Keine Einbahnstraße

geschrieben von P.C. Walther

5. Juli 2015

Solidarität mit Griechenland ist im Interesse aller Europäer

Im April kam es im Frankfurter Gewerkschaftshaus zur Gründung des Griechenland-Solidaritätskomitees Frankfurt/Rhein-Main. Die Liste der Unterzeichnerinnen der Gründungserklärung zeigt ein breites politisches Spektrum, das über die Gesamtheit der Linken (verstanden von DKP und Linkspartei bis zu SPD und Grünen) weit hinausreicht. Es waren vor allem führende Gewerkschafter, vom früheren DGB-Landesvorsitzenden Dieter Hooge über Michael Erhardt von der IG Metall, Jochen Nagel von der GEW bis zum Frankfurter DGB-Vorsitzenden Harald Fiedler, die zusammen mit weiteren Aktiven wie Elisabeth Abendroth, Andrea Ypsilanti und Knut Dörfel, die Initiative zur Bildung des Solidaritätskomitees ergriffen.

Seitdem ist das Komitee rührig. Neben einem fast täglichen Informationsaustausch via Internetplattform, mit Hinweisen auf entsprechende Veröffentlichungen und Informationsquellen, sowie auch einem Meinungsaustausch untereinander, finden regelmäßige Treffen statt. Veranstaltungen werden entweder selbst organisiert oder solche von anderen Veranstaltern beworben.

Neben der Verbreitung von Materialien, wie z.B. der Zeitschrift »Faktencheck«, hat das Komitee auch eine Petition mit der Forderung auf Rückzahlung des seinerzeit von Nazideutschland erzwungenen Darlehens auf den Weg gebracht (www.zurueckzahlen.de). Ebenso werden die Forderungen nach Entschädigungen für die Kriegsverbrechen, Zerstörungen und Morde an der Zivilbevölkerung während der deutschen Besatzung in Griechenland thematisiert oder Schreiben an Bundestagsabgeordnete gerichtet.

Auf Ereignisse wird reagiert. So richteten z.B. Mitglieder des Komitees einen Offenen Brief an Vizekanzler Siegmar Gabriel, als dieser sich zu Stammtisch-Parolen gegen Griechenland herabließ.

Alle diese Aktivitäten sollen vor allem Gegenöffentlichkeit schaffen. Fakten und Argumente an die Öffentlichkeit bringen, die dem Griechenland-Bashing entgegenwirken, die politisch Verantwortlichen unter Druck setzen, von der erpresserischen Austeritätspolitik abzulassen und stattdessen Griechenland zu helfen, aus der elenden Situation, in die das Land und seine Menschen durch die Austeritätspoiitik gebracht wurde, herauszukommen.

Natürlich wollen die Beteiligten in erster Linie ihre Solidarität mit Griechenland zum Ausdruck bringen. Das wird jedoch nicht als Einbahnstraße gesehen. Die Wende, die in Griechenland mit der Wahl im Januar eingeleitet wurde, wird von den Trägern des Solidaritätskomitees auch als Signal und Chance für das Ansteuern und Erreichen eines Umbruchs zu einer gerechteren, demokratischeren, sozialen und ökologischen Politik in Europa gesehen. Das kann Griechenland, gerade in seiner äußerst schwierigen Situation, nicht allein erreichen. Dazu bedarf es wirksamer Unterstützung in ganz Europa, erst recht in Deutschland. Dazu will das Frankfurter Solidaritätskomitee nach besten Kräften beitragen. Es hofft auf Verbündete und Nachahmer an möglichst vielen Orten Deutschlands.

Zu Gast in Mailand

geschrieben von Helmut Hirsch

5. Juli 2015

Ausstellung über den Widerstand der Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation

Pünktlich zum 70. Jahrestag der Befreiung Italiens vom Faschismus am 25. April 2015 wurde die Ausstellung über die Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation in Mailand eröffnet.

Bewegend und zutiefst beeindruckend war die gewaltige Demonstration zum Tag der Befreiung mit über dreihunderttausend Teilnehmern. Auch die nicht so stark besuchte Demonstration und Kundgebung zum 1. Mai war bunt, temperamentvoll und mitreißend.

Nachdem die Ausstellung bereits 2013 mit großem Erfolg in Genua gezeigt wurde, hat das »Centro Philippo Buonarroti« die Ausstellung in Mailand organisiert. Gezeigt wurde sie im Mailänder Haus der Nationalen Vereinigung der Partisanen Italiens A.N.P.I.

An den sechs Ausstellungstagen besichtigten viele Besucher die Ausstellung, darunter zahlreiche Schulklassen und Studentengruppen. Deutlich über 100 Ausstellungskataloge in vorbildlichem italienischem Layout wurden verkauft. Zwei Konferenzen wurden ebenfalls in dieser Zeit durchgeführt: »Paul Hirsch und die Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation in den Askania-Werken Berlin«, eine PowerPoint-Präsentation in Italienisch und eine Podiumsdiskussion zum Thema »Deutscher Widerstand und Italienischer Widerstand«.

Die Ausstellung verringerte eine Lücke im öffentlichen Geschichtsbewusstsein Italiens. Geprägt wird das Bild Deutschlands und der Deutschen durch den Einmarsch von SS-Panzer- und -Motorisierten Divisionen im Herbst 1943 in Nord- und Mittelitalien bis Monte Cassino südlich von Rom. Damals versuchte die militärische Führung Italiens, das Achsen-Bündnis mit Nazi-Deutschland zu verlassen und auf die Seite der Alliierten überzugehen. SS-Truppen nahmen daraufhin die italienischen Soldaten gefangen und deportierten sie zur Zwangsarbeit nach Deutschland. Durch schrankenlosen Terror wurde versucht, den Widerstand der starken italienischen Partisanenbewegung mit zahllosen Massakern, Geiselerschießungen und Deportationen in Konzentrationslager zu brechen. Das ist nicht gelungen, kostete aber ungeheure Opfer unter den Partisanen und der Zivilbevölkerung.

