Das Archiv der VVN

geschrieben von Stephan Feldhaus

5. September 2013

Ein Fundus der Zeitgeschichte wird gesichert und erschlossen

März-April 2009

Mehr als einhundert Ordner umfasst der Aktenbestand der einstigen Frankfurter Bundesgeschäftsstelle der VVN aus den Jahren 1947 bis 1977, die heute im Gebäude am Berliner Franz-Mehring-Platz eingelagert sind; hinzu kommen Zeitschriftensammlungen und Bildmaterial: Dokumente aus vier Jahrzehnten der politischen Arbeit in der Bundesrepublik, die ein interessantes Licht auf die Rolle der VVN in der Nachkriegszeit und den Umgang von Staat und Gesellschaft mit den Verfolgten werfen.

Bislang konnte der genaue Umfang und Inhalt dieser Aktenbestände nur erahnt werden. Im Rahmen des Projekts »Geschichtswerkstatt« wurde nun eine präzise und umfassende Bestandsaufnahme der Dokumente durchgeführt und eine elektronische Datenbank erstellt. Ordner für Ordner wurde von den Projektmitarbeiterinnen gesichtet, Dokument für Dokument schriftlich mit den wichtigsten Angaben festgehalten und in Erfassungsmasken eingegeben.

Die Gesamtzahl der Dokumente kann nur geschätzt werden. Da jedoch alle Ordner prall gefüllt sind, ist von 15.000 bis 30.000 Einzelschriftstücken auszugehen. Es handelt sich dabei um Schriftverkehr der Bundesgeschäftsstelle, Zusammenstellungen von Zeitungsartikeln der internationalen Presse, Diskussionsbeiträge, Flugblätter, Programme der unterschiedlichsten Organisationen und vieles mehr. Alle diese Einzeldokumente sind zwischen 1947 und 1977 in der Bundesgeschäftsstelle der VVN gesammelt, jedoch offensichtlich nie katalogisiert worden, sodass die gezielte Suche nach einzelnen Schriftstücken oder die Recherche zu bestimmten Themen einer Sisyphusarbeit gleichkommt.

Das Archiv der VVN-BdA enthält sämtliche Ausgaben von »Der (antifaschistische) Widerstandskämpfer« von 1968 bis 1987, der internationalen Zeitschrift für Widerstandskämpfer, herausgegeben von der Zentralleitung des Komitees der antifaschistischen Widerstandskämpfe der DDR. Die Zeitschrift gibt einen guten Überblick über die Aufklärungs- und Gedenkarbeit in der DDR über die Verbrechen und Verfolgungen während der Zeit des »Dritten Reichs«. Ebenso enthält das Archiv die gebundenen Ausgaben der Wochezeitung »Die Tat (deutsch unabhängig antifaschistisch demokratisch)« von 1953 bis 1967, die in Frankfurt/Main erschien, herausgegeben von der deutschen Widerstandsbewegung, das Organ der Opfer des Naziregimes und ihrer Hinterbliebenen. Während »Der antifaschistische Widerstandskämpfer« mehr ein nationales Verbandsorgan ist, ist »Die Tat« eine politische Wochenzeitung mit allen Themen einer Zeitung mit dem Schwerpunkt Mahnung und Aufruf zur Aufarbeitung der Nazi-Zeit.

Weiterhin findet sich im Archiv umfangreiches Material in Schrift und Bild über die FIR (Fédération Internationale des Resistants).

Das Aktenmaterial dokumentiert schwerpunktmäßig die folgenden Ereignisse:

– die regelmäßig durchgeführten Bundeskongresse der VVN,

– das gescheiterte Verbotsverfahren der Bundesregierung gegen die VVN,

– den Prozess gegen den ehemaligen Bundesminister für Vertriebenenfragen Theodor Oberländer.

Zu den Bundeskongressen finden sich Listen mit Delegierten, Ansprachen, Anträge und Protokolle über die Beschlussfassungen. Besonders ist hier der BK von 1971 in Oberhausen zu erwähnen, auf dem die Öffnung der VVN und ihre Erweiterung zur VVN-BdA beschlossen wurde.

Der zweite große Teilbestand beinhaltet Dokumente zum Versuch der Bundesregierung Anfang der 60er Jahre, die VVN als verfassungsfeindlich verbieten zu lassen. Der Prozess scheiterte schon zu Beginn aufgrund der NS-Verstrickungen des vorsitzenden Richters. Im Bestand findet sich Schriftverkehr der beteiligten Anwaltskanzleien, Protestbriefe einer internationalen Solidaritätskampagne mit der VVN, Schriftsätze zu den Standpunkten der Bundesregierung sowie eine Sammlung der weltweiten Pressereaktionen.

Schließlich ist noch die VVN-Kampagne gegen Theodor Oberländer zu erwähnen, Minister im Kabinett Adenauer und durch seine Nazi-Vergangenheit schwer belastet. Während ihm in der DDR ein juristisch fragwürdiger Prozess gemacht wurde und er in Abwesenheit zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde, erreichte die Kampagne im Westen zumindest, dass Oberländer sein Amt aufgeben musste.

Neben dem allgemeinen Schriftverkehr des Bundesbüros sind dies die historisch interessantesten Dokumente, die nun der Forschung zugänglich gemacht werden sollen. Nach der Erfassung und Neuordnung steht eine Datenbank in elektronischer Form zur Verfügung, die das schnelle Auffinden einzelner Dokumente anhand verschiedener Kriterien ermöglichen soll. Dieser zeitgeschichtliche Schatz wartet darauf gehoben zu werden.

