Schule als Rekrutierungsort

geschrieben von Frank Brendle

9. September 2013

Bundeswehr militarisiert den Unterricht – offen und durch
»eingebettete Lehrer«

Juli-Aug. 2013

Einige Schulen, vor allem in Berlin und NRW, haben sich bereits als militärfrei erklärt. Drei dieser Schulen wurde jüngst der Aachener Friedenspreis zugesprochen. (An einer Aachener Schule wies die – neue – Direktorin den Preis allerdings zurück, weil der Beschluss nicht rechtsverbindlich sei). Auch die außerschulischen Rekrutierungsversuche der Bundeswehr müssen zunehmend mit Protesten rechnen (einen guten Überblick bietet die Homepage www.bundeswehr-wegtreten.org).

Eine Auflistung bevorstehender Bundeswehr-Reklametermine wird jedes Quartal von der Linksfraktion veröffentlicht. http://dokumente.linksfraktion.net/mdb/17_13796_Bundeswehr_Reklame_III_2013.pdf

Die Wehrpflicht als Rekrutierungsinstrument ist weggefallen, immer weniger Jugendliche sind immer weniger darauf angewiesen, sich ausgerechnet bei der Bundeswehr zu bewerben. Die Truppe steht damit einerseits unter starkem Druck, ihre Personalwerbung aufzurüsten. Andererseits muss sie darauf achten, nicht durch falsche Verheißungen die »falschen« Jugendlichen anzulocken. Diesen Spagat hat sie bislang nicht geschafft. Zwar hat sich der Etat für Personalwerbung in den letzten Jahren vervielfacht. Standen 2009 noch vier Millionen Euro zur Verfügung, waren für 2012 bereits fast 14 Millionen eingeplant. In diesem Jahr sollen es sogar 30 Millionen sein.

Quantitativ dreht die Bundeswehr auf. Anzeigen, Radiospots, Plakatwände und »Eventmarketing« überziehen die Republik. Im Jahr 2011 war sie an 1647 Veranstaltungen (Messen, Ausstellungen, Festivals usw.) vertreten. Insgesamt seien dabei 10 240 070 Personen erreicht worden, davon entfielen fast ein Drittel auf einberufungsnahe Jugendliche »sowie deren relevanten Umfeld«, erklärte die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage von Ulla Jelpke (Linksfraktion).

Auf »qualitativer« Ebene verharrt die Bundeswehr aber auf dem alten Niveau. Und das schafft Konflikte: Als die Truppe im vorigen Jahr gemeinsam mit der Jugendzeitschrift »Bravo« und der Parole »Action, Abenteuer und jede Menge Fun« ein Abenteuer-Camp bewarb, hagelte es massive Kritik nicht nur von Friedens- und Kinderrechtsorganisationen. Auch in Militärforen sorgte man sich, dass solcherart angelockten Rekruten das soldatische Selbstverständnis fehle. Wer coole »Party-Locations« sucht, ist in Kunduz fehl am Platz. Auf einer Bundeswehrtagung im Herbst forderte Verteidigungsminister Thomas de Maizière, nicht die Illusion zu verbreiten, »als könne die Bundeswehr ein Leben wie auf einem Ponyhof bieten«.

Tatsächlich verändert hat sich aber beim »Jugendmarketing« nichts. Im Juni 2013 zeigte sich die Bundeswehr beim »Bw-Beachen«, einem Beach-ball-Wettbewerb, wieder als reine Sport- und Spaß-Truppe. Es zeigte sich aber noch etwas: Statt der 1000 geplanten Jugendlichen konnten gerade einmal 560 angelockt werden. Offenbar verlieren Jugendliche das Interesse an der Bundeswehr, selbst an deren Sportveranstaltungen.

Die Werbung verfängt nicht mehr so. Es nützt nichts, dass eine Person zwar einen Werbestand der Bundeswehr wahrnimmt, (»erreicht« wird), wenn sie daraufhin einen Bogen um den Stand macht.

Einen Ort gibt es freilich, an dem die Hauptzielgruppe geballt auftritt und keine Chance hat, einfach wegzulaufen. An Deutschlands Schulen geben sich 96 hauptamtliche Jugendoffiziere sowie 390 Wehrdienstberater (neuerdings »Karriereberater« genannt) die Klinke in die Hand, um die Schülerinnen und Schüler zu agitieren.

Die Jugendoffiziere erledigen die politische Arbeit und erläutern, dass die Bundeswehr unverzichtbar und ihre Auslandseinsätze alternativlose Beiträge zu mehr Frieden, Sicherheit, Stabilität und überhaupt einer besseren Welt sind. Werbung für einen Job hingegen ist Aufgabe der Karriereberater, die Ausbildungsberufe und Verdienstmöglichkeiten in der Truppe vorstellen.

Beides geschieht in Klassenzimmern. Jugendoffiziere profitieren von strukturellen Defiziten im Bildungsbereich: Viele Lehrer fühlen sich im Themenbereich Sicherheitspolitik nicht firm und akzeptieren dankbar das Angebot der Bundeswehr, ihre eigenen »Experten« in den Gemeinschaftskunde- oder Politikunterricht zu entsenden. Dort halten sie in der Regel einen 45minütigen Vortrag mit anschließender Diskussion. Es gilt Anwesenheitspflicht. Karriereberater kommen ebenfalls zu Vorträgen in die Klassen, wobei hier strenggenommen keine Anwesenheitspflicht besteht. Außerdem beteiligen sie sich an schulinternen Projekttagen, Ausbildungsmessen usw.

Die Einsatzzahlen sind beeindruckend: Die Karriereberater haben im vergangenen Jahr 188.000 Schüler alleine durch Vorträge an den Schulen erreicht, Jugendoffiziere traten dort vor knapp über 100.000 Schülern auf. Hinzu kommen fast 40.000 weitere Schüler, die in Seminaren oder bei Truppenbesuchen agitiert werden konnten.

Über den Besuch eines Jugendoffiziers entscheidet die jeweils zuständige Lehrerin bzw. der Lehrer. Vor vier Jahren forderte der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung die Bildungs- bzw. Kultusministerien der Länder auf, Kooperationsvereinbarungen mit der Bundeswehr zu schließen. Als Ziel des Unterfangens nannte er dabei ausdrücklich, »den Sinn bewaffneter Auslandseinsätze zu vermitteln.«

Acht Länder haben mittlerweile solche Abkommen geschlossen. Sie bekräftigen die Bereitschaft, Jugendoffiziere in den Unterricht einzubinden. Sie sind rechtlich nicht bindend, sollen aber Lehrern eine »Entscheidungshilfe« geben und etwaige Skrupel beseitigen.

