„Undeutscher Boxstil“

geschrieben von Markus Bernhardt

5. September 2013

Bühnenstück über Johann Wilhelm Trollmann geplant

März-April 2008

Mit einem eigenen Theaterstück will der Berliner Verein „Club der Roten Affen“ an den Boxer Johann Wilhelm Trollmann erinnern.

Der in Hannover geborene Trollmann gehörte während der Weimarer Republik zu den bekanntesten und beliebtesten Boxern in Deutschland. Darüber hinaus war er ein “ überlegener Techniker, der auch seinen Kopf zu gebrauchen verstand“, wie die Zeitung Boxsport 1930 schrieb.

Da Johann Wilhelm Trollmann Sinto war, war er jedoch immer wieder rassistisch motivierten Diskriminierungen durch Boxverbandsfunktionäre, Journalisten und andere ausgesetzt.

Ihren Höhepunkt erreichten die Ausgrenzungen am 9. Juni 1933. An diesem Tag kämpfte Trollmann in Berlin gegen Adolf Witt um die Meisterschaft im Halbschwergewicht. Obwohl er nach der sechsten Runde nach Punkten führte, gab Georg Radamm, NSDAP-Mitglied und Verbandsfunktionär, der Jury den Befehl, dem „Zigeuner“ nicht den Meistertitel zu verleihen. Erst nach lautstarken Protesten aus dem Publikum wurde Trollmann der Titel an diesem Abend zuerkannt, der Boxverband entschied jedoch knapp eine Woche später, dass der Kampf doch nicht gewertet werden würde und begründete sein Vorgehen mit dem „armseligen Verhalten“ Trollmanns, der bei der Übergabe des Titels Freudentränen vergossen hatte. Zudem wurde Trollmanns Boxstil als „undeutsches Instinktboxen“ diffamiert und der Boxverband drohte, ihm die Boxlizenz zu entziehen.

Im Rahmen seines letzten großen Kampfes im Jahr 1933, gegen den späteren Europameister Gustav Eder, erschien Trollmann aus Protest gegen die rassistischen Schikanen gegen ihn mit blond gefärbten Haaren und weiß gepuderter Haut im Ring und ließ sich ohne jegliche Gegenwehr über insgesamt fünf Runden von seinem Gegner blutig prügeln. Sein weiterer Lebensweg verlief unterdessen noch dramatischer. 1935 wurde er aus dem Boxverband ausgeschlossen, zum Dienst bei der Wehrmacht gezwungen und 1941 an der Ostfront verwundet. Noch im selben Jahr wurde er im KZ Neuengamme interniert, in dem er gezwungen wurde, den Aufsehern Boxunterricht zu erteilen, bis er am 9. April 1943 von ihnen ermordet wurde.

„Unsere Auseinandersetzung mit der realen Figur des Johann Wilhelm Trollmann beinhaltete eine Phase intensiver Recherche, zum Teil in Form von Grundlagenforschung. Je mehr wir forschten, desto mehr fesselte uns die Geschichte“, so Benjamin Mossop, Sprecher des Kulturvereins „Club der roten Affen“, der das Theaterstück über das Leben Trollmanns zum 75. Jahrestag seines letzten Kampfes auf historischem Grund und Boden in der Berliner Bockbrauerei aufführen will.

Um sich inhaltlich darauf vorzubereiten, hatten die Vereinsmitglieder Gespräche mit Zeitzeugen, Boxexperten und Nachfahren Trollmanns geführt und auch das KZ Neuengamme besucht. Unterstützung bekommen die jungen Künstler und Kulturschaffenden vom Großneffen Johann Wilhelm Trollmanns, Manuel Trollmann. „Die Inszenierung des Theaterstückes finde ich außerordentlich förderungswürdig“, erklärte er in einem Schreiben gegenüber dem Verein. Auch der Bund deutscher Berufsboxer e. V. (BDB) hat sich entschlossen, das Projekt zu unterstützen. Jedoch werden auch aktuell noch Unterstützer gesucht, da es dem jungen Verein maßgeblich an finanziellen Mitteln fehlt, das Projekt wie geplant zu verwirklichen.

