Ein Workshop in Minsk

geschrieben von Philipp Dinckelaker

3. Juli 2015

Wissenschaftlicher Austausch über »Besatzung-Zwangsarbeit-Vernichtung«

Seit 1994 finden sich fortgeschrittene Studierende, Promovierende und andere Wissenschaftstreibende regelmäßig zum Workshop zur Geschichte und Gedächtnisgeschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager zusammen, um an der Schnittstelle zwischen Wissenschafts- und Gedenkstättenpraxis neue wissenschaftliche Ansätze und aktuelle Forschungen aus verschiedenen Fachrichtungen zu diskutieren. Der Workshop wird von den Teilnehmenden selbst organisiert und hat den Charakter einer Forschungswerkstatt, in der sich Wissenschaftstreibende und Gedenkstättenmitarbeiterinnen in kollegialer und kooperativer Atmosphäre fächerübergreifend austauschen. Dazu stellen etwa ein Dutzend Teilnehmende ihre Forschungsarbeiten zur Debatte. Des Weiteren werden eine oder mehrere Gedenkstätten besucht, um mit den dortigen Mitarbeitern deren pädagogisch-wissenschaftliche Ansätze zu diskutieren.

Der diesjährige 20. Workshop trug den Titel Besatzung – Zwangsarbeit – Vernichtung. Ausgehend von der Geschichte der nationalsozialistischen Besatzungsherrschaft sollten die Hintergründe und Folgen dieser Politik für die deutsch besetzten Länder diskutiert sowie ein transnationaler Wissenstransfer angeregt werden. Anlässlich des 70. Jahrestages des Endes der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft fand der Workshop in Minsk, Belarus, und damit in einem Land statt, welches von den Folgen der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik besonders betroffen war.

Der Berliner Verein Kontakte-Kontakty e.V. und das Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin unterstützten das aus den Teilnehmenden des letztjährigen Workshops gewählte Organisationsteam wissenschaftlich und logistisch. In Minsk kooperierte der Workshop mit der halbstaatlichen Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte »Johannes Rau« (IBB) sowie der regierungsunabhängigen Geschichtswerkstatt Minsk, einem Ausstellungs- und Begegnungszentrum zur Geschichte der Shoah in Belarus auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos.

Das Ziel, neue Forschungsansätze zu diskutieren und einen internationalen wissenschaftlichen Transfer anzuregen, erreichte der Workshop erfolgreich. Unter den Teilnehmenden aus Belarus, Holland, Deutschland, Russland, Frankreich und Österreich entstand eine intime Atmosphäre. Diskussionen und fachlicher Austausch wurden während der Pausen und Mahlzeiten und oft bis in die frühen Morgenstunden bei erstklassigem belarussischem Wodka fortgesetzt. Man beleuchtete Dimensionen und neue Aspekte von genozidaler deutscher Kriegführung gegen die sowjetische Zivilbevölkerung und von Zwangsarbeit in den besetzten Territorien sowie im »Altreich«. Die in »West« und »Ost« unterschiedlichen Ansätze prallten in fruchtbarer Diskussion aufeinander und wurden gemeinsam neu gedacht. Man stellte fest, dass der Lagerbegriff der klassischen (deutschen), sich häufig kritisch verstehenden KZ-Forschung mit der osteuropäischen Terminologie und Opferperspektive inkongruent ist. So werden in westeuropäischen und deutschen Forschungen »camps« wie Osaritschi – von der Wehrmacht eingerichtete »Sterbelager« zum Zweck, den Vormarsch der Roten Armee zu verzögern – etwas stiefmütterlich unter »Rückzugsverbrechen« subsumiert. Die deutsche Öffentlichkeit nahm und nimmt von diesen Lagern keine Notiz, während sie in Osteuropa gedenkpolitisch und wissenschaftlich unter der Bezeichnung KZ firmieren und große erinnerungskulturelle Bedeutung haben. Die Brisanz liegt hier nicht in terminologischen Spitzfindigkeiten, sondern in den (erkenntnis)theoretischen sowie gedenk- und entschädigungspolitischen Konsequenzen.