Die Ausstellung vermittelte nun das für viele Italiener überraschende Bild, dass selbst in Nazi-Deutschland ein Netz sehr aktiver Widerstandsgruppen existierte.

Noch während der Ausstellungstage kamen Vertreter der starken Gruppen der A.N.P.I. in Turin und Rom und regten an, die Ausstellung auch in diesen Städten zu zeigen.

Widerstand in Europa

5. Juli 2015

Im Juli erscheint im PapyRossa Verlag der Katalogband der FIR-Ausstellung zum antifaschistischen Widerstand in Europa. Mit zahlreichen Bildern porträtiert der viersprachige (deutsch/englisch/flämisch/französisch) Band den Kampf gegen den Faschismus in 21 europäischen Ländern – von Guernica über das Warschauer Ghetto bis nach Stalingrad – und stellt dessen unterschiedlichen Charakter dar: Von der Resistenza in Italien, der Résistance in Frankreich und dem Netzwerk »Comet« in Belgien über den griechischen, jugoslawischen und tschechoslowakischen Widerstand bis zu den Internationalen Brigaden gegen Franco. Der Band ist eine Hommage an den Mut von Menschen wie Sophie Scholl, Manolis Glezos, der die Hakenkreuzfahne von der Akropolis riss, oder der Partisanin Zoia Kosmodemianskaja. Die deutsche Fassung der Ausstellung wurde bisher in Bremen, Hamburg und Berlin gezeigt. Sie kann für weitere Präsentationen beim VVN-BdA Bundesbüro ausgeliehen werden.

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Das Potsdamer Abkommen

4. Juli 2015

Vor 70 Jahren wurden die Grundzüge der Nachkriegsordnung beschlossen

Die wichtigste Konferenz zur Neuordnung Deutschlands und Europas nach der Befreiung vom Faschismus war ohne Zweifel die Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis 2. August 1945. Auf ihr trafen sich die Staatschefs der drei Siegermächte Großbritannien (Churchill, später Attlee), Sowjetunion (Stalin) und USA (Truman), um endgültige Festlegungen für das Nachkriegseuropa zu treffen. Zentrale Punkte waren bereits auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 angesprochen worden, wo bereits die Behandlung Deutschlands und Österreichs nach dem Sieg, die Notwendigkeit der Reparationszahlungen sowie Instrumente und Grundlagen einer friedlichen Nachkriegsordnung in Grundzügen fixiert worden waren. Nach dem militärischen Sieg in Europa und dem erkennbaren Ende des Krieges im pazifischen Raum sollten nun Regeln für den politischen Neubeginn insgesamt definiert werden.

Gemäß der Vereinbarungen von Jalta hatten sich die jeweiligen Alliierten auf die vereinbarten Grenzen ihrer Besatzungszonen zurückgezogen. Auch Frankreich war bereits als Besatzungsmacht tätig. Und die Umsiedlungen der deutschen Bevölkerungsteile aus dem Sudetengebiet und Polen waren bereits im vollen Gange.

In Potsdam klärten die die Vertreter der Siegermächte folgende Fragen:

• Man formulierte gemeinsame Grundsätze über die Behandlung Deutschlands, da in allen Besatzungszonen vergleichbare politische und soziale Bedingungen hergestellt werden sollten. Zur gemeinsamen Verwaltung wurde ein Alliierter Kontrollrat geschaffen.

• Der antifaschistisch-demokratische Neubeginn sollte sich an den »großen D’s« orientieren: Demokratisierung, Demilitarisierung, Demonopolisierung, Denazifizierung, Dezentralisierung.

• Auf der Konferenz wurde auch die Schaffung eines Internationalen Militärgerichtshofs zur Verfolgung der Hauptkriegsverbrecher beschlossen, der im Oktober 1945 in Nürnberg seine Arbeit aufnahm.

• Die Staatschefs legten die Reparationen, ihren jeweiligen Umfang sowie die Verteilung der Lasten zwischen den Besatzungszonen fest.

• Beim Thema »Polen« wurden die polnische Westgrenze (Oder-Neiße-Linie) und der polnische Anteil Ostpreußens endgültig fixiert, wobei zu diesem Thema auch eine polnische Delegation gehörte wurde.

• Eine wichtige Frage war die Überführung der deutschen Bevölkerungsteile aus Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei. Die Frage war nicht, ob sie ausgesiedelt werden sollten, sondern nur in welcher Geschwindigkeit und wohin die Umsiedlung erfolgen solle.

Die dreiwöchige Beratung lief nicht ohne Widersprüche. In dieser Zeit realisierten die USA ihren ersten erfolgreichen Atomwaffenabwurf, was kurzfristig eine militärische Überlegenheit der USA signalisierte. In Großbritannien wurde Winston Churchill bei der Parlamentswahl durch eine Labour-Regierung abgelöst, was den amerikanischen Einfluss wiederum schwächte. So spiegelten die Ergebnisse dieser Konferenz das damals recht fragile Kräfteverhältnis angemessen wider.

Wie in der Diplomatie nicht ungewöhnlich, wurde kein formeller Vertrag geschlossen. Die Konferenz endete mit einem Protokoll, das die drei Staatschefs als gemeinsame Willenserklärung unterzeichneten und das die Grundlage der kommenden politischen Entscheidungen sein sollte.

Auch die französische Regierung, die zwar nicht an der Konferenz beteiligt war, trat am 7. August 1945 dem Abkommen bei und verpflichtete sich, diese politischen Ziele in ihrer Besatzungszone umzusetzen. Trotz des seit 1947/48 dominanten Kalten Krieges waren die Festlegungen des Potsdamer Abkommens geschichtswirksam.

