Unbehagliche Zeitdokumente

geschrieben von Hartmut Büchsel

11. September 2013

Abituraufsätze der Nazizeit historisch gedeutet

 

Mit Grausen denken viele ehemalige Abiturienten an den schriftlichen Prüfungsaufsatz Deutsch – und hier besonders an die Aufgabenart » Besinnungsaufsatz« – zurück. Für so manchen von ihnen bedeutete eine mangelhafte Note in diesem Aufgabenteil eine unüberwindbare Hürde für das geplante Studium, in welchem Fachgebiet auch immer.

Bernhard Sauer, selbst Lehrer für Geschichte, Politikwissenschaft und Sport, veröffentlicht hier 16 Prüfungsaufsätze für das Fach Deutsch aus den Jahren 1934-1942, allesamt entstanden am Gymnasium (Berlin) Steglitz, auch Heese-Gymnasium genannt, 1886 als altsprachliches, humanistisches Gymnasium gegründet. Zusammen mit den Prüfungsaufsätzen der jungen Männer werden die Korrekturanmerkungen, die zusammenfassenden Gutachten der Lehrkräfte sowie die abschließenden Bewertungs-Noten publiziert.

Löst schon die Lektüre der zumeist völlig unkritisch geschriebenen, z.T. oberflächlichen und von phrasenhafter Übernahme der faschistischen Ideologie gekennzeichneten Arbeiten großes Unbehagen aus, so wird dieses Unbehagen noch gesteigert durch die sich in Niveau und Machart kaum unterscheidenden Korrekturanmerkungen der Lehrkräfte, die sich mit den Stärken und Schwächen der vorliegenden Arbeiten kaum auseinandersetzen. Das abschließende Urteil wird mit wenigen nichtssagenden Worten »begründet«. Bernhard Sauer stellt zu Recht fest, dass »die Abituraufsätze des Dritten Reiches stark politisiert« sind.

Das wird deutlich, wenn man sich die Prüfungsthemen der Deutsch(!!!)- Aufsätze vor Augen führt:Die Frage »Was hat Hitler für das Deutsche Volk geleistet?« müssen die Prüflinge des Jahres 1934 beantworten. »Wir bauen mit am neuen Reich!«, so lautet das Thema 1936; »Worin findest du die deutschen Kraftquellen in diesem Kriege?« wird 1940 gefragt, und im Prüfungs-Aufsatz von 1942 müssen sich die jungen Männer mit der Forderung »Wir müssen siegen und wir werden siegen!« auseinandersetzen.

»Abituraufsätze im Dritten Reich geben in besonders anschaulicher Weise wieder, was damals gedacht wurde oder gedacht werden sollte. Sie sind ein Spiegelbild der Gesellschaft,…«, führt Sauer in seiner Einleitung aus. Die kritiklose Adaption der NS-Ideologie durch die Prüflinge hat sicher auch mit der sozialen Zusammensetzung der Bevölkerung im Einzugsbereich des Heese-Gymnasiums in Steglitz zu tun. Wir sollten aber (und das sei zugunsten der Prüflinge angemerkt) nicht außer Acht lassen, dass es für diese nicht nur den Anpassungsdruck durch den Nazi-Staat gab. Die Aufgabenart »Besinnungsaufsatz« ließ, wie die vorgestellten Themen verdeutlichen, abweichende Meinungen gar nicht erst zu. Dazu kommt der Anpassungsdruck, dem sich die Prüflinge durch die von ihnen vermutete Erwartungshaltung ihrer Prüflehrkräfte ausgesetzt sahen.

Bernhard Sauer setzt sich mit solchen Fragen in seinen eher knappen einleitenden bzw. abschließenden Anmerkungen kaum auseinander. Stattdessen kommentiert er jeden einzelnen Prüfungsaufsatz sehr ausführlich aus der Sicht des Historikers des Jahres 2012, wobei unberücksichtigt bleibt, dass es sich bei den vorliegenden Texten nicht um Prüfungsaufsätze des Faches Geschichte, sondern des Faches Deutsch handelt. Dennoch sind die mit einem großen Anmerkungsapparat versehenen Ausführungen zumeist hilfreich. Häufig greift Sauer Stichworte oder zentrale Begriffe aus den Arbeiten auf, erläutert diese und versieht sie mit umfangreichen Zitaten aus Quellen des deutschen Faschismus, etwa Hitlers »Mein Kampf«, oder aus der Sekundärliteratur, die dem historisch nicht so bewanderten Leser eine bessere Einordnung ermöglichen.

