Genau hingeschaut

geschrieben von Janka Kluge

16. Juli 2017

Das Jahrbuch rechter Gewalt 2017

Die Journalistin Andrea Röpke hat die verdienstvolle Aufgabe übernommen, die öffentlich bekannt gewordenen Gewalttaten von Rechten zu dokumentieren und zu veröffentlichen. Ihre Liste beginnt im Oktober 2015 und endet im September 2016. Zwischen den einzelnen Monaten finden sich Aufsätze, die das Verständnis vertiefen. Ein erster Blick in das Buch zeigt, dass die Zahl der Überfälle in allen Monaten ungefähr gleich hoch war. Beim zweiten Blick zeigen sich allerdings Unterschiede. So gibt es örtliche Schwerpunkte von Angriffen und Überfällen. Berlin, im Ortsverzeichnis am Ende des Buches nach Stadtteilen sortiert, steht mit 134 registrierten Straftaten deutlich an der traurigen Spitze. Als nächstes kommen Dresden (32), Halle (23), Cottbus (19) Erfurt (18) und Chemnitz (18). Die Menschen in den alten Bundesländern können sich dennoch nicht zurücklehnen und alles auf den Osten schieben. Es gibt es auch Städte im Westen mit einer hohen Zahl an Überfällen und Angriffen. Dortmund führt mit 17 vor München (15), Hannover (10) und Düsseldorf mit 9 registrierten rechten Straftaten.

So sorgfältig Andrea Röpke auch gearbeitet hat, stellt die Aufstellung doch nur einen Teil der tatsächlichen Taten dar. Viele Überfälle tauchen in der Polizeistatistik gar nicht auf. Zum einen, weil sie nicht als rassistische, oder rechte Gewalt von der Polizei behandelt wurden, zum anderen, weil viele Geschädigte sich erst gar nicht bei der Polizei melden. Das ist »ein bundesweites Phänomen, das zu einer hohen Dunkelziffer nicht angezeigter Gewalttaten führt.« (S. 256) Auch bei den Opferberatungsstellen, die bei der Erstellung der Daten mitgeholfen haben, sind nicht alle rechten Straftaten bekannt.

Einen sehr großen Anteil der Übergriffe machen Angriffe auf der Straße aus. Viele der Täter fühlen sich offenbar so sicher, dass sie tagsüber und auf offener Straße Menschen, denen sie die Berechtigung absprechen, in Deutschland zu leben, angreifen. Nur selten ist in den Chroniken verzeichnet, dass den Menschen die bedroht, oder körperlich angegriffen wurden, andere zur Hilfe kamen.

Sowohl die deutlich gesteigerte Aggressivität, als auch die unterlassene Hilfeleistung könnten dieselbe Ursache haben. Hat sich erst einmal eine rechte Gruppe in einer Gegend festgesetzt, beherrscht sie meist schnell den Alltag. Ihre Mitglieder fühlen sich stark und zeigen das auch, wovon andere eingeschüchtert werden. Es ist gleichgültig, ob es sich bei den Gruppen um Hooligans, Pegida oder militante Nazigruppen handelt. Darin liegt auch einer der Gründe, warum es wichtig ist, dass die Zivilgesellschaft und antifaschistische Gruppen nicht nachlassen, sich den Rechten in den Weg zu stellen.

Neben den Angriffen auf Geflüchtete und ihre Unterkünfte hat es in dem beschriebenen Zeitraum auch viele Überfälle auf Antifaschisten und Antifaschistinnen gegeben. Ziel dieser Angriffe ist es, Angst zu schüren und Menschen so einzuschüchtern, dass sie sich nicht mehr engagieren. Nazis haben dabei auch immer wieder die Orte linker Strukturen angegriffen.

In den Artikeln des Buches wird auf Ereignisse aus den Chroniken Bezug genommen. Dadurch ist trotz der erschreckenden Anzahl schlimmer Angriffe und Überfälle ein Buch entstanden, das sich zu lesen lohnt.

In den dokumentierten Zeitraum fiel auch das Attentat auf die Bürgermeisterkandidatin in Köln, Henriette Reker. Sie war bis zu ihrer Wahl im Oktober 2015 in Köln für die Unterbringung von Geflüchteten zuständig. Der Attentäter Frank S. war seit vielen Jahren in rechten Gruppen aktiv. Bereits 1993 nahm er an einem Aufmarsch zum Gedenken an Rudolf Hess teil. Er bewegte sich damals im Umfeld der FAP und der Hooligangruppe »Berserker Bonn«. In den folgenden Jahren ist er kaum noch in Erscheinung getreten, seine politische Überzeugung aber hat sich nicht geändert. Die Stimmung im Land hat ihn dann mit zu dem Attentat ermuntert. Im Prozess stilisierte er sich als »Freiheitskämpfer« und »wertkonservativer Rebell« hoch.

Zu der aufgeheizten Stimmung im Land haben auch die zahlreichen Demonstrationen von Pegida und die Internethetze gegen Flüchtlinge beigetragen. Beiden Aspekten ist ebenfalls ein Kapitel des Buches gewidmet. In einem weiteren Aufsatz wird der neofaschistische Terror des NSU und der Oldschool Society beschrieben. Ein anderer Artikel erläutert, wie geschickt sich Funktionäre der NPD als besorgte Bürger ausgeben um gegen Geflüchtete zu hetzen. Die im ganzen Bundesgebiet verbreiteten Internetseiten »Nein zum Heim« gehören in den Dunstkreis der NPD. Nach außen sieht man ihnen die Nähe zur NPD nicht an. Mit dieser Strategie versuchen die Kader der NPD Anschluss an offen rassistische Pegida und AfD Kreise zu bekommen.

Leider hat sich Andrea Röpke dazu entschlossen, antisemitische Straftaten nicht mitzuzählen. Dabei gehört der Antisemitismus für einen Teil der Rechten zum festen Bestandteil ihres Weltbildes. Ich hoffe, dass sie sie in späteren Jahrbüchern auch berücksichtigen wird.

Andrea Röpke »Jahrbuch rechte Gewalt 2017« Knaur Verlag 2017, 12.99 Euro

 

Die Selbstschutzwand durchbrechen

geschrieben von Nils Becker

16. Juli 2017

Zum kleinen Band »Adolf Hitler nach-gedacht«

 

Manchmal sind es ganz einfache Dinge, die uns in die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit treiben. Der Psychologe Klaus Weber beschreibt es an einer Geige. Das aus 9000 Streichhölzern gefertigte Instrument wurde von seinem Erbauer Siegfried Geiger 1936 als Geburtstagsgeschenk an Adolf Hitler übergeben. Dafür fuhr er sogar nach Berchtesgaden, wo er leider nur die Leibgarde Hitlers antraf. Wie kommt ein Schreiner aus Kolbermoor (Oberbayern) dazu, solch ein Geschenk zu überreichen? Welche Rolle spielte Hitler sozialpsychologisch und was änderte sich nach 1945? Welches Verhältnis haben die Deutschen heute noch zu ihm? Solche und viele weitere Fragen, die sich einem wachen Geist, der in Kolbermoor in den 60er Jahren aufwächst, stellen, haben Klaus Weber unter anderem zu diesem kleinen und sehr lesenswerten Buch ermutigt.

