Der aufrechte Gang

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Zur Ausstellung »Guido Zingerl. Regensburger Welttheater«

Jan.-Feb. 2009

Die Ausstellung »Guido Zingerl. Regensburger Welttheater« ist noch bis zum 1. März 2009 in Städtischen Galerie »Leerer Beutel«, Regensburg, Bertoldstr. 9 zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag mit Sonntag, 10 bis 16 Uhr. Am Dienstag, 24. 2. 2009 (Faschingsdienstag) ist die Galerie geschlossen.

Das zur Ausstellung erschienene Begleitbuch »Guido Zingerl. Regensburger Welttheater«, (126 S., zahlreiche vierfarbige und sw-Abbildungen) ist für 19,50 Euro + Versandkosten zu erhalten über »Museen der Stadt Regensburg«, Postfach 11 06 43, 93019 Regensburg, e-mail: museen_der_stadt@regensburg.de

Deutsche Gartenzwerg-Michel wie das treuherzig dreinschauende Wesen mit der sauberen Schürze und dem tropfenden Beil gibt es im Karikaturenwerk des Künstlers Guido Zingerl öfter. Auf einer Zeichnung für eine Postkartenserie der VVN-BdA aus den 90er-Jahren sitzt so einer (da ohne Zipfelmütze) im Fernsehsessel. Am Bildschirm ein Jet mit Balkenkreuz-Flügeln beim Bombenabwurf. Begeisterter WM-Jubel vom Zuschauer-Michel: »Deutschland, Deutschland«.

Als Bildsatiriker ist Zingerl ein Meister der Eindeutigkeit. »Geschmacklos« und »Klischees« lauteten nicht selten Reaktionen auf seine Zeichnungen – die moderateren. Vor Jahrzehnten schon hat Zingerl solche Kritik an (nicht nur) seiner Kunst mit einer heute wieder recht aktuellen Karikatur bedacht: Der Künstler steht neben seiner Staffelei, davor ein Banker mit Melone auf dem Kopf, Vampirzahn und Geldsack. Das Bild auf der Staffelei zeigt das Konterfei eines Bankers mit Melone, Vampirzahn, Geldsack. »Die Ähnlichkeit«, sagt der Banker zum Künstler, »war bei den Abstrakten doch besser!«

Bildsatiren, Karikaturen, Comics: Auch davon ist ein bisschen zu sehen in der großen Werkschau von Bildern Guido Zingerls, die seit November 2008 in Regensburg im historischen Gebäude »Leerer Beutel« gezeigt wird. In erster Linie aber sind es die in knapp fünf Jahrzehnten entstandenen Einzelgemälde und Bilderzyklen des heute im oberbayerischen Fürstenfeldbruck lebenden Malers und Grafikers, die unter dem Titel »Regensburger Welttheater« versammelt wurden.

Es gibt mancherlei Komisches, Satirisches, dominierend aber ist in den sehr oft quadratischen Bildformaten mit den leuchtenden Acrylfarben (mit viel Schwarz dazwischen) eine Sicht, die uns hineinzieht in ein doch recht Furcht erregendes Gewimmel und Gewirr von menschlichen Figuren, technischen Gerätschaften, Verdrahtungen und Schlauchverbindungen. Nach wie vor meist gut zu erkennen, aber gar nicht mehr zum Lachen sind die Strippenzieher und die anderen, die an und in den Drähten hängen. Fließende Übergänge und Funktionswechsel inbegriffen.

Das Bild »Der aufrechte Gang« (entstanden 1982, siehe die Titelseite dieser antifa), steht als bedeutsame Station im Werk des Künstlers für die von ihm bis heute immer wieder aufgenommene bildnerische Auseinandersetzung mit unserer jüngeren Geschichte, mit Faschismus, Verfolgung und Widerstand, Tätern und Opfern. Ein heroisches Bild ohne Siegerpose, ein Held, der sich noch im Tode hinaushebt über die Mörder und die Vollstrecker und über deren Befehlsgeber im Bildhintergrund.

Zu den Gemälden und Zeichnungen, die Zingerl diesem Thema widmete und widmet und deren viele in der aktuellen Ausstellung zu sehen sind, gehören die Hommage aus dem Jahr 2006 für den jüdischen Schriftsteller und NS-Verfolgten Edgar Hilsenrath (dem Verfasser der Romane »Nacht« und »Der Nazi und der Frisör«), viele »heimatgeschichtliche« Allegorien und nicht wenige der literarischen Interpretationen, Adaptionen und Illustrationen des Künstlers. Auch »Auftragswerke« gehören dazu, die in der Ausstellung nicht zu sehen sind. Für die VVN-BdA etwa Porträt-Würdigungen antifaschistisch Widerständiger wie Centa Herker-Beimler oder Alfred Hausser zu damaligen »runden« Geburtstagen.