Jugendoffiziere sind aber keine unabhängigen Experten, sondern beauftragte PR-Agenten der Bundeswehr. Ihre Arbeitsgrundlage, das »Handbuch: Der Jugendoffizier« schärft ihnen ein: »Für die Arbeit müssen Sie sich immer an politische Grundsatzaussagen, Analysen und Hintergrundinformationen aus den Bereichen der Sicherheits- und Verteidigungspolitik des BMVg« (des Verteidigungsministeriums) halten. Jugendoffizieren ist ausdrücklich aufgetragen, nur parteiisches Wissen zu vermitteln, vor allem aber Imagewerbung zu machen: »Wenn nichts von dem Thema in Erinnerung bleibt, so muss auf jeden Fall ein positiver Eindruck des Jugendoffiziers als Vertreter der Bundeswehr entstehen.«

Das widerspricht eklatant bildungspolitischen Grundsätzen. Die besagen unter anderem: Was in der Gesellschaft kontrovers diskutiert wird – und das lässt sich für Kriegseinsätze wohl sagen – muss auch im Unterricht als kontrovers dargestellt werden. Das können, ja dürfen Jugendoffiziere aber nicht, weil sie die Pflicht haben, einseitig Werbung für diese Kriegseinsätze zu machen.

Ironie der Geschichte: Die Kooperationsabkommen haben sich wenigstens teilweise als Schuss nach hinten erwiesen. So stellen die Bezirksjugendoffiziere etwa in Bayern und Baden-Württemberg fest, die Abkommen hätten keine positive Wirkung entfaltet, weil man davor schon »auf einer breiten Basis« mit Lehrern kooperiert habe. »Vielmehr fand die Kooperationsvereinbarung bei Kritikern einer inhaltlichen Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Sicherheitspolitik Gehör«, heißt es aus dem Süden. Konnten die Militärs bislang eher unbemerkt in den Schulen agitieren, seien manche Elternräte erst durch die Vereinbarung darauf aufmerksam gemacht worden, und nun protestierten sie dagegen – und forderten auch noch »erweiterte Mitbestimmungsmöglichkeiten«, so die genervten Militärs.

Heute gibt es in einer Vielzahl von Bundesländern Bündnisse gegen die Schuleinsätze der Militärwerber. Gewerkschaften wie ver.di und GEW sind sensibilisiert und positionieren sich gegen die militärische Beeinflussung des Unterrichts. Schüler beginnen, sich über Schulen hinaus zu vernetzen. Eltern wenden sich dagegen, dass ihre Kinder indoktriniert werden sollen. Mitunter genügt schon die Ankündigung von Protesten, um die Militärs in die Flucht zu schlagen. Es gibt erste Ansätze einer bundesweiten Vernetzung dieser Protestbewegungen.

Die wachsenden Proteste haben aber, wie oben gezeigt, noch nicht die Reichweite der Jugendoffiziere beeinflusst. Die Frage des strategischen Herangehens wird noch wenig diskutiert. Die meisten Bündnisse verstehen sich als explizit antimilitaristisch. Es geht ihnen nicht nur um die Jugendoffiziere, sondern sie sind gegen die Bundeswehr überhaupt. Das ist zwar sympathisch, bedeutet strategisch gesehen aber eine Verengung des Wirkungskreises. Es gibt mit Sicherheit viele Eltern, die nicht grundsätzlich antimilitaristisch sind, die aber nicht wollen, dass ihre Kinder ausgerechnet – und ausschließlich – von einem Jugendoffizier mit Wissen über die Bundeswehr abgefüttert werden. Diese Eltern werden von den Protesten faktisch ausgeschlossen, wenn die Eintrittskarte ein Bekenntnis gegen die Bundeswehr an sich ist.

Ein weiteres Problem der Kampagnen sind Trittbrettfahrer. Vor allem kirchliche Kreise, die früher hauptamtliche Berater für Kriegsdienstverweigerer beschäftigten, wittern eine Einnahmequelle, wenn sie »alternative« Kooperationsabkommen fordern: Neben Jugendoffizieren sollten alternative Experten in die »friedenspolitische Bildungsarbeit« einbezogen werden. Das Netzwerk Friedensbildung hat bereits ein eigenes Abkommen in Rheinland-Pfalz erreicht. In Nordrhein-Westfalen wurde das Abkommen mit der Bundeswehr neu formuliert und sieht jetzt vor, Jugendoffiziere »wie auch Vertreterinnen und Vertreter anderer Institutionen sowie Organisationen der Friedensbewegung« »gleichberechtigt« einzuladen.

Damit wird den Forderungen zur Kündigung der Abkommen die Spitze genommen und der Wehrkundeunterricht letztlich legitimiert. Denn eine »Waffengleichheit« gibt es nicht. Schließlich haben »Organisationen der Friedensbewegung« weder 96 hauptamtliche Reisekader, um in Schulen aufzutreten, noch einen Apparat mit millionenschwerem Reklamebudget hinter sich. Ausgewogenheit wird hier nur suggeriert. Auch in Baden-Württemberg ist die Protestbewegung, der einst auch die Grünen angehörten, mit einer solchen Entwicklung konfrontiert.

Noch ein strategisches Problem: Die Bundeswehr geht zunehmend zu einer Art verdeckten Einsatzes über. 30.578 sogenannte »Multiplikatoren« wurden im vergangenen Jahr von den Jugendoffizieren umworben, mit Vorträgen und noch mehr mit Seminaren. Darunter waren 12.000 Lehrer und 2000 Vertreter von Schulbehörden. Immer mehr Seminare richten sich an Referendare. Die Jugendoffiziere in Baden-Württemberg versprechen sich davon, »dass es in Zukunft einfacher sein dürfte, Kontakte zu Schulen aufzubauen bzw. pflegen zu können«. Während Jugendoffiziere durch ihre Uniform wenigstens noch als Partei zu erkennen sind, ist die Instrumentalisierung scheinbar neutralen Lehrpersonals ein geschickter Schachzug, um eine Art »militärisch eingebetteten« Unterricht hinzukriegen. Das gleiche gilt für Unterrichtsmaterial, das ein scheinbar unabhängiger Verlag kostenlos bereitstellt: »Frieden und Sicherheit«, mit wöchentlich neuen Arbeitsbögen, zehntausendfach von Lehrern abgerufen, didaktisch aufbereitet – und militäraffin: Die Kosten werden zu 100 Prozent von der Bundeswehr getragen. Es dürfte eine Aufgabe vor allem der GEW sein, dem entgegenzuwirken.

Zivilcourage

geschrieben von Die Fragen stellte Regina Girod

9. September 2013

antifa-Gespräch mit Dietrich Schulze, Initiative gegen
Militärforschung an Universitäten

Juli-Aug. 2013

Dr.-Ing. Dietrich Schulze war von 1966 bis 2005 im Kernforschungszentrum Karlsruhe (jetzt KIT Campus Nord) tätig, anfangs als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Hochenergiephysik-Projekten und später als Betriebsratsvorsitzender. Er ist Mitbegründer der Initiative gegen Militärforschung an Universitäten, Beiratsmitglied der NaturwissenschaftlerInnen-Friedensinitiative sowie DFG-VK- und BdWi-Mitglied. Seit der Öffnung der VVN zur VVN-BdA ist er als Antifaschist aktiv, zurzeit als Kreisvorstandsmitglied in Karlsruhe.