Der Verein plant, über das Theaterstück hinaus besondere Theateraufführungen für Schülerinnen und Schüler, in deren Rahmen gemeinsam mit dem

Archiv der Jugendkulturen e.V. nach jeder Vorstellung Seminare zum Thema Rassismus und Diskriminierung angeboten werden sollen. Mit dem Stadtplanungsbüro „Stadtgestalten“ soll zudem eine Ausstellung zur Geschichte der Berliner Bockbrauerei angeboten werden, in welcher vor Ort die damaligen Boxkämpfe sowie weitere Details zur Geschichte Johann Wilhelm Trollmanns thematisiert werden.

Die grauen Busse

geschrieben von Annika Sembritzki

5. September 2013

Ein ungewöhnliches Denkmal macht in Berlin Station

März-April 2008

Seit dem 18. Januar 2008 beherbergt die Stadt Berlin das Wanderdenkmal der Grauen Busse. Es steht am Busparkplatz hinter der Philharmonie. Hier hatte sich die zentrale Planungsstelle für das faschistische „Euthanasie“- Programm – nach dem Haus Tiergartenstraße 4 „T4“ benannt – befunden und der Transport von psychisch kranken Menschen in die Tötungsanstalten seinen, zumindest planmäßigen, Anfang genommen.

Der Betonbus ist der mobile Teil eines Projektes von Horst Hoheisel und Andreas Knitz; der zweite Teil, ein weiterer Bus, ist dauerhaft in der Pforte der Heilanstalt Weißenau platziert, von wo aus in den Jahren 1940/41 Menschen zur Vernichtung abgeholt worden waren.

Der mobile Teil des Denkmals wechselt seinen Standort, er wird für jeweils für einige Monate oder Jahre an den unterschiedlichsten Orten Deutschlands auftauchen; und mit ihm dieselben Fragen wie zu der Zeit, als die wirklichen Grauen Busse im Land unterwegs waren: Wen transportieren sie; warum kann man nicht hineinsehen? Wohin fahren sie?

Hier, zwischen den Fassaden der Berliner Philharmonie, springt der Bus aus Beton nicht unmittelbar ins Auge. Wie die Geheimaktion T4 selbst, scheint er sich hintertürs Richtung Tiergarten hinauszuschleichen. Wie viel ungewöhnlicher muss sein Anblick an einer offenen Landstraße oder einer Anhöhe sein! Der steinerne Nachfahre des historischen Transportmittels stellt sich dem Betrachter in den Weg und zwingt ihn, seine Bedeutung zu hinterfragen. Er bezieht die Vorübergehenden schonungslos mit ein; sogar denjenigen, der sich abwendet (und damit jenes Verhalten wiederholt, das die Transporte nach Grafeneck geschehen ließ), – diesen vielleicht umso mehr! Denn das Artefakt ist hartnäckiger als die Originale- es fährt nicht vorbei, gestattet dem Betrachter nicht, es zu übersehen. Es ist noch da, wenn er seine Augen wieder öffnet.

Das „Täterwerkzeug Bus“, fordert eine Identifikation ein. Die Darstellung konkreter Opfer könnte dazu führen, dass diese als „fremde Andere“ empfunden werden, zu denen man sich nicht unmittelbar verhalten muss. Das ist mit den grauen Betonbussen nicht so einfach. Grade das Unkonkrete fördert die Assoziation und das Unbehagen. Die schlichte Darstellung des Busses selbst erweckt nicht Betroffenheit, Mitleid oder Erschrecken. Als solches ist das Transportmittel noch gar nicht offensichtlich Mordwerkzeug – noch gar nicht erkennbar. Erst im gesellschaftlichen Kontext wird es zu einem solchen. Doch ist genau dieser Kontext im Kopf des Betrachters erst einmal hergestellt, muss er sich auch der Verantwortung stellen Und mit ihr der Frage: „Darf ich so etwas zulassen? Warum stelle ich mich ihm nicht in den Weg?“

Antifa gratuliert

geschrieben von R. G.

