Unbeugsames Gedenken

geschrieben von Jürgen Weber

7. April 2019

Von der Küstenstraße zwischen Málaga und Almería

Das Mädchen auf dem Foto ist keine fünf Jahre alt. Unterm Arm geklemmt hält es eine nackte schwarze Puppe. Ein längeres und ein kürzeres Bein baumeln zu Boden. Das Kind trägt ein helles dünnes Kleid. Das Foto entstand Anfang Februar 1937 auf der Küstenstraße N340 zwischen den andalusischen Städten Málaga und Almería.

Auf einem der nächsten Fotos, die mir vorgelegt werden, liegt die schwarze Puppe auf dem staubigen Boden und das Mädchen kaut auf einem Stück Zuckerrohr vom Wegrand. Auf weiteren Fotos sind andere Kinder, die sich an den Händen halten, eine Mutter mit Säugling im Arm, die am Weg ihr Baby stillt und alte Menschen – eine stützt sich beim Gehen auf einen Ast, ein anderer sitzt auf einem Esel. Flüchtlingskolonnen, die kaum Hab und Gut mit sich führen. Die Menschen kamen aus Málaga oder flohen aus anderen Teilen Andalusiens in Richtung Almería. Dorthin, wo die Republik sie noch schützen konnte. Dass sie hier auf der schmalen Küstenstraße zwischen kahlen, kaum bewachsenen Bergen und der steilen Felsküste in der Falle saßen, konnte sich zum Zeitpunkt dieser Fotoaufnahmen noch niemand vorstellen.

»Desbandá« bedeutet so viel wie »überstürzte Flucht« und ist der stehende Begriff für ein bislang wenig bekanntes Massaker an der Zivilbevölkerung, welches die Truppen der damaligen Führer des europäischen Faschismus, General Francisco Franco, Benito Mussolini und Adolf Hitler, im Februar 1937 gemeinsam begangen haben.  Unbeugsames Gedenken weiterlesen »

Die Europawahlen und die Rechten

geschrieben von Martin Schirdewan

7. April 2019

Rechtsaußenparteien und -bewegungen gewinnen im Nachklang der globalen Finanzkrise von 2008 weltweit in vielen Staaten an Popularität. Zu sehen war dies bei der Wahl Donald Trumps in den USA, Recep Tayyip Erdogans in der Türkei, Victor Orbans in Ungarn, Shinzo Abess in Japan und Jair Messias Bolsonaros in Brasilien. Auch europaweit ist der Nationalismus wieder auf dem Vormarsch, und zwar nicht nur in Ungarn, Polen oder Großbritannien.

Die Europawahl von 2014 war bisher die erfolgreichste für die Rechtsaußen-Parteien. Zusammen haben die EU-skeptischen bis EU-feindlichen Parteien, die sich in Fraktionen und Bündnissen rechts von der christlich-konservativen europäischen Volkspartei (EVP) gesammelt haben, 172 Mandate im EU-Parlament erhalten. Dies entspricht knapp 23 % der Sitze. In der Legislaturperiode 2009 bis 2014 lag der Sitzanteil dieses Parteienspektrums noch bei rund 15%, 2004-2009 bei 12,4%. In der vorherigen, von 1999-2004 kamen nur 11% der Abgeordnete aus rechten Parteien. Ein Beleg dafür, dass die Rechtsaußenparteien aufgrund der weltweiten Finanzkrise und der folgenden krisenhaften Prozesse an Zuspruch gewonnen haben. Die Europawahlen und die Rechten weiterlesen »

Auch eine »Nachfolgegesellschaft«?

