Wagnis Diktaturenvergleich

geschrieben von Peter Fisch

5. September 2013

Zu Horst Schneiders Buch »Hysterische Historiker«

Juli-Aug. 2008

Horst Schneider

Hysterische Historiker. Vom Sinn und Unsinn eines verordneten Geschichtsbildes, Verlag Wiljo Heinen, Paperback, 304 Seiten, 12,00 Euro

Prof. Dr. Horst Schneider geht mit dem Buch ein bewusstes, aber notwendiges Wagnis ein, wohl wissend, dass jeder historische Vergleich zwar gängiges Arbeitsprinzip im Sinne des Erkenntnisgewinns ist, aber dennoch seine Tücken und Grenzen hat. Sein methodisches Herangehen ist folgendes: Er benutzt für den Vergleich ausnahmslos strukturelle gesellschaftlich-soziale Kriterien. Verglichen werden das faschistische Dritte Reich mit der DDR und die Alt-BRD mit der DDR. Letzterer Vergleich dominiert allerdings eindeutig. Durchaus vorhandene Parallelen zwischen der BRD und dem Hitlerstaat werden zwar herausgearbeitet, aber die notwendige Differenzierung zwischen der faschistischen Diktatur und dem bürgerlich-parlamentarischen System der BRD bleibt unterbelichtet.

Dieser von Horst Schneider durchgeführte Makrovergleich ist legitim, bedingt aber auch Einschränkungen. Hohe Abstraktionen und historische Verkürzungen sind die Folge des weitgehenden Ausblendens der Entwicklungsprozesse der ver-glichenen Gesellschaftssysteme. So findet der Leser eine Reihe von Pauschalcharakterisierungen (historische Verkürzungen), die nicht dem aktuellen Forschungsstand entsprechen, auch nicht dem marxistischen.

Pauschale Wertungen finden sich z. B. bezüglich des 20. Juli 1944. Selbst eingedenk dessen, dass Offiziere wie Tresckow Kriegsverbrechen zu verantworten hatten und der Putschversuch erst zum Ende des Krieges stattfand, war er dennoch »eine mutige antifaschistische Tat« so die Wertung in der DDR (1984). Auch Schneiders Bemessung der Leistung der DDR-Literatur (Musik und Theater eingeschlossen) wird ihrer widersprüchlichen, oft dirigistisch beeinflussten Entwicklung durch die SED-Führung kaum gerecht. Als hätte es keine Brüche in der Kulturpolitik der DDR gegeben.

Anerkennung verdient, dass mit Schneiders Buch insgesamt eine logisch gegliederte, gut lesbare Streitschrift wider die Totalitarismus-Doktrinäre vorliegt. Wichtig deshalb, weil der Diktaturenvergleich die Hauptmethode des neudeutschen Geschichtsbildes darstellt, Er dominiert die öffentliche Meinung und die politische Argumentation der Herrschenden, einschließlich die Lehrpläne der Schulen, um nicht nur den untergegangenen Sozialismus in Osteuropa, sondern jegliche Bewegung, jedes Denken über den Kapitalismus hinaus in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verteufeln.

Selbstredend zielt das verordnete Geschichtsbild damit auf die Delegitimierung der DDR und die Legitimierung der »freiheitlich-demokratischen Grundordnung« als Endpunkt der Geschichte. Kurz: Die Totalitarismus-Doktrin ist das dominierende Deutungsmuster für die grundsätzlichen historisch-politischen Phänomene der deutschen und Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts und politisches Totschlagargument gegen die Linke und alle demokratischen und antiimperialistischen Kräfte und Potentiale. Integrierend gelingt dem Autor die durch vielfältiges Faktenmaterial und sinnfällige Wertung gestützte Beweisführung, dass eine Gleichsetzung von Faschismus und DDR-Sozialismus eine Absurdität ist. Der grundsätzlich marxistische Ansatz der Analyse, ausgehend von den Eigentums- und Machtverhältnissen (die von Totalitarismusdokrinären bewusst ausgeklammert werden), erweist sich als fruchtbringend.

Daran schließen sich folgende Vergleichskriterien der Staatssysteme an: Außenpolitik, Ideologie, Militär, Justiz, Geheimdienste, Kirche und Erinnerungspolitik. Völlig verzichtet wurde auf die Kriterien Kunst und Literatur, Alltags- und Mentalitätsgeschichte, Sympathiepotential und innere Gegenkräfte, Gesellschaftskrisen (Bewältigung oder latentes Fortbestehen), Entstehungs- und Untergangsbedingungen.

Die wissenschaftliche Wertlosigkeit der Totalitarismusdoktrin bedeutet aber nicht, dass es genügt, das jeweilige Fazit der einzelnen Kapitel mit dem Hinweis zu verbinden, dass auch hierin »die DDR auf der Siegesstraße« gewesen sei. Die DDR-Geschichte ist, trotz aller Leistungen und Erfolge, nicht nur eine ungetrübte Erfolgsbilanz. Ihr Untergang ist, bei allem Wirken der Konterrevolution, auch ihren Defiziten, Widersprüchen, Irr- und Abwegen geschuldet. Wo und wann begannen die? Welche Kurz- oder Langzeitwirkungen hatten sie?

Prof. Dr. Kurt Pätzold, aktiver Mitgestalter und Zeuge der Geschichte der DDR-Historiographie, bekannte in seiner kürzlich erschienenen Autobiographie, dass diese, bei allen Leistungen, mit dem Dirigismus in der Forschung und Publikationspolitik der SED-Führung leben musste. Die negativen Folgen waren beträchtlich.

