Reporter aus Leidenschaft

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Ausstellungen und eine neue Publikation zu Egon Erwin Kisch

Juli-Aug. 2008

Klaus Haupt

Egon Erwin Kisch (1886-1948) Der rasende Reporter aus dem Prager ›Haus zu den goldenen Bären‹«, Hentrich & Hentrich, 72 Seiten, 6,90 Euro.

Zu beziehen auch über www.mediengalerie.org

Bei der heute üblichen Manie, jedermann/frau in eine Schublade abzulegen, würde man ihn vielleicht einen »investigativen Journalisten« nennen, einen »Aufdecker« oder »Enthüller«, diesen Egon Erwin Kisch, den die ver.di-Mediengalerie im Berliner Haus der Buchdrucker anlässlich seines 60. Todestages vom 1. April bis zum 16. Mai mit einer beeindrucken Ausstellung gewürdigt hat. Wer sie damals nicht sehen konnte, kann sie in Ausschnitten noch bis zum 25. September in der Galerie Olga Benario, in Berlin betrachten. Der Weg dort hin lohnt, wenn auch, wie gesagt, schon wegen des erforderlichen Platzes, nicht mehr die ganze Ausstellung des Wiener Jüdischen Museums gezeigt werden kann. Zur Auffüllung der Lücken sei dem potentiellen Besucher das Büchlein »Egon Erwin Kisch Der rasende Reporter Aus dem Prager ›Haus zu den goldenen Bären‹« aus der Reihe Jüdische Miniaturen des Verlages Hentrich & Hentrich empfohlen.

Der Berliner Journalist Klaus Haupt, der auch an der Ausstellung in der Mediengalerie beteiligt war, und dem Wirken Kischs seit langem verbunden ist, zeichnet hier die Lebensstationen des Mannes nach, der seine Vita einmal in den Satz zusammen fasste: »Ich bin Tscheche, ich bin Deutscher, ich bin Jude, ich bin Kommunist, ich komme aus gutem Hause irgendetwas davon hat mir immer geholfen.« Geholfen hat ihm aber zuvörderst sein Drang, den Dingen auf den Grund zu gehen, die Welt erkennbar zu machen, um sie lebenswert für alle zu gestalten.

Klaus Haupt erzählt vom Leben und Wirken Kischs in Prag und von seinen Berliner Jahren. Bei seinem ersten Berlin-Aufenthalt muss er mit den Hauptstädtern nicht nur gute Erfahrungen gemacht haben, Haupt zitiert aus einem Brief vom 11. November 1905 an den Bruder: »Berlin im allgemeinen ist direkt furchtbar. Trotz der Annehmlichkeiten, welche das ungestörte, selbständige Leben bietet, wäre ich lieber in Prag. Der Berliner ist im allgemeinen ein Ekel, im besondere zwei Ekel, die Berlinerin ein ganzes Konglomerat von Ekel.« 1921 siedelte Kisch ganz nach Berlin über. Sein Aufenthalt fand 1933 mit der Machtübertragung an die Faschisten ein jähes Ende. Nach dem Reichstagsbrand wurde er festgenommen, in das Zuchthaus Spandau verschleppt und am 11. März 1933 aus Deutschland ausgewiesen. Am 10. Mai wurden auch seine Bücher auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Der Leser wird mitgenommen auf die Reise nach Frankreich, wo Kisch Zeugnis gibt von der faschistischen Herrschaft in Deutschland und folgt ihm 1934 auf der Fahrt nach Australien. Hier soll er als Delegierter des Weltkomitees gegen Krieg und Faschismus am Antikriegskongress teilnehmen. In »Landung in Australien« ist nachzulesen, wie diese Reise verlaufen ist.

Mit Wort und Feder ist Kisch in Spanien selbstverständlich auf der Seite derjenigen, die die Republik gegen die Franco-Putschisten und ihre deutschen und italienischen faschistischen Verbündeten verteidigen. Es folgen ein Aufenthalt in den USA und dann als letzte Station Mexiko, wo viele antifaschistische Emigranten Zuflucht gefunden haben. Hier entsteht sein letzter großer Reportageband »Entdeckungen in Mexiko«. Klaus Haupt zitiert hierzu einen Brief des ebenfalls im Exel lebenden Schriftstellers Heinrich Mann: »Er hat ein artistisches Gefühl für die Wirkungen der Sprache, die er schreibt, für das Innere der Menschen, mit denen er spricht .«

Am 31. März 1948 hörte das Herz des »rasenden Reporters« auf zu schlagen. Er starb in Prag, seiner Geburtsstadt. »Er war ein Mann mit Charisma und Charakter«, resümiert Klaus Haupt, »ein jüdischer Kommunist. Er liebte die Wahrheit und den Report über das wahre Leben über alles, ein Reporter und Schriftsteller mit Leidenschaft.«

Fast ein Lexikon

geschrieben von Alfred Fleischhacker

5. September 2013

Sammelband mit Zeugnissen über das jüdische Brandenburg

Juli-Aug. 2008

Irene A. Diekmann (Hg.)

Jüdisches Brandenburg. Geschichte und Gegenwart, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 2008, ca. 700 Seiten, ca. 300 s/w-Abbildungen, Hardcover, 29,95 Euro

Wer sich für jüdisches Leben in Brandenburg interessiert, kann neuerdings getrost auf Google verzichten. 28 Autorinnen und Autoren haben auf mehr als 700 Seiten das Ergebnis ihrer Recherchen publiziert. Im Auftrag des Moses Mendelsohn Zentrums für europäische jüdische Studien liegt das im Verlag Berlin-Brandenburg erschienene, im Wortsinn gewichtige Buch es bringt immerhin 1,6 kg auf die Waage jetzt vor. Herausgeberin ist Irene A. Diekmann.

