Ein früher Putschversuch

geschrieben von Joachim Aust

5. September 2013

Nationalkonservative Generäle wollten Hitler schon 1938
stürzen

Sept.-Okt. 2008

Als am 29. September 1938 die Repräsentanten der Westmächte mit den Führern der faschistischen Staaten Deutschland und Italien zur Münchner Konferenz zusammentraten, bedeutete dies nicht nur den Anfang vom Ende der CSR, sondern zugleich das Scheitern eines aussichtsreichen Putsches gegen das NS-Regime in Deutschland. Mit seiner hemmungslosen Aufrüstungs- und Kriegspolitik hatte Hitler das nationalsozialistische Herrschaftssystem in Deutschland in eine existenzbedrohende Krise geführt. Die Staatsfinanzen waren zerrüttet. Der »Vierjahresplan« konnte daran ebenso wenig ändern wie der Erlass restriktiver Devisengesetze, mit denen der NS-Staat ausländische Bankguthaben seiner Bürger unter seine Kontrolle zu bringen versuchte. Der Bedarf an ausländischer Währung zur Finanzierung dringend benötigter Rohstoffimporte konnte nicht gedeckt werden. Die von Hitler angewiesene Erhöhung des Umlaufs ungedeckter Banknoten vertiefte die Wirtschafts- und Finanzkrise. Dessen ungeachtet war Hitler nicht bereit, auf sein kostspieliges Rüstungsprogramm zu verzichten, das die Möglichkeiten der Außenwirtschaft bei weitem überstieg. Die Idee Hitlers, mit dem Krieg gegen die Nachbarstaaten wirtschaftlichen Spielraum zu gewinnen, führte zu einer ständig zunehmenden Verschärfung der politischen Krise in Deutschland. Dies dokumentiert eine Beratung Hitlers vom 5. November 1937 mit hochrangigen Offizieren. Trotz des Einsatzes brutaler Gewalt war es den Nazis nicht gelungen, die politische Opposition dauerhaft niederzuhalten. Auch der Versuch, die Kirchen zu unterwerfen und die Gesellschaft zu Entchristlichen war gescheitert. Nun verweigerten auch hochrangige deutsche Offiziere Hitler die Gefolgschaft, der die im Aufbau begriffene Wehrmacht in einen zum Scheitern verurteilten Zwei-Fronten-Krieg zu verwickeln drohte. Doch weder der Sturz der Generäle von Blomberg und von Fritsch noch die Annexion Österreichs brachten für Hitler eine Lösung der Krise. Die überhebliche Missachtung des Sachverstandes seiner Generäle, Angriffe gegen führende Offiziere der Wehrmacht und der sich verschärfende »Kulturkampf« gegen die Kirchen begünstigten die Bildung einer nationalkonservativen Aufstandsbewegung deutscher Offiziere. Ihr Ziel war der Sturz des NS-Regimes und die Herstellung einer konstitutionellen Monarchie unter dem preußischen Kronprinzen. Die Verschwörer beabsichtigten auch, sich mit dem bürgerlichen und sozialdemokratischen Widerstand zusammenzuschließen. Am 28. September 1938 schlossen Truppen der 6. Panzerdivision unter General Erich Hoepner auf ihrem Marsch die NS-treue Leibstandarte »Adolf Hitler« und die 1. Panzerdivision unter General Guderian von denen unbemerkt ein, um deren Eingreifen in den geplanten Putsch zu verhindern. In Potsdam wurden Waffen an das 9. Infanterieregiment ausgegeben, um zusammen mit Truppen der Berliner Garnison die Hauptstadt zu besetzen. Unter der organisatorischen Leitung des Obristen Hans Oster, Chef der Zentralverwaltung der deutschen Abwehr, wurden die Umsturzpläne koordiniert. Als vorläufiger Reichspräsident sollte General Beck eingesetzt werden. Der Umsturz scheiterte aber und wurde abgebrochen. Um das NS-Regime zu stürzen, benötigten die aufstandsbereiten Offiziere die außenpolitische Unterstützung westlicher Demokratien. Mehrere Emissäre wurden erfolglos nach England geschickt. Unterstützung wurde ihnen mit dem Abschluss des Münchner Abkommens schließlich verwehrt. Mit dem Bruch der französischen Beistandsverpflichtungen gegenüber Tschechien wurde nicht nur die sowjetische Beistandszusage hinfällig, sondern wurden auch die deutschen Putschpläne durchkreuzt. Eine erfolgsträchtige Möglichkeit zur Beseitigung des NS-Regimes wurde damit vertan.

Die Lichtenburg bleibt

geschrieben von Ulrich Freyberg

5. September 2013

VVN-BdA an der Gestaltung der neuen Ausstellung beteiligt

Sept.-Okt. 2008

Die beiden frühen Konzentrationslager für Männer und Frauen und der Erhalt der Gedenkstätte bewegten seit Jahren viele Gemüter. Über 700 zustimmende Meinungsäußerungen aus breiten Teilen der Bevölkerung bestärkten uns in unserer damaligen Haltung, den gesamten Schlosskomplex als Stätte des Gedenkens zu bewahren. Auf der Grundlage dieser Position bereiteten wir mit anderen Opferverbänden zwei Lichtenburgkonferenzen vor und führten sie in den Jahren 2003 und 2006 unter Beteiligung aller Landtagsfraktionen und interessierten Bürger aus dem Territorium durch.

Diese Veranstaltungen trugen vordergründig »Protestcharakter«, um die Verantwortung der Landesregierung für die KZ-Gedenkstätte Lichtenburg anzumahnen. In einem langwierigen Prozess arbeiteten wir die überregionale Bedeutung der Lichtenburg als eines der ersten Männerkonzentrationslager in Preußen und dann als Frauenkonzentrationslager in Deutschland heraus. Hier wurden Grundlagen für das KZ-System in ganz Deutschland und in den okkupierten Gebieten gelegt. In den Jahren der Auseinandersetzung halfen uns auch die regelmäßig durchgeführten Jugend-Workcamps, die Erinnerung an die KZ-Zeit wach zu halten. Der Bürgermeisterin und ihren Mitstreitern ist es zu verdanken, dass die Gedenkstätte zugänglich blieb.

Mit Zustimmung unseres damaligen Vorsitzenden, Josef Gerats, der dem Kampf für den Erhalt der Lichtenburg Jahre seines Lebens gewidmet hat, entschieden wir schließlich, die auch vom Zentralrat der Juden favorisierte Variante der Errichtung einer Gedenkstätte im so genannten Werkstattgebäude als Kompromisslösung zu akzeptieren. In Frau Prof. Jacobeit von der Humboldt-Universität Berlin, ihren Doktoranden und Studenten fanden wir fachkundige Unterstützung unseres Anliegens.

