Der Aufstand von Sobibor

11. September 2013

»Wir müssen erinnern, damit wir nie vergessen!«

Am 14.Oktober 1943, kurz vor Ausbruch des Aufstandes und der Massenflucht aus dem deutschen Vernichtungslager Sobibor, riefen die Anführer des Aufstandes Leon Feldhendler (Rabinersohn aus Żółkiewka) und der sowjetische Kriegsgefangene Sascha Petscherski, alle KZ-Häftlinge auf, dass sie, falls sie überleben, der Welt die Wahrheit über Sobibor verkünden. In Sobibor wurden nach unterschiedlichen Schätzungen 250.000 Menschen auf brutale Weise durch Motorabgase vergast.

Angesichts des Widererstarkens neofaschistischer Gruppen in ganz Europa, von Deutschland über Polen, bis Ungarn und Bulgarien, und der vermehrten Leugnung des Holocaust selbst in jenen Ländern, in denen er während der deutschen Besatzung stattfand, kommt den noch lebenden Zeitzeugen eine wichtige Aufgabe zu. Die Berliner VVN-BdA erinnert beim diesjährigen »Tag der Mahnung und Begegnung« aus Anlass der 70. Jahrestage bewaffneter Aufstände im Vernichtungslager Sobibor und Treblinka sowie im Warschauer Ghetto an die jüdischen Widerstandskämpferinnen. Zu den letzten, noch lebenden Aufständischen im deutschen Vernichtungslager Sobibor, gehört Philip (Fiszel) Bialowitz.

Sein Erlebnisbericht, welcher dank der Aufzeichnungen seines Sohnes Joseph Bialowitz in dem Buch »A Promise at Sobibór: A Jewish Boy’s Story of Revolt and Survival in Nazi-Occupied Poland« veröffentlicht wurde, belegt eindrücklich, wie vielfältig jüdischer Widerstand war, und dass von den deutschen Faschisten zur Vernichtung bestimmte Juden selbst unter unmenschlichsten Bedingungen bewaffneten Widerstand organisierten.

Als die Häftlinge von Sobibor Ende Juni 1943 die Ankunft eines Transportes jüdischer Häftlinge des Sonderkommandos aus dem Vernichtungslager Bełżec erlebten, die sich noch auf der Rampe aus den Waggons heraus sofort auf die SS-Wachen stürzten, war für sie klar, dass auch sie einen Aufstand vorbereiten mussten. In den Kleidern der ermordeten Häftlinge aus Bełżec fanden Sie eine Nachricht: »Wir sind alle Häftlinge von Bełżec. Die Deutschen benutzten uns bis zur Schließung des Lagers. (…) Es erwartet uns das gleiche Schicksal, das unsere Brüder und Schwestern erreichte. Euch werden Sie auch töten. Lasst Euch nicht betrügen, wie wir! Rächt Euch! Rächt Euch!«

Bialowitz verbreitete den Appell unter den Häftlingen in Sobibor. Im Waldkommando kam es kurz danach zur Flucht von vier Häftlingen, bei der ein ukrainischer SS-Mann mit Äxten erschlagen wurde. Philips Bruder Symcha, der als Pharmazeut arbeitete, versuchte im August, die SS-Wachmannschaften mit einer Überdosis Morphium zu vergiften. Diese Verschwörung wurde durch Unachtsamkeit aufgedeckt. Erneut wurden zur Strafe Menschen ermordet. Andere Häftlinge gruben einen unterirdischen Tunnel, der jedoch kurz vor Fertigstellung entdeckt wurde. Ähnlich wie einige Monate zuvor, als im Lager III, wo die Vergasung stattfand, bereits ein Tunnel gebaut worden war, ermordete man die Widerständler. Eine weitere Aktion der Häftlinge war die Tötung des berüchtigten Kapos Berliner, die als Krankheit getarnt werden konnte.

Das Wunder geschah am 23. September 1943 als in Sobibor ein Transport mit Dutzenden sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem Ghetto Minsk ankam. Die Deutschen machten den entscheidenden Fehler, aus diesem Transport ca. 80 Männer auszuwählen, die den Häftlingen in Sobibor helfen sollten das Lager IV, in dem Munition gelagert und delaboriert werden sollte, zu bauen. Dadurch erhielt der Widerstand unter Leon Feldhendler einen entscheidenden Impuls und Unterstützung durch kampferprobte Soldaten unter der Führung von Aleksander »Sascha« Petscherski.

Der Plan der Häftlinge sah vor, dass in der ersten Etappe, am 13. Oktober ab 16 Uhr innerhalb einer Stunde die wichtigsten deutschen SS-Offiziere unbemerkt eliminiert werden sollen. Die SS sollte durch ihre Gier nach Schmuck und Geld an einen verabredeten Ort gelockt werden. Dort warteten Kampfeinheiten aus drei Häftlingen mit Äxten und Messern auf sie. Als nächstes sollte mit den erbeuteten Waffen das Waffenlager gestürmt werden. Bereits zuvor hatten Frauen, die in den Plan eingeweiht waren, im Lager Waffen gestohlen. Die zweite Phase war weitaus schwieriger. Es sollte zu einem offenen Aufstand und zu der Flucht aller, auch der nicht eingeweihten Häftlinge im Lager I und II kommen. Zum Lager III bestand kein Kontakt. Kurz vor dem Appel um 17 Uhr sollten die Telefon- und Elektroleitungen zerschnitten werden. Anschließend sollten die Kapos Pożycki und Bunio die Häftlinge zum Haupttor führen wie zu einem Arbeitseinsatz.

Am Tag des Aufstandes kamen jedoch plötzlich mehrere LKWs mit deutschen Soldaten an. Der Aufstand wurde auf den nächsten Tag verschoben. Am 14. Oktober 1943 verlief am Nachmittag alles nach Plan. Als sich die Häftlinge kurz vor 17 Uhr auf dem Appellplatz versammelten, fielen jedoch Schüsse. Irgendetwas musste schief gelaufen sein. Sofort sprang Sascha auf den Tisch auf dem Appellplatz und rief: »Brüder! Der lang ersehnte Augenblick ist gekommen. Wir haben schon die meisten Deutschen getötet. Erheben wir uns und vernichten diesen Ort. Wir haben kaum Chancen aufs Überleben, aber wenigstens sterben wir ehrenhaft im Kampf. Wenn es jemandem gelingen sollte zu überleben und fliehen, soll er nicht vergessen, dass er verpflichtet ist Zeuge zu sein und der Welt zu berichten über diesen Ort und darüber, was er hier gesehen hat.«

Es entstand ein großes Durcheinander. Die Häftlinge konnten nicht mehr wie geplant durch das Haupttor herausgeführt werden. Der SS-Mann Frenzel konnte nicht liquidiert werden und begann auf die Menschen zu schießen. Die Mehrheit der Häftlinge versuchte, den drei Meter hohen Stacheldrahtzaun zu überwinden und über das Minenfeld zu entkommen.