Die Publizierung der Prüfungsaufsätze ist ohne Zweifel hochinteressant und auch verdienstvoll. Wichtige Fragen aber bleiben, wie Sauer selbst anmerkt, offen und bieten der Historikerzunft wie der Pädagogik noch ein großes Untersuchungsfeld.

Wenig verwunderlich ist, dass junge Prüflinge während der faschistischen Diktatur deren wichtige Ideologeme übernehmen und diese in ihren Arbeiten entsprechend darstellen. Wie aber ist es möglich, dass deren Lehrkräfte Abiturthemen wie die oben zitierten im Rahmen des Faches Deutsch unkritisch einsetzen? Wie ist es möglich, dass kurze, phrasenhafte oder kaum begründete Gutachten wie die in der vorliegenden Arbeit dargestellten über das Bestehen der Abiturprüfung entscheiden?

Immerhin hat die ständige Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) seit einigen Jahrzehnten dafür Sorge getragen, dass im Fach Deutsch die textgebundene Interpretation oder die textgebundene Erörterung zu den schriftlichen Prüfungsbestandteilen im Fach Deutsch zählen. Der alte Besinnungsaufsatz, eher ein Gesinnungsaufsatz, ist der Erörterung gewichen, in der ein eigener Standpunkt zu einer Fragestellung gefunden und argumentativ dargelegt werden soll.

Er trug den Rosa Winkel

geschrieben von Markus Tervooren

11. September 2013

Wie lebenslanges Schweigen doch gebrochen werden kann

 

Darin sind sich die ehemalige Wirtin aus Altena (Bergisches Land) und die Schwester (Wuppertal) von Willi Heckmann einig, es war doch die schönste Zeit in ihrem Leben. Gemeint ist die Zeit des deutschen Faschismus. Kalt über den Rücken sei es ihnen gelaufen, als sie den »Führer« gesehen hätten, ihre Augen strahlen. Darüber hat Klaus Stanjek den anrührenden Film »Klänge des Verschweigens« gemacht. Und das sind nur einige der bedrückenden Aussagen aus Interviews, die der Macher des Films und Neffe des Protagonisten sammelt, deutsche Familien, deutsche Nachbarn, deutsche Orte, deutsche Normalität. »Spurensuche« in der eigenen Familie, den kleine Leuten, den »Mitläufern«, auch das ist ein Thema von Stanjeks Film

Erst an dessen 90. Geburtstag und wenige Jahre vor seinem Tod erfährt Klaus Stanjek 1987, dass sein Lieblingsonkel, mit dem er viele Jahre als Kind zusammengelebt hatte und der so anders und netter war, acht Jahre in den Konzentrationslagern Dachau und Mauthausen gesessen hatte. Und dass seine Familie darüber nie geredet hatte.

Dabei passte Willi Heckmann, der »Rheinische Tenor« den Nazis anfangs ganz gut in ihr völkisches (Kultur)Programm. Der »deutsche Schlager« sollte »Kulturbolschewismus« und »entartete Musik« verdrängen. 1933 wurden 8000 jüdische Musiker aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen. Das »Deutsche Podium, Kampfblatt für deutsche Musik« schreibt: »Willi Heckmann, der übrigens musikalisch gar nichts vermissen lässt … hat sich im Laufe der vielen Monate einen großen Stamm von Freunden und Gönnern gewonnen. … Klavierspiel, schönes Akkordeon, ein durchgebildeter Gesang, mit allem wartet er auf …«

Das nützt ihm allerdings nichts mehr, als er am 29. Juli 1937 in die Münchener Gestapozentrale verschleppt und von dort aus als »175iger«, also Schwuler, in das KZ Dachau und bei Kriegsbeginn in das KZ-Mauthausen gebracht wird. Dort überlebt er als das, was er auch schon vorher war – als Musiker. Sein Neffe entdeckt und erkennt ihn auf dem berühmten Foto von der »Zigeunerkapelle« des KZ Mauthausen. Häftlinge mussten in vielen Lagern für die SS aber auch für ihre Mithäftlinge spielen. Das verschaffte ihnen als »Funktionshäftlingen« Erleichterungen bei der Arbeit z.B. im Steinbruch und besseres Essen. Geflüchtete und wieder ergriffene Häftlinge wurden unter Musikbegleitung ins Lager zurückgebracht und auch Exekutionen wurden oft mit musikalischer Begleitung vollzogen.

