Kriegsgeschäfte mit den Nazis

geschrieben von Axel Holz

30. August 2015

Die Schweiz und Portugal gehörten zu den großen Profiteuren

 

Portugal nahm als neutrales Land nicht am Zweiten Weltkrieg teil, verlängerte ihn aber durch Wirtschaftsgeschäfte mit Hilfe der Lissaboner und der Schweizer Nationalbank mit Nazi-Gold. Zu diesem Schluss kommt der Wirtschaftshistoriker und Journalist, Antonio Louca, in seinem bereits 2000 in Portugal erschienenem Buch. Vorausgegangen war dem Buch eine Resolution des amerikanischen Repräsentantenhauses vom 3. Januar 1996, das die vollständige Offenlegung der gesamten Kriegsvergangenheit gegen Nazi-Deutschland forderte. In der Folge erschienen zahlreiche Kommissionsberichte einzelner Länder, deren Banken in den Handel mit dem Raubgold der Nazis verwickelt waren. Nazideutschland war zu Kriegsbeginn faktisch pleite und finanzierte den kommenden Krieg weitgehend mit Raubgold. Von 930 Mio. Dollar Reichsbankgold waren zu Kriegsende 753 Mio. Dollar Raubgold. Das Raubgold der Nazis hatte dreifachen Ursprung: die Bestände der Nationalbanken der von den Nazis überfallenen Staaten, geraubte private Devisen- und Goldeinlagen und das Raub-Gold der Nazi-Opfer aus den Konzentrationslagern.

Antonio Louca, Nazigold für Portugal. Hitler & Salazar, Wien 2002

Antonio Louca, Nazigold für Portugal. Hitler & Salazar, Wien 2002

Während letzeres in den türkischen Wirtschaftskreislauf eingespeist wurde, wurden die riesigen geraubten Gold-Bestände der europäischen Nationalbanken als Zahlungsmittel der Nazis in Wirtschaftsgeschäfte mit sogenannten neutralen Staaten eingebracht, vor allem mit Portugal und der Schweiz. Die Nazis ließen dazu Raubgold umschmelzen und brachten es mit veränderter Prägung auf den Markt, etwa um die unausgeglichene Handelsbilanz mit Portugal zu bedienen, die Wehrmacht mit portugiesischen Sardinen zu versorgen und vor allem, um kriegswichtige Rohstoffe zu importieren, über die Deutschland nicht verfügte. Darunter war auch portugiesisches Wolfram, ein Metall mit hohem Schmelzpunkt, dessen Legierungen für die Panzerung von Militärfahrzeugen unerlässlich waren.

Das Geschäft der Nazis mit dem portugiesischen Diktator Salazar wurde über die Schweiz abgewickelt. Von Kriegsbeginn bis 1942 flossen 517 Millionen Schweizer Franken nach Deutschland. Später erfolgte die Bezahlung aus Angst vor einer Abwertung des Schweizer Franken mit Gold aus weitgehend belgischer Herkunft. Das Raub-Gold der Nazis wurde über Depots der Schweizer Nationalbank ab Bern mit Lastwagen über Südfrankreich und Nordspanien nach Portugal gebracht. Insgesamt nennt der Bericht, der zur Aufklärung des Handels mit Nazigold eingesetzten portugiesischen Kommission unter der Leitung des ehemaligen sozialistischen Regierungschefs, Mario Soares, Geschäfte im Umfang von 42 Tonnen Nazi-Gold. Doch der Geschäftsführer des Jüdischen Weltkongresses, Elan Steinberg, sprach 1999 von 110 Tonnen Nazigold, die nach Portugal flossen. Das war immerhin ein Kriegs-Geschäft Portugals im Wert von umgerechnet knapp einer Milliarde Euro. Portugal profitierte dabei beim Woframverkauf ähnlich wie Rumänien beim Erdölverkauf an Deutschland von überhöhten Preisen, die Nazi-Deutschland auf Grund fehlender Alternativen zahlen musste.

Auch der Handel der Schweiz mit Raubgold ist unübersehbar, denn der Wert des gehandelten Goldes erreicht fast das Dreifache des Wertes der Waren, die von Deutschland mit der Schweiz zwischen 1940 und 1944 mit anderen Gütern kompensiert wurden. Natürlich versuchten die Alliierten, die kriegswichtigen Wolframgeschäfte Portugals mit Deutschland lahmzulegen, zunächst mit Angeboten von Waffenlieferungen zu Dumpingpreisen, später mit einer Kampagne, um die deutschen Zahlungsmittel in Misskredit zu bringen. Schließlich attackierten die Alliierten Portugal mit einem Embargo der Wolframlieferungen und drohten schließlich Anfang 1943 und erneut 1944 mit der Beschlagnahme portugiesischer Vermögenswerte im Ausland. Doch Portugals Diktator Salazar ließ sich nicht beeindrucken, vertuschte die Nazigeschäfte und stellte sie erst ein, als mit dem Vormarsch der Alliierten nach der Eröffnung der zweiten Front der Weg für die Goldtransporte über Südfrankreich versperrt war. Zwei Motive leiteten Salazar dabei – Profite aus Kriegsgeschäften mit Nazi-Deutschland und der Antikommunismus, der beide faschistischen Regimes verband. Der Handel mit den deutschen Faschisten funktionierte auch in Kriegszeiten ausgezeichnet, die noch heute gern als Nationalsozialisten bezeichnet werden, indes aber kapitalistische Geschäfte reinsten Wassers betrieben. Selbst als Nazi-Deutschland 1943 größte wirtschaftliche Anstrengungen zur Kriegsproduktion unternehmen musste, wurde 40 Prozent dieser Produktion für internationale Waffengeschäfte eingesetzt. Das lohnt sich bis heute, ob mit oder ohne Krieg.