Gegliedert in 13 Ortskapitel, beginnend in Beelitz und endend in Rathenow, wird beschrieben, wie sich das Leben der Juden entwickelte. Da erfährt man zum Beispiel über Guben, dass hier der weltliche Herrscher Rudolf I. am 13. Oktober 1319 die rechtliche Gleichstellung von Juden mit anderen Stadtbürgern per Urkunde verfügte. Es irrt jedoch wer glaubt, so sei es überall und vor allem permanent gewesen. Vielmehr gab es im Umgang mit der jüdischen Minderheit über die Jahrhunderte ein ständiges Auf und Ab. Pogrome, Ausgrenzungen, institutionelle und physische Gewalt gehörten zum immer wieder eingesetzten Instrumentarium der Mächtigen.

Doch auch die Mitglieder der Jüdischen Gemeinden brachten das wirtschaftliche Leben in Brandenburg mit voran. Wer weiß schon, dass das in aller Welt wegen seiner Weichheit geschätzte Nappaleder einem jüdischen Erfinder zu verdanken ist? 1832 gründete Hermann Meyer in Guben eine Lederfabrik. Einer seiner Nachfahren entwickelte die neue Technologie zur Veredelung des Produkts. Der Familienbetrieb wuchs zu einem angesehenen mittelständischen Unternehmen, bis die Nazis es nach der Pogromnacht 1938 liquidierten.

In ungefähr einem Dutzend Essays werden allgemeine Aspekte des Zusammenlebens von Juden und Angehörigen anderer Religionen untersucht. Etwa der lange Weg des 14-jährigen Knaben Moses Mendelssohn nach Berlin. Der brach im Herbst 1743 in Dessau auf. Um zu seinem Bestimmungsort zu gelangen, musste er mehrere Male brandenburgische Besiedelungen durchqueren. Überall gab es Stadttore, Sperren und Zölle, die vor allem von Juden eingefordert wurden. Der junge Wanderbursche aus Dessau war auf die Hilfe seiner Glaubensbrüder angewiesen. Von denen gehörten etwa die Hälfte zu den Armen, ebenso viele zu den Bessergestellten, nur drei Prozent waren wirklich wohlhabend. Aus dem Knaben Moses Mendelsohn wurde in der Tat ein ganz Reicher: An Geist und Wissen, in der maßgeblich von ihm mitgeprägten Epoche der Aufklärung.

Natürlich hat Kurt Tucholskys Aufenthalt mit seiner späteren ersten Ehefrau Else Weil in Rheinsberg auch Eingang in das Buch gefunden.

Kritisch hinterfragt wird auch die ambivalente Haltung der urmärkischen Dichters Theodor Fontane zum Judentum. 1855 wünschte dieser ein Aufgehen der Juden im Deutschtum. Ihr Übertritt zum Christentum sei dafür die Voraussetzung. Doch zugleich warnte er vor anti-jüdischer Radikalisierung in der Gesellschaft, falls der Prozess der »Amalgamierung« nicht glücken würde. Leider haben sich die meisten Brandenburger, als die Nazis die Macht übernahmen und die Juden innerhalb weniger Jahre für vogelfrei erklärt wurden, nicht mehr an die warnenden Worte ihres Dichterfürsten erinnern wollen.

Nach Redaktionsschluss wurde das Ergebnis einer Vergleichsstudie über antisemitische Gewalt bekannt. Im Auftrag des Moses-Mendelsohn-Zentrums wurde sie in zwölf europäischen Ländern durchgeführt. Danach haben ein Fünftel der Europäer antisemitische, beziehungsweise antijüdische Vorurteile. Im Kopf von 39 Prozent der Italiener ist gespeichert, dass Juden eine besondere Beziehung zu Geld hätten …

1945/46 als die Mark, wie das ganze Land, ein großer Trümmerhaufen war, gab es in Brandenburg nur noch einige Hundert Juden. Erst zu Beginn der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts begann eine neue Ära. Etwa 7.500 sogenannte Kontingentsflüchtlinge jüdischer Herkunft aus der ehemaligen UdSSR ließen sich in Brandenburg nieder. Nach neuesten Schätzungen hat etwa die Hälfte von ihnen dort eine neue Heimat gefunden. Ein nicht immer reibungsloser, aber hoffnungsvoller Neuaufbau jüdischen Lebens ist in Gang gekommen.

Wer wissen möchte, wie Jüdisches Leben sich über Tausend Jahre in Brandenburg entwickelte, findet in dem Band mit Sicherheit unzählige Anregungen.

Buchenwalder Lebensbilder

geschrieben von Gerd Deumlich

5. September 2013

Von beeindruckender Authentizität und Aktualität

Juli-Aug. 2008

Peter Hochmuth, Gerhard Hoffmann

Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen, Lebensbilder, in der Reihe: Texte/Rosa-Luxemburg-Stiftung, Band 35, mit 58 Abbildungen

Am 17. Juni beschloss das Bundeskabinett das »Gedenkstättenkonzept« des Kulturstaatsministers Neumann. Das Lob als ein »Meilenstein der Erinnerungsarbeit« hat es sich wohl dadurch verdient, dass da breiten Raum die »Erinnerung an die SED-Diktatur« einnimmt hier bestehe »Nachholbedarf« , während es beim »NS-Gedenken« eine »gewachsene Struktur« gebe.