Am 5. Mai 1945 werden die Häftlinge von Einheiten der US-Army befreit. Der schwule Musiker kehrt nach Wuppertal zurück und macht dort weiter als Berufsmusiker. Er kehrt zurück zu seiner Schwester, die ihre Karriere im BDM der Nazis fortgesetzt hatte, obwohl ihr Bruder, den sie liebte, eingesperrt und gequält wurde und zu den Verwandten und Nachbarn, die eigentlich nicht daran gezweifelt hatten, dass Homosexualität ein legitimer Grund sein könne, ins KZ zu kommen. Zu seiner Kusine die ihn für pädophil hält, ihn aber trotzdem mag. Zu den Freunden und Nachbarn, für die er jetzt wieder auf Familienfesten spielt. Er darf wieder dazugehören. Seine Homosexualität bleibt weiterhin tabuisiert und in der BRD bis zur Abschaffung des § 175 am 10. Juni 1994 verfolgt und strafbar.

In seinem Film tritt Klaus Stanjek eine erst vorsichtige dann energische aber auch zärtliche Suche, eine oft vergebliche Reise in das Leben seines Onkels an, der ihm zu Lebzeiten wenig hilft – er kann nicht darüber reden. Stanjek kämpft sich durch die Mutmaßungen, Gerüchte, geschönten Erinnerungen und Schutzbehauptungen von Nachbarn, Bekannten und Familienangehörigen und beendet das Schweigen.

Ein persönlicher Film, ein liebevoller Film, ein mutiger Filmemacher, ein Film den man unbedingt sehen sollte. Menschen im Alter von Stanjek (geboren 1948 in Wuppertal) aber auch Jüngere, werden viel aus ihrem eigenen Leben wiederentdecken.

Mädchen mit Akkordeon

geschrieben von Paola Giaculli

11. September 2013

Ein Echo auf Esther Béjaranos Italien-Tournee

 

Tod und Leiden hat sie mit Musik in Auschwitz begleitet. Die Musik rettet sie und wird zum Boten des Friedens und der Freiheit. Die jüdische Künstlerin Esther Béjarano überlebte die Hölle von Auschwitz als Mitglied des dortigen Orchesters und engagierte sich seitdem für Antifaschismus, Toleranz und gegen Rassismus. »Ein russischer Soldat kam mit einem riesigen Bild von Hitler und stellte es in die Mitte des Marktplatzes (…). Ein amerikanischer Soldat und ein russischer Soldat setzten es in Flammen (…), die Soldaten und die KZ-Mädchen tanzten, und ich spielte dabei Akkordeon. Dieses Bild werde ich niemals vergessen«. Das erzählt Esther im Buch »La ragazza con la fisarmonica«, das Mädchen mit dem Akkordeon, das in Italien letzten Januar erschienen ist*. Das Leben dieser mutigen Frau wird durch eine interessante Mischung von eigenen Erinnerungen aus einem dreißig Jahre alten Manuskript** und einem Gespräch mit der Journalistin Antonella Romeo, mit der Leidenschaft und dem Engagement beschildert, die Esther Béjarano immer gekennzeichnet haben.

Die Ehrenvorsitzende der VVN-BdA Esther Béjarano wurde nach Turin 2011 anlässlich des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus eingeladen, um sie dem Publikum und den engagierten Menschen in Italien bekannt zu machen. Die Initiative nahm Maria Antonia de Libero vom Goethe-Institut in Turin, und sie wurde mit Begeisterung vom Komitee Resistenza e Costituzione vom Regionalrat Piemont und Turin und vom Institut für die Geschichte des Widerstandes unterstützt. Für Esther hatten sie eine Piemont-Tour mit ihren Kindern Edna und Joram und der multikulturellen Hip-Hop-Band organisiert, mit der sie seit Jahren auftritt. Dort kam die Journalistin Romeo zur Idee, ein Buch über sie und ihr Leben, vor allem ihr Engagement zu schreiben. Sie konnte gleich die unermüdliche Esther für dieses Projekt gewinnen.

