Alpen und Widerstand

geschrieben von Peps Gutsche, Kim Dresel und Sophie Preibisch

7. Januar 2023

Eine Bildungsreise zu NS-Gegner_innenschaft und Vernichtung im Salzkammergut

Mitte Oktober reiste eine Gruppe von 30 Antifaschist_innen, organisiert vom Alternativen Kultur- und Bildungszentrum Pirna (AKuBiZ), in das österreichische Salzkammergut, um sich mit der dortigen Geschichte während der NS-Zeit auseinanderzusetzen. Gemeinsam mit der VVN-BdA Märkisch-Oderland und Interessierten diente die Reise der Vernetzung und dem Austausch. Auf Wanderungen und bei Gedenkstättenbesuchen in der ehemaligen Tötungsanstalt Schloss Hartheim sowie in den damaligen KZs Ebensee, Vöcklabruck, Redl-Zipf und Lenzing wurde sich mit Fragen von Widerstand, Gedenken und Erinnerungskultur beschäftigt.

In idyllischer Alpenlandschaft und bei sommerlichen Temperaturen wanderte die Gruppe zur Rettenbachalm. Dort befand sich 1944/45 unter dem Namen »IGEL« ein Versteck von österreichischen Widerstandskämpfern aus der Region, die sich dort in einem wenig zugänglichen Gebiet einen Unterschlupf einrichteten, um der Verfolgung durch SS und Gestapo zu entgehen. Das Versteck wurde nie entdeckt und die Gruppe durch die Bäuerinnen der Alm mit Nahrung versorgt. Bis auf Karl Feldhammer, der bei einem Besuch bei seiner Familie von der Gestapo entdeckt und erschossen wurde, erlebten die Aktiven der IGEL-Gruppe das Kriegsende. Alpen und Widerstand weiterlesen »

Im »Nahen Osten« nichts Neues

geschrieben von Wanja Musta

7. Januar 2023

Völkerrechtswidriger Angriffskrieg der Türkei auf Kurdistan

Die Wortkombination »Naher Osten« ist eine politische Beschreibung für Länder wie Türkei, Syrien, Irak und Iran sowie Israel und weitere Länder in der Region. Klar ist, dass der Begriff aus einer eurozentrischen Perspektive entstanden ist. Doch von welchen Faktoren ist die Perspektive Europas geprägt? In diesem Text konzentrieren wir uns auf die kurdischen Gebiete und die Nationalstaaten, die an diese angrenzen.

Im April letzten Jahres wurde aus vereinzelten Angriffen ein Angriffskrieg. Seitdem wird fast wöchentlich von Drohnenangriffen, versuchten Bodeneinsätzen, aber auch Giftgasangriffen durch die Türkei auf kurdische Gebiete berichtet. So veröffentlichten die »Internationalen Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzt*innen in sozialer Verantwortung« (IPPNW) in der ersten Oktoberhälfte einen Bericht über den mutmaßlichen Einsatz von chemischen Waffen. Diesen mussten sie anhand von Videos und Krankenberichten erstellen. Denn sie wurden nicht bis in das Gebiet gelassen, wo die Angriffe geschahen. Veranlasst wurde dies von der KDP, der dominierenden Partei in dieser Region, und dazu Verbündete des türkischen Präsidenten Erdogan. Kaum eine Woche später erreichte ein Video von einem weiteren Giftgaseinsatz in den Bergen Kurdistans die Öffentlichkeit. Zu sehen sind Kämpfer*innen der kurdischen Freiheitsbewegung, die in Kontakt mit dem Giftgas gekommen waren. Wild lachend und unkontrolliert zuckend werden die Betroffenen auf dem Video gezeigt. Kurze Zeit später sind beide tot. Jan van Aken, der Chemiewaffenexperte der Linkspartei, war auch beteiligt an dem IPPNW-Bericht. Für ihn deutet alles darauf hin, dass die Türkei völkerrechtswidrig agiert. Es brauche nur ein Mitgliedsstaat der Chemiewaffenkonvention um eine Untersuchung zu bitten, so van Aken. Doch niemand will es sich mit der Türkei verscherzen. Im »Nahen Osten« nichts Neues weiterlesen »

Verharmloster Terrorort

geschrieben von Axel Holz

7. Januar 2023

»Colonia Dignidad«: Buch zur BRD-Außenpolitik im Umgang mit Sekte in Chile

Mitte Oktober hat Bodo Ramelow (Die Linke) als Vorsitzender des Bundesrats und bisher ranghöchster Vertreter Deutschlands zusammen mit Jens-Christian Wagner, dem Leiter der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, Chile besucht. Politik und Justiz sind aber bereits seit den 1960er Jahren mit dem wohl größten deutschen Verbrechen der Nachkriegsgeschichte befasst, ohne diese Verbrechen aktiv zu verhindern oder wirkungsvoll zu verfolgen.