Am 20. und 21. Juni 2008 wurde nun eine neue Lichtenburgkonferenz durchgeführt, diesmal organisiert von der Gedenkstättenstiftung Sachsen-Anhalt. Diese Konferenz leistete einen wissenschaftlichen Beitrag zur Geschichte beider Konzentrationslager und erinnerte gleichzeitig an das SPD-Verbot durch die Nazis. Wir sehen nun mit Zuversicht in die Zukunft. Die beabsichtigte Eröffnung der neuen Gedenkstätte im Jahre 2010 scheint realisierbar. In die Gestaltung der neuen Ausstellung ist die VVN-BdA einbezogen und hat Mitspracherecht.

»Die Wahrung der Demokratie ist die Voraussetzung, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Das setzt ein vorausschauendes Zusammenwirken aller linken Strömungen, bei Wahrung ihrer Integrität und die Einbeziehung weiterer demokratischer Kräfte aus der Mitte der Gesellschaft voraus.« Dies gab uns Ernesto Kroch, ehemaliger Häftling der Lichtenburg, als Zeitzeuge mit auf den Weg.

Protokoll einer Auslöschung

geschrieben von Regina Girod

5. September 2013

Wie Menschenrechte außer Kraft gesetzt werden

Sept.-Okt. 2008

Savvas Xiros:

Guantanamo auf griechisch. Zeitgenössische Folter im Rechtsstaat, Pahl-Rugenstein 2007, 13,90 Euro

Ein schreckliches Buch! Mit einem an die Hand gebundenen Stift geschrieben – weil die Finger fehlen. Von einem Mann der fast blind, so gut wie taub und durch schwere körperliche Schäden zum Pflegefall geworden, in einem unterirdischen Gefängnistrakt eine mehrmals lebenslängliche Haftstrafe verbüßt. Hier und heute, im Europa des 21. Jahrhunderts. In den Jahren 2004 bis 2007 entstanden, dokumentiert das Buch des griechischen »Terroristen« Savvas Xiros einen unerhörten Vorgang: Die Wiederaufrichtung eines Menschen, der durch Folter gebrochen wurde. Eine psychische Großtat, vollbracht aus eigener Kraft- durch Schreiben. Schreiben als qualvoller Akt der Selbstvergewisserung. Schreiben, um die Macht über die Erinnerungen zurückzugewinnen. Fragmentarische Texte, unerbittlich Zeugnis ablegend von menschlichen Abgründen und menschlicher Überlebenskraft. Wer bin ich? Was haben sie aus mir gemacht?

Am 29. Juni 2002 explodierte in der Hand von Savvas Xiros, Ikonenmaler, Mitglied der »Revolutionären Organisation 17. November«, kurz »17 N« genannt, eine Bombe, mit der er einen Anschlag auf das Büro einer Schifffahrtsgesellschaft im Hafen von Piräus verüben wollte. Der Anschlag war als Reaktion auf die gewaltsame Niederschlagung eines Streiks der griechischen Hafenarbeiter gedacht gewesen. 27 Jahre lang hatten Polizei und Geheimdienste in Griechenland vergeblich versucht, der Organisation »17 N« auf die Spur zu kommen, die, im Gefolge der Militärdiktatur entstanden, im Laufe der Jahre 19 Anschläge auf Personen und mehr als 80 Anschläge auf Gebäude verübt hatte. Sechs Millionen Euro Kopfgeld waren auf ihre Mitglieder ausgesetzt worden. Vergeblich.

Mit dem schwer verletzten Savvas Xiros in der Hand bot sich den griechischen Behörden die einmalige Chance, die Organisation 17 N aufzurollen. Die Ermittlungsbehörden reagierten sofort und verwandelten die Intensivstation des Athener Krankenhauses, in das man ihn gebracht hatte, in ein Verhörzentrum. Man brauchte den mit dem Tode Ringenden ja nicht einmal zu verhaften. Völlig hilf-und wehrlos, ohne juristischen Beistand, vollgepumpt mit Psychopharmaka, wurde er 65 Tage lang Prozeduren unterzogen, die seinen Widerstand brachen, seine Urteilsfähigkeit außer Kraft setzten und ihn zu einer willenlosen Marionette degradierten. »Wer jede ihm vom Gegenüber zugedachte Rolle annimmt, ohne die Fähigkeit zu zweifeln, zur Eigeninitiative, zum Nachdenken oder Denken, der ist suggestibel. Ein psychisch toter Mensch. Eine unpersönliche Persönlichkeit, ein unbeständiger Charakter, ein anderer Mensch.«, beschreibt er seinen Zustand später. »Dort, wo eine Werbung, eine Kampagne im Wahlkampf ansetzt, eine bewusstseinsverändernde Substanz oder Verheißung wirken, wo die Drogen zerfressen, die Wahnbilder der Abhängigen, gemeinsam oder einzeln eine andere, viel plastischere Realität im Innersten der Existenz, im Willen erzeugen, dort, im Kern der Existenz setzt auch die moderne Verhörmethodik an. Und dort steht der ihr Unterzogene tiefer als ein willenloses Tier, der keine Möglichkeit zur Kontrolle der Vorgänge hat, nichts in Frage stellen kann, kein Recht zur Verweigerung oder Wahl besitzt.« Ein Anwalt, der Savvas Xiros 45 Tage nach der Explosion im Krankenhaus sehen durfte, beschrieb seinen Zustand als den eines »fünfjährigen Kindes mit Down-Syndrom«.

Dennoch fanden die von ihm im Krankenhaus getätigten und später widerrufenen Aussagen im Prozess Verwendung. 15 mutmaßliche Angehörige der Organisation »17 N« wurden im Dezember 2003 zu Gefängnisstrafen von acht Jahren bis mehrmals lebenslänglich verurteilt. Zu der Verwertbarkeit der Aussagen von Savvas Xiros auf der Intensivstation hieß es in der Urteilsbegründung: »…angesichts des kritischen Zustandes und der Gefahr, dass er nicht überlebt, gelangten die Ermittlungsbehörden zu der Erkenntnis, dass man mit ihm kommunizieren müsse, um Indizien zu sichern, die zur Aushebung der Organisation führen würden.«

Ein wichtiges Buch. Es vermittelt nebenher die beklemmende Erkenntnis, dass ganz normale Krankenhausärzte und Schwestern, die gestern noch nichts Derartiges dachten, heute bereit sein können, Folter zu akzeptieren und sich sogar an ihr beteiligen! Zumindest dann, wenn das Opfer »Terrorist« ist. Die von den USA vorgelebte Maxime, zu Terroristen erklärten Personen die elementarsten Menschenrechte abzusprechen, trägt unheilvolle Früchte. Und das nicht nur in Griechenland.