Einheitsfront und Partisanenkampf

geschrieben von Ulrich Schneider

30. August 2015

Die Rolle der Resistenza in der italienischen Geschichte

 

Ein zentrales historisches Narrativ der italienischen Gesellschaft ist der bewaffnete Widerstand in Mittel- und Norditalien gegen die deutsche Okkupation, die »Resistenza« von 1943 – 1945. Gerhard Feldbauer hat eine kurze Geschichte dieser Periode vorgelegt, die jedoch weit über den kurzen Zeitraum hinausreicht und die Voraussetzungen und Wirkungen ebenfalls beleuchtet.

Gerhard Feldbauer, Die Resistenza, Italien im II. Weltkrieg, Reihe Basiswissen, 126 S., PapyRossa Verlag, Köln 2014

Gerhard Feldbauer, Die Resistenza, Italien im II. Weltkrieg, Reihe Basiswissen, 126 S., PapyRossa Verlag, Köln 2014

In der gebotenen Kürze skizziert der Autor die Entstehung der faschistischen Herrschaft in Italien, die Übertragung der Macht an Benito Mussolini, den »Marsch auf Rom« der faschistischen »Schwarzhemden« und die Absprachen mit zentralen Kräften in Politik, Wirtschaft und Kirche. Die Reaktion der politischen Gegner und die Debatten innerhalb der Organisationen der Arbeiterbewegung auf die Etablierung des gewalttätigen Regimes werden ebenfalls nachgezeichnet.

Anders als später in Deutschland, kam es zur Formierung einer antifaschistischen Einheitsfront auch mit linksbürgerlichen Kräften, die sich zu einem »Antikriegskomitee« weiterentwickelte. Auf dieser Basis wurde im September 1943 selbst die neu gegründete Democrazia Cristiana (DC) in das Nationale Befreiungskomitee (CLN) integriert.

Zum antifaschistischen Widerstand in Italien vor dem Sommer 1943 gehörten auch Streikaktionen in den Rüstungsbetrieben, die sozialen und politischen Charakter besaßen. Vor dem Hintergrund der wachsenden Kriegsmüdigkeit und der sich ausweitenden antifaschistischen Bewegung, verbunden mit der militärischen Niederlage der italienischen Truppen in Nordafrika und der Landung der alliierten Truppen in Sizilien, kam es im Juli 1943 zum Sturz Mussolinis und zur Einsetzung der Regierung unter Marschall Pietro Badoglio. Diese nahm Kontakt zu den Alliierten auf und erklärte später dem faschistischen Deutschland den Krieg.

Als Reaktion darauf ließ das faschistische Deutschland Mussolini in einem Kommandounternehmen befreien, besetzen deutsche Truppen Nord- und Mittelitalien und errichteten – mit Mussolini als Marionette – eine »Republik von Salo«.

Aufgrund dieser Situation entstanden für die antifaschistischen Kräfte völlig neue Bedingungen. Der Charakter des Kampfes wechselte vom Widerstand gegen die eigene faschistische Herrschaft zu einer nationalen Befreiungsbewegung gegen eine fremde Okkupation. Im Aufruf zum 1. Oktober 1943 hieß es: »Heute gibt es für die Italiener nur noch eine Front: Gegen die Deutschen und die fünfte faschistische Kolonne.«

Zur Entwicklung des Widerstandes als Massenphänomen trug auch das brutale Vorgehen der deutschen Wehrmachts- und SS-Einheiten bei, die in den besetzten Gebieten zahlreiche Kriegsverbrechen und Massaker an Zivilisten und Partisanen begingen.

Feldbauer geht zwar auf einzelne militärische Aktionen der »Gruppi di Azione Patriottica« (GAP) ein, skizziert jedoch vorrangig die politischen Hauptlinien und wichtige strategische Optionen (»Wende von Salerno« und Gramscis »blocco storico«) für antifaschistisches Handeln. So erklärte die italienische KP »heute nicht für eine Diktatur des Proletariats zu kämpfen, sondern für eine progressive Demokratie«.

Zu den großen Ereignissen im nationalen Selbstverständnis gehört der Aufstand zur Befreiung Mailands und Norditaliens am 25. April 1944, bevor die alliierten Streitkräfte das Territorium Italiens erreichten. Die Partisaneneinheiten leisteten mit ihrer militärischen Offensive einen wichtigen Beitrag zum Sieg der Anti-Hitler-Koalition, der auch von den alliierten Kommandeuren anerkannt werden musste. Gleichzeitig hatten die Westalliierten keinerlei Interesse an einer sozialpolitischen Veränderung und betrachteten alle Bestrebungen einer volksdemokratischen Entwicklung als Bedrohung, so dass sie nach der Besetzung die sofortige Entwaffnung der Partisanen forderten.

In den Abschlusskapiteln wird Feldbauers kritische Einschätzung auch gegenüber der KP-Politik deutlich. Er spricht von einer »revolutionären Situation«, die jedoch nicht angemessen ausgenutzt worden sei, und kritisiert das »beschämende Schweigen« und weitere »Versäumnisse der IKP-Führung«.

Am Schluss dieses Überblickswerkes findet sich eine kurze Bilanz »Was erreicht wurde«. Hier nennt er das erfolgreiche Referendum für die republikanische Staatsform und den breite Konsens über eine antifaschistische Verfassung, die nicht nur grundlegende Freiheiten des Volkes fixiert, sondern auch weitergehende sozialpolitische Rechte (Recht auf Arbeit, angemessene Entlohnung etc.) enthält.