Das Abkommen zielte auf eine stabile friedliche Nachkriegsordnung, in der die Rolle der Vereinten Nationen als Konfliktvermittler gestärkt würde. Dies ist eine Perspektive, die bis heute Bedeutung hat. Bei den Festlegungen der Grundsätze zur Behandlung Deutschlands wurden Kriterien für eine antifaschistische und friedliche Perspektive dieses Landes formuliert, wie z.B. Forderungen nach Auflösung hegemonialer Wirtschaftsstrukturen, Forderungen nach wirklicher demokratischer Partizipation, Entmilitarisierung u.a., die bis heute visionären Charakter besitzen.

»Niedergeführte Existenzen«

geschrieben von Hans Canjé

4. Juli 2015

Das Mordprogramm »Euthanasie« im Blick

Rechnen hatten wir in der Volksschule bei Fräulein Fuchs. Mathematik gab es da noch nicht und unsere Lehrerinnen hießen alle »Fräulein«. Bei ihr haben wir gelernt, dass es allemal besser sei, die Gelder, die für geistig oder körperlich unheilbare Volksgenossen ausgegeben werden müssen, als Ehestandsdarlehen für gesunde Eltern und damit also auch für erbgesunden Nachwuchs aufzuwenden. Damit wurden wir hingeführt zu der »logischen Akzeptanz der uns damals noch unbekannten Praxis, den Nachwuchs von »Ballastexistenzen« zu verhindern und uns des vorhandenen »lebensunwerten Leben« zu entledigen.

Forschungen zur Medizin im Nationalsozialismus. Vorgeschichte – Verbrechen – Nachwirkungen. Herausgegeben von Alfred Fleßner, Uta George, Ingo Harms und Rolf Keller. Reihe: Schriftenreihe der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten; Bd. 03, € 29,90

Forschungen zur Medizin im Nationalsozialismus. Vorgeschichte – Verbrechen – Nachwirkungen. Herausgegeben von Alfred Fleßner, Uta George, Ingo Harms und Rolf Keller. Reihe: Schriftenreihe der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten; Bd. 03, € 29,90

Auf dem Territorium des heutigen Landes Niedersachsen gab es in den Jahren der faschistischen Herrschaft keine solche Vernichtungsanstalt zur Ermordung »lebensunwerten Lebens«, wie etwa in Pirna-Sonnenstein, Hadamar oder Brandenburg-Görden. In diesen Einrichtungen wurden jeweils um die 10.000 Menschen systematisch umgebracht. Im Mörderjargon wurde von der »Niederführung« dieser geistig oder körperlich Behinderten, vorwiegend Kindern, gesprochen. »Euthanasie« hieß der staatlich organisierte Massenmord, also »Gnadentod« Dem Thema ist in den letzten Jahren sowohl durch wissenschaftliche Tagungen und Publikationen als auch durch Gedenkstätten verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt worden.

Im Band drei der Schriftenreihe der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten »Forschungen zur Medizin im Nationalsozialismus. Vorgeschichte –Verbrechen –Nachwirkungen« stehen die Heil- und Pflegeanstalten in Wehen und Lüneburg im Mittelpunkt, in denen, auch in eigens dafür eingerichteten Kinderabteilungen, durch Hungermorde« und »abspritzen« das grausige Programm zur »Gesund-erhaltung des deutschen Volkskörpers exekutiert wurde. In Lüneburg fielen mehr als 350 Kinder diesen Morden zum Opfer. Gehirnpräparate von 12 Kindern wurden zwischen 2011 und 2012 in einem Hamburger Forschungsinstitut entdeckt.

Nach einer Predigt des Bischofs von Galen am 3. August 1941 in Münster erfolgte zwar aus taktischen Gründen eine offizielle Einstellung der Aktion »T 4«. (In der Berliner Tiergartenstraße 4 war der Sitz des mit dem Mordprogramm beauftragten Reichsausschusses zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden«.) Tatsächlich aber folgte in den Jahren 1942-1945 »eine zweite Vernichtungswelle«, »die sich verdeckter Tötungsmethoden bediente und immer neue Opfergruppen erfasste«. Unter dem Aktenzeichen »14f13« habe die SS bereits seit dem Frühjahr 1941 »systematische Selektionen von KZ-Insassen« praktiziert. Mancherorts seien die »Patiententötungen« bis nach Kriegsende weitergegangen, schreibt Gerrit Hohendorf

Der vorliegende Band fußt auf einer 2012 durchgeführten Konferenz der Stiftung und fasst Forschungsergebnisse nicht nur diese Bundeslandes zusammen. Dargelegt werden die schmähliche gerichtliche »Aufarbeitung« diese Kapitels, die unbeanstandete Weiterbeschäftigung der involvierten Mediziner, denen »Verbotsirrtum«, »befreiender Irrtum« oder »nicht schuldhaftes« Verhalten attestiert wurde. In einem der seltenen, schließlich mit Einstellung endenden Prozesse hieß es gar: »Den Angeklagten konnte nicht mit hinreichender Sicherheit widerlegt werden, dass sie die Geisteskranken, an deren Tötung sie mitgewirkt haben, für Menschen ‚ohne natürlichen Lebenswillen’, für ‚niedergeführte Existenzen’, für ‚leergebrannte Menschenhülsen’ gehalten haben.« Nachgezeichnet werden der mühevolle Weg zur Anerkennung und Entschädigung der Opfer der Zwangssterilisation und der »Euthanasie«. Der Band schließt ab mit Überlegungen zur aktuellen Debatte um gesetzliche Regelungen zur »Sterbehilfe« über die der Bundestag im September in erster Lesung beraten soll. Ein Thema, das vor dem Hintergrund des in dieser beachtenswerten Publikation dargestellten faschistischen Mordfeldzugs gegen »lebensunwerten Lebens« äußerste Sensibilität erfordert.

