»Alternative« unter der Lupe

geschrieben von Axel Holz

23. Januar 2014

Schließt AfD eine rechtspopulistische Lücke?

Die Einschätzung der AfD durch Experten ist bisher nicht eindeutig, weil die Partei sich noch in einer Konsolidierungsphase befindet und ihre Inhalte nicht nur mit einem knappen Papier zur Bundestagswahl dürftig ausgefallen sind, sondern zumindest auch bis zu ihrem Bundesparteitag im Januar 2014 inhaltlich unbestimmt bleiben. Die Arbeit an einem Programm stürze die Partei in handfeste Tumulte, kommentiert die Frankfurter Rundschau am 30. November. Deshalb ist die Analyse des Rechtspopulismusforschers Alexander Häusler im Auftrag der Böll-Stiftung umso wichtiger, weil er den prägenden Einfluss und die Bedeutung rechtspopulistischer, rechtskonservativer und marktradikaler Vorstellungen in der AfD herausarbeitet. Nach seiner Meinung könne die Afd die rechtspopulistische Lücke in Deutschland schließen, wie es Rechtspopulisten in Frankreich, Holland oder Österreich gelungen sei. Häusler untersucht in der Analyse den politischen Entstehungskontext der Afd in seinen Vorläuferorganisationen »Wahlalternative 2013« und »Zivile Koalition«. Systematisch analysiert der Experte Struktur, Aufbau, Programm und Führungspersonal vor der Bundestagswahl und die Reaktionen des rechtskonservativen und neofaschistischen Spektrums nach der Wahl. Trotz aller Bekundungen der Partei, weder rechts noch links zu sein, legt Alexander Häusler offen, dass die Partei über Personal verfügt, das bei »Die Republikaner« oder »Die Freiheit« aktiv war, Mitglied in Burschenschaften oder verbunden mit rechten Zeitschriften ist.

Die »Alternative für Deutschland« – eine neue rechtspopulistische Partei? Materialien und Deutungen zur vertiefenden Auseinandersetzung, Fachhochschule Düsseldorf, Alexander Häusler u.a., Hrsg. Heinrich Böll Stiftung NRW, September 2013, PDF unter: http://www.boell-nrw.de/downloads/AFD_Studie_FORENA_HBS_NRW.pdf

Die »Alternative für Deutschland« – eine neue rechtspopulistische Partei? Materialien und Deutungen zur vertiefenden Auseinandersetzung, Fachhochschule Düsseldorf, Alexander Häusler u.a., Hrsg. Heinrich Böll Stiftung NRW, September 2013, PDF unter: http://www.boell-nrw.de/downloads/AFD_Studie_FORENA_HBS_NRW.pdf

Häusler stellt fest, dass Euro-Skepsis allein noch keinen Rückschluss auf Rechtslastigkeit erlaube. Erst durch das Zusammenkommen von EU- und eurokritischen Positionen mit nationalistischen und wohlstandschauvinistischen Auffassungen sowie diskriminierenden Zuschreibungen, sei eine rechtspopulistische Klassifizierung gerechtfertigt. Auch Gerd Wiegel von der Partei die Linke warnt im »Rechten Rand« davor, die AfD als Nazi-Partei zu verkennen und das Tabu der Rechten damit zu schleifen. Er hebt hervor, dass sich Teile der neuen Rechten bereits heute positiv auf die AfD bezögen. Ob die AfD eine rechtskonservative, aber demokratische Partei bleibe oder in Richtung extreme Rechte tendiere, hänge davon ab, ob sich die AfD dem im Rechtspopulismus vorherrschenden Antiislamismus, einer Ethnisierung der sozialen Frage und einem völkischen Verständnis der Nation nähere. Mit 340.000 Stimmen hatte die Linke hinter der FDP die zweitmeisten Stimmen an die AfD verloren. Gerd Wiegel betont deshalb den Unterschied der linken EU-Kritik. Hinter der Schuldzuweisung der AfD an EU und Brüssel bleibe verborgen, dass die EU-Politik maßgeblich durch Deutschland dominiert werde und deutsche Kapitalfraktionen in hohem Maße für die Krise Verantwortung trügen.

Deutliche Unterschiede in der politischen Stoßrichtung von Rechtsextremismus und Rechtspopulismus zeichnet auch Alexander Häusler. Während die NPD »nationalrevolutionär«, offen neonazistisch und gewaltorientiert sei, verlagere die AfD den politischen Diskurs nach rechts unter populistischen Vorzeichen innerhalb des demokratischen Gefüges. »Liberale AfD-Politiker wollen die FDP ersetzen« titelte spiegel-online und blickte dabei auf die in Aussicht gestellte Vereinfachung des Steuerrechts, die Ablehnung des Mindestlohns und die vermeintliche Orientierung auf das Individuum.

Abgrenzungsbestrebungen nach rechts außen

Rechtspopulistischer Anwürfe werden von der AfD bisher entschieden abgewiesen. Der Chef der rechtspopulistischen Partei »Die Freiheit« René Stadtkewitz erklärte, dass die Positionen von »Die Freiheit« mit denen der AfD zu 90 Prozent übereinstimmten. Mittlerweile ist »Die Freiheit« nur noch in Bayern aktiv und ihre Akteure wurden weitgehend in die AfD integriert. Importiert wurde damit die typische Islamfeindlichkeit rechtspopulistischer Bewegungen. Im Verlaufe des Wahlkampfes hatte sich die AfD immer wieder von den Akteuren von »Die Freiheit« distanziert und bei Übertritten Einzelfallprüfungen angekündigt. Noch in der Ausgabe 42-2013 der Zeitung der neuen Rechten »Junge Freiheit« grenzte sich die AfD nach der Bundestagswahl von »Die Freiheit« ab. Aber schon eine Woche später hieß es in derselben Zeitung, Parteichef Lucke gehe auf ehemalige Mitglieder der Freiheit zu. Einige haben bereits starken Einfluss in Landesverbänden der AfD gewonnen und wurden in Ländern wie in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg in die Landesvorstände der AfD gewählt. Noch im Oktober hatte sich Lucke gegen den Rechtspopulismusvorwurf von Bundespräsident Joachim Gauck bei einer Diskussionsveranstaltung mit dem polnischen Staatspräsidenten Bronislaw Komorowski an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) gewehrt. AfD-Chef Lucke hatte Gaucks Bemerkung als einen »Verstoß gegen die Neutralitätspflicht des Bundespräsidenten« zurückgewiesen. Darauf sprach Gauck von einem Missverständnis: Er habe die AfD »nicht in Verbindung mit Rechtsextremismus und Populismus gebracht«, hieß es in der Süddeutschen Zeitung dazu.

