Leitbilder des Gedenkens

5. September 2013

Erklärung der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme e.V.

Juli-Aug. 2008

Die Bundesgeschäftsstelle hat einen Brief der Gedenkstättenleiterin von Ravensbrück, Dr. Insa Eschenbach, erhalten. Sie bedankt sich darin für die Presseerklärung des Bundesausschusses der VVN-BdA zur Fortschreibung des Gedenkstättenkonzeptes, insbesondere für die dort erhobene Forderung, die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück mit in die ständige Konferenz der Leiter der NS-Gedenkorte zu integrieren.

Mit Bestürzung verfolgt die Arbeitsgemeinschaft Neuengamme die Entwicklung des Verhältnisses von Bundeswehr und KZ-Gedenkstätte Neuengamme in den letzten Jahren. Wir haben bei verschiedenen Gelegenheiten darauf hingewiesen, dass es sich bei der Bundeswehr vor allem um ein Instrument der Regierung handelt, mit dem Interessen- und Machtpolitik auch mit kriegerischen Mitteln umgesetzt wurden und zukünftig verstärkt um gesetzt werden. Angehörige der Bundeswehr erklären sich mit ihrem Eintritt in dieselbe genau damit einverstanden. Diese Tatsache ist unserer Ansicht nach mit den Zielsetzungen der Gedenkstättenarbeit nicht in Übereinstimmung zu bringen, denn eine Gedenkstätte sollte mit Hilfe der Vermittlung historischen Wissens Menschen behilflich sein, ein Bewusstsein für Respekt und Menschenwürde zu entwickeln und sie dazu ermutigen, kritisch und selbstständig Fragen zu Systemen staatlicher Unterdrückung und Diskriminierung zu stellen und sich mit der Geschichte und auch der unsäglichen Nachgeschichte von Neuengamme zu beschäftigen.

Aktueller Anlass dieser Erklärung ist die Einstellung eines Bundeswehrsoldaten als freier museumspädagogischer Mitarbeiter in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Im Rahmen dieser Arbeit wird er als Repräsentant der Gedenkstätte auftreten und die Geschichte des Konzentrationslagers und der Häftlinge an Schulklassen aber auch an Bundeswehrgruppen vermitteln. Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme hat sich in diesem Zusammenhang kürzlich entschieden, künftig auf die Mitarbeit eines langjährigen freien Mitarbeiters der Museumspädagogik zu verzichten. Grund für diesen drastischen Schritt war die Ankündigung des Pädagogen, nicht mehr als Guide für Bundeswehrgruppen zur Verfügung zu stehen, solange die Gedenkstätte nicht endlich bereit sei bzw. die Notwendigkeit erkenne, gemeinsam mit dem Team der freien Gedenkstättenpädagog/innen und den Überlebendenverbänden Fragen hinsichtlich ihrer Zusammenarbeit mit der Bundeswehr und der Einstellung eines aktiven Bundeswehrsoldaten als freien Museumspädagogen zu diskutieren, wie diese es seit längerem fordern.

Ist diese Entlassung ein Versuch seitens der KZ- Gedenkstätte, einer notwendigen inhaltlichen Diskussion um Leitbilder und politische Fragen zu entgehen? Wenn ja, aus welchem Grunde sollen mit engagierten, dort seit langem tätigen freien Mitarbeiter/innen keine inhaltlichen Diskussionen geführt werden?

Die Arbeitsgemeinschaft Neuengamme (AGN) als Interessensvertretung der Überlebenden und ihrer Angehörigen des Konzentrationslagers Neuengamme, sieht sich aus verschiedenen Gründen veranlasst, in dieser Angelegenheit zu intervenieren, auch, um das bislang positive Verhältnis von AGN und Gedenkstätte weiterhin zu gewährleisten.

Der Ort der Vernichtung von mehr als 50.000 Menschen und des Leidens so vieler anderer ist ein Ort der Erinnerung, des würdevollen Gedenkens und der Information. Er darf kein Ort werden, an dem ein deutscher Armeeangehöriger exponiert auftritt, für den die Richtlinien des Gehorsams und der Einsatz kriegerischer Mittel, die politisch gewollt von der Bundesrepublik Deutschland ausgehen, nicht in Frage stehen. Ebenso muss die Möglichkeit ausgeschlossen werden, dass Überlebenden oder ihren Angehörigen als Besucher der Gedenkstätte ein deutscher Soldat als Guide gegenübersteht, auch wenn er dort nicht in Uniform erscheint.

Es geht der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme nicht darum, Angehörigen der Bundeswehr die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen zu verweigern. Diese ist unbedingt notwendig, unterstützenswert und sollte Aufgabe der politischen Bildung seitens der Bundeswehr als Organ eines sich als demokratisch gebenden Staates sein. Noch aber werden Gedenkstättenbesuche leider häufig dazu genutzt, Bundeswehrsoldat/innen auf Auslandseinsätze mit Kriegsverlauf vorzubereiten. Solange sich zudem Angehörige der Bundeswehr offiziell an Ehren- und Gedenkzeremonien für NS-Kriegsverbrecher in Mittenwald, am Ulrichsberg, auf Kreta, in Italien, Spanien, Frankreich und vor unzähligen Kriegsdenkmälern in der BRD beteiligen, sind die Traditionslinien von nationalsozialistischer Wehrmacht und Bundeswehr keinesfalls durchbrochen.

Die AGN sieht angesichts der Geschehnisse in Neuengamme die Umsetzung der Losung »Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!« eklatant in Frage gestellt.

Wir verurteilen zudem die Kündigung des freien Gedenkstättenpädagogen als einen Akt der Repression gegenüber einer Person mit einem unbequemen antifaschistischen Selbstverständnis, das allerdings unabdingbar ist für die pädagogische Arbeit in Gedenkstätten für die Verbrechen des Nationalsozialismus. Auch und gerade an einem solchen Ort ist die politische Diskussion und die Auseinandersetzung über Richtungen und Inhalte von Gedenkstättenarbeit unumgänglich.

Hamburg, den 6. 6. 2008,
Bert Wahls,
Für den Vorstand der Arbeitsgemeinschaft
Neuengamme

Gegen die Verblödung

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Vor 70 Jahren starb der Dichter Ödön von Horváth in
Paris

Juli-Aug. 2008

»Murnau hatte den Schriftsteller so nachhaltig geprägt, dass er auch noch Jahre nach seiner Flucht in seinen Theaterstücken und in dem Roman ›Jugend ohne Gott‹ aus einem Reservoir von Erinnerungen schöpfte.«, heißt es vieldeutig im Begleittext zur sehenswerten ständigen Horváth-Ausstellung im Murnauer Schlossmuseum. Geflüchtet ist der Dichter 1933; zuerst von Murnau nach Berlin, später nach Wien und Prag, 1938 dann über Budapest nach Paris. Dort stirbt er am 1. Juni, erst 36 Jahre alt, bei einem Sturm auf den Champs-Elysées, erschlagen von einem herabstürzenden Ast.