geschrieben von Marek Winter

7. April 2019

Ein Plädoyer für einen Paradigmenwechsel in der DDR-Zeitgeschichtsforschung

In den Jahren 2014/15 entstand in Ostdeutschland eine rechte, in Teilen neonationalsozialistisch geprägte Massenbewegung, die mit der AfD auch über einen parlamentarischen Arm verfügt, dessen Wirkmächtigkeit alles übersteigt, was die klassischen rechtsradikalen Parteien in der BRD in ihren jeweiligen Hochphasen erreicht haben. Damit wurde, mit geringer Verzögerung, für die DDR, wie schon zuvor für Polen, Ungarn etc., endgültig die die Annahme ad absurdum geführt, dass sich die ehemals realsozialistischen Länder nach dem demokratischen Umbruch 1989/90 in einem stetigen Aufholprozess befänden, der irgendwann am Ziel einer bürgerlich-demokratischen, kapitalistischen Gesellschaft, entsprechend den westeuropäischen Modellen, ankommen würde. Auf der Suche nach den Gründen dafür, wandte sich die mediale und politische Diskussion der Geschichte Ostdeutschlands in den letzten Jahrzehnten in einer Intensivität zu, wie lange nicht mehr. In diese Diskussion wollen die Historiker und Publizisten Enrico Heitzer, Martin Jander, Anetta Kahane und Patrice G. Poutros als Herausgeber des jüngst erschienen Sammelbandes »Nach Auschwitz: Schwieriges Erbe DDR – Plädoyer für einen Paradigmenwechsel in der DDR-Zeitgeschichtsforschung« intervenieren. Sie fordern, die DDR nicht mehr nur als »kommunistische Diktatur« und Produkt sowjetischer Besatzungsherrschaft zu verstehen, sondern als neben der BRD und Österreich dritte Nachfolgegesellschaft des Dritten Reiches, die in ihren inneren Dynamiken vom Nachleben des Nationalsozialismus geprägt war. Eine entsprechende Betrachtung hätte demnach nicht nur Bedeutung für die Geschichtswissenschaft, sondern auch für die Auseinandersetzung mit autoritären, antidemokratischen und antisemitischen Ideologien in den östlichen Bundesländern. Auch eine »Nachfolgegesellschaft«? weiterlesen »

Kalkulierte Erregung

geschrieben von Regina Girod

7. April 2019

Oder: Wie platziere ich einen Bestseller?

Bücher, die es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffen, sind nicht immer große Literatur. Das weiß man von den Tischen, auf denen die »angesagten« Titel prangen. Und von den geistvollen Verrissen des Kritikers Denis Scheck. Kunst und Kommerz gehören nicht unbedingt zusammen, doch was am Ende bleibt, ist der Verkaufserfolg. Er adelt noch das schwächste Werk und verleiht dem stolzen Schreiber den fürderhin verkaufsfördernden Titel »Bestsellerautor«. Ein freudiges Ereignis für jeden Verlag.

Das weiß auch der renommierte Hanser-Verlag, der jüngst in Takis Würger, einem jungen Spiegelredakteur, einen Hoffnungsträger in Sachen Verkaufserfolg gefunden hat. Würgers Roman »Der Club« hat sich gut verkauft, da musste doch noch was zu machen sein…

So erblickte »Stella« das Licht der Welt. Sein zweiter Roman und er kam schnell. Verlagsleiter und Lektor legten noch selbst mit Hand an, denn der Autor ist erst 33 und seine künstlerischen Mittel sind begrenzt – kein Problem. Homestories gehören zum Marketing und der Erfolg kann viele Väter haben. Hauptsache, die Botschaft: »Das wird ein ganz besonderes Buch!«, kommt an. Kalkulierte Erregung weiterlesen »

Vom Mantel des Schweigens

geschrieben von Monika Becker

7. April 2019

Wie deutsche Kommunisten in der Sowjetunion litten

Die leidvolle Geschichte ihrer jüdischen Familie zu erforschen, war Ziel der Autorin Anja Schindler. 1949 in Karaganda/ Kasachstan geboren, kam sie mit ihren Eltern und dem Bruder 1956 in die DDR. Hier lebte die Familie ihrer Mutter. Bei allem Persönlichen legt sie eine genau recherchierte, in die Geschichte der Sowjetunion eingebundene Familiengeschichte vor. Eine Geschichte, die in der DDR unbekannt war. Und das nicht, weil es niemanden gab, der davon erzählen hätte können.

