Ein feiger Justizmord

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Zur Erinnerung an Richard Hüttig, der vor 75 Jahren umgebracht
wurde

Juli-Aug. 2009

Am 14. Juni 2009 gedachte die Berliner VVN-BdA des 75. Jahrestages der Ermordung Richard Hüttigs mit einer Kundgebung in der Gedenkstätte Plötzensee.

Jan Petersen hat in seinem Tatsachenroman »Unsere Straße« (im faschistischen Deutschland geschrieben, ins Ausland geschmuggelt und dort veröffentlicht) dem antifaschistischen Kampf in der Wallstraße, heute Zillestraße, ein Denkmal gesetzt.

Seit 1950 heißt die Straße, die zur Hinrichtungsstätte nach Plötzensee führt, Hüttigpfad.

Richard Hüttig wurde am 14. Juni vor 75 Jahren als erster Kommunist nach eiligem Todesurteil mit einem Handbeil unter freiem Himmel enthauptet. Er hatte in Charlottenburg gegen die NSDAP gekämpft, unbewaffnet, mit Argumenten und Fäusten – gegen den immer größer werdenden Einfluss der Nazis in seinem Bezirk. Er bildete mit seinen Genossen eine Häuserstaffel, um die Bevölkerung in Charlottenburg vor den Überfällen der braunen Horden zu schützen. Am 17. Februar 1933 trafen sie sich in einer Kneipe in der heutigen Zillestr. Nach Ende ihrer Versammlung, die Richard Hüttig leitete, wurden sie von der SS überfallen und es kam zu Auseinandersetzungen. Schüsse fielen und der Nazi von der Ahe wurde schwer verwundet, er starb zwei Tage später. Zu dem Vorfall wurde Richard Hüttig kurz verhört und nicht für schuldig befunden. Dagegen wurden mehrere SA-Männer verhaftet. Sechs Pistolen sind dabei beschlagnahmt worden. Polizisten sagten aus, dass sie von SA-Leuten beschossen worden waren und unter diesem Beschuss auch von der Ahe getroffen wurde. Doch drei Tage später hatten sich die Tatsachen im Verhör verändert. Am 14. September 1933 wird Richard Hüttig verhaftet und am 1. September 1934 weitere 16 Mitglieder der Häuserstaffel im sogenannten Ahe-Prozess wegen Mordes und Landfriedensbruch vor Gericht gestellt. Das Ansehen von Richard Hüttig war in Charlottenburg sehr groß, er war als Häuserschützer bekannt. Deshalb griffen die Nazis ihn aus der Genossengruppe heraus und präsentierten ihn als Hauptschuldigen. Damit sollte die Bevölkerung eingeschüchtert werden, um von ihren widerständigen Aktivitäten gegen Nazis abzuschrecken. Doch die Verhandlung wurde zur Farce: »Das Gericht ist jedoch nicht zu der Überzeugung gelangt, dass Hütttig den tödlichen Schuss abgefeuert hat.«, heißt es in der Urteilsverkündung. Hüttig ist in den Augen der Richter dennoch schuldig. Am 16. Februar 1934 wird er wegen Landfriedensbruch und versuchten Mordes zum Tode verurteilt. Harald Pölchau schrieb in seinen Erinnerungen als Gefängnispfarrer in Plötzensee: »Es war in Wahrheit ein reiner Justizmord.«

Richard Hüttigs letzter Wunsch war es, dass der Wagen mit seiner Leiche durch die Seelingstraße, seinem letzten Wohnort, fahren solle. Sein Wunsch, auf diese Weise öffentlich Abschied zu nehmen, hatte eine große Wirkung. Dieses Viertel, im Volksmund als »der kleine rote Wedding« bezeichnet, dort hatte er mit seinen Genossen gegen die Nazis gekämpft, die antifaschistische Straßenstaffel gegen den Nazimordsturm 33 angeführt, in der Hoffnung, wie er selber sagte, die »braune Pest« zu verhindern. Er wusste, was sich ereignen würde, wenn die Genossen seinen Sarg sehen. Es war wohl die ungewöhnlichste Demonstration von Kommunisten. Jan Petersen vom Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller hat dieses Ereignis in seinem Buch »Unsere Straße« so beschrieben:

»Die Straße ist in Bewegung. Aber mir ist als ob die Zeit hier still steht, als ob alle den Atem anhalten. Meine Nerven zerren. Die Minuten schleichen als wären es Stunden. Jetzt! Am Straßenrand links tauchen Uniformen auf. Blaue Polizeiuniformen, dazwischen braune. Der Totenwagen. Zwei SA-Leute führen die Pferde am Zügel. Auf den Bürgersteigen erstarrt jede Bewegung. Alle Köpfe drehen sich zum Fahrdamm. In dichten Reihen stehen die Menschen an den Rinnsteinen. Aus den Haustüren kommen sie, stellen sich dazu. Plötzlich fliegen die Fenster an den Häuserfronten auf, als hätte ein Klingelsignal alle Mieter alarmiert.

Von links nehmen sie die Hüte, die Mützen von den Köpfen. Die Bewegung läuft durch die Menge. Atemlose Stille. Hell klappern die Pferdehufe. Der Totenwagen – die Uniformen kommen langsam näher. Hinter mir schluchzt eine Frau laut auf. Jetzt ist der Totenwagen heran. Meine Augen werden weit. Meine Kinnladen mahlen. Da fliegt ein roter Blumenstrauß durch die Luft. Prallt gegen den Totenwagen, fällt auf den Asphalt. Ich reiße den Kopf herum. Aus den Fenstern über uns – da noch einer! ›Du bist für uns gestorben, Genosse Hüttig! Wir werden Dich rächen!‹, ruft eine Frau mit gellender Stimme aus dem Fenster. Auf einmal sind wir alle nicht mehr einzeln hier. Auf einmal sind wir alle ein Körper, ein Mund. Hundertstimmig schreit es in der engen Straße: Rache! Rache! Rot Front!

Die SA-Leute reißen am Zaumzeug der Pferde. Der Totenwagen hält mit einem Ruck, steht plötzlich allein auf dem Fahrdamm. Die Uniformierten laufen auf die Bürgersteige zu. Sie schlagen zwischen die Menschen, reißen Menschen zu Boden.«

Der Anfang vom Ende

5. September 2013

Die Deutschen und der 22. Juni 1941. Von Kurt Pätzold

Juli-Aug. 2009

Verhältnismäßig selten, hieß es schon in einem SD-Bericht vom 26. Juni, würde in Debatten an das Schicksal Napoleons erinnert, der in den russischen Weiten gescheitert sei, eine Geschichte, die den Deutschen aus ihren vaterländischen Schulbüchern gut bekannt war. Dort hatten sie Bilder von den jämmerlichen, in der Kälte des Ostens frierenden Gestalten der Armee des Franzosenkaisers gesehen und darunter die Worte gelesen: »Mit Mann und Ross und Wagen hat sie der Herr geschlagen«. Von solchen Bildern trennten die Soldaten der Wehrmacht im Mittelabschnitt nur etwa fünf Monate. In der dann aus russischen Bauernhäusern gestohlenen Winterbekleidung, sie selbst waren ohne entsprechende Ausrüstung in die osteuropäische Kälte kommandiert worden, wiesen sie mit den Soldaten Napoleons eine gewisse Ähnlichkeit auf.

Doch kann kaum bezweifelt werden, dass die antibolschewistischen Bilder, die seit 1918 in Deutschland von verschiedensten politischen Kräften verbreitet, 1939 aber aus dem Verkehr gezogen worden waren, durch die Nazipropaganda rasch entstaubt werden konnten. Dem Zweck der erneuten antibolschewistischen Aufpulverung dienten schon in den ersten Wochenschauen Bilder gefangen genommener Rotarmisten, die als solche von »Asiaten« und »Untermenschen« und mit der Absicht präsentiert wurden, den Gegner als minderwertig und brutal erscheinen zu lassen und auf diese Weise vor allem jedes Mittel des eigenen Vorgehens zu rechtfertigen.

Am Tage nach dem Einfall der Armeen der deutschen Wehrmacht in die Sowjetunion meldete die Zentrale des Sicherheitsdienstes, die Deutschen wären vom Beginn dieses Krieges überrascht gewesen. Ganz ohne Einschränkungen lässt sich die Nachricht nicht lesen. Selbst ein Mann, dessen Bewegungsfreiheit so eingeschränkt war wie die des in Dresden lebenden jüdischen Wissenschaftlers Victor Klemperer, notierte am 21. Mai 1941 nach einem Besuch in der benachbarten sächsischen Kleinstadt in sein Tagebuch: »In den letzten Wochen sind allein hier im Pirnaer Bezirk zehntausende Leute eingezogen worden. Alles geht nach Osten. Russland!«.