Am 28. Juni 2008 marschierten, geschützt von 350 Polizisten, 80 Neonazis durch die Marktgemeinde Murnau am oberbayerischen Staffelsee. Die Einheimischen waren sich im Vorfeld des Aufmarsches uneinig, wie damit umgegangen werden solle. Nichtbeachtung oder aktiv Entgegenstellen? Beides wurde versucht. Und schließlich fanden mehrere hundert Menschen (unter ihnen Mandatsträger, auch von der CSU) bei einer gemeinsamen »Kehraktion« zusammen: Symbolisch wurde der »braune Dreck« weggeräumt.

»Italienische Nacht« heißt ein Theaterstück von Ödön von Horváth, aus dem Jahr 1930. »Volksstück in sechs Bildern« hat es der Autor genannt. Am Anfang ein Personenverzeichnis und folgende Angaben: »Ort: Süddeutsche Kleinstadt. Zeit: 1930-?« Bezüge der »süddeutschen Kleinstadt« zu Murnau, 1930 seit über zehn Jahren schon Heimatort Horváths, sind unverkennbar. Im Stück geht es kurz gefasst um den Einbruch faschistischer Gewalt in eine kleinbürgerlich-kleinstädtische Idylle, um Spießertum und um die Illusionen, die letztlich der Demokratie den Garaus machen werden.

Der Uraufführung der »Italienischen Nacht« im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin am 20. März 1931 war am 1. Februar des Jahres eine Saalschlacht an Horváths Wohnort vorangegangen, bei der er Augenzeuge wurde: Der Überfall von einheimischen und mit Bussen und Bahn angereisten auswärtigen NSDAP-Anhängern auf eine SPD-Veranstaltung.

Unter den braunen Schlägern erkennt Horváth einige nicht unbedeutende Murnauer Bürger. Vor Gericht sagt er gegen diese aus und betont, er habe den »bestimmten Eindruck gehabt, dass die Schlägerei von den Nationalsozialisten planmäßig vorbereitet war«. Nach zwei Gerichtsinstanzen aber sind alle Nazis freigesprochen.

Anfang der 30er-Jahre hatte es eigentlich nach einer Erfolgsgeschichte für den jungen Autor ausgesehen: Auf Initiative Carl Zuckmayers hin bekommt er den Kleist-Preis für sein Stück »Geschichten aus dem Wienerwald«, weitere »Volksstücke« (»Kasimir und Karoline«, »Die Unbekannte aus der Seine«) folgen, Romanversuche, Zeitschriftenbeiträge, Kontakte zur Filmindustrie. Mit seiner ungarisch-österreichischen Herkunft versteht sich der in Fiume (dem heutigen Rijeka) Geborene als Kosmopolit. Er gibt sich entsprechend »weltmännisch«, macht aber aus seiner linken Gesinnung kein Hehl.

In rechten Blättern, nicht nur aus der NSDAP-Ecke, wütet man über die »Geschichten aus dem Wienerwald« und deren Verfasser. »Ein zweifelhafter Herr aus Ungarn als Kleistpreisträger«, »Das, was sich kein Negervolk ohne Widerspruch nachsagen lässt, wurde hier applaudiert«, »Unflat ersten Ranges«. Horváths Name steht 1933 auf den Listen für die Bücherverbrennungen; der Autor aber hat nach der braunen Machtübernahme noch Möglichkeiten, unter Pseudonym an Filmdrehbüchern mitzuarbeiten. Sein Biograph Traugott Krischke erwähnt auch einen Beitrittsantrag Horváths an den NS-offiziellen Reichsverband Deutscher Schriftsteller vom Juli 1934. Illusionen mit Blick auf künftige Publikationsmöglichkeiten?

Diese scheinen nicht lange gehalten zu haben. Bevor er endgültig deutschen Boden verlässt, besucht Horváth noch seine Eltern und schreibt am 1. April 1937 an einen Freund: »In München war es zuhause sehr schön, aber auf der Straße unwahrscheinlich grässlich. Dort ist selbst die Luft verblödet.«

Soeben neu erschienen
Ödön von Horváth
Der ewige Spießer, Süddeutsche Zeitung Bibliothek, Reihe »München erlesen«, Bd. 9, 268 S., 8,50 Euro

Gegen diese Verblödung hat Ödön von Horváth mit seinen Theaterstücken und Romanen (»Der ewige Spießer«, »Jugend ohne Gott«) angeschrieben. »Volksstücke«, nicht »volkstümlich«, sondern höchst artifiziell und doch allgemeinverständlich. Anknüpfend an Nestroy’sche und Raimund’sche Traditionen wurde er inhaltlich-politisch und mit dem seinen Figuren in den Mund gelegten »Bildungsjargon«, jener auf Dialekt-Rudimenten fußenden, »vornehm« klingen wollenden Sprache aufstrebender Kleinbürger auch Wegbereiter für spätere kritische »Heimatautoren« wie Kroetz, Sperr oder Turrini.

Hohn für die Opfer

geschrieben von Gerhard Fischer

5. September 2013

Bundesregierung beharrt auf skandalöser Entschädigungspraxis

Juli-Aug. 2008

Die Erklärung der VVN-BdA findet sich im Internet auf der Website des Verbandes (www. vvn-bda.de)

Unbeschreibliche Gräueltaten verübten im Zweiten Weltkrieg Hitler-Wehrmacht und Waffen-SS im okkupierten Griechenland und in Italien, das 1943 von der faschistischen »Achse« abgefallen war: Zivilisten wurden zu Hunderten und Aberhunderten als Geiseln hingemetzelt, ganze Gemeinden ausgelöscht, italienische Soldaten in großer Zahl erschossen oder als »Militärinternierte« verschleppt und anschließend als Sklavenarbeiter für die nazideutsche Kriegführung missbraucht.

Seit Jahren fordern die Opfer dieser Untaten oder ihre Hinterbliebenen, dass sie von deutscher Seite entschädigt und dass die Kriegsverbrecher bestraft werden. Hohe Gerichte ihrer Heimatländer gaben ihnen Recht, so erst jüngst wieder höchste italienische Richter. Doch die Bundesrepublik stellt sich blind und taub. Sie, die doch so vernehmlich die Rechtsnachfolge der vorangegangenen deutschen Staaten vom Bismarck- bis zum Hitlerreich für sich reklamiert, erklärt sich für unzuständig, wenn es um die damit verbundene Pflichtennachfolge geht, ganz zu schweigen von der moralischen Verantwortung, zumal wenn sich gar finanzielle Konsequenzen damit verbinden.