Der Iwan war erst 12

geschrieben von Regina Girod

3. Juli 2015

Ulrich Sander erinnert an die Zwangsarbeiterentschädigung vor 15 Jahren

Auch 70 Jahre nach der Zerschlagung des Hitlerfaschismus ist das Thema »Entschädigung der Opfer« noch immer aktuell. Im Mai hat der Bundestag den etwa 4000 ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen, die heute noch leben, eine Entschädigung von jeweils 2500 EUR zuerkannt. Weniger als eine Geste, wenn man bedenkt, dass von den mehr als 5 Millionen sowjetischen Soldaten, die in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten, bis zum Ende des Krieges bereits 3 Millionen umgebracht worden waren.

So kommt das Buch »Der Iwan kann bis Lüdenscheid« von Ulrich Sander gerade recht, um uns ein anderes Kapitel des Entschädigungsthemas noch einmal ins Gedächtnis zu rufen: Die (ebenfalls sehr eingeschränkte) Entschädigung von ausländischen Zwangsarbeitern durch die Bundesrepublik Deutschland, die in den Jahren 2000 – 2006 erfolgte. Ulrich Sander hat daran mitgewirkt, Entschädigungsberechtigte im Raum Lüdenscheid zu ermitteln. Im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme durchforstete er Archive und erstellte einen Datensatz mit rund 7500 Namen. Was ihm dabei begegnete, wer seine Arbeit unterstützte und wer sie behindert hat, hat er nun – mit der Publikation seines Tagebuches aus den Jahren 2000-2002 – öffentlich gemacht. Der etwas kryptische, an das »Lenin…Lüdenscheidt«-Buch des Bestsellerautors Richard David Precht erinnernde Titel geht auf einen zwölfjährigen russischen Zwangsarbeiter zurück, den Ulrich Sander stellvertretend für die vielen Menschen, auf seinen Titel hob.

Ein Tagebuch zu veröffentlichen, hat Vor- und Nachteile. Einerseits ist es authentisch. Es lässt konkrete Zeitumstände auferstehen. So, wie der Schreiber sie erlebt hat. Mit dem Wissen von damals, nicht mit dem von heute. Das regt natürlich zu Vergleichen an, auch zu der Frage: Hat die späte Entschädigung der Zwangsarbeiter etwas verändert im Bewusstsein der Bundesrepublik? Und wenn ja, was? In dieser Hinsicht spiegelt Ulrich Sanders Protokoll Historie sogar zweifach wider. Zum einen als Geschichte der Zwangsarbeit, wie sie sich aus den gefundenen Dokumenten erschließt. Zum anderen in Gestalt der Situation des Jahres 2000, als durch die Entschädigung der Zwangsarbeiter viele Menschen erstmals überhaupt gezwungen waren, sich mit der Problematik zu befassen. In dieser Beziehung ist das Buch ein interessantes Zeitdokument.

Doch es kann auch mühsam sein, ein Tagebuch zu lesen. Wenn man nicht weiß, ob das, was einen wirklich interessiert, überhaupt vorkommen wird. Weil an Stelle einer Systematik die Chronologie den Ablauf bestimmt. Und wenn einem, wie in diesem Fall, keine der handelnden Personen wirklich nahe kommt. Denn dieses Tagebuch ist ein Arbeitsjournal. Es beschreibt Vorgänge und Abläufe und die Menschen, von denen in ihm die Rede ist, bleiben auf ihre Funktionen beschränkt. Das ist unverzichtbar, sonst hätte sich der Autor wohl nicht vor Klagen retten können. Doch es macht aus seinem Text einen ziemlich trockenen Stoff.

Vor 20 Jahren habe ich, ebenfalls in einem ABM-Projekt, an einem Buch über jüdisches Leben in Berlin Friedrichshain mitgearbeitet. Vieles von dem, was Ulrich Sander beschreibt, ist uns da auch begegnet: Nachbarn und Kollegen, die von nichts gewusst haben wollten, oder versicherten, selbst stets menschlich geblieben zu sein. Der Osram-Konzern, der jüdische Zwangsarbeiterinnen beschäftigt hatte, doch beteuerte, darüber keinerlei Unterlagen zu besitzen (»Alles im Krieg verbrannt«) oder eine Grundstücksgesellschaft, die sich weigerte, an ihrem Haus eine Erinnerungstafel für eine kleine Synagoge anbringen zu lassen (»Kein Interesse«). Am Ende hatten wir, wie Ulrich Sander, eine Datenbank mit den Namen von mehr als 4000 jüdischen Menschen aus dem Stadtbezirk, die wir dem Heimatmuseum übergaben. Doch viel wichtiger war das Buch. In ihm waren exemplarisch Schicksale, Erinnerungen und Dokumente versammelt .Wenigstens einigen jüdischen Nachbarn aus Friedrichshain konnten wir damit ein Gesicht geben und die Verbrechen des Faschismus dort sichtbar machen, wo sie stattgefunden hatten – im normalen Alltag.

»Der Iwan kam bis Lüdenscheid« enthält Material für viele solcher Bücher. Material, das nun wohl nicht mehr genutzt werden wird. Wie der Autor damals fragt sich der Leser heute: Was ist aus dem 10jährigen Nikolai Keemann aus Kiew geworden, der laut Unterlagen »geflohen« war. Oder aus der 14jährigen Polin Leokadia Magnik, die als Landarbeiterin schuften musste? Haben sie überlebt? Konnten sie mit den Folgen der Versklavung fertig werden?

Für eine Antwort ist es heute zu spät. Eigentlich war es auch im Jahr 2000 schon zu spät dafür.

So bleibt es das Verdienst des Buches, am Beispiel der kleinen Stadt Lüdenscheid dokumentiert zu haben, wie schwierig es selbst 55 Jahre später war, wenigstens einem Teil der Zwangsarbeiter eine Entschädigung zukommen zu lassen. Dieses Unrecht, das Millionen Menschen durch den Faschismus erlitten haben, blieb im Prinzip ungesühnt. Eine bittere Wahrheit.