5. September 2013

März-April 2008

Unser Filmkritiker, Dr. Seltsam, wusste es schon vor knapp einem Jahr: „Der Film ist gut, hat ein „großes Thema“, enthält großartige Schauspielerleistungen und intelligente Lösungen gewisser ästhetischer Probleme und der Hauptdarsteller Karl Marcovics versteht es, die widerstreitenden Gefühle angesichts der Naziverlockungen auf seinem lebensharten Gesicht abzubilden.“, schrieb er in der Ausgabe Mai/Juni 07, um den Vorschlag anzuschließen: Ich plädiere immer noch für einen alternativen Antifa-Filmpreis, für den dieser Streifen mein erster Kandidat wäre.“ Den Antifa-Filmpreis gibt es leider bis heute noch nicht, doch der Film „Die Fälscher“ von Stefan Ruzowizky wurde gerade mit dem Oscar für den besten ausländischen Film prämiiert. Aus diesem Grund wird er noch einmal mit 34 Kopien in die deutschen Kinos zurückkehren. Unbedingt ansehen!

»antifa«Ausgabe Jan.-Feb. 2008

5. September 2013

Jan.-Feb. 2008

Vertreter der VVN-BdA, darunter Adam König (Mitte) überreichen den Bundestagsabgeordneten Gesine Lötzsch, Petra Pau und Nils Annen die Unterschriften der Kampagne nonpd.

1935, Lea Langer (Grundig), Sitzende Mädchen mit übereinander gelegten Armen, Feder Tusche

Editorial

geschrieben von Regina Girod

5. September 2013

Jan.-Feb. 2008

Das Jahr 2008 hat begonnen. Es steht im Zeichen der Erinnerung an das unheilvolle Jahr 1933, in dem mit der Machtübertragung auf Adolf Hitler am 30. Januar das schrecklichste Kapitel deutscher Geschichte eingeleitet wurde. Unser Autor, Professor Kurt Pätzold, umreißt in seinem Beitrag einige Probleme und geschichtliche Lehren, die sich für Antifaschistinnen und Antifaschisten heute mit den Ereignissen vor 75 Jahren verbinden. An vielen Orten der Bundesrepublik werden aus Anlass der Errichtung der Nazi-Diktatur Kundgebungen, Demonstrationen und Veranstaltungen stattfinden, der Bundesverband der VVN-BdA lädt für den 28. Februar nach Berlin zu einer Podiumsdiskussion ein. Passend zum Thema erinnern wir im Kulturteil der Ausgabe an Hans und Lea Grundig, die unter widrigsten Umständen trotz Verfolgung und tödlicher Bedrohung ihre künstlerische Arbeit fortsetzten. Es entstand ein einzigartiges gemeinsames Werk, das die Schrecken der nazistischen Barbarei in bildmächtigen Metaphern der Nachwelt übermittelte. Hans Grundig ist heute der wohl am meisten unterschätzte deutsche Maler des 20. Jahrhunderts.

Dass die Geschichte auch in diesem Jahr ein Feld politischer Auseinandersetzung bleiben wird, dokumentieren wir mit unserem »Spezial«. Heinrich Fink, Detlef Kanappin und Adam König widmen sich jeweils aus ihrer Sicht dem Entwurf der Fortschreibung des Gedenkstättenkonzepts der Bundesregierung, der im November im Kulturausschuss des Bundestages behandelt wurde. Die große Koalition schickt sich an, nunmehr zu vollenden, was der CDU noch vor einigen Jahren nicht gelungen ist – ein Gedenkstättengesetz durchzubringen, das unter der These von den »beiden deutschen Diktaturen« die DDR mit dem faschistischen Regime gleichsetzt. Dagegen gilt es, Widerstand zu organisieren. In diesem Sinne wünscht die Redaktion allen Antifaschistinnen und Antifaschisten Tatkraft, Mut und Lebensfreude für die vor uns liegenden Aufgaben.

Meldungen

geschrieben von Zusammengestellt von P.C. Walther

5. September 2013

Jan.-Feb. 2008

Von Januar bis September 2007 ist die Zahl der Opfer rechter Gewalttaten gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres von 375 auf 473 gestiegen. Die Zahl der Gewalttaten blieb mit 516 (gegenüber 522 im Vorjahr) fast gleich. Gesunken ist die Gesamtzahl der registrierten rechtsextremen Straftaten von 9014 in den ersten drei Quartalen des Vorjahres auf 8284. Bei allen jetzigen Zahlen handelt es sich um vorläufige Angaben, die durch Nachmeldungen noch ergänzt werden.

