Lakonisch und präzise

geschrieben von Stefan Gmündner

5. September 2013

Ruth Klüger hat den zweiten Band ihrer Erinnerungen vorgelegt

Nov.-Dez. 2008

Der Beitrag ist ein Nachdruck aus »Der neue Mahnruf« Ausgabe Juli-August 2008, der vom Österreichischen KZ-Verband herausgegeben wird

Ruth Klüger:
Unterwegs verloren, Verlag Zsolnay 2008, 240 Seiten, 19,90 Euro

Ruth Klüger:
Weiter leben. Eine Jugend, München1997, DTV, 1997, broschiert, 283 Seiten

Als was hat man Ruth Klüger nicht schon alles bezeichnet: Als verbal schlagfertige Feministin; als gelernte Pessimistin und als eine, die sich Leben und Alltag durch ihre Unversöhnlichkeit nicht einfach mache – den anderen auch nicht. Immer wieder und vor allem aber ist sie »die Auschwitz-Überlebende«. Klüger dazu: »Es ist wirklich nicht ein Teil meiner Persönlichkeit, das ist etwas, was einem zugestoßen ist.« Die Persönlichkeit sei mehr als das erlebte Grauen. »Ich bin alles Mögliche. Ich bin vierfache Großmutter, und ich bin eine passionierte Krimileserin, und ich habe über das barocke Epigramm promoviert. Und ich bin eben auch eine gebürtige Wienerin.«

In Wien hat die 1931 geborene Ruth Klüger, wie sie in »unterwegs verloren«, dem zweiten, eben erschienenen Band ihrer Erinnerungen schreibt, »einmal dazugehört und gleichzeitig wurde mir und den Meinen auf unvorstellbar krasse und ordinäre Weise klargemacht, dass wir nicht dazugehörten«, und: »Ich werde bis ans Lebensende wiederkommen, vom Flughafen in Schwechat oder vom Westbahnhof, an dem Knoten herumzerren, bis es unter den Fingernägeln blutet, und ihn doch nicht lösen.«

Obwohl Ruth Klüger auf eine glänzende akademische Karriere als Literaturwissenschaftlerin zurückblickt, unter anderem als erste und einzige Ordinaria des Germanistischen Instituts der Princeton-Universität, und zahlreiche Aufsätze und Essays publizierte, bleibt sie für das breite Publikum die Autorin eines einzelnen Werks: »weiter leben«. In dem 1992 erschienenen, als Bericht und Reflexion angelegten Erinnerungsbuch, das den lakonischen Untertitel »eine Jugend« trägt, beschreibt sie nüchtern und frei von Pathos eine Kindheit im immer antisemitischer werdenden Wien und die Deportation als Zwölfjährige nach Theresienstadt und Auschwitz-Birkenau.

Sie schildert auch, wie sie durch die Hilfe einer Unbekannten der Selektion entkam und Zwangsarbeiterin im Lager Christianstadt wurde. Schließlich gelang ihr mit ihrer Mutter auf einem der »Todesmärsche« die Flucht. In München holte sie das -Abitur nach, inskribierte sich in Regensburg an der Hochschule und emigrierte 1947 in die USA, wo sie heute, unterbrochen durch Aufenthalte in ihrer Göttinger Wohnung, lebt.

»weiter leben«, das literarische Debüt einer 61-Jährigen, war ein Sensationserfolg. 250.000 Exemplare wurden von dem Buch verkauft. Zum Glück, denn selten wurde so präzise und schonungslos über das Erinnern und den Versuch des Bewältigens, über das Bewahren und Verdrängen des Erlebten und den kollektiven Umgang mit den Schrecken der Vergangenheit und ihren Opfern, Tätern und Zeugen geschrieben wie hier.

Die Sammelwut der »Shoa-Beflissenen« der Oral History, die Zeugen zu Rohmaterial macht, ist Ruth Klüger suspekt, die KZ-Gedenkstätten auch, denn »es liegt dieser Museumskultur ein tiefer Aberglaube zugrunde, nämlich dass die Gespenster gerade dort zu fassen seien, wo sie als Lebende aufhörten zu sein«. So ist »unterwegs verloren«, das zuletzt das Leben einer Alleinerziehenden in den 50er- und 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts schildert und auch Depressionen und Selbstmordgedanken nicht auslässt, keineswegs geworden. Geschildert wird dafür, wie mühsam Ruth Klüger, der ihre Muttersprache zur Sprache des Feindes, der Befehle und Beschimpfungen wurde, wieder einen Zugang zum von ihr geliebten Deutsch fand.

Ruth Klüger hat mit Gedichten ge- und überlebt. Es war auswendig gelernte Lyrik, die es ihr während der Appelle im KZ ermöglichte, in eine andere Welt zu entkommen. An dieser Bedeutung der Literatur für das Leben lässt sie in »weiter leben« keinen Zweifel: »So gut reden hab ich wie die anderen, Adorno vorweg, ich meine die Experten in Sachen Ethik, Literatur und Wirklichkeit, die fordern, man möge über, von und nach Auschwitz keine Gedichte schreiben, nicht gelernt. Die Forderung muss von solchen stammen, die die gebundene Sprache entbehren können, weil sie diese nie gebraucht, verwendet haben.«

Der Umgang mit den Gespenstern der Vergangenheit, den Verlorenen und Toten, die kommen und gehen, wie es ihnen gefällt, ewig gleich und doch in immer neuen Verkleidungen, ist ein zentrales Thema beider Bände der Autobiografie. Bannen lassen sich diese Gespenster nicht, doch »mit dem Älterwerden« weichen sie zurück, heißt es im ersten Satz von »unterwegs verloren«.