Das Zingerl’sche »Welttheater« hat in Regensburg, der Geburtsstadt des Künstlers, einst seinen Ausgang genommen. Der Direktor der Museen der Stadt, Martin Angerer, nennt ihn im Begleitbuch einen »wunderbaren Unangepassten«. Vorne im Buch steht auch das bei der Ausstellungseröffnung von Oberbürgermeister Hans Schaidinger (CSU) gehaltene Grußwort: »Ganz wenigen ist es gelungen, aus der ehemaligen Reichsstadt wegzugehen und doch stets präsent zu bleiben. Einer dieser ganz wenigen ist der Künstler Guido Zingerl, der vor 75 Jahren als Heinrich Scholz in Regensburg geboren wurde. (…) Ohne ihn wäre die Regensburger Kultur um manches ärmer.«

Ausstellungsplakat und Titelbild des Begleitbuches: das Bild »Die Überfahrt II«. Ein Boot im Wirbel des berühmten Regensburger Donaustrudels. Am Ruder der Tod; an Bord bunt gemischtes Volk. Ein Bischof scheint »Huch« zu sagen, der Militär hat vorsorglich die Gasmaske auf, ein Typ mit Melone und ein paar andere haben noch einen Mordsspaß. Auf dem Liebespaar, das in sich selbst versunken scheint, liegt schon ein enthäuteter Leichnam, unter den noch Fröhlichen auf dem Kahn sind andere »begraben«: KZler im gestreiften Gewand, viele Schädel und Gebeine. Eine nicht gerade optimistische Fortsetzung der von der Stadt einst angekauften und für die Ausstellung endlich wieder einmal aus dem Depot befreiten umfangreichen Jahrhunderte übergreifenden Bilderchronik »Aufzeichnungen eines Donauschülers« (1986/87) von Guido Zingerl.

»antifa«Ausgabe Nov.-Dez. 2008

geschrieben von Foto: privat

5. September 2013

Nov.-Dez. 2008

»Soeben sind wir raus aus Deutschland« – erster Kindertransport nach England am 1. Dezember 1938. Die Kinder werden in Holland willkommen geheißen.

Demonstration der Jugendlichen Ohne Grenzen anlässlich des Tags der Kinderrechte und der Innenministerkonferenz

Donnerstag 20.11.2008, Potsdam

Siehe S. 12

Editorial

geschrieben von Regina Girod

5. September 2013

Nov.-Dez. 2008

Vor 70 Jahren, am 9. November 1938, gaben die Faschisten mit der Inszenierung landesweiter Pogrome den Startschuss zu der von ihnen geplanten systematischen Vernichtung der Juden. Der Entrechtung, die schon 1933 begonnen hatte, folgte nun der offene Terror. Neben der Zerstörung von Synagogen, Einrichtungen und Geschäften wurden tausende jüdische Männer in KZs verschleppt. Das Signal war eindeutig: Von nun an ging es nur noch um das nackte Überleben. Doch wohin sich retten? In dieser Situation beschloss die englische Regierung, 10.000 jüdischen Kindern aus Deutschland Asyl zu gewähren. Bereits drei Wochen nach den Novemberpogromen rollte der erste Zug von Berlin nach London. Viele der Kinder waren später die einzigen Überlebenden ihrer Familien. Alfred Fleischhacker, langjähriger Autor der antifa, gehörte zu ihnen. Er berichtet im Gespräch von seinen Erinnerungen.

Gerade diese historischen Erfahrungen sollten die Bundesrepublik Deutschland eigentlich zu einem mustergültigen Asylland machen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die gezielte Abschottung der Festung Europa wird auch hier rigoros betrieben. Opfer dieser Politik sind immer wieder auch Kinder, denen ihre in der UN Kinderrechtskonvention festgeschriebenen Rechte vorenthalten werden. Für die im November in Potsdam stattfindende Konferenz der Innenminister ruft deshalb ein breites Bündnis zu Protesten auf. »Jugendliche Ohne Grenzen« und das Aktionsprogramm »Hiergeblieben« erläutern, worum es konkret geht.

Das »Spezial« dieser Ausgabe widmet sich diesmal einem Thema, das in der Arbeit unseres Verbandes immer eine bedeutende Rolle spielte: Entschädigung. Mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Krieges erinnert sich Dr. Ulrich Rabe an seine Arbeit im OdF-Ausschuss einer sächsischen Kleinstadt. Die Bundessprecher Ulrich Sander und Gerhard Fischer erläutern historische, politische und juristische Aspekte der Entschädigungsproblematik, die auch weiter ein wichtiges Arbeitsfeld der VVN-BdA bleiben wird.