Zunehmende soziale Spaltung und »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« registriert die neue Ausgabe der Langzeitstudie »Deutsche Zustände« der Universität Bielefeld. Danach haben über 50 Prozent der Deutschen eine »abwehrende bis feindselige Einstellung zu Langzeitarbeitslosen«. Jeder Dritte stimmte der These zu, dass die Gesellschaft sich »weniger nützliche« Menschen »nicht leisten« könne. 40 Prozent bejahten die Ansicht, es werde »zu viel Rücksicht auf Versager« genommen.

Die Veröffentlichung einer vom Bundesinnenministerium 2004 in Auftrag gegebenen Studie darüber, was Muslime in Deutschland denken, nahm Innenminister Schäuble zum Anlass, auf ein »besorgniserregendes islamistisches Radikalisierungspotential« hinzuweisen und erneut vor »islamistischer Bedrohung« zu warnen. Dabei weisen die Ergebnisse der Studie darauf hin, dass die überwiegende Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime jede Gewalt ablehnt. Eine problematische »Distanz zur Demokratie« äußerten 14 Prozent; demnach also 86 Prozent nicht. Studien über das Denken und Verhalten der deutschen Bevölkerung allgemein ergeben ähnliche Ergebnisse, z.B. demokratiefeindliche Positionen bei über 15 Prozent.

Die NPD »braunes Pack« und »eine Verbrecherbande« zu nennen, sei keine strafbare Beleidigung, sondern ein »Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung«. Mit dieser Feststellung lehnte die Staatsanwaltschaft Nürnberg ein Ermittlungsverfahren gegen den Liedermacher Konstantin Wecker ab, das die NPD beantragt hatte. Zuvor war bereits die Klage des bayerischen NPD-Führers Ollert gegen den Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde, Arno Hamburger, abgewiesen worden. Er hatte anlässlich der NPD-Aufmärsche in Gräfenberg erklärt, man müsse »die braune Pest und die braunen Verbrecher in die Schranken weisen«. Nach Bekanntwerden der NPD-Klage erklärten mehrere Persönlichkeiten und Verbände in Nürnberger Zeitungen: »Auch wir sagen: Die NPD ist eine verbrecherische Partei.«

Die NPD scheiterte in Rheinland-Pfalz mit einer Klage, mit der sie unter Bezug auf ihre Rechte als Partei die Verbreitung einer Broschüre der Landesregierung verhinderte wollte. Die Broschüre mit dem Titel »Kommunen gegen Rechtsextremismus« gibt u.a. Empfehlungen zur Verhinderung der Verbreitung nazistischer Schulhof-CDs oder dem Ankauf von Immobilien durch die NPD.

In Offenbach am Main blockierten Nazigegner am 15. Dezember einen Aufmarsch der NPD. Die Polizeiführung entschied, auf die gewaltsame Räumung der Straße zu verzichten. Die Nazis mussten umkehren und ihren Aufmarsch beenden.

Die im Forum Menschenrechte zusammengeschlossenen 48 deutschen Nichtregierungsorganisationen werfen der Bundesregierung mangelnden politischen Willen bei der Bekämpfung des alltäglichen Rassismus in Deutschland vor.

An mehreren Wohnorten von Kriegsverbrechern, die sich trotz Verurteilungen u.a. in Italien nach wie vor in Deutschland auf freiem Fuß befinden, fanden Aktionen antinazistischer Gruppen statt. Sie machten darauf aufmerksam, dass hier »Kriegsverbrecher in Freiheit leben« und forderten die Überstellung der Verurteilten an die zuständigen Behörden.

Der Verdacht, dass die junge Frau, der angeblich von Neonazis ein Hakenkreuz in die Haut geritzt wurde, diese Verletzung sich selbst beigebracht habe, gebe »keinen Grund zur Entwarnung«, schrieb die »Frankfurter Rundschau« in einem Kommentar. Solche Gewalttaten gebe es nämlich in einer Vielzahl von nachweisbaren Fällen. Ein Fall von Vortäuschung sei deshalb kein Anlass, »die Alltäglichkeit von Rassismus und rassistischer Gewalt nicht wahrhaben (zu) wollen« (FR vom 19.12.07).