Web-Dokumentation der Initiative

www.stattweb.de/files/DokuKITcivil.pdf

Whistleblowerin Irma Kreiten

32 min > www.freie-radios.net/56983

antifa: Wie sieht es in der Bundesrepublik aus in Bezug auf die Zusammenarbeit von Hochschulen und Militär?

Dietrich Schulze: Militärforschung im natur- und geisteswissenschaftlichen Bereich ist eine flächendeckende Erscheinung. Nur zwei aktuell heiß diskutierte Beispiele: In München entsteht auf dem Gelände einer ehemaligen militärischen NS-Versuchsanstalt der zivilmilitärisch-industrielle Forschungskomplex BICAS für die Entwicklung von autonom agierenden Kampfdrohnen. In Kiel haben Uni und Institut für Sicherheitspolitik (ISPK) ein Konzept zur Aufstandsbekämpfung in den Ländern des globalen Südens entwickelt. Aus Feldforschungen in Afghanistan wird die »Enthauptung aufständischer Gruppen durch Ausschaltung von bedeutenden Führern« als wirksames Instrument abgeleitet.

antifa: Die Kooperationen haben doch sicher auch mit Geld zu tun?

Dietrich Schulze: Bleiben wir bei Kiel. Die Uni hat in den letzten Jahren 2,7 Mio. Euro von BMVg und NATO eingenommen. Die Not der gezielten Unterfinanzierung der Hochschulen machen immer mehr Uni-Verantwortliche zur Tugend der Fremdfinanzierung und Fremdsteuerung durch Wirtschaft und Rüstung.

antifa: Seit einigen Jahren formiert sich dagegen eine so genannte Zivilklauselbewegung. Was ist darunter zu verstehen?

Dietrich Schulze: Eine Zivilklausel ist die Selbstverpflichtung der Uni bzw. die Bestimmung im Landeshochschulgesetz, nur für friedliche, zivile, nicht-militärische Zwecke zu forschen und zu lehren. Ausgehend von einer erfolgreichen Urabstimmung im Januar 2009 an der Uni Karlsruhe ist in nur vier Jahren eine beachtliche Bewegung entstanden. Inzwischen gibt es fünf weitere Abstimmungen der Studierenden in Köln, Frankfurt a.M., FU Berlin, Kassel und Kiel. Zu den vor 2009 bestehenden fünf Zivilklauseln sind mindestens sieben neue dazu gekommen.

antifa: Gab es zu den Aktionstagen im Juni auch Aktionen an Hochschulen?

Dietrich Schulze: Die Aktionstage für militärfreie Schulen und Hochschulen waren aus vielerlei Gründen nicht so kräftig unterstützt wie noch im Herbst 2012, wo es z.B. eine Demo in Stuttgart vor dem Kultusministerium (Kündigung des Kooperationsabkommens Schule/Bundeswehr) und dem Wissenschaftsministerium (landesgesetzliche Zivilklausel) gab. Doch es gab einige innovative Aktionen wie die Kundgebung in Stuttgart gegen die geplante Bundeswehr-Briefmarke.

antifa: Wie kann man als Student oder Lehrender in dieser Bewegung aktiv werden?

Dietrich Schulze: An vielen Unis gibt es Zivilklausel-Arbeitskreise bei den ASten. Es gibt auch über die Uni hinausreichende Bündnisse an den Hochschulorten. Wichtig ist es, selber tätig zu werden, bei allen Problemen, die das bei dem heutigen verschulten Studium persönlich mit sich bringt. Bei den Lehrenden herrscht die urdeutsche oft intelligent verbrämte Anpassung vor. ISPK-Direktor Joachim Krause geht soweit, den studentischen Vorwurf der Kriegsforschung als paranoid zu bezeichnen.

antifa: Der Direktor hat dich Anfang Juli in einer Veröffentlichung persönlich angegriffen ….

Dietrich Schulze: Ja, er schimpft: »Diese Kampagne wird bundesweit von Gruppen und Personen koordiniert, die aus dem linken (oft linksextremen), antimilitaristischen Spektrum stammen (wie das »Imi« in Tübingen oder Dr. Dietrich Schulze aus Karlsruhe, der ansonsten auch noch für den VVN Bund der Antifaschisten auftritt, einer Organisation, die der Verfassungsschutz in Baden-Württemberg wohl nicht zu Unrecht als ›linksextremistisch beeinflusst‹ qualifiziert).« Das kann ich nur als Ermutigung begreifen. Ebenso wie Faschismus und Krieg gehören Antimilitarismus und Antifaschismus zusammen. Und weiter schreibt er: »Diese Art von Kooperations- und Kontaktverboten (mit dem Ziel der gesellschaftlichen Ausgrenzung bestimmter Institutionen und Personen) erinnert fatal an Zeiten, in denen Universitäten in Deutschland nicht mit Menschen oder Institutionen kooperieren durften, weil diese jüdisch waren.« Eine unglaubliche Gleichsetzung, die von ihm selbst inzwischen zwecks Vermeidung von Konsequenzen klammheimlich gelöscht worden ist.

antifa: Gibt es denn auch Beispiele für Zivilcourage?

Dietrich Schulze: Alle Welt spricht über den Mut

der Whistleblower Assange, Manning und Snowden. Es gibt auch im Wissenschaftsbereich der Bundesrepublik Whistleblower. Am 17. Juni trat die Ethnologin Irma Kreiten im Rahmen der Eröffnung einer Whistleblower-Ausstellung der Linken

im ver.di-Haus Karlsruhe erstmals an die Öffentlichkeit. Verantwortliche der Universität Tübingen

hatten mit schmutzigen Mitteln versucht, sie in Kriegsforschung einzuspannen. Dagegen hat sie sich gewehrt. Unter der Diskriminierung, auch wegen mangelnder Unterstützung, hat sie jahrelang gelitten und sich jetzt durchgerungen, reinen Tisch zu machen. Eine mutige und bescheidene Persönlichkeit, von deren »Weltpremiere« alle sehr bewegt waren.

Lübeck: Zum Andenken an Erich Mühsam

geschrieben von Johanna Jawinsky

9. September 2013

Juli-Aug. 2013

Wir, das heißt unser Vorstand der VVN-BdA Rostock, erhielten eine Einladung zur Verleihung des Erich-Mühsam-Preises 2013 am 7. Juni 2013 in Lübeck. Die Lübecker waren auf Rostock aufmerksam geworden, weil es in Rostock ein Denkmal für Erich Mühsam gibt.

Fünf Rostocker/innen fuhren also nach Lübeck, um .an der Veranstaltung teilzunehmen.

Die Erich-Mühsam-Gesellschaft Lübeck hat sich zur Aufgabe gestellt, das Andenken des Schriftstellers, Dramatikers und Journalisten Erich Mühsam in seiner Heimatstadt zu erhalten, in seinem Geiste die fortschrittliche, friedensfördernde und für soziale Gerechtigkeit eintretende Literatur zu pflegen und seine Absage an jede Unterdrückung und Diskriminierung von Minderheiten in der Gegenwart zu nutzen.

