Wem dient dieses Konzept?

geschrieben von Adam König

5. September 2013

Verheerende Folgen für das Geschichtsbewusstsein werden in Kauf
genommen

Jan.-Feb. 2008

Die Besucher des Staatlichen Museums Auschwitz wurden schon vor Jahren mit einem deutlich sichtbaren Leitsatz konfrontiert, der sinngemäß lautete: Wer die Geschichte verdrängt, kann gezwungen sein, sie noch einmal wiederholen zu müssen!

In vielen Gesprächen mit Jugendgruppen in Vor- oder Nachbereitung von Gedenkstättenbesuchen habe ich diesen Gedanken oft an den Anfang gestellt – und zwar als Frage formuliert – nach dem Für und Wider dessen, was damit zum Ausdruck gebracht werden soll. In der Regel kamen wir gemeinsam zu dem Ergebnis: Die heutigen politischen, kulturellen und geistigen Gegebenheiten sind nur zu erfassen, wenn wir wissen, wie sie entstanden sind, welche Ursachen zu ihrer Entstehung geführt haben. Natürlich gilt das nicht nur für die Zeit des Hitlerfaschismus, sondern generell. So auch für die Geschichte des ehemaligen KZ Sachsenhausen und die Zeit nach seiner Befreiung im April 1945.

Von 1945 bis 1950 existierte dort bekanntlich auf der Grundlage alliierter Beschlüsse ein Internierungslager für NS-Täter, »Speziallager« genannt. Es handelt sich um eine zweite Geschichte an diesem geschichtsträchtigen Ort, die vor allem deshalb stattfand, weil Nazideutschland 1941 die Sowjetunion überfallen hat, das Land in einem Vernichtungskrieg verwüstete und unbeschreibliches Leid anrichtete. Er kostete geschätzte 27 Millionen Sowjetbürger das Leben, darunter Millionen massakrierter Juden, ermordeter Kriegsgefangener (auch im KZ Sachsenhausen) und Zivilisten aus den besetzten Gebieten.

Natürlich soll auch die Periode von 1945 bis 1950 in der Geschichte des historischen Ortes dokumentiert und aufgearbeitet werden. Dazu gehört auch die Tatsache, dass es unter den im Speziallager Inhaftierten Menschen gab, die keine Täter waren, die denunziert worden waren, ohne Überprüfung festgehalten wurden, usw. Dies alles aber unter der Berücksichtigung der unmittelbaren Nachkriegszeit, in der zwar die Kampfhandlungen beendet waren, aber ein Friedensvertrag noch nicht existierte.

Wenn heute auf der Grundlage der so genannten »Totalitarismusthese« die Geschehnisse in den Speziallagern mit den NS-Konzentrationslagern gleichgestellt, die Ereignisse aus ihrem historischen Zusammenhang gerissen werden, dann ist dies eine offensichtliche Geschichtsklitterung. Noch dazu, wenn, wie in der »Fortschreibung der Bundesgedenkstättenkonzeption vom 22. Juni 2007« (genau 66 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion) vorgeschlagen, die Gewichtung von Erinnerung und Gedenken in den KZ-Gedenkstätten auf die Periode nach 1945 verlagert werden soll. Das würde verheerende Folgen für das Geschichtsbewusstsein nachwachsender Generationen haben!

Angesichts zunehmender rechtsextremistischer Aktivitäten und Gewalttaten fragen Jugendliche oft: Was können wir denn selbst tun, um dem Einhalt zu gebieten?

Die Überlegungen zu denen wir in Diskussionen über diese Frage kommen, münden oft in der Erkenntnis, dass man sich in Organisationen und Verbänden engagieren muss, die zu einer Stärkung des demokratischen Elements unserer Gesellschaft beitragen. In den Gedenkstätten und Gedenkorten ist ein solches Engagement bisher in verschiedenen Formen möglich. Doch auch in dieser Hinsicht -bezogen auf bürgerschaftliches Engagement – sind die Empfehlungen zur Fortschreibung der Gedenkstättenkonzeption alles andere als ermutigend. Im Gegenteil: Die bisher vorhandenen Möglichkeiten sollen radikal zusammengestrichen werden.

Wir Überlebende des faschistischen Terrors werden uns deshalb mit der Autorität unserer internationalen Organisationen gegen den geplanten Paradigmenwechsel in der Gedenkstättenpolitik der Bundesrepublik Deutschland zur Wehr setzen.

Angeknüpft oder okkupiert

geschrieben von Dr. Diether Dehm

5. September 2013

Zu »Was wollen wir trinken« antifa 11/12 2007

Jan.-Feb. 2008

Um es gleich vorwegzunehmen: Wenn Uwe Hiksch seinen Beitrag über den Missbrauch linker Lieder durch Rechte mit der dreifach wiederholten Proklamation »Aufklärung, Aufklärung und noch mal Aufklärung« abschließt, so ist das so zeitlos richtig wie wirkungsarm. Es klingt nach dem Aufklärungsbegriff eines Mainstream-Antifaschismus, den Ernst Bloch einst den »hilflosen Antifaschismus« genannt hat.

Dieser läuft auf eine heile Insel linker Aufklärung gegen den Rest der Welt hinaus. Er greift nur immer konditionierend in die eigenen Reihen, ohne die von faschistischer Demagogie bedrohten, weil verführbaren Potenziale in deren verzweifelt-martialischer Selbstgefälligkeit ernsthaft zu »gefährden«. Zumal, wenn Uwe Hiksch in der Bundschuhbewegung, dem Bauernkrieg, den 48ern »tatsächliche Anknüpfungspunkte für Rechte« sieht. Hier ist zumindest Umsicht geboten, solange Medienmacher unterwegs sind, die z. B. die punktuelle Judenkritik von Karl Marx und Heinrich Heine zum »tatsächlichen Anknüpfungspunkt« ausdeuten für jenen Antisemitismus, der zu Auschwitz führte.