Nach langem Suchen wurde das gelbseitige Manuskript aus einem Schrank herausgekramt, als sie bei ihr zuhause in Hamburg besuchte. Nach mehreren Gesprächen entstand das spannende Buch, in dem Vergangenheit und Gegenwart als Ermahnung für die Zukunft dargestellt werden. Auch die deutsche Widervereinigung und der Nahostkonflikt sind für Esther kein Tabuthema. Das erste Teil des Buches berichtet über die Verfolgung, die Schicksale der Familienangehörigen, ihre schrecklichen Erlebnisse in Auschwitz, und wie sie nie die Hoffnung verloren hat. Sie wechselte von Deutschland nach Palästina und dann von Israel nach Deutschland zurück. Aber von Heimat konnte nirgendwo die Rede sein. In Israel wurden Kommunisten diskriminiert, Arabern den Krieg erklärt. In Deutschland muss sie mit Erschrecken erleben, dass es auch nach dem Krieg so viele (unbehelligte) Nazis und so viel Rassismus gab. Hier engagierte sich Esther politisch und gründete das Auschwitz-Komitee. Laut Esther würden die Widerstandskämpferinnen gegen den Nationalsozialismus und dessen politisch Verfolgte nicht geehrt, wie es sein sollte. »Wenn man hier vom Widerstand spricht, denkt man an die Generäle, die Hitler umbringen wollten. Die waren aber von Anfang an auf seiner Seite gewesen!« Inzwischen richtet sich der Hass in Deutschland gegen Muslime: »Früher waren die Juden der Feind, jetzt sind es die Muslime. Hier hat sich nicht viel geändert. Aber ich bin ein politisch engagierter Mensch und will gegen diese Zustände kämpfen«.

Zu diesem spannenden Buch gehört auch eine DVD mit einem Film von Elena Valsania zum Interview mit der Künstlerin, und den schönen Bildern deren Auftritte in Italien, wo sie auch die Menschen mit antifaschistischen Volksliedern aus unterschiedlichen Kulturen begeistert hat. Auch in Italien schätzt man ihr Engagement im Dienst der Aufklärung, vor allem der Jugend. »Ich kann einfach nicht zuhause sitzen bleiben. Ich muss was tun«, sagt die fast 89-jährige Esther. »Ich muss handeln, und wenn ich das mit der Musik tun kann, dann bin ich glücklich«. Eine deutsche Ausgabe soll bald erscheinen.

In der »Columbiahölle«

geschrieben von Martin Schirdewan

11. September 2013

Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand erinnert an das frühe KZ

»Warum schweigt die Welt?!« Unter diesem titelgebenden Zitat von Berthold Jacob eröffnete die Gedenkstätte Deutscher Widerstand am 19. Juli 2013 eine Ausstellung, die über das Columbia-Haus und die in diesem Konzentrationslager inhaftierten Männer informiert. »Warum schweigt die Welt?! – Häftlinge im Berliner Konzentrationslager Columbia-Haus 1933 bis 1936« lautet der vollständige Titel der Ausstellung, die der achttausend bis zehntausend Häftlinge gedenkt, deren Schicksale auf zumeist brutale Weise mit diesem Ort verbunden waren.