Mit der Resistenza in die Moderne

geschrieben von Thomas Willms

3. Juli 2015

Bis heute sind die Anstrengungen der Partisanen in der Reggio Emilia sichtbar

Jemanden wie Giacomo Notari möchte man gerne kennen. Natur- und menschenverbunden, temperamentvoll aber ausgeglichen, voller Geschichten, bescheiden und klug. Bei Auftritten in Berlin fand er problemlos großen Anklang bei 500 Zuschauern als er seine Autobiografie vorstellte, die jetzt auf Deutsch erschienen ist.

Giacomo Notari: Ihr Partisanen, nehmt mich mit euch! Ein Bericht aus der Resistenza, PapyRossa Verlag, 159 Seiten, 12,00 €

Giacomo Notari: Ihr Partisanen, nehmt mich mit euch! Ein Bericht aus der Resistenza, PapyRossa Verlag, 159 Seiten, 12,00 €

Am besten beginnt man mit dem Nachwort, der »Verabschiedung von den Lesern«. Notari vergleicht sein winziges Abruzzendorf der Gegenwart mit dem der 1930er Jahre. Was ihm missfällt, ist das allgemeine Desinteresse an dem was seine Kindheit und Jugend ausgemacht hat: die Wälder voller Esskastanien, die kleinen Felder, die Gärten. Was fehlt, ist auch der Großteil der Menschen, die in die Städte abgewandert sind, insbesondere die Scharen von Kindern. Man kann diese Welt von früher auch mit weniger Freundlichkeit beschreiben als Notari es tut. In Cesare Paveses Erzählungen herrscht zum Beispiel immer Trübsal zwischen den Geschlechtern und am Schluss ist jemand vergewaltigt oder tot, mindestens aber todunglücklich.

Die Welt der 1930er Jahre war von tiefer Armut geprägt. Jagen und Sammeln waren noch von enormer Bedeutung, jede Maispflanze wurde hingebungsvoll gepflegt. Abgesehen von vier Jahren Grundschule war der Staat nahezu völlig abwesend. »Italien« war nicht mehr als eine vage Vorstellung, für die einige ältere Männer 1915-1918 an die Isonzo-Front verschleppt worden waren. Es war ein Leben ohne fließend Wasser, Strom, Radio, Zeitungen und Uhren. Der Staat, der nichts lieferte, konnte aber auch nichts erwarten. Die bürokratische Herrschaft war nicht nur physisch noch nicht angekommen, sondern hatte sich auch noch nicht in der Psyche festgesetzt. Selbst der Faschismus änderte daran erst einmal wenig. Der Mangel am blinden Gehorchen-Wollen zeigte sich an den Fronten, an denen italienische Soldaten eingesetzt wurden. Auf allen Seiten galten die gewöhnlichen italienischen Truppen als unzuverlässig, zur Freude der Alliierten und zum Verdruss der Deutschen. Dass die italienische Regierung 1943 versuchte, die Seiten zu wechseln, als die Dinge nicht mehr gut liefen, beantworteten die Deutschen umgehend mit der Übernahme der Kontrolle über das Land und mit dem Versuch, nunmehr ein Regime ganz nach deutschem Gusto zu installieren. Die Bevölkerung lernte Begriffe wie »Durchkämmungsaktion« zu fürchten.

Der Krieg überdehnte die ohnehin schwache ökonomische Kraft der mit Subsistenzwirtschaft funktionierenden Welt der Berge. Für die Dörfler, insbesondere 17jährige Jungen wie Notari, war nichts natürlicher, als sich den plötzlichen Zwängen entziehen zu wollen. Weglaufen, sich verstecken, schwindeln – Überlebensinstinkte und nicht das große politische Konzept brachten die große Mehrzahl der Menschen in Opposition zu den Deutschen. Nur in einer solchen Lage konnte Notari seinen ersten und wichtigsten Auftrag überleben, nämlich sich freiwillig zur faschistischen Miliz zu melden und dort für Desertion zu agitieren.

Diese, aus heutiger Sicht für geradezu idiotischen Leichtsinn sprechende Aufgabe für einen völlig unvorbereiteten Jugendlichen, überstand er mit traumwandlerischem Glück – andere nicht. Die Resistenza führte ihn Ende 1944 zur PCI (Partito Comunista Italiano) und verband ihn und viele andere zum ersten Mal mit einer nationenweiten und »städtischen« Bewegung. Danach gab es kein Zurück mehr in die Isolation der Vorkriegszeit. Die Jahrzehnte nach 1945 sahen ihn als Partei-Kader, Genossenschaftsgeschäftsführer, Kommunalpolitiker und Bürgermeister. Die Umwälzungen, die er aktiv mit erzeugte, waren zwar nicht so schmerzhaft wie der Krieg, bedeuteten aber eine im Grunde größere seelische Anstrengung. Wasserleitungen, Buslinien, Wasserkraftwerke und dann gar ein Tennisplatz entstanden durch sein Engagement. Auf breiter Front organisierte die kommunistische Partei in klassisch sozialdemokratischer Manier eine neue Welt und fand Masseneinfluss, der in der Reggio Emilia noch heute von Bedeutung ist. Autonomie und Ungehorsam aber, die die Resistenza erst ermöglicht hatten, wichen den Annehmlichkeiten und gleichzeitigen Zwängen von Arbeitslosenversicherung, Steuerwesen und Zeitdruck.

