Das Rad der Geschichte

geschrieben von Ilja Nikiforov

14. Mai 2014

Wer verantwortet den Genozid der Sinti in Estland?

In den für Estland seltenen heißen Sommertagen versammeln sich seit fast zwanzig Jahren am Abhang eines Hügels in der Ortschaft Sinimäe unweit von Narva unter einem Gedenkkreuz ein paar Dutzend alter estnischer Männer und eine beträchtliche Zahl junger Esten. Fern vom Stadtlärm findet jeden Sommer das Veteranentreffen der 20. Estnischen Freiwilligen Grenadierdivision der Waffen-SS statt. Von Jahr zu Jahr sind es immer weniger »SS-Grenadiere«, die in blutigen Kämpfen mit der Waffe in der Hand den vorrückenden Einheiten der Roten Armee gegenüberstanden, doch immer mehr Jugendliche, die der 20. SS-Division ehrend gedenken.

Sinimäe ist der einzige Ort, an dem es den Verehrern der niederländischen und wallonischen Kollaborateure mit schweigend-wohlwollendem Einverständnis der estnischen Behörden gelungen ist, 2006 ein Denkmal für jene zu errichten, die in ihrer Heimat in Belgien und Holland als Verräter im Dienste von Hitler und der Waffen-SS gelten.

In der Regel wird das mit Fahnen geschmückte und in patriotischen Reden besungene Veteranentreffen der 20. SS-Division »aus politischer Korrektheit« nicht von den Mitgliedern der estnischen Regierung besucht, auch ist es schwer, dort Parlamentsabgeordnete anzutreffen, mit Ausnahme derer, die ihre politische Karriere mit dem Erstarken des radikalen Nationalismus verbinden. Auch polizeiliche Absperrungen fallen nicht ins Auge. Doch Unbefugte sind dort nicht willkommen, besonders jene nicht, die unangenehme Fragen stellen, oder an die Verantwortung der Uniformträger der Waffen-SS für Verbrechen gegen die Menschlichkeit erinnern könnten. Der Staat schützt durch seine Polizei das Recht, Verehrung für die Heldentaten der Veteranen der Waffen-SS zu bekunden und ihren Ruhm zu preisen und alle Jahre wieder behindert er Äußerungen eines anderen Standpunktes.

Im letzten Sommer haben sich zwei sehr alte Esten, ihrer Herkunft nach Sinti, in Begleitung von zwei etwas jüngeren Männern im Auto von Tallin durch ganz Estland auf die Reise gemacht, um die estnischen Veteranen der Waffen-SS daran zu erinnern, dass niemand und nichts vergessen ist. Zwei ehrwürdige alte Leute – Mitglieder der Vereinigung minderjähriger Opfer faschistischer Kerkerhaft – führten ein Plakat in estnischer Sprache mit sich »Wer verantwortet den Genozid der estnischen Sinti im Zweiten Weltkrieg?« Von der ganzen zahlreichen Sintigemeinde in Estland vor dem Krieg leben heute nur noch elf Menschen. Und daran ist nicht nur die Zeit schuld. Die estnischen Sinti auf estnischer Erde hat man mit Hilfe der estnischen Sicherheitspolizei, estnischer Polizeibataillone und estnischer Gefängnisaufseher während der Nazi-Okkupation 1941 bis 1944 fast vollständig vernichtet. Und so wollten nun zwei wie durch ein Wunder am Leben gebliebene alte Männer den Veteranen der »Estnischen Legion« die Frage stellen: Wer wird nun den Genozid seiner Sinti-Mitbürger verantworten?

Die beiden Sinti fuhren nach Sinimäe, doch angekommen sind sie dort nicht. Genauer gesagt, hat man sie nicht ankommen lassen. Das Auto mit den vier Männern wurde mehrfach von der Polizei gestoppt, sie prüfte die Papiere, den technischen Zustand des Fahrzeuges, ließ sich den Feuerlöscher zeigen, und all dasselbe noch einmal, und wieder und wieder. Alles wurde kontrolliert, wie in Filmen über böse Polizisten. Die Vertreter der Staatsmacht, so erzählen die alten Männer, nahmen sich viel Zeit, sehr lange wurden die Papiere überprüft, langsam und in allen Einzelheiten wurde das Protokoll über eine »Ordnungswidrigkeit« angefertigt: »Man hatte das deutliche Gefühl, dass sie die Zeit in die Länge ziehen.«

Die Hälfte des langen Sommertages war verbraucht für Kontrollen und Protokolle und den alten Männern wurde klar, dass sie zu der Veranstaltung schon zu spät kommen und ihre Frage: »Wer verantwortet den Genozid der Sinti?« jetzt niemandem mehr stellen können. Es blieb ihnen nichts übrig, als umzukehren.

Die SS-Veteranen und ihre Gleichgesinnten kehrten ruhig in ihre warmen und gemütlichen Häuser zurück und werden sich nicht an die Menschen erinnern, die z.B. für immer in den Erschießungsgräben des KZ Kalevi-Liiva liegen blieben.

Estnische Autofahrer wissen gut, dass ein gewöhnliches Fahrzeug von der estnischen Polizei in der Regel nicht angehalten wird. Man kann jahrelang durch die Republik fahren und erkennt die Verkehrspolizei nur aus der Ferne. Doch wenn Sie mit der Absicht unterwegs sind, gegen das Veteranentreffen der 20. SS-Division zu protestieren, dann steigen die Chancen einer aufmerksamen Beobachtung durch die Polizei um ein Vielfaches. Die Sinti unterwegs nach Sinimäe hatten das unauslöschliche Gefühl, beobachtet zu werden und dass alle diese »Verkehrskontrollen« inszeniert waren.