Eine Armee, die mehr als eine Million Männer zählte, vor die Grenzen der UdSSR nach Ostpreußen und in das deutsch-besetzte Polen zu transportieren und das auf weiten Wegen quer durch das Deutsche Reich, das ließ sich schwerlich »im Dunkel der Nacht« erledigen. Und die dort in immer größerer Zahl versammelt wurden, waren nicht ohne Verbindungen in die Heimat. Sie schrieben Feldpostbriefe und in vielen stand mindestens in einer Andeutung, wo sich der Absender inzwischen befand. Nun also: ein Einfall in den Staat, mit dem 22 Monate zuvor ein Nichtangriffsvertrag geschlossen worden war. Was bedeutete das für den Fortgang des Krieges insgesamt und was für dessen Dauer?

Zunächst einmal einen neuen unerwarteten »Kriegsschauplatz« und zwar von einer Dimension, die alle bisherigen gleichsam in den Schatten stellte. Indessen hatte Hitler, als er im faschistischen Reichstag die Bilanz des Balkanfeldzugs vortrug, erklärt, dass dem deutschen Soldaten nichts unmöglich sei. Darauf vertrauend nahmen viele die Nachricht an diesem Junitag hin. Nein, ein Schock wäre durch sie nicht ausgelöst worden, hieß es in den internen, nur für die engste Führungsgruppe angefertigten Stimmungsberichten, doch sei »überall« Bestürzung, Nervosität und Bedrücktheit festzustellen gewesen. So hatten sich die Deutschen den Weg zum »Endsieg« nicht vorgestellt. Diese unvorhergesehene Wendung musste ihnen zumindest als ein Umweg erscheinen. Jedenfalls waren ihre Hoffnungen auf die unmittelbar bevorstehende abschließende Auseinandersetzung mit Großbritannien dahin. Das war nach dem im August 1939 vollzogenen der zweite radikale Bruch der deutschen Außenpolitik gegenüber der UdSSR.

Der voraufgegangene in Gestalt des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes hatte vor allem dem in den Krieg ziehenden Deutschland Vorteile eingetragen. Anders als im Ersten Weltkrieg musste nicht an zwei Fronten gekämpft werden. Hitler und die gesamte Nazipropaganda hatten das als einen außerordentlichen Vorteil herausgestellt und damit Verwunderung, Bedenken und Einwände zurückgedrängt. Der »Führer« erschien als ein genialer Diplomat. So war der Handelsweg nach Osten offen gehalten. Auch das erfuhr eine entsprechende propagandistische Ausschlachtung mit Verweisen auf die Blockade Deutschlands im Ersten Weltkrieg mit ihren Folgen, den hungernden Frauen und Kindern. Jede Wiederholung schien mithin ausgeschlossen und somit ein ganz anderer Krieg zu beginnen als derjenige, der 25 Jahre vorher begonnen hatte.

Nun, auf der Schwelle zum Sommer 1941 musste der erneute Bruch erklärt und gerechtfertigt werden. Dazu erzählte den Deutschen der »Führer« selbst die Geschichte seiner Leiden, entstanden aus seinem Vorwissen der sowjetischen Angriffsabsicht, von dem er sich befreit durch die Erkenntnis hatte, dass dem Krieg gegen den »hinterhältigen« Bolschewismus nicht auszuweichen sei. Und da habe er sich doch besser entschlossen, dem sprungbereiten Angreifer zuvorzukommen. Wie viele Deutsche diese Mär geglaubt haben, ist nicht aufzuklären. Zudem stellten Hitler und seine Demagogen die angebliche Bedrohung durch das Reich im Osten als das bisher existierende Hindernis dar, das die Entfaltung aller militärischen Kräfte gegen Großbritannien und den »Endsieg« verhinderte. So erschien den Propagandagläubigen der Feldzug im Osten als »Zwischenstadium« des großen Kampfes gegen England.

Wer allerdings einen Mann, Sohn oder Bruder mit dem Marschbefehl Moskau auf dem Wege wusste, bangte um dessen Gesundheit und Leben, denn erwartet wurde, dass die eigenen Verluste größer sein würden als die im Westfeldzug erlittenen. Doch verband sich mit Ängsten und Befürchtungen weithin die Hoffnung, dass auch dieser Feldzug kurz sein werde. Die Wehrmacht hatte sich in jedem voraufgegangenen als unüberwindlich erwiesen. Am Sieg wurde folglich nicht gezweifelt. In der Tat folgte darauf bald eine gewisse Ausnüchterung, die erste in einer ganzen Reihe. Aus von Angehörigen der Propaganda-Kompanien verfassten Berichten, die der Rundfunk täglich sendete, ließ sich entnehmen, dass sich die sowjetischen Soldaten zäh verteidigten. Sodann begannen die faschistischen Enthusiasten des Kriegsgeschehens einen Blick auf geographische Karten der UdSSR zu werfen. Solchen Kartenwerken ließ sich unschwer ablesen, wie weit es nach Moskau, an die Wolga, zum Ural und Kaukasus war. Doch verband sich der Weg dahin für die Siegverwöhnten mit der Vorstellung, dass die sowjetische Armee nach einigen Kesselschlachten vernichtet sein und das weitere sich als Besetzung der riesigen Räume abspielen werde. Auch Angaben über die Zahl der gefangenen Rotarmisten und Filmstreifen, die abgehetzte, erschöpfte, abgerissene Gefangene zeigten, erweckten oder bestärkten den Eindruck, dass dieser Gegner im Grunde nicht ernst zu nehmen sei. In dieses Tableau mischten sich jedoch auch besorgte Fragen. Eine betraf die nun veränderte Ernährungslage, im Sommer 1941 herrschte im Reich ein akuter Mangel an Kartoffeln und Gemüse. Mit dem Gedanken an die Opfer verband sich, verstärkt durch die Vorstellung von den »asiatischen Methoden« des Gegners die Frage nach dem Schicksal von Soldaten, die in die Hände der Sowjetarmee gerieten. Der Krieg gegen die UdSSR war noch keinen Monat alt, als viele »Volksgenossen« bedachten, dass die Zeit wie im Ersten Weltkrieg für die Gegenseite arbeiten könnte. Zweifel knüpften sich ebenso früh an die Frage, wie es im Osten möglich sein werde, die endlos weiten Räume zu beherrschen.

Allerdings hofften die Parteigänger des Regimes darauf, dass sich mit der Eroberung der Ukraine die Ernährungssituation im Reich erheblich verbessern werde. Der nationale Egoismus feierte Triumphe. Was »den Anderen« zugefügt wurde, war dem Denken und Fühlen der Deutschen weitgehend entrückt. Das hatte sich schon an der Hinnahme der Bombardements auf britische und weitere Städte in Europa gezeigt. An diesem 22. Juni 1941 gingen die Deutschen, die bis dahin von den Entbehrungen des Krieges wenig gemerkt hatten, weithin ahnungslos. An jenem Tag, es war ein Sonntag, fand Victor Klemperer bei einem Weg in Dresden »Volksvergnügtheit« und stieß, an einem Lokal vorbeikommend, auf tanzende Menschen.

Ein paar Kleingruppen von Deutschen knüpften an diese erneute Wende des Kriegsgeschehens jedoch andere Hoffnungen. Das waren die politischen Gefangenen in den Konzentrationslagern und Zuchthäusern, die im Untergrund arbeitenden Nazigegner, die ins Exil Getriebenen und die von immer einschneidenderen Drangsalierungen getroffenen deutschen Juden. Nicht wenige von ihnen hofften freilich auf einen anderen Kriegsverlauf. Wie die deutschen imperialistischen Eroberer die Kräfte der Sowjetunion weit unterschätzten, so überschätzten manche von ihnen die militärische Antwort weit, die das Land augenblicklich den Eindringlingen zu geben vermochte.