Nun gibt es Erfahrungen genug, wie solche, hier regierungsoffiziell betriebene Handhabung der Totalitarismus-Doktrin auf die diskreditierende Entstellung des antifaschistischen Widerstandes hinausgeht. Da haben literarische Zeugnisse einen unschätzbaren Wert, die der Verklärung des Faschismus durch Geschichtsrevisionismus die Wahrheit entgegensetzen, wie die Lebensbilder von achtzehn ehemaligen deutschen KZ-Häftlingen, die Peter Hochmuth und Gerhard Hoffmann herausgegeben haben.

So unterschiedlich die Biografien dieser Menschen sind, ist ihnen eines gemeinsam: Alle gingen durch die Hölle von Buchenwald, die die Nazis in der idyllischen Landschaft auf dem Ettersberg bei Weimar angelegt hatten. 100.000 Menschen aus vielen Ländern Europas kamen hier ums Leben, ermordet, verhungert, Opfer von »Medizinexperimenten«, Verzweifelte, die ihrem Leben selbst ein Ende setzten. Von den Achtzehn, die von dem barbarischen KZ-Regime zeugen, waren einige aktiv an der bewaffneten Selbstbefreiung des Lagers am 11. April 1945 beteiligt. Fast alle waren unter den 21.000 Überlebenden, die auf dem Befreiungsmeeting im Lager den Schwur von Buchenwald leisteten: »Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel«. Einige von ihnen sind immer noch aktiv, um der jungen Generation die Wahrheit über den Faschismus zu vermitteln.

Gegen die Verfälschung deutscher Geschichte, wofür die KZ-Gedenkstätte Buchenwald ein bevorzugtes Objekt ist, bezeugen ehemalige Buchenwalder, wie sie, aus der KPD, der SPD, der SAP kommend, aus der Erfahrung mit dem aufkommenden Faschismus vom ersten Tage an organisierten Widerstand gegen die Nazi-Diktatur leisteten. Tatsachen gegen die Auslöschung des Arbeiterwiderstandes im offiziellen Geschichtsbild. Dafür steht das Lebensbild eines Offiziers, der zur Verschwörung des 20. Juli gerechnet wurde und aus seiner eigenen Erfahrung den Schwur von Buchenwald »zu meinem eigenen machte«.

War die faschistische Kriegspolitik ein entscheidender Antrieb zum Widerstand, erlebten sie einige als Sklaven der Rüstungsindustrie in den Stollen von Buchenwald-Mittelbau/Dora, wo die Faschisten die V-Waffen für den »Endsieg« bauen ließen. Und mit diesem Kriegswahnsinn glaubt man heute das antifaschistischen Regime der DDR gleichsetzen zu können!

Die Infamie dieser antikommunistischen Masche belegen auch die Lebensbilder der Verfolgten jüdischer Herkunft, der »Zigeuner«, des »Negerbastards« Opfer des Rassismus, der sich in den unvergleichlichen Völkermordverbrechen das deutschen Faschismus austobte. Solche Menschen bezeugen, dass Kommunisten, die im Lager die Solidarität gegen die SS-Schergen organisierten, ihnen das Leben retteten. Entgegen den verleumderischen Legenden über die »roten Kapos«.

Großen Respekt für alle Achtzehn, die mit ungebrochenem antifaschistischem Engagement ihre Sache verteidigen bis ins Heute, da der Schwur von Buchenwald noch gegen neonazistische Exzesse und gezielt verbreitete Vorurteile und Lügen verfochten werden muss.

Wagnis Diktaturenvergleich

geschrieben von Peter Fisch

5. September 2013

Zu Horst Schneiders Buch »Hysterische Historiker«

Juli-Aug. 2008

Horst Schneider

Hysterische Historiker. Vom Sinn und Unsinn eines verordneten Geschichtsbildes, Verlag Wiljo Heinen, Paperback, 304 Seiten, 12,00 Euro

Prof. Dr. Horst Schneider geht mit dem Buch ein bewusstes, aber notwendiges Wagnis ein, wohl wissend, dass jeder historische Vergleich zwar gängiges Arbeitsprinzip im Sinne des Erkenntnisgewinns ist, aber dennoch seine Tücken und Grenzen hat. Sein methodisches Herangehen ist folgendes: Er benutzt für den Vergleich ausnahmslos strukturelle gesellschaftlich-soziale Kriterien. Verglichen werden das faschistische Dritte Reich mit der DDR und die Alt-BRD mit der DDR. Letzterer Vergleich dominiert allerdings eindeutig. Durchaus vorhandene Parallelen zwischen der BRD und dem Hitlerstaat werden zwar herausgearbeitet, aber die notwendige Differenzierung zwischen der faschistischen Diktatur und dem bürgerlich-parlamentarischen System der BRD bleibt unterbelichtet.

Dieser von Horst Schneider durchgeführte Makrovergleich ist legitim, bedingt aber auch Einschränkungen. Hohe Abstraktionen und historische Verkürzungen sind die Folge des weitgehenden Ausblendens der Entwicklungsprozesse der ver-glichenen Gesellschaftssysteme. So findet der Leser eine Reihe von Pauschalcharakterisierungen (historische Verkürzungen), die nicht dem aktuellen Forschungsstand entsprechen, auch nicht dem marxistischen.

Pauschale Wertungen finden sich z. B. bezüglich des 20. Juli 1944. Selbst eingedenk dessen, dass Offiziere wie Tresckow Kriegsverbrechen zu verantworten hatten und der Putschversuch erst zum Ende des Krieges stattfand, war er dennoch »eine mutige antifaschistische Tat« so die Wertung in der DDR (1984). Auch Schneiders Bemessung der Leistung der DDR-Literatur (Musik und Theater eingeschlossen) wird ihrer widersprüchlichen, oft dirigistisch beeinflussten Entwicklung durch die SED-Führung kaum gerecht. Als hätte es keine Brüche in der Kulturpolitik der DDR gegeben.