In Sachsen-Anhalt wollen Gastwirte und Hoteliers keine Räume an Nazis vermieten. Rund tausend Gastronomen beteiligen sich nach Angaben des Hotel- und Gaststättenverbandes DEHOGA an der entsprechenden Aktion »Rechtsextreme raus«.

Blick auf einen Jahrestag

geschrieben von Kurt Pätzold

5. September 2013

Gedanken zum 30. Januar aus heutiger Perspektive

Jan.-Feb. 2008

Am 30. Januar 2008 trennen uns exakt 75 Jahre von jenem Ereignis, das zuerst in den deutschen, wegen seiner Folgen dann auch in den Annalen der europäischen Geschichte verzeichnet wurde. Reichspräsident Paul von Hindenburg ernannte Adolf Hitler zum Reichskanzler. Der trat an die Spitze einer Regierung, die von »nationalsozialistischen« und weiteren Politikern der äußersten Rechten gebildet wurde, allesamt Gegner der 1919 entstandenen Republik und deren Totengräber. Mit dem vorletzten Januartag begann ein zeitlich kurzer Prozess, in dem die Konterrevolution, die 1919 einen Teilerfolg errang und 1923 gescheitert war, nun zu ihrem Ziel gelangte.

Heute ist dieses Datum aus der Zeitgeschichte gerückt, wenn man unter ihr jene Periode jüngster Vergangenheit versteht, an die sich Lebende zu erinnern vermögen. Denn dies kann nur noch ein verschwindender Rest von Deutschen, der unterdessen ein biblisches Alter erreicht hat. Und nicht alle standen damals inmitten des Geschehenen. Einige jedoch erinnern sich des Aufmarsches vom 25. Januar 1933, als Kommunisten und deren Sympathisanten in einer antifaschistischen Demonstration vor das Karl-Liebknecht-Haus am Bülow-Platz zogen, damals Sitz der Zentrale der KPD, und damit auf den provokatorischen Appell antworteten, den die SA und die SS drei Tage zuvor an gleicher Stelle inszeniert hatten. Der Massenaufmarsch bei bitterer Kälte war beeindruckend und irritierend zugleich. Er vermittelte ein Stärkegefühl und eine Kampfbereitschaft, die sich, als sie wenige Tage später auf die ernsteste Probe gestellt wurde, nicht in Aktion umsetzen ließen. Der deutsche Faschismus gelangte an das Staatsruder, ohne dass es zu einer offenen Feldschlacht gekommen wäre.

Diese Erfahrung macht den Tag für die Antifaschisten im begonnenen 21. Jahrhundert denkwürdig. Er lässt das Maß der eigenen Kräfte und deren Einsatz bedenken. Er enthält eine Warnung vor Selbstüberschätzung. Er erinnert uns daran, welche jähen Wenden die Geschichte nehmen kann, wenn gegen sie keine Vorkehrungen getroffen sind. Und er unterrichtet uns über den Wert handlungsbereiter Einheit, an der es damals unter den Antifaschisten fehlte.

Denkwürdig ist dieser Tag aber auch aus anderer Perspektive. Er verbindet sich mit trügerischen Erwartungen von Millionen, die in Hitler den Erlöser und Retter erblickten, als der er sich selbst präsentierte und als der er ihnen auf Kundgebungen, von Plakaten, in Zeitungen begegnete. Der Mann hatte nichts vorzuweisen, was ihn als einen Politiker auswies, der Masseninteressen praktisch vertreten hätte, und dennoch wurde ihm abgenommen, dass sein Programm auf die »Rettung des deutschen Arbeiters« und die »Rettung des deutschen Bauern« zielen würde, zu dessen Verwirklichung er sich vier Jahre Zeit vom Volke erbat. Die in Hitler gesetzten Erwartungen von Millionen entsprangen nicht tatsachengestütztem Urteil, sondern dem Glauben, genauer einem Irrglauben, und so lässt sich angesichts diesen bedrückenden Faktums fragen, woher diese Möglichkeit der Desorientierung von Menschenmassen rührt, wie sie genutzt wird und wie ihr zu begegnen ist. Denn sie ist doch auch eine Erscheinung unseres Alltags.