 

Klaus Weber »Adolf Hitler nach-gedacht«, Argument-Verlag 2016, 160 Seiten, 9,90 Euro

Klaus Weber »Adolf Hitler nach-gedacht«, Argument-Verlag 2016, 160 Seiten, 9,90 Euro

»Selbst die Klügsten verlieren ihren Verstand«

Wenn es um Hitler geht, ist laut Weber hierzulande kein rationales Argumentieren möglich. Exemplarisch zeigt er dies an populären Hitler-Biografien (z.B. von Joachim C. Fest, Ian Kershaw, Volker Ullrich, Wolfram Pyta, Peter Longerich), insbesondere aber an der kommentierten Ausgabe von Hitlers »Mein Kampf«. An letzterer hat Weber sogar als ehrenamtlicher sozial-psychologischer Berater mitgewirkt. Er konnte den Historikern vom Institut für Zeitgeschichte (IfZ) Fragen zu den Zusammenhängen von Hitlers Subjektentwicklung und den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen beantworten. Seine nun harsche Kritik, am Herausgeber Christian Hartmann, die er wortgewandt und genüsslich in dem kleinen Band ausbreitet, ist entsprechend fundiert, erscheint aber manchmal übertrieben. Zu Hartmann heißt es beispielsweise: »Hitler muss sterben, damit das deutsche Volk weiter kultiviert und gebildet und von Hartmann geliebt werden kann«.

 

Die Selbstschutzwand

Letztlich geht es in Webers Kritik um klassische Probleme der Biografieforschung. Wie gehen His-torikerInnen an so einen wie Adolf Hitler ran? Entweder stellen sie formal die Person, ihre Handlungen und Motive in den Mittelpunkt der Analyse (beispielsweise Hitlers schwere Kindheit). Oder sie versuchen, über die strukturellen Verhältnisse (bei Hitler oft die zeitweise Arbeitslosigkeit im Wien der 1910er Jahre) die Taten und Motive der einzelnen Personen zu begründen. Beides muss aber, laut Weber, der sich der Kritischen Psychologie verschrieben hat, miteinander verbunden werden. Und das wird von den Hitler-Biografen nicht nur unterlassen. Sie versteifen sich vielmehr auf nicht begründbare (psychologisierende) Thesen, haben ungenügendes wissenschaftliches Werkzeug zur Hand und neigen zu (erneuten) Mystifizierungen der (Über)Person Adolf Hitler. Dieses bewusste Unvermögen steht einer ernsthaften Aufarbeitung des Faschismus, der weder bei Hitler begann, noch mit ihm endete, im Weg. Denn den Hitler-Biografen geht es – und hier ist es Weber, der sich etwas zu steif macht – im Grunde auch nicht um Aufdeckung und Verhütung des Faschismus, sondern darum, das westlich-demokratisierte Nachkriegsdeutschland (inklusive des »geläuterten« Militärs und des Kapitals), als Kontrastprogramm zum deutschen Faschismus in Schutz zu nehmen. Weil die Kontinuitäten nach dem 8. Mai 1945 möglichst nicht auf den Tisch kommen sollen, bleibt nur »Hitler« als einziger echter Verantwortlicher für die »dunkelste Zeit« (auch so eine Metapher, die mehr verdeckt als sie erklärt). Die LeserInnen der Hitler-Biografien sollen sich gerade nicht selbst befragen, ob sie als Mitläufer, Mitmacher, Zuschauer oder Widerständler damals (oder vielleicht auch heute?) dabei gewesen wären. Hitler, Wahnsinn, Verführung. Auf diese Weise kann man nichts aus der Geschichte lernen.

Die breite Kollegenschelte nimmt man Weber auch deshalb ab, weil er auf gerade einmal 20 Seiten ausführen kann, mit welchen psychologischen Kategorien man sich an eine Hitler-Biografie wagen müsste, damit der Anspruch zu Erklären auch erfüllt werden kann. Hier schreibt einer, der nicht nur gern austeilt, sondern auch alles dazu gelesen hat.

Faschismus und Ideologie

Der zweite wichtige Punkt, den Weber in dem Band macht, ist die Entwicklung und der aktuelle Stand der theoretischen Durchdringung des Faschismus, insbesondere seiner Faschisierungs-These (»das Changieren zwischen Gerade-Noch demokratisch und Noch-Nicht faschistisch«). Hier nimmt er seitenlang Bezug auf den Doppelband »Faschismus und Ideologie« von 1980, dessen Neuauflage von 2007 er selbst verantwortet. Die Einblicke in die Faschismusforschung sind nicht nur erhellend. Vielmehr ist diese Arbeit der Zukunft verpflichtet um die »Handlungsmöglichkeiten eines fortschrittlichen Blocks« zu erweitern. Welche Auswege aus der Faschisierung gibt es denn? Wie können wir uns vergesellschaften »ohne dass anderen ein Haar gekrümmt wird«? Der Ausweg aus der »entfremdeten Gemeinschaftlichkeit« der Hitler-Jugend verläuft, so Weber, nicht über Individualisierung, sondern über kollektive Auseinandersetzungen mit den Verhältnissen. Dieser zweite Teil des Buches kann auch als Beitrag zu aktuellen (Populismus-)Diskussionen gelesen werden.

Christian Hartmann, Othmar Plöckinger »Mein Kampf – Eine kritische Edition«, IfZ 2017, 1.966 Seiten 59 Euro

Klaus Weber »Faschismus und Ideologie« Argument-Verlag 2007, 374 Seiten, 19,50 Euro

Mélenchon und Mouffe

geschrieben von Thomas Willms

14. Juli 2017

Über populistische Programmatiken in Frankreichs FI – Von Thomas Willms

Die Wählerinnen und Wähler Frankreichs haben in den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen das politische System Frankreichs de facto abgewählt ohne es formal abzuschaffen. Die die 5. Republik dominierenden und sich an der Macht abwechselnden konservativen und sozialistischen (sprich sozialdemokratischen) Kräfte haben eine katastrophale Niederlage erlitten. Regiert wird das Land nun von einem Präsidenten Emmanuel Macron, der eine Partei hat, die bis einen Tag nach den Präsidentschaftswahlen gar keine war, sondern nur eine »Vorwärts-«Bewegung (»En Marche«). Außer mittels weitreichender eigener Befugnisse kann Macron seine Ziele im Parlament über eine absolute Mehrheit seiner Partei »La République en Marche« von 308 der 566 Sitze verwirklichen. Diese Parlamentarier sind überwiegend ohne jede parlamentarische Erfahrung.

Das Programm der >>France Isoumine<<. L'avenir en commun. Le programme de la France insoumise et son candidat Jean-Luc Mélenchon

Das Programm der >>France Isoumine<<. L’avenir en commun. Le programme de la France insoumise et son candidat Jean-Luc Mélenchon

Der Verzicht auf klare inhaltliche Aussagen hat diesen Sieg offenbar nicht verhindert, sondern ermöglicht. Sicher ist, dass die Wähler einen jungen Mann an die Macht gebracht haben, von dem man sagen kann, dass er gut aussieht und eine kluge ältere Frau geheiratet hat. Wofür er darüber hinaus eigentlich steht, scheint den Wählern nicht so wichtig gewesen zu sein: Hauptsache weg mit dem Alten. Macron kann, was die politischen Strukturen angeht, also eigentlich machen was er will. Eine Grundsatzentscheidung pro Europäischer Union ist immerhin gefallen – vorerst.

Der dann doch deutliche Sieg Macrons hat schon fast vergessen gemacht, wie nahe Marine Le Pen an der Präsidentschaft war. 34% stimmten im entscheidenden zweiten Wahlgang für die Frontfrau des Front National (FN), eine nie dagewesene Machtdemonstration der französischen extremen Rechten. Im ersten Wahlgang tat sich jedoch überraschend mit »France Insoumise« (FI) auch eine Bewegung von Links hervor, und lag nur knapp hinter dem FN. Die »Nationale Front« und »Das aufständische Frankreich« erreichten zusammen über 40%. »Halt!« wird man rufen – was heißt hier »zusammen«? Man kann doch nicht Stimmen für Links und Rechts einfach addieren!

 

Die FI – eine linke Bewegung?