Feldbauer Überblickswerk ist ein wichtiger Beitrag gegen alle Versuche, die Resistenza »als wichtigste Wurzel der Italienischen Republik aus den Seiten der Geschichte zu löschen«.

Nicht den Gesetzen beugen

geschrieben von Gina Pietsch

30. August 2015

Mikis Theodorakis zum 90. Geburtstag

 

Am 29. Juli hatte er Geburtstag. Wir feierten damit 90 Jahre eines reichen, schweren, kämpferischen, widerständigen, widersprüchlichen Lebens. Unmöglich zu nennen all seine Aktivitäten in Politik und Kunst, in Freiheit und Gefangenschaft, geehrt und gefoltert, verbannt und in der Nähe seiner traditionsreichen Familie, als Politiker, als Dichter, als Komponist. Auffällig immer, schon durch Körpergröße, er ist 1,94. Und immer ist er unbequem, weil er, wie in seinem Lied, »sich nicht Gesetzen beugte«.

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Seine Kindheit ist geprägt durch viele Umzüge, bedingt durch häufigen Arbeitswechsel des Vaters als Jurist und Staatsbeamter. Geboren wird er auf der Insel Chios. Aber er versteht sich als Kreter, als ein Kreter mit musikalischer und höchst politischer Vorgeschichte. Da ist der eine Stammvater der erste und letzte kretische General, den die Türken am Beginn der Kämpfe gegen sie verhungern ließen. Und da ist der andere der Schöpfer des Hauptliedes der kretischen Revolution »Pote tha kani xasteria«. Eine verschworene Sippe sind sie – meist Hirten, Bauern, Lyraspieler, Angestellte und, wie Theodorakis sagt, Antikommunisten bis auf die Knochen, aber über zwei Jahrhunderte an vorderster Front Kämpfer gegen die wechselnden Besatzer, Türken, Albaner, Italiener, Deutsche, Engländer, Amerikaner – und die Junta des eigenen Landes. Und so wird denn auch verständlich, wieso Theodorakis auf die Frage eines seiner Peiniger auf der Verbannungsinsel Makronisos, wer er denn sei, dass er die Reueerklärung nicht unterschreibe, nicht antwortet Weil ich Kommunist bin, was er doch war zu dieser Zeit, sondern, Weil ich Kreter bin.

Die Jahre 60 bis 67 kommen. Eine gute Zeit, für Mikis die produktivste und glücklichste.

Er spricht vom »Frühling in Griechenland«. Und er wird Komponist in 30 Filmen. »Alexis Zorbas« macht ihn weltbekannt. Mit dem Dichter, und Maler Jakobos Kambanellis verbindet Mikis viel, Schmerzen auch, die Lager und Verbannung hinterlassen haben, das bei der Folter gebrochene Bein, das zerschlagene Auge, und die Krämpfe, die jede Erinnerung an die Verbannungsinsel Makronisos begleiten. Was Wunder, dass er für die »Mauthausen-Kantate« die Gedichte von Kambanellis nimmt, die dieser über seine Zeit als Häftling im KZ Mauthausen schrieb.

Der 22. Mai 1963. Der Armenarzt Grigoris Lambrakis, der an der Spitze der griechischen Friedensbewegung steht, wird ermordet, woraufhin sich auf Mikis Anregung Künstler, Wissenschaftler mit vielen Jugendlichen zusammenschließen zum Demokratischen Jugendverband »Lambrakides«. Sie werden die stärkste Organisation Griechenlands, machen sich an die Arbeit, pflanzen Bäume, helfen Schulen gründen, richten Kulturzentren ein. 1967 rollen die Panzer. Für sieben Jahre fällt das Land unter die Diktatur der Junta.

Theodorakis verfasst 2 Tage nach dem Putsch den ersten Aufruf zum Widerstand, gründet die »Patriotische Front« und schreibt »Rebellenlieder«. Es hagelt Verbote, von Büchern, von langen Haaren, kurzen Röcken, den Beatles, der Homosexualität, der Modernen Musik, den Russen, der Friedenbewegung, dem Buchstaben »Z«, der Leben bedeutet, und – den Liedern von Mikis Theodorakis.

Der 13. April 1970 – die internationale Solidarität verhilft ihm zur Flucht nach Paris. Der diese Flucht organisiert, tut es mit den Worten, der Komponist Mikis Theodorakis ist nun kein Kommunist mehr. Nicht das erste Mal und später immer wieder bringt ihn die Frage nach seiner Partei-Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit, seiner kritischen Sicht auf die oder seiner Solidarität mit der kommunistischen Partei zwischen die Fronten, für die Konservativen ein Erzkommunist, für die Kommunisten ein Abweichler.

Am Ende der Junta und dem Beginn der Zivilregierung unter Karamanlis im Juli 74 kann Theodorakis nach Athen zurückkehren. Der Empfang auf dem Flughafen wird ebenso triumphal wie die folgenden großen Konzerte mit seinen Werken. Der Erfolg seiner politischen Arbeit, als unabhängiger Bürgermeisterkandidat oder Staatsminister, reicht nicht heran an den als Komponist. Als dieser weltberühmt und in Griechenland unerreicht, wird er aber dennoch nicht von allen akzeptiert, aufgrund des ewigen Widerspruchs zwischen Massenerfolg und Innovation, des bewusst Unelitär-sein-Wollens.

Was seine Landsleute heute beschäftigt, sieht Mikis sehr früh. Schon 1990 kommt er zu der Einschätzung: »Die Lage ist schlimmer als unter der Diktatur. Gewiss, es gibt keine Folter, keine willkürlichen Verhaftungen, aber heute geht es um Leben und Tod für Griechenland. Sie haben die Kassen geleert, sie haben die Herzen gelehrt, sie haben die Hirne geleert.« Und entgegen seiner Pläne, sich nur noch mit Musik zu beschäftigen, engagiert er sich, bleibt unbequem.