Estland ist ein kleines und ruhiges Land. Auf den Strassen der estnischen Städte marschieren keine Neonazis, im Parlament sitzen keine Vertreter von Parteien mit stabiler »brauner« Reputation. Doch das, was den alten Männern widerfuhr, passt erstaunlich gut in die Reihe von Ereignissen und Fakten einer Glorifizierung des Nazismus.

Vor einigen Jahren waren die Klassenräume des Deutschen Gymnasiums in Tallin mit Bildern des bedeutenden estnischen »Feldherrn«, des Standartenführers der Waffen-SS und Ritterkreuzträgers Alfons Rebane in SS-Paradeuniform geschmückt. Und nur die Empörung deutscher Diplomaten zwang die Schulleitung, die Bilder des SS-Offiziers abzuhängen. Übrigens blieb es der Schulleitung unverständlich, was denn die deutschen Diplomaten so empört hatte.

Heute beschränkt sich die Verherrlichung nazistischer Symbole und Ideen in Estland nur auf die Militärgeschichte, in der estnische Freiwillige ihre blutige Rolle spielten. Politische Philosophie und weltanschauliche Probleme berühren die einfachen Bewohner Estlands irgendwie wenig. Es scheint aber so, dass die Jugend aus den zerfransten Soldatentornistern der Veteranen der »Estnischen Legion« der Waffen-SS schon bald Breiviks Manifest als »Mein Kampf« einer neuen Generation herausholen wird.

In Kalevi-Liiva auf dem Weg zur am Meeresufer gelegenen Villensiedlung Kaberneeme, vierzig Kilometer von Tallin entfernt haben die Nazis während des Krieges Massenerschießungen durchgeführt. Dort wurden unter vielen anderen auch hunderte Zigeuner erschossen. Die heutige Sintigemeinde hat dort mit ihren bescheidenen Mitteln im Jahre 2007 ein Denkmal für ihre getöteten Leidensgenossen errichtet. Auf einem großen Stein aus Granit ist ein symbolisches Rad eines Zigeunerwagens eingehauen. Das Rad der Geschichte.

Länderseiten Mai/Juni 2014

14. Mai 2014

Hier finden Sie Berichte und Nachrichten aus den Landesvereinigungen Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen:

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Aktionen zu Emil Carlebach

14. Mai 2014

Der neu gegründete Emil-Carlebach-Club wird 2014 den 100. Geburtstag von Emil Carlebach feiern. Es wird mehrere Veranstaltungen in Frankfurt am Main und auch in Berlin geben, die an den unbeugsamen Antifaschisten und Kommunisten, den Buchenwaldhäftling und Journalisten erinnern. Die verschiedenen Aktivitäten werden von dem Club ge-plant und koordiniert.

Auf der Internetseite www.emil-carlebach.de sollen die Veranstaltungen vorgestellt werden. Zudem werden hier Texte, Reden und Artikel von Emil zugänglich gemacht und mit Photographien und lehrreichen Anekdoten an die Facetten seiner Persönlichkeit erinnert.

Der Blick der Aktivitäten ist stark darauf gerichtet, aus seinen Efahrungen Konsequenzen und Lehren für heute zu erarbeiten. So werden Journalisten über die Möglichkeit und Wirksamkeit eines kritischen Journalismus mit antifaschistischem Anspruch in der heutigen Medienwirklichkeit diskutieren. Carlebachs Arbeits- und Gewerkschaftskollegen werden darüber sprechen, vor welchen Anforderungen sie in den aktuellen Auseinandersetzungen stehen. Es wird das Angebot eines Stadtrundganges auf den Spuren von Emil Carlebach geben, der seine Wohnorte vor und nach dem Faschismus ebenso einschließt wie die von ihm besuchten Schulen und Stätten seines politischen und gewerkschaftlichen Wirkens bis zu seinem Tod 2001. Zudem plant der Club einen Film zu drehen, der die Aktionen dokumentarisch festhällt. Um all diese Pläne zu verwirklichen, braucht der Club Unterstützung, finanzielle, wie ideelle. Informationen unter: emil-carlebach.de

 

Auszeichnung für Kurt Nelhiebel

geschrieben von P.C. Walther

14. Mai 2014

Der Bremer Journalist und Publizist Kurt Nelhiebel, der auch unter dem Autorennamen Conrad Taler publiziert und als solcher auch den »antifa«-Lesern bekannt ist, wurde mit dem Bremer »Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon« ausgezeichnet.

»Seine Werke sind Dokumente des deutschen Antifaschismus. Bestimmt werden sie von der Ablehnung des Nazi-Ungeistes – in Wahrung der Weltoffenheit«, heißt es in der Begründung der Jury.

Vergeben wird der Preis seit 1982 an Persönlichkeiten, deren Werk oder Wirken »ein eindeutiges Bekenntnis zum Frieden darstellt und von hohem kulturellen Rang« ist. Die Villa Ichon ist ein Forum für Kultur- und Friedensarbeit, dessen Trägerverein den Preis vergibt.

»In den Werken Kurt Nelhiebels finden sich immer wieder Aspekte der Gesellschaftsanalyse«, würdigte Laudator Prof. Hans Henning Hahn den Preisträger. Ihn treibe Gerechtigkeitssinn an und die Befürchtung, »dass die deutsche Gesellschaft in den ›Sumpf des Vergessens‹ abgleite«. Die Historikerin Eva Hahn, die die zweite Laudatio auf den Preisträger hielt, würdigte seine scharfsichtigen, spannenden und historisch fundierten Texte.