In seiner Begrüßungsrede ging der Vorsitzende der Gesellschaft auf das vorbildliche Wirken von Erich Mühsam und seinen Kampf ein. Erich Mühsam, am 6. April 1878 geboren, in Lübeck aufgewachsen, brandmarkte zeitig noch vor deren Machtergreifung das Unwesen der Nationalsozialisten Da er niemals seine Meinung widerrief, war er einer der bestgehassten Persönlichkeiten der Nazis und wurde einer der ersten Opfer. Am 19. Januar 1934 wurde er im KZ Oranienburg erhängt.

Die Veranstaltung wurde feierlich durch Musikbeiträge einer Band von Christoph Holzhöfer, die auch Texte von Mühsam vortrug und einem Duo mit Klarinette (Akos Hoffmann) und Klavier (Nikolai Juretzka) gestaltet.

Die bisherigen Preisträger sagen viel über die Erich Mühsam-Gesellschaft aus. So haben den Preis bisher unter anderem erhalten:

1995 der Totalverweigerer Andreas Speck

1999 der Kabarettist Dietrich Kittner

2001 Mumia Abu-Jamal

2003 die Tageszeitung »Junge Welt«

2005 die Rechtsanwältin Felicitas Langer

2007 das Komitee für Grundrechte und Demokratie

Dieses mal erhielten den Preis die Verleger Dr. Andreas Hohmann und Jochen Schmück für ihre Veröffentlichung anarchistischer Literatur.

Der Verlag Hohmanns »Edition AV« ist ein anarchistischer Verlag der 1988 in Frankfurt am Main gegründet wurde Er veröffentlicht Bücher zu Theorie und Geschichte, politische Satiren, Lyrik usw. (siehe Wikipedia)

Der Verlag unter Leitung von Jochen Schmück »Libertad« ist u.a. mit der Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus (DadA) befasst. (siehe www.libertad-verlag.de) .

Für uns war die sehr gut besuchte und niveauvolle Veranstaltung ein bedeutsames Erlebnis.

Wir hatten den Veranstaltern Fotos und Texte über das Denkmal für Erich-Mühsam in der Rostocker Kopernikusstraße übergeben. Die Lübecker möchten von uns gern wissen, wann und auf wessen Veranlassung dieses Denkmal eingeweiht worden ist. Dies konnten wir leider noch nicht beantworten. Wir hoffen durch weitere Recherche die Antwort zu finden.

Integration und Emanzipation

geschrieben von Heinrich Fink

9. September 2013

Eine Erinnerung an den unbequemen Mahner Ernst Klee

Juli-Aug. 2013

Ernst Klee hat es vermocht, Momente eines »Wir-Gefühls« zu schaffen unter Menschen, die die Umwelt als invalid ansieht und die sich als Reflex darauf gelegentlich selbst so wahrnehmen. 1980 hatte ein schrecklicher Jurist am Frankfurter Landgericht einer Frau Schadensersatz zugesprochen. Sie hatte erfolgreich gegen die Anwesenheit von Behinderten im Urlaubshotel geklagt. Das führte mit 5000 Teilnehmern zur größten Demonstration von Behinderten in der Geschichte der Bundesrepublik.

Literaturpreise und Auszeichnungen: Adolf-Grimme-Preis (1982), Geschwister-Scholl-Preis (1997) des Verbandes Bayrischer Verlage und Buchhandlungen und der Stadt München, Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main (2001), Die westfälische Schule für Körperbehinderte in Meppingen wurde 2005 umbenannt in Ernst-Klee-Schule, Wilhelm Leuschner-Medaille des Landes Hessen (2007)

Ende Mai ist Ernst Klee im Alter von 71 Jahren in Frankfurt/M gestorben. Er hat ebenso unermüdlich wie unerbittlich die nachweislich sorgsam in Vergessenheit gebrachten Akten über »Euthanasie-Morde« im faschistischen Deutschland und in allen im Zweiten Weltkrieg besetzten Ländern gesucht, durchforstet, sie sorgfältig interpretiert und in Artikeln und Büchern öffentlich zugänglich gemacht. Klee hat sich beharrlich durch Aktenberge »gelesen«, obwohl es, wie er oft betonte, für seine Ergebnisse kein ernsthaftes öffentliches Interesse gegeben hat. Von 1973 bis 1982 hatte der studierte Theologe und Sozialwissenschaftler einen Lehrauftrag für Behindertenpädagogik an der Fachhochschule in Frankfurt/M. Er trat aber auch als Journalist nachdrücklich für die Rechte gesellschaftlich ausgegrenzter Gruppen ein: Obdachlose, Psychiatriepatienten, Behinderte – Kinder wie Erwachsene, später auch für die Rechte von Gastarbeitern, gegenüber denen sich auch die beiden großen Kirchen fatal reserviert verhielten und die Arbeiterwohlfahrt ziemlich hilflos war. Klee forderte, dass sie nicht nur lindern, sondern die sozialen und politischen Ursachen analysieren sollten und für Integration und Emanzipation des »Subproletariats« sorgen müssten.

1981 wurde Klees Film: »Verspottet – Über das Leben einer Kleinwüchsigen« mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. Zuvor hatte Ernst Klee die Bücher »Der Zappler. Der körperbehinderte Jürgen erobert seine Umwelt; Ein großes wagemutiges Abenteuer« und »Behindert sein ist schön. Unterlagen zur Arbeit mit Behinderten« veröffentlicht. Danach erschien sein zweibändiges Fischer-Taschenbuch »Behinderten-Report«. »Unser Mitarbeiter Ernst Klee hat das wichtigste, umfassendste, schonungsloseste Buch über Behinderte herausgebracht«, hieß es seinerzeit in einer Ankündigung des Verlages. Zusammen mit Gusti Steiner legte Klee damals den Grundstock für die bundesdeutsche emanzipatorische Behinderten-Bewegung und forderte einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel hin zur Gleichberechtigung von Behinderten. Er meinte, dass nur so eine demokratische Wiedergutmachung dessen, was Ärzte, Juristen, Verwaltungen, Nazipolitiker und schweigende Kirchen den Behinderten mit den Euthanasiegesetzen angetan haben, möglich wäre.

Im Herbst 1973 verblüffte Klee die Frankfurter Öffentlichkeit damit, dass er einen Volkshochschulkurs für Behinderte und Nichtbehinderte zum Thema: »Bewältigung der Umwelt« ankündigte. 1974 erregten die Kursteilnehmer Aufsehen dadurch, dass sie durch eine Rollstuhlblockade eine zentrale Straßenbahnlinie vorübergehend lahmlegten. Klee hielt es für inzwischen unbedingt notwendig, die stillschweigend beschönigte Mittäterschaft speziell von Ärzten bei NS-Verbrechen konsequent öffentlich zu machen. Gegen seine gründlichen Aktenstudien konnte man zwar protestieren, sie waren aber nicht zu widerlegen. Klee war der Meinung, dass seit den vernichtenden Aktionen gegen »lebensunwertes Leben« noch kein grundlegendes Umdenken stattgefunden hätte, weil die Mordaktionen gegen Behinderte, Roma, Sinti und Juden verharmlost wurden, zum Beispiel dadurch dass nach 1945 Ärzte und akademische Lehrer unbescholten im Amt verbleiben durften, obwohl sie aktiv an Vernichtungsaktionen oder akademischer Forschung im Dritten Reich beteiligt waren.