Die notwendige, fortgesetzte Auseinandersetzung mit der Totalitarismusdoktrin verlangt unabdingbar, die DDR-Geschichte, wie auch die Geschichte der internationalen und deutschen kommunistischen Bewegung, tabulos und umfassend darzustellen- ohne in den Ruf abtrünniger Renegaten bzw. kapitalistischer Apologeten zu geraten. Das heißt, den Radikalverzicht auf Halb- und Unwahrheiten zu praktizieren, denn es gilt, jene inhaltlichen Felder zu besetzen, welche die Totalitarismusdoktrinäre jetzt innehaben.

Nazis in Nadelstreifen

geschrieben von Sebastian Friedrich

5. September 2013

Über den Strategiewechsel der NPD seit 1996

Juli-Aug. 2008

Andrea Röpke, Andreas Speit

Neonazis in Nadelstreifen. Die NPD auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft, Broschur, 208 Seiten, 21 Abbildungen, 16,90 Euro

Bis vor einigen Jahren hielt sich beharrlich das verzerrte Bild vom Neonazis als Skinhead in Bomberjacke, mit weißen Schnürsenkeln in den Springerstiefeln. Dieses Klischee war schon damals überholt, heute ist es das allemal. Auch gewaltbereite junge Neofaschisten entsprechen ihm heute kaum noch, vielmehr übernehmen speziell die sogenannten Autonomen Nationalisten Dresscodes von politisch eher linksorientierten Jugendlichen.

Was viele Nazis aber schon immer gemein haben ist, dass sie als solche nicht sofort zu erkennen sind. Ihre menschenverachtende Ideologie ist ihnen schlicht nicht anzusehen; sie tragen Arbeiterklamotten, Jeans-Hosen, Kapuzenpullis und Anzüge mit Nadelstreifen. Vor allem mit letzteren beschäftigen sich die Journalisten Andrea Röpke und Andreas Speit in ihrem neuen Band »Neonazis in Nadelstreifen Die NPD auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft«, der im März 2008 beim Christoph Links Verlag erschienen ist.

Auf über 200 Seiten setzen sich verschiedene Autorinnen und Autoren mit der NPD, ihrem Umfeld und besonders mit dem Strategiewechsel der gesamten rechten Szene auseinander. Ihr Hauptaugenmerk ist auf die NPD gerichtet, weil diese als neuer Hoffnungsträger für weite Teile des rechtsextremen Spektrums fungiert. Wie konnte das einer Partei gelingen, die sich jahrzehntelang am Rande der Auflösung befand und sich in ständigen Flügelkämpfen zu zerfleischen drohte?

Eine Hauptursache des Comebacks der ehemaligen Altherren-Partei, so die These der Autoren, ist der grundlegende Strategiewechsel der Partei seit 1996. In diesem Jahr wurde der ehemalige Bundeswehr-Hauptmann Udo Voigt zum Bundesparteivorsitzenden gewählt.

Er war es, der zwei Jahre später die 3-Säulen-Strategie formulierte (»Kampf um die Straße, um die Köpfe, um die Parlamente«) und sich für eine Öffnung zur Mitte der Gesellschaft und gleichzeitig für eine Zusammenarbeit mit klar neonazistischen, gewaltbereiten Gruppierungen einsetzte. So verbürgerlichte und radikalisierte sich die Partei in den letzten Jahren zunehmend, überholte die anderen rechtsextremen Parteien rechtsaußen, fuhr sensationelle Wahlergebnisse ein und professionalisierte sich zudem.

Ebenfalls vom Parteivorsitzenden Voigt stammt die Losung »Bürgernähe zeigen, vor Ort siegen«, sprich durch kommunale Verankerung bürgerliche Akzeptanz erfahren. Mittlerweile sitzt die NPD in rund 100 Kommunalparlamenten, insbesondere von dort aus gelingt es den Parteimitgliedern, Kontakte zu mittelständischen Unternehmern zu knüpfen. Wie diese und andere Finanzquellen der Partei aufgebaut oder erhalten bleiben, beschreibt Andrea Röpke in einem der Kapitel ausführlich. Auch inhaltlich veränderte sich die Strategie der NPD.

Zwar wird noch traditionell gegen Ausländer gehetzt, die Shoah relativiert und extrem im Freund-Feind-Schema gedacht, jedoch konzentrieren sich sowohl Partei als auch Szene stärker denn je auf die soziale Frage. Die biologisch-rassistisch aufgeladene Kapitalismuskritik fasst die Partei mit dem Dreiklang »national sozial radikal« oder dem Slogan »sozial geht nur national« zusammen.

Neben den angesprochenen Themen geht es in den anderen Kapiteln um die intellektuelle Aufrüstung der Partei, die enge Zusammenarbeit der NPD und der Kameradschaften in Bayern, die Rolle der Frauen in der rechten Szene, militärische Kindererziehungslager, die Verknüpfungen der Rechtsrock-Szene mit der Partei und schließlich wird dargestellt, welch wichtige Rolle Gewalt für Partei und Szene spielt. Hier zeigt sich deutlich das wahre Gesicht der NPD. Neben bieder wirkenden Führungsleuten tummeln sich in ihr unzählige verurteilte Gewalttäter oft auch in hohen Positionen.