In Wirklichkeit sind die Traditionen des deutschen Kampfs von Florian Geyer bis Ludwig Börne gegen den nationalen Feudalismus ohne jegliche wahrhaftige Anknüpfungspunkte für Nazis. Der Kampf gegen herrschende Willkür war seit jeher nur eines: kämpferische Auflehnung gegen die jeweils allgegenwärtige Macht! Mit persönlichem Risiko, mit Berufsverbot und Genickschuss. Ohne Anspruch auf Hochachtung der eigenen Grazie durch die Nachwelt.

Wenn die Nazis tatsächlich Theodor Kramers »Andere, die das Land so sehr nicht liebten« singen, bei dem sie schlechterdings seine jüdische Herkunft verleugnen und das Exil verdrängen, das er den Nazis »verdankt«, dann hätte also, in der Diktion von Uwe Hiksch, Theodor Kramer selbst »Ansatzpunkte für die Rechten« geliefert durch zu viel an »Nationalem« und zu wenig an »Emanzipation und Aufklärung«.

Aber möglicherweise zeigt es nur, wie sehr die Neonazis in ihrem Adaptionsopportunismus auf den Hund gekommen sind. Früher haben sie keine jüdischen Liedermacher gesungen, nicht mal Mendelssohn-Bartholdy zugelassen. Möglicherweise leuchtet ihr neonazistischer Stern noch martialisch, obwohl und während er seine Untauglichkeit als faschistisches Hegemoniekonzept mehr und mehr beweist, weswegen das Finanzkapital sich zunehmend anderer Hegemonievarianten anstelle des autark- bornierten Nationalismus-Konzepts bedient. Möglicherweise sind die Neoliberalen die neuen Herrenmenschen der Welt. »Gegen die Überbevölkerung gibt es nur die eine Bremse, nämlich dass sich nur solche Völker erhalten und vermehren, die sich auch selbst ernähren können«, so der Vordenker des Casinokapitalismus von Hayek in der Wirtschaftswoche vom 6.3.1981. Nicht mehr Bezug zu Blut und Boden, sondern zum Kapital wird, auch subjektiv, zur Scheidelinie; »rechts und links« kommen zu sich: »oben und unten«! Und der Berlusconipartner, Fan der Militär-EU und in Tel Aviver Regierungsgebäuden gern gesehene Postfaschist Fini wird eher zum Typ der neuen transnational agierenden »terroristischen Diktatur der am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals« und die künftigen Orte der KZs würden dann lateinamerikanische und asiatische Namen tragen. Wenn wir nicht dagegen, neu eingestellt, erfolgreich kämpfen.

Was wird aus Europa?

geschrieben von Emil Hruska

5. September 2013

Gedanken zum Nationalismus aus tschechischer Sicht

Jan.-Feb. 2008

Am Jahrestag der so genannten Kristallnacht in Deutschland, haben tschechische Neonazis unter Beteiligung von Kumpanen aus dem Ausland versucht, im Judenviertel von Prag einen Aufmarsch durchzuführen. Da diese provokative Veranstaltung amtlich verboten worden war, griff die Polizei durch. Weil sich aber auch viele Bürger und vor allem Anhänger der linken autonomen Bewegungen zu einer Gegendemonstration eingefunden hatten, wurde der Polizeieinsatz in den Medien – und auch von führenden Politikern – als Einsatz gegen rechte und linke Extremisten bezeichnet. Beide Seiten hätten die öffentliche Ordnung gestört. Doch nicht genung damit: Das Verbot des Aufmarsches führte zu ernst gemeinten Debatten über die Rechte der Neonazis als »Mitbürger im Rechtsstaat«, weil die Entscheidung des Stadtamtes und des Verwaltungsgerichtes angeblich im Widerspruch zum Versammlungsgesetzt stand. Allgemein gelte doch, dass die Einhaltung der politischen Rechte, auch der Neonazis, Grundlage des Rechtsstaates sei. Aber kann sich der Rechtsstaat dann überhaupt noch effektiv gegen Neonazis wehren?

Ein zweites Beispiel: Am 14. November wurde bekannt, dass die rechtsextreme Fraktion im Europäischen Parlament, die seit Januar unter dem Namen »Identität, Tradition, Souveränität« existierte, zerbrochen ist. Auch wenn alle Gegner der extremen Rechten diese Tatsache nur begrüssen können, muss man doch nach ihren Ursachen fragen. Denn der Bruch erfolgte nicht infolge von konzentriertem politischen Druck, sondern auf Grund unappetitlicher nationalistischer Streitereien innerhalb der Fraktion.

Das Phänomen des Nationalismus erfährt im Augenblick eine rasante und ungewöhnliche Wiederbelebung in den meisten europäischen Ländern. Wegen seiner engen Verbundenheit mit dem Neo-nazismus nimmt es noch dazu immer militantere Formen an. Für mich, dessen ursprüngliche Heimat – die Tschechoslowakei – zweimal durch Nationalismus zerschlagen wurde, ist es tragisch zu beobachten, was zum Beispiel heute in Belgien geschieht, ein Land, das immer als Modell der europäischen Integration galt. Wenn von Nationalismus die Rede ist, der oft untrennbar verbunden mit historischem Revisionismus daherkommt, denken wir Tschechen sofort an die Sudetendeutsche Landsmanschaft. Eine Gruppierung, die auch von der Bundesregierung unterstützt wird. Eine Gruppierung, die schon Jahrzehnte die Beziehungen zwischen Tschechien und der BRD stört. Ihre Amtsträger knüpfen stetig an die Tätigkeit der ehemaligen »Volkstumskämpfer« in der Tschechoslowakei an und haben deshalb grosse Erfahrungen. Man kann ihre Politik als findige Kombination aus unterschiedlichem Druck, hoch entwickelter Heuchelei und der Suche nach immer neuen Wegen und Verbündeten charakterisieren.