Zu danken ist der in Athen lebenden Journalistin Heike Schrader für die deutsche Übersetzung des Buches und ihre ausführliche Einführung in die historischen und politischen Hintergründe des Falles Savvas Xiros und der »17 N«. Geplant sind nunmehr auch eine französische und eine englische Ausgabe. Savvas Xiros selbst kämpft inzwischen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte um dringend notwendige medizinische Behandlungen. Sein Gesundheitszustand hat sich durch die Haftbedingungen weiter verschlechtert. Auch sein Bruder, der ihn als Mithäftling pflegt und damit sein Überleben ermöglicht, ist unterdessen schwer erkrankt.

Konsequente Hilfe ist nötig

geschrieben von Das Gespräch führte Regina Girod

5. September 2013

Mitarbeiterinnen des Behandlungszentrums für Folteropfer in Berlin im
Gespräch

Sept.-Okt. 2008

Das Behandlungszentrum für Folteropfer (bzfo) in Berlin wurde 1992 gegründet und bietet Opfern organisierter staatlicher und Bürgerkriegs-Gewalt Hilfe bei körperlichen Leiden, seelischen Langzeitschäden und psychosomatischen Störungen. Das Behandlungsangebot richtet sich an Erwachsene, Kinder und unbegleitete Jugendliche. Etwa 500 Menschen behandelt das Team jährlich. Die Patientinnen und Patienten kommen aus fast 60 Ländern. Rund die Hälfte der Ausgaben wird vom Bund, der EU und den Vereinten Nationen finanziert; der Rest wird von Stiftungen, Unternehmen und Privatpersonen getragen.

www.bzfo.de

antifa: Die meisten Patienten in Ihrer Einrichtung sind Flüchtlinge im Asylverfahren. Wie finden sie den Weg zu Ihnen?

Claudia Kruse: Personen und Einrichtungen, die mit Flüchtlingen arbeiten, also Ärzte, Rechtsanwälte, Flüchtlingsberatungsstellen, seit einiger Zeit auch die Erstaufnahmestelle für Asylbewerber, verweisen auf uns, wenn sie den Eindruck haben, dass ein Klient spezielle medizinische und psychologische Hilfe benötigt. Wir haben lange Wartelisten. Nur ein Teil der hier ankommenden Folter-überlebenden hat überhaupt die Möglichkeit, unsere Therapieangebote in Anspruch zu nehmen. Es gibt auch eine Art Mund zu Mund-Propaganda unter Landsleuten. Ehemalige Patienten helfen anderen, den Weg zu uns zu finden.

antifa: Mit welchen Symptomen und Krankheitsbildern sind Sie konfrontiert?

Claudia Kruse: Folter verletzt, isoliert und macht sprachlos. Folter ist darauf ausgerichtet, den Opfern ihre Würde und jede soziale Bindung zu nehmen. Einige unserer Klienten haben die Orientierung in ihrem Leben verloren.

Diagnostisch haben wir es mit verschiedenen Krankheitsbildern zu tun. Eine häufige Erkrankung ist die posttraumatische Belastungsstörung, die mit flashbacks, Gedächtnis- und Konzentrationsproblemen, Schlafstörungen, Alpträumen, Wiedererinnern an das Trauma verbunden ist. Viele Patienten haben Depressionen und leiden an vielfältigen Schmerzzuständen.

Ihre Krankheit belastet nicht nur sie, sondern auch ihre Familien. Wir behandeln auch Kinder und Jugendliche. Manche sind durch die Gewalterfahrungen der Eltern und die Auswirkungen auf das Familiensystem sekundär traumatisiert, andere haben eigene Kriegs- oder Foltererfahrungen. Hinzu kommt bei einigen der Verlust der Familie. Sie kommen allein als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland, z. B. ehemalige Kindersoldaten.

antifa: Braucht Therapie nicht vor allem eine sprachliche Grundlage? Wie schaffen sie die bei Patienten aus mehr als 50 Ländern?

Andrea Ahrndt: Das ist ein Teil unseres speziellen Angebotes. Wir arbeiten mit von uns weitergebildeten Dolmetschern. In Berlin gibt es für fast alle Sprachen Dolmetscher. Ein großes Problem bereitet allerdings deren Bezahlung. Wir müssen die Arbeit der Dolmetscher größtenteils aus Spenden finanzieren. Sprachprobleme sind auch der Hauptgrund dafür, dass niedergelassene Therapeuten die Behandlung von Folteropfern oft nicht übernehmen können.

antifa: Wie beeinflusst der Flüchtlingsstatus die Situation ihrer Patienten?

Claudia Kruse: In jedem Fall wirkt sich der Status als Asylbewerber auf die psychische und physische Verfassung des Klienten aus und ist somit Gegenstand der Therapie. Der unsichere Rechtsstatus, dem sie unterliegen, belastet unsere Patienten meist noch stärker als andere Betroffene. Hinzu kommt die oft als demütigend empfundene Behandlung bei den zuständigen Behörden, der Rassismus und die Ausgrenzung, die sie in Deutschland erfahren. All diese Probleme werden immer wieder in den Therapien thematisiert. Man kann sich ja nicht isoliert mit Traumafolgen der Vergangenheit beschäftigen, wenn die Traumatisierung fortgesetzt wird.

Andrea Ahrndt: Als Sozialarbeiterin setze ich mich jeden Tag mit Ämtern und Behörden auseinander. Zum Beispiel haben wir die Möglichkeit, im Rahmen eines Therapieplanes eine Arbeitserlaubnis für Patienten zu beantragen, weil Arbeit sehr wichtig für die Stabilisierung des Selbstwertgefühls ist. Doch es dauert oft Monate, bis wir sie bekommen. Solange hält kein Betrieb einen Arbeitsplatz frei. Große Probleme bereitet uns auch die Residenzpflicht. Flüchtlinge, die im Umland von Berlin leben, brauchen für jede Therapiestunde eine extra Genehmigung, um nach Berlin zur Behandlung kommen zu dürfen. Und wenn diese erteilt wurde, ist ein weiteres Problem die Übernahme der Fahrtkosten. Da Flüchtlinge ja nur verminderte Sozialleistungen erhalten, können sie die nicht selbst aufbringen.

antifa: Ist das nicht frustrierend?

Claudia Kruse: Natürlich. Menschen die Folter oder Krieg erlebt haben, kennen das Gefühl der totalen Ohnmacht und des Ausgeliefertseins. Wir bemühen uns darum, diese Menschen zu stabilisieren und sie wieder handlungsfähig zu machen. Wir müssen aber immer wieder erleben, dass unsere Arbeit durch die rechtlichen und sozialen Rahmenbedingungen behindert wird.

antifa: Aber Ihre Einrichtung wird doch staatlich gefördert?

Claudia Kruse: Ja. Ein Teil unserer Mittel stammt aus dem Etat des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Wir erfüllen hier den staatlichen Auftrag der Behandlung und medizinischen Versorgung von Folteropfern, zu der sich alle Staaten der EU verpflichtet haben. Es gibt zur Rehabilitation von Folteropfern klare EU-Richtlinien, die von den Mitgliedsstaaten umgesetzt werden müssen, in Deutschland aber bisher nur teilweise umgesetzt sind.