Von den ca. 650 Häftlingen, die am 14. Oktober 1943 in Sobibor waren, nahmen nach Berechnungen des niederländischen Sobibor-Deportierten Jules Schelvis 365 an der Massenflucht teil. Ca. 285 Häftlinge blieben zurück im Lager und wurden kurze Zeit später ermordet. Ca. 158 Personen wurden durch Schüsse oder Minen getötet. Bis zum 23. Oktober 1943 wurden weitere 107 Flüchtlinge gefasst. Mindestens 22 Flüchtlinge wurden noch vor Kriegsende von Deutschen, Ukrainern oder Polen in der Lubelskie-Region aus antisemitischen oder kriminellen Motiven ermordet. Lediglich 42 Flüchtlinge erlebten nach Schlevis Schätzungen das Kriegsende. Als Rache für die Flucht aus Sobibor wurden alle jüdischen Gefangenen des Vernichtungslagers Majdanek sowie der Arbeitslager Trawniki und Poniatowa ermordet.

Nach der Flucht gelang Philip und seinem Bruder die Kontaktaufnahme zu polnischen Partisanen. Es wurde jedoch schnell klar, dass diese Einheit mehr an ihrem Geld interessiert war und sich offen antisemitisch gebärdete. Die Brüder flüchteten in der Nacht. Sie versteckten sich bei mehreren Bauernfamilien bis sie zur Familie Mazurek in Tarzymiechy gelangten, deren beide Söhne bei der Armia Krajowa (AK) waren. Den Brüdern Philip und Symcha war bewusst, dass es auch bei der AK zu Morden an Juden gekommen war, die entweder antisemitisch motiviert waren oder mit dem Vorwurf prosowjetsicher Sympathien begründet wurden. Dennoch versteckten sie sich bei Familie Mazurek bis zur Befreiung durch die Rote Armee.

Doch die Morde an Juden gingen weiter. Mehrmals wurden die vor der Shoah geretteten Brüder, wie viele andere Juden, von polnischen Nationalisten überfallen und mit dem Tode bedroht. Die polnischen Faschisten der NSZ mordeten auch nach der Befreiung hinterhältig weiter. Unter ungeklärten Umständen wurde nach der Befreiung vermutlich von der NSZ auch Leon Feldhendler ermordet. Bialowitz gelangte nach dem Krieg über Szczecin in mehrere Displaced Persons-Lager u.a. in Berlin Schlachtensee bis er 1950 in die USA auswandern durfte.

Philip (Fiszel) Bialowitz ist den vergangen 25 Jahren als gefragter Zeitzeuge in vielen Ländern aufgetreten. Als Zeuge nahm er auch an mehreren Verfahren gegen Kriegsverbrecher teil, zuletzt an dem Verfahren vorm Landgericht München II gegen den SS-Aufseher John (Iwan) Demjanjuk. Die Kammer verurteilte den 91-jährigen Ukrainer wegen Beihilfe zum Mord in 28.000 Fällen zu fünf Jahren Haft. Das Urteil gilt als Meilenstein der Verfolgung von Nazis durch die bundesdeutsche Justiz, die nach 1945 im Umgang mit NS-Straftätern komplett versagt hat.

Im Zusammenhang mit Kriegsverbrecherprozessen stellte sich Philip Bialowitz oft die Frage nach Vergebung: »Ich weiß, dass Vergebung eine heilende Kraft besitzt. Sie kann mich von Hass befreien gegenüber den Mördern, der mich seit über sechzig Jahren quält. Bestimmt kann ich jenen Banditen vergeben, die doch versuchten, den Opfern zu helfen, zu ihnen nachlässiger waren als andere. Aber ich kann nicht Sadisten vergeben, die jeden Tag töteten, als wäre es irgendein Sport. Es ist sehr schwierig, jemandem zu vergeben, der einen Menschen tötet. Aber was ist, wenn jemand Tausende Menschen ermordet, darunter kleine Kinder?«

Die jüdischen Aufstände in den Vernichtungslagern Treblinka, Sobibor und Aschwitz-Birkenau sowie in mehreren Ghettos belegen, dass die deutschen Faschisten nicht in der Lage waren, die Menschenwürde der KZ-Häftlinge zu zerstören. Es muss hervorgehoben werden, dass angesichts des planmäßigen Mordes an europäischen Juden selbst alltäglich Erscheinendes zum Widerstand wurde, ja das Leben selbst bereits Widerstand war. Philip Bialowitzs Sohn Joe formuliert das im Buch seines Vater folgendermaßen: »Wir sollten über zwei Arten des jüdischen Widerstand sprechen: wenn Juden um ihre Körper kämpften und wenn sie um ihre Seelen kämpften. Durch Rettung ihrer Seelen, schöpften sie Kraft zum Kampf ums Leben oder siegten zumindest durch einen würdevollen Tod. Nicht allein, sondern als Teil einer Gemeinschaft. Beide Widerstandsformen, die bewaffnete und zivile waren ebenso mutig wie wichtig und wir müssen den zukünftigen Generationen darüber berichten.«

Frühe Rehabilitierung

geschrieben von Harald Bauer, München

11. September 2013

Zum Artikel »Offene Wunden der Stalinära«

 

Ich möchte an zwei Jahrestage erinnern: Den 70. Jahrestag der Gründung des NKFD und 70. Todestag von Julius Fucik. Wäre schön, wenn darauf eingegangen würde.

Zum Artikel »Offene Wunden«. Es sollte auch gesagt werden, dass noch während der Sowjetzeit viele Rehabilitierungen erfolgten. Und ohne die Sowjetunion hätte es eben keinen deutschen antifaschistischen Staat gegeben (1949 – 1990) und es hätten sich dadurch die Bedingungen für die Antifaschisten in Westdeutschland noch schwieriger gestaltet.

Kritik: Das Foto auf Seite 28 stammt aus dem Jahr 1932, also einer Zeit, in der ausländische Antifaschisten noch nicht von den Repressalien betroffen waren.