Vom Ort eines Massakers

geschrieben von Ernst Antoni

3. Juli 2015

Zeitzeugen-Beiträge, die das »Erinnern für die Zukunft« befördern

»Ich frage mich heute oft, ob wir den Toten von damals gerecht geworden sind. Ich fürchte nein. Wenn wir uns vergegenwärtigen, wie die Zahl der Rechtsradikalen von Jahr zu Jahr zunimmt und sie sogar in Parlamenten sitzen; wie es seit Jahren beinahe zur Tagesordnung gehört, dass Menschen überfallen werden, dass jüdische Friedhöfe geschändet werden, dass Asylbewerber gejagt werden oder ihnen das Haus über dem Kopf angezündet wird, dass Schwarze diskriminiert werden. Und wenn ich mir vor Augen führe, wie unser Staat immer mehr zu einem Überwachungsstaat wird, der uns Bürger unter Generalverdacht stellt, sie aushorcht und bespitzelt, der auf dem ‚rechten Auge blind‘ ist und stattdessen diejenigen verfolgt, die sich den Nazis entgegenstellen. Nein, das habe ich mir anders vorgestellt, als wir damals in Berlin waren, zwar befreit , aber konfrontiert mit dem Unvorstellbaren, das in den Konzentrationslagern geschehen ist. Wir haben uns ein anderes Deutschland erhofft.«

Friedbert Mühldorfer (Hg.), Gedenkfeiern gegen das Vergessen – Der KZ-Friedhof Surberg. Mit Gruß- und Geleitworten von Bürgermeister Josef Wimmer, Surberg, und Landrat Siegfried Walch, Traunstein, Liliom Verlag Waging am See, 160 S., 15 Euro

Friedbert Mühldorfer (Hg.), Gedenkfeiern gegen das Vergessen – Der KZ-Friedhof Surberg. Mit Gruß- und Geleitworten von Bürgermeister Josef Wimmer, Surberg, und Landrat Siegfried Walch, Traunstein, Liliom Verlag Waging am See, 160 S., 15 Euro

Diese Sätze hat die Münchner Journalistin Karin Friedrich, die dieses Jahr 90 Jahre alt geworden ist, im Mai 2007 in ihrer Gedenkansprache auf dem KZ-Friedhof im oberbayerischen Surberg gesagt. Als Jugendliche in Berlin war sie an den Aktivitäten einer Widerstandsgruppe aus dem Freundeskreis ihrer Mutter Ruth beteiligt, die NS-Verfolgte vor den Nazis versteckte und unterstützte.

Karin Friedrichs Sätze, aktuell wir vor acht Jahren, sind nachzulesen in dem Buch »Gedenkfeiern gegen das Vergessen – Der KZ-Friedhof in Surberg«, das Friedbert Mühldorfer zum 70. Jahrestag des an diesem Ort stattgefundenen SS-Massakers, das über 60 Häftlinge das Leben kostete, veröffentlicht hat. »Die Todesmärsche«, schreibt der Herausgeber einleitend, » – ein Begriff, den Häftlinge selbst geprägt haben – zeigten gerade auch in der Endphase nochmals den Kern nationalsozialistischer Ideologie und Politik: die rücksichtslose Ausbeutung angeblich minderwertiger und politisch missliebiger Menschen zur Sicherung der Vorrechte selbst definierter ‚Herrenmenschen‘. Dazu wurden zunächst durch Terror nach innen die politischen Gegner ausgeschaltet und durch Rassismus und Ausgrenzung eine deutsche ‚Volksgemeinschaft‘ beschworen. Mit Unterdrückung, Krieg, Ausplünderung der eroberten Länder und durch millionenfache Vernichtung von Juden, Sinti und Roma und Slawen sollte dieses Ziel der Vorherrschaft erreicht werden.«

Das Massaker an den KZ-Gefangenen im Surtal fand wenige Stunden vor dem Eintreffen der amerikanischen Befreier im Landkreis Traunstein, zu dem das Tal gehört, statt. Im Einleitungskapitel »Die Geschichte des KZ-Friedhofs Surberg« wird darauf und auf die Folgen eingegangen. Beginnend mit der feierlichen Beisetzung der Ermordeten im November 1945 wird das Entstehen einer Gedenkstätte in den folgenden Jahren geschildert. Noch 1947 geplant mit einer »aus Kupferblech getriebenen Friedenstaube als Symbol« bekommt sie schließlich 1952/53 unter Regie der »Bayerischen Verwaltung der Staatlichen Schlösser, Gärten und Seen« die Form einer »Kriegsgräberstätte« mit einem fünf Meter hohen Holzkreuz und zahlreichen kleinen Grabkreuzen. Die jüdische Herkunft eines großen Teils der Ermordeten wird ignoriert.

Danach setzen dann auch hier, so das Buch, »Jahrzehnte des Schweigens und der Verdrängung« ein . Unter der Überschrift »Würdige Gedenkfeiern seit 1985« wird dokumentiert, wie auf Betreiben der Anfang der 80er-Jahre im Landkreis wiedergegründeten VVN-BdA der Gedenkort dem Vergessen entrissen, die verwilderte Anlage renoviert wird. Und wie dann das seither jährlich stattfindende Gedenken zunehmend breiteres Interesse findet, wie sich etwa zum 50. Jahrestag des Massakers eine Bürgerinitiative gründet, die erreicht, dass ein Chanukka-Leuchter aus Bronze als Hinweis auf die jüdischen Opfer aufgestellt wird.

Die gewachsene Aufmerksamkeit, die der Veranstaltung zuteil wird, liegt aber vor allem daran, dass es der VVN-BdA Traunstein als Initiatorin und Hauptveranstalterin bis jetzt gelungen ist, jedes Jahr als Rednerinnen und Redner Überlebende der NS-Verfolgung und aus dem Widerstand zu gewinnen. Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus aller Welt, die schildern, was sie erlebt haben – und welche Folgerungen sie daraus für die Gegenwart ziehen.

Die Dokumentation dieser Beiträge macht den Hauptteil des Buches aus. Ansprachen ganz unterschiedlicher Art – aber jede für sich eine wertvolle Anregung zum Weiterdenken. In Surberg ergriffen im Lauf der vergangenen 30 Jahre das Wort: Salec Beldengruen, Marko Feingold, Karin Friedrich, Ernst Grube, Hugo Höllenreiner, Hermann Höllenreiner, Pavel Hajduk, Pavel Kohn, Zbigniew Kolakowski, Martin Löwenberg, Max Mannheimer, Kurt Messerschmidt, Carl Ostermayer, Anni Pröll, Karl Rom, Marie-Luise Schultze-Jahn. Von einigen mussten wir uns inzwischen leider für immer verabschieden, vor kurzem gerade erst von Hugo Höllenreiner.