Ernst Klee hat nie aufgehört, die Täter der deutschen rassistischen Vernichtungsmaschinerie öffentlich auch namentlich zu benennen. Er hoffte, dass sich durch Aufklärung über die Brutalität der Verbrechen gegen die Menschenwürde demokratische Gesinnung herausbilden könnte. Alle seine Bücher sind das Ergebnis von zeit- und kräfteraubender Arbeit in verstaubten Archiven. Er war einer der ersten, die nachweisen konnten, dass der Krankenmord im besetzten Polen begann. Bereits 1987 drehte er einen Dokumentarfilm für den Hessischen Rundfunk: »Sichten und Vernichten« im Fort VII, dem Ort der ersten Vergasung im Dritten Reich. Das Buch »Dokumente zur Euthanasie« war 1985 erschienen. Für »Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer« (1997) bekam er als erster Wissenschaftler den Geschwister-Scholl-Preis. In seiner Dankesrede zählte Klee unbeirrt mehrere SS-Größen auf, die trotz nachgewiesener Verbrechen nach 1948 Kariere machen konnten. Zum Beispiel hätten sich die Mediziner, die mit ihren Rassetheorien das Massenmorden an sogenannten Nichtariern begründeten – also die Rassehygieniker – sich nach 1945 stillschweigend aber karierewirksam in »Humangenetiker« umbenennen dürfen.

Mein kurze Würdigung kann den Verlust dieses redlichen Mahners nicht annähernd beschreiben. Darum möchte ich alle Leser bitten, dass antifaschistische Lebenswerk von Ernst Klee dadurch zu würdigen, dass wir sein in Büchern und Filmen dokumentiertes Engagement aufmerksam zu Kenntnis nehmen und in unseren Argumenten lebendig bleiben lassen. Im August diesen Jahres erscheint sein letztes noch von ihm autorisiertes Buch: »Auschwitz – Täter, Gehilfen, Opfer: Ein Personenlexikon.«

Die stille Emigration

geschrieben von Tjark Kunstreich, Wien

9. September 2013

Ungarn: Gehen, ehe man vertrieben wird

Juli-Aug. 2013

Seit 2010 sollen nach Angaben der Opposition rund eine halbe Million Menschen Ungarn verlassen haben. Nachdem die Fidesz-Partei eine Zweidrittel-Mehrheit und zusammen mit den Nazis von Jobbik vier Fünftel der Parlamentssitze erreicht haben, wurde dieses Ergebnis von den Siegern nicht ganz unbegründet als Auftrag der Bevölkerung verstanden, dem völkischen Programm Taten folgen zu lassen. Diejenigen, die diesem Programm widersprechen oder zu Feinden erklärt werden wie die Roma und die Juden, befinden sich in der Minderheit: Sie verlassen in immer größeren Zahlen das Land, »still, aber ungebremst«, wie der »Pester LLoyd« schreibt: »Nach den offiziellen Zahlen des Statistischen Zentralamtes in Budapest, KSH, lebten im Jahre 2012 230.000 Ungarn in anderen europäischen Ländern und somit rund 60% mehr als vor dem Regierungswechsel 2010 und fast 80% mehr als vor Ausbruch der Finanzkrise 2008. Der Anstieg zwischen 2011 und 2012 ist der höchste seit der Wende 1989. Ein Drittel der Auswanderer leben danach in Deutschland, 20% in Großbritannien und 13% in Österreich, das, relativ zur eigenen Einwohnerzahl, damit den größten Anteil der Zuwanderung abbekam. Allerdings sind die Zahlen mit Vorsicht zu genießen, da längst nicht alle, die im Ausland studieren oder arbeiten, ihren Hauptwohnsitz in Ungarn abmelden. Inoffizielle Zahlen des Nationalwirtschaftsministeriums sprechen von einer Abwanderung seit 2010 von rund 400.000 Personen.«

In Österreich hat der »Standard« diese Entwicklung »stille Emigration« getauft. »Wir mussten nicht flüchten, aber ich wollte nicht warten, bis wir hätten flüchten müssen«, sagt mir Frau A., die wie die meisten ungarische Neuankömmlinge in Wien anonym bleiben möchte, weil viele Angehörige in Ungarn geblieben sind. Sie ist eine junge Ärztin, bezeichnet sich selbst als »Ungarin mit jüdischem Bekenntnis« – ein Protest gegen die skandalöse Rede von Ministerpräsident Victor Orbán anlässlich der Tagung des Jüdischen Weltkongresses im Mai 2013 in Budapest, in der er, von vielen unbemerkt, immer von den Juden und den Ungarn sprach, aber nie von ungarischen Juden: sie sind für Orbán offensichtliche keine Ungarn. Ihre Arbeit habe ihr gefallen, aber die Anfeindungen seien spürbar geworden, nicht nur in der Politik, sondern auch im Alltag. Sie habe weder warten wollen, bis sie persönlich betroffen gewesen wäre, noch ihre Kinder in dieser Atmosphäre aufwachsen sehen wollen. Ihr Ehemann, ein hochqualifizierter Facharbeiter, habe sich auf eine Arbeitsstelle in Wien beworben und diese auch bekommen. Sie selbst kümmert sich nun um die Nostrifizierung ihres Medizinstudiums und ihre Fachausbildung. Die wirtschaftliche und soziale Krise habe ihren Teil zu der Entscheidung beigetragen, Ungarn zu verlassen, erzählt sie, ihr Mann verdiene in Österreich besser. Frau A. wisse aber auch von anderen Auswanderern, die aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse und Qualifikationen große Schwierigkeiten hätten. Sie verdingten sich als Saisonarbeiter oder arbeiteten in der Schattenwirtschaft.

Noch hilft die Freizügigkeit innerhalb der EU, das Problem zu verdecken, zumal viele der Emigranten ihre Wohnsitze in Ungarn zunächst behalten. Aber die Hoffnung, nach den nächsten Wahlen 2014 zurückkehren zu können, ist nicht groß – die Opposition ist zerstritten, Fidesz und Jobbik haben eine bewährte Arbeitsteilung: Fidesz-Politiker machen im Ausland stets Jobbik für Angriffe gegen Juden und Roma verantwortlich, während man im Inland die Horthy-Faschisten rehabilitiert. Jobbik hingegen fühlt sich für die Pfeilkreuzler zuständig, jene nationalsozialistische Fraktion, die den Deutschen bei den Deportationen half. Bislang sorgt diese Politik dafür, dass Ungarn weder von der EU noch von anderen Staaten wirklich behelligt wird.