Der hervorragend recherchierte Band reiht sich nahtlos in die Reihe der Standardwerke der letzten Jahre ein. Nach dem ebenfalls von Röpke und Speit herausgegebenen Band »Braune Kameradschaften« und dem kurz darauf folgenden Buch »Moderne Nazis« von Toralf Staud, präsentieren insbesondere die Beiträge der Herausgeber selbst den neuesten Stand und entlarven die Vorgehensweise der Rechtsextremen anhand eindringlicher aktueller Beispiele. Aber was ist seit dem Erscheinen von »Braune Kameradschaften« im Jahr 2005 alles in der Rechten Szene passiert?

Große Medien bemühen sich um eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus, viele Politiker beschränken sich auf regelmäßige Forderungen nach einem Verbot der NPD, ohne sich wirklich damit zu konfrontieren und sich auch nur im Geringsten um die nötigen Maßnahmen zu kümmern und die NPD feiert weiter Erfolge und erobert ganze Landstriche.

Auf einen erneuten Selbstzerfleischungsprozess, wie ihn die Partei nach der misslungenen Bundestagswahl 1969 jahrzehntelang durchlebt hat, darf man nicht hoffen. Solange regelmäßig Studien enorme Fremdenfeindlichkeit, antisemitische Ressentiments und Vorurteile verzeichnen, finden rechtsextreme Parteien und Organisationen einen Nährboden für ihre Ideologie. Hier muss der Kampf ansetzen.

Im verdeckten Kampf

geschrieben von Gerhard Hoffmann

5. September 2013

Der Geheimapparat der KPD ist nicht länger geheim

Juli-Aug. 2008

Siegfried Grundmann

Der Geheimapparat der KPD im Visier der Gestapo. Karl Dietz Verlag Berlin 2008. 496 S., geb., 29,90 Euro

Facettenreich ist die Geschichte der Kommunistischen Partei Deutschlands und es zeigt sich, dass sie immer eine lebendige Partei war, geprägt durch Menschen, deren Handeln aus der Überzeugung resultierte, der besten Sache zu dienen und einen gerechten Kampf zu führen. Insbesondere im antifaschistischen Widerstand bewiesen ihre Mitglieder die Fähigkeit, nahezu unglaubliche Kräfte mobilisieren zu können. Erbarmungslos und mit allen Mitteln wurden die Antifaschisten verfolgt und bekämpft. Noch unter diesem permanenten, sich ständig erhöhenden Druck, arbeiteten höchst geheime Strukturen der Partei. Den Geheimapparat der KPD hat Siegfried Grundmann erforscht. Das Ergebnis liegt in einem profunden, faktenreichen und beachtlich gründlich recherchiertem Buch über den »Geheimapparat der KPD im Visier der Gestapo« jetzt vor.

Auf dem 12. Parteitag der KPD, 1929, der dem VI. Weltkongress der Kommunistischen Internationale folgte, wurde als einer der bedeutsamsten Beschlüsse der zur Verteidigung der Sowjetunion gefasst. In Umsetzung dessen erhielt Hans Kippenberger den Auftrag, den Nachrichtendienst und die Zersetzungsabteilung der Partei zu reorganisieren. Eine einheitliche Abteilung Militärpolitik (AM) entstand. Darin hatte die Betriebsberichterstattung (BB-Ressort) eine Sonderstellung. Die Betriebsberichterstattung, deren Aufbau bereits 1927 begonnen worden war, richtete sich vorrangig auf relevante Betriebe und Forschungseinrichtungen. Sie hatte die Zielstellungen, Produktionsinformationen und -geheimnisse zu ermitteln und an die Sowjetunion weiterzugeben sowie die vielfältigen gewonnen Erkenntnisse für die politische Arbeit bereitzustellen. Die KPD arbeitete intensiv an der ständigen Qualifizierung der BB-Arbeit. Sie erschloss Quellen, die bedeutsames Material beschaffen konnten und in der Lage waren, deren Wert zu beurteilen. Die erfolgreichsten Mitarbeiter des BB-Ressorts waren hoch qualifiziert, viele hatten promoviert und waren anerkannte Fachleute.

Strikte Wahrung der Regeln konspirativer Arbeit und Geheimhaltung, die humanistische und antifaschistische Motivation sowie das hohe Bildungsniveau waren Voraussetzungen dafür, dass das BB-Ressort bis 1935 sicher arbeiten konnte. Dann jedoch hatte die gnadenlose, von Antikommunismus getriebene Verfolgungsjagd der Gestapo Erfolge. Es gelang, mit V-Leuten in die Konspiration einzudringen und das BB-Ressort zu zerschlagen. Die wohl größte Tragik bestand darin, dass viele aufrechte Kämpferinnen und Kämpfer von ehemaligen Genossen in die Fänge der Gestapo getrieben wurden. Sie hatten die ihnen entgegengebrachte Achtung und das in sie gesetzte Vertrauen missbraucht und waren zu Verrätern geworden.