Toleranz im Schwimmbad

geschrieben von Irene Runge

5. September 2013

Oder: was ein Burkini offenbart

März-April 2009

Nicht nur ein deutsches Problem. Bereits am 25. 2.2008 meldete die Süddeutsche Zeitung:

Das „Hansebad“ im niederländischen Zwolle verweigert muslimischen Frauen im sogenannten Burkini den Zutritt zu normalen Öffnungszeiten. Der Direktor des Schwimmbades wies darauf hin, dass es auf Wunsch einzelner Gruppen gesonderte Öffnungszeiten gebe – etwa für Menschen mit Migrationshintergrund, Übergewichtige, Parkinson-Kranke oder Nacktschwimmer. Die abge- wiesene Muslimin solle wie andere von diesen Sonderschwimmzeiten Gebrauch machen und eine Öffnungszeit für muslimische Frauen anfragen.

Auf eigenwillige Weise kleidsam verkleidend und fürs sportliche Schwimmen offenbar geeignet, ein solches Gewand nennt sich Burkini. Diese unerhörte Erfindung, die streng religiösen muslimischen Frauen das fast Unmögliche, nämlich das Baden in öffentlichen Schwimmanstalten ermöglichen soll, dieses Burkini also, ein Wortgebilde aus Burka und Bikini, könnte zum Sprungbrett werden. Eine junge muslimische Designerin aus Berlin hat es kreiert, und sie hätte vermutlich keine Absatzsorgen, würden die Männer der Bäderbetriebe allen Badewilligen ungeachtet ihrer Gewandung demokratisch das Schwimmrecht zubilligen.

Ein wenig erinnert die Robe aus wassergeeignetem Material an die fesch verhüllende Badekleidung der vorletzten Jahrhundertwende, durch Stummfilme, alte Fotos und romantisches Kino in der Erinnerung geblieben. Damals nutzten Frauen genierlich und kokett auch die ihnen zugewiesenen Badestege, manchmal führte der Schritt ins erfrischende Nass zusätzlich durch ein abgrenzendes Zelt. Aber selbst diese reich bebilderte Vergangenheit kann heutiger Leute Vorurteil nicht unbedingt schwächen. Ginge es nach ihnen, wäre verboten, was in Berlin der badebehördlichen Erlaubnis harrt, nämlich das Schwimmen der gesetzestreu verhüllten Frauen in öffentlichen Becken.

Im Fernsehen sahen sie zunächst komisch aus, als sie derart bekleidet ins Wasser stiegen. Aber warum sprachen spärlich bekleidete andere Frauen, noch wassertriefend, in das Mikrofon des Berliner Fernsehens von Irritation, Entsetzen, Empörung und Beschämung? Das ungewöhnliche Outfit der Geschlechtsgenossinnen schien ihnen Angst zu machen. Ich hingegen sah eher Eleganz und neidete den Verhüllten ihre Geschmeidigkeit, mit der sie vom Brett sprangen, die Schnelligkeit, mit der sie das Becken durchquerten, und die Herzlichkeit, mit der sie in ihren dichten bunten Gewändern miteinander plauderten.

Die Aufregung ist mir nicht nachvollziehbar. In Israel nahm mich eine Frau an den Badestrand der Religiösen mit. Natürlich an den für Frauen, der durch einen blickdichten, bis ins Meer hinein reichenden Zaun vom Männerstrand getrennt ist. Trotz unerträglicher Hitze und obgleich sie unter sich waren, trugen die Frauen mantelartige Überhänge und Kopfverhüllungen. Ich ging nicht ins Wasser, mein Bikini, so schien mir, könnte die Gefühle anderer verletzen. Nein, sagte meine Begleiterin, die nur mit den Füßen badete, ich wäre sichtbar keine von ihnen, daher würde meine befremdliche Badekleidung eher mit missbilligendem Schweigen toleriert werden.

So tolerant wird in Berlin nicht reagiert. Das Burkini, ob hell, dunkel, gestreift oder mit Blumendruck versehen, verärgerte nicht nur schwimmende Halbnackte, sondern emanzipierte religionsferne wie antireligiöse Frauen gleichermaßen. Sie alle trugen ihre moralischen, ästhetischen und ideologischen Einwände gegen solche Anblicke, auch hygienische Bedenken und geheuchelte Besorgnis vor, jene Kleidung könne das Schwimmen behindern, zudem würde eine solche Kleiderordnung den Frauen nur wegen ungezügelter Männertriebe aufgezwungen. Wobei die Meinung religiöser Frauen niemandem eine Erwähnung wert war.

Genaugenommen hat das wenig mit sich verhüllenden Frauen und mehr mit Vorurteilen zu tun. Genaugenommen schüren Ängste und Unsicherheiten gegenüber dem Islam, nicht selten als radikaler Islamismus verkannt, den Wunsch nach Ausgrenzungen. Warum gerade verhüllte Frauen die platten Vorurteile anheizen, weiß ich nicht. Diese irrationalen Klischees werden hoffentlich irgendwann an unserer Lebensvielfalt zerschellen.

Der Bundesverfassungsschutz scheint das Problem längst erkannt zu haben. Warum sonst würde er seit fast drei Jahren die Wanderausstellung »Die missbrauchte Religion – Islamisten in Deutschland« auf die Reise schicken, und darin die Vielfalt der Weltreligion Islam als mögliche Lebensweise und die Abkehr auf den schmalen finsteren Grat islamistischen Terrors in sechs Stationen anschaulich und ausführlich dokumentieren? Badende Frauen kommen hier nicht vor, aber die Aussage, dass 99 Prozent aller in Deutschland lebenden Muslime über den politischen Verdacht des Extremismus erhaben sind. Müsste eine solche Erkenntnis dem möglichen Badeverbot nicht von vornherein das Wasser abgraben?

»An die deutschen Hörer«

geschrieben von Peter Fisch

5. September 2013

Thomas Manns Rundfunk-Ansprachen von 1940 bis 1945

März-April 2009

» Ein deutscher Schriftsteller spricht zu euch, dessen Werk und Person von euren Machthabern verfemt sind und dessen Bücher, selbst wenn sie vom Deutschesten handeln, von Goethe zum Beispiel, nur noch zu fremden, freien Völkern in ihrer Sprache reden können, während sie euch stumm und unbekannt bleiben müssen. Mein Werk wird eines Tages zu euch zurückkehren…«

So begann die erste Ansprache des Emigranten Thomas Mann im Oktober 1940.