Das tut die Bundesrepublik regelmäßig, wenn sie individuelle Forderungen mit dem Hinweis auf die »Staaten-Immunität« zurückweist, und das tat der Bundestag, als er beispielsweise im Gesetz über die Zwangsarbeiter-Entschädigung formulierte, Kriegsgefangenschaft begründe keinen Leistungsanspruch. Wenn Hitler den italienischen Militärinternierten wie den Angehörigen der Roten Armee den Status von Kriegsgefangenen aberkannt habe, damit sie zur Zwangsarbeit eingesetzt werden konnten, so habe dieser Erlass geltendes Völkerrecht verletzt, und aus rechtswidrigen Hoheitsakten könnten sich keine Rechte ergeben.

Ein niederträchtigeres Beispiel dafür, wie Recht mit einem billigen Trick verdreht werden kann, lässt sich kaum denken. Doch wer den Schaden hat, wird von der Bundesregierung auch noch verspottet: Die Opfer der Nazigräuel oder ihre Nachfahren hätten doch, statt daheim vor Gericht zu ziehen, ihre Ansprüche bei der deutschen Justiz einklagen können, lässt sie ihnen nun in ihrer Stellungnahme zu dem neuen italienischen Urteil bedeuten als ob sie damit nicht schon Mal für Mal gescheitert wären, ähnlich wie etwa die Opfer des Überfalls der bundesdeutschen Luftwaffe auf Varvarin während der US- und NATO-Aggression gegen Jugoslawien!

Ihren Tiefpunkt erreicht die Bundesregierung mit einer Stellungnahme, in der sie ankündigt, sie werde ihrerseits beim Internationalen Gerichtshof gegen die italienischen NS-Opfer zu Felde ziehen, um deren Verlangen abzuwehren. Schlimmer geht’s nimmer!

Die VVN-BdA steht schon immer an der Seite der Zwangsarbeiter wie der ausländischen Opfergemeinden: Sie entsandte Delegationen in die betroffenen Länder; sie machte im vorigen Jahr den Justizministern der bundesdeutschen Länder die in Italien rechtskräftig verurteilten Naziverbrecher, die in der Bundesrepublik bisher unverfolgt blieben, mit Straße und Hausnummer namhaft; sie demonstrierte bei den Jahrestreffen der NS-Gebirgsjäger in Mittenwald dafür, dass die Täter endlich zur Rechenschaft gezogen werden. Sie hat sich auch jetzt wieder in einer Erklärung ebenso wie die FIR angesichts der empörenden Haltung der Bundesregierung mit den Opfern solidarisiert.

Darin setzt sich die VVN-BdA auch mit dem Einwand auseinander, die Bundesrepublik könne die nötigen Geldmittel nicht aufbringen. »Dazu sind die Unternehmen der Wirtschaft mit heranzuziehen«, wird betont, »die viele Milliarden Mark an den Sklaven verdienten und oftmals durch sie den Nachkriegsreichtum begründeten.«

Rechte Tendenzen in Europa

geschrieben von Ulrich Schneider

5. September 2013

Konferenz über Trends und Gegenstrategien

Juli-Aug. 2008

Britta Schellenberg stellte ein Projekt der Bertelsmann-Stiftung: »Strategien gegen Rechtsextremismus in Europa« vor, das am Beispiel von zehn (west-)europäischen Ländern Empfehlungen zur Politikgestaltung geben will. Man konnte jedoch den Eindruck gewinnen, dass hier Akademiker aus einer Elfenbeinturm-Perspektive die Welt »betrachten«. Erfahrungen antifaschistischer Arbeit sind bislang noch nicht in diese Studie eingeflossen.

Zu dieser Problematik führte die Fraktion der sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien (PSE) im Europäischen Parlament Mitte Mai in Dresden eine Arbeitskonferenz mit Teilnehmern aus Sachsen und verschiedenen europäischen Ländern durch. Unter den etwa 150 Beteiligten waren SPD-Abgeordnete der verschiedenen Parlamente, Vertreter staatlicher und gesellschaftlicher Einrichtungen, die aus dem »Equal-Programm« und dem Programm »weltoffenes Sachsen« gefördert werden. Antifa-Strukturen waren nicht erkennbar präsent. Zu den anwesenden internationalen Organisationen gehörten verschiedene nationale Akteure des Netzwerks UNITED.

Die Eröffnungsrede hielt Martin Schulz (Fraktionsvorsitzender der PSE), der vehement mit Neofaschismus und zunehmendem Rechts-Populismus in Europa abrechnete. Seine Botschaft: Man müsse sich mit neofaschistischen Tendenzen »massiv auseinandersetzen« und dürfe sich nicht mit der Alltagsrealität der Neonazis abfinden. An verschiedenen Beispielen erläuterte er die Präsenz und Propaganda der extremen Rechten bis hinein in das europäische Parlament.

Als politische Konsequenz forderte er, dass Antifaschisten vor Ort politische und materielle Solidarität erhalten. Die SPD müsse mit einer Politik der Verteilungsgerechtigkeit Menschen Angst vor sozialem Absturz nehmen. Es müsse aber auch klar sein: Angst legitimiere niemals Hetzjagden auf andere Menschen oder Auschwitz-Leugnung.

Martin Dulig, Vorsitzender der SPD-Fraktion in Sachsen, beklagte, dass Neofaschismus längst in der Mitte der sächsischen Gesellschaft angekommen sei. Rechtsextremismus beschränke sich nicht auf die NPD, Rassismus und »Jagd auf Ausländer« gebe es auch ohne NPD. Er sprach von einer Faschisierung der ostdeutschen Provinz, deren zivilgesellschaftliche Struktur nur unzureichend entwickelt sei und in der der Staat sein Gewaltmonopol nur bedingt ausfülle. Positiv sei zu vermerken, dass Antifaschisten nicht mehr als »linksradikale Schmuddelkinder« betrachtet werden. Nicht die NPD im Landtag sei das Problem, Problem sei die Verankerung der NPD in der kommunalen gesellschaftlichen Wirklichkeit (Vereine etc.). Damit seien extrem rechte Politik und Ideologie zur Normalität geworden.

Den positiven Gegenpol lieferte Geert Ates. Er berichtete über die Arbeit von UNITED-Antirassistische Netzwerkarbeit in Europa. Ziel dieses Netzwerkes ist es, Nicht-Regierungs-Organisationen im Kampf gegen Rassismus, Neofaschismus und Nationalismus sowie bei ihrer Hilfe für Flüchtlinge zu unterstützen und durch Informationsaustausch und transnationale Kampagnen die politische Arbeit in den verschiedenen Ländern zu unterstützen. Zur Vorbereitung der Europawahlen 2009 ist gemeinsam mit der Zeitschrift Searchlight ein Monitoring rechtspopulistischer Parteien geplant.