Auffällig ist, dass die AfD als relativ junge Partei vor der Wahl in nahezu alle großen Fernseh-Talkshows eingeladen wurde, in Spiegel und Focus hofiert und in der Presse meist gut bedient wurde. Anders als die NPD, die von Parteien, Medien und namhaften Wirtschaftskreisen gemieden wird, hat die AfD offensichtlich wirksame Kontakte in der Medienlandschaft und wird offen vom Mittelstand und von Familienunternehmen unterstützt, stellt Andreas Kemper in seinem Buch »Rechte Euro-Rebellen« fest. Als symptomatisch zitiert er einen Facebook-Eintrag, in dem die AfD als »atmende Partei« beschrieben wird, die die millionenschweren Think Tanks des Neoliberalismus als Lungen habe. In die Vorgängerorganisationen Wahlalternative 2013, Bund freier Bürger und BügerKonvent waren Millionenspenden geflossen, sechs Millionen allein vom Milliardär August von Finck für eine Kampagne des Bürgerkonvents. In dessen Vorstand sitzen mit Beatrix von Storch, Vera Lengsfeld und Peter Krause Vertreterinnen des Netzwerkes um die Zivile Koalition e.V., erläutert Kemper. Vera Lengsfeld, die ehemalige Bürgerrechtlerin aus der DDR, ist im Netzwerk Sprecherin der Initiative Bürgerecht Direkte Demokratie. Anders als in vorangegangenen rechtspopulistischen Parteien sei die AfD nicht nur ein Sammelbecken für rechtskonservative und nationalistische Interessen, sondern vertrete die Interessen einer bestimmten Kapital-Fraktion, bewertet Kemper. Eine Fraktion mit wirtschaftlichem Rückgrat, politischem Netzwerk und medialer Verankerung könnte man hinzufügen. Auch die Zusammensetzung der Partei-Spitze spricht für sich. »Professoren- und Adels-Partei« wird sie nicht zufällig genannt. Hinter Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke steht ein ganzes Arsenal an geballter marktradikaler Intellektualität, das sich bei den Münchner Wirtschaftsgesprächen regelmäßig trifft. Mit Beatrix von Storch als Mitbegründerin der Vorgängerorganisation zivile Koalition e.V. findet sich eine repräsentative Vertreterin des Adelsgeschlechts, das in den 90er Jahren Ländereien aus den neuen Bundesländern zurückforderte, die per Einigungsvertrag unantastbar sind.

»Wir sind nicht das Weltsozialamt«

Bezeichnend für die Demokratieauffassung in der AfD sind eine Reihe von Konzepten im AfD-Umfeld, mit denen das allgemeine Wahlrecht zu Gunsten des gut verdienenden Mittelstandes aufgelöst werden soll. Die Alternativen zur Demokratie reichen von Direktwahlen der Ministerpräsidentinnen (Konvent für Deutschland), der Einschränkung des aktiven oder passiven Wahlrechts für Arbeitslose (Vaubel) bis zur Schaffung einer »echten« Monarchie (Albrecht/Krause) hinter die demokratischen Errungenschaften der bürgerlichen Revolution von 1918 zurück. Konrad Adam forderte 2005 die Einführung des Mehrheitswahlrechts, um gegen den Linkstrend stabile politische Mehrheiten herstellen zu können.

Bisher ist die AfD neben eurokritischen Positionen auch durch sozialchauvinistische Einflüsse aufgefallen. »Keine Einwanderung in unsere Sozialsysteme« war der Slogan der AfD auf den Bundestagswahlplakaten, mit denen Stimmung gegen Asylrecht, Zuwanderung und Migration gemacht wurde. Allein im geforderten Arbeitsrecht für Asylbewerber unterscheidet sich die AfD in ihren Asyl-Vorurteilen von der NPD. Auffällig sind in den Interviews mit AfD-Funktionären Bemerkungen wie »Wir sind nicht das Weltsozialamt«, die Abwertung anderer Nationen in der Finanzkrise oder das Gerede von der »Musterintegration« Einzelner, das die grundsätzliche Integrationsfähigkeit der Einwanderer in Frage stellt.

Für Teile der Mitglieder rechter Parteien und die neue Rechte mit ihrem Sprachrohr »Junge Freiheit« ist die AfD eine erfolgversprechende »Alternative« und »Hoffnungsträger« einer immer noch erfolglosen nationalistischen Rechten. Experten sehen die AfD mit ihren wohlstandschauvinistischen und neoliberalen Einflüssen auf der politischen Skala rechts von der Union mit rechtspopulistischer Ausrichtung.

»Noch in Gründung«

23. Januar 2014

antifa-Gespräch mit Prof. Dr. Richard Stöss

 

antifa: 4,7 Prozent für die AfD bei der Bundestagswahl. Ein starkes Signal für die Rechte?

Richard Stöss: Das Wahlergebnis der AfD signalisiert zunächst einmal erhebliche Legitimations- und Integrationsdefizite der etablierten Parteien. Es waren vor allem ehemalige Wähler der FDP, der Linken und der Unionsparteien sowie ehemalige Nichtwähler, die der AfD ihre Stimme gegeben haben. Ursächlich dafür dürften in erster Linie die verbreitete Unzufriedenheit mit dem Zustand und mit den Folgen (v.a. Migration) der europäischen Integration sowie Kritik an der Rettungspolitik des Euro gewesen sein. Die bestehenden Rechtsaußen-Parteien (NPD, REP, Pro Deutschland, Die Rechte) waren nicht in der Lage, dieses Potenzial mit ihrer mehr oder weniger völkischen und/oder nationalistischen Programmatik anzusprechen. Das Wahlergebnis der AfD signalisiert daher auch, dass am rechten Rand des politischen Systems der Bundesrepublik – jedenfalls auf der nationalen Ebene – eher gemäßigte Positionen auf Erfolg hoffen können.

Richard Stöss, Parteienforscher und Rechtsextremismusexperte an der Freien Universität Berlin

Richard Stöss, Parteienforscher und Rechtsextremismusexperte an der Freien Universität Berlin

antifa: Rechtsextrem, rechtsradikal, rechtskonservativ – wo steht die AfD?

Richard Stöss: Die Gründungsphase der Partei ist noch längst nicht abgeschlossen. Vieles ist noch in Bewegung und daher ist nur eine vorläufige Antwort möglich. Nach meinem Verständnis handelt es sich bei der AfD im Großen und Ganzen um eine rechts- bzw. nationalkonservative Partei mit starken neoliberalen Tendenzen. Diese Einschätzung basiert auf der Programmatik der AfD und auf Äußerungen von führenden Parteifunktionären. Über die politischen Vorstellungen (z.B. Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus oder Antiislamismus) der mittleren Funktionärsschicht oder der »einfachen« Parteimitglieder ist so gut wie nichts bekannt. Die Gruppe um den Bundesvorsitzenden Bernd Lucke ist zwar um konsequente Abgrenzung gegenüber rechtsradikalen und rechtsextremen Kräften bemüht, stößt damit aber innerparteilich nicht nur auf Zustimmung. Im Übrigen ist die Zentrale auch gar nicht in der Lage, alle Eintritte auf Kreis- oder Landesebene politisch zu kontrollieren bzw. zu steuern.

antifa: Dennoch waren deutliche wohlstandschauvinistische Untertöne mit den Pro-D-Mark-Forderungen und der sozialdarwinistischen Rhetorik gegen sozial Schwache im AfD-Wahlkampf nicht zu überhören. Öffnet sich mit der AfD eine neue Chance für die deutsche Rechte?