Der Krieg war bereits ein Jahr im Gange, als die British Broadcasting Corporation (BBC) den exponiertesten Vertreter des antifaschistischen Exils bat, sich mit Radioansprachen an die Deutschen zu wenden. Er sollte, wie er 1942 schrieb, »die Kriegsereignisse kommentieren und eine Einwirkung auf das deutsche Publikum im Sinne meiner oft geäußerten Überzeugungen versuchen…«

Insgesamt trat Thomas Mann zwischen 1940 und 1945 58mal im Deutschen Dienst des britischen Senders auf. Zunächst wurden die Reden nach London gekabelt, wo sie ein deutscher Sprecher der BBC verlas, später in den USA auf Schallplatten aufgenommen und per Telefon nach London abgespielt. Diese Ansprachen, immer jeweils von ca.acht Minuten Dauer, sind wohl die entschiedensten und kompromisslosesten Äußerungen, die er Zeit seines Lebens zu Fragen des Zeitgeschehens geschrieben und gesprochen hat. Wer sich heute den vorliegenden Texten oder dem Tondokument zuwendet, wird sich der bedeutenden literarisch-publizistischen Leistung, aber auch der intellektuellen und zugleich emotionalen Wirkung nicht entziehen können. Nicht gedacht als essayistische Bemühung über das aktuelle Kriegsgeschehen, wollte Thomas Mann die Deutschen wachrütteln und ihnen Mut zusprechen.

Sein Engagement gegen das faschistische Deutschland resultierte nicht nur aus der Sorge um den Kriegsausgang, sondern auch aus Sorge um sein Werk.Er wusste: Dieser Krieg ist eine »Entscheidungsschlacht der Menschheit, und alles entscheidet sich darin, auch das Schicksal meines Lebenswerkes.« Er könne für lange Zeit nicht nach Deutschland zurückkehren, »wenn das elende Gesindel siegt…« So wichtig ihm die Sorge um sein Oeuvre war, die Radioansprachen wurden dennoch primär von politisch-moralischen Motiven getragen. Nicht zuletzt war es das »Leiden an Deutschland«, an »all dem, was es nach dem Willen verbrecherischer Gewaltmenschen…der Welt angetan hat«, das ihn zum Sprechen anregte.

In der Rede vom März 1941 charakterisierte Thomas Mann seine Ansprachen explizit als Dienst an den Deutschen, als Hilfe für ein gedemütigtes und verführtes Volk, das sich zugleich immer mehr mitschuldig macht. Die Deutschen zum Sturz des Faschismus zu bewegen – darin bestand das eigentliche Ziel der Rundfunkreden. Ihre Inhalte konnte Thomas Mann frei bestimmen.

Welches Bild zeichnet er von Deutschland und den Deutschen? Danach zu fragen, erscheint wichtig, weil die Antwort Aussagen zur Position des Repräsentanten der antifaschistischen Emigration über die spezifische historische Verantwortung ihres Landes und Volkes vermittelte, die nach wie vor aktuell sind. Eine grundlegende Prämisse Thomas Manns war, dass er strikt zwischen den Interessen des deutschen Volkes und denen der faschistischen Machthaber unterschied. Geradezu leitmotivisch durchzog diese Auffassung seine Reden: Die Verführung der Deutschen sei das Werk des Faschismus und seiner Repräsentanten, und nur so wären die furchtbaren Verbrechen möglich gewesen. Dabei war für ihn die Abkehr eines großen Teils der Deutschen von den humanistischen Idealen rational nur schwer fassbar.

Er appellierte daran, Mut zum Widerstand zu entwickeln. In seiner Rede vom 25.5.1942 forderte er die Deutschen zur Reue, Sühne und Selbstreinigung auf – als Bedingung für den Neuanfang. Letzterer sollte sich nicht »auf die Ausbrennung der Nazipest beschränken…,sondern die ganze Menschenschicht treffen, deren Macht -und Habgier sich des Nazitums als Instrument bediente…« Seine Parteinahme für die Staaten und Armeen der Antihitlerkoalition wurde immer deutlicher, zumal auch seine Kinder Klaus, Golo und Erika als Angehörige der US-Streitkräfte bewusst antifaschistisch handelten. Dieser Logik folgend, rechtfertigte er alle militärischen Handlungen, die der Niederwerfung des Faschismus dienten, so auch den Bombenkrieg. Schon im April 1942, nach der Bombardierung Lübecks, bekannte er: »Das geht mich an, es ist meine Vaterstadt…Aber ich denke an Coventry – und habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, dass alles bezahlt werden muss.«

Nach Kriegsende musste er erkennen, dass die Mehrheit der Deutschen sich nur in ihrer Opferrolle gefiel, keinen Blick auf das Leid anderer Völker warf und die Frage der Mitschuld an Krieg und Faschismus ignorierte. »Es ist kein großes Volk«, stellte er verbittert fest.

In seiner Ansprache vom 10.Mai 1945, angesichts der faschistischen Kapitulation, resümierte er:

Das deutsche Volk habe es nicht vermocht, sich selbst zu befreien, dennoch, »…die Stunde ist groß – nicht nur für die Siegerwelt, auch für Deutschland -, die Stunde, wo der Drache zur Strecke gebracht ist, das wüste und krankhafte Ungeheuer…«, Unabdingbar wird es sein, so fortsetzend, die militärische Zerschlagung des Faschismus als Befreiung und historische Leistung anzuerkennen, als Chance für die Deutschen zur, »Rückkehr zur Menschlichkeit« durch die »innere Abkehr« vom nazistischen Ungeist in seiner Gesamtheit.