Die Amtsträger der Sudetendeutschen Landsmannschaft sprechen gern über die »Europäisierung der sudetendeutschen Frage«. Diese beinhaltet bis heute, laut ihrer Satzung, »den Rechtsanspruch auf die Heimat, deren Wiedergewinnung und das damit verbundene Selbstbestimmungsrecht der Volksgruppe« und »das Recht auf Rückgabe bzw. gleichwertigen Ersatz oder Entschädigung des konfiszierten Eigentums der Sudetendeutschen«. Vorausetzung für die Erfüllung solcher Ansprüche wäre die Revision der Resultate des Zweiten Weltkrieges, die sowohl im Postdamer Abkommen, als auch – was die Tschechoslowakeit betrifft – in speziellen Präsidentendekreten festgeschrieben wurden. (Laienhaft und ungenau werden diese oft als »Beneš-Dekrete« bezeichnet.)

Als das slowakische Parlament im September 2007 die Unantastbarkeit der so genannten Beneš-Dekrete bekräftigte, und zwar als Reaktion auf immer stärkere Aktivitäten ungarischer Nationalisten, bezeichnete der Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft und EP-Abgeordnete Posselt die Beneš-Dekrete umgehend als »Krebsgeschwür in der EU, das endlich operativ entfernt werden müsse«.

Kommt nach Buchenwald!

geschrieben von Ulrich Schneider

5. September 2013

Internationale Jugendbegegnung im April in der KZ-Gedenkstätte

Jan.-Feb. 2008

Jugendgruppen und Einzelinteressierte, die am Treffen teilnehmen wollen, melden sich bitte umgehend beim Büro der FIR, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin an, da die Übernachtungskapazitäten in den Thüringischen Jugendherbergen begrenzt sind. Die Kosten für die Teilnahme betragen pro Person und Tag (Vollverpflegung) 25 Euro.

Die KZ-Gedenkstätte Buchenwald ist nicht nur ein deutsches Mahnmal, sondern besitzt auch international einen hohen Symbolwert. Die Häftlinge des Lagers entstammten weit über 30 Nationalitäten. Die Geschichte des antifaschistischen Kampfes im Lager, des internationalen Lagerkomitees und der gemeinsamen Selbstbefreiung am 11. April 1945 sowie der Schwur der Häftlinge von Buchenwald, gehören bis heute zum Vermächtnis der antifaschistischen Bewegung Europas.

Deshalb wurde Buchenwald ausgewählt, in diesem Jahr der Ort für eine internationale Begegnung von jungen Menschen und Veteranen des antifaschistischen Kampfes zu sein. Am Sonntag, dem 13. April 2008 werden sich mehr als 1.000 Jugendliche aus ganz Europa am Monument von Buchenwald versammeln, um ihr Festhalten an den Werten der Demokratie zu bekräftigen und um gemeinsam »Nein« zu sagen zu Faschismus, Rassismus und den Ideen der extremen Rechten, die Europa gegenwärtig bedrohen.

Das ist der Kern einer großartigen Projektidee, deren praktische Verwirklichung nun beginnt. Träger des Projekts sind das belgische »Institute des Vétérans« und die Internationale Föderation der Widerstandskämpfer-Bund der Antifaschisten. (FIR) Unterstützt wird die Aktion durch das Internationale Komitee Buchenwald-Dora und Kommandos, die nationalen Lagergemeinschaften und die VVN-BdA.

Teilnehmende werden aus allen Teilen Europas erwartet. Die größten Gruppen kommen aus Belgien, Frankreich und Russland. Aus Brüssel und Moskau werden zwei Sonderzüge erwartet. Im Zug von Brüssel fahren Belgier, Franzosen sowie etwa fünfzig Studenten der Europaschule, die alle Nationalitäten der Europäischen Union vertreten werden, mit.

Angemeldet haben sich außerdem bereits Gruppen aus Dänemark, Griechenland, aus Italien, Spanien, Tschechien, aus Ungarn und weiteren europäischen Ländern.

Zu den Programmpunkten des Treffens gehören Besuche der Gedenkstätten Buchenwald und Dora, Gesprächsrunden mit Zeitzeugen, Jugendbegegnungen deutscher und internationaler Gäste in offiziellen und informellen Rahmen, Besuche von Weimar und Erfurt und natürlich die Teilnahme an der Gedenkfeier des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos aus Anlass des Jahrestags der Selbstbefreiung.

Die VVN-BdA ruft besonders deutsche und Thüringer Antifaschisten auf, das Treffen aktiv zu unterstützen. In Thüringen selbst sind bereits verschiedene politische und gesellschaftliche Verbände mit in die Vorbereitungen einbezogen. Es werden aber noch weitere Helfer, Dolmetscher und Betreuer der internationalen Gäste für die Apriltage in Thüringen gesucht. Freiwillige melden sich bitte bei der VVN-BdA Thüringen.

Pontifex und Partisan

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Probst Heinrich Grüber – Mitbegründer der Berliner VVN

Jan.-Feb. 2008

Einer der Initiatoren für die Gründung der VVN in Berlin war Heinrich Grüber. Er wurde 1892 in Sollberg im Rheinland geboren und studierte in Bonn, Berlin und Utrecht Theologie und Pädagogik. Für seine theologische Entwicklung war die zwangsweise Unterbrechung des Studiums für den Militärdienst von 1915 bis 1918 entscheidend. Die Frage, wozu und zu welchem Zwecke Kriege ge-plant und geführt werden, blieb für ihn in Predigten und theologischen Auseinandersetzungen ebenso präsent, wie in seinem politischen Denken. Von daher war seine Entscheidung, bald nach seiner Ordination zum Pfarrer in den diakonisch erzieherischen Dienst der evangelischen Kirche zu treten davon bestimmt, Veränderung von Menschen durch politisch-soziale Aufklärung zu bewirken.