Der Abschied von ihnen bestand auch aus der späten Entfernung der eintätowierten KZ-Nummer in einer kalifornischen Laser-Klinik, mit der »unterwegs verloren« beginnt. Um die so schwierigen wie erfolgreichen Jahre in der »neuen« und die Wiederbegegnungen mit der »alten« Welt geht es in dem Band, um den mühsamen Einstieg in die akademische Karriere, die gescheiterte Ehe, die Entfremdung von den beiden Söhnen, den Tod der Mutter und die späte teilweise Rückkehr nach Europa und Wien.

Ruth Klügers Bücher kann man nicht entbehren, man sollte sie wieder und wieder lesen. »Was aber bleibet, stiften die Dichter«, hat der von Klüger geschätzte Hölderlin gesagt.

Ambivalente Erfahrungen

geschrieben von Ulla Plener

5. September 2013

Kinder von Widerstandskämpfern erzählen

Nov.-Dez. 2008

Eva Madelung, Joachim Scholtyseck:
Heldenkinder – Verräterkinder. Wenn die Eltern im Widerstand waren, Verlag C. H. Beck, München 2007, 308 S., 24,90 Euro

Dieses Buch enthält 15 Interviews mit Kindern von Menschen, die überwiegend aktiv, teils aber auch passiv (als Mitwisser) am Widerstand gegen das faschistische Naziregime in Deutschland beteiligt waren.

Die Auswahl der Interviewten widerspiegelt die in der heutigen Bundesrepublik übliche Konzentration auf den Widerstand aus bürgerlich-konservativen, militärischen, adligen und christlich motivierten Kreisen, vor allem im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944. Lediglich zwei Interviews wurden mit Kindern von Sozialdemokraten (den Töchtern von Julius Leber und Hermann Maaß) und ein einziges mit der Tochter eines Kommunisten (Friedrich August Schneiderheinze) geführt.

Die Autoren (Herausgeber) – eine Familientherapeutin und ein Historiker – verstehen die Interviews als Dokumente der Zeitgeschichte: Sie vermitteln zum einen »einen Überblick über die psychischen Zusammenhänge«, die in den betroffenen Familien vor und nach 1945 wirkten, dem Historiker bieten sie »unbekannte Erkenntnisse über den Hintergrund des Widerstands der Eltern gegen Hitler«. Und: Sie geben Auskunft über den Umgang mit dem Thema Widerstand gegen das NS-Regime im gespaltenen Deutschland der Nachkriegszeit. Heldenkinder? Verräterkinder?.

Dazu Eva Madelung in der Einleitung: »Behörden (in der alten BRD – U.Pl.) erließen Bescheide, dass ›keine staatliche Unterstützung an Verräterfamilien‹ zu zahlen sei.« (S.18) – »In der DDR waren die Mitglieder des linken Widerstands, und unter ihnen besonders die Kommunisten, offiziell besonders anerkannte Persönlichkeiten. Sie erhielten vom Staat eine Reihe von Vergünstigungen wie zusätzliche Lebensmittelkarten, vorrangig Wohnraum, besondere Bildungsmöglichkeiten für die Kinder u. a.« Wibke Bruhns, Tochter des als Mitwisser hingerichteten großbürgerlichen Unternehmers Hans Georg Klamroth, ergänzt: Die Wiedergutmachung für ihre Mutter sei in der BRD erst 1957 nach einem Prozess geregelt worden: »Es war aber gar nicht viel Geld, das sie bekam, denn er war ja kein Berufsoffizier (!). Er war selbständig. Es drehte sich also nur um die Fortzahlung seines Gehalts als Offizier. Wobei die DDR sich ja wunderbar verhalten hat. Sie hat meiner Mutter eine OdF-Rente gezahlt, 220 Mark oder so. Die Rente wurde sogar noch gezahlt, als sie im Westen war. Sie hat sie also… über mehrere Jahre (bekommen). Da hat sich offenbar in den Köpfen der real existierenden Sozialisten der Junker mit dem Antifaschisten gestritten. Und der Antifaschist hat gesiegt. Deshalb sind wir auch nicht enteignet worden.«

Eva Madelung: »In der westdeutschen Presse wurde das Verdienst der Männer des 20. Juli herabgesetzt und der linke Widerstand nicht anerkannt. Dagegen verleugnete die ostdeutsche Presse den militärischen und liberalen Widerstand.« Aufgrund der geistigen Gesamtsituation in der alten BRD hätten die Angehörigen der Männer des 20. Juli »lange Jahre über diese Tatsache geschwiegen«. Anhand eines einzigen Interviews, dem mit Petra Schneiderheinz, wird die Tatsache des »Schweigens« auch für den Osten festgestellt, was im konkreten Fall aber eher individuell bedingt war.

Auffallend ist: Kein einziges Interview wurde mit einem westdeutschen Kind eines von den Nazis verfolgten Kommunisten geführt. Warum nicht? Die Antwort kann wohl nur lauten: Weil der in Nazi-Deutschland betriebene Antikommunismus in der Bundesrepublik ungebrochen als Staatsdoktrin praktiziert wurde – und bis heute wird. Als Beispiel hier die Geschichte von Kurt Baumgarte (1912-2007) aus Hannover: 1935 von den Nazis als Mitglied der KPD verhaftet, 1936 vom »Volksgerichtshof« zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt und bis 1945 in Isolationshaft im Zuchthaus Waldheim gehalten, wurde er 1965 erneut verhaftet und 1966 zu einem Jahr und zehn Monaten Gefängnis sowie drei Jahren Aberkennung bürgerlicher Ehrenrechte verurteilt. Nach in der BRD geltender Rechtsprechung stand ihm als »Wiederholungstäter« (Tätigkeit für die KPD) auch 1991 die 1957 entzogene OdF-Rente nicht zu. Begründung: »… Ein Anspruch auf Entschädigung nach dem BEG (Bundesentschädigungsgesetz) steht ihm … nicht zu. Herr Baumgarte wurde sofort nach 1945 wieder Funktionär der KPD«. Was hätten seine in Hannover lebenden Kinder geantwortet, wären auch sie, wie die anderen Interviewten, nach ihrer Erfahrung, ihren Empfindungen und Gedanken, nach der Situation ihrer Familie und ihren Lebenswegen befragt worden? Vielleicht hätte auch die Beschäftigung mit der Vergangenheit von Familien wie dieser ein Lernprozess sein können, »in dem sich persönliche Erfahrung auf eine kollektive hin erweitert«, hin auf eine Gesundung der politischen Kultur in diesem Lande?

