Anpassung und Autonomie: Natan Sznaiders neues Buch gegen deutsche Vergessensbereitschaft
Das Buch betrachtet die jüdische Wunde als Identitätskern im Kontext der europäischen Aufklärungsgeschichte. Und es schließt mit einer ersten Aufarbeitung des Überfalls 2023 in Israel. -Sznaider begann die Niederschrift des Buchs vor dem 7. Oktober. Es ist wegen der politisch engagierten Schreibweise des Autors in Teilen des letzten Hauptkapitels anzunehmen, dass diese nach dem Überfall der Hamas und anderer geschrieben wurden. Das Buch ist in Gänze eine Streitschrift gegen deutsche Vergessensbereitschaft (S. 107).
Natan Sznaider ist Soziologe; er lebt in Israel und Deutschland. Der Autor schreibt mit einer ausgesprochen persönlichen Handschrift – im ersten und zweiten Hauptkapitel souverän-literarisch über das Wohl und Wehe der Folgen der Aufklärung für das Judentum in Deutschland; im dritten Hauptkapitel mahnend und anklagend. Das Buch macht die Leiden des Judentums gleichsam sichtbar. Dabei polarisiert Sznaider einerseits zwischen dem Universalismusgebot der Aufklärung (bürgerliche Vernunft und Toleranz als universelle Urteilsinstanz) und andererseits dem Leitbild jüdischer Identität als Partikularismus (Religion, Tradition, Kultur, Lebensweise) als Jahrhunderte währende Spannung (S. 28) zwischen diesem Allgemeinen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und dem Besonderen der jüdischen Minderheit. Lessings Nathan der Weise (S. 47) steht gewissermaßen als Pate für die aufklärerische Universalismusformel und für ein allgemeines Toleranzgebot; die deutsche und – seit den 1950er-Jahren – US-amerikanische Jüdin Hannah Arendt (S. 99) als Protagonistin eines widerständigen Partikularismus. Das jüdische Dilemma weiterlesen »