder zur Gründung eines »Pfarrernotbundes« auf, der dann zur Ausgangsbasis der sich gründenden Bekennenden Kirche wurde.
Anfang 1934 kam es zur persönlichen Konfrontation zwischen Hitler und Niemöller. Hitler hatte eine Anzahl von Kirchenvertretern zu einer Unterredung eingeladen. Er rückte ein abgehörtes Telefonat Niemöllers in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, in dem dieser despektierliche Worte über die nationalsozialistische Kirchenpolitik geäußert habe. Hitler erklärte im barschen Ton, Niemöller solle sich ausschließlich um Kirche kümmern und nicht um Politik. Niemöller widersprach öffentlich, daß »weder Sie noch eine Macht in der Welt in der Lage sind, uns als Christen die uns von Gott auferlegte Verantwortung für unser Volk ablegen zu lassen.«
Dies empörte Hitler so sehr, daß er Niemöller umgehend Predigtverbot erteilen ließ und ihn zum »Feind des deutschen Volkes« erklärte. Bis 1937 mußte Niemöller sich 40 Gerichtsverfahren stellen, wurde wiederholt verhaftet und saß schließlich als persönlicher Gefangener Hitlers acht Jahre im KZ Sachsenhausen und Dachau. Später erwähnte Niemöller wiederholt, daß ihn die selbstverständliche Solidarität der kommunistischen Mithäftlinge ihm, dem Pfarrer gegenüber, tief beeindruckt habe. Er habe sich geschämt, daß er zu diesen Hitlergegnern nicht schon vor seiner Verhaftung Kontakt gesucht habe.
Unfassbar war für ihn, daß er mit der Befreiung Deutschlands vom Faschismus nicht sofort auf freien Fuß gesetzt wurde. Man erklärte ihm, er sei als »dangerous person« eingestuft und gelte deshalb zunächst noch als Gefangener der amerikanischen Besatzungsmacht. Erst nach einem Hungerstreik konnte er am 4. Juni die Freilassung erwirken. Später sagte er, daß ihm diese bittere Erfahrung den »Kalten Krieg« signalisiert habe.
Niemöller blieb weiter eine »dangerous person«:
Auch als Kirchenpräsident der evangelischen Kirche Hessen-Nassau (1947-1964) blieb er unbequem. Ab 1950 begründet er in unzähligen öffentlichen Vorträgen und in einem offenen Brief seine Ablehnung der Remilitarisierung. 1952 nahm er eine Einladung nach Moskau an, zwei Jahre darauf diskutierte er mit den Atomphysikern Otto Hahn, Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker die Gefährdung des Weltfriedens durch die atomare Bewaffnung. Der ehemalige U-Boot-Kommandant wurde konsequenter Pazifist und 1954 Präsident der Deutschen Friedensgesellschaft. Drei Jahre darauf stimmte er auf der gesamtdeutschen Synode der evangelischen Kirche gegen den Militärseelsorgevertrag. 1959/60 war er ein Mitbegründer der Prager Christlichen Friedenskonferenz, die sich der Forderung Bonhoeffers verpflichtet fühlte, »den Völkern im Namen Christi die Waffen aus der Hand zu nehmen.« 1967 wurde er Ehrenpräsident des Weltfriedensrates. Die Ostermärsche unterstützte er bis zu seinem Tode am 6. März 1984.
Niemöllers Antrag, in die VVN aufgenommen zu werden, lehnte die hessische VVN 1947 ab, weil Niemöller sich in der Diskussion um die neue Regierungsform in Nachkriegsdeutschland für eine Monarchie aussprach. Sie fanden diese Haltung reaktionär und sein Kampf gegen den Faschismus wog das nicht auf. Der VVN gegenüber entwickelte er dennoch ein neues Verhältnis. In den Zeiten der massiven Angriffe Ende der 50er Jahre stellte er sich öffentlich auf ihre Seite. Es war auch eine Wiedergutmachung der VVN, dass Niemöller im Januar 1977 als Erster die Ehrenmedaille des Deutschen Widerstandes erhielt.
In summa war und ist Martin Niemöller für alle, die aus Profitgier Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung missachten, tatsächlich eine »dangerous person«.

Die Gründung der Bundesrepublik Deutschland lehnte Niemöller energisch ab, denn er sah darin das Ende wichtiger Verhandlungen um die zu gestaltende Einheit Deutschlands. Adenauer bezeichnete Niemöller als Landesverräter. Wen wundert es, dass Bischof Dibelius zu verhindern suchte, dass er wieder Pfarrer in Berlin-Dahlem werden durfte.

Gemeinsam gegen Rechts

17. Januar 2017

Antifaschistische Organisationen aus 20 Ländern berieten in Prag

Aus der politischen Erklärung des XVII. FIR-Kongresses

1. Antifaschismus ist wichtiger denn je!
Auch mehr als 70 Jahre nach dem historischen Sieg im Mai 1945 über faschistische Regime in Europa ist Antifaschismus als politische Idee aktueller als je zuvor. Die gegenwärtigen Probleme politischer, wirtschaftlicher und sozialer Ursachen fordern von allen Menschen gemeinsame Handlungen – ohne politische Parteiengrenzen – für eine sozial gerechte, friedliche und demokratische Entwicklung in allen Teilen der Welt.