Kurt Nelhiebel wandte sich in seiner Dankesrede u.a. gegen jede Relativierung der Naziverbrechen und dabei gegen die Gleichsetzung von Nazismus und Kommunismus, für die er eine treffende Charakterisierung fand: Das wäre so, als stünden »die sowjetischen Soldaten, die Auschwitz befreit haben, auf derselben Stufe, wie die SS-Schergen, die das Lager bis dahin bewacht haben«.

Viele Anlässe zum Gedenken

geschrieben von Thomas Altmeyer

14. Mai 2014

Die Widerstandskämpferin Johanna Kirchner (1889-1944)

 

»Ein Hauptanliegen meiner Mutter war: SOLIDARITÄT. Ihr hervorstechender Charakterzug war, anderen Menschen zu helfen.« So beschreibt Lotte Schmidt die Widerstandskämpferin Johanna Kirchner. Kirchner, vor 125 Jahren am 24. April 1889 geboren, engagiert sich bereits früh in der Politik. Die Tochter aus einer ursozialdemokratischen Familie – die Großeltern waren Mitgründer der Frankfurter SPD – gehört 1919 zu den Mitbegründerinnen der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Frankfurt am Main. Sie arbeitete in der Geschäftsstelle der AWO und vertrat diese auf Kongressen und auf SPD-Parteiveranstaltungen. 1923 initiiert sie die »Ruhrkinderaktion«: Kinder von notleidenden Familien aus dem Ruhrgebiet werden von Frankfurter Arbeiterfamilien zur Erholung aufgenommen – mehr als 600 Familien beteiligen sich.

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Nach ihrer Scheidung von Karl Kirchner 1926 wird Johanna Kirchner – den Nachnamen behält sie zeitlebens, trotz neuer Ehe, bei – hauptamtliche Sekretärin im Frankfurter Parteibüro der SPD. Sie setzt sich für Frauenrechte ein und bekämpfte früh den Nationalsozialismus.

Als die SA am 2. Mai 1933 das Frankfurter Gewerkschaftshaus und die SPD-Geschäftstelle stürmt, gelingt es ihr noch, die Mitgliederkartei zu retten. Im Juni 1933 reist sie nach Genf zur Internationalen Arbeitskonferenz. Dort will sie beim ehemaligen hessischen Innenminister Wilhelm Leuschner um Unterstützung für den inhaftierten Carlo Mierendorff bitten. Nun wird die Gestapo auf ihre Aktivitäten aufmerksam.

Kirchner wird rechtzeitig vor der ihr drohenden Verhaftung gewarnt. Ihr gelingt die Flucht ins Saargebiet, dass seinerzeit vom Völkerbund verwaltet wurde. In Saarbrücken kann Kirchner in einem Café der ebenfalls geflohenen Sozialdemokratin Marie Juchacz arbeiten. Das Café gilt als zentrale Anlaufstelle für politische Flüchtlinge. Kirchner wertet nun Berichte von Flüchtlingen und Kurieren aus und leitet diese an den Vorstand der SOPADE in Prag weiter. Sie erhält Zeitschriften und anderes in Deutschland verbotenes Material, das zurück ins »Reich« geschmuggelt wird. Auch ihre Töchter beteiligen sich beim Transport illegaler Schriften und Nachrichten unter den Genossinnen. Kirchner engagiert sich mit anderen Emigrierten auch gegen die Rückkehr des Saargebietes ins »Deutsche Reich«. Sie scheitern: Über 90 Prozent der Wahlberechtigten entscheiden sich für den Anschluss. Ihre politische Arbeit setzt sie danach vom lothringischen Forbach fort – jenem Ort, wo im Frühjahr 2014 der Vize-Präsident des Front National Florian Philippot im ersten Wahlgang zur Bürgermeisterwahl vorne lag und erst in der zweiten vom bisherigen Amtsinhaber gestoppt werden konnte.

In Forbach richtet Kirchner mit Emil Kirschmann und Max Braun, dem Vorsitzenden der Saar-SPD, die »Beratungsstelle für Saarflüchtlinge« ein. Hilfe für die Emigranten, etwa bei der Suche nach Ausreisemöglichkeiten, Unterkünften und Arbeitsstellen oder bei Passfragen waren ein Teil ihrer Arbeit. Ein anderer bestand im Sammeln von Nachrichten aus dem Reich, die Informationsweitergabe an Widerstandsgruppen, der Versand »illegaler Schriften« vor allem ins Rhein-Main-Gebiet, wie z.B. die aus Prag kommende »Sozialistische Aktion«.

Bemerkenswert ist, dass die von Sozialdemokraten getragene Beratungsstelle die Zusammenarbeit mit kommunistischen Nazi-Gegnern nicht scheut. Kirchner arbeitet hier u.a. eng mit ihrer langjährigen Freundin aus Frankfurter Tagen, der Kommunistin Lore Wolf, zusammen. Wolfgang Abendroth zufolge verwirklichten beide damit »die Einheit der Arbeiterbewegung in der antifaschistischen Arbeit«.