Trotz komplizierter Quellenlage ist es dem Autor gelungen, umfangreiches Wissen nicht allein zu den Zusammenhängen und Mitarbeitern des BB-Ressorts zusammenzutragen. Er wandte sich auch den Methoden des Berliner Kommunismus-Referates der Gestapo und dessen V-Leuten zu, also den Tätern. Für den hohen Grad der Verbindlichkeit, Zuverlässigkeit und die moralische Integrität der Mitarbeiter des BB-Ressorts spricht, dass viele ihr Wissen nie preisgaben, nicht unter der Gestapo-Folter, nicht vor dem so genannten Volksgerichtshof, nicht während der »Säuberungen« in der Sowjetunion und auch später nicht, nach dem Krieg, den zu verhindern sie angetreten waren. Ein außerordentlich wertvolles Buch für alle, die nicht bereit sind, dem antikommunistischem und geschichtsrevisionistischem Zeitgeist zu folgen. Ein Lehrbuch vielleicht auch, wie beständige Bündnisse zu schaffen sind.

Dynamischer Kompromiss

geschrieben von Dr. Barbara Höll, Bodo Niendel

5. September 2013

Das Denkmal für die verfolgten Homosexuellen

Juli-Aug. 2008

Das von den skandinavischen Künstlern Ingar Dragsted und Michael Elmgreen gestaltete Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen wurde am 26. Mai offiziell eingeweiht. Im Tiergarten und gegenüber dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas, ragt eine einzelne Stele schräg in die Luft und in einer kleinen Öffnung der Stele ist ein Film mit sich küssenden Männern zu sehen.

Der 95-jährige Ruolf Bradza legte gemeinsam mit dem Bundestagstagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse einen Kranz am Denkmal nieder, eine Stunde bevor der Christopher-Street-Day wenige hundert Meter entfernt eröffnet wurde und mit 500.000 Teilenehmerinnen und Teilnehmern durch die Straßen Berlins ziehen sollte. Es war ein bewegender Moment, denn Rudolf Bradza war wegen seiner Homosexualität im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Er ist vermutlich der letzte überlebende Schwule. Rudolf Brazda hatte sich beim Lesben und Schwulenverband Deutschlands gemeldet, weil er den Medien entnommen hatte, es gäbe keine überlebenden Schwulen mehr.

Schwule wurden während des Faschismus nach Paragraf 175 verfolgt, den die Nazis aus der Weimarer Republik übernommen, ihn jedoch 1935 noch verschärft hatten, so dass von da ab bereits der Versuch einer homosexuellen Handlung unter Strafe stand. Nach heutigem Forschungsstand schätzt man, dass etwa 10.000 bis 15.000 Schwule in Gefängnissen und Konzentrationslagern inhaftiert wurden, etwa 4.000 wurden dort ermordet. Keiner der Überlebenden wurde entschädigt, denn das Bundesverfassungsgericht bezeichnete 1957 den Paragraf 175 und die damit verbundene Verfolgung nicht als »nationalsozialistisch geprägtes Recht«. Der Paragraf 175 war damit in der Bundesrepublik für Recht befunden worden und bestand in der von den Nazis verschärften Form bis 1969 fort. Er wurde erst 1994 endgültig aus dem Strafgesetzbuch getilgt. Mehr als 50.000 Schwule wurden zwischen 1950 und 1969 zu zum Teil langjährigen Haftstrafen verurteilt, einige von ihnen waren zuvor bereits unter den Nazis inhaftiert. Rehabilitiert und entschädigt sind sie bis heute nicht. Die DDR hatte den Paragraf 175 bereits 1957 de facto ausgesetzt.

Der gefundene Kompromiss bewirkt ein dynamisches Denkmal. Es wird jetzt alle zwei Jahre in der öffentlichen Wahrnehmung stehen und nicht nur einmal bei der Einweihungsfeier. Der Filmwettbewerb wird auch auf die Homophobie in der heutigen Gesellschaft verweisen, denn noch immer haben Lesben und Schwule nicht die gleichen Rechte wie Heterosexuelle, noch immer ist lesbisch und schwul – nicht nur auf Schulhöfen- ein Schimpfwort. Noch immer schauen selbst aufgeklärte Linke beim Anblick sich küssender Männer pikiert zur Seite. Noch immer ist lesbische und schwule Liebe nicht normal.

Der Eröffnung des Denkmals für die verfolgten Homosexuellen im Nationalsozialismus gingen viele Auseinadersetzungen voraus. Bereits 1992 gründete sich die Initiative »Der homosexuellen NS-Opfer gedenken«, sie regte den Bau des Denkmals an und entfachte Diskussionen. Unter Rot-Grün beschloss der deutsche Bundestag 2003 mit den Stimmen aller Fraktionen, außer denen der CDU/CSU, den Bau des Denkmals. Im Jahr 2006 wurden der prämierte Denkmalsentwurf der Öffentlichkeit vorgestellt. Eine Stele die wie herübergelaufen vom Holocaustmahnmal wirkt ragt etwas verkrümmt aus der Erde. Deutlich sichtbar befindet sich in Augenhöhe an der vorderen Seite der Stele eine Öffnung, beim Herantreten sieht man einen Film zwei sich küssender Männer. Die Zeitschrift »emma« protestierte, denn der Diskriminierung und Verfolgung von Lesben während des Faschismus werde so nicht gedacht. Mit Recht verwiesen sie auf den Bundestagsbeschluss aus dem Jahr 2003, der ausdrücklich auch die lesbischen Opfer einschloss. Dies mussten auch die zumeinst schwulen Historiker einsehen und stimmten einem Kompromiss zu. Der Film im Denkmal wird alle zwei Jahre ausgetauscht, der Bund finanziert zehn Jahre lang den Wettbewerb und die Jury. Diese solle nach zwei Jahren Mann-männlichen Küssens auch lesbische Liebe berücksichtigen.