Richard Stöss: Der rechte Rand unseres politischen Systems reicht vom Rechtskonservatismus über den Rechtsradikalismus bis hin zum Rechtsextremismus. Er ist in sich ideologisch außerordentlich heterogen und organisatorisch völlig zersplittert. Anstatt die Einheit auf der Grundlage des kleinsten gemeinsamen Nenners zu suchen (Begrenzung bzw. Regulierung der Immigration, Rückbau der EU, nachhaltige Gewährleistung von »Law and Order«) kämpfte bisher Jeder gegen Jeden. Die Erfahrung lehrt, dass ein (potenzielles) Erfolgsmodell zumeist nicht als nachahmenswertes Vorbild sondern als unerwünschte, angeblich die »reine Lehre« missachtende, Konkurrenz betrachtet wird. Eine häufige Reaktion bestand in der Vergangenheit darin, derartige Gruppierungen per Unterwanderung entweder komplett zu übernehmen und auf den vermeintlich rechten ideologischen Weg zu bringen oder sie durch die gezielte Anzettelung von innerparteilichen Konflikten zu schwächen oder sogar aufzuspalten. Dass die Erfolgsaussichten der AfD geeignet wären, nunmehr ein Umdenken innerhalb des rechten Randes im Sinne eines Minimalkonsenses zu bewirken, erscheint mir wenig realistisch.

antifa: Ist die AfD gekommen, um zu bleiben?

Richard Stöss: Der Erfolg von neuen Parteien hängt nicht nur von ihrem personellen und programmatischen Angebot und der diesbezüglichen Nachfrage auf dem Wählermarkt ab sondern auch vom Zustand der politischen Kultur insgesamt und der Integrationskraft der bestehenden Parteien. Die AfD wird sich im Parteienwettbewerb nur dann behaupten können, wenn es den pro-europäischen Kräften nicht gelingt, die Bevölkerung von der Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit eines humanen, demokratischen, sozialen und solidarischen Europa zu überzeugen.

antifa: Welche Streitpunkte und Konfliktlinien bestehen innerhalb der Partei?

Richard Stöss: Der Hauptkonflikt dürfte gegenwärtig zwischen neoliberalen und wertkonservativen Kräften bestehen. Ersteren geht es vor allem um makroökonomische und finanzwirtschaftliche Probleme mit Blick auf die EU und den Euro. Es handelt sich um die betont neoliberal ausgerichtete Gruppe um Bernd Lucke. Die Wertkonservativen werden insbesondere durch Konrad Adam, Alexander Gauland und Joachim Starbatty repräsentiert. Ihnen geht es nicht nur um die – wie es im Wahlprogramm heißt – »geordnete Auflösung des Euro-Währungsgebietes«, sondern darüber hinaus um ein »Europa souveräner Staaten«. Damit soll wohl an de Gaulles Konzept eines »Europas der Vaterländer« angeknüpft werden. Jedenfalls liegt den Wertkonservativen die nationale Identität der Deutschen sehr am Herzen, womit dann auch die Forderung nach einer restriktiven Einwanderungspolitik korrespondiert. Wohlgemerkt handelt es sich dabei nicht um rechtsradikale und schon gar nicht um rechtsextreme Positionen. Aber sie bieten Anknüpfungspunkte für Personen mit fremdenfeindlichen oder gar rassistischen Einstellungen. Damit zeichnet sich eine weitere Konfliktlinie ab, nämlich zwischen rechtskonservativen und extrem rechten Kräften. Der Zustrom von ehemaligen Mitgliedern der Partei »Die Freiheit« von René Stadtkewitz dürfte nur der Anfang ein. Je erfolgreicher die Entwicklung der AfD verläuft, desto bedeutsamer dürfte diese Konfliktlinie werden.

antifa: Die AfD hat einen flächendeckenden Wahlkampf in der gesamten Bundesrepublik durchführen können. Die reinste Materialschlacht. So etwas kostet. Wer finanziert die AfD?

Richard Stöss: Über die Finanzierung der AfD liegen keine gesicherten Informationen vor. Pressemeldungen war zu entnehmen, dass die Partei etwa 2,7 Millionen Euro Spenden für den Bundestagswahlkampf erhalten hat. Zudem war von einem zinsgünstigen Darlehen über eine Million Euro von einem sympathisierenden Unternehmer die Rede. Schließlich dürfte es sich bei den Mitgliedern und Sympathisanten der Partei weithin um wohlsituierte Personen handeln. Für 2014 erwartet die AfD etwa zwei Millionen Euro als staatliche Wahlkampfkostenerstattung. Finanziell dürfte sie daher über ein stabiles Fundament verfügen, was möglicherweise aber auch Begehrlichkeiten Außenstehender weckt.

antifa: In ganz Europa erstarken derzeit rechtspopulistische, teilweise sogar neofaschistische Parteien. Schwimmt die AfD auf diesem Trend mit?

Richard Stöss: Euroskeptizismus ist in allen Staaten Europas mehr oder weniger weit verbreitet. Er verbindet sich oft mit nationalistischen und fremdenfeindlichen, oft sogar mit völkischen Einstellungen. Davon profitieren in Deutschland – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – alle Parteien am rechten Rand. Die AfD bedient diese Mentalitäten aus den genannten Gründen zwar deutlich weniger als die NPD oder die PRO-Gruppierungen. Aber sie dürfte vielfach bei Wahlen als »kleineres Übel« präferiert werden, weil sie keinerlei Affinitäten zu deutschnationalen oder gar nationalsozialistischen Traditionen aufweist und dennoch als gleichsam seriöse Fundamentalopposition gegen das pro-europäische Establishment wahrgenommen wird.

antifa: Wie schätzen Sie derzeit die Chancen der AfD für die Europawahlen im Mai 2014 ein?

Richard Stöss: Im Europawahlkampf wird sich der Wettbewerb am rechten Rand vermutlich zwischen »weichen« EU-Skeptikern (AfD) und »harten« EU-Gegnern (NPD) abspielen. Dass die AfD die Drei-Prozent-Marke deutlich reißt, muss aus heutiger Sicht befürchtet werden. Ob die NPD diese Hürde überwindet, ist derzeit noch wegen ihrer desolaten inneren Situation fraglich. Überhaupt ist noch offen, ob die Drei-Prozent-Klausel Bestand vor dem Bundesverfassungsgericht hat. Entscheidend dürfte auch sein, wie sich die REP und die PRO-Gruppierungen verhalten.

antifa: Ein Tipp für die Politik: Wie sollte der AfD sinnvollerweise Paroli geboten werden?