Anerkennung verdient, dass mit Schneiders Buch insgesamt eine logisch gegliederte, gut lesbare Streitschrift wider die Totalitarismus-Doktrinäre vorliegt. Wichtig deshalb, weil der Diktaturenvergleich die Hauptmethode des neudeutschen Geschichtsbildes darstellt, Er dominiert die öffentliche Meinung und die politische Argumentation der Herrschenden, einschließlich die Lehrpläne der Schulen, um nicht nur den untergegangenen Sozialismus in Osteuropa, sondern jegliche Bewegung, jedes Denken über den Kapitalismus hinaus in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verteufeln.

Selbstredend zielt das verordnete Geschichtsbild damit auf die Delegitimierung der DDR und die Legitimierung der »freiheitlich-demokratischen Grundordnung« als Endpunkt der Geschichte. Kurz: Die Totalitarismus-Doktrin ist das dominierende Deutungsmuster für die grundsätzlichen historisch-politischen Phänomene der deutschen und Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts und politisches Totschlagargument gegen die Linke und alle demokratischen und antiimperialistischen Kräfte und Potentiale. Integrierend gelingt dem Autor die durch vielfältiges Faktenmaterial und sinnfällige Wertung gestützte Beweisführung, dass eine Gleichsetzung von Faschismus und DDR-Sozialismus eine Absurdität ist. Der grundsätzlich marxistische Ansatz der Analyse, ausgehend von den Eigentums- und Machtverhältnissen (die von Totalitarismusdokrinären bewusst ausgeklammert werden), erweist sich als fruchtbringend.

Daran schließen sich folgende Vergleichskriterien der Staatssysteme an: Außenpolitik, Ideologie, Militär, Justiz, Geheimdienste, Kirche und Erinnerungspolitik. Völlig verzichtet wurde auf die Kriterien Kunst und Literatur, Alltags- und Mentalitätsgeschichte, Sympathiepotential und innere Gegenkräfte, Gesellschaftskrisen (Bewältigung oder latentes Fortbestehen), Entstehungs- und Untergangsbedingungen.

Die wissenschaftliche Wertlosigkeit der Totalitarismusdoktrin bedeutet aber nicht, dass es genügt, das jeweilige Fazit der einzelnen Kapitel mit dem Hinweis zu verbinden, dass auch hierin »die DDR auf der Siegesstraße« gewesen sei. Die DDR-Geschichte ist, trotz aller Leistungen und Erfolge, nicht nur eine ungetrübte Erfolgsbilanz. Ihr Untergang ist, bei allem Wirken der Konterrevolution, auch ihren Defiziten, Widersprüchen, Irr- und Abwegen geschuldet. Wo und wann begannen die? Welche Kurz- oder Langzeitwirkungen hatten sie?

Prof. Dr. Kurt Pätzold, aktiver Mitgestalter und Zeuge der Geschichte der DDR-Historiographie, bekannte in seiner kürzlich erschienenen Autobiographie, dass diese, bei allen Leistungen, mit dem Dirigismus in der Forschung und Publikationspolitik der SED-Führung leben musste. Die negativen Folgen waren beträchtlich.

Die notwendige, fortgesetzte Auseinandersetzung mit der Totalitarismusdoktrin verlangt unabdingbar, die DDR-Geschichte, wie auch die Geschichte der internationalen und deutschen kommunistischen Bewegung, tabulos und umfassend darzustellen- ohne in den Ruf abtrünniger Renegaten bzw. kapitalistischer Apologeten zu geraten. Das heißt, den Radikalverzicht auf Halb- und Unwahrheiten zu praktizieren, denn es gilt, jene inhaltlichen Felder zu besetzen, welche die Totalitarismusdoktrinäre jetzt innehaben.

Nazis in Nadelstreifen

geschrieben von Sebastian Friedrich

5. September 2013

Über den Strategiewechsel der NPD seit 1996

Juli-Aug. 2008

Andrea Röpke, Andreas Speit

Neonazis in Nadelstreifen. Die NPD auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft, Broschur, 208 Seiten, 21 Abbildungen, 16,90 Euro

Bis vor einigen Jahren hielt sich beharrlich das verzerrte Bild vom Neonazis als Skinhead in Bomberjacke, mit weißen Schnürsenkeln in den Springerstiefeln. Dieses Klischee war schon damals überholt, heute ist es das allemal. Auch gewaltbereite junge Neofaschisten entsprechen ihm heute kaum noch, vielmehr übernehmen speziell die sogenannten Autonomen Nationalisten Dresscodes von politisch eher linksorientierten Jugendlichen.

Was viele Nazis aber schon immer gemein haben ist, dass sie als solche nicht sofort zu erkennen sind. Ihre menschenverachtende Ideologie ist ihnen schlicht nicht anzusehen; sie tragen Arbeiterklamotten, Jeans-Hosen, Kapuzenpullis und Anzüge mit Nadelstreifen. Vor allem mit letzteren beschäftigen sich die Journalisten Andrea Röpke und Andreas Speit in ihrem neuen Band »Neonazis in Nadelstreifen Die NPD auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft«, der im März 2008 beim Christoph Links Verlag erschienen ist.