Dass es ein Problem mit der Auswanderung außerhalb Europas gibt, demonstrierte jüngst Kanada mit einer Kampagne Ende 2012 in Miskolc, einer Stadt mit einem großen Roma-Bevölkerungsanteil: Auf riesigen Plakatwänden machte die kanadische Regierung auf die Änderungen der Einreisebedingungen nach Kanada aufmerksam, um Flüchtlinge abzuschrecken. 2011 suchten 4400 Roma aus Ungarn in Kanada Asyl. Nun wurde eigens das Einwanderungsgesetz nach europäischem Vorbild verändert. Ungarn ist nun ein Staat mit dem designated country of origin-Stempel: Es gibt einen Rechtsstaat und keine Verfolgung von Minderheiten. Nun haben die Regierenden in Budapest, aber auch viele Roma es schriftlich: Sie werden in Ungarn nicht diskriminiert und verfolgt. Gina Csanyi-Robah, die Leiterin des Roma-Community-Centers in Toronto sagte den Canadian Jewish News dazu: »Die Ironie an der Sache ist, dass, während Roma, Juden und andere Minderheiten in Ungarn einer eskalierenden Verfolgung und steigendem Hass – Segregation, gewalttätigen Übergriffen und Einschüchterungen – ausgesetzt sind, die kanadische Regierung Steuergelder für eine Kampagne nutzt, um genau diese Gruppen zu entmutigen, von der kanadischen Regierung Schutz zu erwarten.«

Um die Würde des Menschen

9. September 2013

Beschwerde des Türkischen Bundes bei der UNO eröffnet neue
Perspektiven

Juli-Aug. 2013

Der Türkische Bund in Berlin-Brandenburg (TBB) ist ein Dachverband, in dem sich zur Zeit 30 Organisationen und 75 Einzelpersonen zusammengeschlossen haben. Darunter das Berliner Ensemble für klassische türkische Musik und die Berliner Gesellschaft Türkischer Mediziner, der FC Malatyaspor, der Schwarzmeer Kultur- und Umweltverein, der Türkische Behinderten-, Alten- und Rentnerverein, der Verein Berliner Sozialdemokraten und die Türkische Gesellschaft für soziale und politische Lösungen. In der Präambel der Satzung des Bundes steht:

»Wir, Türkeistämmige Menschen, sind uns bewusst, dass wir die Zukunft in Berlin und in der Bundesrepublik Deutschland als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft mitgestalten werden. Wir setzen uns in unserer vielfältigen Gesellschaft für die Akzeptanz und Wertschätzung unterschiedlicher Identitäts- und Lebensentwürfe ein. Allen Formen des Rassismus und jeglicher Diskriminierung auf Alltags-, institutioneller und struktureller Ebene treten wir entschieden entgegen. Mit dieser Vereinigung wollen wir auf rechtlicher, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene unsere (Minderheiten-)Rechte einklagen sowie Chancengleichheit und Teilhabemöglichkeiten in allen Lebensbereichen einfordern.«

Der TBB hat, ganz im Sinne dieser Aufgabenstellung, der deutschen Demokratie einen großen Dienst erwiesen. Als im Herbst 2009 Thilo Sarrazin zunächst in einem Interview mit der Zeitschrift Lettre International seine rassistischen Thesen über Türken und Araber zum Besten gab, die er später in seinem Buch »Deutschland schafft sich ab« wiederholte, zeigte ihn der TBB wegen Volksverhetzung und Beleidigung an. Die Berliner Staatsanwaltschaft stellte das Ermittlungsverfahren jedoch mit der Begründung ein, Sarrazins Thesen seien zwar zu missbilligen, aber nicht strafbar und vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt. Der TBB ließ es dabei nicht bewenden. Nach Ausschöpfung des innerstaatlichen Rechtsweges wandte er sich mit einer Beschwerde an den Antirassismus-Ausschuss der UNO.

Der Ausschuss entschied am 4. April 2013 nach Anhörung beider Seiten und Prüfung der Sachlage, dass die BRD in der Tat mit der Nichtverfolgung von Sarrazins Äußerungen die Internationale Konvention zur Beseitigung aller Formen von Rassendiskriminierung (Convention on the Elimination of All Forms of Racial Discrimination, CERD) verletzt hat. Die Bedeutung dieser Entscheidung würdigte TBB-Sprecher Hilmi Kaya Turan am 18. April in einer Pressemitteilung: »Dies ist eine historische Entscheidung. Der CERD-Ausschuss hat festgestellt, dass die Äußerungen Herrn Sarrazins auf einem Gefühl rassischer Überlegenheit oder Rassenhass beruhen und Elemente der Aufstachelung zur Rassendiskriminierung enthalten. Der CERD-Ausschuss hat festgestellt, dass trotz vorhandener gesetzlicher Bestimmungen die Umsetzung der Bestimmungen des Übereinkommens in der Bundesrepublik in der Praxis unzureichend ist.«

Dem TBB ist dafür zu danken, dass er uns mit der Nase darauf gestoßen hat, dass es eine solche UNO-Konvention zur Beseitigung aller Formen von Rassendiskriminierung gibt und dass die Bundesregierung sich mit der Ratifizierung dieser Konvention verpflichtet hat, deren Bestimmungen um- und durchzusetzen. Rassendiskriminierung (worunter »jede auf der Rasse, der Hautfarbe, der Abstammung, dem nationalen Ursprung oder dem Volkstum beruhende Unterscheidung« verstanden wird) fällt gemäß der Konvention nicht unter freie Meinungsäußerung, sondern ist ein strafwürdiges Verbrechen.«

Der CERD-Ausschuss weist in seinem Beschluss auch auf die Artikel der Konvention hin, in denen sich die Vertragsstaaten verpflichten, jede Rassendiskriminierung zu verbieten und mit allen geeigneten Mitteln zu beenden, jede Anstachelung zur Rassendiskriminierung zu unterbinden und jeder Person wirksamen Schutz gegen derartige Angriffe zu gewährleisten.

In Anwendung dieser internationalen Übereinkünfte sollte es selbstverständlich sein, dass Organisationen wie die NPD, deren gesamte Tätigkeit auf einer Programmatik der Ungleichheit und Ungleichberechtigung der Menschen beruht, illegal und zu verbieten sind – unabhängig von der Zahl der darin wirkenden V-Leute des Verfassungsschutzes und ebenso unabhängig davon, ob sie stark genug sind, um eine Gefahr für den Staat darzustellen. Es geht nicht um den Staat, sondern um die Würde des Menschen. In den Diskussionen um angebliche Voraussetzungen beziehungsweise Hindernisse für ein NPD-Verbot scheint das manchmal vergessen zu werden. Der TBB hat wirksam daran erinnert, was geltendes Recht ist und welche Instrumente zu seiner Umsetzung vorhanden sind und genutzt werden können.