Bedrückende Erinnerungen

geschrieben von Anita Krebs, Berlin

11. September 2013

Zum Artikel »Offene Wunden der Stalinära«

 

Ich habe beide Ausstellungen gesehen, angeregt durch den Artikel in der antifa. Die Ausstellung in der Stauffenbergstr. »Ich kam als Gast in euer Land gereist« hat mich am meisten beeindruckt, aber auch sehr traurig gemacht. Auch, weil ich die Familie Koenen persönlich kannte. Ich glaube, es war die Familie von Wilhelm Koenen, mit der wir in den 50er Jahren gemeinsam in einem Haus am Frankfurter Tor wohnten. Das Märchen des Sohnes von Herrmann Duncker hat mich ebenfalls sehr berührt. Hermann Duncker war mein Lehrer des M/L 1950 oder 1951 an der Gewerkschaftshochschule in Bernau. Ich habe aber nicht gefunden, was ich gesucht habe. Mein Vater hatte einen Freund, Erich Schuster, der ist auf Beschluss der Partei in Dresden mit seiner Frau und drei Kindern in die SU gereist. Keiner hat mehr von ihm gehört.

Den Übersetzer und Mitgestalter der Ausstellung, Herrn Wladislaw Hedeler, habe ich persönlich kennen gelernt. Er hat auch das im Februar 2013 herausgekommenes Buch von Alexander Fatlin »Was für ein Teufelspack: Die Deutsche Operation des NKWD in Moskau und im Moskauer Gebiet 1936 bis 1941« übersetzt. Ich habe es gelesen – tief beeindruckt!

Meine Freundin hat in der Aufstellung der deutschen Antifaschisten den Namen ihres Onkels gefunden, der erschossen wurde. Ich habe in dem Buch Roberta Gropper gefunden, sie war unsere langjährige Freundin, ist leider schon 1993 gestorben. Sie kam 1948 aus der SU zurück und war in der Berliner Gewerkschaft Sekretär für Frauen und die Sozialversicherung.

Ich war auch in der Ausstellung GULAG und habe mir ein Bild gemacht, was GULAG in der Stalinära bedeutete. Ich bin sehr bedrückt und traurig, dass so viele Kommunisten und Antifaschisten diese Zeit nicht überstanden haben. Das Schreiben ist mir schwer gefallen, doch ich wollte das sagen.

Spanienkämpfer in Mauthausen

geschrieben von Monika Heyne

11. September 2013

Zum 100sten Geburtstag von Willi Rentmeister (1913–1997)

 

Willi Rentmeister kam am 24. November 1913 im katholischen Sterkrade im Ruhrgebiet, heute ein Ortsteil von Oberhausen, zur Welt. Er war der Jüngste der sechs Rentmeister-Kinder. Seine Familie gehörte zu den ärmsten des Ortes.

Als 1916 sein Vater Franz zum Kriegsdienst eingezogen wurde, stand seine Mutter Katharina allein mit den Kindern da. Mit zehn Jahren trat Willi in die katholische Jugendorganisation »Quickborn« ein. Sein Interesse an sozialistischen Ideen führte ihn 1928 in die SAJ. Er wurde dort nach kurzer Zeit Leiter der »Roten Falken« in Sterkrade. Wegen der finanziellen Not seiner Familie musste er die Schule ohne Abschluss verlassen und konnte auch keinen Beruf erlernen. Mit 18 Jahren wurde er Mitglied in der kommunistischen Jugendorganisation KJVD und nach einiger Zeit dort Leiter der »Roten Jungpioniere«.

Nach dem Verbot aller kommunistischen Organisationen floh Willi im März 1933 aus Deutschland und ging nach Holland ins Exil. Im selben Jahr wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Wegen illegaler politischer Betätigung und Verbindung zu deutschen Widerstandsgruppen wurde er 1936 in Holland verhaftet.

Willi gehörte zu jenen jungen Kommunisten, die dem Ruf zur Verteidigung der Spanischen Republik gegen die Faschisten folgten. Gemeinsam mit fünf anderen Illegalen brach er am 7. Januar 1937 von Amsterdam über Paris nach Spanien auf. Bereits bei seinen ersten Kämpfen wurde er so schwer verwundet, dass er als frontuntauglich galt . Trotzdem meldete er sich erneut freiwillig zur Front.

Nach der Auflösung der internationalen Brigaden wurde Willis Bataillon in einem Internierungslager am Mittelmeer gefangen gehalten, später ins Straflager Vernet überstellt. Willi wurde an das faschistische Deutschland ausgeliefert, er wusste, dass damit eine Verurteilung und KZ verbunden waren.

Im Oktober 1941 wurde er vom Oberlandesgericht Hamm/Westfalen wegen »Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens« zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, im Juli 1943 entlassen und ohne weitere Verhandlung ins KZ Sachsenhausen überstellt. Er kam zunächst in das Nebenlager Heinkel-Oranienburg, wo er seinen Bruder Robert wieder traf. Eine weitere Station waren das KZ Barth an der Ostsee, im November 1944 brachte man ihn von Sachsenhausen ins KZ Mauthausen mit dem Vermerk »Rückkehr unerwünscht«. Auf dem Weg dorthin wurde er für kurze Zeit im KZ Ravensbrück untergebracht, in dem seit 1937 auch seine Mutter inhaftiert war. Willi blieb sein ganzes Leben lang stolz auf seine Mutter und ihre Erziehung.

In Mauthausen gab es eine illegale Lagerorganisation von antifaschistischen Häftlingen, die Maßnahmen einleiteten, um Willi zu schützen. Nach kurzer Zeit trat auch er in diese Organisation ein, die viele Kameraden retten konnte.

Am 5. Mai 1945 befreiten amerikanische Truppen das KZ Mauthausen. Es dauerte jedoch noch einige Zeit bis Willi zurückkehren konnte. Nach seiner Entlassung ging Willi ins Ruhrgebiet. Er betrachtete die Entwicklung in seiner Heimat BRD, die vielen seiner ehemaligen Peiniger Unterschlupf und gesicherte Existenz bot, allerdings mit Skepsis und siedelte in die DDR über. Dort arbeitete er im Gewerkschaftsbund, auf Grund seiner vielfältigen internationalen Kontakte wurde er Verbindungsmann zum Weltgewerkschaftsbund (WGB).

Wegen seiner kritischen Haltung zu den 68er-Ereignissen in der CSSR geriet er mit seiner Partei, der SED, in Konflikt. Willi wurde aus dem Gewerkschaftsapparat entlassen, war eine Zeit lang arbeitslos und dann als Lektor im Verlag »Tribüne« tätig.

1952 hatte er die Tochter eines im KZ Sachsenhausen ermordeten Widerstandskämpfers, seine Elsa, geheiratet. Viele Jahre war Willi Rentmeister Vorsitzender der Lagergemeinschaft Mauthausen der DDR und vertrat diese bis 1993 im Internationalen Mauthausen Komitee (CIM). Heute ist seine Frau Elsa Ehrenvorsitzende des Mauthausen Komitees Ost e.V.