Immerhin ist die FI der bevorzugte französische Partnerverband der Partei »Die Linke«. -Katja Kipping und Bernd Riexinger hatten dem Spitzenkandidaten im Vorfeld alles Gute gewünscht: »Wir wünschen Jean-Luc Mélenchon am Sonntag viel Erfolg. Jede Stimme für den linken Präsidentschaftskandidaten ist eine Stimme gegen Rassismus, Nationalismus, soziale Ungleichheit und Homophobie… Jean-Luc Mélenchon spricht eine Sprache, in der sich jemand wiedererkennt, der ausgeschlossen ist. Er will diesen Menschen klarmachen, dass nicht andere ›Randgruppen‹ ihre Gegner sind, sondern die Reichen, die Finanzwelt und die soziale Ungerechtigkeit.«

Besonders eng ist Mélenchons Verhältnis seit längerem zu Oskar Lafontaine. Beider Weg führte aus den Führungskreisen der Sozialdemokratie in die Linksopposition. Beide sind begnadete Redner, Mélenchon sogar ein echter Überzeuger der Massen auf der Straße. Das alles spricht die Linken-Spitzenkandidatin Sarah Wagenknecht wenig überraschend stark an. Sie schrieb nach dem ersten Wahlgang, Mélenchon zu seinem »grandiosen Ergebnis« gratulierend, »dass mit konsequent linken Positionen, deutlicher EU-Kritik und dem couragierten Eintreten für soziale Gerechtigkeit in Frankreich und Europa fast ein Fünftel der Wähler gewonnen werden können«.

In diesen Glückwünschen schimmert das Zwiespältige des FI durch, latent kritisch bei Kipping/Riexinger, euphorisch bei Wagenknecht. Wer bitte soll sich wovon genau »ausgeschlossen« und sich deshalb wovon angesprochen fühlen, könnte man mit Kipping/Riexinger fragen?

Die FI ist ohne Zweifel eine radikale Bewegung, die für deutliche Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums, die Einschränkung der Macht von Banken und Konzernen, gegen Korruption, gegen die etablierten Machtzirkel der Absolventen der Elite-Universitäten, für die Energiewende und radikalen Umweltschutz eintritt.

Aber ebenso deutlich ist sie eines nicht, nämlich antifaschistisch. Zwar ist Mélenchon ein ausgesprochener Le Pen-Hasser und ausgewiesener FN-Gegner, trotzdem muss es irgendwann in den letzten Jahren bei ihm zu einem bedeutsamen Umschwung gekommen sein. Die FI steht nämlich für den fundamentalen Bruch mit einer informellen Regel der politischen Kultur Frankreichs, die da heißt: Sollte ein extrem rechter Kandidat in eine Stichwahl kommen, wählen alle anderen »republikanisch«, wählen also dessen Gegenkandidaten unabhängig der politischen Zugehörigkeit. Entsprechende Empfehlungen wurden denn auch unmittelbar nach dem ersten Wahlgang abgegeben, mit einer Ausnahme: Jean-Luc Mélenchon. Die FI veranstaltete stattdessen eine Online-Umfrage unter ihren Anhängern, die erstaunliches zu Tage brachte. Etwa zwei Drittel wollten nicht Macron wählen, sondern sich enthalten oder nicht wählen gehen, mithin lieber eine faschistische Präsidentin in Kauf nehmen als jemanden, von dem man nicht zu Unrecht annimmt, dass er doch nur in neuer Verpackung wirtschaftsliberale Ideen vertritt. Schlimmer noch: etwa jeder achte FI-Anhänger wählte gleich selbst FN.

Will man diesen Bruch erklären, muss man sich stärker mit der Ideologie der FI und des – sich selbst so nennenden – Linkspopulismus beschäftigen. Das Zusammenrücken des extrem rechten und des extrem linken französischen Elektorats erscheint dann nicht mehr als erschreckender Zufall, sondern als Ausdruck erheblicher agitatorischer Kongruenz, schlimmer noch: erheblicher Übereinstimmungen in den theoretischen Grundlagen.

 

Die Theoretikerin Chantal Mouffe

Als führende Theoretikerin des Linkspopulismus gilt die in Großbritannien lehrende belgische Politologin Chantal Mouffe. Die Presse nennt sie regelmäßig die »Inspiration« Mélenchons, beide treten gemeinsam auf und ihr Denken durchzieht das Programm der FI-Bewegung. Sie äußert sich in immer schärferer und direkt politischer Art, zuletzt in »Le Figaro« (11.04.17), einer rechtskonservativen französischen Tageszeitung, die dem Rüstungsunternehmer Serge Dassault gehört. Das dort von ihr entfaltete Weltbild enthält eine klare Frontstellung gegenüber dem politischen System Frankreichs, das per sei als »postdemokratisch«, mithin illegetim, abqualifiziert wird. Es gelte »dem Volke« wieder eine echte Wahl zurückzugeben, d.h. »echte Alternativen« zu bieten. Der Front National gilt ihr als Konkurrent des Linkspopulismus, aber trotzdem als eine legitime »demokratische« Alternative. Er stelle keine Gefahr für die Existenz der grundlegenden demokratischen Institutionen dar. Sie wendet sich gegen seine »sterile moralische Abwertung«, die sie »kontraproduktiv« findet. Verbunden fühlt sie sich mit ihm vor allem durch die Art der Bildung einer politischen Front, nämlich die Unterscheidung von unvereinbarem »Sie« und »Wir«. Nicht teilhaben an der Bildung nunmehr wahrer politischen Debatten dürften hingegen »bestimmte Formen« islamischer Politik. Die Linke habe die Affekte der nationalen Gefühle zu beachten und zu nutzen und, so die abschließenden Worte, müsse sich um einen »leader charismatique« scharen.

Wie ist es möglich, dass eine Wortführerin der radikalen Linken in einem einzigen Text die Nation hochleben lässt, die faschistische Bewegung als demokratisch, die Demokratie aber als illegetim bezeichnet, darüber hinaus Muslime ausschließen will und ihrer Sehnsucht nach einem Führer Ausdruck verleiht?

Zunächst einmal muss man festhalten, dass die Verächtlichmachung des Antifaschismus bereits in Mouffes Grundsatzschrift »On the Policial« von 2005 breiten Raum einnimmt. Sie ist von vornherein gegen die »Strategie der Ausgrenzung«, wertet die »Etikettierung« des Rechtspopulismus als »rechtsextrem« als »eilfertig« ab, ja nennt sie eine »typisch liberale Taschenspielerei«. Der antifaschistische Diskurs ist für sie nur »traditionell« und ganz ungeeignet die Probleme zu lösen. Sie hat nicht unrecht, wenn sie darauf hinweist, dass das Fehlen einer »lebhaft geführten demokratischen Diskussion« mitverantwortlich ist für den Aufstieg des Rechtspopulismus. Die weitgehenden ideologischen Übereinstimmungen heutiger und damaliger rechter Bewegungen thematisiert sie aber nicht. Für Mouffe gibt es weder Holocaust noch Zweiten Weltkrieg und natürlich dann auch keine Lehren aus denselben.

Mouffe sieht sich seit langem als »Postmarxistin«, soll heißen, sie sieht keinen logischen Zusammenhang mehr zwischen Klassenlage und -bewusstsein. Die Arbeiterklasse müsse nicht »von Natur« aus links sein, sondern sei dies nur durch ideologische Vermittlung. An dieser Kritik ist sicher etwas dran, führt bei Mouffe aber in der Umkehr zu der Vorstellung, dass man sich sein Volk »konstruieren« könne wie man wolle, dabei in den beliebten französischen Intellektuellen-Sprech verfallend. Der Unterschied zwischen FI und FN bestehe im Wesentlichen darin, dass der FI alle Einwohner Frankreichs unabhängig ethnischer Herkunft zusammenkonstruieren wolle, der FN aber nicht. Die soziale Realität der französischen Vorstädte, die genau dies unmöglich macht, ignoriert sie dabei gänzlich. Wo kein Marxismus mehr ist, Liberalismus und Sozialdemokratie aber als Feinde erhalten bleiben sollen, bleibt nur der Rückgriff auf den Konservatismus.