1936 schließen die französischen Behörden diese Einrichtung. Johanna Kirchner gründet eine neue Beratungsstelle. 1937 wird sie aus Deutschland ausgebürgert. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges muss Kirchner Forbach verlassen. Wie viele Emigranten wird sie nach dem deutschen Angriff auf Frankreich interniert. Sie kommt ins Lager Gurs, kann aber fliehen. Sie schafft es bis nach Avignon und taucht in einem Kloster unter. Dort wird sie im Juni 1942 von der französischen Geheimpolizei festgenommen und über Paris an das »Dritte Reich« ausgeliefert. Es kommt zum Prozess vor dem Volksgerichtshof – zehn Jahre Zuchthaus lautet das Urteil. Kirchner kommt ins Zuchthaus Cottbus. Im März 1944 wird das Urteil vom Präsidenten des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, als zu milde kassiert. Im erneuten Prozess wird sie am 21. April 1944 zum Tode verurteilt und wenige Wochen später am 9. Juni in Plötzensee hingerichtet. In ihrem Abschiedsbrief schreibt sie: »Trauert nicht um mich, Ihr werdet glücklichere Zeiten erleben«.

Die Stadt Frankfurt erinnert seit 1992 mit einer Gedenktafel an der Paulskirche an Johanna Kirchner. Sie ehrte darüber hinaus zwischen 1991 und 1995 Menschen, die gegen den Nationalsozialismus Widerstand geleistet haben, mit der Johanna-Kirchner-Medaille. Ihr Geburtstag vor 125 Jahren und ihr Todestag vor 70 Jahren sind zwei mögliche Anlässe, sich an Kirchners solidarisches und widerständiges Wirken zu erinnern.

Massaker im KZ Sonnenburg

geschrieben von Kamil Majchrzak

14. Mai 2014

VVN-BdA unterstützt die Erforschung der deutschen Verbrechen in Polen

 

Seit Jahren engagiert sich die Berliner VVN-BdA erinnerungspolitisch in der polnischen Gemeinde Słońsk, in der sich – knapp 100 km vor Berlin – in den Jahren 1933-34 das deutsche KZ Sonnenburg und später von 1934-1945 das berüchtigte Zuchthaus Sonnenburg befand. Vertreter der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) nehmen seit 2009 auch an dem jährlichen Gedenken aus Anlass des Massenmordes am 30. Januar 1945 in Słońsk teil. In der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 ermordete ein SS-Kommando aus Frankfurt (Oder) fast Tausend Häftlinge – Widerstandskämpfer aus nahezu allen von Hitler-Deutschland besetzten Gebieten.

Foto: Andreas Domma

Foto: Andreas Domma

Als wichtiger Meilenstein der Bemühungen der Berliner VVN-BdA kann das am 24. Februar 2014 wiederaufgenommene Ermittlungsverfahren wegen Kriegsverbrechen in den Jahren 1942-1945 bewertet werden. Die Ermittlungen werden durch den zuständigen Staatsanwalt aus Szczecin von der polnischen Kommission zur Erforschung der deutschen Verbrechen in Polen geführt. Das ursprüngliche Verfahren wurde bereits am 17.10.1966 durch den damaligen Leiter der regionalen Hauptkommission zur Erforschung der deutschen Verbrechen in Polen Przemysław Mnichowski aufgenommen. Aufgrund der Erschöpfung der Beweisaufnahme und fehlender Kooperation der bundesdeutschen Behörden mussten die Ermittlungen jedoch am 22.12.1972 als ruhend eingestellt werden. Während die Ermittlungsbehörden in der DDR frühzeitig eigene Ermittlungen gegen Sonnenburger Kriegsverbrecher wie Heinz Adrian einleiteten, der am 29. 09. 1948 vom Landgericht Schwerin zum Tode verurteilt wurde und den polnischen Kollegen Vernehmungsprotokolle zur Verfügung stellten, gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den bundesdeutschen Behörden äußerst schwierig und einseitig. Obwohl die Polnische Haupt-Kommission zur Erforschung der deutschen Verbrechen in Polen zu vielen Kriegsverbrechen Original-Unterlagen an die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg versandte, die im Übrigen bis heute unauffindbar sind, rang sich die Bundesrepublik erst nach mehreren Jahren zum Versand einer zudem größtenteils geschwärzten Abschrift des einzigen Urteils bezüglich Sonnenburg durch, das in der Bundesrepublik im Kieler Prozess gegen die direkt für das Massaker an 819 Sonnenburger Häftlingen verantwortlichen Mörder SS-Hauptsturmführer Wilhelm Nickel und SS-Sturmbannführer Heinz Richter, geführt wurde. Die Unterlagen bezüglich der beiden in Kiel freigesprochenen SS-Schergen wurden offiziell mit der Begründung geschwärzt, sogenannte Zeugen zu schützen.

Das gegenwärtig geführte Ermittlungsverfahren ist genau auf diese Zeugenaussagen, Erinnerungen, und Dokumente angewiesen, die als Beweise verwendet werden könnten. Faschistische Verbrechen verjähren in Polen nicht. Die Berliner VVN-BdA unterstützt deshalb intensiv die Bemühungen der Staatsanwaltschaft in Polen. Diese Arbeiten werden durch Angehörige ehemaliger Häftlinge, Historiker sowie junge Aktivistinnen im Rahmen des Arbeitskreises zur Geschichte des Konzentrationslagers und des Zuchthauses Sonnenburg bei der Berliner VVN koordiniert.