Nichts auslassen

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Kurt Pätzold hat die »Erinnerungen eines Historikers«
vorgelegt

Sept.-Okt. 2008

Kurt Pätzold:

Die Geschichte kennt kein Pardon. Erinnerungen eines deutschen Historikers«, Edition Ost im Verlag Das Neue Berlin, 320 S.,Euro 19,90

Eine Anmerkung vorweg zur Erklärung der ganz persönlichen Beziehung an den vorliegenden »Erinnerungen eines Historikers«: Der Rezensent und der gleichaltrige Autor begegneten einander erst im ziemlich fortgeschrittenen Alter, nach der »Wende«. Der Rezensent hat die Jahre vor diesem »Beitritt« im Wesentlichen in den »alten«, der Autor in der nun »neue Bundesländer« genannten »ehemaligen DDR« gelebt. Der Rezensent mit Rest-Kriegserfahrung war nach 1945 auf recht mühseligem Weg in die Schar jener recht bald als »staatsfern« an den Rand Gedrängten gelangt, die nach den Erfahrungen des Vergangenen den Antifaschismus – mit all dem, was er als Menschenrechtsbewegung beinhaltet – als Staatsdoktrin für zwingend hielten. Kurt Pätzold hat diese Jahre »staatsnah« als Student, Parteifunktionär, Hochschullehrer, Historiker und loyaler Staatsbürger in der SBZ, die als DDR diesen Antifaschismus zur Staatsdoktrin erhoben hatte, gelebt. Was auch ihm nach der »Wende« (»Die DDR wurde von nun an ‚zurückgebaut‹.«) als »Vergehen« angelastet wurde und weitere Beulen am Kopf (darunter auch 1992 die Entlassung aus dem Hochschuldienst) eingebracht hat. (Nicht alle seinen Beulen sind, die Lektüre der Erinnerungen macht es deutlich, vom Klassenfeind.)

Zu Überlegungen von DDR-Historikern, eine Hitlerbiografie zu schrieben, entschied, wie bei Pätzold zu lesen, die Führung der SED in frühen Jahren dahingehend, dass eine Biografie des von den Faschisten ermordeten Vorsitzenden der KPD, Ernst Thälmann, Priorität habe. Für die »Süddeutsche Zeitung« Anlass, ihre ansonsten recht sachliche und den Rang des Historikers Pätzold durchaus anerkennende Rezension mit der zweideutigen, einer Geschichtsklitterung nahekommenden Überschrift »Ohne Thälmann kein Hitler« zu versehen. Die Totalitarismusdoktrin lässt grüßen. (H.C.)

Kurt Pätzold, »antifa«-Leser wissen es aus zahlreichen Veröffentlichungen, kann erzählen und er hat was zu erzählen. Wer als »Westler« die oft zu lesende Formel: »Wir sollten uns zum besseren Verständnis unsere Biografien erzählen« ernst nimmt, der sollte diese Erinnerungen lesen, Sie sind verwoben mit der Geschichte eines Staates, der sich auf den Weg begeben hatte, die Verhältnisse umzustülpen, in denen der Mensch nur Posten in den Kalkulationen der Mächtigen darstellt – und dabei gescheitert ist. Eingebettet aber auch in das, was der »Kalter Krieg« an Auswirkungen auf die Politik der beiden deutschen Staaten hatte, wobei der westwärts gelegene den Ostteil erklärtermaßen stets als Wechselbalg, als »heimzuholendes Territorium« betrachtet und behandelt hat – was diesen manchen, auch innenpolitisch spürbaren Stachel ausfahren ließ.

»Vollständigkeit« strebt der Autor nicht an. Im Nachwort sagt er: »Befolgt werden sollte der Grundsatz, nichts auszulassen, um von sich das Bild einer Lichtgestalt zu entwerfen«. Dieser Gefahr entgeht er durch die sehr kritische Betrachtung seiner (stets aktiven) Mitwirkung am Geschehen im Staate DDR, sei es in der Umsetzung der Politik der Regierung oder der herrschenden SED (»… Zweifel im Grundsätzlichen nagten nicht an mir«) oder auch bei den Forschungsarbeiten, bei denen die Freiheit der Wissenschaft mitunter ihre Grenzen durch engstirnige Funktionäre oder die Befindlichkeiten des »Großen Bruders« Sowjetunion fand.

Diese Erinnerungen sind ein ganz eigenes Zeitdokument, das uns mit nimmt auf den nun bald achtzigjährigen Weg des bekennenden Sozialisten, des international renommierten Faschismusforschers und Autors zahlreicher Bücher, der seine Forschungen zum Faschismus »immer auch als Warnung verstanden« hat und heute die »Auflehnung gegen die Lüge vom verordneten Antifaschismus« der DDR als »eine Frage des Anstands« bezeichnet. Dem nie träumte, »noch einmal Bürger eines Staates zu sein, der die Lobpreisung der Waffen-SS legalisiert«. Die letzten einhundert Seiten dieser Erinnerungen widmen sich dem Leben des Bürgers Pätzold in diesem Staat, in dem er nun – weite Strecken dabei auf dem Fahrrad – mehr denn je als gefragter Gesprächspartner »auf Achse« ist. Angesichts der Fülle der seitdem vorgelegten Bücher und anderen Publikationen ist man fast geneigt jenen Studenten zuzustimmen, die Pätzolds Rausschmiss fast als Segen bezeichneten. Nie hätte er sonst soviel über die Geschichte von Faschismus, Krieg und Judenmord publiziert.

An einer Stelle seiner Erinnerungen erwähnt Pätzold die Maxime eines seiner Historikerkollegen »lieber uneingeschränkt kürzer leben als eigene Lebensansprüche reduzieren«. Da er, wie zu lesen ist, seine eigenen Lebensansprüche bislang nicht reduziert hat und dies auch fürderhin nicht zu tun gedenkt, wird die Kapitelüberschrift »Das Jüngste oder das Letzte« (Buch) ganz sicher in dem Sinne beantwortet werden, dass diese Erinnerungen das »jüngste« Werk aus seiner Feder sind.

Fluchthilfe als Widerstand

geschrieben von Peter Fisch

5. September 2013

Erinnerung an Lisa und Hans Fittko, die unzählige Menschen
retteten

Sept.-Okt. 2008

Lisa Fittkows Bücher sind antiquarisch noch erhältlich.

Die Finanzierung des Denkmals für Hans und Lisa Fittko wurde vom Deutschen Bundestag 1992 mit der Begründung abgelehnt hatte, es sei »nicht zu verantworten, eine Million in einem abgelegenen Ort mit sehr geringem Nutzwert zu stecken«. Das Denkmal wurde schließlich von der katalanischen Regierung, der Gemeinde Banyuls-sur-mer und privaten Sponsoren finanziert.