Meldungen

geschrieben von Zusammengestellt von P. C.Walther

5. September 2013

Nov.-Dez. 2008

Das oberste italienische Berufungsgericht hat die Bundesrepublik dazu verurteilt, an die Opfer deutscher Kriegsverbrechen eine Entschädigung zu zahlen. Die Bundesregierung verweigert dies jedoch, weil Zivilklagen unter die Staatenimmunität fallen würden. Dagegen erklärte das italienische Gericht, dass dies bei der Haftung für Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht zutreffe. Die Kläger drohen nunmehr mit der Pfändung deutschen Eigentums in Italien oder anderen Ländern.

Deutlich höher als bisher benannt liegt im ersten Halbjahr 2008 die Zahl rechtsextremer Straftaten. Durch Nachmeldungen hat sich die Zahl um 3.300 auf 10.655 erhöht. Das ergab die Regierungsantwort auf Nachfragen von Petra Pau (Die Linke). Im sächsischern Landtag rief der Neonazi Klaus-Jürgen Menzel zum Waffeneinsatz gegen »Zionisten, Freimaurer und andere Psychopathen« sowie gegen »Rotfront und Antifa« auf. Gegen die würden »nur noch Handgranaten« oder »die Panzerfaust« helfen.

Bei den Kommunalwahlen in Brandenburg steigerten NPD und DVU ihre Stimmenanteile von zusammen 1,5 auf 3,4 Prozent. Sie erreichten den Einzug in 13 von 14 Kreistagen sowie in die Stadtparlamente von Potsdam und Cottbus. In Bayern errangen bei der Landtagswahl Republikaner und NPD zusammen 2,6 gegenüber vorher 2,2 Prozent. Vor fünf Jahren hatten nur die REPs kandidiert.

Ein breites Bündnis von linken bis bürgerlichen Rechtsextremismus-Gegnern trat im September in Köln dem »Antiislamisierungskongress« der rechtsgerichteten Vereinigung »Pro Köln« entgegen. An den Protesten beteiligten sich rund 50.000 Menschen. Der Massenprotest und Sitzblockaden verhinderten eine vorgesehene Kundgebung der Rechtsextremisten. Die Polizei verzichtete auf eine gewaltsame Räumung der Straßen für die Rechtsradikalen, kesselte aber dennoch rund 500 Demonstranten ein und hielt sie bis zum Morgengrauen fest.

Erneut das Verbot der NPD forderten u.a. der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber, Ex-Ministerpräsident Harald Ringstorff, Bundeministerin heidemarie Wieczorek-Zeul und der Sprecher des Innenministeriums von Sachsen-Anhalt, Martin Krems. Er erklärte, das NPD-Verbot sei wichtiger und wirksamer als die Absicht der Schweriner Landesregierung, mit Hilfe einer Kommunalwahlrechtsänderung und Anfragen beim Verfassungsschutz Neonazis von Wahlkandidaturen ausschließen zu wollen.

Heftige Proteste von Nazigegnern führten in Hamburg zur Schließung eines Neonazi-Ladens der Marke »Thor Steinar«. In Berlin und Magdeburg gaben Gerichte den Räumungsklagen gegen »Thor-Steinar«-Läden statt. In Dresden forderten über tausend Demonstranten die Schließung des »Thor Steinar«-Ladens am Ferdinandplatz.

Gegen den Entscheid der Kasseler Staatsanwaltschaft, den Neonazi-Gewalttäter, der in Nordhessen beim Überfall auf ein Zeltlager eine 13-Jährige fast totgeschlagen hat, nur auf »gefährliche Körperverletzung« hin und nicht wegen Mordversuch oder versuchtem Totschlag anzuklagen, haben die Anwälte des Opfers einen entsprechenden Änderungsantrag gestellt. Gegen den Gewalttäter wurden bereits fünf Ermittlungsverfahren immer wieder eingestellt. Das Amtsgericht hat dem Antrag entsprochen und das Verfahren ans Landgericht verwiesen.

Gegen die neofaschistische »Heimattreue Deutsche Jugend« (HDJ) fand eine bundesweite Razzia statt. In den Kinder- und Jugendlagern der HDJ findet neben nazistischer Indoktrination auch paramilitärische Ausbildung statt.

NPD-Anwalt Jürgen Rieger setzt seine scheinbaren oder tatsächlichen Immobilienerwerbsgeschäfte fort. Erneut kündigte er den Kauf von Immobilien für die NPD an. Beobachter vermuten, dass damit in vielen Fällen die Preise hochgetrieben werden sollen, wenn die betroffene Kommune von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch macht, um eine vermeintliche NPD-Ansiedlung zu verhindern.