Aus seiner kritischen Haltung zur NSDAP, die der Weimarer Republik den Kampf angesagt hatte, macht er kein Hehl. So erklärte er auch die Machtübertragung auf Hitler zu einem »Unglück für Deutschland«. Öffentliches Aufsehen erregte er sowohl bei seinen Mitarbeitern als auch bei der Kirche und natürlich auch bei den Nazis, als er als Direktor des Erziehungsheimes Waldhof/Templin am 21. März, dem »Tag von Potsdam«, niemandem Urlaub gab, um an der »Weihe des 3. Reiches« durch die Kirche teilzunehmen. Grüber erklärte diese Veranstaltung »als großen Volksbetrug« und empfand es als Skandal, dass die Kirche dem auch noch ihren Segen erteilte. Am 1. August 1933 wurde er deshalb aus dem Dienst der Kirche entlassen.

Durch seine reformierte Tradition war er an der hebräischen Bibel geschult und stand für die damalige Zeit der so genannten »Judenfrage« sehr aufgeschlossen gegenüber. Nach seiner Meinung wären der Boykott jüdischer Geschäfte und das Berufsverbot für »nichtarische« Beamte, die Nürnberger Rassegesetze und die »Reichskristallnacht« Herausforderungen für das Bekenntnis der Kirche zu Jesus von Nazareth, den Juden, gewesen. Die Bekennende Kirche, der er leitend angehörte, beauftragte ihn mit dem Aufbau eines Büros für »nichtarische Christen«. Er besorgte Ausweispapiere für »Getaufte«, um ihnen die Ausreise in die Schweiz, nach England und Schweden zu ermöglichen. Diesen Abschnitt seines Lebens nannte er »Arbeit als Pontifex und als Partisan«. Gespräche mit den »Feinden«, zum Beispiel mit Eichmann, gehörten zu seinem gefährlichen Alltag.

Kurz vor Weihnachten 1940 ließ ihn Heydrich verhaften. Am 21. Dezember kam er mit der Häftlingsnummer 27832 über Sachsenhausen nach Dachau zu den »Frommen in der Hölle«, in den so genannten »Pfaffenblock«. Dort wurde er bald bekannt für sein Interesse und seine solidarische Haltung zu den Kommunisten. Grüber bedauert in seiner Autobiografie, die Kommunisten nicht schon vorher kennengelernt zu haben, denn: »Was wäre das für ein Bündnis gegen die Nazis gewesen!«

Heinrich Grüber hatte Glück. Durch den Einfluss seines Schwagers, eines Großindustriellen, wurde er im März 1943 entlassen. Er nahm Kontakt zu Offizieren, wie z. B. Oberst Wilhelm Stähle, zu Ewald Kleist-Schwenzin und der Familie Dietrich Bonhoeffers auf. Heinrich Grüber, der sogar eine Pfarrstelle in Kaulsdorf erhielt, wurde der »Mann der letzten Stunde« für die Bekennende Kirche. Und damit auch deren »Mann der ersten Stunde« nach der Befreiung. Sofort begann er, Kameradinnen und Kameraden aus dem Widerstand zu sammeln, für ihn gehörten die Juden mit dazu. Darum kämpfte er mit seinen »sehr verehrten Genossen Kommunisten«, die die jüdischen Überlebenden vor allem als Opfer ansahen. Bündnispartner in seinem Bemühen, einen OdF-Ausschuss in Berlin für alle zu gründen, waren General Bersarin, Heinz Galinski und Ottomar Geschke. Mit diesem gemeinsam wurde Grüber erster Vorsitzender der VVN in der sowjetischen Besatzungszone.

Bedauerlicherweise sprengten die Konfrontationen des kalten Krieges dieses breite Bündnis bald. Heinrich Grüber bereute seine Mitarbeit in der VVN trotzdem nicht. Für ihn war sie Ausdruck der in den Lagern erlebten Kameradschaft.

Was Archive berichten

geschrieben von Hans Coppi

5. September 2013

Zum Gedenken an die Mitglieder der »Rote Kapelle«

Jan.-Feb. 2008

Im Herbst 1942 Mitte August 1942 hatte das für »Sabotageabwehr und Sabotagebekämpfung« zuständige Referat IV A 2 der Gestapozentrale vom Funkentzifferungsdienst einen entschlüsselten Funkspruch erhalten. Darin war im Spätsommer 1941 aus Moskau ein Gewährsmann des sowjetischen Nachrichtendienstes in Brüssel aufgefordert worden, sich nach Berlin zu begeben und Harro Schulze-Boysen sowie Adam Kuckhoff aufzusuchen. Deren Adressen und Telefonnummern waren angegeben. Das Reichssicherheitshauptamt setzte für die Ermittlungen eine Sonderkommission ein, weil sie vermutete, dass die in dem Funkspruch genannten Personen zu einem westeuropäischen Netz des sowjetischen Nachrichtendienstes gehörten. Zu dem Oberleutnant Schulze-Boysen aus dem Luftfahrtministerium existierten in der Zentralkartei bereits Hinweise auf seine nazikritische Haltung. Die einsetzenden Beobachtungen ergaben, dass Schulze-Boysen einen großen Freundeskreis hatte und er sich an einem Sonntag im Tiergarten mit Dr. Arvid Harnack, einem Oberregierungsrat aus dem Reichswirtschaftsministerium, traf. Als die Gestapo entdeckte, dass zu seinen Freunden auch Horst Heilmann, ein Mitarbeiter des Funkentzifferungsdienstes des Oberkommandos des Heeres, gehörte, wurde Harro Schulze-Boysen am 31. August in die Eingangshalle des Luftfahrtministeriums gerufen und dort verhaftet. Mein Vater schien von der Verhaftung erfahren zu haben. Das in einem Koffer verpackte Funkgerät, mit dem er vergeblich versucht hatte, eine Funkbrücke nach Moskau aufzubauen, brachte er zu einem Freund und bat ihn, diesen Koffer für ihn aufzubewahren, da er für den 10. September eine Einberufung zur Wehrmacht erhalten habe. Mein Vater schien nicht besonders beunruhigt gewesen sein.