Auf über 200 Seiten setzen sich verschiedene Autorinnen und Autoren mit der NPD, ihrem Umfeld und besonders mit dem Strategiewechsel der gesamten rechten Szene auseinander. Ihr Hauptaugenmerk ist auf die NPD gerichtet, weil diese als neuer Hoffnungsträger für weite Teile des rechtsextremen Spektrums fungiert. Wie konnte das einer Partei gelingen, die sich jahrzehntelang am Rande der Auflösung befand und sich in ständigen Flügelkämpfen zu zerfleischen drohte?

Eine Hauptursache des Comebacks der ehemaligen Altherren-Partei, so die These der Autoren, ist der grundlegende Strategiewechsel der Partei seit 1996. In diesem Jahr wurde der ehemalige Bundeswehr-Hauptmann Udo Voigt zum Bundesparteivorsitzenden gewählt.

Er war es, der zwei Jahre später die 3-Säulen-Strategie formulierte (»Kampf um die Straße, um die Köpfe, um die Parlamente«) und sich für eine Öffnung zur Mitte der Gesellschaft und gleichzeitig für eine Zusammenarbeit mit klar neonazistischen, gewaltbereiten Gruppierungen einsetzte. So verbürgerlichte und radikalisierte sich die Partei in den letzten Jahren zunehmend, überholte die anderen rechtsextremen Parteien rechtsaußen, fuhr sensationelle Wahlergebnisse ein und professionalisierte sich zudem.

Ebenfalls vom Parteivorsitzenden Voigt stammt die Losung »Bürgernähe zeigen, vor Ort siegen«, sprich durch kommunale Verankerung bürgerliche Akzeptanz erfahren. Mittlerweile sitzt die NPD in rund 100 Kommunalparlamenten, insbesondere von dort aus gelingt es den Parteimitgliedern, Kontakte zu mittelständischen Unternehmern zu knüpfen. Wie diese und andere Finanzquellen der Partei aufgebaut oder erhalten bleiben, beschreibt Andrea Röpke in einem der Kapitel ausführlich. Auch inhaltlich veränderte sich die Strategie der NPD.

Zwar wird noch traditionell gegen Ausländer gehetzt, die Shoah relativiert und extrem im Freund-Feind-Schema gedacht, jedoch konzentrieren sich sowohl Partei als auch Szene stärker denn je auf die soziale Frage. Die biologisch-rassistisch aufgeladene Kapitalismuskritik fasst die Partei mit dem Dreiklang »national sozial radikal« oder dem Slogan »sozial geht nur national« zusammen.

Neben den angesprochenen Themen geht es in den anderen Kapiteln um die intellektuelle Aufrüstung der Partei, die enge Zusammenarbeit der NPD und der Kameradschaften in Bayern, die Rolle der Frauen in der rechten Szene, militärische Kindererziehungslager, die Verknüpfungen der Rechtsrock-Szene mit der Partei und schließlich wird dargestellt, welch wichtige Rolle Gewalt für Partei und Szene spielt. Hier zeigt sich deutlich das wahre Gesicht der NPD. Neben bieder wirkenden Führungsleuten tummeln sich in ihr unzählige verurteilte Gewalttäter oft auch in hohen Positionen.

Der hervorragend recherchierte Band reiht sich nahtlos in die Reihe der Standardwerke der letzten Jahre ein. Nach dem ebenfalls von Röpke und Speit herausgegebenen Band »Braune Kameradschaften« und dem kurz darauf folgenden Buch »Moderne Nazis« von Toralf Staud, präsentieren insbesondere die Beiträge der Herausgeber selbst den neuesten Stand und entlarven die Vorgehensweise der Rechtsextremen anhand eindringlicher aktueller Beispiele. Aber was ist seit dem Erscheinen von »Braune Kameradschaften« im Jahr 2005 alles in der Rechten Szene passiert?

Große Medien bemühen sich um eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus, viele Politiker beschränken sich auf regelmäßige Forderungen nach einem Verbot der NPD, ohne sich wirklich damit zu konfrontieren und sich auch nur im Geringsten um die nötigen Maßnahmen zu kümmern und die NPD feiert weiter Erfolge und erobert ganze Landstriche.

Auf einen erneuten Selbstzerfleischungsprozess, wie ihn die Partei nach der misslungenen Bundestagswahl 1969 jahrzehntelang durchlebt hat, darf man nicht hoffen. Solange regelmäßig Studien enorme Fremdenfeindlichkeit, antisemitische Ressentiments und Vorurteile verzeichnen, finden rechtsextreme Parteien und Organisationen einen Nährboden für ihre Ideologie. Hier muss der Kampf ansetzen.

Im verdeckten Kampf

geschrieben von Gerhard Hoffmann

5. September 2013

Der Geheimapparat der KPD ist nicht länger geheim

Juli-Aug. 2008

Siegfried Grundmann

Der Geheimapparat der KPD im Visier der Gestapo. Karl Dietz Verlag Berlin 2008. 496 S., geb., 29,90 Euro

Facettenreich ist die Geschichte der Kommunistischen Partei Deutschlands und es zeigt sich, dass sie immer eine lebendige Partei war, geprägt durch Menschen, deren Handeln aus der Überzeugung resultierte, der besten Sache zu dienen und einen gerechten Kampf zu führen. Insbesondere im antifaschistischen Widerstand bewiesen ihre Mitglieder die Fähigkeit, nahezu unglaubliche Kräfte mobilisieren zu können. Erbarmungslos und mit allen Mitteln wurden die Antifaschisten verfolgt und bekämpft. Noch unter diesem permanenten, sich ständig erhöhenden Druck, arbeiteten höchst geheime Strukturen der Partei. Den Geheimapparat der KPD hat Siegfried Grundmann erforscht. Das Ergebnis liegt in einem profunden, faktenreichen und beachtlich gründlich recherchiertem Buch über den »Geheimapparat der KPD im Visier der Gestapo« jetzt vor.