Richard Stöss: Erstens müssen sich die pro-europäischen Parteien endlich offensiv auch mit den – teilweise durchaus nachvollziehbaren – Ängsten vor negativen ökonomischen und sozialen Begleiterscheinungen der europäischen Integration auseinandersetzen und Vorteile und Grenzen einer solidarischen europäischen Gemeinschaft diskutieren, in der die Starken die Schwachen zum Wohle Aller unterstützen. Gleichzeitig bedarf es zweitens einer intensiven geistig-politischen Auseinandersetzung mit völkisch-nationalistischen Einstellungen und Verhaltensweisen, an der sich alle gesellschaftlichen Gruppen mit massiver ideeller und finanzieller Unterstützung des Staates beteiligen.

Die Fragen stellte Martin Schirdewan

Länderseiten Januar/Februar 2014

23. Januar 2014

Hier finden Sie Berichte und Nachrichten aus den Landesvereinigungen Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen:

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Eine politische Lüge

geschrieben von Dr. Jakob Heinz, Schwerin

23. Januar 2014

Zum »Spezial« der antifa November/Dezember

In der antifa November/Dezember 2013 wird auf der Seite10 berichtet, dass nach Aussagen der Außenamtsstaatssekretärin Cornelia Pieper die Bundesregierung eine Beteiligung an den Kosten der geplanten Gedenkstätte in Sobibor ablehnt, da dort »keine deutschen Juden« vergast wurden. Doch es gibt Publikationen, die das Gegenteil belegen. In dem Buch »Der Ort des Terrors« von Barbara Distel, das im Verlag C. H. Beck erschienen ist, heißt es auf S. 380: »Mindestens 10.000 deutsche und österreichische Juden wurden zwischen April und Juni 1942 in Sobibor ermordet.« Auf Seite 376 schreibt Barbara Distel: »In den Todeslagern von Belzec, Sobibor und Treblinka wurden dann in einem Zeitraum von 21 Monaten 1,75 2 Millionen Menschen ermordet. Die Zahl der Opfer in Sobibor wird auf 150.000 – 200.000 Menschen geschätzt. Eine genauere Bestimmung der Zahl ist nicht mehr möglich, da alle schriftlichen Unterlagen vernichtet wurden. Die Schätzung beruht auf der Rekonstruktion der Transporte bzw. Aussagen polnischer Eisenbahnbeamter. In Sobibor wurden vermutlich ausschließlich Juden ermordet. Neben der Mehrzahl polnischer Staatsbürger waren es Holländer, Deutsche, Franzosen, Tschechen, Slowaken und sowjetische Bürger.

Eine andere Quelle ist das Buch »Ausgrenzung, Vertreibung, Vernichtung. Juden in Schwerin 1933-1945«, 1995 herausgegeben vom Historischen Museum Schwerin. Darin schreibt Bernd Kasten, Direktor des Schweriner Stadtarchivs aus Seite 49: »Dr. Otto Rosenbaum, geboren 1875 in Schwerin, Arzt, wurde am 8. Oktober 1934 zum Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde gewählt. Entzug der Approbation am 30.9.1938, August 1939 Emigration nach Holland, 1943 Deportation von Holland nach Sobibor.« Stephanie Rosenbaum, die Ehefrau von Dr. Rosenbaum, ist ebenfalls 1943 mit ihrem Mann aus Holland nach Sobibor deportiert worden.

Ich wollte Ihnen diese Fakten mitteilen die vielleicht helfen könnten, die Behauptungen der Staatssekretärin Cornelia Pieper zu widerlegen.

Ratschlag gegen Rechts

23. Januar 2014

Am 28. Februar und 1. März 2014 wird in Schwerin der nächste »Ratschlag gegen Rechts« stattfinden. Der Ratschlag ist eine Veranstaltungsreihe des Arbeitskreises Antirassismus/Antifaschismus des Landesbezirksvorstandes ver.di Nord.  Diese Veranstaltung steht unter dem Motto: »Rassistische Gewalt und Nazi-Terror. Demokratiegefährdung- Ausblick und Gegenwehr«. Welche Folgen ergeben sich aus dem NSU-Skandal, wie sehen die neofaschistischen Organisationsstrukturen in Norddeutschland aus, welche erfolgreichen Strategien gegen Rechts gibt es im Alltag und im Betrieb?  Diese Fragen wollen wir mit allen Interessierten und Aktiven, insbesondere auch mit Betriebs-und Personalräten diskutieren.  Neben zahlreichen Experten werden Prof. Dr. Hajo Funke als Referent sowie die Politiker Hans-Christian Ströbele und  Bodo Ramelow im Podium erwartet. Der Journalist Ulrich Chaussy wird am Abend den neuen Spielfilm »Der blinde Fleck« über das Oktoberfestattentat präsentieren. In einem word-Cafe werden Strategien gegen Rechts im Alltag und im Betrieb besprochen. Anmeldungen für Interessierte und die Buchung kostenfreier Übernachtungen für ver.di-Mitglieder sind bis zum 14. Februar 2014 möglich unter andrea.siegert@verdi.de.

Ein aufrechter Mann

geschrieben von Raimund Gaebelein

15. Januar 2014

Bremen würdigt die Lebensleistung von Willi Meyer-Buer

Der Weg entlang Bremens Wallgraben unweit der Kunsthalle und des Goethe-Theaters soll künftig den Namen Willi Meyer-Buers tragen, beschloss Bremens Beirat Mitte am 4. November 2013. Ausschlaggebend für die einstimmige Entscheidung war seine Lebensleistung, sein antifaschistischer Widerstand, die zweimalige Verurteilung und KZ-Haft und sein wiederholter Einsatz zur Rettung von Menschenleben. Die Würdigung gilt auch als späte Wiedergutmachung seiner erneuten Verurteilung im Jahr 1963.