Ende November soll in Berlin am Bahnhof Friedrichstraße eine Gedenkskulptur eingeweiht werden, die an die Kindertransporte nach Großbritannien erinnert, mit denen vor siebzig Jahren rund tausend Kindern das Leben gerettet wurde. Die Skulptur soll gleichzeitig an die späteren »Züge in den Tod« erinnern, mit denen Tausende vor allem jüdische Kinder in den Tod transportiert wurden.

Andere Strukturen schaffen

geschrieben von Peter C. Walther

5. September 2013

Finanzkrise: Es geht auch um Sicherung und Ausbau der Demokratie

Nov.-Dez. 2008

Täter als Opfer

Einer der eifrigsten Propagandisten des Neoliberalismus in Deutschland, IFO-Präsident Hans-Werner Sinn, setzte die Kritik an Bankmanagern mit der Hetze gegen Juden in den dreißiger Jahren gleich. Mit diesem ungeheuerlichen Vergleich von berechtigter Kritik an Bankmanagern, den Tätern der Finanzkrise, mit der Hetze gegen Juden und damit auch mit deren späterer Verfolgung und Ermordung, folge er einer bekannten Masche, »um sich damit unter die Opfer einreihen zu können«, kommentierte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, die Sinnsche Geistesleistung.

Die Finanzmarktkrise und eine womöglich damit verbundene Weltwirtschaftskrise beherrschen in diesen Wochen nicht nur die Schlagzeilen, sondern auch die meisten politischen Überlegungen und Handlungen. Die Folgen des ungezügelten Kapitalismus sind in allen Bereichen und für jeden spürbar.

Über die Ursachen des Desasters wird viel geschrieben und spekuliert. Hauptursache ist zweifelsohne die Brachialgewalt eines ungebremsten Finanzkapitalismus, dessen Zügellosigkeit von der Politik erst ermöglicht wurde. Da wurde kräftig dereguliert, »freie Bahn« fürs Kapital geschaffen, »Hemmnisse und Bürokratie abgebaut«, wie das schönfärberisch genannt wurde. Hinzu kamen die geistigen Wegbereiter in Hochschulen, Propagandafilialen und den Medien. Sie sangen Tag für Tag das Hohelied des Neoliberalismus, des »freien Marktes« und der »Reformen«.

Die Folgen sind gravierend. Nicht nur die Finanzmärkte brechen ein, schlimmer noch sind die Bedrohungen für die wirtschaftliche Entwicklung. Die Arbeitslosigkeit, noch immer weit verbreitet, wird erneut wachsen. Die Armut ist selbst in Deutschland, das zu den reichsten Ländern gehört, gewachsen und wächst weiter; ebenso die Zahl ungeschützter Arbeitsverhältnisse und miserabler Arbeitsbedingungen.

Das alles hat nicht nur soziale und ökonomische Auswirkungen. Es stellt vor allem auch den Bestand und die Perspektive der Demokratie in Frage. Dabei geht es nicht nur um den gegenwärtigen Zustand unserer Demokratie, der unvollständig und unbefriedigend ist, vor allem weil sie von demokratieferner Wirtschafts- und Kapitalmacht eingeengt wird und weil ihr noch immer die ausreichende soziale Basis fehlt. Es geht um den Bestand des Demokratiefundaments überhaupt – und gleichzeitig um damit verbundene Einfallstore für neofaschistische Ideologien und Praktiken.

Die Folgen dieses Brutalkapitalismus und nun erst recht der von ihm verursachten Krisen werden von den Nazis unserer Tage zu nutzen versucht, Existenz- und Zukunftsangst, Frust und soziale Not für ihren Nazismus und Rassismus zu verwerten.

Wenn die demokratischen Kräfte es in dieser Krisensituation nicht schaffen, klare Wege aus der Krise aufzuzeigen und vor allem Maßnahmen durchzusetzen, die den Ursachen der Krisen zu Leibe gehen und grundlegend andere Strukturen schaffen, wenn das nicht gelingt, hat das nicht nur schlimme soziale und wirtschaftliche Folgen, es drohen auch gravierende Folgen für den Fortbestand der Demokratie, die wir ausbauen müssen, niemals aber einschränken oder gar beseitigen lassen dürfen.In diesen Tagen wird oft an die verheerenden Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929 erinnert. In Deutschland trugen sie zur Etablierung der Herrschaft des Faschismus bei. Natürlich steht nicht eine Wiederkehr des Hitlerfaschismus in alter Form bevor; doch auch »moderne« autoritäre Strukturen können die Demokratie aushebeln.