Und dann waren da noch jene deutschen Antifaschisten, Kommunisten vor allem, die den Tag des Überfalls in der UdSSR erlebten. Er befreite sie von jenen Verbiegungen und Unterwerfungen, die ihnen der von Stalin bestimmte Kurs seit dem August und September 1939 aufgezwungen hatte. Sie ergaben sich nicht aus der Tatsache des Nichtangriffspaktes, nicht daraus, dass das Land aus dem Krieg herausgehalten werden sollte und dies seinen Preis hatte. Doch war in diesem Zusammenhang von Stalin den Kommunisten eine ideologisch-politische Kehrtwende aufgezwungen und ein Zwangskorsett verordnet worden. Sich über die soliden und treffenden Einschätzungen der Kommunistischen Internationale über die aggressiven und nichtaggressiven kapitalistischen Staaten, unter anderem in einer denkwürdigen Rede vorgetragen von Palmiro Togliatti 1935 auf dem Weltkongress, hinwegsetzend, legte der »große Führer« nach dem Polenfeldzug fest, dass nicht Nazideutschland, sondern Großbritannien und Frankreich die Schuld an der Weiterführung des Krieges trügen. Genau das hatten auch Hitler und seine Demagogen, Friedensbereitschaft heuchelnd, im Oktober 1939 behauptet.

Diese Version war nach dem Einfall der Wehrmacht selbstredend vollständig erledigt. Sie wurde in Vergessenheit gebracht und blieb dort noch Jahrzehnte nach Stalins Tod. Großbritannien und die Sowjetunion wurden 1941 Kriegsverbündete infolge eines Entschlusses, den Hitler gefasst hatte. Noch am Abend des 22. Juni hat Winston Churchill dazu die Hand nach Moskau ausgestreckt. Die deutschen Nazigegner in der UdSSR konnten, so viel sie dafür getan hatten, den Krieg im Ganzen und insbesondere diesen zu vermeiden, gleichsam aufatmen. Nicht alle für sehr lange. Vielen, solche eingeschlossen, die fähig und bereit waren, die Eindringlinge mit der Waffe zu bekämpfen und sich so den Rückweg in ihre Heimat mit freizumachen, stand die Deportation bevor.

Abgründe und Untiefen

geschrieben von Friedrich Leidinger

5. September 2013

Die Geschichte von Deutschen und Polen im Deutschen Historischen
Museum

Juli-Aug. 2009

Unser Autor, der Psychiater Dr. Friedrich Leidinger, ist stellvertretender Vorsitzender der »Deutsch-Polnischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland e.V.«

Wer die Sonderausstellung »Deutsche und Polen – 1.9.39 – Abgründe und Hoffnungen« im Berliner Deutschen Historischen Museum besuchen will, muss – um in den Ausstellungstrakt von I.M.Pei zu gelangen – nach der Eingangshalle zunächst den Hof des ehemaligen Zeughauses durchqueren. Der Betrachter wird den von einer Glaskuppel überwölbten Hof des frühbarocken Baumeisters Andreas Schlüter in der Ausstellung wieder entdecken – hier wurden nach dem Septemberfeldzug 1939 von der polnischen Armee erbeutete Waffen zum Zeichen des Sieges der deutschen Wehrmacht ausgestellt. Es ist – leider – einer der wenigen Momente, in denen diese Ausstellung dem Anspruch gerecht wird, der notwendigerweise an sie zu richten ist, nämlich, etwas Bedeutsames zu diesem Gedenkjahr 1939 zu sagen. Denn diese Ausstellung, die an außerordentlicher Stelle und in einer Zeit außerordentlicher Spannungen als Folge der nur mühsam verhüllten Gegensätze zwischen Polen und Deutschland mit großem Aufwand entstand, ist nach Form und Inhalt schwach und in mancher Hinsicht geradezu ärgerlich, als wolle sie sich selbst als eine Pflichtübung entlarven, die den beteiligten Autoren eher unangenehm und lästig gefallen ist.

Dabei war die Aufgabe dieser Ausstellung zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen für das Team des DHM und die aus beiden Ländern hinzugezogenen historischen Berater von Rang zweifellos eine reizvolle Herausforderung. Es wäre eine spannende Frage gewesen, den Ursprüngen jener Exzesse von Gewalt und Terror nachzuspüren, die historischen Pfade nachzuzeichnen, die von der »Polenfreundschaft« des Vormärz bis zu jenen Ereignissen führen, die wir mit Begriffen wie »Holocaust« und »Völkermord« nur unvollkommen zu fassen versuchen. Und es ist mit Sicherheit kein Mangel an Objekten, die einen analytischen Versuch über das schicksalhafte deutsch-polnische Verhältnis konkret belegen und verdeutlichen könnten.

So liefert der erste Teil des auf zwei Ebenen angelegten Ausstellungsparcours eine große Zahl von Zeugnissen über das Auseinanderdriften der Polen und der Deutschen in der Zeit der Herausbildung des Nationalstaates, der für Deutschland mit dem Scheitern der demokratischen Revolution und dem Entstehen eines antidemokratischen Militärregimes und einem Operettenkaiser an seiner Spitze seine Erfüllung fand. Der Architekt dieses Staates, Bismarck, war sich bewusst, dass für eine dauerhafte Sicherung dieses »Reiches« eine völlige Vernichtung Polens die Voraussetzung wäre. Für Erich Ludendorff, Stratege des deutschen Generalstabs im Ersten Weltkrieg, war die Verlegung der Reichsgrenzen um mehr als 200 km nach Osten und die Deportation der gesamten polnischen Bevölkerung wichtigstes Kriegsziel. Ludendorffs Plan findet unverdient in dieser Ausstellung keine Erwähnung, unverdient, weil dieser Plan nur 20 Jahre nach seiner Niederlage im September 39 mit der Teilung Polens seine erfolgreiche Wiederauferstehung feierte. Stattdessen nehmen die nationalistischen Propagandafeldzüge der Zwischenkriegszeit großen Raum ein, größer als z.B. die Beschreibung des Versailler Abkommens und die beharrlichen Aktivitäten der fast alle Parteien umfassenden großen Koalition der Revisionisten im Berliner Reichstag, die sich mit dem wiederentstandenen Polen und seinen Grenzen nicht abfinden wollten.

Fast zufällig aus einem Bildarchiv ausgewählt wirken die Exponate zum zentralen Teil der Ausstellung, dem Krieg und der Okkupation von 1939 bis 1945. Die meisten dieser Bilder – auch die eindrucksvollen Fotos aus dem Warschauer Ghetto – dürften die Besucher schon einmal gesehen haben. Aber welche Ziele verfolgte das nationalsozialistische Deutschland mit seiner Polenpolitik? Hier bleibt die Ausstellung wichtige Antworten schuldig. Dass der biologische Rassismus, der sich in der Vorkriegszeit vor allem gegen Juden und »Zigeuner« sowie gegen »Erbkranke« richtete, innerhalb weniger Wochen auf die Slawen allgemein, und die Polen insbesondere ausgedehnt werden konnte, dass zwischen beiden – Polen und Juden – nur noch ein quantitativer, aber bezüglich ihres »Untermenschentums« kein qualitativer Unterschied mehr gemacht wurde, das verschweigt die Ausstellung zwar nicht, aber erschließt es nur fragmentarisch mit dem Hinweis auf den »Rassenwahn«, der sich »auch gegen die slawische Bevölkerung« richtete, und eher kursorischen Hinweisen zu Heinrich Himmlers »Generalplan Ost« oder zur »Polendenkschrift« Theodor Schieders. Doch hier ging es um die systematische Vernichtung eines Volkes als ethnokulturelle Gruppe durch Ermordung seiner Intelligenz, durch Deportation und Zwangsarbeit, durch anthropologische Selektion und Vernichtung der nicht brauchbaren, durch systematische Versuche, mit Ziel, die biologische Fortpflanzung des ganzen Volkes zu kontrollieren und zu begrenzen. In Zamosz, während der Okkupation umbenannt in »Himmlerstadt«, lautete die Aufgabe des »SS-Sonderlaboratoriums« nicht allein die polnische Bevölkerung zu vertreiben, um Platz für volksdeutsche Umsiedler aus Bessarabien zu schaffen, sondern auch, die für eine »Arisierung« geeigneten Kinder unter zwei Jahren zu identifizieren und über die Aktion »Lebensborn« an ideologisch zuverlässige deutsche Familien zu adoptieren. Mehrere tausend Kleinkinder sind auf diese Weise eingedeutscht worden, die meisten wissen bis heute nichts davon.

