Wahlkampf 2.0

geschrieben von Nils Becker

6. November 2021

Die Nutzung der sozialen Medien durch Parteien

Keine Woche vergeht, ohne dass ein Tweet – ein maximal 280 Zeichen langes Statement einer Politiker*in – es bis in die »Tagesschau« schafft. Den Plattformen der sogenannten sozialen Medien wird mittlerweile große Bedeutung für die Kommunikation zwischen Politik und Bürger*innen beigemessen. Im Wahlkampf haben Facebook, Twitter, Instagram und Youtube eine weitere Aufwertung durch die Parteien erfahren. Ein gewichtiger Grund ist, dass Aussagen sehr präzise, strategisch geplant und souverän einer breiteren Zielgruppe präsentiert werden können. Denn mittlerweile nutzt mehr als die Hälfte in allen Altersgruppen soziale Medien – wenn auch jeweils unterschiedliche Plattformen –, um die eigene Meinung zu bilden. Anders als die Gespräche an den Wahlkampfständen sind die Interaktionen zudem messbar und bieten ein weites Feld für Interpretationen. Wahlkampf 2.0 weiterlesen »

Dimension eines Verbrechens

geschrieben von Ulrich Schneider

6. November 2021

Ausstellung zu sowjetischen Kriegsgefangenen in Berlin-Karlshorst

Was macht man, wenn man viele Jahre in einem internationalen Netzwerk eine Ausstellung erarbeitet und dann – unter Corona-Bedingungen – vor dem Risiko steht, dass sie zum historischen Datum nicht in den Räumlichkeiten eines Museums präsentiert werden kann? Man setzt sie technisch als Outdoor-Ausstellung um und zeigt sie im Garten – so geschehen im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst, wo im Juni 2021 zum 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion die Ausstellung »Dimensionen eines Verbrechens« eröffnet wurde.

Erarbeitet wurde diese Präsentation zu sowjetischen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg vom Deutsch-Russischen Museum, der KZ Gedenkstätte Flossenbürg, der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, dem Deutschen Historischen Institut in Moskau und dem Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge. Eröffnet wurde die Ausstellung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Dimension eines Verbrechens weiterlesen »

Notizen aus dem KZ

geschrieben von Harry Friebel

6. November 2021

Briefe jüdischer Häftlinge des KZ Auschwitz-Birkenau

Die Belege zum Arisierungswahn der Nationalsozialisten sind in der Regel kaum zu ertragen und entziehen sich unserem Verstehen. Das Buch »Briefe aus der Hölle« ist nun noch einmal eine Steigerung dieser Zeugnisse des Grauens. Pavel Polian hat in seiner Publikation alle bisher entdeckten Briefe, Notizen und Berichte von ehemaligen Angehörigen des »Sonderkommandos« im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zusammengeführt und historisch kontextualisiert.

Die Angehörigen des Sonderkommandos – jüdische Häftlinge – waren von der SS dazu gezwungene »Wächter der Höllenpforte«. Sie mussten den Henkersdienst der Vernichtungsmaschine Auschwitz-Birkenau leibhaftig erfüllen: Unter bewaffneter Aufsicht der SS führten sie hunderttausende insbesondere jüdische Häftlinge in die Entkleidungsräume, anschließend zwangen sie sie in die Gaskammern. Danach verbrachten sie die Leichen in die Verbrennungsöfen der Krematorien. Abschließend »entsorgten« sie die Asche der Ermordeten. Täglich begleiteten sie so tausende Opfer in dieser grausamen Passage: Deportation nach -Auschwitz-Birkenau, Ermordung in den Gaskammern, Verbrennung der Leichen in den Krematorien, »Entsorgung« der Asche im Erdreich des Lagers. Notizen aus dem KZ weiterlesen »

Jahrhunderte mitgeprägt

geschrieben von Axel Holz

6. November 2021

Ein Heft zu Antisemitismus in Sprache – und jiddischen Bausteinen im Deutschen

Das Duden-Heft »Antisemitismus in der Sprache« umfasst nur 64 Seiten, aber die haben es in sich. Dass Antisemitismus in Deutschland und weltweit ein Problem ist, ist bekannt. Antisemitische Übergriffe haben in den vergangenen Jahren wieder zugenommen. Sie werden im rechten, im linken und im islamistischen Milieu verortet. Der Antisemitismus in der Sprache betrifft aber alle politischen, sozialen und Altersgruppen mehr oder weniger bewusst. Dies hat damit zu tun, dass Jiddisch, die Sprache von ehemals fast zehn Millionen Menschen in Europa, die deutsche Sprache über Jahrhunderte mitgeprägt hat. Jahrhunderte mitgeprägt weiterlesen »