Bekämpft und verhindert werden muss daher gerade in der heutigen Krisensituation der Abbau von Demokratie, wie er gegenwärtig – die Krise nutzend – nicht nur mit der Etablierung von Entscheidungsgremien fern des Parlaments und dem Erlass einer Art von Notverordnungen betrieben wird, sondern vor allem auch mit dem fortgesetzten Ausbau von Überwachungs- und »Sicherheits«-Gesetzen sowie einer fortschreitenden Militarisierung der Gesellschaft bis hin zum Bundeswehreinsatz im Innern.

Wir brauchen gerade jetzt erst recht m e h r, nicht weniger Demokratie und wir müssen die Barrieren gegen das Anwachsen rechtsradikaler Einflüsse noch höher bauen.

War Mölders ein Held?

geschrieben von Regina Girod

5. September 2013

Die Zeitschrift »Das Parlament« brüskiert den
Bundestag

Nov.-Dez. 2008

»Das Parlament«, herausgegben vom deutschen Bundestag, verbreitet Informationen über das parlamentarische Leben und die Positionen des Bundestages.

Die Deutungshoheit über die Geschichte ist heiß umkämpft in diesem Land. Jüngster Beweis: der Abdruck einer euphorischen Besprechung des Buches »Jagdflieger Werner Mölders. Die Würde des Menschen reicht über den Tod hinaus.« in der Zeitschrift »Das Parlament«. In der Politik entscheidet das Kräfteverhältnis und das kann man verschieben. Sagt sich offenbar die »Mölders-Vereinigung«, die seit 2005 erbittert gegen die Entscheidung des Verteidigungsministeriums anrennt, dem Luftwaffenjagdgeschwader JG 74 den Namen Werner Mölders zu entziehen. Grundlage dieser Verfügung war eine Entscheidung des Bundestages von 1999 (!), Angehörigen der Legion Condor kein ehrendes Andenken mehr zu erweisen und ein Gutachten des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes zur Person von Mölders. Die neue Mölders-Biografie versteht sich als Antwort auf eben dieses Gutachten und will den 1941 abgestürzten Kriegshelden rehabilitieren. Also kommt ihr Autor, Hermann Hagena, pensionierter Luftwaffengeneral und ehemaliger Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr, ganz im Sinne heutiger Deutungsmuster zu neuen Erkenntnissen. Zum Opfer kann man den Mann, der mit Begeisterung Bomben abwarf und »Feinde vernichtete« schlecht machen, aber im »inneren Widerstand« zum NS-Regime hat er sich denn doch befunden. Schließlich war Mölders Katholik. An der Bombardierung Guernicas war er nicht persönlich beteiligt und die Stadt Corbera am Ebro wurde nicht von den dort im Einsatz befindlichen Flugzeugen der Legion Condor zerstört, sondern von der Artillerie. Punkt. Bleibt zu hoffen, dass der Bundestag auf diesen Reinwaschungsversuch angemessen reagiert.

Keine Gemeinsamkeiten!

geschrieben von P. C.Walther

5. September 2013

Selbstverständliche Grundregeln im Umgang mit Neonazis

Nov.-Dez. 2008

Eigentlich sollten für den Umgang mit Neonazis in Parlamenten, ebenso wie in anderen Politikbereichen, einige Grundregeln selbstverständlich sein: Ihnen prinzipiell immer entgegenzutreten, ihre Propaganda zu entlarven, vor allem dann, wenn sie scheinbar kritische und berechtigte Positionen verkünden, ihnen aber keinen Deut entgegenzukommen und ihnen keine Plattform zu bieten.

Mit Neonazis kann es keine Gemeinsamkeiten geben. Nazis sind und bleiben Verfechter einer verbrecherischen Politik. Diese Erfahrung aus der Zeit als Nazis das Land beherrschten, ist unauslöschbar in unser Gedächtnis eingebrannt. Man sollte meinen, dass das für alle demokratische Gruppierungen von rechts bis links unstrittig ist.

In einigen Landkreisen Sachsens ist jedoch anderes passiert. Dort erhielten in vier Landkreisen – also keineswegs ein Einzelfall! – NPD-Abgeordnete bei Gremienwahlen mehrmals Stimmen auch aus anderen Fraktionen. Dies auch bei dem bundesweit bekannten NPD-Chefideologen Holger Apfel, der neben seinen Funktionen als Vizeparteivorsitzender und Fraktionschef im Landtag auch im Kreistag von Meißen sitzt.