Das Massaker von Kalavrita

geschrieben von Gerald Netzl

11. September 2013

Nach 70 Jahren sind die Verbrechen weiter ungesühnt

 

Die Verbrechen der SS im französischen Oradour und im tschechischen Lidice sind weitgehend bekannt, die Massenmorde der Wehrmacht auf dem Balkan sind dagegen kaum bis gar nicht im kollektiven Gedächtnis der Tätergesellschaften verankert.

Im Sommer 1943 wurde in der nördlichen Peloponnes eine sich verstärkende PartisanInnentätigkeit registriert, die deutschen Okkupanten befürchteten eine alliierte Landung. Im Oktober sollte eine Wehrmachtskompanie in der Bergregion von Kalavrita nach Partisanen suchen. Es kam tatsächlich zum Kampf mit einer Einheit der Widerstandsorganisation ELAS, bei dem vier Soldaten fielen und 78 in Gefangenschaft gerieten. Wochenlang wurde unter Vermittlung griechischer Geistlicher über einen möglichen Austausch der deutschen Gefangenen gegen griechische Geiseln verhandelt. Erfolglos. Darauf zog die Wehrmacht etwa 3.000 Mann zusammen, obwohl man vermuten musste, dass die sich zurückziehenden Partisanen die Gefangenen nicht lebend zurücklassen würden. Doch Prestige und Strafanspruch der Wehrmacht rangierten in der Werteordnung des befehlenden Generals höher als das Leben der eigenen Soldaten, die noch dazu eine Schlacht gegen das »Sauvolk« (Zitat Generalmajor LeSuire) verloren hatten. Als Ziel des »Unternehmens Kalavrita« definierte er: » a) Vernichtung der in den genannten Räumen befindlichen Banden. b) Durchsuchung der Ortschaften nach Kommunisten, Waffen, Propagandamaterial usw. c) Such- und Vergeltungsaktion für das am 18.10.43 in Gegend Roji aufgeriebene 5./Jg. Rgt. 749.« Die Kampfanweisungen sahen vor, dass »Ortschaften, aus denen geschossen wurde«, niederzubrennen seien; besonderes Augenmerk sei »auf alle Klöster, Kapellen und einzeln stehende Häuser zu richten, da dort meist versteckte Waffenlager« zu vermuten wären.

Am 7. Dezember, vor ihrem Abzug, exekutierten die Partisanen ihre Gefangenen. Das stellte zweifelsfrei einen Bruch des Kriegsrechts dar – welchem die Freischärler nach deutscher Auffassung aber ohnehin nicht unterlagen – und diente der Wehrmacht zur Legitimierung bereits durchgeführter und noch beabsichtigter Morde an der Zivilbevölkerung. Am 13. Dezember ermordeten die Soldaten alle Männer Kalavrytas, 511 Menschen, der jüngste ein zwölfjähriger Bub. Die Stadt wurde in Brand gesetzt. Die eingeschlossenen Frauen und Kinder ließ man nach den Exekutionen der Männer wieder frei, auf dem Rückmarsch in die Standorte führten die Einheiten weitere Exekutionen durch und zerstörten 25 Dörfer.

Im Bericht über die abgeschlossene Aktion hieß es: »Als dann schärfste Form der Sühnemaßnahmen befohlen wurden (sic!), kamen Führer und Truppe der Kampfgruppe diesem Befehl nicht nur pflichtbewußt, sondern aus voller Überzeugung nach.« 696 griechische Zivilisten wurden Opfer des Befehls. Auch das Nationalheiligtum Kloster Agía Lávra wurde völlig zerstört, was die Empörung der Griechen noch steigerte und bis heute nachwirkt (Im Kloster wurde 1821 die Fahne der Freiheitskämpfer gegen die Osmanenherrschaft gesegnet).

Am 4. April 2000 besuchte Bundespräsident Johannes Rau Kalavrita und legte am Mahnmal oberhalb des Ortes einen Kranz nieder. Im gleichen Jahr schrieb der Völkerrechtler Norman Paech in »Der juristische Schatten…«: »Trotz Hunderten von Ermittlungsverfahren wurde wegen Kriegsverbrechen in Griechenland nur ein Hauptverfahren vor dem Landgericht Augsburg eröffnet. Es ging um die Erschießung von sechs Zivilisten auf Kreta. Das Gericht übernahm den Standpunkt der Wehrmacht, (…), so qualifizierte das Landgericht diese Hinrichtungen als ‚völkerrechtliche Notwehr‘ und sprach den angeklagten Hauptmann frei… Alle Bundesregierungen einschließlich der jetzigen haben sich bisher geweigert, mit der griechischen Regierung in Verhandlungen über die ungelöste Frage der Entschädigung für die Opfer der damaligen Massaker einzutreten.« Das Massaker von Kalavrita war das größte in Griechenland, es wurde im kollektiven Gedächtnis des griechischen Volkes zum Symbol für die Besatzungspolitik und die Verbrechen der Wehrmacht.

Vor Ort in Griechenland

geschrieben von Reinhard Raika

11. September 2013

Ein politischer Reisebericht über Faschismus gestern und heute

 

Vom 8. bis zum 13. Juni besuchte eine Gruppe des Darmstädter DGB-Stadtverbandes Griechenland. Ziel war Livadia, eine Stadt in der mittelgriechischen Region Böotien. Das dortige Arbeiterzentrum, der regionale Zusammenschluss verschiedener Gewerkschaftsorganisationen, hat sein Aktionsfeld um einen sozialen Supermarkt erweitert, in dem Lebensmittel und gebrauchte Kleidung an bedürftige Familien abgegeben werden. Das ist notwendig geworden, da die rigorose Sparpolitik der letzten Jahre viele Menschen in Armut gestürzt hat. Mit einem Solidaritätskonzert und bei anderen Gelegenheiten wurde hierfür Geld gesammelt. Die Gruppe war dort, um das Geld zu übergeben.

Nicht zufällig geschah dies Anfang Juni. Denn zum Bereich des Arbeiterzentrums gehört auch Distomo. In dieser Gemeinde richtete am 10. Juni 1944 die Waffen-SS ein bestialisches Massaker an der Zivilbevölkerung an, dem 219 Menschen zum Opfer fielen. In den ersten zehn Tagen des Juni gab es unterschiedliche Veranstaltungen zum Gedenken an diese Morde. Diese Gräuel sind im Bewusstsein der Bevölkerung auch heute noch sehr präsent. Fast jeder Einwohner Distomos weiß von einem Vorfahren zu berichten, der dabei ermordet wurde.

Im Rahmen der Gedenkfeiern gab es auch eine Podiumsdiskussion zur Frage der Entschädigungen des deutschen Staates für diese Verbrechen. Daran nahmen die Bürgermeister der Märtyrer-Städte teil, also der Gemeinden, die wie Distomo Opfer solcher Massaker wurden; außerdem der Jurist Stelios Perrakis, der die griechischen Interessen am Internationalen Gerichtshofs (IGH) in Den Haag vertrat.