Jan Stehle hat auf 600 Seiten den Umgang bundesdeutscher Außenpolitik und Justiz mit Menschenrechtsverletzungen zwischen 1961 und 2020 untersucht. Es geht um die kriminelle Organisation »Colonia Dignidad« (CD) des Sektengründers Paul Schäfer, der sich bereits Anfang der 1960er Jahre einer Strafverfolgung wegen sexualisierter Übergriffe auf Kinder durch die Flucht nach Chile entzog. Die tausendfachen Sexualverbrechen wurden erst mit der Flucht des Ehepaars Georg und Lotti Irene Packmor 1985 öffentlich und Informationen durch den BRD-Botschafter in Chile, Hermann Holzheimer, an das Auswärtige Amt weitergeleitet. Verharmloster Terrorort weiterlesen »

Wendepunkt der Geschichte

geschrieben von Ludwig Elm

7. Januar 2023

30. Januar 1933 und einfach »Machtergreifung«?: Ulrich Schneiders Buch liefert Lektionen

Ulrich Schneider hat mit dem Band eine neue Publikation zu einem Wendepunkt in der deutschen, europäischen und Weltgeschichte vorgelegt, dessen Aus- und Nachwirkungen weiterhin zu Forschungen, Kontroversen und Bezugnahmen herausfordern. Dazu gehören nicht zuletzt Fragen, ob bisherige oder vorherrschende Urteile über den deutschen »Verbrecherstaat« (Karl Jaspers) sowie daraus abgeleitete gesellschaftspolitische, ideologische und geistig-kulturelle Schlussfolgerungen sich als hinreichend und hilfreich oder als halbherzig und ungenügend erwiesen haben. Ein möglicher erster Eindruck, dass zu diesem Themen- und Problemkreis bereits viel und vielleicht sogar genug gesagt und geschrieben wurde, wird neunzig Jahre danach durch vielgestaltige Vorgänge, Gefährdungen und Streitfragen nachdrücklich widerlegt. Diese Einsicht spiegelt sich auch in der Motivation des Autors und seinem Herangehen an die Problematik wider. Wendepunkt der Geschichte weiterlesen »

»Konfusion« in der Debatte

geschrieben von Sebastian Schröder

7. Januar 2023

Historiker streiten – nicht alle. Sammelband versucht Argumente nachzuvollziehen

»Konflikte und polemische Debatten überall: das Humboldt-Forum und koloniale Beutekunst; die Umbenennung der M-Straße; einhundertfünfzig Jahre Deutsches Kaiserreich; Achille Mbembe, Holocaust und Kolonialismus, die Deutschen mit ›Nazihintergrund‹ und nicht zu vergessen die Machenschaften der Hohenzollern. So unterschiedlich die Debatten im Einzelnen sind, immer wird dabei die Deutung der NS-Zeit oder des Kolonialismus mitverhandelt; häufiger sogar beides.« So beschreibt der Historiker Sebastian Conrad im Buch »Historiker streiten« den Hintergrund der Debatte um die Einzigartigkeit des Holocaust; hier sind vorwiegend Beiträge einer Tagung im Einstein-Forum in Potsdam vom Oktober 2021 veröffentlicht.

Die unter dem Begriff »Zweiter Historikerstreit« (und auch in der antifa-November-/Dezemberausgabe verschiedentlich sichtbar) geführte Debatte, dreht sich im wesentlichen um den Aufsatz »Der Katechismus der Deutschen« von Dirk Moses. Im Sammelband führt Moses nochmals seine provokanten Thesen aus, mit Erläuterungen der Vorgeschichte und der späteren Diskussion. Michael Wildt konstatiert »Konfusion« in der Debatte, aber das Buch ermöglicht es den Lesenden mit einigem Aufwand, die Argumente beider Seiten des Neuen Historikerstreites nachzuvollziehen. »Konfusion« in der Debatte weiterlesen »

Zerstörung brechen

geschrieben von Friedrich Burschel

7. Januar 2023

Sehr diverse Weltanschauung und Kultur: Zwei ABG-Bände zu Antifaschismus

Dieser Beitrag ist in der Print-Ausgabe der antifa in einer gekürzten Fassung erschienen