Im Kreistag Nordsachsen erklärte CDU-Vizefraktionschef Roland Märtz, man könne NPD-Anträge doch »nicht einfach ablehnen, nur weil die NPD sie stellt«. Im Stadtparlament von Dresden führte eine solche Auffassung – wie es hinterher hieß: aus Unachtsamkeit – dazu, dass zusammen mit Abgeordneten der CDU und FDP auch Abgeordnete der Linken für einen Antrag des neonazistischen »Nationalen Bündnisses« stimmten, weil dieses überfallartig beantragt hatte, für die Opfer des 11. September eine Gedenkminute einzulegen und die Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) den Neonazi-Antrag prompt zur Abstimmung stellte.

Solche »Unachtsamkeit« darf es bei allem, was von Neonazis kommt, nicht geben. Ein solcher Grundsatz müsste doch leicht einzuhalten sein. Es sei denn, eine geistige Nähe zu Rechtsradikalen und Neonazis ist gegeben, wie etwa beim stellvertretenden Landesvorsitzenden des Bundes der Vertriebenen in NRW, Heinrich Neugebauer (CDU). Er liefert nicht nur Beiträge für das »Ost-West-Panorama«, einer »Monatszeitung für Russlanddeutsche«, wo er sich neben NPD-Chef Udo Voigt und NPD-Generalsekretär Peter Marx wiederfindet, sondern hält das auch für unerheblich. Schließlich dürfe »in einer Demokratie jeder schreiben, was er will«. Nur »die Antifas«, erklärt Neugebauer, die seien »schlimmer als alle Hooligans zusammen« – womit er eine weitere gemeinsame Basis mit Neonazis gefunden hat.

Es sollte unstrittig sein, dass die NPD keine demokratische Partei ist. Das schließt dann auch aus, ihr öffentliche Auftritte zu verschaffen, wie das kürzlich bei der Ausstellung »Politica« in Kassel geschah. Alle Bundestagsparteien sagten daraufhin ihre Teilnahme ab, mit dem makabren Ergebnis, dass die demokratischen Parteien nicht, dafür aber die Nazis vertreten waren. Ein Beispiel dafür, wie Nazis demokratische Kräfte vertreiben. Im Dritten Reich blieb es dabei nicht. Als die Nazis an der Macht waren, folgten Terror und Massenmord. Das sollte Anlass sein, sie nie wieder gewähren zu lassen. In Kassel reagierte ein Stand-Inhaber angemessen mit dem textlichen Hinweis: »Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen«.

Ich war fünfzehn

geschrieben von Mit dem langjährigen antifa-Autor Alfred (Ginger) Fleischhacker sprach Regina Girod

5. September 2013

Gespräch mit Alfred Fleischhacker, der allein nach England
emigrierte

Nov.-Dez. 2008

antifa: Unmittelbar nach der Pogromnacht am 9. November 1938 traf die britische Regierung die Entscheidung, 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland aufzunehmen. Du warst eines dieser Kinder. Wie ist es dir ergangen?

Fleischhacker: Ich bin 1923 geboren. Unsere Familie lebte in Merchingen, in Süddeutschland. Meine Eltern hatten ein Textilgeschäft, 1938 wurde es zwangsweise arisiert. Ich habe noch eine vier Jahre jüngere Schwester. Als es damals hieß, dass ein Kind pro Familie nach England geschickt werden könnte, haben die Eltern mich ausgewählt. Ich war schon ziemlich selbständig, denn ich war vorher bereits auf einem jüdischen Internat gewesen, außerdem war ich ein Junge.

antifa: Was ist aus deiner Schwester geworden und aus deinen Eltern? Haben sie überlebt?

Fleischhacker: Meine Schwester hat durch die Solidarität französischer Menschen überlebt, meine Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Das habe ich aber erst Jahre später erfahren. Ich bin im Juli 1939 nach England gekommen, die Transporte gingen ja nur bis zum Ausbruch des Krieges, die letzten verließen Berlin am 28. oder 29. August. Nach meiner Abreise sind meine Eltern bei Nacht und Nebel zu Verwandten ins Badische gezogen. In den kleinen Gemeinden, wo jeder jeden kannte, waren Juden ihres Lebens nicht mehr sicher. Im Oktober 1940 wurden alle Juden aus Baden und der Pfalz in das Lager Gurs in Frankreich deportiert. Anfang 1941 haben französische Fürsorgerinnen den Frauen im Lager angeboten, ihre Kinder herauszuholen und sie bei Franzosen unterzubringen. Meine Eltern haben meine Schwester mitgegeben. So hat sie überlebt.

antifa: Wie verlief dein Leben in England?

Fleischhacker: Meine Mutter hatte eine ziemlich wohlhabende Cousine in London. Ihr Fahrer hat mich vom Bahnhof abgeholt und zu einem Rabbiner gebracht, der schon 1934 aus Hamburg emi-griert war. Die Verwandten selbst haben sich aber nicht weiter um mich gekümmert.