In der DDR hatte seinerzeit »der Antifaschist über den Junker« gesiegt. Sollte nicht in der heutigen Bundesrepublik der kommunistische Widerständler über den Antikommunisten siegen und endlich auch er als Widerständler gegen das Nazi-Regime staatlich anerkannt werden? Noch im Mai 2008 fanden die von der Linksfraktion diesbezüglich eingebrachten Anträge keine Mehrheit im Bundestag.

Wunsch nach Frieden

geschrieben von Markus Bernhardt

5. September 2013

Gesprächsband zu Positionen der baskischen
Unabhängigkeitsbewegung

Nov.-Dez. 2008

Inaki Iriondo, Ramon Sola:
Das Baskenland – Wege zu einem gerechten Frieden. Ein Gespräch mit Arnaldo Otegi. Vorwort Heinrich Fink. Pahl Rugenstein-Verlag, 249 Seiten, broschiert, mit Glossar, 22,90 Euro

Nach wie vor setzen spanische Politik und Justiz in Sachen Freiheitsbestrebungen der baskischen Bevölkerung auf Repression. Erst im September verbot Spaniens Oberster Gerichtshof die Kommunistische Partei der Baskischen Länder (EHAK-PCTV) und die antifaschistische Traditionspartei Baskische Patriotische Aktion (EAE-ANV). Seitdem der Sozialdemokrat José Luis Rodríguez Zapatero im April diesen Jahres wieder zum spanischen Premierminister gewählt wurde, gehen Polizei und Justiz mit aller Härte gegen die baskische Volksbewegung vor und setzten auf staatliche Todesschwadrone, Folter von Inhaftierten und eine repressive Verbotspolitik gegen das gesamte Umfeld der linken baskischen Unabhängigkeitsbewegung.

Buchtipp

Joseba Sarrionandia, geb. 1958 in Iurreta, gilt im Baskenland als lebende Legende und gehört zu den schillerndsten Autoren weltweit. 1977 gründete er gemeinsam mit dem Schriftsteller Bernardo Atxaga und dem Musiker Ruper Ordorika die avantgardistische Zeitschrift POTT. Etwa zeitgleich trat Sarrionandia aus Empörung über die politische Kontinuität nach dem Ende der Franco-Diktatur der Untergrundorganisation ETA bei. 1980 wurde er verhaftet, schwer gefoltert und wegen zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Fünf Jahre später gelang ihm auf spektakuläre Weise die Flucht.

Joseba Sarrionandia:
»Der gefrorene Mann«, Roman, 460 Seiten, Blumenbar-Verlag 2007, 22 Euro

Mit den Hintergründen und der aktuellen politischen Positionierung der baskischen Volksbewegung befasst sich ein unlängst im Pahl-Rugenstein Verlag erschienenes Buch mit dem Titel »Das Baskenland – Wege zu einem gerechten Frieden«. Es gibt ein ausführliches Gespräch mit Arnaldo Otegi, dem Sprecher der seit 2003 im spanischen Staat verbotenen baskischen Partei Batasuna (Einheit) wieder. Otegi skizziert eine Bewegung, die schon während der Diktatur Francos für ein unabhängiges und sozialistisches Baskenland gekämpft hat. Die tiefen historischen und politischen Wurzeln des Konflikts sind ebenso Thema wie der Versuch, Perspektiven für eine Konfliktlösung zu entwickeln. Obwohl Otegi, der wohl zu den bekanntesten Opfern der Repressionspolitik des spanischen Staates zählt, im Juni 2007 nach dem gescheiterten zweiten Friedensprozess und dem Ende der Waffenruhe durch die ETA verhaftet wurde und sein Weg direkt vom Verhandlungstisch ins Gefängnis führte, formuliert er in dem nun erschienenen Buch den ungebrochenen Willen der baskischen Linken, eine demokratische Lösung für den politischen Konflikt zu suchen. Deutliche Kritik an der Verbotspolitik der spanischen Regierung übt indes der Vorsitzende der VVN-BdA, Heinrich Fink, in seinem Vorwort zum Buch. »Das Verbot der Partei Batasuna und die Verhaftung eines ihrer wichtigsten Sprecher, Arnaldo Otegi, steht in der Tradition, demokratische Grundrechte auszuhöhlen und Wege zu Dialog und Verhandlung, zu einer friedlichen Lösung zu verbauen«, schreibt Fink. Da mit diesem Verbot fast 20 Prozent der wahlberechtigter Baskinnen und Basken ihrer politischen Stimme beraubt worden seien, verschaffe das vorliegende Interview mit Arnaldo Otegi eben jener Stimme Gehör, die so vehement zum Schweigen gebracht werden soll. »Ihr zuzuhören sei all jenen ans Herz gelegt, die noch nicht müde geworden sind, die Wahrung demokratischer Grundrechte in der politischen Auseinandersetzung anzumahnen und zu verteidigen«, so der Antifaschist weiter. Dem ist nichts hinzuzufügen.