Willi Meyer-Buers Erinnerungen erschienen 16 Jahre nach seinem Tod im Mai 2013 im Neue Impulse Verlag Essen unter dem Titel »Erinnerungen. Der verlorene Kampf … aber er war nicht vergebens« ISBN 978-3-910080-79-9 (EUR 19,80)

Willi Meyer-Buers Erinnerungen erschienen 16 Jahre nach seinem Tod im Mai 2013 im Neue Impulse Verlag Essen unter dem Titel »Erinnerungen. Der verlorene Kampf … aber er war nicht vergebens« ISBN 978-3-910080-79-9 (EUR 19,80)

Am 30. April 1911 wurde Willi Meyer-Buer als Sohn eines Bergwerksbeamten in Gelsenkirchen-Buer geboren, der Vater arbeitete auf der Schachtanlage EWALD III/IV in Buer-Resse. Willi Meyer-Buer absolvierte eine kaufmännische Lehre, wurde Mitglied im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) und 1931 der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Am 19. Oktober 1933 wurde er verhaftet, die Vernehmung abgebrochen, da er dem Sachverhalt nicht mehr folgen konnte. Bei der erneuten Vernehmung sprang Willi Meyer-Buer aus dem Fenster, blieb acht Meter tiefer bewusstlos auf dem Gefängnishof liegen, erlitt schwere innere Verletzungen. Polizeivermerk vom 2. November 1933: »Bei den stattgefundenen Gegenüberstellungen wollte er keine Person kennen und leugnete alles ab. Um seine Genossen nicht zu verraten, hat er einen Fluchtversuch unternommen…«

Nach drei Verhandlungstagen wurde er am 26. Oktober 1934 vom Oberlandesgericht Hamm zu 2 Jahren 3 Monaten Zuchthaus verurteilt. Vorgeworfen wurden ihm Herstellung und Verteilung von Flugblättern, Aufbau der zertrümmerten Organisation, Geldsammlungen, Unterstützung kommunistischer Funktionäre, insbesondere durch Beherbergung Flüchtiger. Bei dem 22-jährigen wurden Flugblätter mit der Überschrift »Wahrheit über den Reichstagsbrand« gefunden. Er war Kurier zwischen Instruktionsleiter und den Unterbezirken der verbotenen KPD, die er mit Material versorgte.

Im Januar 1936 wurde er aus der Haft entlassen und bereits im März wegen fortgesetzter illegaler Tätigkeit erneut verhaftet. Es folgten die Konzentrationslager Esterwegen und Sachsenhausen. »In Sachsenhausen wurden wir mit Hunden, Peitschen und Schlagstöcken empfangen. Mit fürchterlichem Gebrüll trieb uns die SS aus den Waggons.« Am 14. Dezember 1936 wurde er zum zweiten Mal wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« verurteilt, diesmal zu 4 Jahren 6 Monaten, die er im Zuchthaus Münster verbüßte. Dort lernte er den Sozialdemokraten Erwin Welke kennen, gemeinsam versorgten sie politische Gefangene mit Nachrichten. Als Kalfaktor kam Willi Meyer-Buer an die Krankenbücher und konnte dort ärztliche Verordnungen zusätzlicher Lebensmittel für andere politische Gefangene vortäuschen.

Nach seiner Entlassung am 24. September 1940 ging er nach Bremen und fand eine Anstellung als Leiter der Buchhaltungsabteilung der Uhren- und Schmuckwarenfirma Grüttert. Nach einem Jahr wurde er Prokurist. Als das Firmengebäude August 1944 durch Bombentreffer in Brand geriet, rettete er Leben und Wertgegenstände. Er wurde unter Trümmern begraben, konnte aber sich, ein junges Mädchen und zwei Männer aus den Trümmern ins Freie bringen. Das Mädchen und ein Mann erlagen ihren Verletzungen, er selbst erlitt schwere Verbrennungen, eine Rippenfellentzündung und Kreislaufstörungen. Die sollte er im Ausweichkrankenhaus Bassum auskurieren.

Als Bassum durch englische Truppen besetzt wurde, verhandelte er mit deutschen Offizieren, die Brücke in Groß-Henstedt nicht zu sprengen. Immerhin erreichte er, dass die Wehrmacht nicht auf englische Soldaten schoss. Unter dem Schutz der weißen Fahne überbrachte er dem englischen Kommandeur die entsprechende Zusicherung. Das Dorf Groß-Henstedt blieb unversehrt.

1946 wurde er KPD-Fraktionsvorsitzender in der Bremischen Bürgerschaft, in der er sein Mandat bis 1959 ausübte. Am 20. Mai 1963 wurde er für seine Einzelkandidatur zu den Wahlen zum Deutschen Bundestag 1961 wegen Verstoßes gegen das KPD-Verbot zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Damit verbunden war die Aberkennung sämtlicher Ansprüche auf Wiedergutmachung für 1933 bis 1945 erlittene Zuchthaus- und KZ-Haft. Bürgerschaftsdirektor August Hagedorn und Bürgerschaftsdirektor Wolfgang Müller (beide SPD) bezeichneten ihn als »sachlich und rührig in seinen politischen Aktionen«, als »Menschen anständiger Gesinnung und aufrechten Charakters«. Am 13. Juli 1997 verstarb Willi Meyer-Buer. Die Wegebenennung mitten in der Innenstadt stellt eine späte Wiedergutmachung dar, sein Verteidiger Heinrich Hannover wird anlässlich der Enthüllung des Wegeschilds im Frühjahr die Laudatio halten können.

Nazis verbünden sich

geschrieben von Florian Osuch

15. Januar 2014

In Spanien treten mehrere faschistische Gruppierungen neuerdings gemeinsam auf

 

Rund ein Dutzend rechte Organisationen haben sich in Spanien zum Bündnis »España en marcha« (Spanien marschiert) zusammengeschlossen. Sie wollen die stark zersplitterte extreme Rechte ihres Landes einen. »España en marcha«, das sind: Democracia Nacional, La Falange, Movimiento Católico Español (Spanische katholische Bewegung), Alianza Nacional sowie Nudo Patriota Español (Patriotischer Kern).

Das Bündnis wurde im Spätsommer dieses Jahres über Nacht landesweit bekannt. Anhänger hatten am 11. September – dem wichtigsten katalanischen Feiertag – eine Veranstaltung des katalanischen Kulturinstitutes in Madrid gestört. Zwei Dutzend Nazis hatten die Bühne gestürmt, Gäste sowie Vertreter der Presse bedrängt und Mobiliar umgestoßen. Es kam zu Rangeleien, mehrere Personen wurden durch Reizgas verletzt. Der Tumult war umfangreich dokumentiert worden, die wenigsten der Neonazis waren maskiert. Die Polizei nahm in den Folgewochen zwölf mutmaßliche Täter fest. Mitte Dezember meldete ein rechtes Infoportal, »alle fraglichen Beteiligten« seien ermittelt.

Unter ihnen war auch Iñigo Pérez de Herrasti, verurteilter Rechtsterrorist von der Alianza Nacional. Der 56jährige war im Jahr 2000 mit drei Neonazis u.a. wegen Waffenbesitz und Attentatsplänen festgenommen worden. Wegen Anschlägen, die er gegen Angehörige von Gefangenen der baskischen ETA verüben wollte, wurde er zu 14 Jahren Haft verurteilt, kam jedoch vorzeitig frei.