2. Stoppt das Wiederaufleben von Rechtspopulismus und Neofaschismus
Mit großer Sorge sehen wir die Zunahme des politischen Einflusses extremer Kräfte, von gewalttätigen Neofaschisten bis zu rechtspopulistischen Gruppen in verschiedenen europäischen Ländern. Diese Gruppen engagieren sich scheinbar für die ernsthaften Sorgen der Bevölkerung, geben aber nationalistische und rassistische Antworten auf die bestehenden Probleme. Darüber hinaus propagieren und praktizieren sie zunehmend gewalttätige Konfliktformen wie Brandanschläge auf »Ausländer«, Jagd aus Flüchtlinge und andere Exzesse… Die FIR und ihre Mitgliedsverbände als internationalistische Bewegung stehen zusammen gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Neofaschismus, Nationalismus und rechtsextremen Populismus. Wir unterstützen Proteste wie die Demonstration in Riga u.a.m.

3. Beseitigt die Bedrohung des Krieges – für den Schutz des Friedens
Die Internationale Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) – Bund der Antifaschisten hat als »Botschafter des Friedens« der Vereinten Nationen eine moralische Verpflichtung, für nichtmilitärische Lösungen der Konflikte in der Welt zu arbeiten. Wir kämpfen insbesondere gegen die Ursachen von Kriegen und Kriegstreiber, die ihre imperialen Ziele, ihre Rohstoffbedürfnisse und geopolitischen Interessen auf dem Rücken der Völker durchsetzen wollen. Wir erwarten von den Vereinten Nationen die Unterstützung friedlicher Lösungen, zum Beispiel in Afghanistan, Irak, Syrien oder in der Ukraine. ..

4. Erinnerung bewahren – gegen Geschichtsrevisionismus
Die Erinnerung an den gemeinsamen antifaschistischen Kampf der Völker und der militärischen Teile der Anti-Hitler-Koalition ist eine ständige Aufgabe der FIR und ihrer Mitgliedsverbände. In mehreren europäischen Ländern, vor allem in den baltischen Staaten, in Polen, in der Ukraine und in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien, sehen wir auf verschiedenen politischen und sozialen Ebenen Versuche und Tendenzen, die antifaschistischen Erinnerungen zu verfälschen. Denkmäler des antifaschistischen Kampfes wurden zerstört oder sogar umgewidmet…Wir verurteilen diese Versuche des Geschichtsrevisionismus. Andererseits sind wir stolz darauf, dass in all diesen Ländern auch Veteranen und antifaschistische Gruppen ihre Pflicht für die historische Wahrheit erfüllen und Gedenkstätten für die Befreiung vom Nazi-Faschismus und für die Befreier verteidigen…

5. Die Einheit der antifaschistischen Kräfte stärken – neue Generationen gewinnen!
Seit 65 Jahren arbeitet die FIR als internationale Dachorganisation aller Kämpfer und Kräfte der Anti-Hitler-Koalition, ehemaliger Verfolgter und heutiger Antifaschisten. Ihre Stärke ist die Gemeinsamkeit, die sich trotz unterschiedlicher politischer Parteienorientierungen, gesellschaftlicher Visionen oder religiöser Werte ergibt. Der Weg der »Friedens-Fackel« betonte eindrucksvoll die Gemeinschaft.
In unseren Reihen sind Kameraden und Freunde
• die gegen das ausbeuterische System, das Armut, Faschismus und Krieg erzeugt, kämpfen,
• die demokratische und soziale Rechte verteidigen,
• die aus religiöser oder humanistischer Überzeugung mit den antifaschistischen Zielen verbunden sind,
• die die Erinnerungen ihrer Familien bewahren wollen. …

Kongress in PragVom 18. – 20. November 2016 fand in Prag der XVII. Kongress der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) – Bund der Antifaschisten statt. Mehr als 50 Delegierte aus knapp 20 europäischen Ländern vertraten Verbände ehemaliger Partisanen und Widerstandskämpfer, Kämpfer der Anti-Hitler-Koalition, Deportierte und Verfolgte, ihre Familienangehörigen und Antifaschisten heutiger Generationen. Unter den Delegierten waren noch drei Veteranen des antifaschistischen Kampfes. Cornelia Kerth, Regina Girod und Lena Sarah Carlebach vertraten als Delegierte die VVN-BdA. In der lebendigen Diskussion, an der sich fast alle Verbände beteiligten, wurden Bilanz gezogen und Einschätzungen zur aktuellen Entwicklung vorgestellt. Der Kongress wählte einmütig den neuen Exekutivausschuss der FIR, der die Arbeit in den nächsten drei Jahren leiten wird und nahm mit großer Mehrheit eine politische Erklärung an.