 

Carl Schmitt als Vorbild

Genau dies vollführte Mouffe in »On the Political«, dabei bereits mit dem Titel ihre Hommage an den folgenschwersten Ideologen der extremen Rechten Deutschlands deutlich machend: den Verfasssungsrechtler Carl Schmitt. Schmitts »Über das Politische« von 1932 ist so etwas wie das Glaubensbekenntnis in der Denkwelt der Junge Freiheit-Leserschaft und Schmitt ihr Gottvater. Von hier entlehnt Mouffe und mit ihr Mélenchon und seine FI ihre Vorstellung von »Freund« und »Feind« als der Kategorie »des Politischen« als gebe es eine von gesellschaftlicher Realität geschiedene und eigenständige Welt des Politischen. Für Schmitt erhielten Freund und Feind ihren »Sinn« dadurch, dass sie »auf die reale Möglichkeit der physischen Tötung Bezug haben und behalten.« In Praxis sah das bei Schmitt so aus, dass er aktiv beteiligt war am »Preußenschlag« (1932), der Rechtfertigung der Morde im Zuge des sogenannten »Röhmputsches« (1934) und am folgenschwersten des Ausschlusses von Juden aus der juristischen Kategorie »Mensch« (1935), damit deren Ausgrenzung und Ermordung im Zuge bürokratischer Maßnahmen mit ermöglichend. Zeit seines langen Lebens hat Schmitt dafür nie persönliche Verantwortung übernommen, sondern sich, als dies opportun wurde, als »reiner Theoretiker« dargestellt.

Tatsächlich aber setzt Schmitts Denken voraus, dass es innerhalb einer politischen Einheit keine Opposition geben dürfe. Dies gilt auch für Nation und Volk. In seiner »Verfassungslehre« heißt es denn auch mit Bezug auf die Französische Revolution über die »verfassungsgebende Gewalt«: »Sie setzt das Volk als eine politisch existierende Größe voraus: das Wort ›Nation‹ bezeichnet im prägnanten Sinne ein zu politischem Bewußtsein erwachtes, aktionsfähiges Volk … Es wird sich seiner politischen Aktionsfähigkeit bewußt und gibt sich selbst, unter der damit ausdrücklich bejahten Voraussetzung bestehender politischer Einheit und Handlungsfähigkeit, eine Verfassung… Die politische Kraft dieses Vorganges führte zu einer Steigerung der Staatsgewalt, zu intensivster Einheit und Unteilbarkeit, unité und indivisibilité.« Eben dieses Konstrukt ist die Blaupause für die Umsturz-ideologie der FI, wie man noch sehen wird.

Für Mouffe ist das Denken Schmitts eine »theoretische Errungenschaft«, auf das sie sich breit stützt. (Weitere wichtige Stichwortgeber sind Martin Heidegger, ein weiterer NS-Apologet und Niccolo Macchiavelli, der Advokat rücksichtsloser Machtpolitik der Renaissance-Zeit.) Sie ignoriert dabei vollständig den ideologischen Kontext, zu dem nicht nur die zeitgenössische extreme Rechte gehört, sondern auch der lange Zug gewaltverherrlichender staatsterroristischer Denker der europäischen Gegenrevolution, die Schmitt mit in den Kampf gegen die Weimarer Republik warf. Sie reflektiert auch nicht das »Gefühl« der rechten Kräfte der 1920er Jahre, das in Oswald Spenglers »Der Untergang des Abendlandes« seine schlagwortartige Verdichtung gefunden hat. Es war diese apokalyptische Furcht vor »Bolschewismus, Amerikanismus, Feminismus und Judaismus«, die gerade auch gebildete konservative Schichten durchzog und die die tatsächliche Apokalypse des NS mit herbeiführte.

Dass das Freund-Feind-Schema im Sinne Schmitts blutige Folgen haben kann und aus seiner inneren Logik heraus auch haben muss, war Mouffe 2005 noch bewusst und Anlass für Einschränkungen und Mahnungen. Der Antagonismus dürfe nicht eskalieren, sondern müsse in einen produktiven »Agonismus« überführt werden, d.h. »es muss zwischen den miteinander im Konflikt liegenden Parteien eine Art gemeinsamen Bandes bestehen, damit sie den jeweiligen Gegner nicht als zu vernichtenden Feind betrachten, dessen Forderungen illegetim sind.« Sie warnte vor der Zerstörung oder Schwächung »parlamentarischer Institutionen«, weil dadurch die Möglichkeit agonistischer Konfrontation verschwinde und durch ein antagonistisches Wir-Sie ersetzt werde. Es sei nicht Aufgabe der Linken, die liberale Demokatie »als Schwindel und Deckmantel kapitalistischer Herrschaft« abzulehnen, sondern vielmehr die fehlende Verwirklichung ihrer proklamierten Ideale zu kritisieren. Diese Einschränkungen gelten, geht es nach der Mouffe von 2017, nun nicht mehr. Beschäftigt man sich nun mit der durch Mouffes Denken geprägten Bewegung »France Insoumise« sollte man sie jedoch im Ohr behalten.

Führer-Bewegungen

»France insoumise« gibt es nur dank, durch und für »ihren Kandidaten« Jean-Luc Mélenchon. Sie ist im Sinne Max Webers eine charismatische Bewegung, die in Gefolgschaft einer herausragenden Persönlichkeit den Anlauf nimmt, bestehende traditionale, in diesem Fall aber bürokratische Herrschaftsstrukturen umzustürzen. Biographisch gesehen hat sich Mélenchon von einem Vertreter »des Systems«, eingebunden in eine traditionsreiche sozialistische Partei zunächst eine Fraktion innerhalb eben dieser Partei geschaffen. Als er seine Ziele auf diesem Weg nicht mehr zu erreichen können schien, entschied er sich für die Gründung eines Gegenapparates in Form einer eigenen Partei »Parti de Gauche«. Er kandidierte dann 2012 als Kandidat eines Bündnisses insbesondere mit der Kommunistischen Partei PCF. 2017 hielt er es nicht mehr für nötig, irgendwelche Absprachen mit dieser zu treffen, sondern kandidierte aus eigener Vollkommenheit heraus für eine noch breitere Bewegung, eben »France insoumise«, die keine Partei mehr sein will. Der Kandidat steht in keinem demokratischen Verhältnis zur Bewegung mehr. Niemand kann ihn abwählen, denn gewählt ist er nicht, sondern vielmehr einfach »aufgestanden«. Im Namen eines demokratischen Aufstandes ganz und gar undemokratische politische Strukturen zu schaffen, ist ein auffallender Zug rechtspopulistischer, linkspopulistischer, aber auch separatistischer Bewegungen Europas. Selbst die SPD, Mutter aller Polit-Apparate, versuchte es bei Martin Schulz mit der Bewegungs- und Heilands-Ausrufung, darin aber auch gleich wieder sympathisch scheiternd.

In der programmatischen Schrift der FI-Bewegung »L‘avenir en commun« spiegelt sich diese Bewegungsstruktur wieder. Einerseits ist die Schrift vorgeblich das Ergebnis eines breiten Diskussionsprozesses von Aktivisten und unterstützenden Strukturen, was witzigerweise unter der Überschrift »die permanente Evolution« dargestellt wird, die trotzkistische Losung »die permanente Revolution« aufnehmend. Die Worte des Ex-Trotzkisten Mélenchon sind von dieser Debatte aber ausgenommen, denn sie bilden eine eigene und zwar die textstrategisch höchste Ebene. Eine Ebene darunter finden sich zusammenfassende thematische Ausführungen und erst dann folgen Listen von »Maßnahmen«. In ihrem ideologischen Gehalt unterscheiden sich die drei Ebenen deutlich, wobei die unterste, praktischste, sich vorrangig an Wählerinnen des linken und grünen Spektrums richtet.