Auf dem 12. Parteitag der KPD, 1929, der dem VI. Weltkongress der Kommunistischen Internationale folgte, wurde als einer der bedeutsamsten Beschlüsse der zur Verteidigung der Sowjetunion gefasst. In Umsetzung dessen erhielt Hans Kippenberger den Auftrag, den Nachrichtendienst und die Zersetzungsabteilung der Partei zu reorganisieren. Eine einheitliche Abteilung Militärpolitik (AM) entstand. Darin hatte die Betriebsberichterstattung (BB-Ressort) eine Sonderstellung. Die Betriebsberichterstattung, deren Aufbau bereits 1927 begonnen worden war, richtete sich vorrangig auf relevante Betriebe und Forschungseinrichtungen. Sie hatte die Zielstellungen, Produktionsinformationen und -geheimnisse zu ermitteln und an die Sowjetunion weiterzugeben sowie die vielfältigen gewonnen Erkenntnisse für die politische Arbeit bereitzustellen. Die KPD arbeitete intensiv an der ständigen Qualifizierung der BB-Arbeit. Sie erschloss Quellen, die bedeutsames Material beschaffen konnten und in der Lage waren, deren Wert zu beurteilen. Die erfolgreichsten Mitarbeiter des BB-Ressorts waren hoch qualifiziert, viele hatten promoviert und waren anerkannte Fachleute.

Strikte Wahrung der Regeln konspirativer Arbeit und Geheimhaltung, die humanistische und antifaschistische Motivation sowie das hohe Bildungsniveau waren Voraussetzungen dafür, dass das BB-Ressort bis 1935 sicher arbeiten konnte. Dann jedoch hatte die gnadenlose, von Antikommunismus getriebene Verfolgungsjagd der Gestapo Erfolge. Es gelang, mit V-Leuten in die Konspiration einzudringen und das BB-Ressort zu zerschlagen. Die wohl größte Tragik bestand darin, dass viele aufrechte Kämpferinnen und Kämpfer von ehemaligen Genossen in die Fänge der Gestapo getrieben wurden. Sie hatten die ihnen entgegengebrachte Achtung und das in sie gesetzte Vertrauen missbraucht und waren zu Verrätern geworden.

Trotz komplizierter Quellenlage ist es dem Autor gelungen, umfangreiches Wissen nicht allein zu den Zusammenhängen und Mitarbeitern des BB-Ressorts zusammenzutragen. Er wandte sich auch den Methoden des Berliner Kommunismus-Referates der Gestapo und dessen V-Leuten zu, also den Tätern. Für den hohen Grad der Verbindlichkeit, Zuverlässigkeit und die moralische Integrität der Mitarbeiter des BB-Ressorts spricht, dass viele ihr Wissen nie preisgaben, nicht unter der Gestapo-Folter, nicht vor dem so genannten Volksgerichtshof, nicht während der »Säuberungen« in der Sowjetunion und auch später nicht, nach dem Krieg, den zu verhindern sie angetreten waren. Ein außerordentlich wertvolles Buch für alle, die nicht bereit sind, dem antikommunistischem und geschichtsrevisionistischem Zeitgeist zu folgen. Ein Lehrbuch vielleicht auch, wie beständige Bündnisse zu schaffen sind.

Dynamischer Kompromiss

geschrieben von Dr. Barbara Höll, Bodo Niendel

5. September 2013

Das Denkmal für die verfolgten Homosexuellen

Juli-Aug. 2008

Das von den skandinavischen Künstlern Ingar Dragsted und Michael Elmgreen gestaltete Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen wurde am 26. Mai offiziell eingeweiht. Im Tiergarten und gegenüber dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas, ragt eine einzelne Stele schräg in die Luft und in einer kleinen Öffnung der Stele ist ein Film mit sich küssenden Männern zu sehen.

Der 95-jährige Ruolf Bradza legte gemeinsam mit dem Bundestagstagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse einen Kranz am Denkmal nieder, eine Stunde bevor der Christopher-Street-Day wenige hundert Meter entfernt eröffnet wurde und mit 500.000 Teilenehmerinnen und Teilnehmern durch die Straßen Berlins ziehen sollte. Es war ein bewegender Moment, denn Rudolf Bradza war wegen seiner Homosexualität im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Er ist vermutlich der letzte überlebende Schwule. Rudolf Brazda hatte sich beim Lesben und Schwulenverband Deutschlands gemeldet, weil er den Medien entnommen hatte, es gäbe keine überlebenden Schwulen mehr.

Schwule wurden während des Faschismus nach Paragraf 175 verfolgt, den die Nazis aus der Weimarer Republik übernommen, ihn jedoch 1935 noch verschärft hatten, so dass von da ab bereits der Versuch einer homosexuellen Handlung unter Strafe stand. Nach heutigem Forschungsstand schätzt man, dass etwa 10.000 bis 15.000 Schwule in Gefängnissen und Konzentrationslagern inhaftiert wurden, etwa 4.000 wurden dort ermordet. Keiner der Überlebenden wurde entschädigt, denn das Bundesverfassungsgericht bezeichnete 1957 den Paragraf 175 und die damit verbundene Verfolgung nicht als »nationalsozialistisch geprägtes Recht«. Der Paragraf 175 war damit in der Bundesrepublik für Recht befunden worden und bestand in der von den Nazis verschärften Form bis 1969 fort. Er wurde erst 1994 endgültig aus dem Strafgesetzbuch getilgt. Mehr als 50.000 Schwule wurden zwischen 1950 und 1969 zu zum Teil langjährigen Haftstrafen verurteilt, einige von ihnen waren zuvor bereits unter den Nazis inhaftiert. Rehabilitiert und entschädigt sind sie bis heute nicht. Die DDR hatte den Paragraf 175 bereits 1957 de facto ausgesetzt.