Die Zusammenarbeit zwischen dem Arbeitskreis und der Polnischen Kommission zur Erforschung der deutschen Verbrechen in Polen kam am Rande einer internationalen Tagung zum KZ und Zuchthaus Sonnenburg 1933-1945 »Erinnerung an Vergangenheit baut gemeinsame Zukunft«, die am 13.9.2013 von der Berliner VVN-BdA in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Słońsk veranstaltet wurde, zustande. Im Januar 2014 fand bereits ein erstes Arbeitstreffen zwischen Hans Coppi und dem zuständigen Staatsanwalt, Janusz Jagiełłowicz, in Gorzów Wielkopolski statt, bei dem die Ermittlungen durch Zeugenbenennung und Dokumente die evtl. als Beweismaterial verwendet werden könnten, unterstützt wurden. Nach Recherchen des Arbeitskreises leben zumindest in Belgien noch zwei ehemalige Gefangene des Zuchthauses Sonnenburg. Dank der Bemühungen der Mitglieder der Arbeitsgruppe und der internationalen Zusammenarbeit konnten Angehörige ehemaliger Häftlinge in Norwegen, Frankreich und Deutschland auswindig gemacht werden. Geplant ist auch die Gründung eines Internationalen Häftlings-Komitees.

Der Arbeitskreis ist auf Unterstützung angewiesen und sucht immer noch Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die die Geschichte des vergessenen KZs und Zuchthauses Sonnenburg aufarbeiten und Słońsk als Ort der gemeinsamen europäischen Erinnerung an den antifaschistischen Widerstand wiederentdecken wollen.

Wir lassen die Arme nicht sinken

14. Mai 2014

Gespräch mit Marília Morais Villaverde Cabral über die Nelkenrevolution in Portugal

 

Ivo Serra: Marília, erzähle uns, wie war jener Tag, der 25. April vor 40 Jahren

Marília Cabral: Vom 25.April zu sprechen ist zugleich leicht und schwer. Leicht, weil wir wissen, was durch den Kampf des Volkes im Bündnis mit der Bewegung der Streitkräfte errungen wurde. Schwer, weil, wer diese Zeit erlebt hat, das Gefühl so großer Freude den neuen Generationen nicht wahrheitsgetreu zu vermitteln vermag. Auf den Straßen wurden Unbekannte zu Freunden, Freunde zu Brüdern. Es war eine Zeit der Tränen, der Umarmungen mit denen, die aus dem Exil zurückkehrten und denen, die aus den Gefängnissen kamen. In jeder Fabrik, an jedem Ort, wo darum gekämpft wurde, das zu erreichen, was man uns jahrelang vorenthalten hatte, war der allgegenwärtige Ruf zu hören » O Povo Unido jamais será vencido!« (Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden). Grândola Vila Morena wurde gesungen, aber jeden Augenblick entstanden immer mehr Lieder. Sogar der Fado war nicht mehr das, was er gewesen war und Ary dos Santos sagte in seinem »Fado Alegre«: »Irgendwann lassen wir die wehmütige Erinnerung und die Tränen zurück und mit einem anderen Fado werden wir im Leben da draußen vom bisherigen Weg abkommen.« Doch der 25. April war viel mehr als das, was ich gesagt habe. Es war eine Zeit übergroßen Glücks. Er war der Morgen, den wir im Kampf für die Freiheit, gegen die Not, gegen die Zensur, gegen den Kolonialkrieg erwarteten. Er war der Morgen, den wir im Kampf dafür erwarteten, dass die Männer und Frauen aus den Gefängnissen kämen, wo sie – oft bis zum Tode – gefoltert wurden.

Gedekveranstaltung am 25. April 2014 in Lissabon

Gedekveranstaltung am 25. April 2014 in Lissabon

Ivo Serra: Wie war das Leben vorher?

Marília Cabral: Man durchlebte harte Zeiten, es waren Zeiten der massenhaften Emigration – mehr als anderthalb Millionen Portugiesen gingen in verschiedene europäische Länder. Es waren Zeiten, die unsere Jugend in die Ferne schickten, wo sie in einem Krieg kämpfen sollte, der nicht der ihre war. Der Kolonialkrieg hinterließ über 10.000 Tote, über 30.000 Verwundete und viele Tausende Opfer unter den Völkern der ehemaligen Kolonien. Es waren Zeiten, in denen Werke von Schriftstellern, Dichtern und Künstlern nicht erscheinen konnten.

Das faschistische Regime, das durch die Macht der großen, mit dem Auslandskapital verbündeten Gruppen der Monopole und Großgrundbesitzer getragen wurde, gründete sich auf eine brutale Ausbeutung der Werktätigen und beruhte auf einer großen ökonomischen und sozialen Rückständigkeit, die dazu führte, dass Portugal zum rückständigsten Land Europas wurde.

Ivo Serra: Und was brachte der 25. April?

Marília Cabral: Die Aprilrevolution öffnete Türen für einen Befreiungsprozess, der – das Volk und die Bewegung der Streitkräfte vereinend – große Transformationen in unserem Land auslöste wie die Nationalisierung von grundlegenden und strategischen Sektoren der Wirtschaft, die Bodenreform und die Unterstützung für die kleineren und mittleren Bauern, Händler und Industrieunternehmer. Die Revolution sanktionierte Rechte der Werktätigen: auf Streik, auf Tarifverträge, auf Gewerkschaftsfreiheit, auf Mindestlohn, auf Arbeitslosenunterstützung, auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Die Revolution proklamierte das Recht auf Gesundheit, auf Bildung, auf die allgemeine Einführung von Renten und Pensionen, die Rechte der Frauen und der Jugend. Die Revolution brachte die Kultur voran und förderte die Alphabetisierung. Die Nelkenrevolution machte ein trauriges und aschgraues Land hell und glücklich.

Marília Morais Villaverde Cabral

Marília Morais Villaverde Cabral

Ivo Serra: Und was bedeutet Dir der 25. April heute?