Quellenschutz mit Folgen

geschrieben von Janka Kluge

30. August 2015

V-Leute des Staates als Brandbeschleuniger der Naziszene

 

Hajo Funke, emeritierter Politikprofessor aus Berlin gilt als einer der besten Kenner der Neonaziszene in Deutschland. Er trat als Gutachter vor mehreren NSU-Untersuchungsausschüssen auf und begleitete sie als Beobachter. Jetzt hat er mit dem Buch »Staatsaffäre NSU« eine Sammlung von Texten vorgelegt, die er zum Thema NSU im Internet veröffentlicht hat. Sein Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie weit die Sicherheitsbehörden Deutschlands ein Teil der Strukturen des NSU waren oder immer noch sind.

Hajo Funke, Staatsaffäre NSU, Kontur Verlag, Münster, 20,- Euro

Hajo Funke, Staatsaffäre NSU,
Kontur Verlag, Münster, 20,- Euro

Die Geheimdienste des Landes waren mit mindestens 20 V-Leuten im unmittelbaren Umfeld des NSU Trios aktiv. Sie informierten die Ämter, sowohl vor dem Abtauchen als auch danach, über die Aktivitäten der militanten Neonaziszene. Hajo Funke fasst die Strategie der Geheimdienste nach 1990 folgendermaßen zusammen: »Ihr Handlungsmuster sah überspitzt, aber sinngemäß wie folgt aus: Wir überbieten ideologisch und in den Aktionen die jeweilige Gruppe oder Szene und setzen strategisch V-Leute, Doppelagenten oder Agents Provocateurs an die Spitze der jeweiligen Bewegungsformation. So erreichen wir eine informelle Kontrolle und einen Einfluss, den wir zur Zersetzung, zur Vorbereitung von Verboten und – notwendigerweise – zur Radikalisierung nutzen. Wir vertreten einen absoluten `Quellenschutz´, so dass die Akteure, die wir beschatten, sich in ihren Aktionen frei fühlen und handeln können.« (S.138)

Hajo Funke geht in seinen Analysen nicht davon aus, dass die Geheimdienste aus politischer Nähe mit Neonazis zusammengearbeitet haben und es wohl noch immer tun. Sie haben sich vielmehr aus taktischem Kalkül so verhalten. Weil Neonazis fast jeden Tag schwere Straftaten bis hin zu Anschlägen und Morden begehen, sind die Ämter zwar informiert, wollen ihre Quellen aber schützen um nicht vom Informationsfluss abgeschnitten zu sein. Je mehr Verbrechen von Nazis begangen werden, desto dringender ist es für die Dienste, ihre Informanten zu schützen. Damit werden die Ämter zumindest zu Mitwissenden von Straftaten und ihre V-Leute zu »Brandbeschleunigern«. Diesen Begriff benutzte das Bundeskriminalamt 1997 in einer Stellungnahme zu der Spitzelpraxis der Geheimdienste. Hajo Funke schreibt dazu: »Das BKA wies besonders auf die Gefahr hin, dass die Leugnung der Zusammenarbeit von `Quellen´ mit dem Verfassungsschutz zur Schwächung des Geheimdienstes und der Polizei führte. Bei den V-Leuten entsteht der Eindruck, im Sinne ihrer Ideologie ungestraft unter dem Schutz des Verfassungsschutzes handeln zu können und die Exekutive nicht ernst nehmen zu müssen. Das BKA forderte, das in Fällen, in denen die `Quelle´ aus dem Ruder läuft, der VS die Strafverfolgung vor den Schutz der `Quelle´ stellen sollte. » (S, 248)

Außerdem belegt Hajo Funke, dass das Bundeskriminalamt bereits 2002 von der Existenz des NSU wusste. In der Anhörung vor dem Bundestagsuntersuchungsausschuss sagte ein führender Beamter des BKA, der für Neonazis zuständig ist, dass sie von Thomas Richter, Deckname Corelli, auf einen Gruß an den NSU in der Zeitschrift »Der weiße Wolf« aufmerksam gemacht worden waren. In der Zeitschrift stand: »Danke an den NSU. Die Spende hat geholfen. Der Kampf geht weiter.« 2003 informierte ein Informant das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg über eine Gruppe mit dem Namen NSU und nannte Namen von Beteiligten. Darunter auch den Namen Uwe Mundlos. Der Beamte, der die Informationen an das Amt weitergab, musste die entsprechenden Teile seines Berichts löschen. Immer wieder hat das Bundesamt das Bundeskriminalamt bei Ermittlungen behindert und getäuscht. Das ist keine bloße Schlamperei mehr.

Ein besseres Plädoyer für die Abschaffung der Geheimdienste in Deutschland gibt es im Moment nicht in Deutschland, auch wenn Hajo Funke in seinen Texten für eine Reform plädiert. »Wenn der Bundestag auch nur den Ansatz einer Wahrnehmung der Ursachen des Scheiterns der Sicherheitsbehörden hat und Konsequenzen aus dem Scheitern der Sicherheitsbehörden ziehen und eine Reform, die diesen Namen verdient, will, wäre das Mindeste eine Kontrolle einer außer Kontrolle und in der Mordserie gescheiterten Institution.« (S.368) Dieser Satz verdeutlicht nicht nur die Position von Hajo Funke, sondern auch eine der Schwächen der Texte. Sie sind mit heißer Feder geschrieben für die schnelle Veröffentlichung im Internet. Manchmal wäre es für die Buchausgabe gut gewesen, wenn sie noch einmal überarbeitet worden wären. Das gilt auch für die Struktur des Buches. Es ist nicht leserfreundlich, die aktuellsten Texte nach vorn zu stellen. Da die Texte unabhängig voneinander entstanden sind, ist es möglich, sie in einer anderen Reihenfolge zu lesen. Ich empfehle, zuerst den Teil II zu lesen und dann vorn mit Teil I weiterzumachen. Auslassen sollte man auf keinen Fall die zahlreichen Fußnoten. In ihnen erläutert und ergänzt Hajo Funke die Texte.