In Banyuls-sur-Mer, einem französischen Fischerort am Fuße der Pyrenäen, wurde am 13. Februar 2001 ein Denkmal enthüllt. Es trägt die schlichte Inschrift: »Es war das Selbstverständliche. Dem Andenken von Lisa und Hans Fittko und den vielen anderen«.

Von September 1940 bis April 1941 führten die Fittkos Verfolgte des Nazi-Regimes über die Pyrenäen. Ihre Tat rettete vielen Menschen, darunter bekannten Künstlern, Schriftstellern und Wissenschaftlern, das Leben. Am 26. September 1940 machte sich Lisa Fittko zum ersten Mal auf den strapazenreichen Weg über die Berge. Drei Exilanten waren die ersten, die sich ihrer Führung anvertrauten, um über einen alten Schmugglerpfad spanischen Boden und von dort aus Lissabon zu erreichen.

Entscheidend für die Fittkos, diese gefährliche Mission zu übernehmen, war ihre Begegnung mit dem US-amerikanischem Journalisten Varian Fry. Dieser leitete, ausgestattet mit gesammelten Gel-dern, die Hilfsorganisation »Emergency Rescue Comittee«, die bedrohten Flüchtlingen half.

Getragen von tief verwurzelten humanistischen Überzeugungen retteten die Fittkos vor den Nazis Geflohene, ohne nach deren sozialer Herkunft, Parteizugehörigkeit oder weltanschaulicher Position zu fragen. Zu Ehren von Lisa und Hans Fittko wurde der Fluchtpfad bald »Route F« (»Fittko«) genannt. Ungezählte Flüchtlinge, unter ihnen Heinrich Mann, der Bruder von Katia Mann, Hannah Ahrendt, Fermi, Chagall, Walter Mehring, André Breton, Lion Feuchtwanger, Alma Mahler und Franz Werfel konnten auf diesem Wege dem tödlichen Zugriff der Gestapo entkommen.

Im Herbst 1941 mussten die Fittkos selbst um ihre Sicherheit bangen. Varian Fry wurde vom Vichy-Regime ausgewiesen. Es verwundert nicht, dass Fry durch die US-Regierung keinerlei Anerkennung erfuhr, im Gegenteil. Der Nähe zu den Kommunisten verdächtigt, erlebte er nach dem Krieg die Schrecken der McCarty-Ära. Er fand keine Möglichkeit mehr, in seinem Beruf zu arbeiten.1967 verstorben, ehrte der Staat Israel ihn posthum im Jahre 1996 in der Gedenkstätte Yad Vashem.

Wahrscheinlich wüssten wir gar nichts von Hans und Lisa Fittko, wäre nicht, 40 Jahre (!) nach dem Tod von Walter Benjamin dessen Freund Gershom Sholem auf einen Kurzbericht von Lisa Fittko gestoßen, der einige Aussagen über das tragische Schicksal Benjamins, (er beging nach versagtem Grenzübertritt Selbstmord) und den Verbleib seiner philosophischen Manuskripte enthielt. Auf Anraten Sholems erweiterte Lisa Fittko ihren Bericht.1985 lag er unter dem Titel »Mein Weg über die Pyrenäen« vor. Ohne Pathos schildert sie darin ihr Leben als Emigrantin in Frankreich, die faschistische Okkupation, die Gefahr der Verfolgung und Internierung, die Kontakte zu Fry, die selbstlose Hilfe für die Exilanten sowie ihre am Ende erfolgreiche eigene Flucht und ihr Leben in der Emigration auf Kuba. Sieben Jahre später erschien ein weiterer Memoirenband von ihr unter dem Titel »Solidarität unerwünscht. Meine Flucht durch Europa«. Gegenstand dieses Buches sind hauptsächlich die Jahre von 1933 bis 1940.

In einer deutschsprachigen jüdischen Familie 1909 in Uzgorod, einer Kleinstadt im östlichen Teil Österreich-Ungarns geboren, wurde Lisa Fittko vor allem durch das linke intellektuelle und politische Milieu in Berlin und Wien geprägt, Städte, in denen sie ihre Jugend verbrachte. Sie beteiligte sich aktiv an den politischen Kämpfen der 20er- und frühen 30er-Jahre. Nach der Errichtung der faschistischen Diktatur entschloss sie sich zunächst, in Deutschland zu bleiben und in den Untergrund zu gehen. Als die unmittelbare Gefahr bestand, verhaftet zu werden, geht sie ins Exil. In Prag lernt sie ihren späteren Ehemann kennen, den Kommunisten Hans Fittko. Ohne Unterbrechung setzten beide ihre antifaschistische Arbeit fort. Ihr Weg führte sie über die Tschechoslowakei und die Schweiz schließlich nach Frankreich.

Nach dem faschistischen Überfall auf Frankreich wurden die Fittkos interniert. Lisa kam nach Gurs, Hans nach Vernuche, beides Lager im noch unbesetzten Teil Frankreichs. Mit Mut, List und Glück, unterstützt von Franzosen, fanden sie 1940 in Montauban wieder zusammen und gingen nach Marseille. Hier begann ihr eingangs geschildertes Wirken zur Rettung der Emigranten. Beide standen auf der Fahndungsliste der Gestapo. Sie besaßen nicht einmal gültige Pässe. Lisa war es, die den möglichen Fluchtweg fand: Er führte von Port Vendre (Frankreich) nach Port Bou (Spanien). Als im April 1941 die Vichy-Regierung Ausländern verbot, sich in Grenznähe aufzuhalten und die Gefahr der Auslieferung an die Nazibehörden immer größer wurde, nahmen die Fittkos das Angebot Varian Frys an und flüchteten nach Kuba, wo sie bis 1948 blieben.

Anschließend lebten sie in Chicago, wo Hans Fittko 1960 verstarb. Nach ihrer Versetzung in den Ruhestand begann Lisa Fittko mit dem Schreiben und engagierte sich in der Friedensbewegung. 1994 war sie Ehrengast bei der Feier zur Einweihung des Denkmals in Port Bou, das zu Ehren Walter Benjamins errichtet worden war. Sie starb am 12. März 2005.

Flammen loderten ein Jahr

geschrieben von Alfred Fleischhacker

5. September 2013

Studie zu Bücherverbrennungen im Jahr 1933 erschienen

Sept.-Okt. 2008

Julius H. Schoeps, Werner Treß (Hg.):

Orte der Bücherverbrennungen in Deutschland 1933. Eine Publikation des Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien, Potsdam, 2008, 848 S. mit zahlreichen Abb., Reihe: Bibliothek Verbrannter Bücher, Subskriptionspreis 31.12.2008: 19,80 EUR, danach 24,80 EUR

Fortan sollte man nicht mehr von DER Bücherverbrennung als einem singulären Ereignis am 10. Mai 1933 in Berlins Mitte sprechen. Was an jenem Abend von Nazis, hitlertreuen Studenten und sogar Professoren in Talaren inszeniert wurde, zog weite Kreise.