»Schuhhaus Pallas«

geschrieben von Dorothée Menzner

5. September 2013

Amelie Fried folgt den Spuren ihrer Familie in der Nazizeit

Nov.-Dez. 2008

Amelie Fried:
Schuhaus Pallas. Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte. C. Hanser. 187 Seiten, geb. 14,90 Euro

Vollständige Lesung auf 4 CDs. Der Hörverlag 19,95 Euro

Das Bändchen erschien im Frühjahr diesen Jahres. Es besticht weniger durch seinen literarischen Stil, als durch seinen Inhalt. Erzählt wird eine scheinbar alltägliche Geschichte. Die Autorin stößt im Alter von 46 Jahren eher zufällig darauf, dass sie assimilierte jüdische Vorfahren hat. Nun beschreibt sie, nicht ohne pädagogischen Impetus, ihre Schritte bei der Erkundung der Familiengeschichte, das Entsetzen darüber, dass die eigenen Leute von Verfolgung und Völkermord betroffen waren, die daraus resultierenden Deformationen und Probleme in den Beziehungen der Verwandtschaft. Schließlich das einsetzende Verstehen für Ursachen und Wirkungen des Geschehenen.

Im Ulm der Nachkriegsjahre, und somit auch in der Familie Fried, wurde über die Zeit des Faschismus geschwiegen. Exemplarisch, wie wohl in ganz (West-)Deutschland. Als Amelie Fried bei der Recherche ihre alte Tante danach fragt, kommt die – typische – Antwort » Ich möcht nimmer über damals reden« und auf die Frage warum sie denn früher nie geredet hätte: »Es hat mich keiner gefragt«.

Nichts wurde in der Familie davon berichtet, dass der Großvater als Jude geboren worden war, nichts darüber, dass sich seine arische Frau von ihm scheiden ließ um das Schuhhaus, die ökonomische Grundlage der Familie, erhalten zu können. Kein Wort wurde verloren über die Tatsache, dass der Rat, sich scheiden zu lassen von Amelies Vater stammte, niemand wollte sich an all die verrückt- naiv anmutenden Versuche, das Überleben zu organisieren, erinnern. Der Großvater überlebte – dank einiger Zufälle. Und während seine geschiedene Frau, mit der er nach dem Krieg wieder zusammen lebte, als sei nichts geschehen, unter der Last des Erlebten immer mehr verstummt, gibt er den jovialen Geschäftsmann der sein Geschäft wieder übernimmt. Als er zum Sportvereinsvorsitzenden berufen wird, nimmt er den Ruf an. Nur nicht an der Vergangenheit rühren, die doch so verletzte Menschen hinterlassen hat!

Auch die Enkel, Amelie und ihre Geschwister, registrieren die gespannte Atmosphäre in der Familie, können sie sich aber nicht erklären. Zu fragen trauen sie sich nicht. Selbst heute sind die Fragen der Autorin eher zaghaft und bemüht, den vertrauten Menschen nicht zu nahe zu treten. Und doch macht das Buch, von dem ich mir gut vorstellen kann, dass es von jungen Menschen angenommen wird, weil hier eine bekannte TV-Moderatorin ganz privat und persönlich berichtet, in mehrfacher Hinsicht nachdenklich.

Es unterstützt meine Überzeugung, dass das im Faschismus Erlebte, wenn es nicht aufgearbeitet wurde, nachfolgende Generationen bis heute beeinflusst, prägt und auch belastet. Und Aufarbeitung war – zumindest in Westdeutschland – nicht üblich. Man schaute nach vorn und wollte von der Vergangenheit nichts mehr wissen. Es ist ein großes Verdienst des Buches, dies so anschaulich beschrieben zu haben. Ebenso wie es dem Grauen ein ganz persönliches, menschliches und durchschnittliches Antlitz gibt. Damit wird das Unfassbare wenig-stens in Facetten fassbar. Gut auch, dass es einen Bogen zum Hier und Heute spannt. Denn schon bevor Amelie Fried ihre Familiengeschichte kannte, erhielt sie, genau wie ihr Großvater und auch ihr Vater, immer wieder antisemitische Schmähbriefe. Spätestens damit wird deutlich, wie nötig Aufklärung ist. Denn all das, was verschwiegen wird, wirkt im Dunkel weiter.

»Bürger« in Aktion

geschrieben von Jan Raabe

5. September 2013

Analyse aktueller Erscheinungen von Rechtspopulismus

Nov.-Dez. 2008

Alexander Häusler (Hrsg.):
Rechtspopulismus als Bürgerbewegung. Kampagnen gegen Islam und Moscheebau und kommunale Gegenstrategien, VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008, 292 Seiten. 24,90 Euro

Unter dem Titel »Rechtspopulisten als ›Bürgerbewegung‹« erschien jüngst ein von Alexander Häusler (Sozialwissenschaftler, Mitarbeiter der Arbeitsstelle Neonazismus der FH Düsseldorf) herausgegebener Sammelband, welcher laut Untertitel die »Kampagnen gegen Islam und Moscheebau und kommunale Gegenstrategien« analysiert.

Tatsächlich fokussiert der Band jedoch überwiegend die Inhalte, das Auftreten und die Entwicklung der extrem rechten Organisationen PRO Köln, PRO NRW, PRO Deutschland und deren lokale Strukturen und verortet ihre Tätigkeiten im politischen und gesellschaftlichen Raum.

Das Buch hebt sich von vielen anderen wissenschaftlichen Werken schon durch seine immense Aktualität hervor. Hier wurde ein brandaktuelles Thema fachkundig aufgearbeitet. Das Werk ist eine gelungene Mischung aus Analysen und Fakten, welche teils im journalistischen Stil dargeboten werden. Entstanden ist ein gut lesbares und sehr informatives Buch zu diesem bisher unbearbeiteten Thema, wobei es gelingt, auch inhaltlich eigene Akzente zu setzen.