Ein wichtiges Buch für alle, die sich mit dem Komplex des NSU auseinandersetzen und seine Hintergründe verstehen wollen.

Taubenschlag der Reaktion

geschrieben von Ernst Antoni

30. August 2015

Wie die »Thule-Gesellschaft« ab 1918 den Aufstieg der Nazis beförderte

 

»Veröffentlichungen, die auf Effekthascherei bedacht sind und mit einem Rückgriff in das Irrationale die politische Rolle der Thule-Gesellschaft verklären, gibt es genug. Ganz im Gegensatz zu Literatur, die sich an nachweisbaren Quellen orientiert. Mit der vorliegenden Arbeit möchte der Verfasser dazu beitragen, diese Lücke zu schließen. Und es gibt noch einen weiteren Grund für die Veröffentlichung«, schreibt der Autor: »Die Thule-Gesellschaft ist mit einem dunklen Kapitel deutscher Geschichte eng verbunden, doch ihre Ideologie ist mit dem Dritten Reich nicht untergegangen. (…) ›Thule‹ wurde zu einer Art Schlüsselwort im Kommunikationssystem der extremen Rechten.«

Hermann Gilbhard, Die Thule-Gesellschaft. Vom okkulten Mummenschanz zum Hakenkreuz, Verlag Clemens Kiessling München, 234 S., 28 Euro

Hermann Gilbhard, Die Thule-Gesellschaft. Vom okkulten Mummenschanz zum Hakenkreuz, Verlag Clemens Kiessling München, 234 S., 28 Euro

Hermann Gilbhard, Politologe und viele Jahre für den Bayerischen Rundfunk journalistisch mit wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Themen befasst, hat zur Eröffnung des neuen NS-Dokumentationszentrum in München eine von ihm vor längerer Zeit veröffentlichte Studie über die aus dem völkisch-antisemitischen »Germanenorden« hervorgegangene Gruppierung überarbeitet und aktualisiert: »Die Thule-Gesellschaft. Vom okkulten Mummenschanz zum Hakenkreuz«.

Ein einführender Exkurs durch völkische und völkisch-esoterische Ideologie- und Organisationslandschaften des 19. Jahrhunderts bis in den Ersten Weltkrieg hinein führt uns zur Münchner Loge jenes »Germanenordens«, die im August 1918 im Nobelhotel »Vier Jahreszeiten« trotz des Kriegs-elends ihre »Weihe« mit einer »prächtigen Festtafel« begehen kann. Am Finanziellen wird es auch in Folge dem »Thule«-Gründer Rudolf von Sebottendorf nicht mangeln.

1875 in Hoyerdswerda als Rudolf Glauer geboren, fährt dieser nach einer abgebrochenen Ingenieursausbildung zur See, landet schließlich in der Türkei und befasst sich dort mit Okkultismus und Astrologie. 1913 zurück in Deutschland, nach eigener Angabe inzwischen von einem Baron von Sebottendorf adoptiert, wird er im »Germanenorden« aktiv. Dessen Münchner Ableger, fürderhin »Thule-Gesellschaft« genannt, richtet im »Vier Jahreszeiten« ein Büro ein und unterhält dort eine eigene Redaktion. Der Titel der Zeitung, die antisemitische Texte, Hetze gegen die Republik und Veranstaltungsankündigungen der Gesellschaft verbreitet: »Münchener Beobachter«. 1920 wird die NSDAP das Blatt kaufen und ihm den Titel »Völkischer Beobachter« geben.

Von Anfang an spielt bei den Auftritten der Thule-Gesellschaft das Hakenkreuz-Symbol eine Rolle. Von anderen völkisch-nationalistischen Gruppierungen dieser Zeit unterscheidet sie sich jedoch vor allem durch ihre beachtlichen finanziellen Mittel und den Zuspruch, den sie in gehobeneren Kreisen der bayerischen Gesellschaft findet. Nachdem am 8. November 1918 Kurt Eisner als Revolutionsergebnis den »Freistaat Bayern« proklamiert hatte, formiert sich ein »Kampfbund Thule« als Militärorganisation der Gesellschaft.

Hermann Gilbhard zitiert eine Rede Sebottendorfs, die dieser bei einer gemeinsamen Versammlung von Thule-Gesellschaft und Germanenordnen am 9. November 1918 hält: »Wir erlebten gestern den Zusammenbruch all dessen, was uns lieb und wert war. An Stelle unseres blutsverwandten Fürsten herrscht unser Todfeind: Juda. Die gestrige Revolution, gemacht von Niederrassigen, um den Germanen zu verderben, ist der Beginn der Läuterung. Es geht jetzt Auge um Auge, Zahn um Zahn! Jetzt heißt es kämpfen, bis das Hakenkreuz siegreich aufsteigt!«

Die Thule-Räume im Nobelhotel werden, so Gilbhard, zum »Taubenschlag«, zum »Zentrum der gegenrevolutionären Kräfte Münchens«. Über dieses Zentrum laufen zu weiten Teilen Gründungen und Koordination von Freikorps wie »Epp« und »Oberland«, letzteres unmittelbar von Sebottendorf mitbegründet. Im Umfeld der Thule-Gesellschaft finden sich 1919 fast alle nationalistischen Gruppen, auch der Alldeutsche Verband. Und die Deutsche Arbeiterpartei (DAP) ist dabei, die sich dann in NSDAP umbenennt. Spätere NS-Größen wie Hans Frank, Rudolf Heß und Alfred Rosenberg sind Thule-Aktivisten.