Die Exkursionen zu den Gedenkstätten Khatyn, Ghetto Minsk, Maly Trostenez und Blagowtschina (Mordstätte in Waldstück nahe Maly Trostenez) waren in historischer und gedenkpolitischer Hinsicht interessant. Es war dem Organisationsteam gelungen, zur in Entstehung begriffenen Gedenkstätte Maly Trostenez die staatlich beauftragte Chef-Architektin und auch Gallina Lewin, die Tochter des belarussisch-jüdischen Gedenkstätten-Architekten Leonid Lewin für ein Gespräch zu gewinnen. So entsteht am Ort des ehemaligen KZ Maly Trostenez eine zentrale nationale Gedenkstätte mit staatlichen Geldern. Die Blagowtschina allerdings – ein Tatort der Shoah an dem die Deutschen mehrere zehntausend Jüdinnen und Juden töteten – ist aber nur auf Druck »von unten« in dieses Konzept einzubinden. Die laufenden gedenkpolitischen Auseinandersetzungen, der problematische Umgang mit der Shoah und die politischen Gepflogenheiten einer postsowjetisch-prowestlichen-staatskapitalistischen Diktatur waren an diesen und anderen Stellen eindrücklich wahrnehmbar.

Ob sich eine Begegnung mit NS-Verfolgten auch auf dem kommenden Workshop wird organisieren lassen? Es bleibt zu hoffen, denn nächstes Jahr findet der 21. Workshop unter der Ägide eines neuen Organisationsteams in Frankreich zum Themenschwerpunkt Kollaboration statt.

Die längste Diktatur Europas

geschrieben von Gerald Netzl

3. Juli 2015

In Lissabon wurde das Aljube-Museum eröffnet

»Grândola, Vila Morena« – den stampfenden Rhythmus dieses Liedes, das das Zeichen für den Aufstand gegen die Diktatur in Portugal gab, haben viele von uns noch im Ohr. Nun wurde am 25. April 2015 im Zentrum Lissabons das städtische Museum über »Widerstand und Freiheit« eröffnet (Museu do Aljube – Resistência e Liberdade; Aljube bedeutet im Arabischen »Gefängnis«). 37 Jahre lang, von 1929 bis 1965, wurden dort tausende Gegner des autoritären Salazar-Regimes, Linke, Demokraten, Antifaschisten, von der berüchtigten Geheimpolizei PIDE verhört, gefoltert und inhaftiert. Im Jahr 2009 wurde das Gebäude des ehemaligen Geheimdienstgefängnisses vom damaligen sozialistischen Justizminister Antonio Costa an die Stadt Lissabon übergeben, um dort einen Erinnerungsort für den antifaschistischen Widerstand zu schaffen.

Aus der Ausstellung

Aus der Ausstellung

48 Jahre lang war Portugal eine Diktatur, Antonio Salazar nahm Anleihen beim italienischen Faschismus. Die Ausstellung beginnt mit der Geschichte des Landes von 1890 bis 1976. Der Schwerpunkt liegt auf dem Kampf progressiver und reaktionärer Kräfte um die Macht im Staat, den Letztere 1926 für sich entschieden. Sie endet aber nicht mit dem 25. April 1974, der Nelkenrevolution, sondern beleuchtet auch die Kämpfe in der Gegenwart für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit, gegen Ausbeutung und Diskriminierung. Der Besucher wird über die Ideologie des Salazar-Regimes informiert: Im Bunde mit den konservativen Reichen und der gehätschelten Armee schuf der Bauernsohn Salazar mitten im 20. Jahrhundert ein Stück machiavellistischer Vergangenheit, mit einem einfachen, holzschnittartigen Weltbild von Gott und Vaterland, Familie, Arbeit und Autorität.