Vieles von dem was sich dort findet, macht Sinn, z.B. dass man sich doch mal mit der Frage beschäftigen solle, wie viele Menschen sich in unserem Wirtschaftssystem eigentlich buchstäblich zu Tode arbeiten. Weniger Sinn macht die Gewichtung der Themen, bzw. welche überhaupt behandelt werden. Dem Schutz des französischen Waldes durch protektionistische Maßnahmen wird ein Kapitel gewidmet, der Integration hunderttausender arabischstämmiger Jugendlicher in Wirtschaft und Gesellschaft aber nicht.

 

Die FI – eine rechte Bewegung?

Geht man als Leser zu den Zusammenfassungen und dann zu Mélenchons Worten über, nimmt der Ideologisierungsgrad drastisch zu. Das französische Volk ist demzufolge Opfer eines globalen Neoliberalismus, der mit Hilfe einer Kaste von System-politikern die guten und wahren Eigenschaften Frankreichs und seine herausragende Bestimmung in der Welt vereitele. Es helfe nur noch die vollständige Abschaffung des Systems durch Schaffung einer 6. Republik. An das Vorbild der Einberufung der Generalstände von 1789 unausgesprochen anknüpfend, wird eine verfassungsgebende Versammlung gefordert, an der kein vormaliger Parlamentarier teilnehmen dürfe. Da Mélenchon auch noch gerne von der französischen »Präsidialmonarchie« spricht, ist das Bild von der aktuellen französischen Republik als Wiederkehr der Bourbonen-Herrschaft vollständig. Gegen die half, wie jeder weiß, nur noch Gewalt. Zur Lösung der Widersprüche der französischen Republik, die sich, wenn es nach Schmitt geht, so ganz vollständig und einig eine neue Nation schuf, half dann nur noch zehntausendfach die Guillotine.

Unbeleckt durch Lobbyismus und Korruption werde sich das Volk einen neuen Staat schaffen, der, so Mélenchon, »seine Unabhängig zurückerobern« werde. »Hinwegfegen« müsse man die alte Kaste. Erst die neu formierte Nation könne dann für den Frieden in der Welt eintreten, das biologisch »junge« französische Volk vertreten und seine »Kraft« und besonderen Fähigkeiten für die Menschheit ausbreiten. Der französischen Sprache wird dafür eine besondere Bedeutung zugemessen, nicht zu vergessen aber auch dem Militär, das durch Einführung einer Nationalgarde und einer allgemeinen Dienstpflicht für junge Menschen beiderlei Geschlechts zu stärken sei. Für alle dabei eventuell auftretenden Probleme weiß man zwei Lösungen, nämlich erstens den Staat, der in guter französischer Tradition alles regeln soll und wenn das gar zu unrealistisch wird, zweitens die UNO.

Auffällig ist der pessimistische, den allgemeinen Zerfall der Gesellschaft beklagende Tonfall, der rasch in Aggressivität umschlägt. Gerufen wird nach »Ordnung« und »Staat« gegen das Chaos und das ganze Durcheinander unserer Zeit.

Thematische, inhaltliche und ideologische Überschneidungen mit dem Programm des FN sind unverkennbar (siehe antifa 6/2016). Wer hier von wem abgeschrieben hat, ist letztlich weniger interessant als die Tatsache, dass relevante Teile der radikalen Linken nicht mehr wissen wer ihr Todfeind ist.

 

Was würde die Welt dazu sagen?

Wie nationalistisch und gleichzeitig wie weltfremd das FI-Programm ist, lässt sich ermessen, wenn man einmal versucht, es aus außereuropäischer Perspektive zu sehen. Globalisierung erscheint dann nicht einseitig als Geißel Frankreichs, sondern als überaus komplexer und widersprüchlicher weltweiter Prozess – als Prozess, der gleichzeitig zerstört und aufbaut, neue Abhängigkeiten und neue Freiheiten schafft.

So ist für 500 Millionen Chinesinnen und Chinesen Globalisierung in allererster Linie der Weg, der sie aus totaler Armut befreit hat. Aus Sicht von Westafrikanern lesen sich FN und FI-Programmatik wie Versuche, ihnen die Segnungen des französischen Kolonialismus erneut aufzudrücken. Und aus Sicht weltoffener kritischer indischen Intellektueller wie Pankaj Mishra oder Parag Kanna ist es ein lächerlicher Versuch einer ehemaligen Großmacht, sich durch Gewalt eine verlorene Welt zurückzudenken oder zurückzuerobern.

Marke Speer vom Markt?

geschrieben von Ernst Antoni

13. Juli 2017

Ausstellung in Nürnberg und neues Buch machen Hoffnung

 

Wer in die Halle im Dokumentationszentrum des ehemaligen »Reichsparteitagsgeländes« eintritt – elf Meter hoch und breit, 40 Meter lang – steht vor einer begehbaren Installation. Ein nach oben offener Pavillon. Die Außenwände gebildet aus fünf riesigen Buchstaben. Darauf Fotografien: Immer wieder ein Mann, mal in Uniform, öfter in Zivil. An seiner Seite Persönlichkeiten eines einst öffentlichen Lebens. Unübersehbar der mit dem Bärtchen.

»Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit«, heißt die Ausstellung über den, der nicht nur dieses schließlich unvollendet gebliebene Areal für Nürnberg, die »Stadt der Reichsparteitage«, entworfen hatte, sondern in den zwölf Jahren des geplanten »Tausendjährigen Reiches« führender Architekt bleiben sollte. Auch im übertragenen Sinne. Nicht zuletzt als Rüstungsminister.

Großbuchstaben bilden das Gerüst der Installation. S, P, E, E und R.: SPEER. Sie springen uns auch weiter ins Auge, wenn wir den »Empfangs-Pavillon« verlassen haben. In diesem gab es die Hauptperson im O-Ton, Lese-, Anhör-, Anschauungsstoff, Text-, Film- und Tondokumente. Vieles blieb da noch ins Halbdunkel getaucht, Orientierungshilfe gefragt…

Die folgt, bringen Besucherinnen und Besucher die notwendige Zeit und Geduld mit. In der Ausstellungshalle wartet ein Tisch-Geviert, an dem manches, was eingangs zu erahnen war, nun deutlicher präsentiert wird. Ausführlich wird dokumentiert, wie Bewohnern der damaligen Bundesrepublik (und nicht nur diesen) von der Mitte der 60er-Jahre an beinahe bis heute ein entscheidender Protagonist der NS-Herrschaft als »Gewandelter« verkauft werden konnte. Als einer, der unwillentlich ins Räderwerk des Regimes eingebunden wurde. Als einer, den 20 Jahre Haft durch die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition in Spandau so geläutert hätten, dass er nun unbedingt Zeugnis ablegen wollte. Als Beinahe-Helden gar, der – vergeblich – versucht habe, dem Regime aktiv entgegenzutreten.

Buch-Neuerscheinung zum Thema: Magnus Brechtken, Albert Speer. Eine deutsche Karriere, Siedler Verlag München, 912 S., 40 Euro

Buch-Neuerscheinung zum Thema:
Magnus Brechtken, Albert Speer. Eine deutsche Karriere, Siedler Verlag München, 912 S., 40 Euro

Die auskragenden Rahmen des Tisch-Rechtecks, vor dem wir uns nun befinden, sind »Büchertische«. Hier liegen anschaulich nebeneinander aufgereiht viele mit gefälligen Schutzumschlägen versehene Hardcover-Editionen. Dazwischen auch der eine oder andere Taschenbuch-Titel, der diesen folgte. Auf den Umschlägen lesen wir, meist in Großbuchstaben gesetzt, den Namen. Das Erlebnis vom Eintritt ins Ausstellungsgebäude wiederholt sich. SPEER bleibt Logo. Auch dann, wenn der so Präsentierte gar nicht Autor des Werks ist sondern nur Interviewpartner ist oder Porträtierter.