Im ersten Kapitel stellt Karin Priester dar, dass es sich bei den diversen »PRO-Bewegungen« nicht um »Rechtsextremismus light« oder nur einen besonderen politischen Stil handelt. Sie benennt als eigene Merkmale z. B. die Inszenierung als »einfaches Volk«, das vermeintliche Vorgehen gegen »etablierte Bonzen« oder die Diffamierung der parlamentarischen Demokratie als Quasselbude. Alexander Häusler analysiert daraufhin das Agieren der diversen PRO-Gruppierungen als eine Modernisierungsstrategie der extremen Rechten.

Im zweiten Teil beleuchten Hans-Peter-Killguss, Jürgen Peters, Thomas Sager, Alexander Häusler und Jan Schedler die Entstehung und die Aktivitäten der diversen PRO-Gruppen. Ulli Jentsch beschreibt dies für Berlin und Brandenburg, Robert Andreasch für PRO München. Alle Beiträge sind detailreich und umfassend. Sie zeigen die Herkunft und Verankerung der PRO Strukturen und deren Inhalte aus der extremen Rechten. Deutlich werden sowohl organisatorische Schwächen, als auch die Rahmenbedingungen für punktuelle Erfolge.

Im dritten Kapitel beschreibt Häusler die Konzentration von PRO auf die Diffamierung des Islam als Wahlkampfstrategie und als Anknüpfungspunkt an breit vorhandene Ressentiments. Beachtung finden dabei auch andere populistische Parteien der extremen Rechten in Europa wie die FPÖ oder der Front National.

Die Versäumnisse bei der Entwicklung eines interkulturellen Miteinanders schildert Michael Kiefer. Dadurch wird die Verbundenheit der rechtspopulistischen Kampagnen mit der politischen und gesellschaftlichen Gesamtentwicklung in der BRD deutlich. Am Beispiel Duisburg stellt dies Rauf Ceylan dar, Kemal Bozay an der Auseinandersetzung um den Bau der Moschee in Köln-Ehrenfeld. Im Beitrag »Das halbierte Humanum – wie Ralph Giordano zum Ausländerfeind wurde« dechiffriert Micha Brumlik den Anti-Islamismus Giordanos und liefert schlüssige Erklärungen für dessen Entwicklung von einer moralischen Instanz zum »halbierten Humanisten«.

Wie mit den Rechtspopulisten von PRO umgegangen werden kann, wird im letzten Teil des Bandes beschrieben. Dabei wird die Notwendigkeit unterschiedlicher Strategien betont. Adelheid Schmidt und erneut Häusler unterziehen kommunale Handlungsstrategien einer kritischen Betrachtung, Susanna do Santos Herrmann referiert ihre Erfahrungen mit PRO Köln. Killguss, Schedler und Häusler beschreiben Handlungsmöglichkeiten für und mit Jugendlichen.

Nachdruck aus monitor Nr. 37, Rundbrief des antifaschistischen Pressearchivs und Bildungszentrums Berlin e. V. (apabiz)

www.apabiz.de

Der Sammelband hat seine Stärken vor allem in der Beschreibung der PRO-Organisationen und der Grundlagen des Anti-Islamismus in der Politik der sogenannten »Mitte«. Durchgängig werden genaue Analysen geliefert. Dass auch Altbekanntes zu finden ist – gerade bei den Gegenstrategien – verwundert nicht. Denn auch Bewährtes muss von Zeit zu Zeit neu vermittelt werden.

Dialog über Kontinente

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Vor 50 bzw. 40 Jahren starben Lion Feuchtwanger und Arnold Zweig

Nov.-Dez. 2008

Am 28. Januar 1958 hielt der Schriftsteller Arnold Zweig bei der Deutschen Akademie der Künste in Berlin die Gedenkrede auf seinen am 21. Dezember 1958 in den USA verstorbenen Kollegen Lion Feuchtwanger: »Er war der Freund, der seit 1920 in einem Kontakt mit unsereinem lebte und arbeitete, den man sonst unter Schriftstellern sehr schwer findet, denn wir beide waren aufeinander niemals neidisch, und wir beide waren miteinander stets so verbunden, dass unsere Ratschläge aufrichtig gemeint waren und für den anderen genauso sprachen, als wenn sie für uns selber hätten sprechen sollen (…) Wir waren in sehr vielen Dingen anderer Meinung, sehr lange, ich war beispielsweise im Lager der Zionisten zu Hause, er in gar keiner Weise, aber er war andererseits wieder im Lager der jüdischen Geschichte zu Hause und ich wieder nicht, und so ging zwischen uns hin und her eine dauernde Atmosphäre von freundschaftlichen Kontroversen…«.

Vor 50 Jahren, am 21. Dezember 1958, starb im kalifornischen Exil Lion Feuchtwanger, vor 40 Jahren, am 26. November 1968, in Berlin/DDR Arnold Zweig. Die jahrzehntelange Freundschaft, die beide verband, konnte unmittelbar persönlich nur in den in den Jahren der Weimarer Republik gepflegt werden. Beide hatten als Romanciers damals bereits beachtliche Bekanntheit erreicht – Feuchtwanger vor allem mit »Jud Süß« (1925) und »Erfolg« (1930), Zweig mit »Der Streit um den Sergeanten Grischa« (1927).