»Wissen Sie, wir haben alles unternommen, um diese heranrollende Woge von Unmenschlichkeit und Zerstörung zu brechen«, sagte die weltberühmte Fotografin Gisèle Freund einmal in der Rückschau auf ihre Zeit bei einer der »Roten Studentengruppen« in den frühen 1930er Jahren. Der Beitrag zu diesen antifaschistischen Gruppen, die sich angesichts der zunehmenden Gewalt und Präsenz von Nazistudierenden und brauner Straßengewalt auch außerhalb der Unis bildeten, gehört aus mehreren Gründen zu den elektrisierendsten Aufsätzen der beiden Hefte der Zeitschrift für historische Studien Arbeit – Bewegung – Geschichte (ABG). Man liest ihn atemlos und voll Bewunderung für diese entschlossenen jungen Studierenden, die es vermochten, politische Gräben zu überwinden und sich den immer gewalttätiger auftretenden Nazis auch körperlich entgegenzustellen. Diese Gruppen bestanden zum einen ja aus jungen Menschen eher bürgerlicher Herkunft (z. B. Klaus Gysi, Golo Mann, Richard Löwenthal), und zum anderen waren 34 Prozent der etwa 500 Mitglieder Frauen. Zerstörung brechen weiterlesen »

Überwindung der Probleme?

geschrieben von Emma Sammet

7. Januar 2023

Ein optimistisches Menschenbild angesichts von Krieg und Krise

100.000.000.000 Euro für die Rüstung und Rekordgewinne bei Rheinmetall und Co. Eilmeldungen und breite Berichterstattung über einen Krieg. Öffentliche Zustimmung. Steht dies im Gegensatz zu Annahmen über die Menschen, die linke Politik jahrelang trugen: Menschen stehen Kriegen ablehnend gegenüber, sie verletzen und töten nicht gerne, denn Menschen sind im Grunde gut? Überwindung der Probleme? weiterlesen »

Mythos und Epos

geschrieben von Reinhold Weismann-Kieser

7. Januar 2023

Die Résistance-Kämpferin Anne Beaumanoir in Heldinnenleben am Schauspiel Hannover

Das Werk von Anne Weber1 über das Leben und Wirken von Anne Beaumanoir in Form eines Epos wurde hier bereits ausführlich gewürdigt.2 Nun hatte aber das Schauspiel Hannover in seiner letzten Spielzeit das Heldinnenleben auf der Grundlage von Webers Text in einfühlsamer Weise auf die Bühne gebracht. Das Schauspiel Stuttgart folgte mit einer eigenen Inszenierung, die dann u. a. im Feuilleton der SZ am 7. November 2022 besprochen wurde. Der Titel der Aufführungen in Hannover und Stuttgart lautete »Annette, ein Heldinnenepos«. Mythos und Epos weiterlesen »

Wertvoller Lesestoff

geschrieben von Gerald Netzl

7. Januar 2023

Reihe, die Aufmerksamkeit verdient: »Bibliothek der polnischen Holocaustliteratur«

Die »Bibliothek der polnischen Holocaustliteratur« ist eine auf zehn Bände angelegte Reihe, die an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur erarbeitet und im Wallstein Verlag herausgegeben wird. In der Reihe, die herausragende polnische Werke (teils in Neuauflagen bereits existierender Übersetzungen, teils in Erstübersetzungen) vorstellt, werden u. a. erscheinen: Leopold Buczkowski »Der schwarze Bach«, Henryk Grynberg »Kinder Zions«, Arnold Mostowicz »Der blinde Max oder Passierschein durch den Styx« und Mina Tomkiewicz »Von Bomben und Mäusen«. Wertvoller Lesestoff weiterlesen »

Wie divers ist Ausbeutung?

geschrieben von Janka Kluge

7. Januar 2023

Antirassistische und marxistische Bewegungen sollten voneinander lernen

In den letzten Jahren haben sich in der Debatte über Rassismus neue Worte und Positionen herausgebildet. Dazu gehört auch der Begriff Intersektionalität. In dem von Eleonora Roldán Mendívil und Bafta Sarbo veröffentlichen Sammelband »Die Diversität der Ausbeutung« spielt die Kritik an der Intersek-tionalität eine wichtige Rolle. Die beiden Herausgeberinnen haben in dem Buch auch einen zentralen Text dazu veröffentlicht. Das Konzept der Intersektionalität besagt, dass Menschen oft nicht nur wegen einer Eigenschaft diskriminiert und unterdrückt werden. Hervorgehoben sei hier, dass der Begriff »Eigenschaft« in dem Zusammenhang ungenau ist. Wie divers ist Ausbeutung? weiterlesen »

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