Am frühen Morgen des 12. September 1942, es war ein Sonnabend, fuhren aus der Tegeler Seidelstraße kommend zwei schwarze Limousinen in den ersten Weg der Kleingartenkolonie »Am Waldessaum« und hielten an der Parzelle Nr. 113. Männer in Ledermänteln stiegen aus den Autos, sahen kurz auf das Namensschild, öffneten das Tor und drängten, ohne anzuklopfen in die erste Tür einer der drei Lauben auf dem Grundstück. Die Fremden stürmten in das Zimmer. Sie wollten wissen, ob er Coppi sei. Ja er sei Robert Coppi. Die Männer zeigten ihre Gestapo-Ausweise und fragten, wo Hans Coppi sei. Sein jüngster Sohn Hans wohne in der nächsten Laube, erklärte Coppi, sei aber vor zwei Tagen zur Wehrmacht eingezogen worden. Die Männer eilten auf das wenige Meter entfernte Häuschen zu. Aufgeweckt durch den Lärm stand bereits meine Mutter in der Tür. Sie wurde gefragt: Wo ist Ihr Mann? Sie holte einen Zettel mit der aktuellen Adresse: Infanterie-Ersatzbataillon 479 Schrimm bei Posen. Sofort verließ einer der Beamten das Haus, setzte sich in den Wagen und befahl dem Fahrer: Nach Posen. Die anderen Gestapobeamten begannen mit der Durchsuchung der Wohnungen und verhafteten Frieda und Robert Coppi, die Eltern, Hilde Coppi, den später eintreffenden sieben Jahre älteren Bruder Kurt und Hedwig Raasch, die in der Frankfurter Allee wohnende Mutter von Hilde. Nach einer erkennungsdienstlichen fotografischen Behandlung wurden sie in das Polizeipräsidium am Alexanderplatz eingeliefert. Nach zwei Wochen kamen bis auf Hilde Coppi alle mit der Auflassung, nichts über die Verhaftung verlauten zu lassen, wieder frei.

Mein Vater wurde in Schrimm verhaftet und in die Prinz-Albrecht-Straße 8, die Gestapozentrale, gebracht. Bis zu seiner Überstellung in die Todeszelle des Gefängnisses Plötzensee am 22. Dezember 1942 verblieb er im Hausgefängnis der Gestapozentrale. Sofort begannen eingehende, bald auch »verschärfte« Verhöre. Die Vernehmungsprotokolle sind nicht erhalten, aber einige Briefe.

Bundes-Kriminellen-Amt

geschrieben von Ludwig Elm

5. September 2013

Frühgeschichte des BKA nun amtlich offengelegt

Jan.-Feb. 2008

»Das Bundeskriminalamt (BKA) ist in seiner Aufbauzeit und noch bis zum Ende der sechziger Jahre maßgeblich von früheren SS-Angehörigen geprägt worden, von Personal aus dem Reichssicherheitshauptamt, der Organisationszentrale des Holocaust, sowie von Leuten, die Polizeikarriere im Dienste von Massenmord-Kommandos und bei der Geheimen Feldpolizei im Zweiten Weltkrieg gemacht hatten.« Mit diesen Worten leitete die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. September 2007 ihren Spitzenartikel auf der ersten Seite ein, der überschrieben war: »Das BKA deckt seine düstere Vergangenheit auf«. Anlass war ein vom BKA in Wiesbaden veranstaltetes Kolloquium zur 1951 erfolgten Gründung und zur Frühgeschichte dieses Amtes. Das Blatt teilte weitere Untersuchungsergebnisse mit und stellte fest: »Frühere Versuche, die Geschichte des Amtes aufzuhellen und beispielsweise Akten an Historiker herauszugeben, wurden beim Bundeskriminalamt ähnlich wie beim Bundesnachrichtendienst, bei dem Verfassungsschutz und auch dem Auswärtigen Amt bis in die jüngste Zeit systematisch behindert.«

Zur neuesten Wahrheitsliebe der Zeitung und zahlreicher Medien ist anzumerken, dass sie selbst über Jahrzehnte und bis in die Gegenwart die Lügen und Verdrängungen unterstützt oder zumindest hingenommen sowie frühere Ansätze zur Aufklärung grob wie subtil behindert haben. Das betraf beispielsweise auch das weitgehende Stillschweigen bei der Einstellung der Verfahren gegen Angehörige des Reichssicherheitshauptamtes Ende der 20er-Jahre oder den politisch-publizistischen Umgang mit den Nachkriegskarrieren schwerbelasteter SS-Täter wie Werner Best und Professor Reinhard Höhn in der Wirtschaft, aber auch weiterer vergleichbarer Personengruppen in Bundeswehr und Sicherheitsorganen, Justiz, Verwaltung, Politik, Gesundheits- und Bildungswesen und Wissenschaft.

Das einschlägige zeitgeschichtliche Bild wurde inzwischen weiter vervollständigt. Eine grafische Übersicht des BKA von 1954 weist namentlich aus, dass 25 von 36 leitenden Mitarbeitern SS-Dienstgrade innegehabt hatten. Sie waren fast alle in Bereichen der Vorbereitung und Ausführung von Massenvernichtung aktiv gewesen, darunter sechs in Einsatzgruppen in Polen und der Sowjetunion, zehn in Himmlers Reichssicherheitshauptamt, Gestapo und Feldpolizei sowie acht an der Führerschule der Sicherheitspolizei in Berlin-Charlottenburg. Alle diese Leute übernahmen im Bundeskriminalamt leitende Funktionen, bildeten junge Leute aus, prägten das Amt und seine kriminalistische Auffassung bis weit in die 60er-Jahre hinein.