Nach Recherchen der Tageszeitung Ara kommt Pérez de Herrasti aus einer Adelsfamilie mit engen familiären Verbindungen zur spanischen Volkspartei (PP). Seine Mutter war viele Jahre Vizepräsidentin und Schatzmeisterin der Alianza Popular, der Vorgängerin der PP. Sein Onkel ist amtierender spanischer Verteidigungsminister, ebenfalls für die PP. Ein Schwager war Volkspartei-Abgeordneter im Europaparlament und ist derzeit Staatssekretär unter der Regierung Rajoy.

Zwischen der post-franquistischen PP und »España en marcha« gibt es inhaltlich große Überschneidungen: Nationalismus, Ausländerfeindlichkeit gemischt mit ultrakonservativen und teils streng religiösen Positionen. Leitbild ist ein starker spanischer Zentralstaat. Nach Auffassung von »España en marcha« stehe das Land kurz vor dem Untergang: Politikverdrossenheit, Staatskrise, Vertrauensverlust in die Institutionen etc. Es sei »Zeit für eine Nationale Revolution«.

Die neue rechte Allianz will die bürgerlich-demokratische Verfassung von 1978 abschaffen, ebenso die jetzige Form des Föderalismus mit den 17 autonomen Gemeinschaften. Forderungen nach mehr Unabhängigkeit, wie sie etwa im Baskenland oder in Katalonien vertreten werden, gehörten als »staatsfeindlichen Terrorismus« verfolgt. Einwanderung wird strikt abgelehnt. Ethischer Bezugspunkt ist der Katholizismus mit der bürgerlichen Kleinfamilie, bestehend aus einem Mann und einer Frau. Gleichstellung für Lesben und Schwule sei Teufelszeug, genauso wie die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch.

Zur Europawahl im Mai 2014 habe man sich auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt. Ein Erfolg ist derzeit jedoch nur schwer vorstellbar, »España en marcha« müsste für einen Sitz deutlich über 200.000 Stimmen erhalten. In der Summe verfügen die Einzelorganisationen in Spanien derzeit nur über einige wenige Kommunalmandate.

Grundsätzlich kann die Allianz als Novum bezeichnet werden. Größere faschistische Formationen konnten sich seit dem Ende der Franco-Diktatur Mitte der 1970er Jahre nicht etablieren. Die ehemaligen faschistischen Eliten, darunter auch Minister aus dem Franco-Kabinett, sammelten sich zunächst in der Alianza Popular. Im Zuge eines Generationswechsels 1989 übernahm José María Aznar den Vorsitz der seit dem als Partido Popular firmierenden Partei. Aznar war 14 Jahre Chef der PP (1990-2004) und Ministerpräsident von Spanien zwischen den Jahren 1996 und 2004.

Zurück nach ganz rechts

geschrieben von Jürgen Weber

15. Januar 2014

Für die spanische Regierung existieren die Verfolgten des Franco-Regimes nicht

 

Luis Pérez, Präsident des Verbandes der ehemaligen Gefangenen und politisch verfolgten Anti-Francisten bietet uns zwischen Kisten voller Informationsmaterial und Plakaten in seinem Büro in Madrid einen Platz an. Pérez saß bis zum Ende des spanischen Faschismus 1977 als politischer Gefangener hinter Gittern. Er wurde 1967 verhaftet und wegen »Verschwörung« zu einer über 13 Jahre langen Haftstrafe verurteilt. Sein Vater wurde als politischer Kommissar im spanischen Bürgerkrieg 1939 von den Faschisten Francos in Abweseheit zum Tode verurteilt. Luis Pérez protestiert auch heute wieder auf den Straßen Madrids, weil er selbst unter der Sparpolitik leidet, wie er sagt. Was Spanien erlebe sei ein sozialer Kahlschlag, der »wie ein Wasserfall übers Volk« käme.

Luis Pérez beklagt, dass der Staat die Grabstätten der Opfer des Franco-Faschismus verkommen lässt. Der Verband habe über Jahre ein »Gesetz des historischen Gedächtnisses« mit der vormals regierenden Sozialistischen Arbeiterpartei bis zum Gesetzentwurf entwickelt. Dieser sei nun in der Versenkung verschwunden. Der Spanische Widerstand während der Franco-Zeit und seine Opfer würden unter der derzeitigen Regierung geleugnet.

Luis Pérez beklagt, dass der Staat die Grabstätten der Opfer des Franco-Faschismus verkommen lässt. Der Verband habe über Jahre ein »Gesetz des historischen Gedächtnisses« mit der vormals regierenden Sozialistischen Arbeiterpartei bis zum Gesetzentwurf entwickelt. Dieser sei nun in der Versenkung verschwunden. Der Spanische Widerstand während der Franco-Zeit und seine Opfer würden unter der derzeitigen Regierung geleugnet.

Doch hinter Namen und Politik der Spanischen Regierung stecken weit mehr als die Spardoktrin von Merkel, Schäuble & Co. und deren gnadenloser Umsetzung. In der Regierungspartei wirken die alten faschistischen Kräfte und bauen die Gesellschaft und die deomkratische Grundordnung um. In Spanien regiert die »rechteste Regierung« im Westen der Europäischen Union, urteilt der Vorsitzende des spanischen Partnerverband der VVN-BdA, der »Asociación de Ex presos y Represaliados Políticos Antifranquistas«. Der landesweit agierende Verband der ehemaligen Gefangenen und politisch verfolgten Anti-Francisten ist auch Mitglied der Fédération Internationale des Résistants (FIR).

Mit dem Wahlsieg des in der deutschen Presse allgemeinhin als »konservativ« bezeichneten Regeierungschefs Mariano Rajoy sieht Pérez jedoch eine ideologische Wende in Spanien eingeleitet. Dieser Regierung geht es nicht nur »ums Sparen«, so Pérez. Gesetzesvorlagen gegen liberale Positionen bei Homosexualität und beim Schwangerschaftsabbruch seien auf der Tagesordnung. Pérez zitiert Rajoy mit der Aussage »künftig werde nicht mehr die einzelne Frau, sondern Rajoy selbst entscheiden, wann eine Schwangerschaft abgebrochen wird und wann nicht«. Diese Regierung steuert hin zu den Wurzeln ihrer politischen Gesinnung: »Sie kommen von ganz rechts und sie wollen nach ganz rechts«. So habe die Regierung beispielsweise das Schulfach Sozial- und Gesellschaftskunde einfach aus den Lehrplänen gestrichen.

In der Tat ist Rajoys Partei Partido Popular (PP) aus einer Sammel- und Vereinigungsbewegung der Franco-Faschisten entstanden. Nach dem Tod Francos 1975 begann in Spanien ein Systemwandel hin zur parlamentarischen Demokratie. Die ersten freien Parlamentswahlen 1977 beendeten die Diktatur. Zur Parlamentswahl 1977 trat ein Bündnis aus Parteien und rechten Splittergruppen unter der neu gegründeten Allianza Popular an. Fünf der sieben Parteien des Parteienbündnisses wurden von Ex-Ministern der Franco-Regierung angeführt. Sie errangen 1977 lediglich 8,2 % der Wählerstimmen und wurden in der Folgezeit noch unbedeutender. Die Wende gelang mit der Parteiumbenennung in Partido Popular im Jahr 1989. Die personelle Besetzung war weiter von Personen des Franquismus geprägt. Der neue Parteivorsitzende und spätere spanische Regierungschef José María Aznar war selbst Vorsitzender einer franquistischen Studentenorganisation. 2011 errang die Partido Popular unter Mariano Rajoy erstmals die absolute Mehrheit.