Marília Cabral: Des April zu gedenken ist eine Form des Kampfes und des Widerstands, eine Demonstration, dass das Volk eine Änderung der Politik fordert, um dieser unerträglichen Verschlechterung der Lebensbedingungen der Millionen von Werktätigen, der Rentner und Pensionäre sowie der Jugend, die sieht, dass ihr Land ihr die Türen zur Zukunft verschließt, ein Ende zu setzen.

Ivo Serra: Wie empfindest Du den Widerstand der Portugiesen gegen die gegenwärtige Austeritätspolitik?

Marília Cabral: Der Weg ist sehr schwer. Aber die Antwort der Werktätigen und der Bevölkerung hat sich im ganzen Land bemerkbar gemacht: Die Kundgebungen gegen die Verarmung des Volkes, die vielfältigen kleinen und mittleren Kämpfe vor den Betrieben zur Verteidigung der Arbeitsplätze, gegen die Schließung von Gesundheitszentren, Schulen und Dienstleistungseinrichtungen im allgemeinen zeigen trotz vieler Schwierigkeiten, dass jemand da ist, der nicht aufgibt und die Arme nicht sinken lässt. Gerade in diesen Situationen ist die Einheit all jener so notwendig, die angesichts dieser ungeheuren Offensive nicht resignieren. Mit ihrer Einheit und der Kraft des Volkes muss der April siegen.

Parade der »Ordnungsboten«

geschrieben von Hans Canjé

13. Mai 2014

Vor 75 Jahren: Francos Mordgehilfen feiern im Berliner Lustgarten

 

Am 6. Juni 1939 paradierten sie im Berliner Lustgarten als »Sieger ins deutsche Land«, die Angehörigen der »Legion Condor«, die das faschistische Deutschland dem spanischen General Francisco Franco zur Hilfe im Kampf gegen den »Weltkommunismus« geschickt hatte. Gegen die – exakter – aus freien Wahlen hervorgegangene republikanische Regierung in Madrid, hatte der General von Marokko aus mit seiner Clique im Juni 1936 geputscht. Es begann das, was in der verfälschenden Geschichtsschreibung »Spanischer Bürgerkrieg« genannt wird. Die faschistischen Regime in Deutschland in Italien waren schnell mit finanzieller Hilfe (Deutschland allein mit über 295 Millionen Dollar), mit Waffen und vor allem mit Söldnern bereit, den Putschisten zum Sieg und an die Macht zu verhelfen.

Am 6. Juni 1939 paradierte die aus Spanien zurückgekehrte Legion Condor im Lustgarten

Am 6. Juni 1939 paradierte die aus Spanien zurückgekehrte Legion Condor im Lustgarten

Für Deutschland tat das die offiziell stets verleugnete »Legion Condor«. Durch regelmäßigen Personalaustausch – die Soldaten dienten in der Regel nicht länger als neun Monate – konnten insgesamt rund 25.000 deutsche Soldaten in Spanien eingesetzt werden. Dank Hitlers Hilfe konnte sich Franc am 1. April 1939 zum Sieger erklären.

An diesem 6. Juni vor 75 Jahren war nun also auch Schluss mit den anonymen Geburtshelfern des Generalisimus Franco. Hitler zeigte Flagge. Aus den Lautsprechern dröhnte die blutrünstige Hymne der »Legion«: »Wir zogen übers weite Meer, ins fremde Spanienland. (…) Hier herrschten Marxisten und Roten, der Pöbel hatte die Macht. Da hat, als der Ordnung Boten, der Deutsche Hilfe gebracht. Wir jagten sie wie eine Herde und der Teufel lachte dazu, die Roten in spanischer Luft und zur Erde, wir ließen sie nirgends in Ruh.«

Die Stadt war fahnengeschmückt; schulfrei war und Hunderttausende, berichten Zeitzeugen, säumten die Straßen. Die Wannseestraße in Zehlendorf erhielt zum Anlass den Namen Spanische Allee, den sie heute immer noch trägt. Vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg begründete Reichsmarschall Hermann Göring nach 1945 die Hilfeleistung des faschistischen Deutschlands »… und hatte auf diese Weise Gelegenheit, im scharfen Schuss zu erproben, ob das Material zweckentsprechend entwickelt wurde. Damit auch das Personal eine gewisse Erfahrung bekam, sorgte ich für einen starken Umlauf, das heißt immer wieder neue hin und die anderen zurück.«

Die in der »Legion Condor« vereinten »Ordnungsboten« hinterließen ihre vernichtenden Spuren ab 1937 u. a. in Madrid, Barcelona, Bilbao Brunete Teruel Ebro-Bogen Bei einem Luftangriff auf Guernica (baskisch Gernika) am 26. April 1937, wurde die religiöse Hauptstadt des Baskenlandes fast vollständig zerstört und etwa 300 Zivilisten wurden getötet Die Legion Condor war auch am Massaker von Málaga beteiligt, bei dem etwa 10.000 Menschen ums Leben kamen.

Drei Monate nach der Heimkehr der Legionäre aus dem »fremden Spanierland« hatte sich am 1.September 1939 das »Personal« der Großdeutschen Wehrmacht, ausgestattet mit »einer gewissen Erfahrung« und ausgerüstet mit dem »im scharfen Schuss erprobtem Material« mit dem Überfall auf Polen zum Marsch aufgemacht, um auf dem ganzen Kontinent als der »Ordnung Boten« zu wirken.