In den Arbeitsforen kamen auch die internationalen Teilnehmer zu Wort. Spannend wurde es dort, wo grenzüberschreitende Kooperationen sichtbar wurden, wie beim Kulturbüro Sachsen, und einer tschechischen Organisation für Toleranz und Zivilgesellschaft.

Exekutivausschuss der FIR tagte in Berlin

geschrieben von U. S.

5. September 2013

Juli-Aug. 2008

Am Tag vor dem Bundeskongress kam der Exekutivausschuss der FIR zu seiner Arbeitstagung in Berlin zusammen. Dabei ging es gemeinsam mit einem Vertreter des Institut des Vétérans, das den belgischen Zug der Erinnerung organisiert hatte, um die Auswertung des Internationalen Jugendtreffens in Buchenwald vom April 2008. Es wurden nicht nur die Erfolge gesehen, selbstkritisch ging es auch um Schwachpunkte der Organisation, das Fehlen einzelner Delegationen und Möglichkeiten zur Verbesserung der internen Abstimmung.

Die Rückmeldungen von Teilnehmenden und von Mitgliedsverbänden zeigen aber, dass das Ansehen der FIR durch diese Aktion gewachsen ist. Zudem bewies dieses Treffen die Lebendigkeit der FIR und ihre enge Verbundenheit mit den heutigen Generationen. In der weiteren Beratung standen zwei politische Aktivitäten im Jahr 2008 auf der Tagesordnung.

Beschlossen wurde, im September 2008 gemeinsam mit antifaschistischen Kräften in Köln gegen ein europäisches Treffen von Rechtspopulisten (Pro Köln, FPÖ, Vlaams Belang, Front Nationale u. a.) zu demonstrieren. Mitte Oktober 2008 wird die FIR in Berlin ihre Jahreskonferenz unter dem Motto »60 Jahre Allgemeine Deklaration der Menschenrechte der Vereinten Nationen und Aufgaben des Antifaschismus heute« durchführen. Das Hauptreferat wird Prof. Norman Paech (MdB Die Linke) halten. Ein Vertreter der Vereinten Nationen hat bereits sein Kommen angekündigt.

Rückblicke auf 1933

geschrieben von Ludwig Elm

5. September 2013

Atemberaubender »Mut zur Lücke« in den Medien

Juli-Aug. 2008

Eine neue Veröffentlichung unseres Autors Prof. Dr. Ludwig Elm

Legal in den Verbrecherstaat? Zum Anteil aller bürgerlichen Parteien an der Zerstörung der Weimarer Republik und der Errichtung der nazistischen Diktatur 1932/33, Jena 2008

16 S. (Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen e. V. – Texte & Argumente)

Der venezolanische Präsident Hugo Chávez bemerkte kürzlich, dass die Bundeskanzlerin zu jener politischen Rechten in Deutschland gehört, die Hitler an die Macht gebracht habe. Obwohl polemisch vergröbert, ist die Aussage im Kern zutreffend. Deutsche Politiker und Publizisten behaupteten, Merkel sei von Chávez mit Hitler verglichen oder gar gleichgesetzt worden. Die gefälschte These ist da unhaltbar leichter zu denunzieren. Die Episode ist symptomatisch. Die herrschende Geschichtsideologie weigert sich weiterhin, elementare Wahrheiten von 1932/33 einzugestehen. Das verraten Beiträge zu den Vorgängen vor 75 Jahren.

Auch im Jahr 2008 beherrscht das rechtsgerichtete Totalitarismus-Konzept die Äußerungen von Politikern, Publizisten und Wissenschaftlern zum Scheitern der Weimarer Republik und zur Errichtung der NS-Diktatur. Ihm zufolge hätten Nazis und Kommunisten die parlamentarische Demokratie zerstört. Das Ausmaß der Zermürbung des Gemeinwesens sei laut Spiegel (3/2008) daran zu erkennen gewesen, »dass 1932 mehr als die Hälfte der Wähler für NSDAP und KPD gestimmt hatten für Parteien also, die sich blutig bekämpften und deren Führungen politische Morde guthießen.« Die antikommunistische Deutung lässt sich in ihren Grunddogmen auch von Forschungsergebnissen nicht beirren.

In der Gedenkstunde des Bundestages am 10. April 2008 bediente Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) diese Klischees: »In einer beispiellosen Radikalisierung der politischen Auseinandersetzung, mit der sich in Straßen- und Saalschlachten zunehmend der Eindruck eines begonnenen Bürgerkrieges verbreitete und Pöbeleien und Prügeleien als Obstruktionsstrategie der Republikfeinde zum parlamentarischen Alltag wurden«, sei die Parlamentsverachtung in der Bevölkerung gewachsen. Hätten kommunistische und sozialdemokratische Arbeiter sowie Gewerkschafter früher und kampflos die Versammlungsräume, Straßen, Wohngebiete und Städte den Nazis überlassen sollen, deren provokatorische Aufmärsche von rechtsbürgerlichen Politikern, Beamten und Juristen immer wieder begünstigt wurden?

Der Berliner Verkehrsarbeiterstreik von Ende 1932 wird unverändert für das »Rot gleich Braun«- Schema strapaziert: Die Nazis beteiligten sich daran, um mit sozialer Demagogie ihren Einfluss unter Arbeitern zu vergrößern. Für die Entscheidung über das Herrschaftssystem im Deutschen Reich war der Konflikt bedeutungslos. Die geschichtsfälschende Parallelisierung richtet sich gegen die Linke von gestern und heute. Die spezifische terroristisch-menschenverachtende Natur der faschistischen Bewegung und Ideologie verschwindet ebenso wie der antifaschistische Widerstand der Kommunisten der ersten Adressaten eines zunehmend flächendeckenden Terrors. Zugleich wird von den Kräften in Politik, Wirtschaft und Geistesleben abgelenkt, die sich ab 1931/32 auch offen mit dem Nazismus verbündeten.

»Im Gegensatz zu Lenin und anderen Diktatoren«, ist im genannten Spiegel-Heft über Hitler zu lesen, »verdankte er seinen Aufstieg demokratischen Wahlen.« Es wird unterschlagen, dass es sich um den Unterschied zwischen einer wirklichen Revolution und einer Machtverschiebung innerhalb einer bürgerlich-aristokratisch beherrschten Gesellschaft handelt. Hinzuzufügen ist, dass es Millionen Wähler Hitlers in der Krise der Republik auch deshalb gab, weil sie von den Nutznießern des Bildungsprivilegs seit Jahrzehnten vor allem völkisch-nationalistisch, großmachtpolitisch und antisozialistisch erzogen worden waren. Spiegels Geschichtsbild reproduziert die antikommunistischen Bedrohungslügen von 1932/33. Auch die Motive ähneln sich: Politische Ängste und Desorientierungen dienen dazu, eigene Vorstellungen und Interessen durchzusetzen.

