Die Gespenster fassen

geschrieben von Thomas Willms

6. Dezember 2020

Zum Tod von Ruth Klüger (1931 – 2020)

In ihrem provozierend-irritierenden Erinnerungs- und Reflexionsband »weiter leben. Eine Jugend« bescheinigte sich die Auschwitz-Überlebende und US-amerikanische Germanistin Ruth Klüger 1992 ein »Talent zur Freundschaft« oder genauer, man sage über sie, sie habe ein solches. Als Leser hat man den Verdacht, dass diese Freundschaften nicht ganz einfach gewesen sein können. Der vorherrschende Ton des Buches ist schneidend, bissig, angriffslustig. Verschont bleibt niemand – nicht ihr akademisches Milieu, nicht Anna Seghers und Paul Celan, nicht die eigene Mutter, nicht die eigenen Kinder und der deutsche Leser, für den »weiter leben« als »…ein deutsches Buch« geschrieben ist, schon gar nicht. Man kann sich gut vorstellen, dass Studierende mit gemischten Gefühlen zu ihren Seminaren geeilt sind. Zu lernen gab es bei ihr als führender Vertreterin ihres Faches in den USA sicher viel, aufmunternde Worte vermutlich wenige.

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Streicht »#Covidioten«

geschrieben von Walter Schmidt

6. Dezember 2020

zur antifa September/Oktober 2020

Der Beitrag auf Seite 6 (»Stelldichein der Rechten«) ist informativ, weil er an Hand einiger Führungsfiguren der selbsternannten »Querdenker«-Szene deren Affinität nach ganz rechts nachweist. Was ich aber kontraproduktiv für die Ziele der VVN halte, ist die Ankündigung dieses Beitrags auf der Titelseite mit »#Covidioten S.6«. Diese Begrifflichkeit ist aus mehreren Gründen falsch und gefährlich:

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Braune Tradition der Esoterik

geschrieben von Janka Kluge

6. Dezember 2020

Über germanische Glaubenswelten, völkische Ideologie und die Rolle im deutschen Faschismus

Eine wenig bekannte Traditionslinie des deutschen Faschismus ist die Verbindung zur Esoterik. Diese Linie lässt sich bis in die Romantik zurückverfolgen, die Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland ihre Hochzeit hatte. In Abkehr von der Klassik und vor allem der Aufklärung beschrieben Schriftsteller eine geheime Erlebniswelt im Inneren, die sich nach ihrer Vorstellung in der Natur spiegelte. Daraus ergab sich die Vorstellung, dass es eine besondere germanische Glaubenswelt gibt, die wiederentdeckt und neu belebt werden sollte. Mit der Industrialisierung und der damit verbundenen Verarmung großer Teile der Bevölkerung, wuchsen Bewegungen, die die Schuld an der gesellschaftlichen Situation den Juden zuschrieben. Die ab Mitte des 19. Jahrhunderts erstarkte antisemitische Bewegung legte großen Wert auf die Feststellung, dass ihr Antisemitismus im Gegensatz zum früheren Antijudaismus die religiöse Argumentation nicht mehr braucht. Jüdisch war man nach dieser Zuschreibung, wenn man ›jüdisches Blut‹ hat. In dieser Argumentation war es dann auch wichtig zu betonen, dass nur Menschen mit sogenannten germanischen oder arischen Wurzeln hier leben dürfen. Um diese rassistischen Thesen untermauern zu können, entstanden Vereine, die sich mit Religion und Kultur der Germanen beschäftigten. Damit war die Grundlage der völkischen Ideologie geschaffen.

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Vor den Richtern der Völker

geschrieben von Ulrich Schneider

3. Dezember 2020

Vor 75 Jahren schuf der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess Völkerrecht

»Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht!« So heißt es im Schwur von Buchenwald vom 19. April 1945. Die überlebenden Häftlinge richteten ihre Hoffnung dabei auf die alliierten Siegermächte, die schon im Oktober 1943 in Moskau festgelegt hatten, dass die Hauptkriegsverbrecher sich vor einem Gericht der Völker verantworten sollten.

Basierend auf dem »Londoner Statut«, in dem sich die vier Siegermächte über das Verfahren verständigt hatten, wurde am 20. November 1945 in Nürnberg, der Stadt der NSDAP-Reichsparteitage, der Prozess gegen 24 Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof eröffnet.

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Die Spanier von Dresden

geschrieben von Ulrich Schneider

3. Dezember 2020

Wie Frankreich vor 70 Jahren mit ehemaligen Spanienkämpfern umging

Während in den offiziellen Einheits-Jubelfeiern immer wieder betont wurde, welch ein »Unrechtsstaat« die DDR gewesen sei, wird gern vergessen, welches Unrecht in den westlichen Staaten im Zuge des Kalten Krieges gegenüber Antifaschisten begangen wurde.

Anfang September 2020 erinnerte die Associació Catalana d′Expresos Polítics del Franquisme an die Deportation von Spanienkämpfern, die vor 70 Jahren unter dem Decknamen »Operation Bolero-Paprika« stattfand.

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Keine Berührungsängste

geschrieben von Joachim Aust

3. Dezember 2020

Ab 1929 wurde die NSDAP an der Macht beteiligt

Eine wichtige Lehre aus dem deutschen Faschismus ist der Prozess seiner Herausbildung innerhalb der Weimarer Republik (1918 – 1933). Ausschlaggebend dafür war die Tolerierung und Machtbeteiligung der Nazis ab 1929.