Mit 25 bis 30 Jungen bin ich dann nach Bournemouth nahe Southampton am Kanal gekommen. Bis zum Beginn des Krieges bekamen Flüchtlinge in England keine Arbeit, denn die Arbeitslosigkeit war groß und die Regierung wollte wohl den Eindruck vermeiden, dass die Flüchtlinge den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnehmen. Die Städtchen am Kanal waren gut betuchte Badeorte. Ich habe erst als Reiniger gejobbt und dann als Hilfskellner. Wegen meiner roten Haare bekam ich den Spitznamen Ginger, der mir bis heute geblieben ist.

antifa: Eine Schule hast du nicht mehr besucht?

Fleischhacker: Doch, für einige Monate besuchte ich ein Abendcollege, aber die richtige Weiterbildung erfuhr ich im Internierungslager. Als Deutschland England angegriffen hat, wurden alle »feindlichen Ausländer« interniert, das heißt auch alle Juden und Nazigegner, die hierher geflohen waren. Man brachte sie möglichst weit weg, einige kamen bis nach Australien. Ich landete in Kanada. Von 1940 bis 1942 habe ich dort zunächst Bäume gefällt. Also genau das gemacht, was man von Kanada erwartet. Wir wollten aber unbedingt etwas Kriegswichtiges leisten. Da haben sie uns Tarnnetze flechten lassen und dann haben wir auch noch Munitionskisten getischlert.

antifa: Und gelernt wurde auch?

Fleischhacker: Das Internierungslager hat mein Weltbild geformt, wir hatten wirklich großartige Lehrer. Deutsche und österreichische Intellektuelle und Kommunisten haben sich unserer angenommen. Wilhelm Koenen, Martin Hornig und Jenny Kostmann gehörten dazu. Ich wurde Mitglied der FDJ, die schon 1938, also vor meiner Ankunft in England, gegründet worden war. Die FDJ wurde meine politische Heimat, sie war für uns alle auch so etwas wie eine Familie. Paare fanden sich, auch meine Frau und ich haben uns hier kennen gelernt.

antifa: War es also die FDJ, die dich letztlich dazu gebracht hat, nach dem Sieg über den Faschismus wieder nach Deutschland zurückzukehren?

Fleischhacker: Es gab eine Gruppe, zu der ich gehörte, die meinte, dass man zurückgehen und ein antifaschistisches Deutschland aufbauen müsste. Wer hätte das denn sonst tun sollen? Aber das war nicht die Meinung der Mehrheit. In ihrer besten Zeit, etwa von 1941 bis 1945, hatte die FDJ in England ungefähr 750 Mitglieder. Davon sind ca 100 nach Deutschland zurück gegangen. Meine Frau und ich sind 1947 nach Berlin gekommen. Die anderen sind in England geblieben, viele sind auch in die USA oder nach Palästina weiter gewandert.

antifa: Erinnert man sich in England heute noch an euch?

Fleischhacker: Durchaus. Ich bin gerade aus London zurückgekommen, wo ich einige meiner alten Freunde getroffen habe. An der Liverpool Street Station, an der alle Kindertransporte angekommen sind, gibt es jetzt ein Denkmal. Künstlerisch finde ich es nicht besonders gelungen, aber es ist da und mahnt. Übrigens soll auch in Berlin-Mitte demnächst ein Denkmal aufgestellt werden, das an die Kindertransporte erinnert. Wir haben angeregt, es durch eine Tafel mit den historischen Fakten zu ergänzen. Wer weiß schon noch, was genau vor 70 Jahren war?

Kreuzzug abgeblasen?

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Das »Feindbild links« steht nicht nur für eine Partei

Nov.-Dez. 2008

Als die »Finanzkrise« bisher gewohnte Zustände durcheinander wirbelte, stand der Wahlergebnis-Erdrutsch für die CSU

bereits fest. Wären die tatsächlichen Bedürftigkeiten der Bayerischen Landesbank noch vor dem Wahlsonntag publik geworden, hätten die politischen Gerölllawinen neben Ministerpräsident Günther Beckstein und dem Parteivorsitzenden und Finanzminister Erwin Huber noch einige mehr verschüttet. Darüber nachträglich zu spekulieren ist müßig. Der Erbe Seehofer meint ja auch, dass wir nach vorne schauen wollen.

Den »Kreuzzug gegen links«, den Huber im Wahlkampf früh als Parole aus einer alten schwarzbräunlich getönten Kiste im konservativen Keller gezogen hatte, hatten die CSU-Wahlkämpfer selbst bald wieder nach hinten gestellt. Gleich nach dem Wahldebakel betonte der Ober-Kreuzzügler zwar noch, dass gelungen sei, der Partei Die Linke damit den fürs Parlament notwendigen Fünf-Prozent-Anteil zu vermasseln. Recht überzeugt davon schien er angesichts realer 5+X-Ergebnisse für die Linke in vielen Städten und Gemeinden aber selbst nicht.