Im zweiten Stock werden Methoden individuellen und kollektiven Widerstands, öffentlicher wie Untergrundaktivitäten sowie die Funktionsweise des Unterdrückungsapparates gezeigt. Gängigste Methode zur Erzwingung von Geständnissen war die »Schlaf-Folter«, bei der die Häftlinge gewaltsam am Schlafen gehindert wurden. Rekord: 16 Tage und Nächte ununterbrochenen Gewecktwerdens. Drei ehemalige Häftlingszellen wurden in die Ausstellung integriert.

Ende der 1960er Jahre hatte Portugal das niedrigste Pro-Kopf-Einkommen, aufgrund der Kriege in seinen Kolonien die relativ höchsten Militärausgaben, das relativ niedrigste Bildungsbudget und die höchste Analphabeten-Rate aller Länder Europas: Von zehn Portugiesen konnten vier weder lesen noch schreiben. Die männliche Jugend wurde in einen vierjährigen Militärdienst gepresst, um Kriege zu führen, die sie nicht führen wollte. Die Ausstellung zeigt im dritten Stock die verheerenden, dreizehn Jahre dauernden Kolonialkriege aber auch, dass es auch Portugiesinnen und Portugiesen gab, die den antikolonialistischen Befreiungskampf in Afrika unterstützten.

Aktuell ist die gesamte Ausstellung und der Katalog leider nur auf Portugiesisch zu bekommen, nicht einmal auf Englisch gibt es Kurzinformationen oder einen Überblick. Einzig ein kurzer chronologischer Film verfügt über englische Untertitel. Interessierte antifaschistische Portugal-Touristinnen sind aber über die Zeitgeschichte informiert und können daher auch einen Nutzen aus dem Besuch des Museums ziehen.

Beredtes deutsches Schweigen

geschrieben von Peter Gstettner

3. Juli 2015

Neue Gedenkstätte in Österreich erinnert an ermordete Kärtner Slowenen

Dass ich gebeten worden bin, hier bei der Denkmaleinweihung zu sprechen, verdankt sich neben anderem auch dem Umstand, dass ich von Beginn an die Projekte der Initiative »Hlipovčnik-Bunker« begleiten durfte. Dass diese Ansprache in Deutsch gehalten wird, verweist u.a. auf folgenden Sachverhalt: Die NS-Opfer von Zell/Sele wurden in einer Zeit hingerichtet bzw. kamen in einem KZ um, als die deutschen und österreichischen Nazis mit ihren »Blutrichtern« und SS-Schergen über Leben und Tod entschieden. In deutscher Sprache wurden die Urteile ausgestellt, in deutscher Sprache wurde den Hingerichteten das Lebensrecht und die Ehre aberkannt: »Sie sind für immer ehrlos«, hieß es im Todesurteil.

Peter Gstettner bei seiner Ansprache.

Peter Gstettner bei seiner Ansprache.

Auf Deutsch mussten die KZ-Häftlinge ihre Nummer sagen, wenn sie beim Appell aufgerufen wurden. Wenn sie das nicht sofort erlernten, konnte das ihren Tod bedeuten. Und wenn sie ihre Nummer auf Deutsch sagen konnten, ihr Überleben für diesen Tag. Die Nazis hatten ihnen ihren Namen geraubt, längst bevor sie ihnen das Leben raubten.

Auch wenn manche Kollaborateure slowenisch oder kroatisch gesprochen haben, die Tätersprache war Deutsch. Das ist eine Tatsache. Sie ist nicht relativierbar, auch wenn wir heute von einem Nazi-Unrechtstaat sprechen und wenn die Verurteilten als »rehabilitiert« gelten. Die Aufhebung der Unrechtsurteile der damaligen Nazi-Juristen geschah in Österreich erst vor fünfeinhalb Jahren. Dies änderte nichts an dem Umstand, dass die Wiederherstellung der Ehre der Hingerichteten Jahrzehnte lang kein Anliegen des deutschsprachigen Kärntens war. Lieber Totschweigen als Erinnern war das Motto.