Über die Folgen des 30. Januar 1933 ließ sich unter Politikern und später unter Historikern nicht streiten. Wohl aber über dessen Verursachung. Die unvereinbaren Deutungen reichten von der These, die Mächte des Versailler Vertrags wären dafür verantwortlich zu machen, also vom Export der Schuldfrage, bis zu der These vom »Betriebsunfall« deutscher Geschichte, also der Behauptung, es habe sich um ein Zufallsspiel geschichtlicher Kräfte gehandelt. Das Bild, das den herausragenden und letztlich ausschlaggebenden Anteil der deutschen wirtschaftlichen, politischen und militärischen Eliten am Ende der Weimarer Republik zeigt, wird als »marxistisch« und dogmatisch denunziert. Es wurde quellensatt zuerst von den Anklägern des Nürnberger Prozesses 1945/1946 der Weltöffentlichkeit bekannt gemacht. Und es wird umstritten bleiben, denn es beweist, dass die Kreise des Kapitals zu Demokratie und Republik ein pragmatisches Verhältnis besitzen..

Das Spektrum der Fragen, das sich mit dem 30. Januar verbindet, ist breit und in vielen Farben aktuell. Sie enthalten nach wie vor eine Herausforderung. Die Antifaschisten müssen sich ihr stellen, mit dem Blick auf die Erfahrungen ihrer Vorfahren und einem zweiten – in den Spiegel.

In der Antifa-Falle?

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Konservative Vorstöße und ein ganz rechter Stichwortgeber

Jan.-Feb. 2008

Die Mehrheit der Innenminister der Länder hält die NPD zwar für verfassungsfeindlich, will sie aber nicht verbieten. Sie will sie dadurch »austrocknen«, dass NPD-nahen Stiftungen der öffentliche Geldhahn abgedreht werden soll.

Schön, nur: Millionen Euro aus Steuermitteln kassiert die NPD nicht über Stiftungen (die hat sie gar nicht), sondern ganz direkt als zugelassene Wahlpartei. Nur ein Verbot würde dem ein Ende machen. Genau da aber bremsen die Innenminister.

Warum wohl? Könnte es damit zusammenhängen, dass von Konservativen derzeit altbewährte Feindbilder zu neuem Leben erweckt werden? Vor dem Hintergrund zunehmender sozialer Auseinandersetzungen malen Koch und Co. gerne auch mal wieder die »rote Gefahr« an die Wand. Und die Kanzlerin warnte bereits den Koalitionspartner SPD davor, dass Sozialismus immer »totalitär« ende. Weil die SPD sich bei der Programmdebatte schüchtern auf sozialistische Wurzeln besann.Wo über Totalitäres geredet wird, ist der »Extremismusforscher« Eckhard Jesse nicht weit. CDU, SPD, Grüne und FDP, sagte er unlängst der FAZ, seien in Sachen NPD-Verbot »in die Antifaschismusfalle der Linkspartei getappt«. Und präzisierte: »Ich bin auch deshalb gegen ein Verbot, weil auf diese Weise die Linkspartei in die Mitte hineinwächst und als selbstverständliche Kraft gegen den Rechtsextremismus gesehen wird.«

Professor Jesse ist für Faschismus-Verharmlosung bekannt. »Den Bock zum Gärtner gemacht« schrieb 2002 die Süddeutsche Zeitung, als er damals für den NPD-Verbotsprozess als Gutachter benannt worden war. Das mit der »Antifaschismusfalle« hätte er auch so sagen können: Wir brauchen die Nazis gegen die Linken. Hatten wir das nicht schon mal?

Gefahr wird unterschätzt

geschrieben von Das Gespräch führte Markus Bernhardt

5. September 2013

Gespräch mit Kerstin Köditz über Rechtsextremismus in
Sachsen

Jan.-Feb. 2008

Kerstin Köditz ist Mitglied des Sächsischen Landtages und Sprecherin für antifaschistische Politik der Fraktion Die Linke

• Wie erklären Sie sich den hohen Zuspruch für die Neonazis in Sachsen?