Ein »Markenname«. SPEER stand (und steht?) für etwas, was nicht nur kommerziell bedeutsam war: Für »Authentisch-Historisches«, »Informationen aus erster Hand«. Und für: »Wir waren es doch nicht, sondern nur der Hitler und ein paar Obernazis«. Für »Da-konnte-man-halt-nichts-machen« und »Wir-haben-immer-das-Beste-gewollt«. Für späte »Persilscheine«, ausgestellt von einem von »ganz oben«, der nun »gesühnt« hatte.

Das funktionierte nicht nur »daheim«. In den USA etwa oder in Großbritannien – auch das zeigt die Ausstellung – wurde Speer präsentiert als »the good Nazi«. Dies in »Kalte-Kriegs«-Muster einzuordnen ist bestimmt nicht falsch – ausreichend ist es nicht, sieht man, wer diesem Konstrukt alles auf den Leim gegangen ist.

Umso verdienstvoller ist der mit der Ausstellung und auch mit der kurz nach deren Eröffnung erfolgten Publikation der neuen Biographie »Albert Speer. Eine deutsche Karriere« von Markus Brechtken eingeleitete Versuch einer nun endgültigen »Entzauberung« der »Marke Speer«. Im Inneren des Nürnberger Bücher-Gevierts sind Zitate von Zeitgenossen zu lesen, als der »Speer-Hype« vom FAZ-Mann und »Hitler-Spezialisten« Joachim C. Fest und vom Verleger Wolf Jobst Siedler (damals beim Springer-Ableger »Propyläen«) angeschoben wurde. Kritischen Stimmen – u.a. der Auschwitz-Überlebende und Autor Jean Améry oder der Psychologe Alexander Mitscherlich – waren da erschreckend in der Minderheit.

Wer sich in die Info-Monitore der Schau versenkt, kann von heutigen Forscherinnen und Forschern (Isabell Trommer, Jörn Düwel, Bertrand Perz, Jens-Christian Wagner, Susanne Willems, Matthias Schmidt und Heinrich Schwendemann) und auch von Heinrich Breloer (seinen TV-Film »Speer und Er« betreffend) einiges lernen, wie der »Speer-Fake« lanciert, etabliert und jahrzehntelang haltbar gemacht werden konnte. Und welch bedeutende Rolle dieser Speer im Massenmordsystem des NS-Regimes tatsächlich gespielt hat.

Die Ausstellung ist noch bis zum 26. November 2017 in der Großen Ausstellungshalle des Dokumentationszentrum Reichsparteigelände, Bayernstraße 110, 90478 Nürnberg zu sehen. Katalog: Michael Imhof Verlag, 88 S., 9,80 Euro

Der alte Auschwitz-Täter

geschrieben von Axel Holz

13. Juli 2017

Winterjagd: Ein Film über die Nachwirkung faschistischer Verbrechen

 

Einen Konflikt zur Nazivergangenheit über drei Generationen hinweg hat ein Psychothriller der ZDF-Nachwuchsredaktion »Das kleine Fernsehspiel« zum Gegenstand. Er wurde mit großer Resonanz Anfang Mai auf dem Schweriner Filmfest gezeigt und wird voraussichtlich im Herbst 2017 im ZDF zu sehen sein. Nach dem Drehbuch von Daniel Blickermann und Astrid Schult führte die Autorin Astrid Schult selbst Regie, die bereits durch ihren engagierten Film »Colonia Dignidad« über einen chilenischen Ort des Schreckens bekannt wurde.

Der Film kommt mit vier Schauspielern aus, darunter Carolyn Genskow sowie Michael und Elisabeth Degen. Die 25-jährige Lena (Carolyn Genskow) verschafft sich Zutritt zu dem einsam gelegenen Haus des über 90-jährigen Unternehmers Anselm Rossberg (Michael Degen). Rossberg ist ein angesehener Unternehmer der Schwerindustrie, die sich nach dem Krieg nicht nur seiner Auschwitztäterschaft entledigen konnte, sondern auch als Industrieller in Spitzengremien Karriere machen konnte. Anselms Tochter (Elisabeth Degen) leugnet nach dem Eindringen von Lena in das einsame Schloss des 90-Jährigen die Anwesenheit ihres Vaters, dessen Auschwitz-Vergangenheit gerade durch die Medien geht, und versucht, die junge Frau abzuwimmeln. In typischer Weise wurde der 90-Jährige gerade in einem Prozess von jeglicher Schuld freigesprochen. Das ist der Grund, warum Lena, die Enkelin einer Auschwitzüberlebenden, Rossberg zur Rechenschaft ziehen will.

Michael Degen und Carolyn Genzkow in Winterjagd

Michael Degen und Carolyn Genzkow in Winterjagd

Als Lena dann Rossberg im Haus findet, mit einer Waffe bedroht und eine schreckliche Anklage erhebt, stehen alle drei vor einer schwierigen moralischen Entscheidung. Denn im erzwungenen Gespräch mit dem Auschwitztäter zeigt sich nicht nur, dass sich dieser keiner Schuld bewusst ist und jegliche Verantwortung ablehnt, sondern auch, dass sich das Leid der Opfer über die nachfolgenden Generationen fortsetzt. Während Lenas Großmutter über den Freispruch des Täters Rossberg verbittert stirbt, hat sich deren Sohn in der Folge der KZ-Erlebnisse seiner Mutter bereits vor Jahren das Leben genommen.

Für den Zuschauer stellt sich die Frage, ob die Enkelin nach ihren Schießübungen im Wald Rache nehmen will, die Wahrheit erfahren möchte oder ein Schuldgeständnis des Täters erzwingen will. Diese Konstellation erinnert sehr an Jurek Beckers »Bronsteins Kinder«, der als Kind die KZ Ravensbrück und Sachsenhausen überlebt hatte und im Buch selbst Hand an die Täter anlegt.

Der Regisseurin gelingt es überzeugend, die Spannung zwischen den Akteuren zu erhalten und die Motive der Beteiligten schrittweise herauszuarbeiten. Lange bleibt im Dunkeln, ob Anselm Rossberg tatsächlich Täter ist, ob Anselms Tochter ihren Vater im Wissen um dessen Verbrechen schützt oder selbst von dessen Unschuld überzeugt ist, ob Lena gegen die ungerechte Nazi-Rehabilitation revoltiert oder ob noch mehr dahinter steckt. Davon kann sich der Zuschauer im Film persönlich ein Bild machen. Besonders beindruckend ist, wie das Vater-Tochter-Verhältnis im Film durch Michael Degen und dessen Tochter Elisabeth Degen dargestellt werden. Die grausame persönliche Verstrickung dreier Generationen in Schuld und Last, die bis heute fortwirkt, macht den Film besonders wertvoll. Die Lebenssituation und Abhängigkeitsverhältnisse dreier Genrationen von Tätern und Opfern werden idealtypisch von einer jungen Nachwuchsregisseurin zu einer spannenden Geschichte verwoben. Das ist ein interessanter Ansatz, um mit einer persönlichen Erzählung junge Leute zu den Verbrechen des deutschen Faschismus anzusprechen, die von diesem Geschehen mittlerweile Generationen entfernt sind. Der Film ist ein gelungenes künstlerisches Werk, um die moralischen Dimensionen von Schuld und Verantwortung über die faschistischen Verbrechen und den notwendigen Umgang damit auf moderne Weise zu vermitteln.

Er hat für das Schweriner Filmfest aber noch eine besondere Bedeutung, denn parallel zur Filmpräsentation stockt in Neubrandenburg seit Monaten ein Prozess gegen einen Auschwitz-Täter, der wie im Film angeblich nur ein Schreibtischtäter war. Es bleibt zu hoffen, dass die Wende in der juristischen Bewertung der persönlichen Schuld von Nazi-Tätern, wie sie nach dem Demjanjuk-Prozess eingesetzt hat, auch in Neubrandenburg ankommen wird.