Helmut Schmidt verkündet im Juni 2008 (Zeit-Magazin Nr. 26) unbelehrbar und unwidersprochen, die Weimarer Republik sei zugrunde gegangen wegen der Wirtschaftskrise »und weil Nazis und Kommunisten sie sodann gemeinsam kaputt gemacht haben.« Auch die Mär von der Alleinschuld van der Lubbes am Reichstagsbrand wurde wieder aufgewärmt. Sie ist zählebig, weil sie Raum lässt für den Verdacht, dass es Anfang 1933 im kommunistischen Lager Sympathien oder gar Vorbereitungen für Provokationen und Putsche gegeben hätte.

Zur Situation im Januar 1933 war in Heft 27 von Geoepoche zu lesen: »Der Reichstag, in dem rechte und linke Extremisten die Mehrheit haben, ist handlungsunfähig.« Der Historiker Michael Stürmer, der beruflich von Tatsachen ausgehen und es besser wissen sollte, schrieb am 5. März 2008 in Die Welt: Während »die Sozialdemokraten im Reichstag zu retten suchten, was zu retten war, blockierten KPD und NSDAP in tobender Wahlverwandtschaft das Parlament«. Tatsächlich waren der im Juli 1932 sowie der im November 1932 gewählte Reichstag handlungsunfähig allerdings durch eine rechte Mehrheit: Alle bürgerlichen Parteien wählten Hermann Göring beide Male zum Präsidenten des Parlaments. Sie ließen ihre Vizepräsidenten auch von den Nazis wählen und halfen Göring, die Arbeit des Reichstags lahmzulegen. Initiativen von SPD und KPD wurden vom bürgerlichen Block abgelehnt und die Volksvertretung ausgeschaltet, bis hinter den Kulissen das Kabinett Hitler ausgehandelt war. Nur SPD und KPD brachten am 30. Januar 1933 Anträge ein, der Reichstag möge der Regierung Hitler das Vertrauen entziehen.

Die am antidemokratischen Intrigenspiel maßgeblich beteiligten Vorläuferparteien der CDU/CSU Zentrum und Bayerische Volkspartei (BVP) werden in bundesdeutschen Medien kaum erwähnt. Das gilt erst recht für ihre Spitzenpolitiker wie die Parteivorsitzenden Prälat Ludwig Kaas und Fritz Schäffer, aber auch den Kölner Oberbürgermeister (seit 1917) und Vorsitzenden des Preußischen Staatsrats (1920-1933), Konrad Adenauer. Mit der Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz am 23. März 1933 gaben alle bürgerlichen Parteien die Republik auf.

Gemeinsam mit NSDAP und Deutschnationaler Volkspartei (DNVP) brachten Zentrum und BVP eine außenpolitische Entschließung ein, mit der der Reichstag die verlogene friedenspolitische Rede Hitlers am 17. Mai 1933 billigte und »sich geschlossen hinter die Reichsregierung« stellte. Alle übrigen, nach der bereits im März erfolgten Annullierung der Mandate der KPD im Reichstag verbliebenen Parteien einschließlich der bereits dezimierten SPD-Fraktion, stimmten zu. Der Spiegel (3/2008) bemerkte zwar zu 1933, dass die Rolle der bürgerlichen Parteien »auf ewig ein Schandmal der Geschichte des deutschen Bürgertums bleiben« wird. Aber die für das Versagen verantwortlichen Parteien und Politiker blieben ungenannt.

Die Anonymisierung der Ja-Sager von 1933 diente ab 1948/49 der Restauration und wird heute als geschichtsideologische Legitimation für CDU/CSU, FDP und ihnen nahestehende Gruppierungen benutzt. In der erwähnten Gedenksitzung des Bundestages meinte selbst Hans-Jochen Vogel (SPD), hier sei »nicht der Ort, über die Gründe zu rechten, aus denen nicht nur die Nationalsozialisten und die Deutsch-Nationalen, sondern auch die Abgeordneten der anderen Parteien« dem Ermächtigungsgesetz zustimmten. Zutreffend stellte er jedoch fest, dass damit »der Übergang zur Diktatur vollendet und allem, was dann folgte, der Boden bereitet« war. Die verbreitete Phrase, dass es der Republik an wirklichen Demokraten gefehlt habe, ersetzt die konkret-historische Kritik.

Im Spiegel Spezial Geschichte (1/2008) zu »Hitlers Machtergreifung« fehlen in der Chronik für die ersten Monate 1933 Ereignisse, die tatsächlich für die Machtfrage entscheidend waren und Wesentliches über den entstehenden »Verbrecherstaat« (Karl Jaspers) verraten: Die geheime Rede Hitlers vor den Befehlshabern der Reichswehr am 3. Februar sowie das Treffen Hitlers und Görings mit etwa zwei Dutzend Industriellen und Bankiers am 20. Februar. An Letzterem nahmen u. a. teil: Robert Bosch (IG Farben), Alfried Krupp von Bohlen und Halbach (Reichsverband der deutschen Industrie), Hjalmar Schacht (Bankwesen) und Albert Vögler (Vereinigte Stahlwerke). Unter den mehr als dreißig Beiträgen des Heftes finden sich keine zur Rolle der Reichswehrführung, der Industrie- und Bankkapitäne sowie der Führungen der bürgerlichen Parteien. Es gibt keinen Aufsatz über das geistig-moralische Versagen des Bildungsbürgertums, insbesondere der Mehrheit der Professoren, der Justiz und der höheren Beamtenschaft. Der »Mut zur Lücke« ist atemberaubend. Längst wissenschaftlich zerpflückte Legenden und Lügen werden fortgeschrieben oder neu aufgelegt. Die meisten beamteten Historiker und wohldotierten Journalisten nehmen an dem aufklärungsfeindlichen Treiben teil oder finden sich damit ohne nennenswerten Widerspruch ab. Das politische und ideelle Widerstehen gegen die fortschrittsfeindliche Deutung der verhängnisvollsten Ereignisse deutscher Geschichte muss einmal mehr vor allem von radikaldemokratischen und antifaschistischen Bewegungen ausgehen.

Ein dunkles Kapitel

geschrieben von Axel Holz

5. September 2013

Geheimes rechtes Netzwerk während des Kalten Krieges

Juli-Aug. 2008

Daniele Ganser

NATO-Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung, Orell Füssli Verlag AG, Zürich 2008, 29, 00 Euro.