In der Diskussion ging es darum, wie ein Prozess um Entschädigungen neu aufgerollt werden kann. Bisher hat der deutsche Staat erfolgreich alle Forderungen nach Reparationsleistungen abgewiesen. 2012 gab der IGH einer Klage Deutschlands statt, mit der die Bundesrepublik Immunität gegenüber Klagen von NS-Opfern beansprucht. Wichtig sei es, so Perrakis, jetzt die griechische Regierung zum Handeln zu zwingen.

Am Montag, dem Jahrestag des Massakers, fand in Distomo die Gedenkfeier statt. Sie hatte einen sehr offiziellen Charakter. Hochrangige Politiker aus Athen reisten an und Einheiten des Militärs waren anwesend. Gemeinsam liefen wir zur Gedenkstätte auf einem Hügel nahe beim Ort. Dort wurden eindrucksvoll die Namen aller Ermordeten vorgelesen. Danach gab es Reden des Bürgermeisters und anderer Politiker.

Einer kleinen antifaschistischen Gruppe aus Livadia reichte diese Art des Gedenkens nicht aus. Sie wollte auch einen Bezug zu den heutigen Problemen herstellen. Sie führte als einzige ein Transparent mit. Es enthielt den Slogan: »Kein Vergeben, kein Vergessen – Kampf dem Faschismus überall«.

Und der Kampf gegen den Faschismus ist heute in Griechenland wieder aktuell. Die faschistische Partei »Goldene Morgenröte« kann nach Umfragen heute mit einem Stimmenanteil zwischen zehn und vierzehn Prozent rechnen, und wäre damit vor der PASOK drittstärkste Partei. Sie profitiert von den Folgen der Spardiktate, die für viele Menschen extreme Einkommensverluste, auch Arbeits- und Wohnungslosigkeit bedeuten.

Soziale Unsicherheit ist weit verbreitet. Die »Goldene Morgenröte« versucht, diese Menschen mit einer extrem rassistischen Propaganda anzusprechen. Sie wendet sich vor allem gegen die zahlreichen Flüchtlinge und verspricht den griechischen Menschen Arbeit und Brot, wenn die Flüchtlinge abgeschoben würden. Gegen Flüchtlinge werden regelrechte Pogrome organisiert, ausländische Händler werden von Märkten vertrieben. So will sich die Partei als Sprachrohr der vielen Kleinhändler profilieren, die auf die einheimische Nachfrage angewiesen sind. Zahlreiche leer stehende Geschäfte zeugen vom Einbruch der Massenkaufkraft und den Schwierigkeiten der vielen kleinen Selbständigen.

Lebensmittelausgaben »nur für Griechen« dienen dem selben Zweck. Doch wird die faschistische Partei nicht nur von Deklassierten getragen. Die Partei wird auch von reichen Reedern unterstützt, wie die ehemalige Nummer zwei der Partei nach ihrem Austritt in einem Buch veröffentlichte. Die Partei vermittelt auch Arbeitskräfte an befreundete Unternehmer und plant den Aufbau eines eigenen Arbeitskräfteverleihs. Die »Goldene Morgenröte« hat bereits angekündigt, sie werde auch gegen Schwule und Linke vorgehen, wenn sie mit den Ausländern fertig sei.

Die Reeder, die in Griechenland eine lange antidemokratische Tradition besitzen, haben so auf jeden Fall einen Plan B, falls die Pläne der Regierung Samaras für weitere Privatisierungen und Entlassungen auf breiteren Widerstand stoßen und eine Linksentwicklung möglich werden sollte.

Der andere 11. September

11. September 2013

Chilenische Emigranten blicken zurück auf 40 Jahre Geschichte

 

Cesar: Wir kommen aus drei verschiedenen Parteien. Wir haben verschiedene Berufe und stammen aus verschiedenen Regionen Chiles. Was wir gemeinsam haben, ist Begeisterung für Salvador Allende und unsere Arbeit in der Unidad Popular.

Eduardo: Die Tage hatten damals mehr als 24 Stunden. Ich habe 8 Stunden am Tag gearbeitet, ich war ein normaler Arbeiter, und hatte gut 3 Stunden Fahrtzeit täglich. Und dann ging unser politischer Tag erst los. Wir wollten die Veränderung und gingen mit einer unglaublichen Energie an die Arbeit. Ich war ständig in Bewegung. Das war wie ein langer Traum. Trotz allem, was später kam, tut es mir manchmal Leid, dass meine Söhne diese Erfahrung nie machen konnten.

Edgardo: In diesen 1.000 Tagen haben wir mehr als ein Drittel unseres Lebens gelebt. Ich meine damit den Inhalt, die Bedeutung, die diese Zeit für unser Leben hatte. Wir sind davon bis heute geprägt.

Cesar: Ja, trotz allem, was danach kam, die Bitterkeit des Exils, die Einsamkeit, die verlorene Familie – ich bin mit meinem Leben zufrieden, weil wir das, was wir tun konnten, damals getan haben. Aber wir hatten keine praktische Vorstellung vom Faschismus. Wir haben ihn zunächst nicht erkannt. Man denke nur an Allendes Aussage »Das Militär ist das Volk in Uniform«. Welche Illusion!

Edgardo: Das haben wir teuer bezahlt. Und trotzdem gab es die ganze Zeit hindurch Widerstand.

Cesar: Die MIR hat ständig gekämpft, die Frauen, deren Männer umgebracht, verschwunden oder im Gefängnis waren, ab 1980 die Kommunistische Jugend mit der Frente Patriotico Manuel Rodriguez, die Aufstände in den Poblaciones.

Eduardo: Trotz der unglaublichen Repression nach dem Attentat auf Pinochet 1986 haben die Chilenen, als er sich im Plebiszit bestätigen lassen wollte, mit NO gestimmt. Und 1988/89 gingen Millionen auf die Straße …

Cesar: Vergessen wir aber nicht, dass bis dahin Milton Friedman schon sein neoliberales Experiment unter Bedingungen der totalen Rechtlosigkeit – ohne Gewerkschaften, ohne Mitbestimmung, ohne Streikrecht – abgeschlossen hatte und dafür dann den Nobelpreis erhielt. Da brauchte man nicht mehr unbedingt eine Militärdiktatur. Und sämtliche Parteien hatten sich vor allem durch ihre Auslandsleitungen vollständig sozialdemokratisiert und auf einen Pakt mit dem Militär vorbereitet, der seit den Wahlen von 1989 ja bis heute funktioniert.