Dennoch: Diese Thule-Gesellschaft hatte ihre Hoch-Zeit in dieser Zeit von Revolution und Konterrevolution, über ihr völkisch-antisemitisches Modell ließ sich das Konstrukt einer »jüdisch-bolschewistischen« Verschwörung instrumentalisieren. Halbseidene Pseudo-Barone wie Glauser-Sebottendorf können mit mythisch-okkultistischen Einsprengseln und passender Rhetorik durchaus hilfreich sein. Danach kann es dann wieder »rationaler« weitergehen. Die NSDAP bedurfte seiner auf dem Weg zur Macht und vor allem nach deren Übergabe an Hitler nicht in besonderem Maße.

Sebottendorf war eine Karriere im NS-Regime versagt, enttäuscht zog er wieder in die Türkei. Für die »Endlösung der Judenfrage«, für weitere Programme zur Vernichtung »lebensunwerten Lebens« und mörderischen Antikommunismus und Antisozialismus kamen kompetentere Kräfte mit noch wesentlich besserer wirtschaftlicher Ausstattung zum Einsatz.

Was nicht bedeuten soll – und davon zeugen viele Beispiele nicht nur in neofaschistischen Spektren – dass wir heute braune Germanen-Nostalgien, Thule-Konstrukte und esoterische Inszenierungen unbeachtet lassen könnten.

Menschenversuche im Elsass

geschrieben von Janka Kluge

30. August 2015

Die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof

 

1941 gründeten die Nazis in dem Ski- und Naherholungsgebiet Natzweiler in der Nähe Straßburgs ein Konzentrationslager. Es war das einzige Konzentrationslager im besetzten Frankreich, das in die Struktur der KZs eingebunden war. Daneben gab es in Frankreich, wie in allen von den Nazis besetzten Ländern, Lager, in denen oft noch viel schlimmere und grausamere Bedingungen herrschten.

Der Ort wurde ausgewählt, weil ein Geologe und SS-Standartenführer in einem nahegelegenen Steinbruch Granit entdeckt hatte. Der Stein wurde für die Errichtung staatlicher Gebäude in Berlin, Nürnberg und Linz dringend benötigt.

Die ersten Häftlinge erreichten das Tal im Elsass am 21. Mai 1941. Sie kamen aus dem KZ Buchenwald. In Natzweiler wurden viele politische Häftlinge aus Frankreich, Holland, Belgien und Luxemburg inhaftiert. Sie wurden unter der Bezeichnung »Nacht und Nebel« (N und N) in das KZ gebracht. Der Gestapo und der SS war es zu unsicher, die in ihren Heimatländern oft angesehenen Männer, in den jeweiligen Ländern zu inhaftieren und hinzurichten. Seit zehn Jahren befindet sich in der Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen KZ eine Ausstellung, die besonders an diese europäische Widerstandskämpfer erinnert.

Obwohl viele politische Häftlinge in Natzweiler inhaftiert waren, wurden die Funktionen im Lager lange von kriminellen Häftlingen ausgeübt. Entsprechend schwer war es, im Lager Widerstandsstrukturen aufzubauen. Traurige Bedeutung hat Natzweiler auch durch die dort verübten Menschenversuche erlangt. Ärzte der Universität Straßburg nutzten das KZ, um dort barbarische Experimente an Häftlingen durchzuführen.

In unmittelbarer Nähe des KZ befindet sich das ehemalige Hotel Struthof mit einigen Nebengebäuden. In einem von ihnen wurde 1943 eine Gaskammer eingerichtet. Hier wurden u.a. Häftlinge umgebracht, die der SS-Arzt August Hirt von der Universität Straßburg aus Auschwitz angefordert hatte. Er wollte eine anatomische Sammlung »einer neuen Rasse« anlegen. Dafür arbeitete er eng mit der »Studiengesellschaft für Geistesurgeschichte« aus dem 1935 gegründeten Ahnenerbe zusammen. Anfang August 1943 kamen in Natzweiler 57 Männer und 30 Frauen aus Auschwitz Birkenau an. Sie wurden in den Tagen zwischen dem 11. und 19. August vergast. Ihre Leichen wurden sofort danach ins anatomische Institut der Universität Straßburg gebracht. Im KZ Natzweiler sind weder die Aufnahme der Häftlinge noch die Morde registriert worden. Erst seit 2003 sind die Namen der Opfer bekannt. Vor wenigen Wochen wurden im Keller des anatomischen Instituts noch Überreste von ermordeten Häftlingen gefunden.

Ein anderer »Wissenschaftler«, der die Gaskammer nutzte war der Virologe Otto Bickenbach. Er forschte über das Giftgas Phosgen. Obwohl er bereits vor dem Zweiten Weltkrieg ein Gegenmittel entdeckt hatte führte er weiter Menschenexperimente durch. Ein Überlebender berichtete später »Nach ungefähr 10 Minuten hörte ich einen dumpfen Knall, so als würde jemand in die Hände klatschen. Es waren die Lungen zweier Häftlinge, die um den Verteiler laufen mussten. Sie waren `geplatzt´, und aus ihrem Mund, aus ihren Ohren und ihren Nasen rann brauner Schleim«.