Es ließe sich trefflich über die ästhetische Qualität des Denkmals streiten, aber schon jetzt ist ein Ziel des Denkmals erreicht, es provoziert. Dies bewies nicht zuletzt Kulturstaatsminister Bernd Neumann, der die sich küssenden Männer auf den Einladungskarten zur Einweihungsfeier wegretuschieren ließ aus Pietät, wie es hieß. Wenn in zwei Jahren ein neuer Film am Denkmal präsentiert wird, wird Rudolf Bradza vielleicht nicht anwesend sein, aber seiner und der vielen andern wird weiter gedacht werden.

»antifa«Ausgabe Mai-Juni 2008

geschrieben von Bild: Wilhelm Girod

5. September 2013

Mai-Juni 2008

Foto von der Internationalen Jugendbegegnung in Buchenwald
(siehe S. 20/21).

»Durch Licht zur Nacht« so der Titel der Collage von John Heartfield, die mit Blick auf den Reichstagsbrand und die Bücherverbrennung im Mai 1933 entstand. Sie trägt die Unterzeile »Also sprach Dr. Goebbels: Lasst uns aufs neue Brände entfachen, auf dass die Verblendeten nicht erwachen!«

Editorial

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Mai-Juni 2008

Vor 75 Jahren gab es im Mai den deutschen Faschismus an der Macht. Den Sturm auf die Gewerkschaftshäuser, die Zerschlagung der organisierten Arbeiterbewegung, den damit verbundenen Ausbau des Systems der Konzentrationslager, die ersten größeren Boykott- und Pogromaktionen gegen Juden, die Bücher-Scheiterhaufen…

Zwölf Jahre später dann dieser Mai der Befreiung mit seinen bis heute weltweiten Feiern an den Stätten der Verfolgung und denen des Sieges über das Regime, das Terror und Vernichtung über die Menschheit gebracht hatte. Zu all dem steht einiges in dieser antifa, Vergangenheitsbezogenes wie Aktuelles.

Brandaktuell oft: Auch die Nazis erinnern wieder gerne an »ihre« Jahrestage. Am liebsten wie einst auf der Straße. Das dürfen die, sagen meist die Gerichte und die Polizei sorgt dann dafür, dass sie nicht allzu arg gestört werden.

Mehr und mehr führt das zu komplizierten Situationen. Auch, weil eine doch beachtliche Zahl von Bürgerinnen und Bürgern schon meint, dass die NPD eigentlich verboten gehört und Naziaufmärsche zu unterbinden seien. Über Nazi-provokationen und Gegenwehr stehen Beiträge auf den folgenden Seiten.

Auf den Seiten 8 und 9 dieser antifa geht es um die (Wieder?-)Eröffnung einer Debatte darüber, was Antifaschismus sein könnte und müsste. Vielleicht ein Vorgriff auf Dispute beim Bundeskongress der VVN-BdA am 24./25. Mai im ver.di-Haus in Berlin.

Dort findet der nun schon dritte Kongress der Organisation seit ihrer »Ost-West-Vereinigung« statt und nicht nur bei den Anträgen fällt auf, wie wenig dieses »Ost« oder »West« noch eine Rolle spielt.

Konkretes »Material zum Bundeskongress der VVN-BdA« gibt es auf den Seiten 13 bis 16, die sonst unserem »Spezial« vorbehalten sind. Im Wortlaut finden sich dort auch der politische Leitantrag des Bundesausschusses, ein Antrag zum Thema Gedenkstättenpolitik und Beschlussvorlagen zu Organisationspolitik und Öffentlichkeitsarbeit der VVN-BdA.

Meldungen

geschrieben von Zusammengestellt von P. C. Walther

5. September 2013

Mai-Juni 2008

Der »Zug der Erinnerung« mit seiner Ausstellung über die Massendeportationen jüdischer Kinder in die Vernichtungslager der Nazis machte Mitte April mehrere Tage Station in Berlin und wurde auch dort von Tausenden Menschen besucht. Die Deutsche Bahn AG verweigerte jedoch einen Aufenthalt im Berliner Hauptbahnhof.

Ähnliche Hindernisse gab es auch an anderen Orten. Die Bahn AG, deren Vorgängerin, die Reichsbahn, die Deportationen ermöglicht und damit auch Gewinne gemacht hatte, verlangt jetzt hohe Beträge für die Benutzung der Gleise und für die Aufenthalte in den Bahnhöfen.

Neofaschistische Aufmärsche am 1.Mai kündigte die NPD für Hamburg, Nürnberg und Kaiserslautern an. (Bei Redaktionsschluss lagen über den Verlauf noch keine Berichte vor.)

In den beiden ersten Monaten dieses Jahres ist die Zahl rechter Straftaten gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres von 1.774 auf 2.053 wiederum gestiegen. Vor allem im Februar gab es auch einen starken Anstieg bei den Gewalttaten von 96 auf 135. Die Zahlen entstammen den Antworten der Bundesregierung auf die monatlichen Anfragen der Linksfraktion.

Nach Äußerungen des niedersächsischen Innenministers Schünemann (CDU) stammen »40 Prozent der Finanzmittel der NPD aus Steuergeldern«. So hoch seien die staatlichen Zahlungen an die Neonazi-Partei.