Das Kriegsende mit den für die aktuellen Kontroversen so wichtigen Themen »Flucht«, »Umsiedlung« und »Vertreibung« wird eher gestreift, denn wirklich behandelt. Dabei gäbe es ausreichende Gründe, dem Thema andere Aspekte abzugewinnen, als die vor eineinhalb Jahren gezeigte Ausstellung »Erzwungene Wege«, zumal die Experten auf beiden Seiten einen großen Konsens über das Verständnis dieser bis in die Gegenwart wirkenden Vorgänge hergestellt haben. Die nun folgende Nachkriegsepisode scheint in der Sichtweise der Ausstellung im wesentlichen von Aufmärschen der Landsmannschaften in der BRD, von Willy Brandts Ostpolitik , von »verordneter Freundschaft« in der DDR und von »Päckchen für die Solidarnosz« und dem polnischen »Ja zur Wiedervereinigung« gestaltet zu sein. Man mag noch so viel Verständnis für die Notwendigkeit zu reduzieren aufbringen, die Einseitigkeit der Darstellung bleibt ein Ärgernis. Sie ignoriert die große politische Leistung der DDR-Regierung mit der Anerkennung der polnischen Westgrenze an Oder und Neiße im Juli 1950 genauso wie die Komplexität der gesellschaftlichen Kontakte zwischen beiden benachbarten Ländern. Das in der Ausstellung gezeigte Plakat für Frieden und Völkerfreundschaft mag den heutigen Betrachter in seiner Sprache und Stilistik befremden, es formuliert jedoch den starken Wunsch vieler Menschen in dieser Zeit, auch in der Bundesrepublik übrigens.

Kaum verständlich bleibt der Hinweis auf die Affäre um den Film »Der Aufenthalt« nach Hermann Kants Roman auf der Berlinale 1983. Das klägliche Versagen der polnischen Kulturfunktionäre vor einem Film, der die zentralen Fragen von Schuld und Verantwortung thematisierte, wurde nicht weiter erklärt. Es fehlte auch jeder Hinweis auf den historischen Ursprung dieses Themas, die Bemühungen polnischer und deutscher Antifaschisten um junge deutsche Soldaten in den Ruinen des befreiten Warschau, denen sie eine demokratische, am klassischen bürgerlichen Wertekanon orientierte Erziehung zum Frieden zuteil werden ließen.

Schließlich ist darauf hinzuweisen, dass es auch in der BRD einen (außerparlamentarischen) Widerstand gegen den Mief der Restauration und des Revisionismus der staatstragenden Parteien Union, SPD und FDP gab, der sich zwar bis Ende der 1960er nicht durchsetzen konnte, ohne den aber die politische Klasse der BRD den von den westlichen Verbündeten dringend geforderten Politikwandel gegenüber den sozialistischen Ländern noch später vollzogen hätte. So endet die Ausstellung letztlich mit der Verneinung ihrer eigenen, allerdings kaum ausgeführten Anfänge, indem sie das Fortdauern des deutsch-polnischen Gegensatzes nach Kriegsende nicht etwa mit seinen nicht beseitigten Ursachen, dem fortwährenden Festhalten am »Reich«, sondern mit dem Kalten Krieg und der kommunistischen Politik in Osteuropa zu erklären versucht. Etwas ratlos stehen wir schließlich vor Miroslaw Kloses Fußballschuhen: Welche Hoffnung soll mit dieser ihrer historischen Zusammenhänge weitgehend entkleideten Ausstellung eigentlich ausgedrückt werden? Am 6. September wird die Ausstellung geschlossen.

Den Tod verlachen

geschrieben von Annika Sembritzki

5. September 2013

Der Sinto Walter Winter erinnert sich

Juli-Aug. 2009

Karin Guth, Der Sinto Walter Winter überlebt den Holocaust

Broschiert: 226 Seiten, Verlag: VSA, ISBN-10: 3899653378, ISBN-13: 978-3899653373, Preis: EUR 18,80

Wenn wir als kleine Kinder die Stiefmutter meines Vaters besuchten, prahlte diese gern mit der Schönheit der Altstadt Oldenburgs. Einfach himmlisch, nur eben – leider, leider, wie sie nicht müde wurde zu betonen – voll von Zigeunern. Ich gab mir alle Mühe, aber so sehr ich die Augen auch aufhielt, ich konnte auf unseren Spaziergängen einfach keine entdecken. Bis die Oma irgendwann mit dem Finger auf eine Gruppe zeigte. Dieser Akt des Zeigens war so erstaunlich willkürlich und trennte doch sofort eine Gruppe aus dem zuvor homogenen Stadtbild heraus. Für mich war das unbegreiflich, denn es gab keinen nachvollziehbaren Grund für ihre massive Ablehnung.

Aber eines begriff ich, auch wenn ich es damals als Grundschülerin noch nicht benennen konnte: man ist erst dann ein Anderer, wenn man anders genannt wird.

Und ich begriff auch, so willkürlich war dieser Fingerzeig gewesen, dass dieser jeden hätte treffen können, der nur zufällig im Blickfeld gewesen wäre.

Mit diesem Hintergrund lese ich Karin Guths Ausführungen über das Leben Walter Winters – die Erzählungen eines Menschen, der sein Anderssein nicht zuerst selbst empfunden hat, sondern dem es von außen zugeschrieben wurde. Dieses Anderssein, das qualitative Anderssein, das stets nur ein Schlechtersein meint, ist eine derart fremdbestimmte, groteske Zuordnung, dass der »Andere«, jeglicher Handlungsmöglichkeit beraubt, in keiner Weise imstande ist, diesen Zustand zu beeinflussen oder zu beenden – es gibt nicht einmal die Möglichkeit der Emanzipation daraus, denn es handelt sich schlicht um keine soziale Rolle.

Die Großmutter hätte jede Gruppe meinen können; hätte sie nicht mit dem Finger auf sie gezeigt, wäre sie unsichtbar geblieben.

Sichtbarmachung durch Ausgrenzung, Sichtbarmachung durch Vorurteil und durch Ablehnung sind Mechanismen der bürgerlichen Gesellschaft, die in Stern und Dreieck auf der Brust und der tätowierten Nummer auf dem Arm ihren perversen Höhepunkt fanden. Die so genannten »Anderen«, die zuerst keine waren, sollten selbst dem Menschsein, so nennt Walter Winter es, weitmöglich entfremdet werden, so dass sie als Asche im Krematorium und Rauch in den Lüften endeten.

Zusammen mit seinem Bruder erlebte er die KZs Auschwitz, Ravensbrück und Sachsenhausen; degradiert zur Nummer Z 3105, und damit für immer als Zigeuner gebrandmarkt, erfuhr er die absolute Herabsetzung menschlicher Existenz. Und doch war Walter Winter Teil des Aufstands im Zigeunerlager Auschwitz, dem es durch absolute Geschlossenheit gelang, der Willkür und der Vernichtung für einen kurzen Augenblick Einhalt zu gebieten – ein Akt mutiger Selbstbehauptung in einer Umgebung der Ohnmächtigkeit.

Karin Guth erzählt in ihrem Buch die Geschichte eines Mannes, der ihr jahrelang als Gesprächspartner gegenüber saß; sie behält sowohl dessen Erzählperspektive wie dessen Erzählstil bei, so dass das Buch sich liest wie ein Dokument der oral history und damit die Distanz des Lesers zu der Geschichte bereits qua Form abbaut.

Dass ein derartiges Zeugnis einer Verfolgung erst im Jahr 2009, ganze 76 Jahre nach der ›Machtergreifung‹, an die medienöffentliche Oberfläche gelangt, spiegelt deutlich wider, welch ein sorgsam kultiviertes Tabu europäischer Geschichte es behandelt. Einem Tabu baut man keine Denkmäler. Wenn schon keine Judenwitze mehr gemacht werden, so will man zumindest weiterhin zum Grillen seine Zigeunersoße kaufen, sich die Abschiebung lästiger Autoscheibenputzer (Bettel-Roma genannt – man weiß wer gemeint ist) wünschen, und dabei auf einen Rückhalt im gesellschaftlichen Ressentiment bauen dürfen.

Karin Guths Buch ist ein wesentlicher Beitrag dazu, diesem Ressentiment seine Bequemlichkeit zu nehmen.

Schon deshalb sollte das Buch die Möglichkeit bekommen, auf den Lehrplänen hiesiger Schulen die defizitäre Aufarbeitung dessen auszugleichen, was offiziell Verbrechen gegen die Menschlichkeit heißt und hinter geschlossener Tür Opfer hierarchisiert.

Man wird sehen, wo sich der Mainstream, nicht nur in Deutschland, in den kommenden 76 Jahren positioniert. Manche Tabus haben einen erschreckend langen Atem.