Bei einem Terroranschlag auf den Bahnhof von Bologna starben am 28. Mai 1980 85 Menschen, weitere 200 Personen wurden schwer verletzt. Damals wurde die Schuld den terroristischen »Roten Brigaden« in die Schuhe geschoben. Mittlerweile wurden in einem rechtstaatlichen Prozess die wirklichen Täter dieses Anschlages verurteilt – Rechtsradikale, die einem geheimen rechten Netzwerk angehörten

Die Wochenzeitung »Freitag« machte kürzlich auf ein Buch über die NATO-Geheimarmeen in Europa während des Kalten Krieges aufmerksam, die bis 1990 bestanden. Ein Blick in die 2008 erstmals in deutscher Sprache erschienene Dissertation des Schweizer Historikers Daniele Ganser über inszenierten Terror und verdeckte Kriegsführung im Westen Europas lohnt sich.

Weithin unbekannt und für viele Demokraten nahezu unglaublich wurde ein Netz von Geheimarmeen mit moderner militärischer Ausrüstung und Hunderten von Waffendepots in allen europäischen NATO-Staaten und darüber hinaus in der neutralen Schweiz, in Österreich, Schweden und Finnland geschaffen. Es existierte fast 40 Jahre ohne Wissen und Zustimmung der Parlamente und Regierungen von den Regierungschefs und wenigen Ministern abgesehen.

Das Beschriebene liest sich wie ein Handbuch psychologischer Kriegsführung in Friedenzeiten. Um einem befürchteten militärischen Angriff der Sowjetunion vorzubeugen, wurden Erfahrungen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges genutzt, bereits in Friedenszeiten nationale Geheimarmeen für militärische Guerillaaktionen im Hinterland zu bilden sogenannte »stay-behind-Armeen«. Rekrutiert wurden dafür bevorzugt Antikommunisten, Nazis und Rechtsradikale, die wiederum nicht selten in den nationalen Geheimdiensten ihrem Broterwerb nachgingen.

Doch es blieb nicht beim Aufbau dieses Netzwerkes und beim regelmäßigen Training der Beteiligten, die von der NATO ausgerüstet und gesteuert wurden. Gezielt wurden Attentate gegen die eigene Bevölkerung ausgeführt, um Unsicherheit zu erzeugen und den Ruf nach einer starken Hand zu provozieren. Die ursprünglichen Planungen und politisch motivierten Verbrechen sind bis heute in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Genannt seien hier terroristische Attentate in Belgien zu Beginn der achtziger Jahre, als wahllos aus geheimen Strukturen der belgischen stay-behind-Kräfte heraus Menschen in Supermärkten erschossen wurden und Bomben explodierten, deren Spuren dann linken Gruppierungen untergeschoben wurden. In verschiedenen europäischen Staaten wurden Putsche vorbereitet und durchgeführt, mit Erfolg in Griechenland und der Türkei, gescheitert in Frankreich und in letzter Minute durch ein Veto des amerikanischen Präsidenten in Italien verhindert. Für den Putschfall wurden Internierungs- und Todeslisten vorbereitet, auf denen neben Kommunisten und Gewerkschaftern auch sozialistische Politiker, wie Francois Mitterand, standen.

Für den Autor Daniele Ganser erscheint die Souveränität der westeuropäischen Staaten im Nachhinein ähnlich eingeschränkt, wie die der osteuropäischen Staaten, deren politisches Handeln durch die Breshnew-Doktrin der »eingeschränkten Souveränität« begrenzt wurde. Die Regierungen der USA und Großbritanniens befürchteten, dass vor allem in Italien, Belgien, Finnland und Griechenland Kommunisten in einflussreiche Positionen kommen könnten.

In zahlreichen stay-behind-Operationen wurden zusammen mit den Geheimdiensten linksgerichtete Politiker beobachtet und Akten angelegt. Überhaupt sprengt die Sammelwut der Geheimdienste im Kalten Krieg auch im Westen jedes Vorstellungsvermögen. Allein in Griechenland wurden über 16,5 Millionen einzelne Akten über Griechen, die als Bedrohung für den Staat angesehen wurden, durch die Geheimdienste angelegt.

Interessant ist auch, dass der Autor Verbindungen zwischen rechtsterroristischen Anschlägen in der BRD zu Beginn der 80er-Jahre und den geheimen NATO-Strukturen aufzeigt. So verweist er auf den Anschlag auf das Münchner Oktoberfest im Jahre 1980, bei dem 13 Menschen starben, darunter ein Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann vermutlich einer der Täter. 213 Menschen wurden verletzt.

Hinweisen zu den verwendeten Waffen und auf Verbindungen zu dem Rechtsextremisten Heinz Lembke wurde damals nicht nachgegangen. Der 1981 verhaftete Lembke hatte Zugang zu geheimen Waffen-Depots in der Lüneburger Heide. Er verstarb in der Haft nachdem er erklärt hatte, zu den Hintergründen der geheimen NATO-Waffen in Deutschland auszusagen. An zufällige Verbindungen zur rechtsradikalen Szene mag da kaum noch jemand glauben.

Eine parlamentarische Kontrolle der Geheimdienste habe es faktisch nicht gegeben und wenn doch, dann habe sie nicht funktioniert, so Daniele Ganser. Zahlreiche NATO-Mitglieder und andere Staaten stellten die Arbeit der beschriebenen geheimen Strukturen ab 1990 ein, Untersuchungsausschüsse dümpelten dahin, aber an eine Aufarbeitung war nicht zu denken. Mit dem Beginn des ersten -Irakkrieges konnte die NATO keine »negative« Presse gebrauchen. Der Autor lege erstmals umfassend die dunkle Seite des Westens offen eine geheime Parallelwelt, deren Bewohner überall kommunistische Umtriebe witterten, kommentierte der Spiegel. Zu deren Abwehr sei ihnen nahezu jedes Mittel recht gewesen.

Reporter aus Leidenschaft

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Ausstellungen und eine neue Publikation zu Egon Erwin Kisch

Juli-Aug. 2008

Klaus Haupt

Egon Erwin Kisch (1886-1948) Der rasende Reporter aus dem Prager ›Haus zu den goldenen Bären‹«, Hentrich & Hentrich, 72 Seiten, 6,90 Euro.

Zu beziehen auch über www.mediengalerie.org

Bei der heute üblichen Manie, jedermann/frau in eine Schublade abzulegen, würde man ihn vielleicht einen »investigativen Journalisten« nennen, einen »Aufdecker« oder »Enthüller«, diesen Egon Erwin Kisch, den die ver.di-Mediengalerie im Berliner Haus der Buchdrucker anlässlich seines 60. Todestages vom 1. April bis zum 16. Mai mit einer beeindrucken Ausstellung gewürdigt hat. Wer sie damals nicht sehen konnte, kann sie in Ausschnitten noch bis zum 25. September in der Galerie Olga Benario, in Berlin betrachten. Der Weg dort hin lohnt, wenn auch, wie gesagt, schon wegen des erforderlichen Platzes, nicht mehr die ganze Ausstellung des Wiener Jüdischen Museums gezeigt werden kann. Zur Auffüllung der Lücken sei dem potentiellen Besucher das Büchlein »Egon Erwin Kisch Der rasende Reporter Aus dem Prager ›Haus zu den goldenen Bären‹« aus der Reihe Jüdische Miniaturen des Verlages Hentrich & Hentrich empfohlen.