Der gefundene Kompromiss bewirkt ein dynamisches Denkmal. Es wird jetzt alle zwei Jahre in der öffentlichen Wahrnehmung stehen und nicht nur einmal bei der Einweihungsfeier. Der Filmwettbewerb wird auch auf die Homophobie in der heutigen Gesellschaft verweisen, denn noch immer haben Lesben und Schwule nicht die gleichen Rechte wie Heterosexuelle, noch immer ist lesbisch und schwul – nicht nur auf Schulhöfen- ein Schimpfwort. Noch immer schauen selbst aufgeklärte Linke beim Anblick sich küssender Männer pikiert zur Seite. Noch immer ist lesbische und schwule Liebe nicht normal.

Der Eröffnung des Denkmals für die verfolgten Homosexuellen im Nationalsozialismus gingen viele Auseinadersetzungen voraus. Bereits 1992 gründete sich die Initiative »Der homosexuellen NS-Opfer gedenken«, sie regte den Bau des Denkmals an und entfachte Diskussionen. Unter Rot-Grün beschloss der deutsche Bundestag 2003 mit den Stimmen aller Fraktionen, außer denen der CDU/CSU, den Bau des Denkmals. Im Jahr 2006 wurden der prämierte Denkmalsentwurf der Öffentlichkeit vorgestellt. Eine Stele die wie herübergelaufen vom Holocaustmahnmal wirkt ragt etwas verkrümmt aus der Erde. Deutlich sichtbar befindet sich in Augenhöhe an der vorderen Seite der Stele eine Öffnung, beim Herantreten sieht man einen Film zwei sich küssender Männer. Die Zeitschrift »emma« protestierte, denn der Diskriminierung und Verfolgung von Lesben während des Faschismus werde so nicht gedacht. Mit Recht verwiesen sie auf den Bundestagsbeschluss aus dem Jahr 2003, der ausdrücklich auch die lesbischen Opfer einschloss. Dies mussten auch die zumeinst schwulen Historiker einsehen und stimmten einem Kompromiss zu. Der Film im Denkmal wird alle zwei Jahre ausgetauscht, der Bund finanziert zehn Jahre lang den Wettbewerb und die Jury. Diese solle nach zwei Jahren Mann-männlichen Küssens auch lesbische Liebe berücksichtigen.

Es ließe sich trefflich über die ästhetische Qualität des Denkmals streiten, aber schon jetzt ist ein Ziel des Denkmals erreicht, es provoziert. Dies bewies nicht zuletzt Kulturstaatsminister Bernd Neumann, der die sich küssenden Männer auf den Einladungskarten zur Einweihungsfeier wegretuschieren ließ aus Pietät, wie es hieß. Wenn in zwei Jahren ein neuer Film am Denkmal präsentiert wird, wird Rudolf Bradza vielleicht nicht anwesend sein, aber seiner und der vielen andern wird weiter gedacht werden.

»antifa«Ausgabe Mai-Juni 2008

geschrieben von Bild: Wilhelm Girod

5. September 2013

Mai-Juni 2008

Foto von der Internationalen Jugendbegegnung in Buchenwald
(siehe S. 20/21).

»Durch Licht zur Nacht« so der Titel der Collage von John Heartfield, die mit Blick auf den Reichstagsbrand und die Bücherverbrennung im Mai 1933 entstand. Sie trägt die Unterzeile »Also sprach Dr. Goebbels: Lasst uns aufs neue Brände entfachen, auf dass die Verblendeten nicht erwachen!«

Editorial

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Mai-Juni 2008

Vor 75 Jahren gab es im Mai den deutschen Faschismus an der Macht. Den Sturm auf die Gewerkschaftshäuser, die Zerschlagung der organisierten Arbeiterbewegung, den damit verbundenen Ausbau des Systems der Konzentrationslager, die ersten größeren Boykott- und Pogromaktionen gegen Juden, die Bücher-Scheiterhaufen…

Zwölf Jahre später dann dieser Mai der Befreiung mit seinen bis heute weltweiten Feiern an den Stätten der Verfolgung und denen des Sieges über das Regime, das Terror und Vernichtung über die Menschheit gebracht hatte. Zu all dem steht einiges in dieser antifa, Vergangenheitsbezogenes wie Aktuelles.

Brandaktuell oft: Auch die Nazis erinnern wieder gerne an »ihre« Jahrestage. Am liebsten wie einst auf der Straße. Das dürfen die, sagen meist die Gerichte und die Polizei sorgt dann dafür, dass sie nicht allzu arg gestört werden.

Mehr und mehr führt das zu komplizierten Situationen. Auch, weil eine doch beachtliche Zahl von Bürgerinnen und Bürgern schon meint, dass die NPD eigentlich verboten gehört und Naziaufmärsche zu unterbinden seien. Über Nazi-provokationen und Gegenwehr stehen Beiträge auf den folgenden Seiten.

Auf den Seiten 8 und 9 dieser antifa geht es um die (Wieder?-)Eröffnung einer Debatte darüber, was Antifaschismus sein könnte und müsste. Vielleicht ein Vorgriff auf Dispute beim Bundeskongress der VVN-BdA am 24./25. Mai im ver.di-Haus in Berlin.