Deren Ausmaß dokumentiert ein umfangreiches Werk des Moses-Mendelsohn-Zentrums für Europäisch-Jüdische Studien Potsdam. 60 Autorinnen und Autoren haben sich in Archive begeben, penibel geforscht und herausgefunden, dass Scheiterhaufen mit nach Nazimaßstäben »unwertem Schriftgut« fast das ganze Jahr 1933 über loderten.

Angefangen von Bad Kreuznach, das ABC durchdeklinierend bis nach Zwickau, gab es Autodafés in 93 Städten. Der Vollkommenheit halber sei angemerkt, dass etliche schon vor der formellen Machtübernahme Hitlers und seiner Spießgesellen stattgefunden hatten. Belegt ist, dass Thomas Mann schon sehr früh betroffen war. Den Sommer 1932 verbrachte der Dichter noch in seinem Ferienhaus auf Nidden an der Kurischen Nehrung. Am 14. August jenes Jahres erhielt er ein Paket. Inhalt: ein verkohltes Exemplar seines Romans »Die Buddenbroks«.

In der im Olms Verlag erschienenen Dokumentation der Bücherverbrennungen werden drei Phasen beschrieben, die sich über das ganze Jahr 1933 erstreckten. Die erste begann bereits im März nach den Reichstagswahlen und diente der Masseneinschüchterung. Systematisch wurden linke Verlags- und Gewerkschaftsgebäude angegriffen, Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschaftsmitglieder verhaftet, verprügelt, gefoltert, und auch ermordet. In vielen Städten wurden die Inneneinrichtungen der überfallenen Objekte verwüstet und zerstört.

Die zweite Etappe ist mit dem Geschehen rund um den 10. Mai verbunden. Die Auswertung der Unterlagen zeigt eindeutig, dass es sich um organisierte Vorkommnisse handelte. Dabei spielte der seit 1931 vom Nationalsozialistischen Studentenbund dominierte DST eine führende Rolle. Die dritte Phase betraf die Monate vom 10.Mai bis zum Jahresende. Fest eingebunden in die überall nach vorgegebenem Schema ablaufenden Rituale »wider den undeutschen Geist« waren Kontingente der Hitlerjugend. Oft genug wurden die Spektakel gleich noch für die massenhafte Aufnahme neue Mitglieder genutzt.

320 Bände wären erforderlich um alle in jenem Jahr verbrannten Werke neu aufzulegen. Ein Projekt, das in der überschaubaren Zukunft nicht zu realisieren ist. Doch 120 werden in den nächsten Jahren verlegt. Die ersten zehn Bände, mit Texten von André Gide, Franz Kafka, Erich Kästner, Anna Seghers, Kurt Tucholsky, u. a. sind bereits erschienen. Sie gehen an 4.000 Schulen, damit heutige und künftige Generationen erfahren, wie viel Wissen über alle Bereiche menschlichen Lebens in den 93 Bücherverbrennungen zu Beginn der Naziherrschaft vernichtet wurde.

Thomas Mann übrigens kam zwei Jahre vor der totalen Niederlage der Braunen Mörderbande noch einmal auf die brennenden Scheiterhaufen zurück. In einer Rundfunkrede aus der amerikanischen Emigration an deutsche Hörer bezeichnete er die Verkohlung seines großen Familienromans als individuelles Vorspiel zur zeremoniellen Verbrennung von Büchern freiheitlicher Schriftsteller.

Ob die namentlich in der Dokumentation genannten 93 deutschen Städte die Handreichung des Moses Mendelsohn Zentrums aufgreifen und durch eigene Recherchen in Heimatmuseen oder ähnlichen Einrichtungen darstellen, was im ersten von zwölf schrecklichen Jahren der Naziherrschaft schon erkennbar war? Die kommende Zeit wird darüber Auskunft geben.

Antifaschismus vermitteln

geschrieben von Andreas Diers

5. September 2013

Studienkreis Deutscher Widerstand legt Tagungsband vor

Sept.-Okt. 2008

Studienkreis Deutscher Widerstand 1933 – 1945 (Hrsg.):

Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Perspektiven der Vermittlung; Band 1 der Schriftenreihe des Studienkreises, 268 Seiten, Frankfurt am Main 2007, 19,80 Euro

Der Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 in Frankfurt am Main hatte im März 2007 anlässlich seines 40. Jahrestages vor allem im Bildungsbereich Beschäftigte zu einer Tagung mit dem Thema »Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Perspektiven der Vermittlung« eingeladen. Die Beiträge dieser Tagung sind nun unter der sorgsamen Redaktion von Thomas Altmeyer, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Studienkreises, in einem umfangreichen Sammelband erschienen.

Diese Tagung war umso wichtiger, weil sowohl die Geschichte als auch die Erfahrungen des antifaschistischen Widerstands in Deutschland vor einer unterkühlten Historisierung bewahrt und in ihrer ganzen Bandbreite erhalten werden müssen Zu Recht fragte schon vor Jahren der unvergessene Peter Gingold: »Was wird noch geglaubt, wenn über dieses schrecklichste, grauenhafteste Kapitel deutscher Geschichte die Nachgeborenen es nur noch aus Büchern, Filmen, Videos vermittelt erhalten?«

Die zahlreichen interessanten Beiträge dieses Sammelbandes können hier nicht alle und gleichgewichtig vorgestellt werden, meine Auswahl beinhaltet kein qualitätsmäßiges Urteil.

In den einleitenden Bemerkungen der Herausgeber wird gleich am Anfang auf die wesentliche und aktuelle Problematik der Vermittlung des antifaschistischen Widerstandes hingewiesen:

Angesichts des immer stärkeren Übergangs von der persönlichen der Widerstandskämpfer zur kulturellen Erinnerung müssen Antworten auf die Fragen gefunden werden:

Wie sind die Erfahrungen und Kenntnisse der Verfolgten und der Widerstandskämpfer für die Nachwelt zu sichern und dadurch überhaupt erst nutzbar zu machen?

Wie können die bald nur noch vorhandenen mittelbaren Erinnerungen in eine vermittelbare Erinnerung transformiert werden?

Welche neuen Zugänge der Vermittlung müssen besonders zur Jugend gefunden werden, wenn es bald nicht mehr die Zeitzeugengespräche gibt?