Der Sohn des Dorfhirten

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Zum 120. Geburtstag des Schriftstellers Adam Scharrer

Juli-Aug. 2009

»Ein großer Teil der deutschen Bürger beiderlei Geschlechts will von den Dingen und Menschen, (von) Gestapo, Konzentrationslagern und allem, was damit zusammenhängt, ›nichts mehr wissen‹. (…) Sie sind nur für eine ›konstruktiv-demokratische‹ Politik zu haben. Sie fühlen sich zudem auch unschuldig und erklären hartnäckig, sie hätten von all den grausigen Scheußlichkeiten nichts gewusst. In diesem geistigen Habitus spiegelt sich die ganze deutsche Tragödie in Reinkultur. Diese ›konstruktive Demokratie‹ ist auf die These zu reduzieren: Wir wollen davon einfach nichts wissen! Man muss Gras über die Geschichte wachsen lassen, und man muss die Ochsen verjagen, die das wachsende Gras immer wieder abfressen wollen.«

Diese Sätze leiteten 1947 einen Aufsatz ein in einer Zeitschrift namens »Heute und morgen«: »Die VVN – ihr Gesicht und ihr Gewicht«. »Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes«, heißt es weiter im Text, »verkörpert in sich die die Summe der Erfahrungen des Kampfes gegen Unterdrückung und Verknechtung und für Menschlichkeit und wirklichen Völkerfrieden. Diese Erfahrungen lebendig zu erhalten und fruchtbar zu machen für eine geistige Erneuerung, die in die Tiefe wirkt, ist daher eine Aufgabe von weitreichender historischer Bedeutung.«

Der Autor hieß Adam Scharrer. Gegen Ende der Weimarer Republik hatte er sich gerade ein gewisses Renommee erschrieben. Vor allem der Roman »Vaterlandslose Gesellen« mit dem Untertitel »Das erste Kriegsbuch eines Arbeiters« (1930) erregte als eine Art proletarisches Pendant zu Erich Maria Remarques »Im Westen nichts Neues« Aufsehen. Zwei weitere Romane folgten. »Ich habe«, schreibt Scharrer 1947 in einem Rückblick, »mit der Anklage wegen Hochverrats, Ausbürgerung und zwölfjähriger Verbannung aus meiner Heimat dafür büßen müssen.«

Eigentlich stammte er aus dem Fränkischen. Vor 120 Jahren, am 13. Juli 1889, kam Adam Scharrer in Kleinschwarzenlohe (heute Teil der bei Nürnberg gelegenen Marktgemeinde Wendelstein) als ältester Sohn des Gemeindehirten auf die Welt. Einer harten Kindheit folgen mühevolle Lehr- und Wanderjahre, die ihn nach Österreich, in die Schweiz und durch die deutschen Lande führen. Ab 1914 ist er in Berlin, ist Rüstungsarbeiter, Soldat, 1918 Revolutionär. Nachdem er sich Spartakusbund und KPD angeschlossen hatte, wechselt Scharrer 1920 zur KPD-»Linksabspaltung« KAPD. In diesem Umfeld beginnt er, publizistisch tätig zu werden, veröffentlicht auch seine erste Erzählung.

Immer wieder von Arbeitslosigkeit betroffen, wird ihm das belletristische, zugleich autobiographische Schreiben Orientierungshilfe. Unstete Jahre, erste Anerkennung, dann zwingt ihn das NS-Regime in Illegalität und Emigration. Über die Tschechoslowakei kommt er in die Sowjetunion, lebt zeitweise in Dörfern in der Ukraine, kann in Exilzeitschriften Texte veröffentlichen, 1939 erscheint im Moskauer Verlag Das Internationale Buch sein Roman »Familie Schuhmann«. Scharrer schreibt an Büchern, die sich immer intensiver mit den Gegenden seiner Herkunft befassen – am Roman »Der Hirt von Rauweiler« etwa, der erstmals 1946 im Nachkriegsdeutschland erscheinen wird.

Seinen letzten Wohnort findet er in Schwerin, wo er am 2. März 1948, 59 Jahre alt, stirbt. Er kann noch die Edition einiger seiner Bücher erleben, publiziert bis zuletzt in Zeitschriften, engagiert sich in der VVN und im Kulturbund. Einer Bekannten in München schreibt Adam Scharrer zwei Monate vor seinem Tod: »Ich habe natürlich den Gedanken, in meine engere Heimat zurückzukehren, noch nicht aufgegeben. Als Bettler möchte ich nicht auch wieder ankommen. Ich bin ja nun bereits ein Menschenalter auf der Wanderschaft.«

Die »engere«, die bundesdeutsche und bayerische Heimat zeigte in den folgenden Jahrzehnten am Werk ihres Dichters – von Veröffentlichungen in kleinen linken Verlagen abgesehen – demonstratives Desinteresse. In der DDR erschienen bei Aufbau immerhin acht Bände einer gut edierten Werksausgabe. Und zum hundertsten Geburtstag, im Juli 1989, bekam er eine Briefmarke.

Seither ist Adam Scharrer allerdings in ganz Deutschland arg in Vergessenheit geraten. In ganz Deutschland? – Oder gibt es da ein kleines fränkisches Dorf…?

Am Geburtsort des Schriftstellers soll ein »Adam-Scharrer-Zimmer« mit einer Ausstellung zu seinem Leben zu besichtigen sein. Die Wendelsteinerin Gudrun Vollmuth, auch sie eine Dichterin, erzählte dazu im Juli 2008 dem Bayerischen Rundfunk: »Mit unserem Bürgermeister war ich 1989 in Schwerin. Da waren Scharrers Gegenstände von 48 noch eingelagert: ein Schreibtisch, den wir hier jetzt haben, und ein riesiger Bücherschrank voller Bücher. Für einen Hirtenjungen aus Franken war das erstaunlich, was er alles gelesen hat. Aber das Merkwürdige ist: den Schreibtisch haben wir später bekommen. Doch die Dame aus dem Kulturreferat musste uns eine traurige Mitteilung machen. Schwerin hat nach der Wende einen Kulturreferenten aus dem Westen bekommen, dessen erste Handlung es war, den Bücherschrank eigenhändig zu zersägen. Also, den haben wir nicht mehr, aber wahrscheinlich hätten wir ihn hier gar nicht hereingebracht.«

Strafe muss sein

geschrieben von Alfred Fleischhacker

5. September 2013

Daniela Dahn befragt die deutsche Einheit

Juli-Aug. 2009

Daniela Dahn, Wehe dem Sieger! – Ohne Osten kein Westen

Rowohlt Verlag, 304 S., ISBN: 978-3-498-01329-5, 18,90 Euro

Vielleicht hatte Stefan Heym mit seiner Anfang der neunziger Jahre getroffenen Feststellung »von der DDR werde nicht mehr bleiben als eine Fußnote«, deren vierzigjährige Existenz zu gering veranschlagt. Schon die vielen Reden führender Köpfe des politischen Establishments in jüngster Zeit sprechen dagegen.

Mit dem untergegangenen Land DDR, seinen Vorzügen und Nachteilen, vor allem aber mit der Verquickung des kleineren mit dem größeren der beiden deutschen Staaten, beschäftigt sich auch die Schriftstellerin Daniela Dahn in ihrem jüngsten Buch. Es soll nach ihrem Wunsch nicht »die« Wahrheit sein. Eher »ihr« Bilanzbuch, »der bescheidene Versuch, die Geschichte seit dem Untergang des Sozialismus noch einmal anders zu erzählen«.

Schon im ersten Kapitel analysiert sie die Untergangsgesellschaft. Die aber hat größere Dimensionen als die einstige DDR Flächenmaß. Dahns für den Leser schon zu Beginn vielleicht irritierende Folgerung: »Am Ende war es die Ironie der Geschichte, dass jede Seite die andere überwinden wollte«. Sie erinnert daran, dass die Soziale Marktwirtschaft, deren positive Seiten von Millionen nicht in Abrede gestellt werden, erst mit dem Entstehen des sozialistischen Weltsystems nach Ende des zweiten Weltkrieges entstand. Doch mit dem – in manchen Aspekten auch kläglichen – Ende des kleineren Landes begann auch das Zerbröseln des größeren. Gegenwärtig wird der Alltag von Milliarden Menschen durch die Finanz- und Wirtschaftskrise durcheinander gerüttelt. Die meisten Staaten befinden sich im Stadium der Rezession, andere sind schon von der Depression geplagt. Vom angeblich so strahlenden Kapitalismus und seiner Überlegenheit sprechen zurzeit nur noch Narren.

Der Westen wollte in allen Bereichen der Bessere sein. In manchen gelang das auch. Zum Beispiel, als die IG Metall in den späten siebziger Jahren nach einem wochenlangen Streik die 35-Stunden-Woche erkämpft hatte. Die ist inzwischen Geschichte. Seit geraumer Zeit wächst die Arbeitszeit in Deutschland wieder. Nach dem Verschwinden des Konkurrenten konnte Hartz IV beschlossen und erst kürzlich der Beginn des Rentenalters um zwei Jahre nach hinten verschoben werden. Das Ende der Fahnenstange bei den sozialen Einschnitten ist noch lange nicht erreicht.