Die gesamte Erklärung ist unter http://www.fir.at nachzulesen.

Kein »humanitärer« Akt

geschrieben von Gregor Horn

17. Januar 2017

Warum der »Dschungel« von Calais wirklich geräumt wurde

Frankreich nahm 2015 nicht einmal 80.000 Flüchtlinge auf. Trotzdem beschäftigt die Asylproblematik das ganze Land. Gerade der »Dschungel« wurde zum Politikum. Als François Hollande am 26. September nach Calais kommt, erreicht Marine Le Pen gerade bis zu 33 Prozent in den Umfragen für die Präsidentschaftswahl. Ein Sieg des Front National scheint schon seit Monaten nicht mehr ausgeschlossen. »Ich bin auch nach Calais gekommen, um die Entscheidung zu bestätigen, die ich mit der Regierung getroffen habe […]: definitiv, vollkommen und schnell zu räumen«, erklärt ein Präsident, der in den Umfragen nicht unbeliebter sein könnte. Der Entschluss den »Dschungel« komplett zu räumen war bereits vorher bekannt. Komplett, das bedeutete auch das aus Containern bestehende provisorische Ankunftszentrum und das Lager für die Frauen und Kinder. Damit erfüllte die Regierung auch die Forderungen von Rechten, die Anfang September in Calais demonstriert und anschließend die Autobahn blockiert hatten. Ihre Demonstration war erlaubt worden, während eine von einem Bündnis flüchtlingsfreundlicher Gruppen organisierte spätere Versammlung verboten wurde. Diese wollten eigentlich an die Verantwortung Großbritanniens zur Aufnahme von Flüchtlingen appellieren. Das Ziel sei es gewesen »[…] Solidarität mit den Geflüchteten in Calais auszudrücken, gegen die europäische Politik zu protestieren und das volle Recht auf Asyl und Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit zu bekräftigen.« Auch der Bau einer einen Kilometer langen Mauer, die die ohnehin schon maßlos übertriebenen Grenzanlagen auf französischem Boden erweitern wird, sollte verurteilt werden. Dass diese Kritik eigentlich bitter notwendig gewesen wäre, zeigen allein die mindestens 13 (bekannten) Tode von Geflüchteten, die bei dem Versuch nach Großbritannien zu kommen umkamen. Darunter zuletzt ein vierzehnjähriger Junge, der zu seiner Familie nach England wollte, und auf der Autobahn von einem Auto erfasst wurde. Derartige Tragödien finden allerdings wenig Widerhall in den französischen und englischen Medien. Vielmehr wird darüber diskutiert, wie man 12.000 Flüchtlinge aus den Camps in Paris und Calais über ganz Frankreich verteilt. Zum Vergleich: Im Sommer letzten Jahres kamen bis zu 14.000 Menschen am Tag nach Deutschland. Während Rechte also an vielen Orten gegen die Entstehung der neuen Aufnahmezentren protestierten, inszenierte die Regierung die Räumung als humanitären Akt. Und auch wenn sie es erst einmal schaffte, mehr oder weniger provisorische Zentren für diejenigen einzurichten, die kurz zuvor noch in selbstgebauten Hütten und Zelten hausen mussten, so hat sie doch keine Lösung für jene, die weiterhin nach Großbritannien wollen. Sei es, weil dort ihre Verwandten auf sie warten oder weil sie keine Chance auf Asyl in Frankreich haben und ihnen hier nichts als ihre Abschiebung bevorsteht. Solange eine Grenze sie an der legalen und sicheren Einreise hindert, werden sie weiterhin versuchen, nach Großbritannien zu kommen und weiterhin ihr Leben aufs Spiel setzen. Die Räumung des Camps bedeutet vielleicht ein vorläufiges Ende des »Dschungels«, wie er in den letzten Jahren existiert hat, aber gewiss kein Ende des politischen und moralischen Dschungels, der sich um die Problematik der Abschottung schlingt. Eine humanitäre Lösung kann es letztendlich nur ohne Stacheldraht, Mauern und Grenzanlagen geben.

Ende Oktober wurde der »Dschungel« von Calais durch die französische Polizei geräumt. Rund 12.000 Menschen hatten sich hier in den letzten Jahren eingefunden und verzweifelt versucht, über den Kanal nach Großbritannien zu gelangen – oft zu dort lebenden Freunden oder Verwandten. Wer nun nicht freiwillig einen Asylantrag in Frankreich stellte und damit die Voraussetzung für den Transfer in ein offizielles Lager für Geflüchtete schuf, wurde vertrieben, die mit den geringen zur Verfügung stehenden Mitteln selbst errichteten provisorischen Unterkünfte wurden platt gewalzt.

Unser junger Kamerad Gregor gehört zu den wenigen Menschen, die – manchmal für Wochen, manchmal für Monate – versucht haben, die im »Dschungel« Gestrandeten dort vor Ort solidarisch zu unterstützen. Er hat uns den nebenstehenden Bericht geschickt.

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