Endstation Riga

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Wie das Münsterland mit Hilfe der Reichsbahn »judenrein«
wurde

März-April 2009

Determann/Ester/Spieker: Die Deportationen aus dem Münsterland. Katalog zur Ausstellung im Gepäcktunnel des Hauptbahnhofs von Münster vom 18. Mai bis 15. Juni 2008. Münster 2008, 15. Bezug: Geschichtsort Villa ten Hompel, 48145 Münster, Kaiser-Wilhelm-Ring 28, E-Mail: tenhompel@stadt-münster.de

»In den Tod geschickt«

Bis zum 26. April 2009 ist eine Ausstellung mit diesem Titel in der Hamburger Kunsthalle ((Klosterwall19, Dienstag bis Sonntag 11-18,00 Uhr) zu sehen.

Die am 15. Februar eröffnete Ausstellung erinnert an die mindestens 7.962 Juden und Sinti und Roma, die von den Hamburger Behörden vom Hannoverschen Bahnhof aus mit 20 Transportzügen in die Ghettos und Vernichtungslager deportiert wurden. Bis 2017 soll auf diesem Gelände eine Gedenkstätte entstehen.

Was mag im Kopf des Dorfpolizisten von Heek im münsterländischen Ahaus vorgegangen sein, als er am 10. Dezember 1941 diese »Quittung« verfasste: »Die Juden 1. Siegmund Israel Gottschalk, 2. Rosalie Sarah Gottschalk, geb. Salomonson, erhalten zu haben bescheinigt…«?

Was mag im Kopf jenes Lokomotivführers der Deutschen Reichsbahn vorgegangen sein, der am 13. Dezember 1941 auf dem Bahnhof von Bielefeld so fröhlich lächelnd aus dem kleinen Fenster der Lokomotive 93 062 blickend abgelichtet wurde? Wusste er, dass in den anhängenden Waggons 1031 Menschen eingesperrt waren, die in den Tagen zuvor im Rahmen einer von der Gestapo und den staatlichen Dienststellen koordinierten Aktion zusammen getrieben worden waren? Dass er sie auf den Transport ohne Rückkehr brachte?

An diesem 13. Dezember fuhr der erste Transport mit Juden aus dem Münsterland nach Riga, wo sie am 16. Dezember ankamen und im dortigen Ghetto interniert wurden. Von diesem ersten Transport überlebten nur102 Jüdinnen und Juden. Am 31. Juli 1942 ging der nächste Transport auf die Reise mit Endziel Konzentrationslager Theresienstadt. Der letzte von insgesamt sechs dieser Todeszüge verließ Münster am 13. Februar 1945.

Die »Quittung« des Dorfpolizisten von Heek und das Bild des strahlenden Lokführers sind in einem Katalog enthalten, den der Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster gemeinsam mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit zu der im vergangenen Jahr gezeigten Ausstellung »Die Deportationen aus dem Münsterland« herausgegeben hat. Sie war als Ergänzung zu der von der Bundesbahn nach jahrzehntelangem Verdrängen der Mitwirkung der Reichsbahn am faschistischen Massenmord erst im Januar 2008 eröffneten Wanderausstellung »Sonderzüge in den Tod – Die Deportationen mit der Deutschen Reichsbahn« konzipiert und wurde mit ihr zusammen an einem Ort auf dem Bahngelände gezeigt, von dem aus sich die Todeszüge in Bewegung gesetzt hatten..

Auf einem überschaubaren Raum wird hier sichtbar, dass die Reichsbahn mit ihrem Transportaufkommen ein, wie der Historiker Raul Hilberg formulierte, »unerlässliches Element in der Vernichtungsmaschinerie« des Regimes war. Erkennbar wird, wie dieses System auf dem Boden eines tief verwurzelten Antisemitismus in dieser katholisch geprägten Region funktionierte. Und das nicht erst seit 1933. Im Katalog sind die Dokumente dazu nach zu lesen, sind die Bilder von den tief gedemütigten Juden zu sehen, die mit der ihnen gestatteten kärglichen Habe von der »Ordnungspolizei« in die Waggons getrieben werden. Ihr Eigentum war ihnen geraubt worden. Bis auf 50 RM – die hatten die Opfer für den Transport in die Todeslager selbst als Gebühr zu zahlen.

Zu sehen sind die Deportationslisten mit den Rubriken Alter und »arbeitsfähig«. Manfred Cohn war sieben, Paul Steinweg acht Jahre alt. Unter den laufenden Nummern von 247 bis 255 sind die Angehörigen der Familie Perlstein mit den Kindern Anni (neun Jahre) und Else (acht Jahre) erfasst. Manfred Frank war am Tag der Deportation nach Riga fünf Jahre alt. Die »Ordnungspolizei« hatte für das Gebiet des heutigen Landes Nordrhein-Westfalen ihren Sitz in der Villa ten Hompel. Von hier aus wurden auch die Polizeiformationen in Gang gesetzt, die in den Vernichtungslagern im Osten die »Endlösung« exekutierten. In diesem Haus trafen die wenigen zurückgekehrten Juden nach 1945 auf so manchen, der damals ihre Deportation verfügt und vollstreckt hatte: Nun war das Amt für Wiedergutmachung hier untergebracht worden. Diesem Kapitel ist in der Villa ten Hompel seit 2001 eine ständige Ausstellung gewidmet. In dem empfehlenswerten Katalog kommt es leider nicht vor.

Fragwürdige Lesart

geschrieben von Tanja Girod

5. September 2013

Hollywood verfilmt Bernhard Schlinks Roman »Der Vorleser«

März-April 2009

Der Vorleser (The Reader)

Drama – USA/Deutschland 2008

FSK: Freigegeben ab 12 Jahren – 124 Min. – Verleih: Senator

In meinem Schrank steht ein Buch von Bernhard Schlink. Kein Roman, sondern ein Lehrbuch; Staatsorganisationsrecht II. Dieses Buch ist ein außergewöhnliches intellektuelles Vergnügen, geschrieben von einem herausragenden Didaktiker. Professor Schlink war mein Lieblingsprofessor.