»So wie die DDR an die Westlöhne nie heranreichen konnte, so hat die BRD den östlichen Vorsprung bei der Gleichstellung der Frau im praktischen Familienrecht nie einholen können. In entscheidenden Punkten bis heute nicht.«, konstatiert die Autorin.

Die verfassungsrechtlich verbürgten Rechte auf Arbeit, gleichen Lohn für gleiche Arbeit und die Gleichstellung der Geschlechter bleiben im vereinigten Land wohl für viele Jahre Wunschträume. Und nach fast 20 Jahren Vereinigung bleibt auch die Angleichung der Lebensverhältnisse im Osten des Landes ein Phantom, das der neu zu wählende Bundestag kaum einfangen wird. Denn Prognosen der Deutschen Bank sagen aus, dass der Osten – -also die fünf neuen Bundesländer – im Vergleich zum Westen nicht aufholen, sondern weiter zurückfallen wird. In 40 Jahren, mithin 2050, soll der Abstand wieder so groß sein wie 1989.

Natürlich wird auch der Dauerbrenner »Stasi« im Buch nicht ausgeblendet. Die Autorin fand heraus, dass der aus Steueraufkommen entnommene Etat für die damit befasste Behörde jährlich ebenso so hoch ist wie der für die gesamte Industrieförderung im Osten. Da kann auf die Dauer zwischen Ostsee und Werra, oder Elbe und Oder nur eine Brache entstehen.

Wie sich die Lebensverhältnisse konkret in Ost und West in den letzten 20 Jahren verändert haben, schildert die Autorin in bewegender Weise an Einzelschicksalen.

Berührend auch ihre sehr persönlichen Wahrnehmungen nach dem Überfall der NATO auf Jugoslawien 1999. An diesem völkerrechtswidrigen Krieg war die Bundeswehr aktiv beteiligt. Mit Flugzeugen, die zivile Objekte wie Brücken, Fabriken, Radiostationen markierten, um sie anschließend in Schutt und Asche zu legen. Die Missachtung der im Artikel 1 des Grundgesetzes verbürgten Rechte wie die Unantastbarkeit der Menschenwürde bereiten der Bundesregierung bis heute keine Kopf- geschweige denn andere Schmerzen.

Daniela Dahn, Gründungsmitglied des Demokratischen Aufbruchs, war als kritische Chronistin der Einheit bis Ende der neunziger Jahre von den Goethe-Instituten wiederholt als Referentin eingeladen worden. 1998 begann mit ihrer Nominierung als Verfassungsrichterin in Brandenburg der Versuch, sie öffentlich zu demontieren. Aus den so genannten Volksparteien nahe stehenden Kreisen ertönte die Frage, ob die in Dahns Büchern geäußerten Kritiken überhaupt verfassungskonform seien. Von diesem Moment an war Daniela Dahn für alle Goetheinstitute und auch für manche deutsche Universitäten zur persona non grata geworden. Die Schriftstellerin wird die über sie verhängten Sanktionen aber sicher verkraften. »Wehe dem Sieger! – Ohne Osten kein Westen« ist ein spannendes Buch. Es ist zur rechten Zeit auf den Büchermarkt gekommen.

Todesstrafe zwingend

geschrieben von Susanne Willems

5. September 2013

Das Buch zur Aufhebung der Kriegsverratsurteile der
Nazi-Militärjustiz

Juli-Aug. 2009

Wolfram Wette, Detlef Vogel, »Das letzte Tabu. NS-Militärjustiz und Kriegsverrat«

Aufbau Verlag 2007, ISBN-10: 3351026544, 24,95 Euro

Das Buch entstand mit finanzieller Unterstützung der Bremer Stiftung »die schwelle. Beiträge zur Friedensarbeit« und der Hans-Böckler-Stiftung

Das 1965er Credo der Nazi-Militärrichter hat Norbert Haase 1993 im Begleitband zur Berliner Ausstellung der Gedenkstätte deutscher Widerstand zum Reichskriegsgericht dokumentiert: »Wer die Deutsche Wehrmacht verunglimpft, […] greift einen der Hauptpfeiler der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung an. Denn die Bundeswehr ruht auf der Deutschen Wehrmacht, was schon darin zum Ausdruck kommt, dass zahlreiche Offiziere der Bundeswehr aus der Deutschen Wehrmacht hervorgegangen und dass sie in deren Geist geformt sind. Verunglimpfende Angriffe müssen deshalb energisch zurückgewiesen und raschestmöglich strafrechtlicher Ahndung zugeführt werden.«

Die von Wolfram Wette und Detlef Vogel im Aufbau Verlag Berlin herausgegebene Dokumentation »Das letzte Tabu. NS-Militärjustiz und ›Kriegsverrat‹« basiert auf Stichproben in einem Teilbestand der 924 laufende Meter füllenden Feldgerichtsakten, auf früher publizierten Einzelfällen und auf der umfangreichen Microfiches-Edition des Münchner Instituts für Zeitgeschichte zu 6.000 vor dem Reichsgericht, dem Volksgerichtshof und dem Reichskriegsgericht verhandelten Hochverratsfällen. Der mit einem Quellen- und Literaturverzeichnis versehene und durch ein Personen- und Ortsregister erschlossene 512-Seiten-Band ist ein Kompendium des aktuellen Forschungsstands und die Dokumentation aller überlieferten 31 der bisher bekannten gewordenen 33 Verurteilungen des Reichskriegsgerichts wegen Kriegsverrats. Abgedruckt sind zudem Schriftstücke aus fünf Verfahren vor dem Volksgerichtshof und solche zu drei Feldgerichtsurteilen.

Einführend analysiert Wolfram Wette die juristische und politische Geschichte des »Kriegsverrat«-Delikts und die des jetzt, wie von Manfred Messerschmidt, dem Nestor der kritischen westdeutschen Militärgeschichtsschreibung und seit Jahrzehnten an der Seite von Ludwig Baumann Mitstreiter für die Anerkennung und Entschädigung aller Opfer des psychiatrischen und justiziellen Disziplinierungssystems der Wehrmacht, im Vorwort gewünscht, beschleunigt gereiften rechtspolitischen Lernprozesses, der alle Fraktionen im Bundestag jetzt zur gesetzlichen Aufhebung sämtlicher Kriegsverratsurteile bewegt hat. Von der westdeutschen Kontinuität der juristischen Verurteilung des Widerstands gegen Faschismus und Krieg handelt der Beitrag von Helmut Kramer, der Einblick in das von Adolf Grimme, einst preußischer Kultusminister und später Direktor des Nordwestdeutschen Rundfunks, Ende 1945 angestrengte Strafverfahren gegen den Ankläger der mit Schulze-Boysen und Harnack verbundenen Antifaschisten vor dem Reichskriegsgericht gibt.

Die Lüneburger Staatsanwaltschaft, aufgefordert wegen Rechtsbeugung und Verantwortlichkeit für 47 Justizmorde zu ermitteln, nutzte 1951 das Verfahren mit gutachterlichem Beistand von Nazi-Juristen und Ex-Gestapobeamten in 1190seitiger Einstellungsbegründung zur Rechtfertigung der Nazi-Blutjustiz und erneuten Diffamierung des gesamten antifaschistischen Widerstands. Und mehr: jede außenpolitische Verständigung mit der Sowjetunion führe zur »Bolschewisierung« Deutschlands, Wachsamkeit sei geboten: »Die ›Rote Kapelle‹ ist auch heute nicht tot.« Kramers Resumeé: »Im Rahmen des in der frühen Bundesrepublik gewissermaßen zur Staatsdoktrin gewordenen Antikommunismus wurde spiegelbildlich alles aufgewertet, was in der Geschichte den Kampf gegen den Kommunismus gefördert hatte.«