Im Prozess gegen die Nazi-Kameradschaft »Sturm 34« vor dem Landgericht Dresden hat sich ein Angeklagter als V-Mann des Staatsschutzes zu erkennen gegeben. Als solcher war er an der Gründung der Nazi-Kameradschaft beteiligt.

Gegen den Bundesvorsitzenden der NPD, Udo Voigt, und zwei weitere NPD-Spitzenfunktionäre ist erneut Anklage wegen Volksverhetzung erhoben worden.

Gegen Voigt ist schon mehrmals Anklage erhoben worden, unter anderem weil er 2004 Hitler als »großen deutschen Staatsmann« feierte und die Bundesrepublik ein »illegitimes System« nannte. 2007 verherrlichte er bei einem Gedenkmarsch für Rudolf Heß das Naziregime. In einem Pressegespräch bestritt er den Massenmord an Juden. Rechtskräftig verurteilt wurde der NPD-Führer bislang jedoch noch nicht.

Der Bundesgerichtshof hat den Freispruch für das NPD-Bundesvorstandsmitglied Jens Pühse aufgehoben. Pühse war Produktionsleiter und Geschäftsführer des NPD-Verlages »Deutsche Stimme«. Trotz der Anklage wegen Volksverhetzung und dem Vertrieb von Nazi-CDs mit strafbarem Inhalt hatte ihn das Landgericht Dresden aufgrund von Gutachten NPD-naher Anwälte freigesprochen. Der BGH erklärte das für unzulässig.

Das Mitglied eines SS-Kommandos, das 1949 in den Niederlanden wegen dreifachen Mordes an Zivilisten in Abwesenheit zum Tode und später zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, lebt seitdem unbehelligt in der Bundesrepublik. Erst jetzt soll gegen den inzwischen 86jährigen in Dortmund Anklage erhoben werden.

Als »Feind im Innern«, den es zu »zerschlagen« gelte, wird ein führendes Mitglied der linkskritischen Soldatenvereinigung »Darmstädter Signal« von einem Offizier der Bundeswehr-Eliteeinheit KSK bezeichnet. Dieser »Feind« werde »von Offizieren einer neuen Generation« beobachtet, »die handeln werden, wenn es die Zeit erforderlich macht«, heißt es in der Erklärung des KSK-Offiziers, der weiterhin im Dienst ist.

Auf die mehrfachen Feststellungen des Bundesverfassungsgerichts, dass Gesetze und Verordnungen der Bundesregierung bzw. der Parlamentsmehrheit verfassungswidrig sind, reagierte der sächsische Justizminister Mackenroth (CDU) mit der Erklärung, es sei »geradezu die Pflicht des Gesetzgebers, die verfassungsrechtlichen Grenzen auszuloten«. Wenn man vor »neuen Herausforderungen« stehe, könne man »nicht mit den Verfassungsrezepten von gestern arbeiten«. Auch »die Menschenwürde ist nicht statisch zu verstehen«; ihr Gehalt könne sich »im Laufe der Zeit verändern«.

»Mehr als ein Drittel aller Hochadeligen gehörte der NSDAP oder einer anderen Organisation des Regimes an«, heißt es in einer Veröffentlichung der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« vom 14.4.08.

nonpd jetzt erst recht!

geschrieben von Regina Girod

5. September 2013

Petitionsausschuss des Bundestages sieht keinen Handlungsbedarf

Mai-Juni 2008

Auf den Stufen des Reichstagsgebäudes übergaben im Dezember Vertreter der VVN-BdA die mehr als 175.000 Unterschriften der Kampagne für ein neues NPD-Verbot an vier Bundestagsabgeordnete. Diese hatten sich bereit erklärt, die 47 Kartons mit den Unterschriften entgegenzunehmen, nachdem jede andere Form einer öffentlichen Entgegennahme von Seiten des Bundestags und seiner Gremien abgelehnt worden war.

Die Unterschriften wurden vom Petitionsausschuss übernommen, anschließend war drei Monate lang nichts mehr von der Sache zu hören. Bis zum 1. April. Das von diesem Tag datierte Schreiben des Petitionsausschusses an das Bundesbüro der VVN-BdA hätte auf den ersten Blick als schlechter Aprilscherz durchgehen können, war aber offensichtlich ernst gemeint. Im schönsten Beamtendeutsch heißt es darin:

»Der Petitionsausschuss hat Ihr Anliegen aufgrund einer sachgleichen Eingabe bereits früher geprüft. Ich bitte Sie, das Ergebnis der als Anlage beigefügten Begründung zu einer Beschlussempfehlung des Petitionsausschusses zu entnehmen, der der Deutsche Bundstag am 28. September 2006 zugestimmt hat … Aufgrund der zahlreichen Maßnahmen der Bundesregierung, die Sie aus den beiliegenden Antworten der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion Bü90/Die Grünen Umsetzung des Bundesprogramms »Förderung von Beratungsnetzwerken mobile Intervention gegen Rechtsextremismus« auf Drucksache 16/6871 und auf die Große Anfrage der Fraktion Die Linke. Entwicklung der extremen Rechten und die Maßnahmen der Bundesregierung auf Drucksache 16/4675 entnehmen können, sah der Petitionsausschuss keine Notwendigkeit, die Bundesregierung zu darüber hinausgehenden Maßnahmen aufzufordern. Der Deutsche Bundestag und die Bundesregierung nehmen das Problem des Rechtsextremismus demnach sehr ernst.«