Einen demokratischen Prozess zur Willensbildung gibt es seither nicht mehr im Land. Politische Entscheidungen sind nicht transparent und werden von Rajoy nur noch verkündet. »Fernsehansagen« nennt das die spanische Opposition. Gewerkschaften werden beispielsweise in Gesetzgebungsprozesse zu Sparmaßnahmen oder dem Kündigungsschutz einfach nicht mehr einbezogen und angehört. Der Regierungspräsident verliest seine Dekrete nur noch im Fernsehen. »Er ist kein Demokrat, also verhält er sich auch nicht so«, so Luis Pérez. Die Botschaften der Regierungspartei seien einfach und klar: »Ihr habt über Eure Verhältnisse gelebt, jetzt müssen wir alle die Suppe auslöffeln«, gemeint ist das spanische Volk. Angesprochen auf die Obdachlosen und Armen im Land habe eine Abgeordnete der PP aus Valencia im Parlament unter tosendem Applaus ihrer Fraktion gerufen: »Die sind mir alle scheißegal«. Die Übersetzerin weist mich darauf hin, dass die originale Übersetzung deutlich vulgärer sei.

So wundert es wohl kaum, dass die »neue« Regierung unter dem Deckmäntelchen des Sparens die Mittel für die Arbeit des Verbandes praktisch komplett gestrichen hat. Nach wie vor gelten die Verfolgten und politischen Häftlinge des Franco-Regimes als Kriminelle. Luis Pérez kämpft auch persönlich seit Jahren um die Streichung seiner Haftstrafe aus seinem polizeilichen Führungszeugnis.

Der erste Aufstand

geschrieben von Gerald Netzl

13. Januar 2014

Was geschah am 12. Februar 1934 in Wien?

 

Der 12. Februar 1934 stellt eines der historischen Daten des Zwanzigsten Jahrhunderts für Österreich dar. An diesem Tag endete mit dem Verbot der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei endgültig die 15 Jahre dauernde demokratische Phase der Ersten Republik. Der schrittweise Abbau demokratischer Rechte sowie sozialer Errungenschaften durch die bürgerlichen Bundesregierungen mündete in einem verzweifelten Aufstandsversuch von Teilen des seit 31. März 1933 verbotenen Republikanischen Schutzbunds. Verkürzt dargestellt kann man den Schutzbund mit dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold vergleichen, wenn dieser auch militärisch höher gerüstet war bzw. besser bewaffnet.

John Heartfield »Die alte Welt hat ihre Pleitegeier, Österreich hat einen mit zwei Köpfen«, 1934

John Heartfield »Die alte Welt hat ihre Pleitegeier, Österreich hat einen mit zwei Köpfen«, 1934

Linz, Montag, 12. Februar 1934, 7:00 Uhr. Die Polizei durchsucht das sozialdemokratische Parteiheim im Hotel »Schiff« nach Waffen. Mitglieder des Republikanischen Schutzbunds eröffnen das Feuer. Der Kampf, das Wort »Bürgerkrieg« wäre trotz der Schwere der Ereignisse übertrieben, hat begonnen. Neben Linz sind Steyr, Bruck an der Mur und Graz die Hauptzentren der Kämpfe. In Wien setzt der Widerstand um 11:46 Uhr ein: E-Werk-Arbeiter schalten den Strom ab und geben damit das vereinbarte Signal zum Generalstreik. Die ersten Schüsse fallen. Die Bundesregierung verhängt das Standrecht … Am Donnerstag, dem 15. Februar, sind die Kämpfe zu Ende. Ein Generalstreik hat nicht stattgefunden, die Arbeiterschaft war nach fünf Jahren Weltwirtschaftskrise zu demoralisiert. Die Regierung ist endgültig »Herrin der Lage«. Die Opfer in ganz Österreich (nach offiziellen Angaben): 118 Tote und 486 Verwundete auf Regierungsseite, 196 Tote und 319 Verwundete auf der Gegenseite. Neun Schutzbündler werden standrechtlich gehenkt, mehr als 1.200 eingekerkert.

In Wien hatte man erst in der Vorwoche Hausdurchsuchungen im Parteihaus und in den großen Wohnhausanlagen der Stadt (»Gemeindebauten«) erlebt. Vom Dachboden bis zum Keller suchte die Polizei – vergeblich – nach Waffen. Die Parteiführung, unter dem Eindruck des verheerenden Schicksals der Arbeiterparteien im Deutschen Reich, war immer noch in der Hoffnung auf einen Kompromiss mit der Regierung. Es sollte anders kommen.

Vier Tage lang dauert der Kampf um den Karl-Marx-Hof, jenes Bauwerk, das in der ganzen Welt als Symbol der sozialen Wohnbautätigkeit des »Roten Wien« gilt. Montagnachmittag hatte die Polizei nach vergeblicher Waffensuche Beobachtungsposten rund um den großen Gebäudekomplex aufgestellt. Gegen 19:00 Uhr kam es zu blutigen Zusammenstößen. Schutzbundführer Emil Svoboda wird wegen dieser Kämpfe am 15. Februar standrechtlich hingerichtet.

Montagabend vertreibt der Schutzbund vorübergehend die Polizei aus dem Wachzimmer des benachbarten Bahnhofs Heiligenstadt. Der Bahnverkehr auf der Franz-Josefs-Bahn wird unterbrochen. Gegen 23:00 Uhr rückt der Heimatschutz an und nimmt die Verteidiger unter Beschuss. Ein Angriff wird zurückgeschlagen. Nun kommt das Bundesheer. Um 1:00 Uhr eröffnen die Haubitzen einer Gebirgskanonenbatterie von der Hohen Warte her das Feuer auf den Wohnkomplex. Um 4:00 Uhr früh kommt Fey und billigt ausdrücklich den Plan, den Karl-Marx-Hof mit Artillerie sturmreif zu schießen. In den Wohnungen befinden sich Frauen und Kinder.

Am 13. Februar, um 9:45 Uhr, trifft die Artillerie den »Blauen Bogen« im dritten Stockwerk. Nun folgt der Sturmangriff. Aber die Verteidiger geben nicht auf. Stundenlang tobt ein erbitterter Kampf. Dann müssen die Panzerautos und Kanonen nach Floridsdorf, diesen Bezirk kontrolliert als einzigen der Schutzbund, abgezogen werden, auch wird das Feuer aus anderen nahen Gemeindebauten immer heftiger. Die Angreifer ziehen sich aus dem halbzerstörten Gebäude wieder zurück.