Für die Spitzenposition des sächsischen Landesverbandes der NPD im Bundesmaßstab gibt es ein ganzes Ursachenbündel. Und dabei muss auch noch bedacht werden, dass die NPD nur ein Teil des Problems ist. Wir haben eine hohe Zahl an Nazi-Kameradschaften, an Skinheadkonzerten, an einschlägigen Versandhändlern, an Demonstrationen und nicht zuletzt auch an Straftaten. Eine wichtige Ursache für diesen bedrohlichen Zustand sehe ich darin, dass das Problem von der Staatsregierung lange Zeit schlicht ignoriert wurde. Danach setzte sie ausschließlich auf Repression. Die kann ein Problem zwar mindern, jedoch nie beseitigen. Der wesentliche Schritt, die Stärkung zivilgesellschaftlicher Initiativen und demokratischer Strukturen auf allen Ebenen, wurde lange Zeit gar nicht und danach nur halbherzig angegangen. Letztlich wird das Problem ungelöst bleiben, wenn es nicht gelingt, den Menschen in jenen Regionen, die faktisch abgeschrieben sind, wieder eine Perspektive zu geben. Ein weiterer Umstand, der mir Sorge bereitet, besteht darin, dass es sich bei den Wählern der NPD nur zu einem kleinen Teil um Protestwähler handelt. Sie wird nicht trotz sondern wegen ihres rassistischen und faschistischen Programms gewählt. Der Stammwähleranteil in Sachsen dürfte bei über fünf Prozent liegen.

• Für wie aktionsfähig halten Sie die extreme Rechte in Sachsen aktuell?

Ich halte sie für eine akute Gefahr. Nicht so sehr wegen ihrer eigenen Stärke, sondern wegen der mangelnden Zivilcourage bei ihrer Abwehr. Solange die Menschen auf den Staat schauen und von ihm verlangen, er möge das Problem lösen, wird es nicht gelöst werden. Abhilfe kann nur eigenes Engagement bringen. Dafür gibt es vielfältige Möglichkeiten. Der NPD Landesverband in Sachsen ist stärker als die einiger demokratischer Parteien. In manchen Kreisen ist sie z.B. zu flächendeckenden Verteilaktionen in der Lage. Bei uns im Muldentalkreis nehmen immer eine Reihe ihrer Anhänger an Kreistagssitzungen teil und stellen dort Fragen. Es ist davon auszugehen, dass die kommunale Verankerung der NPD bei den nächsten Wahlen auf Kreis- und Gemeindeebene noch wachsen wird. Neben den Massenaufmärschen wie in Dresden zu 13. Februar sind NPD-Demonstrationen mit 200 Teilnehmern keine Seltenheit. Fast kein Wochenende vergeht ohne Nazikonzert. Das alles spricht für eine gestiegene Aktionsfähigkeit.

• Auf dem letzten Landesparteitag der CDU hat der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) die Hetzjagd, die ein deutscher Mob in Mügeln auf eine Gruppe Inder veranstaltete, verharmlost. So bezeichnete er, die Diskussionen, die nach der rassistischen Attacke in der Öffentlichkeit stattfanden, als „hysterische Debatten“ und „stereotype Betroffenheitsadressen. Befördert Milbradt mit solchen Äußerungen nicht rassistische Gewalt?

Er hat die Ereignisse in Mügeln sogar als „zweites Sebnitz“ bezeichnet, also letztlich zur Medienente erklärt. Bei dieser Gelegenheit hat er übrigens wieder einmal die NPD und meine Partei, DIE LINKE., gleichgesetzt. Das ist ebenso verantwortungslos wie typisch für die sächsische CDU. Ich erinnere an die Zeit unmittelbar nach der Landtagswahl 2004, als die CDU das Konzept diskutierte, die Themen der NPD zu besetzen, um ihre Wähler zu gewinnen. Die Erfahrung hatte schon damals längst gelehrt, dass das zwar den Parteien der extremen Rechten kurzfristig schaden kann, mittelfristig jedoch zu einer Stärkung rechten Gedankenguts führt. Die sächsische CDU ist eine vehemente Verfechterin der Totalitarismusdoktrin. Schon aus diesem Grund kann sie keine wirksamen Konzepte gegen den Neofaschismus entwickeln. Milbradt zeigt – bildlich gesprochen – den Tätern von Mügeln den erhobenen Zeigefinger und macht „Du, du!“, zwinkert ihnen jedoch gleichzeitig einvernehmlich zu. Letztlich ist es eine unwürdige Anbiederung an einen rassistischen Mob und den ihn stützenden Alltagsrassismus.