Der ehemalige SS-Untersturmführer und SD-Mann Paul Dickopf war nach der Tätigkeit im Bundesinnenministerium (1950/51) zunächst Vizepräsident und von 1965-1971 Präsident des BKA. Bundesinnenminister Hermann Höcherl (CSU) übernahm bei der Amtseinführung im Februar 1965 Dickopfs Lüge, dass er nie mit dem Nationalsozialismus paktiert habe. Filbinger, Globke, Lübke und viele andere lassen grüßen. Die Beamten des SS-, SD- und BKA-Karrierepfads bildeten verschworene Seilschaften und verkörperten die Spitze des Eisbergs allein in dieser Behörde. Globkes Wirken im Bundeskanzleramt trug in der Personalpolitik im Einvernehmen mit Bundeskanzler Adenauer und dessen Mitte-Rechts-Koalition Früchte.

Dieter Schenk, von 1980 bis 1989 als Kriminaldirektor im BKA tätig und auf eigenen Wunsch aus dem Dienst ausgeschieden, hatte 2001 die erste umfassende Darstellung der »braunen Wurzeln des BKA« vorgelegt. Bis August 2001 wurden ihm Archivalien für diese überfälligen Forschungen verweigert. Es habe ihn im Verlauf seiner Recherchen überrascht und bestürzt, »dass fast die Hälfte der BKA-Vorgesetzten der 50er- und 60er-Jahre auf schlimme Weise unmittelbar in die Verbrechen der Nationalsozialisten verstrickt war«; der ehemalige SS-Führer und Doppelagent Dickopf habe »das BKA zu einer Versorgungsanstalt für alte Nazis und Verbrecher« gemacht: »Er konnte diese Rolle aber nur spielen, weil er als CIA-Agent die Rückendeckung der amerikanischen Besatzungsmacht besaß und die Schlüsselpositionen in der Ministerialbürokratie des Bundesinnenministeriums zugleich von NS-Gesinnungsgenossen durchsetzt waren.«

Komponist und Kommunist

geschrieben von Klaus Höpcke

5. September 2013

Erinnerung an den antifaschistischen Künstler Kurt Schwaen

Jan.-Feb. 2008

Unsere Trauer um Kurt Schwaen verbindet sich mit einer Gewissheit: Sein Werk lebt. Musik und Politik bestimmten, wie viele beim Lesen seiner Erinnerungen erfahren haben, sein langes Leben. Ich weiß es zusätzlich aus einer persönlichen Sicht. Kurt war mit meinen Eltern befreundet, er als Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands, sie als Angehörige der Roten Studentengruppe Berlin. In der illegalen Arbeit gegen die Nazis kümmerten sie sich unter anderem um Koffer voller Reclamhefte mit unverfänglichen Titeln, in deren Innerem etwas ganz anderes zu lesen stand. Schwaen beschreibt, wie meine Eltern, die wegen meiner Geburt Ende 1933 nach Cuxhaven, ihre Heimatstadt, gefahren waren, Anfang 1934 nach Berlin zurückkehrten. Auf dem Bahnhof haben sie mich aus dem Zugfenster in einem Wäschekorb Kurt Schwaen entgegengereicht.

Er nahm die Ankömmlinge bei sich in der Wattstraße in Wedding auf, bis sie eine eigene Wohnung gefunden hatten. Einige Jahre später, am 4. Juli 1938, wurde Kuert Schwaen, der inzwischen verhaftet und drei Jahre in Berlin am Alex und in Moabit sowie in Luckau und Zwickau in Zuchthäusern eingesperrt worden war, in Chemnitz endlich aus dem Kerker entlassen. Da konnten nun meine Eltern wiederum ihm helfen. Im Sonderheft 2007 des Kurt-Schwaen-Archivs unter dem Titel »Erlebnisse im Tanzstudio Gertrud Wienecke in Berlin am Kurfürstendamm. Tagebuchaufzeichnungen, Briefe (1939-1990)« schreibt Schwaen dazu in einer 2006 verfaßten Einführungsnotiz: »Ich war im Juli 1938 frei. Wie befohlen, meldete ich mich bei der Gestapo. Zunächst schnauzte man mich an, weil ich nicht gegrüßt hatte. (Für die jüngeren Leser: Er hatte nicht mit angehobenem rechtem Arm ›Heil Hitler!‹ gesagt. Weiter Schwaen:) Ich erwiderte, dass dies uns Strafgefangenen verboten worden war. Da verstummten sie.

Ich stand nun auf der Straße. Meine alten Freunde Höpckes hatten mir ihre Wohnung angeboten. Drei Jahre zuvor war es umgekehrt gewesen. Wie würde es weitergehen? Es gab eine Beratungsstelle für Entlassene, offenbar durchsetzt mit alten Genossen. Höpckes kannten sie. Ich bekam Arbeit als Korrepetitor. Zunächst bei Sängern. Dann erreichte mich eine Einladung zu einem Tanzabend im Studio von Gertrud Wienecke am Kurfürstendamm. Es wurde für mich Heimat für vier Jahre…An diesem Abend tanzte Oda Schottmüller.« Durch sie, die Tänzerin und Bildhauerin, mit der ihn dann eine enge Zusammenarbeit verband, kam er kurz auch mit der Schulze-Boysen-Gruppe in Berührung. Oda wurde von den Nazis 1943 hingerichtet.

Bevor es 1945 zur Niederschlagung des Faschismus und zu unserer Befreiung kam, musste Kurt Schwaen noch die Torturen der Strafdivision 999 überstehen.