Es folgt der freundliche Hinweis darauf, dass die angegebenen Drucksachen im Internet des Bundestages unter dem Suchwort »Rechtsextremismus« zu finden sind, ebenso wie die Ergebnisse der Beobachtung rechtsextremistischer Parteien durch die Landesämter und das Bundesamt für Verfassungsschutz. Der Brief schließt mit den Worten »Ich hoffe, Ihnen mit diesen Informationen gedient zu haben und bitte um Mitteilung, ob das Verfahren hiernach als abgeschlossen betrachtet werden kann oder eine Fortsetzung gewünscht wird.«

Tatsächlich hatten die Initiatoren der Kampagne ihre Forderung nach einem neuen Anlauf für ein NPD-Verbotsverfahren als politische Forderung formuliert, und nicht als Petition verstanden wissen wollen. Die Reaktion des Petitionsausschusses beweist allerdings, mit welcher Ignoranz hierzulande die staatliche Bürokratie glaubt, berechtigte Anliegen der Bürger behandeln zu können. Wahrhaftig ein Lehrstück in Sachen parlamentarischer Demokratie!

Mit Empörung hat der Bundesausschuss der VVN-BdA das Schreiben auf seiner Tagung am 19./20. April zur Kenntnis genommen. Nach eingehender Diskussion wurde beschlossen, erneut einen Brief an alle Abgeordneten des Bundestages zu richten, die ja die Adressaten der Unterschriftenkampagne waren. Darin heißt es:

»Zu unserer großen Verwunderung erhielten wir im April 2008 … ein Schreiben eines Mitarbeiters des Petitionsausschusses. Darin wird uns in formaler Unverschämtheit und mit einer obskuren Argumentation mitgeteilt, dass unser Anliegen weder einer Prüfung unterzogen noch den Abgeordneten zur Kenntnis gereicht werden soll…

Wir können uns nicht vorstellen, dass Abgeordnete, die ihrem Gewissen verantwortlich sind, mit dieser Antwort eines Mitarbeiters des Petitionsausschusses in einer so ernsten Angelegenheit einverstanden sind. Daher fordern wir, dass unser Anliegen, das von 175.445 Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes unterstützt wird, im Parlament in seriöser Form behandelt wird.«

Darüber hinaus wird der Bundeskongress der VVN-BdA am 24./25. Mai über geeignete Formen der Weiterführung unserer Kampagne beraten. Denn die NPD gehört verboten. Jetzt erst recht!

Nazigegner kriminalisiert

geschrieben von P.C.Walther

5. September 2013

Was wird wann und wo als »Straftat« gewertet

Mai-Juni 2008

Der jährliche Bericht des Bundesinnenministers über die »politisch motivierte Kriminalität« verzeichnet für 2007 einen leichten Rückgang rechter Straftaten um 2,9 Prozent also ein Stehenbleiben auf hohem Niveau , jedoch einen »Anstieg »linksmotivierter Straftaten« um 9,4 Prozent. Einige Medien hoben das besonders hervor. Dabei blieben die absoluten Zahlen meistens unerwähnt: Die rechten Straftaten umfassen mit 17.607 das Dreifache dessen (5.866),was behördlicherseits Linken zugeschrieben wird.

Viel wesentlicher aber ist, was überhaupt als »Straftat« gilt. Nach innenministerieller Erläuterung waren dies »vor allem politisch herausragende Ereignisse wie der G8-Gipfel in Heiligendamm«, die »Anlass für linksextremistische Aktivitäten« gewesen seien. Hier werden also Protest- und Zuwiderhandlungen z. B. gegen oft willkürliche Verbots- und Polizeimaßnahmen zu Straftaten erklärt.

Noch gravierender aber ist die zweite innenministerielle Erklärung: Da heißt es, es handele sich daneben um das »Straftatenaufkommen im Rahmen von Auseinandersetzungen mit dem rechten Spektrum«. Mit anderen Worten: Hier werden die Versuche, Nazis den Weg zu versperren, als Straftat gewertet. Protest und Widerstand gegen Nazis werden so kriminalisiert.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Steine oder Flaschenwürfe, gar Brandsätze oder ähnliches sind keine Mittel des politischen Protestes, auch nicht gegen Nazis. Ganz anders jedoch ist es zu bewerten, wenn Nazigegner sich zusammenfinden, um Nazis keinen Platz zu lassen. Dazu gibt es mitunter sogar entsprechende Aufrufe von Politikern. Die sollten dann allerdings auch dafür sorgen, dass die Kriminalisierung von Nazigegnern unterbleibt.

Klischees überwinden

geschrieben von Irene Runge

5. September 2013

Jüdisch-islamische Gesellschaft Deutschland e. V. gegründet

Mai-Juni 2008

Was in anderen Ländern Europas und in den USA selbstverständlich ist, wurde am 11. März dieses Jahres in Nürnberg der Öffentlichkeit präsentiert eine noch kleine, aber schon zielgerichtet arbeitende jüdisch-islamische Gesellschaft e. V. Den Vorstand bilden paritätisch zwei Muslime und zwei Juden. Der Anfang ist also gemacht. Keine drei Wochen später folgten sie der Einladung des Jüdischen Kulturvereins Berlin e. V., um sich in der Hauptstadt in einem öffentlichen Gespräch vorzustellen.