Miserable Tradition

geschrieben von Sebastian Schröder

6. November 2021

Viele Gründe gegen die Aufführung der »Feuerzangenbowle«

Die meisten kennen Heinz Rühmann in »Die Feuerzangenbowle« als schusselig-sympathische Figur Pfeiffer. Die Komödie spielt im Kaiserreich und handelt von einem Erwachsenen, der wieder in die Schule zurückkehrt, und den daraus entstehenden Verwicklungen. Wir kennen die Figur Pfeiffer, weil der Film seit 1969 regelmäßig im Ersten und den dritten Programmen der ARD ausgestrahlt wird, vorzugsweise in der Weihnachtszeit und um Silvester. Die ARD begründet dies auch heute damit, dass es »ein deutscher Filmklassiker« sei, »der sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreut«.

Gedreht 1943, uraufgeführt im Januar 1944 – jetzt erklärt sich das unbestimmte ungute Gefühl, das sich beim Schauen einstellt. Natürlich wurde kein Film im Faschismus ohne Hintergedanken gemacht, auch die scheinbar harmlosen Filme haben ihre Funktion in der NS-Propaganda erfüllt. Miserable Tradition weiterlesen »

Eine Ahnung von Schuld

geschrieben von Gloria Diamant

6. November 2021

Über die »Kinder von Hoy« und einen »Schockmoment der deutschen Geschichte«

Die Autorin und Dokumentarfilmerin Grit Lemke hat ein Buch über ihre eigene Biografie in und mit Hoyerswerda geschrieben. Der Suhrkamp-Verlag kündigt an, hiermit werde zum ersten Mal »ein Schockmoment der deutschen Geschichte« literarisch aufgearbeitet. Das klingt gut und wichtig, zumal das Buch 30 Jahre nach dem rassistischen Pogrom in eben jener Stadt erscheint – wenn es denn nur stimmen würde. Falsche Erwartungen machen aber zum Glück noch kein schlechtes Buch.

Der Text ist angesiedelt zwischen Reportage und persönlichem Erfahrungsbericht. In dem autofiktionalen Ansatz, der die Erfahrungen der Autorin und zahlreicher Weggefährt*innen mit der Geschichte Hoyerswerdas nach 1949 verknüpft, liegt die Stärke von »Kinder von Hoy« in der Nähe zu dieser Geschichte und ihren Protagonist*innen. Eine Ahnung von Schuld weiterlesen »

Ein Buch gegen das Vergessen

geschrieben von Lisa Thomsen

6. November 2021

Schicksale der über 300 durch Neonazis Ermordeten

Mehr als 300 Menschen wurden nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland durch rechte Gewalttäter*innen ermordet. Weit mehr, als von offizieller Stelle anerkannt sind. Eine vollständige Dokumentation dieser Taten fehlte bisher. Entstanden aus dem Twitter-Account »KeinVergessen«, wird mit dem Buch diese Lücke nun endlich geschlossen und dafür Sorge getragen, dass die Opfer nicht vergessen werden.

Dabei hat der Autor Thomas Billstein es geschafft, ein sachliches, aber zugleich hochemotionales Buch zu schreiben. Es sind die sorgfältig recherchierten Fakten, die berühren, und jedes einzelne Schicksal zu der Tragödie machen, die es ist. Die Geschichte jedes einzelnen Opfers bekommt hier ihren Platz. Manchmal ist von den Menschen nur wenig bekannt, manchmal mehr. Und manchmal konnte nicht einmal mehr der Name herausgefunden werden, was es nicht weniger eindrücklich macht. Ein Buch gegen das Vergessen weiterlesen »

Rückkehr der Atomwaffe

geschrieben von Thomas Willms

6. November 2021

NATO-Generäle schreiben Romane. »Military Thriller« als Science-Fiction-Genre

Kaum in Pension, lieferte der zweithöchste NATO-General, der Brite Richard Shirreff, 2016 einen Roman über den nächsten Krieg mit Russland. Dies war vermutlich Ansporn für seinen guten Bekannten, den ehemals höchsten NATO-Militär, General James G. Stavridis, ihm nachzueifern und seinerseits den nächsten Weltkrieg und zwar mit der VR China aufs Papier zu bringen.