Feuchtwanger, 1884 in München geboren, und Zweig, 1887 in Glogau, stehen für eine Reihe von aus jüdischen Elternhäusern stammenden Intellektuellen und Künstlern, deren Jugendjahre durch Kaiserreich, Ersten Weltkrieg und Novemberrevolution geprägt wurden, die sich in Werk und Leben der Veränderung bestehender Verhältnisse verschrieben hatten und die schließlich ihr Leben vor den braunen Bücher- und Menschenverbrennern nur durch die Flucht aus ihrem Heimatland retten konnten. Auf schwierigen, vielfach verschlungenen Wegen brachte diese Flucht Feuchtwanger und Zweig nach 1933 nur noch einmal kurz in Südfrankreich zusammen, führte den einen dann bis zu seinem Lebensende in die USA, den anderen nach Palästina und von dort 1948 zurück auf deutschen Boden, in die entstehende DDR.

Ausführliche Briefwechsel jedoch, bereits in den frühen 20er-Jahren begonnen, wurden bis zu Feuchtwangers Tod über Kontinente hinweg geführt. Aus Anlass der beiden Todestage sei an eine verdienstvolle Edition dieser Korrespondenz erinnert, die in zwei Bänden vor nunmehr über zwei Jahrzehnten mit geringer Zeitversetzung in der DDR (1984 bei Aufbau) und der BRD (1986 im Fischer Taschenbuch Verlag) erschienen war: »Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Briefwechsel 1933 bis 1958«. Dokumente freundschaftlich-privaten, literarischen und politischen Austausches, die besser als manche wissenschaftliche Abhandlungen geeignet sind, von finsteren Zeiten zu berichten, von Hoffnungen und Enttäuschungen, Illusionen und Ernüchterungen, von Humanismus und Solidarität.

Romane von Lion Feuchtwanger – zumindest ein wichtiger Teil davon – sind heute auch bei großen Buchhandelsketten relativ zahlreich zu haben. Er ist, vor allem mit seinen historischen Stoffen, der »Erfolgsschriftsteller« geblieben, der er in Exil und Nachkriegszeit im angelsächsischen Sprachraum und in »realsozialistischen« Ländern war. Kalte-Kriegs-Boykotte in der Bundesrepublik der 50er- und 60er-Jahre sind längst Geschichte. Eine Ost-Kuriosität ähnlichen Ursprungs übrigens auch: Mit Einwilligung des Autors hieß die DDR-Ausgabe seines Benjamin-Franklin-Romans »Waffen für Amerika« seit 1949 »Die Füchse im Weinberg«.

Arnold Zweig, neben dem »Grischa«-Roman im Westen bis heute vor allem durch den in hebräischer Sprache im Exil und nach dem Krieg dann deutsch veröffentlichten Roman über einen Nazi-Henker, »Das Beil von Wandsbek«, bekannt (im Osten waren seine Werke zum Teil Schullektüre), wurde in der Bundesrepublik lange als DDR-»Staatsdichter« ignoriert.

Auch hier begann mit den 70er-Jahren langsam ein Wandel im Rezeptionsverhalten, nach 1990 richtete sich das editorische Augenmerk wiederum auf das »Jüdische« in Zweigs Werk und auf seine Beziehung zu Sigmund Freud (mit dem er ebenfalls bis zu dessen Tod 1938 korrespondierte). In Massenverkaufs-Regalen findet man Zweigs Werke heute leider kaum.

Schade ist, dass die Feuchtwanger-Zweig-Briefwechsel, die von Harold von Hofe herausgegeben und mit einem ausführlichen Anmerkungsapparat und einem nützlichen Personen- und Werksregister versehen waren, seit den 80er-Jahren nicht mehr neu veröffentlicht wurden. An den aktuellen Turbulenzen, mit denen der Aufbau Verlag kämpft, liegt es wohl kaum. Möglicherweise gibt es urheberrechtliche Schwierigkeiten. Die beiden Bände beeindrucken immer noch durch ihre Authentizität und bieten Stoff für aktuelle Diskussionen. Nicht zuletzt, wenn es um Antisemitismus geht, den neuerdings manche bevorzugt links orten wollen, um so immer unverfrorener Gleichsetzungen mit NS-Verbrechen zu betreiben.

Rockmusik als Einfallstor

geschrieben von Uwe Hiksch

5. September 2013

Rechte Bands befördern faschistische Ideologie

Nov.-Dez. 2008

Der Begriff Rechtsrock wird heute als Sammelbegriff für sehr verschiedene Musikrichtungen und -stile verwandt, deren verbindendes Element völkische, rassistische, nationalistische oder antisemitische Texte oder Bilder sind. Die Anfänge des heute europaweit verbreiteten Rechtsrocks gehen auf die 70er-Jahre in Großbritannien zurück. Damals wurde unter dem Einfluss der Nationalen Front versucht, die Skinheads zu politisieren. Dieses subproletarische Milieu sollte für die Kämpfe der extremen Rechten erschlossen werden. Anknüpfend an die sich immer weiter kommerzialisierende Punk-Musik, entstand eine eigene »weiße Musik«. Einer ihrer Hauptakteure war Ian Stuart Donaldson, Bandleader der 1977 zunächst als Punk-Band gegründeten Musikgruppe »Skrewdriver«, die sich der Skinhead-Bewegung zuwandte und diese maßgeblich prägte.

Über 1.000 Besucher wurden Ende Oktober in Mallentin bei einem Rechtsrock-Konzert gezählt. Gleichzeitig wurde in Bayern ein Rechtsrock-Konzert mit mehr als 100 Teilnehmern aufgelöst. Alltag in Deutschland. Musik ist für die rechte Szene zu einem wichtigen Werbefaktor und einem Einstiegstor für die Verbreitung von rechtem Gedankengut geworden. Rechte Musik ist heute schon lange keine Nischenmusik mehr. Rechtsrock hat sich zu einer eigenständigen Jugendkultur mit vielfältigen Anknüpfungspunkten an die Mainstreammusik entwickelt. Rechtsrock, auch als »RAC« (Rock Against Communism) bekannt, boomt. Der Wirtschaftsbereich Rechtsrock mit Dutzenden von Labels, Musikläden, Hunderten von Konzerten und florierenden Mailorders ist fest etabliert. In diesem Musikgenre werden Millionen Euro umgesetzt.