Trotz des mittlerweile bemerkenswerten Wissens um die Häftlinge selbst, als auch ihre fürchterlichen Lebensbedingungen, ist die Identität der ersten 230 Inhaftierten weiterhin unbekannt. Der erste namentlich zuzuordnende Häftling trug die Häftlingsnummer 231: Schutzhäftling Kurt Hiller. Hillers Biografie und die Lebensläufe! Von 30 weiteren Inhaftierten lassen sich in der Ausstellung anschaulich und mit viel Detailkenntnis dargestellt ebenso nachvollziehen, wie die Entwicklung der ehemaligen Militärstrafanstalt zum berüchtigten, von der SS betriebenen Konzentrationslager Columbia-Haus, umgangssprachlich zutreffender Columbiahölle genannt. So heißt es im Katalog zur Ausstellung: »Seit Sommer 1933 nutzt das Geheime Staatspolizeiamt das Gebäude als Gefängnis für politische Häftlinge… Das Columbiahaus ist ein Ort völliger Rechtlosigkeit in der Verantwortung der Geheimen Staatspolizei. Die Gefangenen werden von den SS-Wachmannschaften erniedrigt, misshandelt und gefoltert.«

Der Kuratorin Karoline Georg und den Kuratoren Kurt Schilde und Johannes Tuchel, letzterer zugleich Gedenkstättenleiter, gelingt es auf beeindruckende Art und Weise, anhand vergleichsweise weniger exemplarischer Biografien ein Panorama des Widerstands in den Anfangsjahren der nationalsozialistischen Diktatur zu zeichnen. Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter finden sich überdurchschnittlich häufig unter den Opfern des frühen Terrors der Nazis. Doch wurden auch dem NS-Regime kritisch gegenüberstehende Angehörige der verschiedenen Glaubensgemeinschaften, Homosexuelle, Juden und Bürgerliche in die Columbiahölle geworfen. Nicht alle sollten die Torturen des für seine absolute Rechtlosigkeit und die Gewalttätigkeit der Wärter bekannten Konzentrationslagers überleben. Wie viele Häftlinge starben, lässt sich auch heute noch nicht genau benennen.

Das große Verdienst der Ausstellung besteht darin, sowohl den Toten als auch den Überlebenden wieder ein Gesicht und eine Stimme zu geben. Viel zu lange nämlich schwieg die Berliner Nachkriegsgesellschaft darüber, dass inmitten der Stadt bis 1936 ein Konzentrationslager bestand. Das auf dem Tempelhofer Feld gelegene Gebäude wurde im Zuge der Kriegsvorbereitungen und des Baus des Flughafens Tempelhof abgerissen. Mit dem Verschwinden des Gebäudes blieb den Häftlingen und ihrem erlittenen Leid die öffentliche Aufmerksamkeit auch nach der Befreiung vom Nationalsozialismus verwehrt.

Vielleicht führt die Debatte um die Zukunft des Tempelhofer Feldes innerhalb der Berliner Stadtgesellschaft dazu, dass dort, wo sich einst die Columbiahölle befand, ein öffentlicher Ort des Gedenkens entsteht. Wünschenswert wäre dies allemal.

Um sinngemäß mit den während der Eröffnungsrede geäußerten Worten der Kuratorin Karoline Georg zu enden: Die Ausstellung kann die Frage des 1944 an den Folgen der Haft verstorbenen Berthold Jacob nicht beantworten. Sie trägt jedoch ihren Teil dazu bei, die Häftlinge dem Vergessen zu entreißen.

Abschied vom Genie

geschrieben von Thomas Willms

11. September 2013

Die Amokläufe des Comic-Künstlers Frank Miller

Der deutschen Veröffentlichung von Frank Millers »Holy Terror« konnte der wahre Comic-Fan nur mit Grausen entgegensehen. Das Buch ist der bisherige Tiefpunkt von Millers Story-Telling. Die verdächtig an Batman erinnernde Figur des »Richters« (im Original »The Fixer«) ist so eindimensional wie die ganze Geschichte, die sich dem »Kampf gegen den Terror« widmet. Aber es ist noch viel schlimmer. Der große Künstler Miller, bewundert von Millionen Fans und dem Autor dieser Zeilen, outete sich mit »Holy Terror« zum zehnjährigen Jahrestag des 11. September als primitiver Islamhasser. Im Vergleich dazu erscheint selbst Präsident George W. Bush noch als Feingeist. Wie konnte es nur soweit kommen, dass der Retter des Superhelden-Genres, der Batman erzählerisch und zeichnerisch Tiefe, Reife und den Einzug in die sogenannte Hochkultur verschafft hat, derartig entgleist ist?