Der Berliner Journalist Klaus Haupt, der auch an der Ausstellung in der Mediengalerie beteiligt war, und dem Wirken Kischs seit langem verbunden ist, zeichnet hier die Lebensstationen des Mannes nach, der seine Vita einmal in den Satz zusammen fasste: »Ich bin Tscheche, ich bin Deutscher, ich bin Jude, ich bin Kommunist, ich komme aus gutem Hause irgendetwas davon hat mir immer geholfen.« Geholfen hat ihm aber zuvörderst sein Drang, den Dingen auf den Grund zu gehen, die Welt erkennbar zu machen, um sie lebenswert für alle zu gestalten.

Klaus Haupt erzählt vom Leben und Wirken Kischs in Prag und von seinen Berliner Jahren. Bei seinem ersten Berlin-Aufenthalt muss er mit den Hauptstädtern nicht nur gute Erfahrungen gemacht haben, Haupt zitiert aus einem Brief vom 11. November 1905 an den Bruder: »Berlin im allgemeinen ist direkt furchtbar. Trotz der Annehmlichkeiten, welche das ungestörte, selbständige Leben bietet, wäre ich lieber in Prag. Der Berliner ist im allgemeinen ein Ekel, im besondere zwei Ekel, die Berlinerin ein ganzes Konglomerat von Ekel.« 1921 siedelte Kisch ganz nach Berlin über. Sein Aufenthalt fand 1933 mit der Machtübertragung an die Faschisten ein jähes Ende. Nach dem Reichstagsbrand wurde er festgenommen, in das Zuchthaus Spandau verschleppt und am 11. März 1933 aus Deutschland ausgewiesen. Am 10. Mai wurden auch seine Bücher auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Der Leser wird mitgenommen auf die Reise nach Frankreich, wo Kisch Zeugnis gibt von der faschistischen Herrschaft in Deutschland und folgt ihm 1934 auf der Fahrt nach Australien. Hier soll er als Delegierter des Weltkomitees gegen Krieg und Faschismus am Antikriegskongress teilnehmen. In »Landung in Australien« ist nachzulesen, wie diese Reise verlaufen ist.

Mit Wort und Feder ist Kisch in Spanien selbstverständlich auf der Seite derjenigen, die die Republik gegen die Franco-Putschisten und ihre deutschen und italienischen faschistischen Verbündeten verteidigen. Es folgen ein Aufenthalt in den USA und dann als letzte Station Mexiko, wo viele antifaschistische Emigranten Zuflucht gefunden haben. Hier entsteht sein letzter großer Reportageband »Entdeckungen in Mexiko«. Klaus Haupt zitiert hierzu einen Brief des ebenfalls im Exel lebenden Schriftstellers Heinrich Mann: »Er hat ein artistisches Gefühl für die Wirkungen der Sprache, die er schreibt, für das Innere der Menschen, mit denen er spricht .«

Am 31. März 1948 hörte das Herz des »rasenden Reporters« auf zu schlagen. Er starb in Prag, seiner Geburtsstadt. »Er war ein Mann mit Charisma und Charakter«, resümiert Klaus Haupt, »ein jüdischer Kommunist. Er liebte die Wahrheit und den Report über das wahre Leben über alles, ein Reporter und Schriftsteller mit Leidenschaft.«

Fast ein Lexikon

geschrieben von Alfred Fleischhacker

5. September 2013

Sammelband mit Zeugnissen über das jüdische Brandenburg

Juli-Aug. 2008

Irene A. Diekmann (Hg.)

Jüdisches Brandenburg. Geschichte und Gegenwart, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 2008, ca. 700 Seiten, ca. 300 s/w-Abbildungen, Hardcover, 29,95 Euro

Wer sich für jüdisches Leben in Brandenburg interessiert, kann neuerdings getrost auf Google verzichten. 28 Autorinnen und Autoren haben auf mehr als 700 Seiten das Ergebnis ihrer Recherchen publiziert. Im Auftrag des Moses Mendelsohn Zentrums für europäische jüdische Studien liegt das im Verlag Berlin-Brandenburg erschienene, im Wortsinn gewichtige Buch es bringt immerhin 1,6 kg auf die Waage jetzt vor. Herausgeberin ist Irene A. Diekmann.

Gegliedert in 13 Ortskapitel, beginnend in Beelitz und endend in Rathenow, wird beschrieben, wie sich das Leben der Juden entwickelte. Da erfährt man zum Beispiel über Guben, dass hier der weltliche Herrscher Rudolf I. am 13. Oktober 1319 die rechtliche Gleichstellung von Juden mit anderen Stadtbürgern per Urkunde verfügte. Es irrt jedoch wer glaubt, so sei es überall und vor allem permanent gewesen. Vielmehr gab es im Umgang mit der jüdischen Minderheit über die Jahrhunderte ein ständiges Auf und Ab. Pogrome, Ausgrenzungen, institutionelle und physische Gewalt gehörten zum immer wieder eingesetzten Instrumentarium der Mächtigen.

Doch auch die Mitglieder der Jüdischen Gemeinden brachten das wirtschaftliche Leben in Brandenburg mit voran. Wer weiß schon, dass das in aller Welt wegen seiner Weichheit geschätzte Nappaleder einem jüdischen Erfinder zu verdanken ist? 1832 gründete Hermann Meyer in Guben eine Lederfabrik. Einer seiner Nachfahren entwickelte die neue Technologie zur Veredelung des Produkts. Der Familienbetrieb wuchs zu einem angesehenen mittelständischen Unternehmen, bis die Nazis es nach der Pogromnacht 1938 liquidierten.

In ungefähr einem Dutzend Essays werden allgemeine Aspekte des Zusammenlebens von Juden und Angehörigen anderer Religionen untersucht. Etwa der lange Weg des 14-jährigen Knaben Moses Mendelssohn nach Berlin. Der brach im Herbst 1743 in Dessau auf. Um zu seinem Bestimmungsort zu gelangen, musste er mehrere Male brandenburgische Besiedelungen durchqueren. Überall gab es Stadttore, Sperren und Zölle, die vor allem von Juden eingefordert wurden. Der junge Wanderbursche aus Dessau war auf die Hilfe seiner Glaubensbrüder angewiesen. Von denen gehörten etwa die Hälfte zu den Armen, ebenso viele zu den Bessergestellten, nur drei Prozent waren wirklich wohlhabend. Aus dem Knaben Moses Mendelsohn wurde in der Tat ein ganz Reicher: An Geist und Wissen, in der maßgeblich von ihm mitgeprägten Epoche der Aufklärung.