Rechtsrock ist heute nicht mehr nur die Musik der Skinhaeads mit ihren lauten aggressiven Beats und den brüllenden Stimmen. Heute haben sich in diesen Genre eine Reihe von Bands entwickelt, die ihr musikalisches Handwerk beherrschen. Bands wie Kraftschlag, Sturmwehr, Nordwind, Stahlgewitter oder Landser erreichen durchaus professionelle Qualität.

Als Stilrichtung ist der Hard-Rock weiterhin die dominierende Musikrichtung im Rechtsrock. Es gibt jedoch auch eine Reihe von Hatecore- oder Black-Metal-Bands. Die Musik der rechten Bands erinnert zum Teil an die traditionelle Rockmusik der frühen 80-er und 90-er Jahre. Ganz bewusst stellen sie sich als Erneuerer der Rockmusik dar, die nach deren Kommerzialisierung wieder authentische Musik anbieten. Ihre Texte reichen von offenen faschistischen und völkischen Aussagen bis zum Spiel mit Andeutungen. Nicht zuletzt hat das Verteilen der »Schulhof-CDs« durch NPD und freie Kameradschaften etlichen Bands zu größerer Bekanntheit unter Jüngeren verholfen. Bei diesem, im Jahre 2004 begonnenen Projekt, wurden CDs mit rechter Musik in Auflagen bis zu 50.000 Stück an Schulen verteilt.

Die Auflagenhöhe rechter CDs liegt heute zwischen einigen hundert und über 20.000. Durch die Möglichkeit, die Titel aus dem Internet herunterzuladen, hat sich rechte Rockmusik rapide verbreitet. Es gibt faktisch keine Titel und keine Band mehr, die nicht auf englischen oder US-amerikanischen Seiten zu finden sind. Selbst Stücke, die wegen antisemitischer oder rassistischer Inhalte in Deutschland verboten sind, lassen sich problemlos finden und herunter laden.

Rechtsrock ist heute auch ein Stück Mainstream. Auf Portalen wie »youtube« oder »last.fm« finden sich Bands wie »Deutsche Patrioten«, »die Lunikoff-Verschwörung«, »Division Germania«, »Noie Werte«, »Nordfront«, »Nordwind«, »Ragnaröck« oder »Sleipnir«. Viele Bands bestehen nur kurze Zeit oder werden immer wieder mit neuen Namen oder in veränderter Besetzung aktiv. Häufig umgehen sie damit staatliche Verbote. So ist »Lunikoff-Verschwörung« die neue Band von Michael Renger. Er war Sänger der als kriminelle Vereinigung verurteilten Band »Landser«.

Rechtsrock-Gruppen wie »Division Germania« glorifizieren in ihren Liedern den Zweiten Weltkrieg. »Nordfront« singt über »Autonome, Zecken und rote Ratten«. Gruppen wie »Hauptkampflinie«, »Sturmwehr« oder »Noie Werte« besingen Heldentum, Ehre, Treue und Nation. In den Texten dieser Bands werden Germanenkult und Elemente der völkisch-germanischen Mythologie glorifiziert. Es gibt inzwischen aber auch immer mehr Lieder, die gegen Kapitalismus und Globalisierung gerichtet sind. Zwischen 1990 und 2007 wurden mehr als 400 derartige Bands in Deutschland gegründet. Zusammen haben sie fast 1.400 CDs veröffentlicht. Anfang der 90er-Jahre vermarktete nur das Label Rock-O-Rama aus Köln rechte Musik. Heute konkurrieren über 50 Firmen, Vertriebe und Labels um den lukrativen Markt.

Skandalöser Unwille

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Dokumentiert in einer verkommenen Baustelle

Nov.-Dez. 2008

Neben den Orten faschistischer Vernichtungsstätten, Zitaten von Roman Herzog und Altbundeskanzler Helmut Schmidt soll dieser Vers aus demGedicht »Auschwitz« des italienischen Rom Santino Spinelli auf dem Mahnmal zu lesen sein:

»Eingefallenes Gesicht
erloschene Augen
kalte Lippen
Stille
ein zerrissenes Herz
ohne Atem
ohne Worte
keine Tränen«

Eine Baustelle am Simsonweg im Zentrum der deutschen Hauptstadt. Für den Berlinbesucher ist er der kürzeste der Weg, der durch eine gepflegte Grünanlage vom Brandenburger Tor zum Sitz des Bundestages im ehemaligen Reichstagsgebäude führt. Der Weg führt vorbei an einer ungewöhnlich verwahrlosten Baustelle. Sie passt so gar nicht in dieses Umfeld. Sie erweckt den Eindruck, als sei sie nach der Pleite des Bauherrn fluchtartig von den Bauarbeitern verlassen worden. Aufgeschüttetes Erdreich am Rande einer ausgehobenen Grube. Unkraut wuchert. Bretter liegen herum. Aufgestapelte Steine. Abfall zuhauf, von Passanten über die schlecht gesicherten Absperrgitter geworfen.