Eduardo: Das ist die Verständigung über einen »Schlussstrich«: Bis heute gilt die Pinochet-Verfassung und ich glaube nicht, dass die nächste Regierung daran etwas ändert. Die Militärs genießen Straflosigkeit; Entschädigungen für ehemalige Gefangene – das sind 200 € im Monat – gibt es nur, wenn man unterschreibt, dass man für 50 Jahre auf die Strafverfolgung der Folterer verzichtet!

Edgardo: Außerdem besitzt das Militär Liegenschaften von 17,1 Mio. km² in ganz Chile, eingeschlossen Schulen und Krankenhäuser. Die Marine hat die Hoheit über 200 Meter landeinwärts entlang 4.300 m Küste und sie haben ihre Privilegien behalten, wie eine exklusive Rentenkasse, während normale Renten in Chile bei 300 € liegen und 30 Mrd. aus den Rentenkassen (in die nur die Arbeitnehmer einzahlen!) als Spekulationsmasse durch die Welt geschickt werden.

Eduardo: 1,7 Millionen Chilenen haben ungefähr 7 Rentenjahre bei Lehmann Brothers verloren. IWF und Weltbank sagen, das chilenische Pro-Kopf-Einkommen liegt bei 22.000 $ im Jahr. 60,15 % der Beschäftigten erhalten aber nur 340 € im Monat, der Mindestlohn liegt bei 310 € im Monat. Die Militärs betrifft das nicht. Übrigens: wer Entschädigung bezieht, muss sich bei Renteneintritt für Rente oder Entschädigung entscheiden. Da wir alle nicht so lange in Chile gearbeitet haben, heißt das, wir bezahlen unsere Entschädigung mit der Rente praktisch selbst …

Cesar: Es herrscht insgesamt in der Gesellschaft eine große Lust auf Ahnungslosigkeit und Vergessen. Niemand will etwas vom Leid der Opfer hören, man verlangt von ihnen »Versöhnung«. Dabei geht das langsame Sterben vieler ehemaliger Folteropfer täglich noch weiter. Übrigens hat die damalige Präsidentin Bachelet nach dem 11. September 2001 natürlich auch sofort den »Kampf gegen den Terror« aufgenommen. Soziale Bewegungen und die ethnischen Minderheiten gelten als Sicherheitsproblem und werden kriminalisiert. Die Führer der Mapuche sitzen deshalb heute im Gefängnis.

Edgardo: Auf jeden Fall hat die Erfahrung mit der Diktatur unsere Überlebensfähigkeit weiterentwickelt. Mir kann nichts Schlimmeres mehr passieren. Und wir haben hier in Hamburg Freunde gefunden, die uns von Anfang an unterstützt haben.

Cesar: Dazu gehört auf jeden Fall die VVN. Steffi Wittenberg hat eine große Rolle gespielt und Heideruh, wo unsere Kinder einige Wochen verbringen konnten.

 

Der Fall Theodor Lessing

geschrieben von Jörg Wollenberg

11. September 2013

Von der deutschen Dreyfus-Affaire (1925) zum politischen Mord in Marienbad (1933)

Der 1872 in Hannover geborene und Ende August 1933 in Marienbad ermordete Jude und Sozialist Theodor Lessing gehört zu den wenigen geistigen Persönlichkeiten des 20 Jahrhunderts von universalem Gepräge. Auf dem Höhepunkt der sein Leben bedrohenden Berufsverbots-Kampagne charakterisiert Lessing sich am 9. November 1925 in dem »Gerichtstag über mich selbst« folgendermaßen: »Ich war mit ganzer Seele Arzt, mit ungeteilter Seele Lehrer, mit voller Hingabe Psychologe, mit ganzer Kraft Philosoph. Aber eigentlich war ich immer, was ich in der Jugend war: ´Nur Narr, nur Dichter!«

Lessing hatte sich 1924/25 in dem skandalumwitterten Fall des mehrfachen Knabenmörders und Polizeispitzels Fritz Haarmann kritisch zu Wort gemeldet. In »Haarmann – die Geschichte eines Werwolfs« deutet er den Massenmörder als Symptom einer kranken, zum Untergang bestimmten Gesellschaft, die den Massenmord des 1. Weltkrieges mit Orden dekoriere und einen neuen Weltbrand mit »Giftgasbomben« vorbereite, der »Millionenstädte in tötende Nebel hüllen« werde. Zur gleichen Zeit erschien das Hindenburg–Portrait von Lessing, in dem er den Ehrenbürger der Stadt Hannover und »Helden von Tannenberg« als »guten, treuen Bernhardiner« und als politische Null charakterisiert. Jedoch, so Lessing, besteige »besser ein Zero als ein Nero« den Thron, wüsste man nicht, dass hinter jedem Zero ein künftiger Nero stünde.

Studenten und Hochschullehrer forderten den Rektor der TH Hannover auf, den bekennenden Juden, Pazifisten und unabhängigen Sozialisten aus dem Lehrkörper zu entfernen. Der zuständige preußische Kultusminister Adolf Grimme (SPD, engagierter Gegner der NSDAP und später Mitglied der »Roten Kapelle«) sah sich gezwungen, dem Freud aus den gemeinsamen Jahren in Hannover »sein Misstrauen auszusprechen« und in den befristeten Zwangsurlaub zu schicken. Zurückgekehrt an seine Wirkungsstelle skandierten 700 Studenten am 31. Mai 1926 während seiner Vorlesung: »Juden raus! Verhaut ihn. Schlagt ihn nieder!« Und »Juden raus! Lessing raus!«

Das hellsichtige Gelegenheitsportrait über Hindenburg und seine Folgen, veröffentlicht am Vorabend der Wahl zum Reichspräsidenten im »Prager Tagblatt«, brachte Lessing um seine akademische Stellung als nicht beamteter außerordentlicher Professor mit besoldetem Lehrauftrag für Philosophie und Naturwissenschaften an der TH Hannover. Einflussreiche Professoren wie Eduard Spranger, Max Scheler und Edmund Husserl äußerten sich mit einer Unzahl an führenden Repräsentanten des gebildeten Deutschland von Theodor Heuss bis zu Hans Rothfels kritisch bis ablehnend zur »Persönlichkeit und wissenschaftlichen Leistung« des ungeliebten Außenseiters.