Doch man hätte es wissen können, wäre man in der Lage, Millers vorletztes Werk unvoreingenommen zu lesen. Für »300« wählte Miller ausgerechnet den Durchhaltemythos der 300 Spartiaten als Thema. Er wandelt damit auf dem Pfad, den schon viele Kriegsverherrlicher gegangen sind, Nazi-Autoren eingeschlossen. »300« ist im Gegensatz zu »Holy Terror« ohne Zweifel ein grafisches Meisterwerk: bildgewaltig, expressiv, dynamisch, überwältigend, unvergesslich. Die Verfilmung übertrumpfte die Vorlage mit ihrer Zeichnung und Realfilm vermischenden ultramodernen Technik sogar noch. Es gibt leider nur ein Problem: Die Aussagen sind der letzte Dreck.

Inhaltlich radikalisiert Miller das Thema auf eine Art und Weise, dass man von einem ideologischen Amoklauf sprechen muss. Die Spartaner, er meint die das antike Sparta beherrschende Sklavenhalterkaste der Spartiaten, erscheinen bei ihm als heterosexuelle Meister des Tötens, die buchstäblich Berge von Leichen produzieren. Sie stemmen sich gegen eine »Flut« von aus dem Osten heranbrausenden Persern. Diese erscheinen als feige Orientalen, ihr König Xerxes als degenerierter Schwuler. Miller stellt nicht nur die Geschichte auf den Kopf – in der griechischen Antike war Homosexualität die gesellschaftlich höher angesehene Form der Liebe und wurde insbesondere in Kriegerkasten kultisch betrieben – sondern widerspricht sich auch noch selbst. Seine Bilder erzeugen nämlich mit fantastischen halbnackten Männern eine dampfende Homoerotik, die den Text Lügen straft. Besiegt werden die Spartaner nur durch Verrat, wobei Miller aus dem Verräter auch noch einen Krüppel macht, den als Baby besser die Wölfe gefressen hätten. Antidemokratisch, führerverherrlichend, sexistisch, homophob, euthanasiebefürwortend, rassistisch, sadistisch, gewalt- und kriegsverherrlichend, maßlos selbstgerecht und größenwahnsinnig – das sind die Attribute aus dem Ideologiekomplex des Faschismus, die man auf dieses Machwerk anwenden kann und muss. Hinzu kommt eine alles überlagernde Todesgeilheit, so dass man dem Autor wirklich zu einem Arztbesuch raten muss. Der Umschlag ins direkt Politische ist mittlerweile erfolgt. Die rassistische »identitäre Bewegung« hat sich als Logo ein Motiv aus »300« gewählt und veranstaltet »Spartaner«-Aufläufe für ihre Werbevideos.

Von Miller muss man also wohl Abschied nehmen, vielleicht auch frühere Werke anders und kritischer lesen. Dabei hilft ein von Hollywood produziertes Gegengift, die Persiflage »Meine Frau, die Spartaner und ich«. Kräftig lachen über den Ruhm und Ehre-Unsinn – das sei allen Miller-Fans empfohlen.

»Und reiß doch die Tür auf«

geschrieben von Ernst Antoni

11. September 2013

Trotz alledem stets ein Engagierter: Der Künstler Guido Zingerl

 

Er war noch keine Dreißig, der Dipl.-Ing. Heinrich Scholz am Münchner Institut für Holzforschung, als er seine Dissertation auf dem Gebiet der Holzphysik unvollendet zur Seite legte, um sich künftig freischaffend den bildenden Künsten zu widmen. Kurz danach nahm er den Künstlernamen Guido Zingerl an, wurde, auch politisch, aktiv im Umfeld der Künstlergruppe »tendenzen« und der gleichnamigen »Zeitschrift für engagierte Kunst«. 1965 ist Zingerl Initiator und Organisator von »Künstler gegen den US-Krieg in Vietnam«, einer Wanderausstellung durch die damalige Bundesrepublik.