Tagung in Słońsk

geschrieben von Hans Coppi und Kamil Majchrzak

9. September 2013

KZ und Zuchthaus Sonnenburg als europäischen Gedenkort
wiederentdecken

Juli-Aug. 2013

Veranstalter ist der Arbeitskreis zur Geschichte des Konzentrationslagers und des Zuchthauses Sonnenburg bei der Berliner VVN-BdA. Der Konferenztitel lautet: »Erinnerung an Vergangenheit baut Zukunft. Die Häftlinge des KZ und des Zuchthauses Sonnenburg«

Anmeldung bitte bis 30. August: Berliner VVN-BdA Mehring-Platz 1, 10243 Berlin, Tel. 03029784178, fay: 03029784378, email: berlin@vvn-bda.org. Weitere Informationen auch auf der Website http://berlin.vvn-bda.org.

An kaum einem anderen Ort werden die Erinnerung an die Machtübertragung an Hitler und die Verbrechen des Nazi-Regimes sichtbarer als auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers und Zuchthauses Sonnenburg. Dort waren Oppositionelle und Widerstandskämpfer aus Deutschland und nahezu allen besetzten Gebieten eingesperrt. Der Mord an über 800 Häftlingen im Hof des Zuchthauses Sonnenburg am 30. Januar 1945 schließt auf dramatische Weise die 12 Jahre andauernde Schreckensherrschaft des deutschen Faschismus in Sonnenburg ab. An sie zu erinnern und ihrer zu gedenken stellt auch aktuelle Fragen an die Verteidigung und den Ausbau demokratischer Rechte und den notwendigen gesellschaftlichen Widerstand gegen rassistische, neonazistische und antisemitische Tendenzen in Europa.

Bewohner der polnischen Stadt Słońsk gedenken jährlich der Gefangenen und Ermordeten. Das 1974 errichtete und inzwischen baufällige Museum soll rekonstruiert und 2015 mit einer neuen Ausstellung eröffnet werden. Mit dem Gemeindevorsteher von Słońsk, Herrn Krzyśków, vereinbarten wir eine Tagung mit Referenten aus Polen, Deutschland und weiteren europäischen Ländern. Am Vormittag des 13. September werden nach Impulsreferaten zu Konzentrationslager, Zuchthaus und Massaker Häftlinge und Gefangene auch von Angehörigen vorgestellt. Am Nachmittag erörtern wir die Geschichte des Gedenkortes, die Neugestaltung des Museums und Möglichkeiten eines künftigen europäischen Gedenkens unter Einbeziehung der jungen Generation.

Mitglieder des Arbeitskreises informieren über ihre bisherigen Recherchen und eine im Aufbau befindliche Datenbank von Häftlingen im KZ und Zuchthaus Sonnenburg. Wir benötigen weitere Unterlagen und Fotos von Häftlingen sowie Berichte von Überlebenden.

Die Konferenz, die am 13. September von 10 bis 17 Uhr stattfinden wird, wendet sich an Angehörige ehemaliger Häftlinge aus den betroffenen Ländern, Initiativen, Historiker, Lehrer und Schüler. Die Anfahrt ist bereits am 12.9. möglich. Slonsk liegt 15 Kilometer hinter Küstrin an der Oder und gilt als Tor zum Nationalpark Warthemündung. Die Entfernung nach Berlin beträgt ca. 100 Kilometer. Von Berlin-Lichtenberg ist die Anfahrt mit dem Zug bis zum Bahnhof Kostrzyn möglich. Von dort fährt ein Shuttle nach Słońsk. (Bitte mit Tag und Uhrzeit anmelden!).

Workcamp in Buchenwald

geschrieben von Vorbereitungskreis

9. September 2013

Juli-Aug. 2013

Der vollständige Aufruf und das Programm finden sich unter www. antifacamp.net

68 Jahre nach dem Tag der Befreiung, 23 Jahre nach der »Wiedervereinigung« mit seitdem mindestens 182 zu beklagenden Opfern rechter Gewalt, 20 Jahre nach Solingen, 20 Monate nach dem Auffliegen der NSU/VS-Connection findet vom 27. Juli bis zum 4. August 2013 zum 25. Mal das AntifaCamp Weimar/Buchenwald statt.

Seit 23 Jahren treffen sich Antifaschist_innen regelmäßig, um sowohl direkt auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald zu arbeiten und zu recherchieren, als auch innerhalb des Camps inhaltlich zu agieren. Dabei ist uns die Kommunikation mit Zeitzeug_innen besonders wichtig. Die Arbeit auf der Gedenkstätte und der Austausch mit ehemals Verfolgten des Naziregimes, dienen hier als Grundlage für mögliche weitergehende Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und der Erarbeitung antifaschistischer Perspektiven in Gegenwart und Zukunft. Die Solidarität mit den Häftlingen und ihrem Widerstand stellt die Basis unserer gemeinsamen Arbeit dar.

Darüber hinaus wird in diesem Jahr neben der Beschäftigung mit den NSU-Morden der Schwerpunkt des AntifaCamps darin liegen, zu konkretisieren, wie Erinnerungsarbeit für uns in Zukunft aussehen kann; sowohl für jede_n Einzelne_n von uns persönlich, aber auch als Teil eines linksradikalen antifaschistischen Widerstandes und im Gegensatz zu staatlich gelenkter Erinnerungskultur.

Das Lager Groß-Rosen

geschrieben von Gerald Netzl

9. September 2013

Eine Gedenkstätte, die beachtet werden sollte

Juli-Aug. 2013

Das in Niederschlesien westlich von Breslau / Wrocław gelegene Lager Groß-Rosen (heute Rogoźnica) wurde von der SS im August 1940 als Außenlager des KL Sachsenhausen gegründet. Die Häftlinge mussten Zwangsarbeit im örtlichen Steinbruch leisten, der kurz vorher von der DESt (Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH, einem SS-Unternehmen) erworben worden war. Am 1. Mai 1941 erhielt Groß-Rosen den Rang eines eigenständigen Konzentrationslagers (Lagerstufe II, für »schwer belastete, jedoch erziehungs- und besserungsfähige Schutzhäftlinge«, wie es im SS-Jargon hieß). In den ersten beiden Jahren seines Bestehens war das Lager vergleichsweise klein und diente hauptsächlich der Steinproduktion. Infolge der vernichtenden zwölfstündigen Steinbruch-Arbeit täglich, den Hungerrationen, fehlender Schutzkleidung, der ständigen Misshandlung durch »grüne« Kapos und SS-Wachmannschaften war die Sterblichkeit hoch. Seit 1943 betrieb die Gestapo Breslau hier auch ein sogenanntes »Arbeitserziehungslager«.