So ist diese Dokumentation zu einer Gedenkveranstaltung auch selbst schon wieder eine Art Gedenkbuch. Und dank der dort zusammen getragenen Aussagen nicht allein dem Erinnern, sondern auch unserem weiteren Handeln zuträglich.

Dialog mit der Tochter

geschrieben von Janka Kluge

3. Juli 2015

Argumente und Gedanken von Tahar Ben Jelloun

Der in Paris lebende Autor und Journalist Tahar Ben Jelloun hat unlängst eine Reihe Artikel, die zuvor in verschiedenen Zeitungen erschienen waren, in Deutschland veröffentlicht. Jelloun gilt als der bekannteste und wichtigste Autor aus dem Maghreb. Seit vielen Jahren setzt er sich mit dem militanten Islam auseinander, schreibt gegen die Islamisten an und wirbt dafür, im Islam nicht die Religion des Verbrechens zu sehen. Zuletzt sind von ihm Jugendbücher über den Islam und die Entstehung von Rassismus erschienen, deren Themen er im Gespräch mit seiner Tochter erörterte. Die Bücher »Papa, was ist ein Fremder« und »Papa, was ist der Islam« sollten heute in jeder Schule Pflichtlektüre sein.

Tahar Ben Jelloun »Der Islam der uns Angst macht« Berlin Verlag 2015, 10.- Euro

Tahar Ben Jelloun »Der Islam der uns Angst macht« Berlin Verlag 2015, 10.- Euro

Die beiden haben ihren Dialog wieder aufgenommen. Jetzt gilt ihr Augenmerk Fragen wie der, ob der Islamismus im Islam zwangsläufig angelegt ist und es dafür keine Alternativen gibt, oder warum mehr als 1000 junge Menschen aus Frankreich in den Irak und nach Syrien gereist sind, um sich dort dem IS anzuschließen. Tahar Ben Jelloun sieht die Ursache in der Vernachlässigung der Jugendlichen in den Vorstädten. Er schreibt »Warum begeistert und fasziniert der Dschihadismus so viele junge Europäer, seien es Konvertierte oder Nachkommen muslimischer Einwanderer? Er füllt eine Lücke. Nach dem Fall der Sowjetunion, dem Niedergang der sozialistischen Systeme in der arabisch-muslimischen Welt, auch dem Scheitern der nationalen Bewegungen im Sinne Nassers, nach der iranischen Revolution, die behauptet, eine islamische Revolution sei möglich, ist der Dschihadismus als `Ideal´ und neue `Bestimmung´ der Muslime aufgetaucht. Deren Rolle darin besteht den Islam zu ehren, indem sie ihn überall verbreiten Aus dem Kontext gerissene Verse werden benutzt, um Kämpfer zu rekrutieren.« Die Lösungen, die Tahar Ben Jelloun in dem Gespräch mit seiner Tochter vorschlägt, umfassen vier Punkte. »Erstens, die Schulbücher zu überarbeiten und die Geschichte der drei monotheistischen Religionen objektiv zu erklären. Zugleich sollte die Lehre begleitet sein von einer konkreten Idee: den Kindern Toleranz und Ablehnung des Fanatismus beizubringen, die Mechanismen des Rassismus zu erklären.« Zweitens fordert er zu schauen, was in den französischen Gefängnissen passiert. Es hat sich heraus gestellt, dass viele spätere Dschihadisten und Salafisten in den Gefängnissen angeworben wurden. Drittens fordert er, genauer zu schauen, was in den Moscheen gepredigt wird. Imame und Prediger, die aus dem Ausland finanziert werden, sollen seiner Meinung nach in Frankreich keine Moscheen mehr leiten, oder dort predigen dürfen. Das hat natürlich zur Folge, dass der französische Staat mehr Imame ausbilden muss. Außerdem fordert er, dass endlich die Politik gegenüber den Ghettos und Vorstädten geändert werden muss, damit auch die Jugendlichen von dort die Möglichkeit haben, Teil der Gesellschaft zu sein. Für Tahar Ben Jelloun haben die islamischen Terroristen nicht nur dem gemäßigten, weltlichen Islam den Krieg erklärt, sondern den ganzen Westen. Nach den Anschlägen auf die Redaktion der Satirezeitung Charlie Hebdo schrieb er: »Der Angriff auf Charlie Hebdo war eine Kriegshandlung. Doch die ermordeten Journalisten waren keine Krieger. Sie waren Dichter, Spötter, Narren der Freiheit, Genies, die mit Farbstiften, kluger Vorstellungskraft und aufklärerischem Licht kämpfen. Es ist ein Krieg gegen das freie Schreiben, Zeichnen und Schaffen. Ein gesichtsloser Krieg gegen die Laizität, die Tradition der Satire, des Humors, der Verspottung, der harten fruchtbaren Kritik. Am liebsten hätten die Terroristen Voltaire, Montaigne und Rabelais ausgegraben und auf dem Scheiterhaufen verbrannt.« Obwohl Jelloun die Bombardierung der Stellung des IS im Irak und Syrien verteidigt, vergisst er nicht, dass es die Regierung der USA unter -Bush war, die die Region so destabliert hat, dass die Kämpfer des IS in das entstandene Vakuum vordringen konnten. Er fordert von den arabischen Staaten, dass sie sich verstärkt in dem Kampf eingliedern. Auch wenn einige dieser Thesen von Tahar Ben Jelloun auf Ablehnung stoßen sollten, ist es sinnvoll und wichtig, sich mit seinen Gedanken auseinanderzusetzen.