Im Jahr 1999 veröffentlichte er einen Roman, den er nach den Vorlesungen für die Mütter seiner Studentinnen signierte: »Der Vorleser«. Wenn dieser auch, vor allem in den USA, millionenfach verkauft wurde: Bernhard Schlink wird wohl als schreibender Rechtswissenschaftler in die Geschichte eingehen und nicht als juristisch gebildeter Dichter.

Dennoch: ein mutiger Schritt, sich als anerkannter Jurist von der Literaturkritik in Frage stellen zu lassen. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass der Autor sehr wohl wusste, was er tat. Denn in diesem ambivalenten Buch verdichtete Schlink seine Erfahrung als Nachkriegsjurist und »Alt-68er«. Der Roman erinnert an eine juristische Fallstudie und Kleist`sche Reportagetechniken. Plot und Figuren-ensemble erschienen mir geradezu kühn.

Erzählt wird von der sexuellen Initiation eines 15 jährigen Gymnasiasten durch eine Ex-KZ-Aufseherin. Sie begegnen sich in einer Straßenbahn. Die große Liebe und das Banale sind immer so nah. Zufällig treffen beide sich Jahre später im Gerichtssaal wieder. Er kann nicht zu ihr stehen und lässt zu, dass sie stellvertretend für raffiniertere Täter verurteilt wird. Am Ende ist sie tot, eine kulturell geläuterte Ex-Analphabetin, er für den Rest seines Lebens liebesunfähig, schuldig.

Im Buch liegt der Schwerpunkt auf dem männlichen Protagonisten und seinem Leiden. Schlink spielt das Drama einer ganzen Generation an einem besonders zugespitzten Fall durch. Diese Nachkriegsgeneration wird permanent geplagt von schlechtem Gewissen, einer Art kultureller Erbschuld. Hanna Schmitz, Geliebte und Täterin, erscheint als Deutsche, wie sie im Buche steht: Arisch, blond, etwas herb, pflichtbewusst, reinlich, verantwortungsbewusst und mit einem Hang zur Uniform. Das einzige, was ihr fehlt – und das unterscheidet sie von den anderen SS-Aufseherinnen – ist ein gewisses Maß an Dreistigkeit und Corpsgeist. Sie ist eine Außenseiterin. Deshalb kommen die anderen auch mit milderen Strafen davon.

In einer Kritik in der SZ wurde der Roman als kulturelle Pornographie diffamiert. Ich fand die Rückblenden und das Ressentiment eines »Alt-68ers« auf seine erste Beziehung im steifen Deutschland der 50er Jahre nicht so peinlich, dass die Bezeichnung »Naziporno« gerechtfertigt gewesen wäre. Anders der Film! Meiner Meinung nach wurde das Buch durch Filmemacher Daldry, den Drehbuchautor David Hare und durch die amerikanische Öffentlichkeit falsch rezipiert. Denn das Buch handelt von der Frage nach persönlicher Schuld und sexueller Verstrickung vor dem Hintergrund der deutschen Zeitgeschichte; Aufwachen und doch nicht Aufwachen wollen; Entgrenzung und doch gehemmt sein. Der Film dagegen handelt von Kate Winslet als bemitleidenswerter Täterin. Er bietet schönstes amerikanisches Ausstattungskino – die Farben, das Licht und das Set-Design entsprechen allen Erwartungen und bedienen jedes zitierfähige Klischee.

Oft ist in den USA der nackte Körper tabu, dafür wird die Darstellung äußerster Grausamkeiten toleriert. Hier wird plötzlich sehr viel nackte Haut gezeigt (ein Jurist würde sagen: geschlechtliche Beiwohnungen), dafür aber keine blutigen Naziverbrechen. In dieser Hinsicht wirkt der Film fast europäisch. Allerdings erscheint die sexuelle Initiation nicht so überzeugend, dass sie das Entstehen einer echten Neigung rechtfertigen würde. Und ist es legitim, den Zuschauer mit einer visuellen Projektion vom Sex mit der KZ-Aufseherin im Kopf nach Hause gehen zu lassen?

Die Bearbeitung von Daldry greift die Frage der Deutungshoheit auf. Jede bildliche Darstellung einer historischen Fiktion verändert unsere Rezeption der Zeitgeschichte. Wir haben andere, neue Bilder in unserem Kopf. Das eigentlich avantgardistische Moment des Films besteht darin, den Fokus nicht auf die Monster Eichmann, Goebbels oder von Schirach, also die üblichen hässlichen Deutschen zu richten, sondern auf eine »Mörderin«, die nur pflichtbewusst ist, sehr eigenwillig, Analphabetin und eine wunderschöne Frau. Sie entscheidet sich innerhalb ihrer Umstände nicht für den Persilschein wie die anderen pflichtbewussten Deutschen in dieser Zeit – sondern für Gefängnis, Freitod und die Rolle des Sündenbocks.

Der Film hat ein im Buch nicht enthaltenes, bitteres und sehr unversöhnliches Ende. Die Überlebende verweigert die Absolution und die persönliche Wiedergutmachung der KZ-Aufseherin. Hanna Schmitz hat sich umsonst im Gerichtssaal geopfert und sinnlos lebenslang gesessen.

Für mich war der Film eine Enttäuschung. Zu viel Mainstream, das Niveau der Romanvorlage wurde deutlich verfehlt. Die mediale Verwurstung von Nazistoffen, die Oskar-, Bären- oder sonstig preisverdächtig sind, hat mich bereits bei der Weißen Rose und dem Stauffenbergfilm der Scientologynase Tom Cruise geärgert. Don’t fraternize!