Auch das Schweigen über die Nazi-Verbrechen in Kärnten geschah in deutscher Sprache. Es war ein deutsches Schweigen, ein beredtes Schweigen, das bald zum deutschen Vergessen wurde. Slowenisch waren Trauer und Verzweiflung; geflüstert und gestammelt waren die slowenischen Gebete und Fürbitten, am heimatlichen Herd und in der Kirche. In Deutsch wurde dafür über etwas Anderes sehr wohl gesprochen, nämlich darüber, ob die Täter vielleicht nicht auch »Opfer« gewesen wären, zumindest »Opfer von Verfolgung« nach 1945. Wir kennen das alle, weil es öffentlich geschah: Am Ulrichsberg wurde ja schon seit Jahren vom »Opfergang der Weltkriegsteilnehmer« und von den Kriegshandlungen jener SS-Soldaten gesprochen, die angeblich damals schon für ein »vereintes Europa« gekämpft haben.

So kam es, dass die Tätergesellschaft ihre »Helden« auf einer Unzahl von Kriegerdenkmälern verewigte. Im Gegenzug wurden die NS-Opfer aus dem Gedächtnis verdrängt, um sie schließlich ganz vergessen zu machen. Folglich war es nicht opportun, ihnen offizielle Denkmäler zu setzen. Die Schicksale und die Namen der NS-Opfer sollten auf diese Weise aus der deutsch-kärntner Heimatgeschichte verschwinden; dies geschah absichtsvoll oder nicht, vielleicht war es auch dem kollektiven Unbewussten geschuldet. Jedenfalls wurden damit genau die Menschen aus dem Geschichtsbewusstsein eliminiert, die die wahren Helden und Heldinnen waren. Sie hatten sich nicht mit den Nationalsozialisten arrangiert, sie waren keine Mitläufer und keine Mittäter, sie waren auch keine Karrieristen, die eine Position im Naziapparat haben wollten. Sie waren eben im Widerstand. In dieser Zeit der brutalsten Kriegsverbrechen der Nazi-Deutschen repräsentierten sie die Hoffnung auf die kommende Befreiung. Dafür setzten sie das Kostbarste ein, was Menschen haben: ihr Leben. Sie gaben es hin für eine Zukunft in Freiheit.

Dass die Befreiung im Frühjahr 1945 auch am Kärntner Horizont herauf dämmerte, verdankt auch das »Deutsche Kärnten« diesen mutigen Männern und Frauen. Deshalb ist der heutige Tag nicht nur ein Gedenktag unter vielen, die derzeit überall in Österreich begangen werden. Für uns, für die Kärntner Mehrheitsbevölkerung vor allem, soll die heutige Denkmaleinweihung auch ein Denk-Anlass sein, eingedenk der Zeit, in der die Mehrheit auf der Seite der absoluten Macht und Unmenschlichkeit stand und bei der Auslöschung aller menschlichen Werte mitwirkte.

Mit den Langzeitfolgen dieser verkehrten Welt, in der die radikale Umwertung aller menschlichen Werte geschah, sind wir permanent konfrontiert: Der Mensch hat sich vom Menschsein immer weiter entfernt. Und ist das menschliche Zusammenleben einmal so grundlegend zerstört, lässt sich das nur mehr schwer wieder gut machen. Die Zeit jedenfalls heilt keine Wunden. So fanden Hass und Gewalt in vielerlei Gestalt Fortsetzung bis in die heutigen Tage. Ein Denkmal wird daran so viel oder so wenig ändern wie ein Grabmal. Vielleicht kann aber – das ist unsere Hoffnung – die lebendige Erinnerung an die Menschen, die durch ihr Handeln dem Krieg und Terror die Stirn boten, unserem eigenen Handeln Orientierung geben und uns zukunftsfähig machen im eigenen Widerstand gegen Unrecht und Gewalt. – Ich danke für ihre Aufmerksamkeit. Hvala lepa.