Todesmutige Aktionen

geschrieben von Axel Holz

3. Juli 2015

Mehr als 750 Menschen konnten aus Zügen nach Auschwitz fliehen

Warum ließen sich die Juden widerstandslos zur Schlachtbank führen? Hinter dieser Frage steckt selbst ein Stück Antisemitismus, in dem Juden nicht nur von Nazis gern als falsch, verschlagen und feige gekennzeichnet werden. Dass das tatsächliche Verhalten der verfolgten Juden in der NS-Zeit lange nicht an die Öffentlichkeit kam, hat auch etwas damit zu tun. Tatsächlich emigrierte die Hälfte der deutschen Juden, als die Nazis ihre Rassegesetze und rassistischen Verordnungen umsetzten. In anderen europäischen Ländern schafften das deutlich weniger Menschen, da ihnen weniger Zeit zur Flucht blieb. Tausende Juden kämpften in den Reihen der Alliierten gegen die Nazis, in Partisanenverbänden und im Widerstand, wie die jüdische Widerstandsgruppe in Berlin um Herbert Baum. Selbst in den Vernichtungslagern Auschwitz und Sobibór fanden Aufstände gegen die unendlich überlegenen Wacheinheiten statt.

Tanja von Fransecky, Flucht von Juden aus Deportationszügen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden, Metropol-Verlag, Berlin 2014, 398 Seiten

Tanja von Fransecky, Flucht von Juden aus Deportationszügen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden, Metropol-Verlag, Berlin 2014, 398 Seiten

Ein wenig bekanntes Kapitel des Widerstandes der Juden in Frankreich, Belgien und den Niederlande beschreibt die Sozialwissenschaftlerin Tanja von Fransecky vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin in ihrer nun veröffentlichen Promotion über »Flucht von Juden aus Deportationszügen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden«. Die Autorin arbeitet an der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und erhielt für ihre Arbeit 2013 den Herbert-Steiner-Förderpreis.

Die Autorin lernte schon vor Jahren den jüdischen Überlebenden Simon Gronowski kennen. Zusammen mit seiner Mutter war der Elfjährige 1943 aus dem 20. Deportationszug geflohen, der ihn vom Sammellager Mechelen in Belgien nach Auschwitz bringen sollte. Den Absprung vom Zug hatte er mit anderen Kindern in Mechelen geübt, indem sie im Lager von den dreistöckigen Hochbetten sprangen. Als ihr Deportationszug die deutsche Grenze erreichte, waren insgesamt 232 Gefangene aus dem Wagen geflohen.

Am 19. April 1943 hielten drei junge Männer den 20. Deportationszug kurzeitig auf und befreiten 17 Menschen. Ausgerüstet mit einer Pistole und einer roten Sturmleuchte stoppten die Widerstandskämpfer Youra Livschitz, Jean Franklemon und Robert Maistriau den Todeszug so lange, bis die überraschten Wachmannschaften das Feuer eröffneten. Andere Häftlinge hatten von dem Vorhaben gehört und Werkzeuge in den Waggons versteckt. So konnten weitere 200 Häftlinge auf der Fahrt fliehen. Die Flüchtigen wurden verfolgt, 26 Häftlinge erschossen und 87 erneut verhaftet. 119 Deportierten gelang es zu entkommen, nicht zuletzt durch die Hilfe der belgischen Bevölkerung. Immerhin 40 Prozent der 65.000 Juden, die sich beim Überfall der Nazis auf Belgien im Lande befanden, wurden in belgischen Familien, auf Bauernhöfen und in Klöstern versteckt. Zahlreiche der verfolgten Juden waren selbst vorher in jüdischen Organisationen aktiv oder fanden den Weg in den Widerstand. Schon nach dem zweiten Deportationszug nach Auschwitz meldeten sich die in Belgien lebenden Juden nicht mehr bei den Sammelstellen und versuchten unterzutauchen. Insgesamt konnte Tanja von Fransecky 577 Fluchten aus Deportationszügen in Belgien belegen, 155 in Frankreich und 29 in den Niederlanden.

Über solche Fluchten, die aus fast allen Todeszügen erfolgten, war bisher wenig bekannt. Dafür gibt es gute Gründe. Für die Häftlinge waren die Transporte mit 50 bis 80 Personen in einem Wagon, mit wenig Wasser und Nahrungsmitteln und ohne sanitäre Anlagen, mit Gestank, Krankheit und Tod so traumatisch, dass die Überlebenden die schreckliche Fahrt in ihren Erinnerungen oft verdrängten. Außerdem standen die Fluchtwilligen vor einem moralischen Dilemma. Die Nazis hatten den Häftlingen angedroht, alle Personen des Waggons zu erschießen, wenn einzelne Häftlinge fliehen sollten. Die Häftlinge wussten nicht, dass dies nur eine Drohung war. Sie standen unter dem Druck, andere Häftlinge oder gar Verwandte in den Todeszügen zurücklassen zu müssen. In den Waggons spielten sich tragische Szenen ab, als einzelne Häftlinge oder Gruppen mit den Fluchtvorbereitungen mit Hilfe von eingeschleusten Werkzeugen begannen. In den Waggons brach nicht selten Panik aus. Die Fluchtgegner und Waggonältesten mussten gelegentlich überwältigt werden. Zahlreiche Häftlinge wagten die Flucht nicht oder waren zu alt oder zu schwach dafür. Außerdem waren mit der Flucht zahlreiche Gefahren verbunden, da die Flüchtenden nicht selten beim Absprung verletzt oder getötet wurden und die Wachmannschaften oder bewaffnete Bahnposten die Flüchtenden verfolgten, erschossen oder zurückführten.

Tanja von Fransecky hat die situationsübergreifenden strukturellen Faktoren untersucht, die Fluchten ermöglichten oder behinderten. Sie hat damit ein bisher wenig bekanntes Kapitel der Judenverfolgung durch die Nazis in Europa offen gelegt, das die Aktionen zahlreicher verfolgter Juden beschreibt, die die Naziverfolgung nicht hinnahmen und mit ihrer Flucht selbst Widerstand leisteten.

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