»Banditi e ribelli«

geschrieben von Markus Tervooren

12. Juli 2017

Die italienische Resistenza 1943-1945 »Banditi e ribelli«

Die italienische Partisanenbewegung war nach der jugoslawischen die zweitgrößte in Westeuropa, Zehntausende kämpften bewaffnet gegen Faschismus, deutsche Besatzung und Krieg. Eine neue Wanderausstellung vom Geschichtsinstitut Istoreco aus Reggio Emilia und CultureLabs aus Berlin hat ihr kein weiteres Denkmal gesetzt, sondern zeigt detailliert auf, was damals wie und warum passiert ist.

Die sehr schöne, gestalterisch mehr als gelungene Ausstellung stützt sich auf 58 Tafeln und vor allem auf 120 Bilder, sie ist fotodokumentarisch und mit sehr kurzen prägnanten Texten versehen – eine Gestaltung die bestens funktioniert.

Die nächsten Ausstellungstermine sind vom 1. bis 20. September 2017 in Göttingen und vom 1.bis 22. Oktober 2017 in Hamburg.

Die nächsten Ausstellungstermine sind vom 1. bis 20. September 2017 in Göttingen und vom 1.bis 22. Oktober 2017 in Hamburg.

Der italienische Historiker und Chronist des bewaffneten Widerstands gegen den Faschismus, deutsche Besatzung und Krieg in Italien, Santo Peli, Verfasser etlicher Bücher über die GAP, die antifaschistischen Stadtguerilla und die Resistenza, hat seine jahrzehntelangen Forschungen auf kurze Textblöcke von nicht mehr als 600 Zeichen reduzieren müssen. Das ist ihm in Zusammenarbeit und als Mitglied des Kollektivs der Ausstellungsmacherinnen und Steffen Kreuseler, der die Texte ins Deutsche übertragen hat, hervorragend gelungen.

Es sei für ihn eine große Herausforderung gewesen, nach Jahren als wissenschaftlicher »Einzelkämpfer« an der Universität von Padua, erzählt er bei der Eröffnung der Ausstellung in Berlin.

Drei Thesen ziehen sich durch die chrono-logisch aufgebaute Ausstellung. Die ribelli waren überwiegend sehr jung und schlossen sich zumeist spontan und aus unterschiedlichen Gründen den Gruppen der Resistenza an. Gemeinsam war ihnen aber eines, sie wollten leben, überleben, besser leben. Und das ging nur im bewaffneten Widerstand gegen den Faschismus.

Die Grundvoraussetzung für den Erfolg der Resistenza war die militärische Niederlage Italiens und der Waffenstillstand mit den USA und Großbritannien, den Marschall Badoglio am 8. September 1943 verkündete. Am gleichen Tag besetzten die Deutschen das Land ihres ehemaligen Achsenpartners Italien. Mussolini war bereits im April 1943 abgesetzt und verhaftet worden.

Die Organisatoren des Widerstands, der in einen Aufstand mündete, waren tausende erfahrene linke militanti, die sich auch nach 20 Jahren faschistischer Diktatur ihre klandestinen Organisationsformen bewahren konnten und nach dem Sturz Mussolinis aus dem Gefängnis oder der Verbannung freikamen oder aus dem Exil zurückkehrten.

So beginnen die »20 Monate«: von den ersten Streiks, Massendesertationen aus der italienischen Armee und bewaffneten Anschlägen auf die deutschen Besatzer, hin zu befreiten Gebieten und offenen militärischen Kampf gegen die deutsche Armee und faschistische Milizen bis zum 25. April 1945, dem Tag der Befreiung.

Der chronologische Aufbau der Ausstellung schildert das erst allmähliche, dann immer schnellere Schwinden der Unterstützung der 20 jährigen faschistischen Diktatur durch die italienische Bevölkerung. Soldaten die sich zuvor durchaus als Profiteure des Regimes fühlen konnten, wollten sich nach dem Beginn der Invasion der Alliierten in Süditalien und der Kapitulation des Königs nicht mehr in die Truppen der faschistischen »Sozialrepublik« von Deutschlands Gnaden pressen lassen. Der Krieg stand jetzt im eigenen Land. Zuvor hatten schon massive Lohnkürzungen, massive Ausbeutung, Hunger in den Städten, verbunden mit den beginnenden Bombardierungen der Alliierten, zu massenhaften Aufkündigungen des faschistischen Konsens geführt. Überwiegend kommunistische Aktivisten organisierten seit Frühjahr 1943 eine Streikwelle und gaben damit Orientierung für die gleichgeschalteten Arbeiter. Später demonstrierten die Aktionen der Stadtguerilla das Ende der Ohnmacht. Kommunistische, sozialistische, anarchistische, teils auch konservative Partisanengruppen auf dem Land und in den Bergen im Norden Italiens boten Deserteuren Zuflucht und jungen Leuten die Chance, ihr Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen, den konservativen Elternhäusern zu entfliehen und sich auszutauschen.

Den jüdischen Italienerinnen und Italienern gab es zudem die Möglichkeit, den Nazis mit der Waffe in der Hand entgegenzutreten. Dokumentiert sind auch die brutalen, mörderischen Reaktionen der italienischen Faschisten und der deutschen Besatzer, die meisten Mörder waren im gleichen Alter wie die Aufständischen.

Die Ausstellung bietet spannende Aufklärung, konzentriertes Geschichtswissen, aber auch ganz einfach ein ästhetisches Vergnügen. So locker und klar wird Widerstandsgeschichte selten vermittelt. Toll auch der Katalog: In sieben hübschen Heften kann man die Texte und Bilder mit nach Hause nehmen.

 

»Da habe ich den Unterschied tatsächlich begriffen. Zuhause wäre es unmöglich gewesen, bei einem Mann zu schlafen« erinnert sich »Laila« Anita Malavasi lächelnd an ihren ersten Tag in einer bewaffneten Partisaneneinheit. »Wir haben die ganze Nacht geredet. Was wussten wir denn von Politik, im Faschismus war sogar diskutieren verboten.«

Die nächsten Ausstellungstermine sind vom 1. bis 20. September 2017 in Göttingen und vom 1.bis 22. Oktober 2017 in Hamburg.

Die Ausstellung kann und möchte möglichst oft ausgeliehen und gezeigt werden. Kontakt: Istoreco Via Dante Alighieri 11, 42121 Reggio Emilia / Italy : +39 0522 437327 info@banditi.org

 

Unter http://www.banditi.org/ finden sich auch Partisan*inneninterviews.

Wie Statisten Henker wurden

geschrieben von Ernst Antoni

12. Juli 2017

Alfred Hrdlickas großer 20.Juli-Bilder-Zyklus in München

Der unmittelbare »Lokalbezug« stellt sich beim Betrachten des Blattes 28 aus dem Radierungs-Zyklus »Wie ein Totentanz« her, den der österreichische Bildhauer und Grafiker Alfred Hrdlicka 1974 zum Thema 20. Juli 1944 geschaffen hat. Nicht als »Heldenehrung« gedacht, seien diese Bilder, »bei allem Respekt für jene Männer, die es wagten, sich gegen ein barbarisches Regime zu erheben«, vielmehr, hielt der Künstler fest, sollen sie eine »Warnung vor falschen Leitbildern« beinhalten.

Die 53teilige Bildfolge ist seit einigen Wochen nun erstmals vollständig in der ehemaligen Nazi-»Hauptstadt-der-Bewegung« zu sehen, im NS-Dokumentationszentrum in München.