Die stark angloamerikanisch geprägten »Military Thriller« bilden streng genommen eine Untergruppe der Science-Fiction, wobei ihre Handlungen typischerweise in der »nahen Zukunft« angesiedelt sind. In jeder Hinsicht ist das Genre dem tatsächlichen Militär eng verbunden und damit natürlich im weitesten Sinne promilitär, wenn nicht offen militaristisch. Seine Autoren (weibliche scheint es zumindest unter Klarnamen nicht zu geben) pflegen enge Kontakte zum Militär, und umgekehrt werden die Romane insbesondere sehr häufig von Angehörigen der Streitkräfte gelesen. Wie Thriller im allgemeinen folgen sie Konventionen: Harte Kerle (mittlerweile häufig weiblichen Geschlechts) treffen einsame Entscheidungen, um den Angriff eines finstere Absichten hegenden Gegners zurückzuschlagen. Dieser verfügt außer dem Überraschungsmoment häufig noch über weitere taktische Vorteile, die die clevere amerikanische Seite zu überwinden hat, was gerne viele hundert Seiten lang anhält. Sozusagen dankbar aufgenommen (endlich mal wieder ein anständiger Gegner) werden die chinesischen und besonders die russischen Aufrüstungsprogramme mit ihrem Schwerpunkt auf futuristischen Waffensystemen, was die althergebrachte Rollenzuschreibung von Ost und West umkehrt. Die frühere US-amerikanische technologische Überlegenheit ist jedenfalls im Roman erledigt. Rückkehr der Atomwaffe weiterlesen »

Spurensuche in Puzzleteilen

geschrieben von Peps Gutsche

6. November 2021

In einer Graphic Novel zeichnet Bianca Schaalburg eine Familiengeschichte nach

Bianca Schaalburg zeichnet in ihrer Graphic Novel »Der Duft von Kiefern. Meine Familie und ihre Geheimnisse« behutsam die eigene Familiengeschichte von der Geburt ihrer Mutter 1939 bis zu ihrer eigenen Geburt 1968 nach. Dabei nutzt sie die Möglichkeiten, die der Comic als Medium bietet, um Welt- und Familiengeschichte, Vergangenheit und Gegenwart emotional zu verbinden.

Ausgangspunkt der Recherche, die die Grundlage für das Buch bietet und die Bianca Schaalburg gemeinsam mit ihrem Sohn durch Berlin, nach Lettland und Israel führt, ist die Frage nach der Rolle ihres Großvaters während der NS-Zeit. Sie enttarnt die deutsche und familiäre »Wir haben von nichts gewusst«-Erzählung durch die Analyse von Familienfotos, mithilfe des Soldbuchs ihres Großvaters, Recherchen in Landesarchiven und durch Gespräche. Ihr Großvater Heinrich Schott, gelernter Dentist und angeblicher Buchhalter, der bereits 1926 in die NSDAP eingetreten war und die jüngste Tochter Edda nach der Tochter Hermann Görings benannte, war als Leutnant 1942 bis 1944 in Riga stationiert. Fotos legen nahe, dass er im Rigaer Ghetto eingesetzt war. In den Wäldern rund um Riga wurden 1941 bis 1944 mehr als 40.000 Menschen durch die SS ermordet. Die Frage, ob ihr Großvater in die Massenerschießungen involviert war, kann der Comic nicht beantworten; Bianca Schaalburg macht das Wissen ihres Großvaters über die systematischen Morde aber präsent. Gesprochen wurde in der Familie nie über das, was Heinrich Schott getan hat. Spurensuche in Puzzleteilen weiterlesen »

Unser Titelbild

9. September 2021

In Erinnerung an die am 10. Juli in Hamburg verstorbene Esther Bejarano (siehe Seiten 6 und 7) gestalteten drei Künstler*innen ein 50 Quadratmeter großes Gemälde an der Außenwand des »club alpha 60« in Schwäbisch Hall. Foto: Martin Künne

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