Wortmeldungen eines störenden Außenseiters und Querdenkers

Der leidenschaftliche Kampf des satirischen Zeitkritikers gilt vor allem dem intellektualistischen Prinzip, das »schulmeisterlich rechthaberisch« dem Leben im Wege steht. »Untergang der Erde am Geist« nennt er sein Hauptwerk. In der von ihm gegründeten und von seiner Frau Ada Lessing geleiteten Volkshochschule Hannover beschreibt und vermittelt Lessing ab 1918 – der Not und dem Leben zugewandt – in mehr als 70 Kursen und Vortragsreihen Phänomene für die Nachgeborenen, die noch heute unsere Themen sind. Als Reformpädagoge setzt er seit der Jahrhundertwende auf die Lebens- und Bildungsreform und tritt für die Gleichberechtigung der Frau ein. Lessing wirbt seit 1914 als Lazarettarzt vergeblich für Frieden und Völkerverständigung, kämpft gegen Unterdrückung, Not, Verletzung der Menschenrechte, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit. Schon früh thematisiert Lessing die Nord-Süd-Problematik und beschreibt nach 1918 die Gefahren, die vom Antisemitismus, vom völkischen Denken und vom Nationalsozialismus ausgehen. Er gründet neben der Volkshochschule die Antilärmbewegung und engagiert sich für den Tier-, Natur und Umweltschutz. Gegen den »Untergang des Abendlandes« plädiert Lessing im Februar 1927 als deutscher Vertreter der Liga der Menschenrechte auf dem Brüsseler »Kongress gegen Imperialismus und Kolonialismus« zusammen mit Albert Einstein, Ernst Toller und Helene Stöcker für eine neue »Kulturmission der abendländischen Völker«, die pfleglicher umgeht mit der Natur und die Gefahren der »Kemkraftwirtschaft« erkennt, vor der er schon damals hellsichtig warnt.

Sudetendeutsche Nationalsozialisten ermordeten Theodor Lessing am 30.August 1933 im Auftrag der NS-Führung als erstes prominentes Opfer der Nazis im Ausland. Triumphierend meldete die in seiner Heimatstadt erscheinende »Niederdeutsche Zeitung« zwei Tage später: »Nun ist auch dieser unselige Spuk weggewischt«.

Doch nach wie vor lohnt es sich, den Ideen des Philosophen und Publizisten Theodor Lessing mit einer singulären Lebensgeschichte zu folgen. Er plädierte sein Leben lang für eine Erziehung zur sozialen Verantwortung, zur Demokratiefähigkeit und Friedensbereitschaft.

Rechte Ideenmesse

geschrieben von Kristian M. Rye

11. September 2013

Der »Zwischentag« in Berlin vereint Neue Rechte, Neokonservative und Nazis

 

Am 5. Oktober findet im Berliner »Logenhaus« in Wilmersdorf der zweite »Zwischentag« statt. Die Medienmesse wird von den selbsternannten neurechten »Vordenkern« Götz Kubitschek und Felix Menzel organisiert und versammelt das »who is who« extrem rechter Publizistik. Das Treffen dient der Selbstverständigung und Vernetzung einer Szene, die sonst selten öffentlich und vor allem gemeinsam auftritt. Dem Ruf des »Zwischentag« folgten im letzen Jahr bereits 700 Teilnehmer, die an einem »kultur-revolutionären« Konzept arbeiten. Vom elitären und intellektuellen Gebaren dürfen sich Antifaschistinnen und Antifaschisten nicht über das klassische rechte Weltbild und das Mobilisierungspotential dieses Spektrums täuschen lassen.

Hauptakteur des »Zwischentag« ist Götz Kubitschek, Herausgeber der rechtsintellektuellen (wenn es denn so etwas überhaupt gibt) Zeitschrift »Sezession« und Inhaber des Antaios-Verlags. Er ist Oberleutnant der Reserve und war 1996 an Protesten gegen die Wehrmachtsausstellung beteiligt. Wegen früherer Autorentätigkeit für die Junge Freiheit, sollte er aus der Bundeswehr ausgeschlossen werden, was allerdings zurückgenommen wurde. Der zweite Veranstalter ist Felix Menzel, Autor und Gründer der rechtskonservativen Onlinepublikation »Blaue Narzisse«. Er eröffnete Anfang Juni das »Zentrum für Jugend, Identität und Kultur« in einem Dresdener Kellerladen.

Neben den Publikationen der beiden Initiatoren beteiligen sich noch knapp 30 andere Aussteller am Zwischentag 2013. Einer der wichtigsten ist zweifellos das »Institut für Staatspolitik« (IfS), welches sehr eng mit der »Sezession« verknüpft ist und von Karlheinz Weißmann und Erik Lehnert geführt wird. Es versteht sich selbst als neu-rechte Denkfabrik und veranstaltet unter anderem die »Berliner Kollegs«, bei denen zu Themen wie Deutschenfeindlichkeit oder »Ein Jahr nach Sarrazin. Meinungsfreiheit in Deutschland« diskutiert wird. Das IfS vertritt in seinen Publikationen ein, an Carl Schmitt geschultes, reaktionäres Staatsverständnis und liefert Impulse für Diskussionen, die in diesem Spektrum geführt werden. Dieses Jahr wird das IfS zudem die Ausstellung »Konservative Revolution in Deutschland 1918 – 1932« beim Zwischentag präsentieren, bevor diese anschließend auch bundesweit zu sehen sein soll. Der Konservatismus genannter Zeit war ein Sammelbecken unterschiedlicher rechter Denkrichtungen, unter denen vor allem die »Jungkonservativen« die heutige Neue Rechte inspirieren. Die Konservative Revolution war aber gleichermaßen auch in ihrer völkischen und national-revolutionären Ausrichtung maßgeblicher Wegbereiter des Nationalsozialismus.

Rund hundert Jahre älter als die Konservative Revolution und dennoch dem neu-rechten Spektrum tief verbunden, ist die Deutsche Burschenschaft. Sie wird dieses Jahr sowohl als dezimierter Dachverband einen Stand unterhalten, als auch durch die »B! Germania Marburg« und die »B! Gothia Berlin«, also durch zwei besondere Rechtsausleger, vertreten sein.

Zudem werden noch einige (exrem) rechte und rechtsintellektuelle Buchverlage in Wilmersdorf ausstellen, darunter der »Ares« Verlag von Wolfgang Dvorak-Stocker. Bei »Ares« werden nicht nur geschichtsrevisionistische Schriften und Militaria, sondern auch krudeste Verschwörungstheorien verlegt. Jüngst wurde der Verlag aus Graz einem größeren Publikum bekannt, weil der ehemalige Verfassungschutzchef aus Thüringen, Helmut Roewer sein Buch »Nur für den Dienstgebrauch – als Verfassungsschutz-Chef im Osten Deutschlands« dort veröffentlichte. Neben »Telesma« und »Uwe Berg« sind außerdem Verlage mit Sitz außerhalb Deutschlands vertreten. Der englisch-schwedische Arktos-Verlag hat sich als der englischsprachige Hauptverleger der europäischen Neuen Rechten etabliert und »Deltastichting« aus Belgien bringt die Zeitschrift »TeKoS« heraus, die als flämisches Pendant zu »Sezession« und IfS gelten kann.