Ein grundlegender Ausbau des Lagers erfolgte 1944, davor waren zwischen 500 und 1.000 Häftlinge monatlich inhaftiert. Sowohl der Charakter des Stammlagers wandelte sich (von der »Vernichtung durch Arbeit« hin zur höchstmöglichen Ausnutzung der Arbeitskraft) und es entstanden 100 Außenlager, vor allem in Niederschlesien, den Sudeten und auf den Mittelodergebieten, d. h. im heutigen Polen, Tschechien und Deutschland. Im Eulengebirge, das ist südlich des Stammlagers, mussten die Häftlinge einen riesigen unterirdischen Tunnelkomplex für ein geplantes Führerhauptquartier anlegen. Diese große Außenlager hieß »Arbeitslager Riese« und setzte sich aus vier großen und zwölf kleineren Lagern zusammen. Diese wurden von der Organisation Todt verwaltet. Niederschlesien galt als der »Luftschutzkeller« des Nazi-Reiches, sodass 1943 und 1944 auch Teile der westdeutschen Rüstungsindustrie dorthin verlegt wurden.

Bis zum 10. Juni 1944 überschritt die laufende Häftlingsnummerierung die Zahl 49.200. In den letzten Monaten des Jahres 1944 wurden ca. 1730 sog. »Nacht und Nebel«-Häftlinge, d. h. hauptsächlich Mitglieder der Widerstandsbewegung aus Belgien und Frankreich, die unter Geheimhaltung ihres späteren Schicksals ins Reich deportiert wurden, nach Groß-Rosen gebracht.

Insgesamt mussten durch das KL Groß-Rosen und seine Außenlager etwa 125.000 Häftlinge gehen, darunter 2.500 sowjetische Kriegsgefangene, die fast alle erschossen wurden, sowie Ende 1944 zigtausende »evakuierte« Häftlinge aus Au-schwitz. Die weitaus größte Häftlingsgruppe kam aus Polen (davon etwas mehr Juden als Nicht-Juden), danach Bürger der Sowjetunion sowie aus weiteren 23 Ländern. Die ungefähre Opferzahl wird auf 40.000 Menschen geschätzt, die SS vernichtete 1945 alle Unterlagen. Am 13. Februar 1945 erreichten Sowjetsoldaten der 70. motorisierten Brigade der 3. Gardepanzerarmee das vollständig verlassene, leere Lager Groß-Rosen.

Ein erstes Mahnmal wurde 1953 auf dem ehemaligen Lagergelände errichtet. Im Jahr 1983 wurde ein Museum ins Leben gerufen, das heute in verschiedenen Ausstellungen in wieder errichteten Häftlings-Baracken und SS-Gebäuden eine Reihe von Originalgegenständen zeigt. Museum bzw. Gedenkstätte werden von der niederschlesischen Woiwodschaft betreut, das Engagement und das Bemühen der Mitarbeiterinnen nach einer zeitgemäßen Ausstellung mit modernen Mitteln muss man würdigen. Eine bessere finanzielle Ausstattung wäre wünschenswert, damit dieser Ort des Gedenkens und der Mahnung seinem Stellenwert entsprechend gestaltet werden kann. Der Besuch ist heute schon zu empfehlen.

Hugo Geisslers Blutspur

geschrieben von Günter Wehner

9. September 2013

Gemeinsame Recherche eines deutschen und eines französischen
Historikers

Juli-Aug. 2013

Siegfried Grundmann/Eugène Martres: Hugo Geissler – vom Dresdner SA-Mann zum Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Vichy

Nora Verlagsgemeinschaft Dyck & Westerheide 2012, 478 S., br. 29,90 Euro.

Prof. Dr. Siegfried Grundmann verfolgte gemeinsam mit dem französischen Historiker Prof. Dr. Eugène Martres die langjährige Blutspur des Hugo Geissler. Die Autoren berichten, dass sich diese Spurensuche als außerordentlich schwierig erwies, da es nicht wenige Personen seines Namens mit unterschiedlicher Schreibweise gab, die bei der Gestapo bzw. der Polizei tätig waren.

Einleitend skizzieren die Autoren den Werdegang des Mannes der am 12. Juni 1944 von französischen Widerstandkämpfern erschossen wurde.

Breiten Raum widmet Grundmann dem brutalen Wirken des NS-Verbrechers Geissler von 1933 bis 1939 in Deutschland bei der Verfolgung deutscher Antifaschisten im Raum Dresden, bzw. in Sachsen insgesamt. Die akribische Arbeit des Autors fördert eine bemerkenswerte Faktenfülle zur verbrecherischen Tätigkeit des Kriminalkommissars Geissler zutage. Es ist unglaublich, wie viele Untaten auf das Konto dieses Mannes gingen, der seit 1933 im Dienst der Gestapo stand. Das Autorenteam belegt, wie gnadenlos Geissler bei der Zerschlagung antifaschistischer Gruppen des Sozialistischen Jugendverbandes (SAP), der »Roten Wehr« einer Nachfolgeorganisation des kommunistischen Rotfrontkämpferbundes (RFB) des Kommunistischen Jugendverbandes (KJVD), der KPD und der SPD vorging.

Die Autoren schildern Schicksale von Opfern Geisslers, dessen raffinierte und brutale Verhörmethoden dazu führten, dass jene nach dem Sturz des NS-Regimes von ihren Mitstreitern zu Unrecht des Verrats beschuldigt wurden, wie z. B. der Sozialist Horst Patzig und die Jungkommunistin Helene Fischer. Ausführlich wird geschildert, wie es Geissler gelang, V-Leute bzw. sich selbst in Widerstandsgruppen einzuschleusen, um sie zu zerschlagen.

Im Teil II der Publikation erfahren die Leser, dass Geissler ab 15. März 1939 zur Einsatzleitung der Gestapo in Prag gehörte. Knapp und präzise schildern die Autoren die Beteiligung des NS-Verbrechers bei der rücksichtslosen Verfolgung von Juden und deutschen Emigranten in der annektierten Tschechischen Republik. Der dritte Teil widmet sich wiederum mit einer Fülle sorgsam recherchierter Fakten dem verbrecherischen Wirken Geisslers als Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Vichy. Die Autoren belegen, dass Geisler beim Pétain-Regime die Auslieferung der führenden Sozialdemokraten Rudolf Breitscheid und Rudolf Hilferding an die Gestapo erzwang, die in den Kerkern des NS-Regimes umkamen.

Unbarmherzig jagte Geissler auch Kämpfer der Résistance, die in der Haft gefoltert wurden, bevor man sie ermordete. Am 12. Juni 1944 erschossen französische Partisanen den Gestapomörder, als er das Rathaus der Stadt Murat verlassen wollte. Dafür nahmen die deutschen Besatzer furchtbare Rache. Einhundertvier Einwohner des Ortes wurden verhaftet und in das KZ Neuengamme deportiert, dreiundsiebzig kamen dort um.

Die Autoren gehen auch auf die schwierige Proble-matik der Kollaboration ein und stellen abschließend fest, dass ihre Dokumentation über den NS-Verbrecher Geissler als Mahnung für die heutige Generation dienen möge.

Eine Literaturauswahl zur Thematik der vorliegenden Publikation regt sicher zum weiteren Nachforschen an.

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