Ein weiterer Arzt, der an Häftlingen in Natzweiler medizinische Experimente durchführte war der Bakteriologe Eugen Haagen. Er unternahm 1943 und 1944 zwei Versuchsreihen, bei denen er Häftlinge mit einem Typhusvirus infizierte. Die hygienischen Bedingungen im Krankenblock waren so schlimm, dass sich 1944 im ganzen Lager eine Typhusepidemie ausbreitete.

Zu den Besonderheiten von Natzweiler gehörte, dass das KZ für mehr als 60 Außenlager in Süddeutschland zuständig war. Selbst nach der Evakuierung im November 1944 wurde die Verwaltung der Außenlager aufrecht gehalten. Ihr Sitz wurde in einen kleinen Gasthof in Guttenbach verlegt. Obwohl Ende 1944 das KZ Natzweiler befreit wurde, endete der Leidensweg vieler Häftlinge erst im April / Mai 1945.

Neben französischen Besuchern trifft man heute auch deutsche Gruppen in der Gedenkstätte, die täglich geöffnet ist. Die Internetseite www.struthof.fr ist ebenfalls in deutscher Sprache abrufbar.

Titelbild

15. Juli 2015

 20. Juni, Demonstration in Berlin. Foto: W. Girod

20. Juni, Demonstration in Berlin. Foto: W. Girod

Edtitorial

geschrieben von Regina Girod

15. Juli 2015

Diese Ausgabe der antifa steht ganz im Zeichen des 70. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus. Für Antifaschistinnen und Antifaschisten waren die letzen Wochen geprägt von intensiver Arbeit, die gekrönt wurde von vielen schönen Erfolgen. Überall im Land haben Kundgebungen und Feste stattgefunden, wurde der Opfer des Faschismus und der Befreier gedacht. Oft waren offizielle Vertreter der Städte und Gemeinden in die Feiern eingebunden, manchmal haben sich auch neue Bündnisse dafür gefunden. Vielerorts wurde die Erinnerung an die Ereignisse vor 70 Jahren verbunden mit heute brennenden Problemen, wie wachsendem Rassismus, Flüchtlingselend und den Bedrohungen durch die extreme Rechte. Erinnern und Gedenken heißt ja nichts anderes, als historische Erfahrungen für die Gegenwart nutzbar zu machen.

Um den Lesern möglichst viele Eindrücke und Erfahrungen der Befreiungstage vermitteln zu können, haben wir diese Nummer um 8 Sonderseiten zum Thema 8. Mai erweitert. Dennoch konnten wir nur einen Teil der Fotos und Berichte übernehmen, die wir dafür erhalten hatten. Wir hoffen, dass das Lesen und Betrachten den Lesern ebenso viel Freude macht, wie der Redaktion die Auswahl und Gestaltung.

Da das 70. Jahr der Befreiung überall in Europa begangen wurde, widmet sich diese antifa auch verstärkt internationalen Themen. Besonders gefreut haben wir uns über den Bericht von Lena Sarah Carlebach über den »Zug der 1000«, der am 8. Mai 1000 junge Menschen aus Europa zum Gedenken in Auschwitz zusammenführte. Er findet sich in unserem » Spezial« auf den Seiten 13 – 15. Dazu Berichte und Kommentare aus Mailand, Minsk und Moskau sowie aus Spanien, Österreich, und Portugal.

Doch wie lässt sich der Schwung der letzten Wochen langfristig nutzen für die Arbeit der VVN-BdA? Der Bundesausschuss hat sich Ende Juni mit dieser Frage beschäftigt und beschlossen, im Frühjahr 2016 einen außerordentlichen Bundeskongress »Erinnerungsarbeit und Geschichtspolitik« einzuberufen. Denn auch nach mehr als 70 Jahren muss die Arbeit weitergehen.

Europa. Anders. Machen.

geschrieben von Cornelia Kerth

11. Juli 2015

demokratisch – solidarisch – grenzenlos

100.000 Menschen sind in diesem Jahr schon über das Mittelmeer nach Europa geflüchtet. Jeweils knapp die Hälfte von ihnen ist in Griechenland und Italien gestrandet.

Allein auf der nahe der türkischen Küste gelegenen Insel Lesbos sind im Mai 7.200 Menschen, meist aus Syrien oder Afghanistan, angekommen. 1.800 sind »offiziell« bei der Überfahrt ertrunken. Tatsächlich dürften es wesentlich mehr sein, weil nicht alle Toten erfasst oder gefunden werden.

Wer es schafft anzukommen, haust in Griechenland wie in Italien zunächst auf der Straße und ist auf sich allein gestellt. 80.000 Flüchtlinge sind im italienischen Süden in völlig überfüllten Camps registriert. Auf den griechischen Inseln meckern Touristen und stellen künftige Einnahmen aus diesem wichtigen Wirtschaftszweig infrage.

Die Diskussion der europäischen Innenminister über die dringend notwendige Quotenregelung für die Aufnahme der Menschen in anderen Ländern ist angesichts der dramatischen Verhältnisse nur zynisch zu nennen: de Maizière fordert, dass nur Flüchtlinge weiterreisen sollen, die eine »dauerhafte Bleibeperspektive« haben und die genannte Zahl von 40.000 Menschen, die pro Jahr auf ganz Europa umverteilt werden sollen, ist von der der Bereitschaft der Mitgliedstaaten sie aufzunehmen fast so weit entfernt wie von der realen Notwendigkeit.