»Ein Leben für ein Leben«

geschrieben von Frank Horzetzky

5. September 2013

Ein verstörendes Meisterwerk über Folgen des Holocausts

März-April 2009

»Ein Leben für ein Leben«

»Adam Resurrected«, 2008

Regie: Paul Schrader, Drehbuch: Noah Stollmann. Deutschland, USA, Israel 2008, nach dem Roman »Adam Hundesohn« (1969, dt. Titel) von Yoram Kaniuk

Dr. Frank Horzetzky praktiziert als Facharzt für Psychotherapie und Psychosomatik in Berlin

Vorweg ohne Umschweife: Ein sehenswerter Film! Ausgangspunkt der Handlung ist eine abgeschiedene, in der Wüste gelegene, psychiatrische Klinik im Israel der fünfziger Jahre. Die Klinik wirkt ebenso wie ihre Insassen auf den ersten Blick verwirrend. Alle Regeln scheinen verloren, Tabus gebrochen, es gibt scheinbar keine Hemmungen mehr. Da ist die Frau mit dem Hitlergruß oder die in Unterwäsche, die generelle Distanzlosigkeit, der Verlust von Intimität oder die Liebesbeziehung zwischen Oberschwester und Patient. Doch schnell wird klar, dass diese Menschen etwas Besonderes verbindet. Die Klinikinsassen sind Holocaustüberlebende, entwurzelte, schwer traumatisierte Menschen aus Europa , denen es nicht gelungen ist, ihre Traumatisierungen zumindest soweit zu verarbeiten, dass sie wenigstens äußerlich angepasst in ihrem neuen Alltag in Israel funktionieren. Alle Insassen wirken verstört, in einer verrückten Weise im Trauma fixiert und in ihrem Leben stehen geblieben. Sie tragen etwas nicht zu bewältigend Schreckliches in sich, wirken kindlich, hilflos und dabei ganz menschlich und liebenswert. Ihre Verstörung wurzelt in der tiefen Erschütterung der Grundwerte des menschlichen Zusammenlebens und ihrer Existenz in dieser Welt. Sie alle ringen um ein Verstehen des Unfassbaren des Zivilisationsbruches, zu unglaublich, zu verrückt war das Ausmaß der sinnlosen Willkür. Voller Verzweiflung klagen sie Gott an, doch der antwortet nicht.

Erzählt wird mittels Rückblenden die Geschichte des ehemaligen Varietéstars Adam Stein (Jeff Goldblum), eines modernen Hiob. Seine Erinnerungen kommen, wie es für Traumata typisch ist, flashbackartig immer wieder über ihn und werfen ihn zurück in die Zeit in Deutschland und im Lager. Für den Lagerkommandanten Klein war Adam der »größte lebende deutsche Komiker«. Ein Clown, Magier, Zirkusveranstalter und Charmeur im Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre, ein Mann mit einer starken Ausstrahlung und einem übersinnliches Gespür für die tiefsten Sehnsüchte und Ängste der Menschen. Adam hatte Klein einmal das Leben gerettet und dieser – »Ein Leben für ein Leben« – revanchiert sich nun auf seine – sadistische – Weise: Er lässt Adam als seinen Hund leben.

Als ein kleiner Junge in der Klinik aufgenommen wird, der viele Jahre wie ein Hund gehalten worden war und sich immer noch als solcher gebärdet, kommt es zu einer seltsamen Begegnung mit Adam. Die Geschichte einer unerwarteten Heilung nimmt ihren Anfang. Den Filmemachern, die hervorragend agierenden Schauspieler eingeschlossen, gelingt es auf beeindruckende und subtile Weise zu zeigen, wie Traumatisierungen uns verändern, wie die Täter ein Teil der Opfer werden, den sie nicht mehr los werden können. Es gibt keine Rückkehr zum unbefangenen Zustand davor. Das Ringen zwischen Opfer und Täter geht in den Menschen weiter, noch lange nachdem alles schon vorbei ist und vergiftet ihr Leben. Die Opfer werden ein zweites Mal Opfer und drohen, in dem Kampf zu unterliegen.

Auf verstörende Weise zeigt der Film sowohl die Opfer- als auch die Täterperspektive immer wieder in ein und denselben Personen. Die unvermeidlichen Situationen der Retraumatisierung werden in den Beziehungen anschaulich. In seinem Verhältnis zu dem kleinen, verstörten Jungen wird Adam nicht nur in sein eigenes traumatisches Erleben rückversetzt, er wird unvermeidlich auch mit seinen eigenen introjizierten Täteranteilen konfrontiert und bekommt so einen Zugang zu dem Jungen und zu seinem eigenen Trauma. Beide können daran wachsen.

Neben dieser eigentlichen Geschichte enthält der Film noch eine eher latente Ebene, die Bezug nimmt auf die teilweise permanent traumatisierenden gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen die Menschen in Israel bis heute leben und in denen die unselige Opfer-Täter-Spirale fortgesetzt wird. Die Erschütterungen des Zivilisationsbruches wirken nach. Sie werden transgenerational übertragen. Am deutlichsten wird das, als Adam mit seinem Schwiegersohn am Grab seiner älteren Tochter steht, die den Holocaust überlebt hatte und bei der Geburt ihres ebenfalls toten Sohnes starb. Es ist schwer, darin keine Symbolik zu sehen, ebenso wie in der absurden abgeschiedenen Lage der Klinik, die ein Bild sein mag für die »Aussätzigkeit« der Holocaustüberlebenden, denen es nicht gelingen will, sich in die Alltagverhältnisse einzufinden. Sie erinnern an Leprakranke, die ausgesperrt werden weil die »normal Angepassten« sich bei Kontakt anzustecken fürchten; einerseits hinsichtlich einer fortgesetzten Opfer-Täter-Retraumatisierung, andererseits aber auch hinsichtlich der ständig von ihnen ausgehenden Mahnung, was Gewalt und Traumatisierung mit uns machen.