Natürlich hat Kurt Tucholskys Aufenthalt mit seiner späteren ersten Ehefrau Else Weil in Rheinsberg auch Eingang in das Buch gefunden.

Kritisch hinterfragt wird auch die ambivalente Haltung der urmärkischen Dichters Theodor Fontane zum Judentum. 1855 wünschte dieser ein Aufgehen der Juden im Deutschtum. Ihr Übertritt zum Christentum sei dafür die Voraussetzung. Doch zugleich warnte er vor anti-jüdischer Radikalisierung in der Gesellschaft, falls der Prozess der »Amalgamierung« nicht glücken würde. Leider haben sich die meisten Brandenburger, als die Nazis die Macht übernahmen und die Juden innerhalb weniger Jahre für vogelfrei erklärt wurden, nicht mehr an die warnenden Worte ihres Dichterfürsten erinnern wollen.

Nach Redaktionsschluss wurde das Ergebnis einer Vergleichsstudie über antisemitische Gewalt bekannt. Im Auftrag des Moses-Mendelsohn-Zentrums wurde sie in zwölf europäischen Ländern durchgeführt. Danach haben ein Fünftel der Europäer antisemitische, beziehungsweise antijüdische Vorurteile. Im Kopf von 39 Prozent der Italiener ist gespeichert, dass Juden eine besondere Beziehung zu Geld hätten …

1945/46 als die Mark, wie das ganze Land, ein großer Trümmerhaufen war, gab es in Brandenburg nur noch einige Hundert Juden. Erst zu Beginn der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts begann eine neue Ära. Etwa 7.500 sogenannte Kontingentsflüchtlinge jüdischer Herkunft aus der ehemaligen UdSSR ließen sich in Brandenburg nieder. Nach neuesten Schätzungen hat etwa die Hälfte von ihnen dort eine neue Heimat gefunden. Ein nicht immer reibungsloser, aber hoffnungsvoller Neuaufbau jüdischen Lebens ist in Gang gekommen.

Wer wissen möchte, wie Jüdisches Leben sich über Tausend Jahre in Brandenburg entwickelte, findet in dem Band mit Sicherheit unzählige Anregungen.

Buchenwalder Lebensbilder

geschrieben von Gerd Deumlich

5. September 2013

Von beeindruckender Authentizität und Aktualität

Juli-Aug. 2008

Peter Hochmuth, Gerhard Hoffmann

Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen, Lebensbilder, in der Reihe: Texte/Rosa-Luxemburg-Stiftung, Band 35, mit 58 Abbildungen

Am 17. Juni beschloss das Bundeskabinett das »Gedenkstättenkonzept« des Kulturstaatsministers Neumann. Das Lob als ein »Meilenstein der Erinnerungsarbeit« hat es sich wohl dadurch verdient, dass da breiten Raum die »Erinnerung an die SED-Diktatur« einnimmt hier bestehe »Nachholbedarf« , während es beim »NS-Gedenken« eine »gewachsene Struktur« gebe.

Nun gibt es Erfahrungen genug, wie solche, hier regierungsoffiziell betriebene Handhabung der Totalitarismus-Doktrin auf die diskreditierende Entstellung des antifaschistischen Widerstandes hinausgeht. Da haben literarische Zeugnisse einen unschätzbaren Wert, die der Verklärung des Faschismus durch Geschichtsrevisionismus die Wahrheit entgegensetzen, wie die Lebensbilder von achtzehn ehemaligen deutschen KZ-Häftlingen, die Peter Hochmuth und Gerhard Hoffmann herausgegeben haben.

So unterschiedlich die Biografien dieser Menschen sind, ist ihnen eines gemeinsam: Alle gingen durch die Hölle von Buchenwald, die die Nazis in der idyllischen Landschaft auf dem Ettersberg bei Weimar angelegt hatten. 100.000 Menschen aus vielen Ländern Europas kamen hier ums Leben, ermordet, verhungert, Opfer von »Medizinexperimenten«, Verzweifelte, die ihrem Leben selbst ein Ende setzten. Von den Achtzehn, die von dem barbarischen KZ-Regime zeugen, waren einige aktiv an der bewaffneten Selbstbefreiung des Lagers am 11. April 1945 beteiligt. Fast alle waren unter den 21.000 Überlebenden, die auf dem Befreiungsmeeting im Lager den Schwur von Buchenwald leisteten: »Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel«. Einige von ihnen sind immer noch aktiv, um der jungen Generation die Wahrheit über den Faschismus zu vermitteln.

Gegen die Verfälschung deutscher Geschichte, wofür die KZ-Gedenkstätte Buchenwald ein bevorzugtes Objekt ist, bezeugen ehemalige Buchenwalder, wie sie, aus der KPD, der SPD, der SAP kommend, aus der Erfahrung mit dem aufkommenden Faschismus vom ersten Tage an organisierten Widerstand gegen die Nazi-Diktatur leisteten. Tatsachen gegen die Auslöschung des Arbeiterwiderstandes im offiziellen Geschichtsbild. Dafür steht das Lebensbild eines Offiziers, der zur Verschwörung des 20. Juli gerechnet wurde und aus seiner eigenen Erfahrung den Schwur von Buchenwald »zu meinem eigenen machte«.

War die faschistische Kriegspolitik ein entscheidender Antrieb zum Widerstand, erlebten sie einige als Sklaven der Rüstungsindustrie in den Stollen von Buchenwald-Mittelbau/Dora, wo die Faschisten die V-Waffen für den »Endsieg« bauen ließen. Und mit diesem Kriegswahnsinn glaubt man heute das antifaschistischen Regime der DDR gleichsetzen zu können!

Die Infamie dieser antikommunistischen Masche belegen auch die Lebensbilder der Verfolgten jüdischer Herkunft, der »Zigeuner«, des »Negerbastards« Opfer des Rassismus, der sich in den unvergleichlichen Völkermordverbrechen das deutschen Faschismus austobte. Solche Menschen bezeugen, dass Kommunisten, die im Lager die Solidarität gegen die SS-Schergen organisierten, ihnen das Leben retteten. Entgegen den verleumderischen Legenden über die »roten Kapos«.

Großen Respekt für alle Achtzehn, die mit ungebrochenem antifaschistischem Engagement ihre Sache verteidigen bis ins Heute, da der Schwur von Buchenwald noch gegen neonazistische Exzesse und gezielt verbreitete Vorurteile und Lügen verfochten werden muss.

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