Es liegt auf der Hand: Die europäische Politik, den Rest der Welt auch im sechsten Jahrzehnt nach dem offiziellen Ende des Kolonialismus als gigantische Plantage für europäische Nahrungs- und Genussmittel, als Rohstofflieferant, billige »verlängerte Werkbank« und Markt für Resteverwertung zu betrachten und dabei so zu tun als habe man mit den sozialen Katastrophen, die diese Politik verursacht, nichts zu tun, ist an eine objektive Grenze gekommen. Das Elend, das durch Landnahme, Versteppung, Umweltkatastrophen und Klimawandel, durch Erpressung zum »Freihandel« durch Weltbank, IWF und »Entwicklungszusammenarbeit« sowie durch Vetternwirtschaft der befreundeten Despoten geschaffen wird – ganz zu schweigen von den Kriegen, mit denen die »abendländischen Werte« im letzten Winkel der Welt durchgesetzt werden sollen und zu deren angeblichem Gedeihen auch Koalitionen mit den finstersten Mächten geschlossen werden – bleibt nicht mehr weit weg.

Die Verheerung der Welt ist für viele Menschen nicht mehr zu ertragen. Und was liegt näher, als der Verheißung von »Freedom and Democracy« und der Spur der Ernten, Rohstoffe und billig produzierten Konsumgüter dorthin zu folgen, wo sie genossen werden? Die Militarisierung der Abschottungspolitik, die mit der Zerstörung von »Schleuser-Booten« (durch Drohnen!) in eine neue Phase treten soll, ist so unmenschlich wie sie erfolglos sein wird.

Zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni hatte sich nun ein breites Bündnis von Initiativen und Organisationen unter Beteiligung von Aktivisten der in den letzten Jahren entstandenen Selbstorganisationen Geflüchteter zusammengetan, um die Forderung nach einer grundsätzlich anderen Politik mit einer Demonstration und anschließendem Konzert ins Berliner Regierungsviertel zu tragen. Dazu passte, dass am gleichen Tag die Griechenland-Solidaritätswoche des Weltsozialforums startete, steht doch die deutsch dominierte europäische Politik auch in Griechenland für die Verheerung der sozialen Verhältnisse im Dienste der Kapitalverwertung. So fanden gleichzeitig in Rom, London, Brüssel und anderen Städten Europas ähnliche Demonstrationen statt.

10.000 Demonstrantinnen kamen am Nachmittag am Brandenburger Tor in Berlin an. Trotz teilweise strömenden Regens bunt, laut und kämpferisch, darunter auch Kameradinnen der VVN-BdA. Große Blöcke bildeten attac, Die Linke und streikende Berliner Schülerinnen und Schüler. Gut sichtbar waren etliche Flüchtlinge, streikende Charité-Mitarbeiter und die Griechenland-Solidarität. Dass wir nicht viel mehr geworden sind, ist der leider sträflich vernachlässigten Mobilisierung geschuldet.

Es bleibt zu hoffen, dass diese Zusammenführung verschiedener sozialer Bewegungen mit dem gemeinsamen Ziel »Europa. Anders. Machen. demokratisch – solidarisch – grenzenlos« weiter getrieben wird. Antifaschistinnen und Antifaschisten haben jeden Grund, dabei zu sein. Wenn es uns nicht gelingt, Alternativen zur herrschenden Politik der sozialen Spaltung und rassistischen Ausgrenzung aufzuzeigen und perspektivisch durchzusetzen, wird die Rechtsentwicklung in ganz Europa extrem gefährlich. Und wir haben jeden Grund, auch die Frage der neuen Militarisierung der deutschen und europäischen Politik mit in dieses Bündnis hinein zu tragen.

Solidarität ist erwünscht

geschrieben von E.A.

11. Juli 2015

»Gemeinsame Erklärung« mit Unterschriftsmöglichkeit im Netz

Vier Bundestagsabgeordnete aus Bayern und elf Abgeordnete des Bayerischen Landtages gehören zu den über 40 Erstunterzeichnern der Gemeinsamen Erklärung »Für eine offene, demokratische Gesellschaft! Gegen die Diffamierung der VVN-BdA!« (siehe das Interview mit Florian Ritter gegenüber auf Seite 5). Unter ihnen auch Ulrike Gote aus Bayreuth vom Bündnis 90/Die Grünen, Vizepräsidentin des Bayerischen Landtags.

Max Mannheimer, der 95jährige Präsident der Lagergemeinschaft Dachau und Vizepräsident des Comité International de Dachau, hat die »Gemeinsame Erklärung« unterzeichnet, ebenso Erich Schneeberger, der Vorsitzende des bayerischen Verbandes der Sinti und Roma, der Schauspieler Josef Bierbichler, der Liedermacher Konstantin Wecker und der Krimi- und Drehbuchautor Peter Probst von der »Münchner Lichterkette«. Unterschrieben haben auch Ulrich Chaussy, Buchautor und Journalist, und Werner Dietrich, Rechtsanwalt – beide seit Jahrzehnten öffentlich aktiv bei der Aufklärung der Hintergründe des neofaschistischen Bombenattentates auf das Münchner Oktoberfest. Auf der Liste der Erstunterzeichner/innen finden sich zahlreiche weitere Menschen aus Ober- und Niederbayern, Schwaben und Franken, die aktiv sind in regionalen und überregionalen Initiativen gegen Rassismus und Neofaschismus, aus gewerkschaftlichen, kirchlichen und anderen zivilgesellschaftlichen Bereichen.

Konzentrierte sich das Sammeln von Unterschriften bis zur öffentlichen Vorstellung der Erklärung Ende Juni noch auf den Freistaat Bayern, kann und soll sie nun bis November 2015 auch darüber hinaus von allen, die ihre Solidarität bekunden wollen, unter der angegebenen Internetadresse online unterzeichnet werden. Dort ist auch nachzulesen, wie sich die Resonanz weiter entwickelt.

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