Der Film entlässt uns mit Bildern, die wir nicht mehr vergessen, die uns in unseren unbewussten Ängsten ansprechen, mit emotionalen Eindrücken die uns die Tränen in die Augen treten lassen. Durch seinen makaberen Humor macht er dem Zuschauer die unerträglichen Wahrheiten doch noch erträglich. Ein anrührender und verstörender, ein tief berührender Film. Ungeteilter Respekt den Filmemacher und Schauspielern.

Chronist des Völkermords

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Otto Pankoks Sinti- und Roma-Porträts wurden in Berlin gezeigt

März-April 2009

Die Berliner Saarländische Galerie Europäisches Kunstforum e. V. präsentierte Anfang des Jahres in Kooperation mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg eine Ausstellung mit Arbeiten von Otto Pankok. Der Katalog erschien unter dem Titel otto pankok: sinti – portraits 1931 bis 1945 – eva pankok und romani rose (hg.) im Dam und Lindlar Verlag. ISBN Nr. 978-3-9812268-3-6

Die Präsentation der künstlerischen Arbeiten von Otto Pankok zur Erinnerung an den Völkermord an den Sinti und Roma sollte eigentlich als Begleitprogramm zur Errichtung des Denkmals des israelischen Künstlers Dani Karawan, der den ersten Preis bei der Auslobung im Wettbewerb zu dem Mahnmal gewonnen hatte, laufen. Doch leider wurde dieses Mahnmal für die 500 000 Ermordeten immer noch nicht am vorgesehenen Ort in der Nähe des Bundestages aufgestellt, obwohl der Bundesrat am 20. Dezember 2007 einstimmig den Bau beschlossen hatte und am 22. Januar 2008 eine Einigung von Bundesregierung und dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma über die ideenreiche architektonisch-plastische Gestaltung des Environments erzielt wurde. Auch über die Inschrift der Widmung war man sich einig. Sie ist ein Zitat von Roman Herzog: »Der Völkermord an den Sinti und Roma ist aus dem gleichen Motiv des Rassenwahns und dem gleichen Vorsatz und dem gleichen Willen zur planmäßigen und endgültigen Vernichtung durchgeführt worden, wie an den Juden. Sie wurden im gesamten Einflussbereich der Nationalsozialisten systematisch und familienweise vom Kleinkind bis zum Greis ermordet«.

Otto Pankok (1893-1966) ist der einzige deutsche Künstler, der sein gesamtes Schaffen dem Volk der Sinti und Roma gewidmet hat. Romani Rose bezeichnet ihn als historischen Chronisten des Holocaust an seinem Volk. »Die von Otto Pankok geschaffenen Portraits bewahren die Erinnerung an unsere verfolgten und ermordeten Frauen, Männer und Kinder, denen der NS-Staat das bloße Recht zu existieren absprach.«

Überdies dokumentierte die Berliner Ausstellung Pankoks eigene Verfolgung in den Jahren der Nazidiktatur, als seine Kunst als »entartete« diffamiert wurde und seine Familie in größter Bedrängnis leben musste. Darüber gibt Eva Pankok, seine Tochter, in ihrem beeindruckenden Beitrag: »Mein Vater und die Sinti«, mit zahlreichen Fotografien aus dem Zusammenleben mit den Sinti und Roma in Heinefeld-Düsseldorf, Auskunft, Dort waren viele von ihnen seit 1936 KZ-ähnlich interniert.

Das Buch zur Ausstellung – es ist mehr als ein Katalog – enthält Aufsätze und Dokumente zu folgenden Themen: »Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma: ein Überblick« (Silvio Peritore und Frank Reuter); »Zur Kunstpolitik des Nationalsozialismus« (Martin Damus); »Zur Ikonografie der ›Zigeunerbilder‹ der Moderne« (Gerhard Baumgartner und Éva Kovác); »Otto Pankok und die Avantgarde der Zwanzigerjahre« (Rolf Jessewitsch).

Der Katalog gibt einen repräsentativen Ein- und Überblick des Werkes Otto Pankoks über sein künstlerisches Schaffen in Plastik und Kohlezeichnungen. Seine antifaschistische Überzeugung und sein Widerstand gegen den faschistischen Rassenwahn werden immer wieder deutlich in seinen Kinderportraits. Jedes ist mit dem Namen des Kindes benannt. Er erhält sie über den Tod hinaus für uns im Gedächtnis.

Am 29.12.1963 schrieb Heiner Müller an Otto Pankok: »Sie fanden die Schönheit des Menschen auf noch unausgetretenen Pfaden und sie gestalteten diese Würde des Menschen, der doch das Maß aller Dinge ist. … Wie gerne blicke ich doch Raklo und Ringela ins Gesicht. … Es ist ein traurig-schmerzliches Blatt, so als wüssten die beiden schon um ihr späteres Schicksal. Es ergreift mich tief.«

Otto Pankok lebte den Widerstand gegen Herabwürdigung und Ausgrenzung. Sehr früh hat er Leiden in seiner Kunst thematisiert, so in seinem Zyklus »Die Passion Jesu von Nazareth«. Es ist sein zentrales Werk ein Zeugnis gegen Gewalt, Willkür und Unmenschlichkeit. Sein durch die Friedensbewegung bekannt gewordenens Werk ist »Christus zerbricht das Gewehr«.

Der Dam und Lindlar Verlag und die Ausstellung in der Saarländischen Galerie am Festungsgraben füllen nicht nur die durch die Verzögerung der Errichtung des Denkmals von Dani Karawan entstandene politisch unverständliche Lücke, sondern bezeugen den großen Einsatz von Otto Pankok gegen den Rassenwahn. Der Verlag macht neugierig auf weitere eindrucksvolle Veröffentlichungen.

Großartiger Auftakt

geschrieben von Regina Girod

5. September 2013

Gala zur Eröffnung der neuen nonpd-Kampagne in Berlin

März-April 2009

Von der Gala gibt es einen Mitschnitt auf DVD, der zum Selbstkostenpreis von 5 EUR bei der Berliner VVN-BdA, Franz Mehring-Platz 1 in 10243 Berlin oder unter berlin@vvn-bda.org bestellt werden kann.