Also Ende der Kreuzzüge? Kaum – schon deshalb nicht, weil die Bayern-Wahl hier eigentlich eine eher randständige Rolle spielte. Politik in Krisenzeiten: Seit einiger Monaten werden Vergleiche und Gleichsetzungen in parlamentarische und öffentliche Diskussionen geworfen, die Totalitarismus-Theoretiker des Kalten Krieges vor Neid erblassen lassen müssten.

Der sächsische CDU-Mann Flath setzt Linkspartei und neofaschistische NPD gleich. Altbundeskanzler Helmut Schmidt entdeckt Hitler-Parallelen bei seinem ehemaligen Parteifreund Lafontaine. SPD-Außenpolitiker Karsten Voigt wiederum äußert daraufhin sinngemäß, dass ihm beide Vergleiche gut gefallen. Und dann unterstellt CSU-Rechtsaußen-MdB Hans-Peter Uhl im Bundestag der Linkspartei Antisemitismus, um eine gemeinsame Erklärung des Hohen Hauses zur Reichspogromnacht zu verhindern. Schon irgendwie schamlos – erinnert man sich an Personal der C-Parteien wie Oberländer und Globke, das es einst bis in höchste Bundesregierungsämter schaffte, aber auch an CDU-Provinzfürsten, die äußerten, zur Haushaltssanierung müsse man »einen reichen Juden erschlagen«.

Das »Feindbild links«: Es wird wieder kräftig an die Wände gemalt und passend erscheinende Ziel-objekte werden davor aufgebaut. Auch wenn der Hinweis historisch nicht besonders originell ist: gewerkschaftlich und anderweitig sozial engagierte Kreise wären schlecht beraten, sollten sie meinen, es ginge hier lediglich um Parteipolitisches.

NPD in der Krise

geschrieben von Markus Bernhardt

5. September 2013

Nov.-Dez. 2008

Trotz der jüngsten Erfolge der NPD bei den sächsischen Kommunalwahlen befindet sich die neofaschistische Partei derzeit in einer ihrer größten Krisen. Nur einige Wochen nach der Verurteilung des langjährigen NPD-Bundesschatzmeisters Erwin Kemna wegen Veruntreuung von über 700.000 Euro, mehren sich die Hinweise auf weitere Finanzmanipulationen. Sollte sich bewahrheiten, dass Kemna im Jahr 2006 weitere 385.000 Euro ins Rechenwerk der Partei »gemogelt« hat, könnte den Neonazis eine weitere Strafzahlung in doppelter Höhe – also von 770.000 Euro – drohen.

Dies würde die NPD, vor allem aufgrund der vielen anstehenden Wahlkämpfe, vor deutliche Probleme stellen. Die ersten Auswirkungen der Finanzgaunereien Kemnas muss die NPD hingegen schon jetzt ausbaden. So verschärft sich der Ton der innerparteilichen Konkurrenten zunehmend. Andreas Molau, NPD-Vize in Niedersachsen, legte kürzlich gar seine Bundesämter nieder und begründete dies mit mangelndem Vertrauen in die Parteiführung, die er nach der Kemna-Affäre »nicht mehr voll unterstützen« könne.

»Dass nun ausgerechnet Molau zurückgetreten ist, von dem man es sicher am allerwenigsten erwartet hätte, lässt tief blicken, und zeigt wohl einmal mehr, dass es innerhalb des Bundesvorstands kräftig brodelt«, kommentierte eine einschlägige Internetseite die Krise des NPD-Bundesvorstandes. Mittlerweile wird gar gemutmaßt, auch Udo Pastörs, Fraktionschef der NPD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, hätte seine Mitgliedschaft im Bundesvorstand der Partei kürzlich beendet. Eine offizielle Bestätigung gibt es dafür aber noch nicht.

Auch ein NPD-Programmparteitag, der eigentlich noch 2008 hätte stattfinden sollen, sei auf Ende des nächsten Jahres verschoben worden, heißt es. »Die Voigt-Erklärungen unmittelbar nach der Kemna-Verurteilung, nach der angeblich niemand etwas von den Machenschaften des Schatzmeisters gewusst haben will, wirken in diesem Zusammenhang nicht unbedingt glaubhaft. Er erweckte eigentlich mehr den Eindruck, als wolle man Gras über die Sache wachsen lassen. Fernab aller Spekulationen ist eines offenkundig: Voigts Glaubwürdigkeit hängt am seidenen Faden.

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