Am 19. Januar 2013 wurde der Maler und Grafiker, Allegoriker und Bildsatiriker 80 Jahre alt. Mit einem Gedicht kommentiert er ein Bild aus seinem neuen Grafik-Zyklus, das der ersten Zingerl-Ausstellung in diesem Jahr und dem dazu erschienenen Begleitbuch den Titel gegeben hat: »Achtzig – trotz alledem und alledem«:

 

»Ich stehe vor meiner Staffelei / 100 mal 120, Höhe vor Breite / ordentlich weiß grundiert / Um mich herum Farben auf einem Tisch / 5 mal 5 mal 3 Kubikmeter Raum / 1 Fenster im elfenbeinernen Turm / Ich suche ein Gleichnis von dieser Welt / das Abbild des Schreckens / den Alptraum der Wirklichkeit / Und inmitten dieser 9 Kreise der Hölle / der Lügen und Verfluchungen / such ich / den winzigen Stein der Hoffnung / Verzweifle und verstumme zugleich / Will mich einschließen vor dieser Welt / Und reiß doch die Tür auf…«

 

Eine chronologisch-autobiographische Bilderserie: viel Schwarzweiß mit dominierendem Schwarz, Tuschzeichnungen, dazwischen farbige Acrylgemälde für wichtige Lebensstationen. Die Geburtsstadt des 1933 Geborenen (»O Du mein schönes Regensburg«), in der viel von dem Personal versammelt ist, das Zingerl-Bilder oft prägt: feiste klerikale und weltliche Herrscher, Militärs, Finanzmogule. Gerne grinsen sie. So auch der Nazi mit dem Hitlergruß, der sich, deutlich kleiner zwar, aber schon frech auf dem Sprung, im Regensburg-Bild in ihrem Windschatten aufgestellt hat. Zwischen solchen Mordsfiguren und regionalhistorischen Bezugspunkten im Gewimmel viele kleine Menschen. Leiden sie, jubeln sie, protestieren sie, begehren sie gar auf? Oft hilft da nur ganz genaues Hinschauen.

Im aktuellen »Trotz-alledem«-Zyklus viel »Abbild des Schreckens« und »Alptraum der Wirklichkeit«. Eine Ausnahme ist das eher hoffnungsvollere Blatt »1968«, auf dem die »kleinen Leute« größer geworden sind und miteinander der repressiven Phalanx entgegentreten. Deren Repräsentanten stehen hier buchstäblich auf den Leichen von KZ-Häftlingen. Zurückgenommen wird der zuversichtliche Ansatz aber schon im nächsten Bild: »Lauschangriff und Berufsverbot« (siehe den Rücktitel dieser antifa), in dem Zingerl konkrete Berufsverbotserfahrungen, die seiner im Wissenschaftsbereich tätigen Frau Ingrid und ihm selbst widerfuhren, mit aktuellen Überwachungs- und Bespitzelungsszenarien kombiniert.

Die »Trotz-alledem«-Ausstellung war zu Beginn dieses Jahres im oberbayerischen Puchheim zu sehen. Nun hat Fürstenfeldbruck, Heimatstadt der Zingerls seit 1980, nachgezogen. Im Laufe der Jahrzehnte gab es da zwar einige Preise und Ehrungen, offizielle Bildankäufe auch. Doch es sollte dauern, bis diese Werke, befreit aus den Depots, endlich wieder einmal der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Jetzt allerdings in edler barocker Umgebung und einen wichtigen Anlass flankierend. Dazu der Kulturpublizist Werner Dreher in seiner Laudatio: »Die Stadt würdigt den wohl bedeutendsten bildenden Künstler in ihren Mauern mit einer großen Einzelausstellung in diesen wunderbaren Räumen anlässlich des Doppeljubiläums ‚80 Jahre Guido Zingerl’ und ‚750 Jahre Kloster Fürstenfeld’.«

Auf zwei Etagen ausgestellt sind der Zyklus »Große Amperlandschaft. Erkundungen entlang des Flusses« mit vielfältigen Geschichtsbezügen, das nahe KZ Dachau inbegriffen, und weitere Werke aus städtischen Sammlungen. Und ganz Neues: der Künstler hat sich in prächtigen Farben des Klosterjubiläums angenommen, erzählt auf seine Art von ökonomischen und politischen Wurzeln des Prachtbaus. Um den »Tanz um’s goldene Kalb« (so der Ausstellungstitel) geht es, um Ablassprediger, um den Bayernherzog Ludwig (»der Strenge«), der seine der Untreue verdächtigte Gemahlin enthaupten ließ. Und um die als »Sühneleistung« erfolgte Klostergründung. Und sonst noch um allerlei, das sich da im Lauf der Jahrhunderte abgespielt hat.