Länderseiten

2. Juli 2015

Mit Beiträgen aus dem Verband sowie den Landesvereinigungen Baden-Württemberg, Berlin, Bayern, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen. AntifaLS_2015_0708_web

Sonderbeilage der antifa zum 8. Mai 2015

2. Juli 2015

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Rücktitel

2. Juli 2015

Am 2. Juli wurde im Brandenburger Hennigsdorf aus Anlass des 120. Geburtstages von Hans Beimler ein Gedenkstein für ihn wieder eingeweiht. Die Initiative dafür ging von einem SPD-Stadtverordneten und Betriebsrat aus und war vom DGB aufgenommen worden.  Foto W. Girod

Am 2. Juli wurde im Brandenburger Hennigsdorf aus Anlass des 120. Geburtstages von Hans Beimler ein Gedenkstein für ihn wieder eingeweiht. Die Initiative dafür ging von einem SPD-Stadtverordneten und Betriebsrat aus und war vom DGB aufgenommen worden.
Foto W. Girod

Titel

28. April 2015

Der Eingang der Klosterruine in Berlin-Mitte im April 2015

Foto W. Girod

Foto W. Girod

Editorial

geschrieben von Regina Girod

28. April 2015

Nach dem 60. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus gab es Stimmen, die meinten, das wäre wohl das letzte große Gedenken an jene Ereignisse gewesen, die das 20. Jahrhundert prägten. Zu weit entfernt von heutigen Erfahrungen läge diese Zeit und nach dem Ableben der meisten Zeugen würde das öffentliche Interesse ohnehin bald erlöschen. Doch diese »Schlussstrichmentalität«, die bei einigen Politkern bereits 10 Jahre früher, nach dem 50. Jahrestag der Befreiung, zu bemerken war, setzt sich weiterhin nicht durch. Das zeigte sich bereits im Januar, zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz und bestätigte sich laufend in den letzten Wochen. So viele Möglichkeiten, der Geschichte des 2. Weltkrieges und der Befreiung vom Faschismus nachzugehen und öffentlich über ihre Lehren und Konsequenzen zu diskutieren wie im Moment, gab es lange nicht. Das ist aber auch eine Folge der aktuellen Situation. 70 Jahre herrschte Frieden in Europa, doch auf einmal scheint er so bedroht, wie seit Jahrzehnten nicht. Alte Feindbilder feiern bedrohlich Auferstehung und wer etwas dagegen setzen will, muss sich der Frage stellen: Wer treibt hier zum Krieg und warum?

 

Eine Antwort darauf ist ohne Kenntnis der Geschichte nicht zu finden und die vor uns liegenden 70. Befreiungstage werden überall im Land Möglichkeiten zu Diskussionen bieten, in denen das Wissen und die Erfahrung von Antifaschistinnen und Antifaschisten gefragt sein werden – nicht nur zu historischen Problemen, sondern auch zu aktuellen Themen. Mit dieser Ausgabe der antifa wollen wir Argumente für solche Diskussionen liefern, zum Beispiel anhand des aktuellen Werkes des polnischen Historikers Rossolinski-Liebe über Stepan Bandera und die Geschichte des ukrainischen Nationalismus (Seite 23) oder mittels einer Analyse der Texte der umstrittenen Band »Bandbreite« (Seite 25). Doch die Befreiung ist nicht nur ein Grund zum Reden, sondern auch zum Feiern. Getreu dem Motto der Berliner VVN-BdA, die schon seit Jahren weiß: Wer nicht feiert, hat verloren!