Chile 1974, 505 x 5698 mm, Ätzung, Kaltnadel, Mezzotinto geschabt und Stichel auf Kupfer. Leihgeber der Zyklus-Bilder: Museum Morsbroich Leverkusen

Chile 1974, 505 x 5698 mm, Ätzung, Kaltnadel, Mezzotinto geschabt und Stichel auf Kupfer.
Leihgeber der Zyklus-Bilder: Museum Morsbroich Leverkusen

Das Blatt 28 (500 x 651 mm, Aquatinta geschabt, Kaltnadel und Wiegemesser auf Kupfer) trägt den Titel »Vom Todeskult zur Todesfabrik«. Wie viele der Exponate ist es ein sehr dunkles Bild, das nahes Herangehen erfordert. Links unten sehen wir Menschen vor einem Krematoriumsofen, am rechten Bildrand eine Soldatenfigur mit Stahlhelm und darüber eine rauchende »Opferschale«.

Winfried Nerdinger, Direktor des Dokumentationszentrums, schreibt im Katalog: »Das Blatt (…) bezieht sich auf den Königsplatz, den Ort, an dem in der NS-Zeit der ›Totenkult‹ der Nationalsozialisten zelebriert wurde, und der heute im benachbarten NS-Dokumentationszentrum München an zentraler Stelle erläutert wird. Auf dem Königsplatz fand alljährlich am 9. November ein pseudoreligiöses Ritual statt, bei dem die Namen der beim Putschversuch 1923 erschossenen sogenannten ›Blutzeugen‹ und ›Märtyrer‹ aufgerufen wurden, worauf die aufmarschierte Menge wie beim Appell ›Hier‹ brüllte. Diese Einübung in das Sterben für Hitler wird bei Hrdlicka parallelisiert mit den ›Todesfabriken‹ und er zeigt den Zusammenhang zwischen NS-Ideologie und rassistischer Volksgemeinschaft, sowie die Folgen auf: ›(…) aus den Statisten der Weihefestspiele waren Henker geworden‹.«

Das vollständige Hrdlicka-Zitat hängt beim ausgestellten Bild – und dieses Prinzip, die jeweiligen Einzelkommentare des Künstlers all seinen Blättern beizugeben, macht die Ausstellung besonders aufschlussreich. Hat Alfred Hrdlicka (1928–2009) doch, als er in den 70er-Jahren den Zyklus schuf, damit einen ganz großen Bogen gespannt. Beginnend beim Preußen Friedrichs des Großen und schließlich mit dem Blatt »Chile 1974« den Zyklus beendend. Manchmal sind die Anmerkungen des Künstlers sehr eigenwillig, ebenso wie die Auswahl der jeweiligen Radierungs-Themen, und zeugen, trotz der realistisch-unverstellt wiedergegebenen Gewaltakte, oft von der ironischen Distanz, die der Künstler ebenfalls einzusetzen verstand (Blatt 1 etwa, Aquatinta geschabt: »Casanova am Hof Friedrichs des Großen«). »1746«, heißt es im ersten Satz dazu, »besuchte der Erzzivilist Casanova den modernsten Militärstaat Europas, Preußen,…«

»Militarismus«, so formulierte es Winfried Nerdinger bei einer Führung durch die Ausstellung, sei für Hrdlicka »das Entscheidende, aus dem der Nationalsozialismus nur zu erklären ist.« Vor diesem Hintergrund gewinnen die Kommentartexte aus Künstlerhand noch einmal an Tiefe – und oft fällt einem beim Betrachten und Lesen etwas auf, was einem längst entfallen war. Beispiel »Chile 1974«: »Dreißig Jahre nach dem 20. Juli 1944«, schreibt Hrdlicka, »erregt die Anwesenheit eines Zivilisten in einer Militärdiktatur das Interesse der internationalen Presse. Es ist der als Kriegsverbrecher gesuchte ehemalige SS-Offizier Walter Rauff. In einer offiziellen Aussendung wird Rauff als Mitarbeiter der Geheimdienstabteilung DINA genannt. Diplomatische Vertreter Chiles dementieren, die Junta habe die Hilfe ausländischer Spezialisten nicht nötig, der ehemalige Einsatzleiter der Vergasungswagen und Kommandant deutscher Konzentrationslager (…) sei weiter nichts als Privat- und Geschäftsmann – Zivilist!«

Die Ausstellung ist bis 27. August zu sehen. Das NS-Dokumentationszentrum München, Brienner Straße 34, ist dienstags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr geöffnet. Der Besuch der Sonderausstellung ist im Eintrittspreis von 5 Euro inbegriffen (ermäßigt 2,50 Euro, bis 18 Jahre frei). Außerdem gibt es ein Begleitprogramm: Details und Termine sind auf www.ns-dokuzentrum-muenchen.de zu finden.

Rückseite

12. Juli 2017

Wie ein Totentanz
Die Ereignisse des 20. Juli 1944

Wie ein Totentanz

Editorial

geschrieben von Regina Girod

6. Juni 2017

An diesem Wochenende, an dem wir die Mai-Ausgabe der antifa für den Druck vorbereiten, demonstrieren in Köln Tausende Antifaschistinnen und Antifaschisten gegen den Bundesparteitag der AfD, entscheiden die Wählerinnen und Wähler in Frankreich, ob ihre Republik künftig durch eine Präsidentin des Front National regiert werden kann und ist die Gefahr eines Krieges, den die USA im asiatisch-pazifischen Raum vom Zaun zu brechen drohen, so groß wie nie seit dem Koreakrieg Anfang der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Schwere Zeiten für alle, denen Frieden, Demokratie und ein menschliches Miteinander am Herzen liegen!
Trotzdem oder vielleicht sogar deswegen präsentieren wir uns in dieser Ausgabe besonders bunt und lebendig – mit großen Fotostrecken dokumentieren wir zwei Ereignisse der letzten Wochen, an denen viele von uns beteiligt waren. Auf den Seiten 8 und 9 geht es um die von VVN-BdA und FIR gemeinsam organisierten Proteste gegen den jährlich in Riga stattfindenden Gedenkmarsch für die lettischen Legionäre der Waffen-SS. Und unser um eine Seite erweitertes »Spezial« widmet sich auf den Seiten 12 – 16 der Festveranstaltung zum 70. Jahrestag der Gründung der VVN und dem sich anschließenden 6. Bundeskongress der VVN-BdA, die vom 29. März bis zum 1. April in Frankfurt/Main stattgefunden haben. Wer dabei gewesen ist, wird bestätigen können, dass die Freude und das Gemeinschaftsgefühl der Geburtstagsfeier, die wir zusammen mit vielen Weg- und Kampfgefährten begangen haben, auch auf die Atmosphäre des Kongresses ausstrahlten.
Im politischen Bericht an den Bundeskongress hieß es: »Unser originärer Beitrag zur Bekämpfung der AfD ist die neue Ausstellung ›Der Arm der Bewegung‹, die die Neofa-Kommission erarbeitet hat… Mit ihr wollen wir den Charakter der AfD, ihre vielfältigen Verbindungen in unterschiedliche rechte Milieus darstellen und auf politische Bedingungen verweisen, die ihr entgegenkommen.«
Wir stellen die Ausstellung auf den Bundesseiten dieser Ausgabe noch einmal vor und empfehlen ihren intensiven Einsatz in den nächsten Wochen.

Titelbild

6. Juni 2017

Günter Pappenheim (Mitte), als Jugendlicher selbst Häftling im KZ Buchenwald beim Gedenken am Ort des ehemaligen »Kinderblocks 8«, dessen Insassen die diesjährige Veranstaltung am Befreiungstag gewidmet war. Foto: W. Girod

Günter Pappenheim (Mitte), als Jugendlicher selbst Häftling im KZ Buchenwald beim Gedenken am Ort des ehemaligen »Kinderblocks 8«, dessen Insassen die diesjährige Veranstaltung am Befreiungstag gewidmet war. Foto: W. Girod

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