Was er nach 1945 vollbracht hat, zeugt schon mit seinen 667 Kompositionen – darunter »Die Horatier und die Kuriatier« mit dem Text von Bertolt Brecht und Lieder, die zu Volksliedern wurden wie »Wer möchte nicht im Leben bleiben« – von Größe. Dass er neben dem Komponieren stets im Alltagsleben praktisch politisch tätig war, wird von manchen stillschweigend übergangen, von anderen als Erledigung lästiger Aufträge von Parteiinstanzen hingestellt (»Parteiaufträge«). Laßt uns auch nach seinem Tod darauf bestehen, dass es den Kommunisten Schwaen selber drängte, Aufgaben der Gesellschaftsgestaltung wahrzunehmen. Das gilt für den Aufbau der Berliner Volksmusikschulen, für seine Arbeit als Sekretär des Komponistenverbands und dann der Sektion Musik der Akademie der Künste der DDR und für die Gründung der AG Kindermusiktheater – lauter Tätigkeiten, in denen seine geistige Frische, sein leidenschaftliches Ringen um mehr Kultur in unserem Leben und seine Fähigkeit zu streitbarem Kampf gegen Dogmatismus und andere Engstirnigkeiten sich erwiesen haben wie seine schöpferische Kraft in seinem kompositorischen Schaffen.

Von seinen Politik-Aktivitäten nach 1989 seien erwähnt: seine Präsidentschaft der Deutsch-Vietnamesischen Gesellschaft seit 1990 und sein 2004 erhobener Protest gegen den Musikschulenabbau in Berlin. Das war zu einem Zeitpunkt in der Nähe seines 95. Geburtstags.

Was heißt hier Heroismus?

geschrieben von Sabine Kebir

5. September 2013

Ein ungewöhnlicher Partisanenroman stellt sich der Frage

Jan.-Feb. 2008

Der Linkspolitiker Diether Dehm ist seit den siebziger Jahren auch bekannt als Sänger, Komponist und Texter von Rockmusik, von scharfzüngigen Dramen und Romanen. Nun überrascht er mit einem umfangreichen epischen Werk: einem Partisanenroman. An seinem langjährigen Urlaubsort am Lago Maggiore hatte er schon in den sechziger Jahren ehemalige Partisanen der norditalienischen Resistenza kennen gelernt, die zu der Gruppe gehörten, die Mussolini wenige Kilometer vor der Grenze zur Schweiz festnahm. Während der letzten Kriegsjahre war es ihr gelungen, in diesem Gebiet die Herrschaft der von deutschen Elitetruppen unterstützten italienischen Faschisten infrage zu stellen. Dehm hat die dramatischen Entwicklungen im Ossolatal historisch genau zu rekonstruieren versucht und doch – oder wohl gerade deshalb – einen veritablen Abenteuerroman geschrieben. Dass er die gängigen Partisanenklischees unterläuft, macht ihn um so spannender: es geht nicht um Heldentum an sich und es sind nicht die Radikalsten, die im historischen Prozess recht behalten. Der antifaschistische Partisan – so Dehm – »hat Angst davor, totgeschossen zu werden und er hat sogar auch Angst davor, andere tot zu schießen. Er empfindet es als ekelhaft, in den Krieg zu ziehen, weil Krieg etwas Ekelhaftes ist. Aber notgedrungenermaßen tut er es, weil er es als eine Zwangsläufigkeit erkennt.«

Im Gegensatz zu Deutschland gelang es in Norditalien, ein im Volk verankertes militärisches Gegengewicht zur faschistischen Herrschaft aufzubauen. Das war nur möglich, weil sich die Menschen hier bereits ein anderes als das von den Faschisten vertretene »Sozialmodell« für die Zukunft konkret vorstellen konnten. Ein Höhepunkt von Dehms Roman ist der Zeitpunkt, als es die lokale militärische Situation zu erlauben scheint, im Ossolatal eine neue demokratische Minirepublik zu errichten. Dieser von vielen ersehnte Moment spaltet die Partisanen in einen Teil, der die Macht ergreifen will und einen anderen, der das aus geopolitischen Gründen für gefährlich ansieht. Zwar hat man Kontakt mit den Engländern, die im schweizerischen Locarno einen Generalstab unterhalten, um die Entwicklung in Norditalien beobachten zu können. Auch die Engländer drängen die Partisanen zu mutigen Aktionen und versprechen ihnen, in ihrem Gebiet eine Fluglandebahn zu errichten. Die Partisanen versprechen sich davon nicht nur Unterstützung mit Waffen, sondern auch das baldige militärische Eingreifen der Alliierten, die bislang nur den Süden Italiens besetzen. Den Versprechungen der Engländer, aber auch der Einschätzung der eigenen Kräfte mit der notwendigen Skepsis zu begegnen, setzt Allgemeinbildung und geopolitische Kenntnisse voraus, die die meisten Partisanen nicht haben. Und so zeichnet sich im Riss in ihren Reihen dann auch wieder eine alte soziale Spaltung ab: Es ist der aus bürgerlichen Verhältnissen stammende Renzo, die Hauptfigur des Romans, der die Gefahren eines glatten revolutionären Durchmarschs am deutlichsten erkennt. Er wird aber als intellektueller Spinner und schließlich sogar als Verräter betrachtet. Diese Gestalt verkörpert ein Problem, das in linken Bewegungen immer wieder auftaucht und – so die historische Erfahrung – oft in Populismus mündet. Linke Intellektuelle müssten aber – so Dehm – »wie Renzo, den Mut haben, auch mal fest gegen Massenstimmungen aufzutreten«, selbst wenn das persönlich tragische Konsequenzen hat. »Seine intellektuelle Aufrichtigkeit treibt Renzo in die Isolation, er verliert damit sogar die Frau, die er liebt. Das geht ja soweit, dass ihm ein Priestermord angedichtet wird. Eine Zeit lang sind alle, Faschisten wie Partisanenführung, heilfroh, dass man den Querulanten mit diesem Rufmordgerücht los ist. Die Ablehnung, die Renzo erfährt, kränkt seine ganze kleinbürgerliche Eitelkeit.« Damit ist die Verschiebung benannt, die die Begriffe des Heldentums und der Opferbereitschaft in Dehms Roman erfahren: Heroismus ist nicht nur die Bereitschaft, sein Leben im physischen Sinne für eine Bewegung zu opfern, sondern kann noch in ganz anderem Verzicht bestehen. Dass Renzos Isolation ein Ende findet, entspricht der realen historischen Entwicklung: Ein Lernprozess in der Bewegung bewirkte, dass die radikale Lösung aufgegeben wurde. Statt zum Entscheidungskampf zu blasen, wurden etwa 20.000 Bewohner des Ossolatals in die Schweiz evakuiert.