Bei der sächsischen Landtagswahl im Mai 1929 erhöhte die NSDAP ihre Mandatszahl von zwei auf fünf. Mit Hilfe der NSDAP, die eine rechtsbürgerliche Regierung tolerierte, stellte künftig die DVP den sächsischen Ministerpräsidenten. Im Juni errang die NSDAP bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Schwerin zwei Mandate und konnte mit 4,1 Prozent der abgegebenen Stimmen ihren Wähleranteil mehr als verdoppeln. Die übrigen Parteien konnten allein keine Landesregierung bilden. Die NSDAP-Gau-Leitung erhandelte eine Tolerierungsvereinbarung, nach der der Rittergutsbesitzer Karl Eschenburg (DNVP) als Chef einer Minderheitsregierung zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. Wie von der NSDAP Mecklenburg-Lübeck verlangt, wurden daraufhin im September fünf verurteilte Feme-Mörder aus der Haft entlassen.

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Wer entscheidet

geschrieben von Lisa Mangold

30. November 2020

»Cancel Culture« und Diversität im Kulturbetrieb

Es ist kein Zufall, wer eine Fernsehsendung moderiert, auf der Bestsellerliste steht oder wessen Stimme in einer Talkshow gehört wird. Die Auswahl wurde von Menschen getroffen, der Marktwert abgeschätzt, Netzwerkkontakte haben diese Entscheidungen befördert, der Mensch und sein Produkt müssen zu dem Konzept passen. Im kulturellen Raum Deutschlands sind mehrheitlich weiße Menschen zu sehen, vor allem Männer. Es werden sexistische Witze erzählt, antisemitische Mythen weitergegeben und rassistische Dialoge geführt. Schauen wir uns die Geschlechterverteilung an: Moderator*innen und Journalist*innen sowie Expert*innen in TV-Informationssendungen sind zu 80 Prozent männlich. Ein Drittel der Programme im Fernsehen kommt laut der Studie »Audiovisuelle Diversität« der Universität Rostock ganz ohne Protagonistinnen aus.

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Neue Ikone der Rechten

geschrieben von  Janka Kluge

30. November 2020

Wortgewandtes Übermenschentum im Comedy-Format

An der Comedian Lisa Eckhart kommt man zurzeit im Feuilleton nicht vorbei. Sie scheint überall Gesprächsthema zu sein. Gab es im August wirklich Drohungen gegen eine Lesung von ihr in Hamburg? Oder war es ein geschickter Marketingtrick, um ihr Buch »Omama« in die Schlagzeilen zu bringen. Ein Buch, von dem selbst wohlmeinenden Kritiker schreiben, dass es ihnen schwer gefallen ist, eine Handlung zu finden.

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Vernichtungskrieg im Osten

geschrieben von Jakob Knab

27. November 2020

Sammelband zu deutschen Verbrechen in Polen und der Sowjetunion

Neben dem Holocaust war der Ausrottungs- und Vernichtungskrieg der Wehrmacht das übelste Kapitel in der deutschen Geschichte. Die Frage, wie mit der NS-Vergangenheit umzugehen sei, war in der »alten« Bundesrepublik stets heftig umstritten. Schon bald nach Kriegsende wurde die Forderung laut, endlich einen »Schlussstrich« unter die politische und strafrechtliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zu ziehen. Jahrzehnte später gelangte Jürgen Habermas zu der Einsicht: »Je mehr die Bosheit zunimmt, um so stärker ist offenbar die Nötigung, das Verschuldete zu verdrängen.« Zu dieser wirkungsmächtigen Verdrängungsstrategie gehörte die Legende von der sauberen Wehrmacht. Mit der Eröffnung der Wehrmachtsausstellung wurde ab 1995 diese Legende zerstört, obwohl Veteranen der Wehrmacht dagegen aufmarschierten und der damalige Bundesminister der Verteidigung, Volker Rühe (CDU), den Soldaten der Bundeswehr jeden Kontakt mit der Ausstellung verbot. Dennoch kam es im Gefolge der Ausstellung zu einem Umdenken in der Traditionspflege. Anstößen aus der Zivilgesellschaft war es zu verdanken, dass Kasernen, die Kriegshelden der Wehrmacht (u.a. Dietl, Kübler, Mölders) öffentlich ehrten, widerwillig umbenannt wurden.

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Ein europäisches Ereignis

geschrieben von Axel Holz

27. November 2020

Neuer Blick auf den Hitler-Stalin-Pakt

Die Historikerin Claudia Weber von der Viadrina-Universität Frankfurt/Oder hat 80 Jahre nach dem Nichtangriffspakt zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion ein neues Buch über die umstrittene Vereinbarung vorgelegt. In einer Video-Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung nannte sie das Vertragswerk ein europäisches Ereignis. Dieser Blick ist neu, ebenso wie der Bezug zur Kontinuität erfolgreicher wirtschaftlicher Beziehungen beider Länder seit dem Rapallo-Vertag 1922 und den detaillierten Informationen über die Organisation des Bevölkerungsaustausches nach der Besetzung Polens durch Deutschland und die Sowjetunion.

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