Auf diese Problematiken versuchen die Autorinnen und Autoren Antworten zu finden. Der erste Teil der Beiträge beschäftigt sich vor allem mit der Darstellung des Widerstandes in der Forschung sowie mit der Vermittlung von Kenntnissen über ihn. Zunächst stellt Thomas Altmeyer knapp und kenntnisreich die Geschichte der Forschung über den antifaschistischen Widerstand dar. Er macht dabei u.a. deutlich, dass mit dieser Forschung sowohl in der alten BRD als auch in der DDR immer auch politische Ziele verfolgt worden sind, was oftmals zu einer eingeengten Sichtweise auf die geographischen Regionen und die sehr verschiedenen Strömungen und Formen des Widerstandes geführt hat. Thomas Altmeyer verweist auch auf die teilweise dadurch bedingten, selbst heute noch vorhandenen Lücken. Völlig zu Recht stellt er fest: „Die dargelegten Ergebnisse aus den neueren Forschungsberichten der Widerstandsforschung zeigen, dass sie mitnichten an ihr Ende gekommen ist.« In seinem Beitrag formuliert Altmeyer auch notwendige Ansätze für ein zukünftiges Forschungsprogramm über den Widerstand.

Mit der Darstellung des Widerstandes in den Schulbüchern beschäftigt sich der Beitrag von Falk Pingel. Auch er weist ähnlich wie Altmeyer u.a. auf die immer noch eingeengte Sichtweise auf diesen Gegenstand hin.

Die in dem zweiten Teil des Sammelbandes veröffentlichten Beiträge untersuchen spezifische Bereiche des Widerstandes. Sie brechen dabei die in den ersten beiden Beiträgen festgestellten Einengungen teilweise auf.

Katrin Ingerfeld und Kurt Schilde untersuchen an dem Beispiel des Films „Edelweißpiraten« die Möglichkeiten, antifaschistische Jugendopposition im Schulunterricht zum Thema zu machen. Weitere Beiträge befassen sich mit dem Rettungswiderstand für Juden, dem jüdischen und dem christlichen Widerstand sowie dem Widerstand aus der Arbeiterbewegung. Jörg Wollenberg schildert schließlich am Beispiel der ostholsteinischen Kleinstadt Ahrensbrök sowie seiner eigenen Biographie die Mühen – aber gleichzeitig auch die Möglichkeiten – einer lokalhistorischen und biographischen Spurensuche.

Die beiden letzten Beiträge beschäftigen sich mit Dokumentarfilmem über Aspekte des deutschen Faschismus. Eberhard Görner beschreibt zunächst die mühevolle Entstehungsgeschichte seines Dokumentarfilms über das KZ Mittelbau-Dora, während sich Hannes Heer kritisch mit den populären historischen TV-Dokumentationen von Guido Knopp und dessen Vermarktung des Faschismus mittels „Ereignisfernsehens« auseinandersetzt. Das unterschiedlich große Interesse der Fernsehanstalten an diesen Dokumentationen ist dabei symptomatisch für die heutige Vermittlung des Widerstandes durch Massenmedien.

Der Sammelband gibt all jenen eine fundierte Arbeitshilfe an die Hand, die der Vermittlung und Darstellung des gelebten Widerstandes weiterhin den ihm gebührenden Platz einräumen und seine Botschaften weitergeben wollen- gegen den heute herrschenden Mainstream der historischen Relativierungen.

Maritime Militaria

geschrieben von Kristian Glaser

5. September 2013

Das »Internationale Maritime Museum Hamburg« des Peter
Tamm

Sept.-Okt. 2008

Zum Hintergrund ist folgende akribische und informative Streitschrift zu empfehlen:

Friedrich Möwe: TAMM-TAMM. Eine Anregung zur öffentlichen Diskussion über das Tamm-Museum, herausgegeben vom Informationskreis Rüstungsgeschäfte in Hamburg, aktualisierte Auflage 2008, 112 S. mit zahlreichen Fotos und DVD, 8,50 EUR

Peter Tamm hat stets ein Geschäft mit der Lüge gemacht; ein ertragreiches für seinen, wie er ihn nennt, »obersten Feldherrn« Axel Springer wie für sich selbst, der er durch die Verlagsleitung bei »Bild« und beim Springer-Konzern Multimillionär wurde. Auf seine Zeit bei der Hitlerjugend rückblickend, schwärmt er: »Wir waren Deutsche und hatten für Deutschland uns auch einzusetzen.« Wenn Hitler wenigstens den Krieg gewonnen hätte …

Er, der biedere Angestellte mit Brutalo-Aufsteigermentalität, personifiziert die typische deutsch-reaktionäre Einheit von Lüge, Militarismus, Nationalismus und Geld. Ganz in der Tradition von Hugenberg. Streng antidemokratisch (»Wir brauchen ’nen Kapitän, der sein Handwerk versteht. Einer entscheidet.«), kriegslüstern und sozialdarwinistisch (»Ohne Waffe wäre der Mensch nicht überlebensfähig.«). »Die Geschichte zeigt,«, meint Tamm, »daß nur der als Weltmacht eine Chance hat, der über Schiffe oder über Flotten verfügt. Die Voraussetzung zur Großmacht war immer die Seemacht.«

Es geht also um den ewigen Griff zur Weltmacht.

So läßt Tamm auch nach seinem Ausscheiden bei Springer 1991 weiter trommeln. Er besitzt eine Vielzahl rechter Verlage, die u. a. Marinepropaganda im »Landser«-Stil und sogenannte Sachbücher herausgeben. Peter Tamms neues Projekt ist das »Internationale Maritime Museum Hamburg«, das aus einer voluminösen Sammlung wild zusammengewürfelter Exponate über den Handel und den Krieg zur See besteht. Es zum zweitgrößten Museum Hamburgs vor der gediegenen Kunsthalle zu machen, strebte die CDU seit ihrem Regierungsantritt in der Hansestadt 2001 an, damals noch zusammen mit dem Rechtspopulisten Schill. Der Senat hat Tamms Militariasammlung einen schönen Kaispeicher in der altehrwürdigen Speicherstadt in zentraler Lage am Hafen auf 99 Jahre mietfrei zur Verfügung gestellt und noch 30 Millionen Euro für den Umbau dazugegeben. Über die Angelegenheiten des Museums entscheidet der Herr im Hause allein, politische »Einmischung« hat er sich verbeten. Im Juni wurde das Museum im Beisein des Bundespräsidenten mit Tschingderassabumm eröffnet – der Protest der Hamburger Friedens- und Antifabewegung beeinträchtigte das Abfeiern der Militärschau empfindlich, trotz massiven Aufgebots einer nervösen Polizei.

Der Besucher wird auf einer Ausstellungsfläche von 11.300 Quadratmetern, verteilt auf zehn Etagen, regelrecht erschlagen: Geschichte werde von großen Männern gemacht, und der See(handels)krieg sei der Vater aller Dinge, damit das klar ist. Zehntausende (Kriegs-)Schiffsmodelle, Waffen, Uniformen und Werkzeuge überfluten die Räume. Kanonen, Unterwasserminen, Torpedos und ein Kamikaze-Mini-U-Boot der Nazis sowie hakenkreuzbewehrte Admiralsstäbe, Orden und andere Insignien der Herrschaft werden zur Schau gestellt – reine Technikbegeisterung?