Eine jüdische Kindheit

geschrieben von Alfred Fleischhacker

5. September 2013

Kurt Tucholskys Großcousine erinnert sich

Jan.-Feb. 2008

Die Autorin war gerade erst sieben Jahre alt, als ihr Verwandter aus den Leben schied. 1935 in Schweden, wo er Asyl und Schutz vor Verfolgung gefunden hatte. Wäre Kurt Tucholsky nach der Machtübernahme der Braunhemden auch nur ein paar Tage länger in seinem Geburtsland geblieben, ein Schicksal nicht unähnlich dem seines Freundes und Kollegen Ossietzky wäre ihm sicher gewesen. Zumal er auch noch jüdischer Herkunft war.

Wie sich das Ausgrenzen, Einkreisen und Entrechten im Land der Dichter und Denker im Einzelnen vollzog, das schildert die Großcousine. Zum besseren Verständnis der Leser ein paar trockene Fakten zum familiären Hintergrund. Die Mutter der Autorin Brigitte Rothert war eine geborene Tucholsky. Kurt, der Journalist und Schriftsteller, war ihr Cousin. Brigittes Mutter heiratete in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts einen Mann namens Jährig, 1928 wurde Brigitte als einziges Kind der Ehe geboren.

1933 übernahmen die Nazis die Macht und begannen sofort, die jüdischen Mitbürger auszugrenzen. »Rasseexperten« legten fest, wer in welchem Grad davon betroffen war. Der Vater, als sogenannter Arier, nicht. Doch der wollte mit dem Makel nicht leben, mit einer Jüdin verheiratet zu sein. Ganz schnell ließ er sich scheiden. 1935 wurden auf einem »Reichsparteitag« in der Frankenstadt die »Nürnberger Gesetze »verkündet. Die Verfolgungen nahmen zu. Brigitte Rothert schildert, wie sie die Pogromnacht des 9. November l938 erlebte. Kurze Zeit später wurde ihre Mutter von der Gestapo verhaftet und wochenlang eingesperrt. In dieser Situation wandte sich die verzweifelte Zehnjährige an ihren Vater. Doch der wies sie kaltschnäuzig ab. Hinzu kam die ihr zuteil gewordene Behandlung in der Schule. Bis zu diesem Zeitpunkt galt sie in den Augen der Lehrer als sehr gute Schülerin. Über Nacht wurde sie zu einer minderwertigen Ausgestoßenen.

Ab 1942, als die Deportationen der Dresdener Juden nach Theresienstadt begannen, wurde die Lage für Mutter und Tochter immer schwieriger. Rat und gelegentlich auch Hilfe erfuhren sie von einigen anständig gebliebenen Nachbarn und von ihrem Leidensgefährten Victor Klemperer. Dass der nicht auf die Deportationsliste kam, verdankte er seiner »arischen« Frau.

Sie hielt standhaft und treu zu ihrem Mann und schützte ihn. Doch für die Jährigs wurde es immer enger. Besonders, seit sie sich mit dem gelben Judenstern auf der Brust bei jedem Gang auf die Straße in eine kaum zu kalkulierende Gefahr begeben mussten.

Das schon programmierte Unglück indes nahm seinen Lauf. Anfang Februar 1945 erhielt die Mutter die Aufforderung, sich am 16. des Monats zu einer vorgegebenen Zeit mit einigen wenigen Habseligkeiten an einer bestimmten Stelle zum Abtransport nach »Osten« einzufinden. Die Bombardierung und weitgehende Zerstörung der Stadt durch englische und amerikanische Flugzeuge am 13. Februar bewahrte die beiden vor dem Schlimmsten.

Erst diese Fügung und das, nach der Befreiung Deutschlands von der faschistischen Pest möglich gewordene, wirkliche Leben ermöglichten der Autorin, sich mit den familiären Wurzeln und der literarischen Hinterlassenschaft des leidenschaftlichen Pazifisten Kurt Tucholsky zu befassen. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Russischlehrerin. Half jungen Schülerinnen und Schülern die Sprache jener kennen zu lernen, die das östliche Deutschland befreit hatten.

Bis in die jüngste Zeit unterrichtete sie jüdische Zuwanderer aus Russland, um ihnen die Anpassung an eine neue Umwelt zu erleichtern. Und folgerichtig entschied sie sich auch, alles über ihren großen Verwandten zu erfahren. Jahrelang bestimmte diese Entscheidung ihr Leben. Zu Beginn wurde ihr der einige Jahrzehnte ältere, väterliche Freund Klemperer noch einmal zum hilfreichen Ratgeber.

Brigitte Rothert-Tucholsky

Tucholskys Grosskusine erinnert sich

Leonhard-Thurnmeysser Verlag Berlin & Basel, Preis: 12,80 Euro

Bis heute ist die Autorin Anlaufstelle für viele, die mehr über ihren Großcousin wissen wollen. Museen, Medien, Schulen. Sie ist langjähriges Mitglied der Deutschen Tucholsky Gesellschaft. In ihren Aufzeichnungen hat die Autorin auch die mit der Gründung der DDR beginnende Zeit Revue passieren lassen.

Ihr Fazit: Es waren Jahre beruflicher Erfüllung, sozialer Sicherheit, physischer Geborgenheit und kultureller Wissensmehrung. Mit Abstand haltender Distanz bewertet sie dagegen die letzten beiden Jahrzehnte.

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