Talip Iyi, der 2. muslimische Vorsitzende (er vertrat den krankheitshalber verhinderten 1. Vorsitzenden Cemalettin Özdemir) und Ali Koc als Sprecher, illustrierten im Powerpoint-Verfahren eindringlich die lange Vorgeschichte dieser Gründung. Ihre Nürnberger Begegnungsstube Medina e. V. hat bereits seit 20 Jahren Erfahrung mit christlich-muslimischem und zunehmend auch mit jüdisch-christlich-muslimischen Dialogen. Die Gründung eines jüdisch-islamischen Vereins war der Traum des abwesenden 1. Vorsitzenden. Wie vor Jahrzehnten das Fehlen von Dialogen mit und über die Frau im Islam, über Nächstenliebe, Islamunterricht, Palästina und Israel, mangelte es ihm an alltäglichen jüdisch-muslimischen Kontakten, aufgebaut auf den Symposien zu den Weltreligionen, mit kritischem Dialog, Moschee- und Kirchenführungen, einer orientalisch-jüdischen Musikgruppe, dem Pilgerweg der Religionen durch Nürnberg, Theaterspielen, Workshops, Hilfen für Streikende, Fastenessen in Altersheimen und mit Obdachlosen und den beliebten muslimisch-jüdisch-christlichen Abrahamskonzerten in der Kirche, alles längst im Repertoire von Medina verankert. In feinem Fränkisch (von Berlinern als Bayerisch verkannt) berichteten sie über weitergehende Pläne. Die natürlich auch türkisch sprechenden Aktivisten beeindruckten mit dem vielfältigen Reichtum aus Ideen, Ereignissen und Kontakten.

Nicht weniger motiviert, doch durch sehr andere Lebensgeschichten angeregt, beschrieben anschließend die jüdischen Vorstände Rabbiner Jeremy Milgrom, geboren in den USA, aufgewachsen in Israel, heute teilweise in Berlin lebend, und Lawrence (Larry) Zweig, der einst als Zionist von Brooklyn nach Israel in einen Kibbuz ging und seit zwei Jahrzehnten in Fürth beheimatet ist, ihr Engagement für den neuen Verein. Larry Zweig erinnerte an seine schmerzliche Grunderfahrung: Vor 22 Jahren gab es in Fürth faktisch keine jüdischen Nachbarn, dafür mahnten ihn befreundete Muslime, seine jüdisch-religiösen Wurzeln zu erhalten. Sein Patenkind seit dem Balkan-Krieg ist eine junge Muslima aus Bosnien, seit langem ist er auch in deutsch-palästinensischen Nahost-Friedensinitiativen aktiv. Den beiden jüdischen Vorständen fehlten nach ihrem Leben in Israel die alltäglichen Kontakte zu Muslimen, das zeige sich, so Rabbiner Milgrom auch darin, dass für Nichtmuslime hierzulande der Monat Ramadan kaum wahrnehmbar ist.

Unwissen schafft Unsicherheit, aber Dialog, Kommunikation und Austausch verbinden. Der Rabbiner lieferte mit seiner Interpretation eines jüdischen Segensspruchs den beispielhaften Beleg für gottgewollte Ähnlichkeiten der Religionen, Talip Iyi betonte, dass vor allem seit dem 11. September 2001 und als Projektion der Lage im Nahen Osten oft der Eindruck geschürt werde, zwischen Muslimen und Juden herrsche unüberwindbare Feindschaft. Gefährliche Klischees wie dieses abzubauen, dass sei ein Zweck des neuen Vereins.

Die nachfolgend intensive Diskussion war nicht weniger interessant. Eine begeisterte Frau aus Boston (USA) erzählte von den Aktivitäten in ihrer Synagoge. Dort und andernorts stünde nicht der religiöse Vergleich an erster Stelle, sondern die soziale Frage: Juden, Christen, Muslime, Buddhisten, Schwarze und Hispanos erkämpften über zwei Jahre angeführt von Rabbinern, Pfarrern und Imanen einen allgemeinen Gesundheitsschutz, bisher einzig für die USA. In diesem Jahr geht es der interreligösen Bostoner Gemeinschaft um das Altern in Würde und zwar für alle. Man müsse sich weltweit vernetzen, sie werde die deutsche Neugründung in den USA publik machen.

Während muslimische Verbände dem neuen Verein zur Gründung gratuliert hatten, verharrte das jüdische Establishment in Schweigen, doch jüdische Kulturvereine, wie unserer in Berlin, begrüßten den beherzten Nürnberger Schritt mit solidarischer Begeisterung. Als sich die JIG im März gründete, war die Islamkonferenz noch in aller Munde. Der Nürnberger Erfolg hingegen blieb unbeachtet, die gute Nachricht war den Medien keine Meldung wert. Ich denke, die Wirklichkeit ist in Deutschland erheblich weiter als es beispielsweise auch die staatliche Förderpolitik zu ahnen scheint. Beim Berliner Treffen stellte sich auch heraus, dass gegenwärtig an einer Brüsseler Studie über jüdisch-islamische Kontakte in Europa gearbeitet wird. Deutschland kam dabei bisher nicht vor. Jetzt aber wird es dank dieser Neugründung in den Bericht aufgenommen werden. Die Mitgliedschaft in der Gesellschaft steht übrigens allen Interessenten offen. Unter www.jigd.de ist mehr zu erfahren. Schon absehbar sind Veranstaltungen, Gespräche sowie Tora- und Koranlesungen in ganz Deutschland.

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