Die Einladung kam kurzfristig: Die Berliner VVN-BdA eröffnet in der »Wabe« ihre neue Kampagne für das Verbot der NPD. Eine Gala mit Künstlern und Politikern wurde annonciert mit bekannten Namen auf dem Programmzettel – echte Stars darunter. Ob die wirklich Toni Krahl gewonnen hatten? Und Daniela Dahn? Durch den Thälmann-Park strichen ein paar Glatzen, nicht ungewöhnlich in dieser Gegend. Eher schon die Polizisten vor der Tür, diesmal offensichtlich angerückt, die Veranstaltung zu schützen. Schon eine Viertelstunde vor Beginn ein rappelvoller Saal und dann ging es los: Hannes Zerbes Jazzorchester Prokopäz, Gina Pietsch, Regina Scheer, Karsten Troyke, die linke Bürgermeisterin aus Lichtenberg, Franziska Drohsel von den Jusos, Heidrun Hegewald, die Malerin, von eindrucksvoller Sprachgewalt. Ein Feuerwerk von Argumenten. Warum muss die NPD verboten werden? Warum bin ich dafür? Was macht die NPD aus unserem Land und was die Politik, die sie gewähren lässt? Berührend der Beitrag von Petra Rosenberg, Vorsitzende der Berliner Sinti und Roma. Und was für Musiker! Tatsächlich Toni Krahl von City, selbstironisch, deutlich älter und doch der Alte. Warum haben wir eigentlich nicht gewusst, dass seine Eltern England-Emigranten waren? Fast drei Stunden wechselnde Musik- und Textbeiträge, von Carsten Hübner klug und locker moderiert. Daniela Dahn war leider krank. Ihren Beitrag (siehe unten) trug Nicole Warmbold vor. Zum Schluss noch die Erklärung für das hochkarätige Programm:

Gina Pietsch, seit vielen Jahren eng mit uns verbunden, ist Mitglied der Berliner VVN geworden. Sie hat Freunde und Kolleginnen gewonnen, der Kampagne Stimme und Gesicht zu geben. Ein grandioser Abend, den man nicht so bald vergessen wird. Bravo!

Meine Gründe für das Verbot

geschrieben von Daniela Dahn

5. September 2013

März-April 2009

Liebe Freunde, ich bedaure, heute verhindert zu sein, denn das Thema ist wichtig und hat meine ganze Unterstützung. 5000 Gründe sind natürlich ein sehr ehrgeiziges Ziel, aber wenn wir aus 5000 Statements letztlich fünf unwiderlegbare Gründe herausfiltern können, so wäre schon viel geleistet. Ich erlaube mir, auf einige dieser Gründe hinzuweisen.

Wir wissen, wo soziale und kulturelle Armut herrscht, nimmt Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz und Gewaltbereitschaft dramatisch zu. Wo Kultur wegbricht, wird Platz frei für Gewalt. Also ist es in jedem Fall richtig, sich für Soziales, Bildung, Kultur einzusetzen.

Solange die NPD eine legale, in Parlamenten vertretene Partei ist, hat sie den grundgesetzlichen Auftrag, an der politischen Willensbildung des Volkes mitzuwirken. Solange das gesellschaftliche Ausgrenzen der NPD als Diskriminierung gilt, ist gerade in Deutschland etwas faul.

Diese Scheu vor Diskriminierung begründet auch den polizeilichen Schutz von Demos und Veranstaltungen. Und bietet der Polizei den Vorwand, antifaschistische Gruppen zu kriminalisieren und mit Gewalt gegen sie vorzugehen. Wie z.B. am 22.1.08 in Magdeburg, wo eine Antifa-Demo mit toxischem, gesundheitsschädigendem CS-Gas aufgelöst wurde.

Zivilcourage und die »Kultur des Hinschauens« wird unmöglich, wenn, wie in Mecklenburg geschehen, ein Stadtgärtner beobachtet, wie Rechte CDs mit nationalistischen Rockgruppen und Propagandatexten vor einer Schule verteilen. Beherzt kippte er den Tisch um, zertrat CDs und wurde zur Zahlung des Schadenersatzes verklagt.

Wichtig an einem Verbot ist die gesellschaftliche Ächtung, die praktische Folgen hat.

V-Leute dürfen also nicht in der Führungsspitze der NPD sein. Das ist keine unbillige Forderung. Ihr Nutzen in diesen Positionen ist bisher nicht bewiesen worden. Es kann nicht sein, dass das Haupthindernis beim Schutz der Verfassung der Verfassungsschutz ist.

Dem Argument, man brauche V-Leute in der NPD kann ich nicht folgen. Nazis haben ihre Absichten nie verschwiegen, sie verbreiten sie überall öffentlich, mehr als uns lieb ist. Sie verschweigen nicht, dass sie die Demokratie abschaffen wollen. Das ist ein Verstoß gegen das Ewigkeitsgebot des GG.

Dennoch die Binsenweisheit: Ein NPD-Verbot ist nur ein Schritt bei Auseinandersetzung mit Rechts.

Nach einem Verbot müsste der kulturelle, zivile Dialog mit Rechten, denen nicht abzusprechen ist, dass sie an der sozialen Ausgrenzung in diesem Land tatsächlich leiden, erst richtig beginnen. Geächtet werden sollen nicht ihre Fragen, im Gegenteil. Geächtet gehören die auf Gewalt und Rassismus setzenden Antworten.

»antifa«Ausgabe Sondernummer Feb. 2009

5. September 2013

Sondernummer Feb. 2009

Die Sondernummer der »antifa« zum Beginn der zweiten Phase der nonpd-Kampagne der VVN-BdA.

Ältere Nachrichten · Neuere Nachrichten