Danken und Denken

geschrieben von Kurt Pätzold

27. April 2015

Aus der Ferne von sieben Jahrzehnten

 

Kein Jahr ohne Gedenktage. Doch all diese Tage, die mit historischen Ereignissen und Erinnerungen belastet sind, werden wohl übertroffen von dem 70 Jahre zurückliegenden Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa. Wer kann sich daran im eigentliche Sinne noch erinnern, wer hat diesen Tag erlebt und vermag sich verlässlich seines damaligen Denkens und Fühlens, seines Da- und Dabeiseins zu erinnern? Eine rasch dahinschwindende Minderheit von Europäern. Was bedeutet aber dieser demographische Wandel, die Entstehung von Gesellschaften, deren Menschen so glücklich sind (oder es jedenfalls sein sollten), im eigenen Lande und am eigenen Leibe keinen Krieg erfahren zu haben? Darüber lässt sich mit Nutzen nachdenken. Beginnend mit de Frage: Hat sich unter den Europäern nicht weithin der Gedanke festgesetzt, dass Kriege hinter ihnen liegen, auf Dauer der Geschichte ihres Kontinents angehören? Haben sie sich bei den Bildern, die ihnen das Fernsehen aus mehr oder weniger fernen Ländern in die Wohnzimmer schafft, nicht daran gewöhnt, Kriege für eine Sache der dort Lebenden und jener europäischen Soldaten anzusehen, die sich zu »Einsätzen« dahin befehlen lassen als mehr oder weniger Freiwillige? Der Bürgerkrieg in der Ukraine, letztlich ausgelöst durch die expansive Politik der NATO-Mächte unter Führung der USA, hat die Gewissheit im dauerhaft befriedeten Teil des Erdballs zu leben, jedoch weithin erschüttert.

Was also kann das Erinnern und Bedenken des Tages in dieser Situation bewirken, wenn es sich nicht in Ritualen von Staatsfrauen und –männern und in der Wiederaufführung von Dokumentar- und Spielfilmen und in der Produktion weiterer Bücher mit Texten und Bildern erschöpft, sondern in nachdenkender Verständigung. Dann sollte es auch beim ehrenden Blick auf jene nicht bleiben, denen dieser Tag zu danken ist, den Millionen von Toten, die die Schlachten gegen die faschistischen Welteroberer nicht überlebten. Wiewohl: Wer Anstand besitzt und sich, welcher Nachkriegsgeneration sie oder er immer angehört, bewusst ist, dass er zu den Gewinnern und Nutznießern jenes Sieges gehört, wird an diesem 8./9. Mai 2015 für einen Moment einhalten beim Gedanken an Russen und Briten, Franzosen und Belgier, Niederländer und Luxemburger. Norweger und Dänen, Griechen und Jugoslawen, Afrikaner vieler Völker und Stämme, Inder, Australier, Neuseeländer, Widerstandskämpfer von Völkern aller Kontinente, an Menschen vieler Sprachen und Angehörige aller Weltreligionen. Und für die Deutschen kann es beim Gedanken allein nicht bleiben. Wir haben noch einige Rechnungen zu begleichen. Dass das die Mehrheit von Generationen der Nachgeborenen tun muss, liegt nicht an jenen, die an diese Konten erinnern, sondern an denen, die sie in den vergangenen Jahrzehnten nicht beglichen und von der »Bewältigung der Vergangenheit« mehr geschwätzt, als etwas für sie getan haben.

Dazu gehört auf geistigem Feld auch die Beantwortung der Frage, wie es zu diesem Kriege kam, dessen Ende und Ausgang nur durch eine Millionenzahl von Toten erzwungen werden konnte. Dazu gehört der schonungslose Blick auf die Ursachen des Zweiten Weltkrieges, nicht um der Anklage und Schuldzuweisung willen, sondern um sich methodisch dafür zu rüsten, die heutigen Kriege besser zu »verstehen«. Dafür sind die Bundesbürger nicht gerade trainiert. Freudig haben sie im Vorjahr die beschönigende Kunde von Deutschlands Rolle auf dem Weg in den Ersten Weltkrieg aufgenommen, ein fauliges Angebot aus dem Jahre 2013. Kurzum: Die Konzentration der Gedanken auf das Kriegsende sollte die auf seine Vor- und Frühgeschichte nicht ganz verdrängen. Dahin wirkt schon die neu angefachte Debatte darüber, wie dieses Kriegsende nun eigentlich von den Deutschen – beispielsweise in ihren Schulgeschichtsbüchern – genannt werden soll: Kapitulation, Zusammenbruch, Katastrophe, Ende von Deutschlands »dunkelstem Kapitel« oder gar Befreiung? Also am Ende so, wie es der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker vor drei Jahrzehnten in einer denkwürdigen Rede getan hatte und es im ostdeutschen Staat lange vordem üblich war?