Ein Mahnmal in Gestalt eines Brunnens sollte hier entstehen. Vor nicht allzu langer Zeit war das noch auf einer großen Tafel zu lesen: »Hier entsteht das Nationale Holocaust Denkmal für die im nationalsozialistisch besetzten Europa ermordeten Sinti und Roma aufgrund der Zusagen des Berliner Senats, der Bundesregierung und des Deutschen Bundestages.« Dazu ein Zitat des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog aus dem Jahre 1997: »Der Völkermord an den Sinti und Roma ist aus dem gleichen Motiv des Rassenwahns und dem gleichen Vorsatz und dem gleichen Willen zur planmäßigen und endgültigen Vernichtung durchgeführt worden wie an den Juden. Sie wurden im gesamten Einflussbereich der Nationalsozialisten systematisch und famlienweise vom Kleinkind bis zum Greis ermordet.«

Unvollständige Skandalchronik:

Zwölf Jahre nach dem ersten Beschluss der Bundesregierung zum Bau eines Mahnmals hatte der Berliner Senat im Jahre 1994 das Gelände am Tiergarten bereit gestellt. Im Juli 2002 wurde im Gespräch zwischen dem Beauftragen der Bundesregierung und dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma Einverständnis über den Ort und den Denkmalsentwurf des israelischen Architekten Dani Karavan erzielt. Es folgten die einstimmigen Bestätigung des Denkmalbaus durch den Bundesrat am 20. Dezember 2007 und am 22. Januar 2008 eine weitere Einigung von Bundesregierung und Zentralrat Deutscher Sinti und Roma über die Gestaltung des Denkmals.

Die Tafel ist weg. Keine Spur von einem Mahnmal, über dessen begonnene Bauvorbereitungen und Grundsteinlegung »noch in diesem Jahr« -WeltOnline voreilig am 9. April 2008 berichtet hatte. Das Gerüst ist rechts im Bild noch zu sehen. Platz wäre also für eine Texttafel auf der entsprechend den Gegebenheiten des politischen Skandals zu lesen sein müsste: »Hier entsteht demnächst vielleicht das Nationale Holocaust Mahnmal für die im nationalsozialistischen Europa ermordeten 500.000 Sinti und Roma aufgrund des Beschlusses der Bundesregierung von 1982…« So lange warten die Sinti und Roma bereits auf die Einlösung der Zusage der Regierung. Im Dezember wird der Bundesrat wie in jedem Jahr in einer zur Routine verkommenen Sitzung der 500.000 ermordeten Sinti und Roma, darunter 21.000 Deutsche, anlässlich des am 16. Dezember 1942 unterzeichneten »Au-schwitz-Erlasses« durch den Reichsführer SS, Heinrich Himmler, gedenken. Der Erlass war Signal zur Deportation und »Endlösung der Zigeunerfrage« in den Gasöfen von Auschwitz.

Die Auseinandersetzung mit dem Antiziganismus und seinen historischen Wurzeln hatte der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Romani Rose, am diesjährigen Tag der Begegnung an diesem Ort als eine fundamentale Voraussetzung für die Überwindung von gesellschaftlicher Ausgrenzung und rassistischer Gewalt bezeichnet. Im Reichstag sind seine Worte nicht angekommen. Immer noch nicht.

»antifa«Ausgabe Sept.-Okt. 2008

5. September 2013

Sept.-Okt. 2008

»Die Erinnerung wirft mich zurück wie eine unsichtbare Faust. Ich erwache mit dem Stift in der Hand und zeichne. Da bin ich! Ich bin da!«

Zeichnung und Erklärung eines kurdischen Folterüberlebenden, der im Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin Aufnahme fand (siehe S. 25).

Nuria Quevedo, 1996, Aquarell auf Papier »Don Quijote«

»Ach sterbt nicht, ohne dass auch etwas anderes das Herz bricht als die bloße Melancholie.«

Aus Katalog Nuria Quevedo, Berlin, 1997

Editorial

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Sept.-Okt. 2008

Die Menschenrechte sind eines der Schwerpunktthemen dieser antifa. Das steht uns gut an – nicht zuletzt, weil sich am 10. Dezember 2008 die Verkündung der »Universal Declaration of Human Rights«, der Menschenrechtsdeklaration der Vereinten Nationen, zum 60. Mal jähren wird. Aber auch, weil diese Deklaration aus dem Jahr 1948 nicht zu denken war und ist ohne das damals soeben Vergangene. Ohne den deutschen Faschismus, der mit massenmörderischen Verbrechen und Krieg die Welt überzogen hatte.

Daran soll im Vorgriff auf den Jahrestag der UN-Erklärung erinnert werden. An den antifaschistischen Grundgehalt, der dieser Deklaration und der ganzen Menschenrechtsfrage innewohnt. Gerne wird das heute beim politischen und medialen Menschenrechtswirbel ignoriert, den wir in den letzten Monaten oft erleben konnten und der recht selektiv angetrommelt wurde und wird, wenn es gilt, die nach US- oder EU-Lesart »Guten« von den »Bösen« zu scheiden. Wir meinen nach wie vor, dass Grund- und Menschenrechte, ihr Schutz, ihre Verteidigung, ihr Ausbau viel zu tun haben mit antifaschistischer Politik hier und heute, mit den Lehren aus der Vergangenheit und einer besonderen Verantwortung, die wir in diesem Land haben. Dazu gehören ganz aktuell: das Asylrecht und der Umgang mit Flüchtlingen, die Diskriminierung von Menschen und Menschengruppen wegen ihrer Hautfarbe, Herkunft, sexuellen oder weltanschaulichen Orientierung nicht nur durch Neonazis. Und auch ein geschärfter Blick für Foltersysteme, nicht selten in Ecken dieser Welt, wo man sie eher nicht vermutet hätte. Vor allem aber der Umgang mit und die Betreuung von Folteropfern, die bei uns Zuflucht gefunden haben.

Mit all dem – mit Menschen-, Grund- und Freiheitsrechten, Illusionen, Fort- und Rückschritten – befasst sich auch unser »Spezial«: »1968«, um das sich in diesem Jubeljahr manch seltsamer Mythos rankt, wird von einem, der den Weg dorthin freischaufeln half, auf reale Resultate abgeklopft.

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