• Trügt der Eindruck, dass man sich in Sachsen bereits an die mannigfaltigen Aktivitäten der NPD und der „Freien Kameradschaften“ gewöhnt hat und es zu wenig Gegenwehr gibt?

Dieser Eindruck trügt meiner Ansicht nach. Natürlich kann es Antifaschisten nie genügen, was an Gegenwehr entwickelt wird, natürlich gibt es auch Probleme bei der Zusammenarbeit unterschiedlicher Strömungen. Das will ich keineswegs leugnen. Aber ich möchte gleichzeitig auf die entschiedene Gegenwehr gegen die Aufmärsche von Christian Worch in Leipzig seit Jahren verweisen. Oder darauf, dass in den letzten beiden Jahren die Nazidemo am 13. Februar in Dresden im Gegensatz zu früheren Zeiten gestoppt werden konnte. Ich sehe vor allem das bewundernswerte Engagement junger Leute. Es ist die mittlere Generation, die der Berufstätigen, für die ich mir höhere Präsenz bei Gegenaktivitäten wünschen würde. Diese Kritik trifft auch meine eigene Partei. Ich sehe aber immer häufiger, dass vor Ort mit viel Energie und Fantasie an Konzepten gegen die Nazis gearbeitet wird.

Es geht auch anders

geschrieben von Christian Retlaw

5. September 2013

Das Oschatzer Neonazi-Urteil ist leider noch eine Seltenheit

Jan.-Feb. 2008

Wegen Volksverhetzung verurteilte das Landgericht Göttingen im Dezember das NPD-Vorstandsmitglied Thorsten Heise zu einem Jahr Gefängnis. Trotz mehrerer Vorstrafen wurde die Haftstrafe jedoch »zur Bewährung« ausgesetzt.

Dass Neonazis oft Haftverschonung »auf Bewährung« erhalten, stößt zunehmend auf Kritik. Solche Milde wird von Nazis nicht nur als »Schwäche« des von ihnen gehassten demokratischen Systems, sondern obendrein auch als Freibrief zur Fortsetzung ihrer Nazitätigkeiten angesehen. Eine Reihe von Wiederholungstätern bestätigt das.

Dass es auch anders geht, zeigte ebenfalls im Dezember das Amtsgericht Oschatz. Dort stand einer der Neonazis vor Gericht, die im August in Mügeln eine mörderische Treibjagd auf eine Gruppe von Indern unternommen hatten. Das Gericht verurteilte den neofaschistischen Schläger zu acht Monaten Haft ohne Bewährung. Der Richter erklärte ausdrücklich, dass solche Gewalttaten durch Haftverschonung »nicht noch belohnt werden« dürften; anderenfalls wirke das »wie eine Aufforderung zu neuen Taten«.

Freigelassen dagegen wurden in Magdeburg etwa zur gleichen Zeit die vier Angeklagten, die zu einer Gruppe neonazistischer Gewalttäter gehören, die im Juni in Halberstadt mehrere Schauspieler einer Theatergruppe brutal zusammenschlugen. Der Prozess wird zwar weitergeführt, das Gericht hob jedoch die Haftbefehle auf, weil »dringender Tatverdacht nicht mehr gegeben« sei. Dieser bestehe nur dann, wenn mit hoher Wahrscheinlichkeit damit zu rechnen ist, dass die Angeklagten als Täter überführt werden können. Genau das sei aufgrund der mangelhaften polizeilichen Ermittlungsergebnisse nicht gegeben.

Das Gericht hatte bereits bei der Prozesseröffnung die Anklage wegen gemeinschaftlich begangener Gewalttaten nicht zugelassen, weil darüber in den Ermittlungsunterlagen von Polizei und Staatsanwaltschaft keine Anhaltspunkte genannt würden. So blieb nur der Tatvorwurf der gefährlichen Körperverletzung. Dieser muss jedem einzelnen Angeklagten konkret nachgewiesen werden. Das aber steht wegen der mangelhaften Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft auf schwachen Füßen, so dass sich bereits Freisprüche abzeichnen.

Solche polizeiliche und staatsanwaltschaftliche Nachlässigkeit, die den Verdacht mangelnden Willens zur Täterermittlung geradezu provoziert, gehört nach wie vor zum bundesrepublikanischen Alltag.

Ältere Nachrichten · Neuere Nachrichten