Bei dieser Erinnerung wird in unseren Tagen gewöhnlich ganz vergessen, dass die Verwendung des Begriffs Befreiung keineswegs einschließt, dass ihm von allen, die ihn benutzen, der gleiche Sinngehalt beigelegt wird. Den Deutschen, die freiwillig oder nicht, in ihrer Masse Gefolgsleute und Instrumente des Faschismus waren, wurden an jenem Maitag definitiv die Waffen aus der Hand geschlagen. Das befreite sie von der schändlichsten Rolle, die je eine Generation von Deutschen in der europäischen und Weltgeschichte gespielt hatte. Mit dieser historischen Grundtatsache kontrastieren 1945 Erlebnisse von Millionen in dem nun besetzten Land; aber keines von ihnen hebt sie auf. Es gehört wenig Phantasie, aber doch einige historische Kenntnis dazu, sich für einen Moment vorzustellen, was das gewesen wäre, ein faschistisch beherrschtes Europa, nicht nur für die in ihm lebenden versklavten Völker, sondern auch für dessen Herrenschicht. die »reinrassigen deutschen Arier«. Auch dazu könnte jener Maitag anstoßen.

Kein Einzelfall

geschrieben von Martin Schirdewan

27. April 2015

Tröglitz als Symbol gesellschaftlicher Zustände

 

Die politischen Ereignisse der zurückliegenden Wochen in Tröglitz, im südlichen Sachsen-Anhalt, schockieren. Erst wird ein ehrenamtlicher Bürgermeister durch Drohungen von Nazis aus dem Amt gedrängt, weil er sich für Asylsuchende stark gemacht hat, dann wird kurzerhand die für die Unterbringung der Menschen in Not bereitstehende Unterkunft abgefackelt.

Verkehrte Welt in Sachsen-Anhalt, wo besonders im Süden immer wieder die NPD von sich Reden machte? Wer erinnert sich nicht an den SPD-Bürgermeister Püschel, der medienwirksam zur NPD wechselte und für die Nazis für den Landtag kandidierte? Wer erinnert sich nicht an den Skandal um den Schornsteinfeger Battke, der als NPD-Kreistagsmitglied ehrenamtlich in einem lokalen Fußballklub nicht nur fürs Kicken, sondern auch für die geistig-moralische Erziehung der Kinder »Verantwortung« übernahm.

Doch das Problem liegt nicht nur in Sachsen-Anhalt. Dort, im Süden, tritt es nur manchmal in besonders ekelhafter Weise zu Tage. Die verkehrte Welt findet sich fast überall. Bloß, dass mediale Stigmatisierung oder hilflose Symbolpolitik der Anständigen hier nicht weiter helfen. Die Gewinner der aktuellen Auseinandersetzung stehen schon fest. Es sind diejenigen, die ihre hässliche Fratze mit einer Politik der Gewalt in der Öffentlichkeit gezeigt haben. Und dafür leider überall in diesem Land, dessen soziales Gefüge immer weiter auseinanderklafft, auch Sympathien ernten. Und die Verlierer sind: Tröglitz, die Region, die demokratische Gesellschaft. Vor allem jedoch: die Asylsuchenden.

Eine andere Asylpolitik wird gebraucht – in der EU, in Deutschland. Eine, in deren Zentrum humanistische Grundsätze stehen, damit der gesellschaftliche Nährboden für Fremdenhass und Rassismus endlich umgepflügt werden kann.

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