Die von Richarda Berthold und den Herausgebern sorgfältigst eingeführten und edierten Dokumente beweisen, dass der Kriegsverrats-Paragraph zwei für den von rechtsstaatlichen Mindeststandards unberührten Juristen praktikable Funktionen erfüllte: Wegen seiner Unbestimmtheit als Auffangparagraph zur Aburteilung jedweden unbotmäßigen oder widerständigen Verhaltens von Militärangehörigen im Krieg und als Justizmord-Paragraph wegen der zwingenden Todesstrafe. Wegen Kriegsverrats von Nazi-Richtern ums Leben gebracht wurden Menschen, die sich zum organisierten Widerstand zusammenfanden, die mit Menschen tatsächlich oder angeblich kommunistischer Überzeugung Kontakt hatten, die sich dem Krieg wenigstens zeitweise gedanklich verweigerten, die Juden Hilfe leisteten, mit Kriegsgefangenen ihre Hoffnung auf ein Ende von Krieg und Naziherrschaft teilten oder in Kontakt zu Partisanen traten. Die Dokumentation der – zumeist mit Hilfe von Denunzianten und Spitzeln – ermittelten Sachverhalte lässt erahnen, dass die einst in Kornelimünster und inzwischen im Militärarchiv in Freiburg lagernden Feldgerichtsakten mit den gescheiterten Versuchen, sich dem Morden und dem Krieg zu entziehen, eine Fülle von Zeugnissen vernünftigen Denkens damaliger Soldaten bereit halten. Mit der Aufhebung der Kriegsverratsurteile hat die in den 50er-Jahren aufgebaute Kameradschaftsfront der Nazi-Militärjuristen ihren Einfluss auf Wissenschaft und Politik unwiderruflich verloren. Deren Chefkommentator und Verfechter des Gesinnungsstrafrechts Erich Schwinge, bis zu seiner Emeritierung 1968 Marburger Universitätsprofessor, wir nannten ihn als Jurastudenten nur »Kopf-ab-Schwinge«, pflegte die Kritiker der Nazi-Blutjustiz in den 50er und 60er Jahren mit Prozessen zu überziehen. Genau dieses Wiegenlieds der Bundeswehr versucht sich heutzutage der verbliebene Kameradenkreis der Mittenwalder Gebirgsjäger von einst und jetzt zu entledigen, wiederum besorgt um den Ruf der weltweit intervenierend und in den Krieg hineingewachsenen Bundeswehr und mit denselben Methoden wie einst die Kameradschaft der Nazi-Militärrichter: ausnahmslos auf Kosten ihrer antifaschistischen und antimilitaristischen Kritiker.

Am historischen Ort

geschrieben von Axel Holz

5. September 2013

Die Kölner Gedenkstätte Gestapogefängnis wurde neu
gestaltet

Juli-Aug. 2009

Die Gedenkstätte befindet sich am Appellhofplatz 23 in 50667 Altstadt-Nord, Köln

Öffnungszeiten:
Gedenkstätte, Dauerausstellung und Sonderausstellungen:
Dienstag, Mittwoch und Freitag 10 bis 16 Uhr
Donnerstag 10 bis 18 Uhr
Samstag, Sonntag 11 bis 16 Uhr

Bibliothek, Medien- und Arbeitsräume:
Dienstag bis Donnerstag 10 bis 16 Uhr
Freitag 10 bis 13 Uhr

Eintrittspreise:
Erwachsene 3,60 EUR
ermäßigt 1,50 EUR

Das NS-Dokumentationszentrum in Köln hat die Gedenkstätte Gestapogefängnis mehr als 27 Jahre nach seiner Einweihung im Dezember 1981 vollständig erneuert und wesentlich erweitert. Neue Bildträger zeigen eine Fülle von Inschriften der Gefangenen auf den Zellenwänden Sie wurden in verschiedenen Themenblöcken zusammengefasst. In den vergangenen Jahren war es gelungen, das Schicksal einiger Häftlinge zu erforschen und damit einer Reihe von Inschriften »ein Gesicht« zu geben. Eine kleine Ausstellung geht zudem auf die Haftstätten der Kölner Gestapo, die Haft- und Lebensbedingungen der Gefangenen, die Hinrichtungen im Innenhof des »EL-DE-Hauses« und die Eröffnung der Gedenkstätte ein. Sie zeigt den langen Prozess der Recherchen zunächst weniger Antifaschisten, der in den 60er Jahren begann und erst 1979 zum Beschluss der Stadt über die Einrichtung eines NS-Dokumentationszentrums führte.

Das NS-Dokumentationszentrum hat die Gedenkstätte um einige Bereiche erweitert. Besucher können nun die Aufenthaltsräume der Gestapobeamten und Wachleute im hinteren Teil des Gefängnisses besichtigen. Dort schuf das Museum in einem ehemaligen Aufenthaltsraum einen Gedenkraum für die Opfer der Kölner Gestapo und des NS-Regimes in Köln. Außerdem sind der Hausbunker der Gestapo im Tiefkeller und eine Dunkelzelle jetzt für die Öffentlichkeit zugänglich.

Mit der umfangreichen Neugestaltung wird die Gedenkstätte Gestapogefängnis nun ihrer großen Bedeutung als Kulturgut von nationalem und europäischem Rang gerecht. Die Dauerausstellung »Köln im Nationalsozialismus«, die das NS-Dokumentationszentrum seit 1997 auf zwei Etagen des EL-DE-Hauses zeigt, wurde ebenfalls grundsätzlich erneuert. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse aufgrund eigener Forschungsprojekte und die in über zehn Jahren gewonnenen pädagogischen Erfahrungen führten zur Neugestaltung der Ausstellungsbereiche »Jugend«, »Unangepasste Jugendliche« und »Widerstand«. Hier wird besonders eindrücklich herausgestellt, wie durch Nazi-Erlasse zahlreiche der 5.000 Vereine der Stadt Köln bereits im Jahre 1933 entweder verboten oder durch drastische Eingriffe in das Vereinsleben beschnitten oder gleichgeschaltet wurden. Besonders zu dem großen Themenkomplex »Jugend in der NS-Zeit« konnte das NS-Dokumentationszentrum in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Erkenntnisse gewinnen und umfangreiche Materialien entdecken. Sie machen es nun möglich, zentrale Aspekte des Lebens von Jugendlichen in der Vorkriegs- und der Kriegszeit in angemessener Form in der Dauerausstellung zu präsentieren. Hinzu kommen die bislang nicht in der Dauerausstellung behandelten Themen »Gestapo« und »Polizei«. Dabei geht die Ausstellung auch auf die Biographien der Gestapobeamten im »El-De-Haus« ausführlich ein, darunter die des NS-Kriegsverbrechers Kurt Lischka. Trotz zahlreicher Verurteilungen zu hohen Haftstrafen waren die meisten der Täter schon nach wenigen Jahren Haft wieder frei und oder sie gingen ganz straffrei aus.

Eine völlig neue Qualität erhält die Dauerausstellung durch den Einsatz von 31 Medienstationen. In den dort präsentierten Zeitzeugengesprächen stellt sich die Kölner Gedenkstätte auch den Herausforderungen, die sich durch den Tod der Generation ergeben, die die NS-Zeit noch erlebt hat. Wie wichtig ein solch direkter Zugang zu historischen Ereignissen und Wertungen ist, zeigt sich in der tagtäglichen Arbeit des NS-Dokumentationszentrums mit Schülerinnen und Schülern immer wieder aufs Neue. Geschichte erhält so ein »Gesicht« und macht sie für die jüngere Generation verständlicher und nachvollziehbarer. In diesem Sinne vertiefen die Medienstationen die vielfältigen Inhalte der Dauerausstellung und passen sie den Herausforderungen an die Vermittlung der Geschichte des deutschen Faschismus für zukünftige Generationen an. Die Neugestaltung der NS-Dokumentationsstätte kam durch die Hilfe zahlreicher Organisationen und Personen zustande, darunter auch der örtlichen VVN-BdA. Angesichts der zunehmenden neofaschistischen Aktivitäten in ganz Deutschland ist der Stadt Köln für die Neugestaltung ihres NS-Dokumentationszentrums besonders zu danken.

Ende eines langen Weges

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Dokumentationszentrum der Topographie des Terrors in Berlin vor
Fertigstellung

Juli-Aug. 2009

»Auf Wiedersehen am 9. Mai 2010« sagte Prof. Dr. Andreas Nachama, Geschäftsführender Direktor der Berliner Stiftung Topographie des Terrors, am Ende seiner Rede anlässlich des Richtfestes für den Neubau des Dokumentationszentrums auf dem Gelände der ehemaligen Prinz-Albert-Straße im Berliner Bezirk Kreuzberg. Dann soll, so sieht es der Zeitplan vor, eine über 50jährige und insgesamt nicht gerade rühmliche Nachkriegsgeschichte mit der Eröffnung dieses Hauses zu (einem guten) Ende gehen. Im Erdgeschoss des zweistöckigen Gebäudes mit einer Gesamtfläche von 45.700 Quadratmeter wird künftig die Dauerausstellung »Topographie des Terrors. Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt« ihren Platz haben. Das neue Haus bietet Räume für Wechselausstellungen und Veranstaltungen. Im Sockelgeschoss wird die Bibliothek der Stiftung angesiedelt. Nach Fertigstellung wird über das Gelände ein Rundweg mit 15 Stationen führen und einen Überblick über die Geschichte des historischen Ortes geben. Der Ausstellungsgraben bleibt erhalten.