Nun wenden sich Polizei, Militär und Heimwehr gegen die Gemeindebauten der Umgebung und treiben deren Verteidiger in die Schrebergärten. In der Nacht zum Mittwoch kommen neue Truppen, wagen aber keinen Angriff. Erst am 15. Februar, als Militär in überwältigender Stärke aufmarschiert und neuerlich Kanonen schießen, hissen die Verteidiger die weiße Fahne. Um 14:30 Uhr besetzt die Exekutive den Hof.

Am Sonntag danach fuhren die Wiener zu den Stätten der Zerstörung: Die einen sahen sie mit Genugtuung, die anderen mit bitterer Trauer. Die Risse, die die Artillerie der Regierung in die Arbeiterhäuser geschossen hatte, gingen auch durch die Herzen. Sie machten Österreich sturmreif für eine noch viel grausamere Diktatur vier Jahre später. Heute, achtzig Jahre danach, sind die Ereignisse weitgehend in Vergessenheit geraten, Medien und Öffentlichkeit konzentrieren sich auf 1914 und den Beginn des Ersten Weltkriegs. Doch es bleibt, dass Österreichs Arbeiter als erste in Europa dem Faschismus mit der Waffe entgegen traten.

Der 27. Januar und die Jugend

geschrieben von Thomas Altmeyer

13. Januar 2014

Das Interesse ist größer als das Wissen – Ergebnisse einer Umfrage

 

Zur Einführung des 27. Januar als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus im Jahr 1996 sprach der damalige Bundespräsident Roman Herzog: »Die Bürger unseres Landes sollen wenigstens einmal im Jahr über das Geschehene nachdenken und vor allem über die Folgerungen, die daraus zu ziehen sind. Ganz besonders wichtig aber ist es, unsere jungen Menschen zu erreichen und ihren Blick für – möglicherweise – kommende Gefahren zu schärfen.« Er mahnte »zum Erinnern und zur Weitergabe der Erinnerung. Nicht nur am 27. Januar. Aber vielleicht kann dieser Gedenktag uns dabei helfen.« Seitdem wird am Jahrestag der Befreiung des KZs Auschwitz in den verschiedensten Formen an die NS-Zeit und deren Opfer erinnert. Dennoch, der 27. Januar scheint gerade bei jüngeren Menschen nur wenig Resonanz zu finden. Eine Umfrage des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933-1945, die im Frühjahr 2009 unter knapp 600 Frankfurter Schülerinnen und Schülern durchgeführt wurde, unterstreicht dieses Resultat:

Bekanntheit (in Prozent) der wichtigsten Daten 1933-1945 als Diagramm.

Bekanntheit (in Prozent) der wichtigsten Daten 1933-1945 als Diagramm.

Der 27. Januar 1945 ist in den Köpfen der befragten Jugendlichen als historisches Datum quasi nicht existent: Nur 2,9 Prozent konnten diesen Tag der Befreiung des KZ Auschwitz zuordnen. Ähnlich unbekannt ist lediglich der 2. Mai 1933. Den Tag, an dem die Gewerkschaften zerschlagen wurden, kannten weniger als 5 Prozent der befragten Schüler. Besser bestellt ist es um das Wissen über die Novemberpogrome um den 9. November 1938 und den Beginn des 2. Weltkriegs am 1. September 1939: Jeder fünfte der befragten Schüler konnte das richtige Ereignis diesen Daten zuordnen. Die deutlichsten Spuren im Schülerwissen hat der 30. Januar 1933 hinterlassen: 45 Prozent der Schüler kannten das Datum der so genannten »Machtergreifung«. Auch das Ende Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945 und der Attentatsversuch von Claus von Stauffenberg am 20. Juli 1944 sind bekanntere Daten: Knapp 44 Prozent der Befragten kannten die richtige Antwort auf diese Geschichtsdaten. Das vergleichsweise gute Abschneiden des 20. Juli 1944 erklärt sich mit Sicherheit durch den Film »Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat« mit Tom Cruise, der zu Beginn des Befragungszeitraumes in den deutschen Kinos lief und eine große mediale Aufmerksamkeit auf sich zog.

Sicherlich erschöpft sich die Aneignung der Geschichte des »Dritten Reiches« nicht im Erlernen von historischen Daten und Fakten. Dennoch bilden Geschichtsdaten einen wichtigen Zugang zu dieser Geschichtsepoche: Sie ermöglichen die chronologische Einordnung von Prozessen, Strukturen und Biografien und helfen bei der Orientierung im zeitgeschichtlichen Feld.

Dabei scheint es unter Jugendlichen kein prinzipielles Desinteresse an der NS-Zeit und an der Erinnerung daran zu geben. Unter allen abgefragten Themen der Geschichte des 20. Jahrhunderts ist die NS-Zeit das Thema, dass die meisten Schülerinnen und Schüler interessiert: Immerhin 78% der befragten Schüler geben an, sich sehr stark bzw. stark für dieses Thema zu interessieren. Darüber hinaus findet ein Großteil der befragten Jugendlichen die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus auch heute noch wichtig. Lediglich knapp jeder zehnte der Befragten (9,5%) äußerten, dass die Erinnerung an diese Zeit gar nicht bzw. nicht mehr so wichtig sei. Der Zeit von 1933 bis 1945 zu gedenken, fanden dagegen 88% der Jugendlichen für sehr bzw. ziemlich wichtig. Auffallend ist aber, und dies deckt sich mit der Alltagserfahrung derjenigen die an Gedenkveranstaltungen teilnehmen, dass diesem Wunsch nach Erinnerung keine konkrete Beteiligung bei Gedenkveranstaltungen folgt: Über drei Viertel der Jugendlichen hat bislang nie an einer Gedenkveranstaltung teilgenommen.

Zu überlegen wäre also, ob die bestehenden Gedenkformen (Ausnahmen bestätigen hier die Regel) informelle Zugangsbarrieren erzeugen. Erreicht die Ankündigung einer Veranstaltung den gewünschten Adressatenkreis? Ist die oft ritualisierte Form der Veranstaltung mit Ansprachen von kommunalen WürdenträgerInnen, die mitunter auch nur aus Sprechblasen und Satzbausteinen bestehen, die richtige Form – sowohl für jüngere als auch ältere TeilnehmerInnen? Gibt es andere, projektartigere Formen der Auseinandersetzung, Formen die mehr in den Alltag und den öffentlichen Raum hineinreichen, wie z.B. Straßentheater, Plakat- und Ausstellungsaktionen etc., die einen eigenen, kreativen Zugang für Menschen ermöglichen, die den etablierten Gedenkformen bislang fern bleiben. Darüber sollten wir nachdenken.

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