In einem Gedicht zu seinem »Trotz-alledem«-Zyklus zitiert Guido Zingerl »Bruder Müntzer«, »Bruder Marx« und »Bruder Mandela« heran und meint: »Als wenn es ein Leben gäbe ohne sie / Ohne Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit / Ohne das Gespenst, das umgeht, immer noch, ruhelos, suchend und versuchend, / aber notwendig«. »Ich bin hoffnungslos wahnwitzig.«, folgert Zingerl. Wir hoffen, dass das noch lange so bleibt.

Lauschangriff und Berufsverbot

11. September 2013

Rücktitel der Ausgabe Sept./Okt. 2013

Guido Zingerl, Lauschangriff und Berufsverbot. Tusche, 2012

Guido Zingerl, Lauschangriff und Berufsverbot. Tusche, 2012

Titel der Ausgabe Juli-August 2013

9. September 2013

titel
14. Juni 2013: Mahnwache vor dem Kultusministerium in Baden-Württemberg für die Kündigung der Kooperationsvereinbarung mit der Bundeswehr.

Rücktitel der Ausgabe Juli-Aug. 2013

9. September 2013

ruecktitel

Diego Rivera (1886 – 1956), Hitler, Fresko. Der mexikanische Wandmaler arbeitete 1931 bis 1933 in den USA. Hier entstehen 1933 unter anderem die Bilder »Mussolini« und »Hitler«, mit denen Rivera Faschismus und Verfolgung thematisiert. Paneel der Fresken in New School for Social Research in New York.

Editorial

geschrieben von Regina Girod

9. September 2013

Juli-Aug. 2013

Bevor sich alle in die Sommerpause verabschiedeten, fand am letzten Juniwochenende in Berlin die Geschichtskonferenz der VVN-BdA unter dem Motto »Lizenz zum Terrror«. Das Jahr 1933. Vorgeschichte, Geschichte und Geschichtsbild statt. Eine interessante und gelungene Veranstaltung – wir eröffnen unsere Ausgabe mit einem Bericht über diesen Höhepunkt der Verbandsarbeit. Der in der letzten Ausgabe ebenfalls ankündigte Aktionstag gegen die »Deutsche Stimme« fiel dagegen im wahrsten Sinne des Wortes ins (Hoch-)Wasser. Da sich aber das Problem der Existenz von NPD und »Deutscher Stimme« auf keinen Fall von selbst erledigen wird, bleibt die Durchführung dieses Aktionstages weiter auf unserer Agenda stehen.

Das »Spezial« haben wir diesmal der Forderung gewidmet, die Bundeswehr nicht nur in den Sommerferien, sondern generell aus Schulen und Hochschulen zu verbannen. Aktivistinnen und Aktivisten berichten über Erfahrungen und Probleme antimilitaristischer Bündnisse. Vor allem in Baden-Württemberg engagieren sich Mitglieder und Kreisorganisationen der VVN-BdA seit vielen Jahren in diesem Bereich. Vielleicht eine Anregung für Antifaschistinnen und Antifaschisten in anderen Bundesländern, Kontakte zu den in Schulen und Hochschulen wirkenden Gruppen der Friedensbewegung zu aufzunehmen.

Der aktuellen Situation entsprechend, wird in mehreren Beiträgen dieser Ausgabe aus unterschiedlichen Perspektiven der Verfassungsschutz thematisiert. Ausgehend von immer neuen Enthüllungen über »Pleiten, Pech und Pannen« der Verfassungsschutzorgane im NSU-Komplex über die hochtönenden Pläne zu seiner Reformierung bis hin zur Skandalisierung der Tatsache, dass der hessische Verfassungsschutz Sylvia Gingolds Engagement in der VVN-BdA für speicherungswürdig hält, erhellen sie das Bild einer Behörde, die obwohl unter öffentlichen Druck geraten, beharrlich an ihren Feindbildern und antidemokratischen Praktiken festhält. Die Forderung nach Auflösung solch eines VS bleibt damit eine grundlegende Aufgabe für einen echten Verfassungsschutz.

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