1964 verlautbarte der Führungsstab der Bundeswehr: »Mit der Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg konnte die Wehrmacht Ruhm an ihre Fahnen heften, sich mit dem Siegeslorbeer schmücken und die Überlegenheit deutscher Waffen und Kriegsmaterials beweisen.« Da war es nur logisch, dass Condor-Staffelkapitän Heinz Trettner zum Generalinspekteur der Bundeswehr avancieren konnte und Oberst Werner Mölders, Liebling des Führers und Träger des »Spanien Kreuzes in Gold«, zum Namensgeber der Ausbildungsstätte für den Fliegernachwuchs in Neuburg an der Donau wurde.

Gedenkorte in Europa

geschrieben von Christoph Jetter

13. Mai 2014

Ein Internet-Reisebegleiter zu Orten deutscher Kriegsverbrechen

 

Die Länder Europas entwickelten sich nach dem Zweiten Weltkrieg und nach den Jahrzehnten des Kalten Krieges – wenn wir von den Balkankriegen nach der Zerschlagung Jugoslawiens in den 1990er Jahren einmal absehen – zu einem Kontinent weitgehend friedlichen Zusammenlebens. So geht die gängige, inzwischen oft schon beschwörende Erzählung über den Verbund der in der EU verei-nigten Nationalstaaten, nachdem ganze Länder und deren Bevölkerung auf dramatische Weise von den Folgen neoliberaler Politik und rücksichtslosem Finanzkapitalismus erschüttert werden. Hinzu kommt: Regierungen und Institutionen dieses Euro-pa missachten seit Jahren mit rigider Abwehr von Flüchtlingen fundamentale Menschenrechte, während in fast allen EU-Staaten Fremdenfeindlichkeit zunimmt, meist im Zusammenspiel mit dem Aufschwung rechtsradikaler und nationalistischer Gruppierungen.

Das Europa dieser Gegenwart bleibt jedoch auch 70 Jahre nach der Niederwerfung des deutschen und italienischen Faschismus immer noch gezeichnet von den Verwüstungen, die Nazideutschland während des Eroberungskrieges 1939-1945 in den damals besetzten Ländern hinterlassen hat. Die den Völkern, ihrer Kultur, ihrer Wirtschaft und den Menschen dieser Nachbarländer zugefügten Wunden sind längst nicht verheilt, auch wenn das erlebte Grauen Jahrzehnte zurück liegt. Oberflächlich vielleicht verheilt, schmerzen die Wunden und deren Missachtung durch die frühere Besatzungsmacht Deutschland nach wie vor, wie die Berichterstattung zum Besuch des deutschen Bundespräsidenten im nordgriechischen Dorf Lyngiades wenigstens ein paar Tage lang erahnen ließ. Das erlittene Unrecht, die Auslöschung ganzer Familien und Dörfer bleiben vor Ort im kollektiven Gedächtnis eingegraben. Reisende aus Deutschland allerdings nehmen diese Schreckensorte selten wahr, auch wenn deren Namen und Geschichte bisweilen die öffentliche Aufmerksamkeit erreichen – das französische Oradour sur Glane oder Distomo in Griechenland, beide vor 70 Jahren, am gleichen 10. Juni 1944 niedergemacht, Marzabotto bei Bologna, die Ardeatinischen Höhlen bei Rom.

Die »kleinen« oder auch »großen« Orte deutscher Kriegsschandtaten – ein Weiler im Apennin, ein Städtchen in der Bretagne – erfahren allenfalls per Zufall die Aufmerksamkeit von Besuchern oder von Medien. In den ehemals okkupierten Ländern hingegen wird an vielen Gedenkorten, in lokalen Museen und in nationalen Gedenkstätten der Verbrechen der deutschen Besatzungsmacht gedacht. Sie erinnern an Lager, Deportationen, Zwangsarbeit und Massaker an der Zivilbevölkerung, sie erinnern an den unter schweren Opfern geleisteten politischen und militärischen Widerstand, der wesentlich zur Befreiung beigetragen hat.

Die vom »Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945« (Frankfurt am Main) im Januar 2013 publizierte, seither mehrfach erweiterte Homepage »Gedenkorte Europa 1939-1945« (www.gedenkorte-europa.eu) wurde durch finanzielle Förderung der Otto-Brenner-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung, nicht zuletzt durch private Spenden ermöglicht. Sie will – beginnend mit Frankreich und Italien – Reisende auf möglichst viele dieser Orte, auf die Kriegsverbrechen und den Widerstand von damals aufmerksam machen. Neben bekannten Namen nennt das Internetportal inzwischen über Tausend Gedenkorte. Eine Erweiterung um die ehemals besetzten Länder Griechenland, Litauen und Polen ist in Vorbereitung.

Eine interaktive Landkarte und Wegbeschreibungen erleichtern den Besuch auch abgelegener Orte. Mehrere hundert Kurzbiografien von Widerstandsangehörigen, von Opfern und Tätern und ausführliche Sachstichworte erschließen einen zusätzlichen Zugang zur Geschichte der Okkupationsjahre während des Zweiten Weltkriegs. Dem Land und den einzelnen Gedenkorten zugeordnete Literatur- und Medienhinweise ermöglichen vertiefte Informationen.