5.000 Gemälde und Zeichnungen strotzen vor romantisierendem Schwulst, blenden wollender Einfalt (Segelschiff im Wellengang wie weiland der röhrende Hirsch) und widerwärtiger Gewaltverherrlichung, u. a. gepinselt von Hitlers Lieblingsmaler.

Die Kernbotschaft lautet: Der Mensch ist ein Nichts, ausgeliefert den Naturgewalten (gleich Kapital), ein nichtiges Rädchen im Getriebe. Nur durch Huldigungen an die Nation und die Autoritäten kann der Einzelne in Größe und Stärke aufgehen. Eine museale Aura umweht das bloße technische Gerät. Als ob derjenige frei und mächtig wäre, der in fremdem Interesse das Werkzeug bewegt. Hier muss die aufklärerische Bewegung ansetzen.

Die Deutsche Bank darf natürlich nicht fehlen. Das Tamm-Museum unterstütze man, »weil es nicht nur Geschichte bewahrt, sondern zugleich dabei hilft, neue Horizonte zu gewinnen.« Solche von Kriegen?

Wenn wir die Forderung erheben, das Tamm-Museum zu schließen, um statt dessen ein Forum des Friedens und der Völkerverständigung zu eröffnen, das auch über die Verbrechen des Krieges und der Ausbeutung aufklärt, sollte das Geschäft der Deutschen Bank gebührend beachtet werden – um ihr das Handwerk zu legen. Das ist ein Horizont!

Die Nähe des Vergessenen

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Ein Gespräch zwischen Nuria Quevedo und Mercedes Alvarez

Sept.-Okt. 2008

Mercedes Alvarez, Nuria Quevedo:

Ilejania – Unferne. Die Nähe des Vergessenen. Ein Gespräch, Basisdruck Berlin, 233 Seiten; 20 Fotos, 14,80 Euro

Über den Kampf der Internationalen Brigaden gegen den Franco-Faschismus existieren viele eindrucksvolle Dokumentationen, Filme und Biographien. Nun ist ein ungewöhnliches Buch dazu gekommen: Die Spanierinnen Mercedes Alvarez und Nuria Quevedo lassen uns an ihrem faszinierend lebendigen Dialog darüber teilhaben, dass – obwohl die selben historischen Ereignisse ihre Kindheit durchkreuzten – beider Leben diametral anders verlaufen ist. Mercedes, die international erfahrene Dolmetscherin und Nuria, die erfolgreiche Malerin und Grafikerin, zeigen im Blickwinkel ihrer Erinnerungen, dass auch das Schicksal der Kinder der Partisanen und der Kämpfer im Exil Teil der Geschichte des antifaschistischen Widerstandes ist. Ihre realistische Beschreibung erlebter Wirren, Belastungen durch Einsamkeit, fremde Sprache, ungewohnte Lebensweise und ständiges Heimweh sind bewegend zu lesen.

Beide Frauen kennen sich seit Jahrzehnten und haben die Wende in der DDR nicht nur als »Abschied vom Sozialismus« ihres Exil-Landes erlebt, sondern als Ereignisse, die die ganze Welt verändert haben. Mercedes sagt, dass man heute nicht mehr weiß, »… wohin wir mit dieser neuen Generation von ›ferngesteuerten Kriegen‹ noch geraten werden…« und Nuria bestätigt, dass das Jahr 1989 für sie »… wie ein Erdbeben gewesen sei.«

Und was bleibt von der Utopie ihrer Eltern und deren Genossen, die die spanische kommunistische Partei im Exil wieder aufbauten, als Bestandteil des Kampfes gegen die spanischen Faschisten? Im Gespräch befragen die beiden Frauen ihre Erinnerungen und bewerten sie durchaus unterschiedlich. Vor allem die Erfahrungen mit ihren Eltern sind unvergleichlich – volkommen konträr. Mercedes war erst zwei Jahre alt, als sie, genau wie ihre älteren Brüder – allerdings getrennt von ihnen – 1937 von ihrer Mutter in die Sowjetunion in Sicherheit gebracht wurde. Die drei Geschwister überlebten, wenn auch getrennt in verschiedenen Kinderheimen, voller Hoffnung, aber mit ständigem Heimweh, die Jahre des Zweiten Weltkrieges. Nur Mercedes darf 1946 zu den ihr noch völlig fremden Eltern nach Frankreich. Nach der Ausweisung des Vaters wegen seiner kommunistischen Betätigung erhält die Familie Asyl in der DDR.

Nuria dagegen übersteht als Baby in den Armen ihrer sehr unselbständigen Mutter den Fußmarsch ins rettende Asyl in Frankreich. Beide kommen zusammen mit dem Vater 1942 paradoxer Weise nach Berlin. 1943 geht die Mutter allein mit ihr zurück nach Barcelona und 1952 mit falschen Papieren wieder in die DDR, wo bereits der Vater wohnt, der, wie sie sagt, die Familie rücksichtslos dominierte und nur das tat, was ihm wichtig war. Nuria fühlte sich gekränkt und reagierte depressiv: »Um 18.00 Uhr war es im Herbst schon sehr dunkel … und die deutschen Glocken schlugen anders als die in den spanischen Dörfern, viel ernster, viel evangelischer, ganz anders als die fröhlichen Glocken der katalanischen Dorfkirchen.«

An anderer Stelle bemerkt Nuria: »Beide haben wir diese ersten Lebensphasen der Kriegs- und Nachkriegszeit in verschiedenen Ländern erlebt, als die Menschen über fast alles schwiegen und sich in Konvaleszenz befanden. Unsere eigene scheue Erwartung an das Leben entstand in dieser Atmosphäre.« und »…lange habe ich mir die Hoffnung erhalten, dass die Vernunft das Absurde besiegen würde.«

Die Autorinnen widmen ihr offenherziges Nachdenken über politische Ereignisse wie 1953, 1968 und 1989 und ihre Gefühle dabei ihren Töchtern und Enkelkindern. Ihr Gespräch sollte auch uns zu einem Dialog zwischen den Generationen ermutigen! Die Veröffentlichung des aufschlussreichen, mehr als 200 Seiten starken Buches, verdanken wir »Khm«. Das Kürzel ist leicht zu entschlüsseln: Karl-Heinz Mund hat mit beharrlicher Geduld die Gespräche aufgezeichnet und mit 29 aussagekräftigen Fotos dokumentiert. Ilejania – Unferne. Die Nähe des Vergessenen. Ein Gespräch, das mich bis zur letzten Seite in Atem gehalten hat.

← Ältere Nachrichten · Neuere Nachrichten →