Dort findet der nun schon dritte Kongress der Organisation seit ihrer »Ost-West-Vereinigung« statt und nicht nur bei den Anträgen fällt auf, wie wenig dieses »Ost« oder »West« noch eine Rolle spielt.

Konkretes »Material zum Bundeskongress der VVN-BdA« gibt es auf den Seiten 13 bis 16, die sonst unserem »Spezial« vorbehalten sind. Im Wortlaut finden sich dort auch der politische Leitantrag des Bundesausschusses, ein Antrag zum Thema Gedenkstättenpolitik und Beschlussvorlagen zu Organisationspolitik und Öffentlichkeitsarbeit der VVN-BdA.

Meldungen

geschrieben von Zusammengestellt von P. C. Walther

5. September 2013

Mai-Juni 2008

Der »Zug der Erinnerung« mit seiner Ausstellung über die Massendeportationen jüdischer Kinder in die Vernichtungslager der Nazis machte Mitte April mehrere Tage Station in Berlin und wurde auch dort von Tausenden Menschen besucht. Die Deutsche Bahn AG verweigerte jedoch einen Aufenthalt im Berliner Hauptbahnhof.

Ähnliche Hindernisse gab es auch an anderen Orten. Die Bahn AG, deren Vorgängerin, die Reichsbahn, die Deportationen ermöglicht und damit auch Gewinne gemacht hatte, verlangt jetzt hohe Beträge für die Benutzung der Gleise und für die Aufenthalte in den Bahnhöfen.

Neofaschistische Aufmärsche am 1.Mai kündigte die NPD für Hamburg, Nürnberg und Kaiserslautern an. (Bei Redaktionsschluss lagen über den Verlauf noch keine Berichte vor.)

In den beiden ersten Monaten dieses Jahres ist die Zahl rechter Straftaten gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres von 1.774 auf 2.053 wiederum gestiegen. Vor allem im Februar gab es auch einen starken Anstieg bei den Gewalttaten von 96 auf 135. Die Zahlen entstammen den Antworten der Bundesregierung auf die monatlichen Anfragen der Linksfraktion.

Nach Äußerungen des niedersächsischen Innenministers Schünemann (CDU) stammen »40 Prozent der Finanzmittel der NPD aus Steuergeldern«. So hoch seien die staatlichen Zahlungen an die Neonazi-Partei.

Im Prozess gegen die Nazi-Kameradschaft »Sturm 34« vor dem Landgericht Dresden hat sich ein Angeklagter als V-Mann des Staatsschutzes zu erkennen gegeben. Als solcher war er an der Gründung der Nazi-Kameradschaft beteiligt.

Gegen den Bundesvorsitzenden der NPD, Udo Voigt, und zwei weitere NPD-Spitzenfunktionäre ist erneut Anklage wegen Volksverhetzung erhoben worden.

Gegen Voigt ist schon mehrmals Anklage erhoben worden, unter anderem weil er 2004 Hitler als »großen deutschen Staatsmann« feierte und die Bundesrepublik ein »illegitimes System« nannte. 2007 verherrlichte er bei einem Gedenkmarsch für Rudolf Heß das Naziregime. In einem Pressegespräch bestritt er den Massenmord an Juden. Rechtskräftig verurteilt wurde der NPD-Führer bislang jedoch noch nicht.

Der Bundesgerichtshof hat den Freispruch für das NPD-Bundesvorstandsmitglied Jens Pühse aufgehoben. Pühse war Produktionsleiter und Geschäftsführer des NPD-Verlages »Deutsche Stimme«. Trotz der Anklage wegen Volksverhetzung und dem Vertrieb von Nazi-CDs mit strafbarem Inhalt hatte ihn das Landgericht Dresden aufgrund von Gutachten NPD-naher Anwälte freigesprochen. Der BGH erklärte das für unzulässig.

Das Mitglied eines SS-Kommandos, das 1949 in den Niederlanden wegen dreifachen Mordes an Zivilisten in Abwesenheit zum Tode und später zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, lebt seitdem unbehelligt in der Bundesrepublik. Erst jetzt soll gegen den inzwischen 86jährigen in Dortmund Anklage erhoben werden.

Als »Feind im Innern«, den es zu »zerschlagen« gelte, wird ein führendes Mitglied der linkskritischen Soldatenvereinigung »Darmstädter Signal« von einem Offizier der Bundeswehr-Eliteeinheit KSK bezeichnet. Dieser »Feind« werde »von Offizieren einer neuen Generation« beobachtet, »die handeln werden, wenn es die Zeit erforderlich macht«, heißt es in der Erklärung des KSK-Offiziers, der weiterhin im Dienst ist.

Auf die mehrfachen Feststellungen des Bundesverfassungsgerichts, dass Gesetze und Verordnungen der Bundesregierung bzw. der Parlamentsmehrheit verfassungswidrig sind, reagierte der sächsische Justizminister Mackenroth (CDU) mit der Erklärung, es sei »geradezu die Pflicht des Gesetzgebers, die verfassungsrechtlichen Grenzen auszuloten«. Wenn man vor »neuen Herausforderungen« stehe, könne man »nicht mit den Verfassungsrezepten von gestern arbeiten«. Auch »die Menschenwürde ist nicht statisch zu verstehen«; ihr Gehalt könne sich »im Laufe der Zeit verändern«.

»Mehr als ein Drittel aller Hochadeligen gehörte der NSDAP oder einer anderen Organisation des Regimes an«, heißt es in einer Veröffentlichung der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« vom 14.4.08.

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