Kirche vor der Entscheidung

geschrieben von Heinrich Fink

13. Mai 2014

Vor 80 Jahren entstand die Bekennende Kirche in Deutschland

 

Am Ende des Ersten Weltkriegs den Krieg, den Kaiser und dazu das Vorrecht, »Staatsreligion« zu sein, zu verlieren, war für Hierarchie und Christen in Deutschland zu viel. Wie weiter? Dass die Kirchen sich nicht nach Demokratie sehnten, wird besonders daran deutlich, dass sie gegen die Enteignung der Vermögen von Kaiserhaus und Fürsten stimmten. Aber noch deutlicher wurde es an dem leidenschaftlich ausgetragenen Flaggenstreit. Unbeirrt hatten die Kirchen die Fahnen ihrer Monarchen geflaggt. Nun blieben die Fahnenstangen leer, weil die Fahnen der Republik nicht auf und an kirchlichen Gebäuden hängen durften. Deshalb erfanden die Protestanten eine weiße Fahne mit lila Kreuz als öffentlichen Beweis dafür, dass Christen die Religions- und Kirchendistanz der Weimarer Republik nicht akzeptierten. Aber leider reagierten dann allzu viele Christen auf die listigen Locksätze der »Nationalsozialisten«, die »positives Christentum«, Rückbesinnung auf »deutschen Geist und deutsche Seele« und einen die arische Rasse schützenden Abstand gegen Juden propagierten. Darum reagierte die Mehrheit der Christen verständnislos-ärgerlich auf die von Pastor Georg Fritsche schon am 7. September 1932 mit seiner kleinen Schar religiöser Sozialisten veröffentlichen Zeitungsartikel und Flugblätter »… was wollen die Faschisten in der Kirche? … Sie werden vom Evangelium reden, aber sie meinen damit ihr eigenes Evangelium, das des Raffhochmutes, der brutalen Vergewaltigung jeder anderen Meinung, der Verherrlichung des Kriegsgeistes und der militärischen Aufrüstung. Sie haben das Kreuz Christi verzerrt zum Hakenkreuz … So streckt Hitler seine Hände nach der evangelischen Kirche aus wie nach einer sicheren Beute und fühlt sich schon jetzt als der zukünftige Herr der Kirche.«

Karikatur aus Hans Prolingheuer: Kleine politische Kirchengeschichte. 50 Jahre evangelischer Kirchenkampf, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln, 1984

Karikatur aus Hans Prolingheuer: Kleine politische Kirchengeschichte. 50 Jahre evangelischer Kirchenkampf, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln, 1984

Am 9. September 1932 erkannte der evangelische Oberkirchenrat-Berlin die faschistischen »Deutschen Christen« als offizielle Kirchenpartei für die in Preußen für November 1932 festgesetzten Kirchenwahlen an. »Damit waren Rassenwahn, Ausschaltung der Juden, Terror und Gewaltanwendung höchst kirchenamtlich für wählbar erklärt.«

Die »Deutschen Christen« erzielten ein Drittel aller Plätze.

Den Höhepunkt dieser Selbsttäuschung bildete der festliche Staatsakt in der Potsdamer Garnisonkirche zur Eröffnung des Reichstags am 21. März 1933 mit der Predigt von Generalsuperintendent Otto Dibelius. Der Reichskanzler erklärte vor dem Altar programmatisch, was in der Kirchenzeitung begeistert begrüßt wurde: »Mit der Regierung ist das ganze deutsche Volk im Geist an die doppelt geheiligte Stätte getreten, um Gottes und der Geschichte Stimme zu vernehmen. Wir wollen dankbar sein, dass wir eine Führung haben, die sich an dieser Stätte für ihr schweres Amt zurüsten lässt.«

Die Kirchenleitung wehrte sich lediglich dagegen, dass der Reichstag wegen der Zerstörung des Preußischen Reichstagsgebäudes in Berlin ständig in der Garnisonkirche tagen sollte. Schon am 13. November fand dann die fatale Veranstaltung der »Deutschen Christen« im Sportpalast statt, auf der Pfarrer Krause das »Alte Testament« offiziell als Buch »jüdischer Zuhälter« diffamierte. Und deshalb müsse sich die deutsche Volkskirche von diesem Buch befreien. In den ersten Wochen seiner Regierung warben Hitler und seine Parteigänger nachdrücklich um die Christen.

Endlich wurden aber auch Stimmen des Widerspruchs in der Kirche laut. Die wesentliche Hilfe leistete der Schweizer Karl Barth. Er veröffentlichte einen ausführlichen kritischen Artikel »Theologische Existenz heute«. Nein, war sein Urteil: Das ist Verrat. Als die »neue altpreußische Synode« am 6. September die Einführung des »Arierparagraphen« beschloss und damit die Taufe als alleiniges Kriterium für Kirchenmitgliedschaft aufgab, war das der öffentliche Auslöser für einen Kirchenkampf. Allerdings nur um innerkirchliche Probleme. Bis Ende 1933 schlossen sich über 6.000, das heißt ein Drittel aller deutschen Pastoren dem von Martin Niemöller gegründeten Pfarrernotbund an. Sie protestierten zunächst nur gegen die Kirchenpolitik der Deutschen Christen. Das war keine antifaschistische Aktion, aber ein deutlicher öffentlicher Protest. Zwei Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges versammelten sich im Sommer 1934 in Barmen Pfarrer in der gemeinsamen Absicht, die Gründung einer »bekennenden Kirche« zu riskieren. Die unter Federführung von Karl Barth formulierten sechs Thesen wurden erstmals in der Geschichte der Kirche gemeinsam von Reformierten, Unierten und Lutheranern als »evangelische Wahrheiten« anerkannt. Damit war eine Trennung von der offiziellen Kirche konstatiert, die meinte, dass sie sich zum Schutz vor liberaler und sozialistischer Weltanschauung mit der faschistischen Politik und Weltanschauung verbünden dürfe. Die nationalsozialistische Politik erklärte von dieser Synode an die Vertreter der Bekennenden Kirche zu Staatsfeinden. Mit der Bekennenden Kirche, die keine Staatsreligion war, bekam die reformatorische Bezeichnung »Protestanten« eine neue Bedeutung in Deutschland.

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