Weil es jedoch nicht bei brauner Theorie bleiben soll, sind dieses Jahr auch die rechten Hoffnungsträger der »Identitären Bewegung« vertreten. Neben dem deutschen Ableger ist auch eine Aktionsgruppe aus Wien angekündigt. Die aus Frankreich kommende, kultur-rassistische Bewegung, die in Deutschland bis jetzt vor allem durch Sprühereien und Flashmobs versuchte, auf sich aufmerksam zu machen, birgt nach Ansicht der neu-rechten Eliten Potential für junge Menschen, »die alte Muster politischen Denkens für genauso veraltet hält, wie die 68er und ihre wirre Ideologie.« Außerdem wird es auch dieses Jahr diverse Podiumsdiskussionen geben, auf denen über Islam, die »Alternative für Deutschland« oder die Zukunft der Deutschen Burschenschaft debattiert werden soll.

Im letzten Jahr wurde der Zwischentag nicht weiter beachtet. Da die Messe dieses Jahr noch größer werden soll, wird sie die Hauptstadt wohl dazu zwingen, das rechte Treiben nicht länger zu dulden.

Briten unterm Hakenkreuz

geschrieben von Thomas Willms

11. September 2013

Andere Erinnerungen auf den Kanal-Inseln

Der heutige deutsche Besucher der britischen Kanal-Inseln kann viele merkwürdige Beobachtungen machen. Die materiellen Reste der deutschen Besatzung von 1940 bis 1945 – Bunker, Geschützstellungen, Betonwege, Kanonen und Tunnelanlagen – sind aufdringlich genug. Stärker noch beeindrucken die offensichtlichen Deutungsprobleme der Inselgesellschaften bezüglich der »Occupation«. Sie sind so stark, dass sie nicht nur die zahlreichen Besatzungsmuseen, sondern jede Heimatstube und jedes Gespräch insbesondere mit älteren Einwohnern durchziehen.

Der quälende Widerspruch besteht darin, dass die Erfahrungen der Insulaner nicht denen der kämpfenden Siegernation Großbritannien entsprechen, sondern jenen der unterworfenen Festlandseuropäer ähneln. Gegenüber dem Mutterland besteht ein unterschwelliger Vorwurf: Guernsey, Jersey und die kleineren Inseln wurden im Juni 1940 weder verteidigt noch 1944 befreit. Beides war aus rein militärischer Sicht zwar verständlich, aber gefühlsmäßig schwer zu verdauen.

Die spezifischen, teils peinlichen, Erfahrungen der Insulaner spielten in der Nachkriegs-Nationalerzählung zum Krieg keine Rolle und wurden lange Zeit verdrängt. Vielleicht eher unfreiwillig macht das zentrale Befreiungsdenkmal auf Guernsey das Problem deutlich: Eine Säule mit Jahresringen zeigt die besagten fünf Jahre als Leerstelle, als hätte es sie nicht gegeben.

Schwieriger Teil der »falschen« Erinnerung der Insulaner ist die ungewöhnlich positive Einschätzung der Wehrmachtssoldaten. Man erlebte sie als »normale« Besatzer, oft auch als »arme Schweine«, nicht als alles niederbrennende Mörder. Dass die relative Milde der Besatzungsbedingungen Ausdruck von Hitlers Kalkül gegenüber Großbritannien war, konnte man nicht wissen und wird selbst heute kaum thematisiert. Auch hielt man die Bewohner Jerseys und Guernseys vom Ort des Terrors, der evakuierten Insel Alderney fern. Dort fielen hunderte Zwangsarbeiter den Deutschen zum Opfer.

Charakteristisch für die Besatzungsmuseen der Inseln ist der geradezu liebevolle Umgang mit den militärischen Überbleibseln. Dass man aus den Betonburgen der Wehrmacht heute touristisch Geld schlägt ist verständlich, aber erklärt doch nicht völlig, warum so viel Energie aufgewendet wird, Teile der »Festung Guernsey« nicht nur zu bewahren, sondern sogar zu rekonstruieren. Bei diesen Bemühungen spielt das private »Occupation Museum« Guernseys eine wichtige Rolle. In dessen Tea-Room sitzt man zwischen lebensgroßen Wehrmachts-Arrangements, die man in Europa wohl nirgendwo sonst zu sehen bekommt.

Die Darstellung in Form von Puppenstuben ist von den Heimat-Museen der Inseln übernommen (oder ist es andersherum?) und wird von den neueren Kriegsmuseen weiter entwickelt. Im Eingang der neu zugänglich gemachten Jersey War Tunnels – einer großen unterirdischen Bunkeranlage – wird der Besucher von einem Panzer-Diorama empfangen und dröhnend mit dem Horst Wessel Lied eingestimmt. Natürlich gab es das während der Besatzungszeit nicht. Überhaupt ging die ganze Anlage zur Besatzungszeit nie in Betrieb. Der oberflächliche Besucher wird verleitet, die beeindruckend arrangierten Szenen unterschiedslos für wahr zu halten, ob sie es nun waren oder nicht. Dass soviel Wert auf den optischen Eindruck gelegt wird, ist nicht mehr überraschend, wenn man erfährt, dass die War Tunnels von einer »Ltd.«, also einer Firma, betrieben werden.

In den War Tunnels beschäftigt man sich auch mit der Auslotung von »Zusammenarbeit« und »Kollaboration« der Inselbehörden und einzelner Persönlichkeiten mit den Deutschen und trifft Urteile, die in ihrer Eindeutigkeit zu einfach sind. In irgendeiner Art und Weise mit den Deutschen zu tun zu haben, war in der langen Zeit der isolierten Besatzung nahezu unausweichlich. Die hohen deutschen Löhne veranlassten manchen Arbeitslosen dazu, an den Bunkeranlagen mitzubauen, die die eigene Befreiung verhindern sollten. Zigtausend gelangweilte junge deutsche Männer mit Wurstdosen und Zigaretten trafen auf einen kriegsbedingt hohen Frauenüberschuss. Das entstehende Beziehungsspektrum reichte von wahrer Liebe bis zur Not-Prostitution und führte zu vielen Babys. Es ist bezeichnend, dass es nach Kriegsende nicht zu den aus anderen Ländern bekannten öffentlichen Demütigungen der »Deutschen-Liebchen« kam.

Die Inselregierungen und die Inselgesellschaften haben bis heute keinen Weg gefunden, die »geschwärzten« Erfahrungen und Gefühle zu thematisieren und angemessen zum Ausdruck zu bringen. »Ihr habt uns im Stich gelassen!« – diesen Satz darf es bis heute öffentlich nicht geben.

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