Unter denen, die an diesem etwas verregneten 5. Mai zum Fest erschienen waren, sah man Frauen und Männer, die im Verlaufe dieser Jahrzehnte immer wieder, und zum Teil durch spektakuläre Aktionen, den Blick auf dieses Gelände gelenkt hatten. Mit langem Atem (und von den »Staatsschutzbehörden« dabei zeitweilig recht kritisch beobachtet) haben sie schließlich entscheidend dazu beigetragen, dass nun die Vollendung dieses Denkortes naht, die Zeit des unwürdigen Provisoriums vorbei ist. Die Vorkriegsgeschichte dieses Geländes ist mit Blut geschrieben. In der Prinz-Albrecht-Straße 8 waren in den Jahren der faschistischen Herrschaft das Hauptquartier der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) und ab 1939 auch des Reichssicherheitshauptamtes. Im Hotel Prinz Albrecht saß die Reichsführung der SS. Der berüchtigte Sicherheitsdienst der SS (SD) hatte seinen Sitz im Prinz-Albrecht-Palais in der Wilhelmstraße 102. Von deren hier stehenden Schreibtischen aus ist der Völkermord an den europäischen Juden ebenso organisiert worden wie der an den Völkern der Sowjetunion und Polens. Mehr als 15 000 Gegner des Faschismus wurden im Kellergefängnis der Prinz-Albrecht-Straße gefoltert, nicht wenige haben die brutalen »Verhöre« nicht überlebt.

Ein Ort der Täter also. Ein Umstand, der nicht wenig dazu beigetragen hat, dass die Regierenden der Stadt diesem Ort so lange, zurückhaltend formuliert, »distanziert« gegenüber gestanden haben und finanzielle Probleme zum willkommenen Vehikel bei der Verschleppung der endlichen Beschlussfassung über den Bau und dessen Realisierung wurden. Das alles ist wohl dokumentiert von der Installierung des faschistischen Regimes über die Sprengung der baulichen Überreste der Terrorzentrale mit der (fast) Tilgung des Ortes aus dem öffentlichen Gedächtnis. Ebenso die Geschichte der »Erinnerungswütigen«, etwa der Internationalen Liga für Menschrechte, dem Verein Aktives Museum Faschismus und Widerstand oder der Berliner Geschichtswerkstatt. Zu schreiben bleibt die Geschichte der Mitarbeiter der Stiftung Topographie des Terrors, die mit der Dauerausstellung im Graben entlang der Niederkirchnerstraße, mit Ausstellungen am Bauzaun und anderen Aktivitäten dazu beigetragen haben, dass die Zahl der jährlichen Besucher auf 500 000 angestiegen und die Topographie damit zu dem meist besuchten Erinnerungsort der Hauptstadt geworden ist.

Erinnerung und Mahnung

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Weihe eines jüdischen Friedhofs für ermordete KZ-Häftlinge
in Brandenburg

Juli-Aug. 2009

Der Rabiner Menachem Halewi Klein aus Frankfurt am Main und Peter Fischer vom Zentralrat der Juden ließen einen Sarg mit sterblichen Überresten ermordeter KZ-Insassen in ein Grab.

Zum 65. Jahrestag des Massenmordes soll im Februar 2010 der ermordeten Juden von Jamlitz-Lieberose in Staakow von Klaus D. Grote ein Gedenkstein aufgestellt werden.

Am 16. Juni diesen Jahres wurde in einer Waldlichtung an der Chaussee zwischen Jamlitz und Guben ein jüdischer Friedhof eingeweiht. Ein ungewöhnliches Ereignis an einem ungewöhnlichen Ort im Brandenburger Landkreis-Spree-Neiße. Denn es gibt hier weder eine jüdische Gemeinde, noch eine Synagoge. Doch im Februar 1945, als alliierte Truppen schon auf deutschem Boden für die Befreiung vom Faschismus kämpften, ermordeten SS-Wachmannschaften an diesem Ort 589 KZ-Häftlinge des Außenlagers Lieberose. Sie veranlassten Bewohner benachbarter Dörfer, die Leichen der jüdischen Häftlinge aus Osteuropa in der Kiesgrube bei Jamlitz zu verscharren.

In Lieberose-Jamlitz befand sich eines der vielen Außenlager des KZ-Sachsenhausen. Ein Knoten in einem mörderischen Netz von Stätten, an denen Herrenmenschen in SS-Uniform bis zuletzt »Untermenschen« aus vielen Nationen vernichteten. Die meisten Häftlinge hier stammten aus Ungarn und Polen. Wer weiß, wo es im brandenburgischen Sand noch weitere unentdeckte Massengräber als verborgene Signatur der Hitlerzeit gibt, denn die SS hatte damals innerhalb von zwei Tagen mindestens 1342 jüdische KZ-Insassen von Sachsenhausen-Lieberose ermordet. Der Verbleib von 753 der Opfer ist bis heute ungeklärt. Die Suche nach weiteren Massengräbern in der Umgebung Lieberoses war im Mai 2009 erfolglos abgebrochen worden. In der Kiesgrube waren bereits 1958 und 1971 Gebeine zwecks Identifikation exhumiert worden. Leider wurde der Fundort damals nicht zu einer Gedenkstätte erklärt. Seitdem ist nicht nur Jahrzehnte lang das sprichwörtliche Gras darüber gewachsen, sondern sogar ein Wald. Die mörderische Vergangenheit des berüchtigten Lagers Lieberose-Jamlitz bezeugt ein kleines Museum.

Zur Feier angereist war Gabriel Rodan aus Ungarn, der mit seinem Vater in Lieberose interniert war. Er berichtete: Die schwere Arbeit, mangelhafte Ernährung und fehlende ärztliche Hilfe bei Krankheiten hätten nur wenige überleben lassen. Vater und Sohn Rodan überlebten sogar den Todesmarsch von Jamlitz nach Sachsenhausen. Rodan war damals 14 Jahre alt. Glücklicherweise hatte er sich als älter ausgegeben, denn Kinder und Kranke wurden sofort nach Auschwitz transportiert.

Nun kann dieser Ort der Schande nicht wieder dem Verschweigen anheim fallen: »Erde bedecke nicht ihr Blut«. Dieser Satz aus dem biblischen Buch Hiob ist am Eingang des Friedhofes in fünf Sprachen zu lesen. Adam König, selbst Überlebender von Sachsenhausen und Auschwitz, bezeichnete in seiner Rede den Friedhof als spätes aber eindrückliches Mahnmal gegen faschistische Barbarei. Es gehe jetzt um die Aufgabe, die grausamen Ereignisse besonders jungen Menschen so zu vermitteln, dass sie als Mahnung der Geschichte im Gedächtnis bleiben.

Die Rede des französischen Präsidenten des Internationalen Sachsenhausen Komitees, Piere Gouffault, wurde vom Vizepräsidenten Roger Borgage verlesen: »Dem Präsidenten ist es wichtig, dass ein Rabbiner in jüdischer Liturgie unter Gebet und Psalmlesung diesen Mordort zu einem offiziellen Platz in der deutschen Geschichte gemacht hat. Er ist nun die Ruhstätte von ermordeten Juden.«

Weil aber Erinnern an den Faschismus bedeutet, sorgfältig zu unterscheiden, was unter anderen Bedingungen Menschen angetan worden ist, mahnte er ausdrücklich die Brandenburgische Landesregierung, dass mit der Totalitarismusthese diese ermordeten Juden nicht mit jenen Nazitätern gleichgesetzt werden dürfen, die nach dem 8. Mai 1945 im Speziallager Nr. 6 in Lieberose unter harten Haftbedingen gestorben sind: » An diesem Tag, an diesem Ort möchte ich im Namen des Internationalen Sachsenhausen Komitees eine feierliche Warnung erteilen: Ihre Erinnerung darf nicht durch ein empörendes Amalgam geschändet werden, wie jenes, das dem Konzept der brandenburgischen Landesregierung zu Grunde liegt und gegen das wir entschieden unsere Stimme erheben. Selbst wenn wir Verständnis für einige der im Speziallager Nr. 6 internierten Gefangenen empfinden, ist es unwürdig, ihr Schicksal mit dem Schicksal derjenigen zu vermischen, die im Außenkommando des KZ-Sachsenhausen, welches direkt mit dem Vernichtungslager Auschwitz verbunden war, massakriert wurden. Ihre Erinnerung soll ewig wach bleiben.«

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