Der Mantel des Schweigens wurde über das Grauen gelegt, weil das Gesicht des Sozialismus Schaden genommen hätte. Und die, die davon erzählen hätten können, wurden mit Parteiausschluss bedroht. Das war für die meisten so etwas wie Verbannung oder das Ausgestoßen werden aus der Familie.

Als Ende der zwanziger Jahre dafür geworben wurde, als Fachkräfte beim Aufbau der Sowjetunion zu helfen und Freunde schon dort waren, beschlossen Anna und Rudolf Thieke, es ihnen gleich zu tun. Zudem gab es im August 1931 wegen eines Polizistenmordes eine Verhaftungswelle in Berlin und für Thiekes bestand die Gefahr, ebenfalls verhaftet zu werden. Als aktive Mitglieder der KPD und deren Jugendorganisation wurde das Leben in Deutschland für die Familie zunehmend gefährlich.

Mit ihren Kindern, Rudolf, geboren 1916, Günter, geboren 1918 und Ursula, geboren 1921, verließen sie im Oktober 1931 Deutschland. Vom Mantel des Schweigens weiterlesen »

Seltsamer »Weg zum Erfolg«

geschrieben von Axel Holz

7. April 2019

Alte Nazis haben die Bundesrepublik geprägt

Zum 70. Geburtstag der Bundesrepublik legt der ehemalige Zeit-Redakteur und Kulturchef beim »Spiegel«, Willi Winkler, sein Buch »Das braune Netz« vor. Wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde, heißt es im Untertitel. Junge Historiker betonen heute vor allem die gelungene Durchsetzung der Demokratie. Dass es oftmals eine fast bruchlose Kontinuität von hohen Funktionsträgern im NS-Regime und in der Adenauer-Zeit gab, ist vielen mittlerweile nicht mehr bekannt. Das »Braunbuch« hatte viele dieser Kontinuitäten schon in den sechziger Jahren aufgezeigt. Es wurde seinerzeit im Westen als DDR-Propaganda abgetan. Generationen von Ostschülern haben im Schulunterricht gelernt, dass alte Nazis im Westen in Politik, Wirtschaft, Justiz, Presse und Bildung zurückgekehrt waren. Wie das konkret aussah, konnte sich aber kaum jemand vorstellen. Willi Winkler hat das ganze Ausmaß dieser gern vergessenen Schattenseite der westdeutschen Demokratiegeschichte bildhaft aufgezeigt und das braune Netz der Nazis wieder an Tageslicht geholt. Nazis stützten sich in gesellschaftlich verantwortlichen Positionen gegenseitig, verdrängten demokratische Kräfte rückgekehrter Emigranten, Widerständler und aus innerer Emigration Erwachter massenhaft aus den Institutionen der westdeutschen Gesellschaft, um eine Fortsetzung ihrer Ideologie unter dem Label des Antikommunismus zu praktizieren. So fällten Kriegsgerichtsräte wieder Urteile, regimetreue Professoren lehrten wieder und Journalisten aus früheren Propagandakompanien schrieben wieder. Der junge demokratisch ausgerichtete Staat gründete seinen Erfolg auf einen moralischen Widerspruch. Er wurde von den Feinden der Demokratie mit aufgebaut, kommentiert der Verlag Rowohlt sein Buch. Seltsamer »Weg zum Erfolg« weiterlesen »

Versagen und Vertuschung

geschrieben von Götz Schubert

7. April 2019

Reflexion eines Gesprächs über: »Ende der Aufklärung – die offene Wunde NSU«.

Anlässlich der Herausgabe des Buchs »Ende der der Aufklärung« hat die »Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten« ein Gespräch mit einem der Herausgeber, Thumilan Selvakumaran, geführt.

Als Anlass für diese Buch bezeichnet Selvakumaran vollkommen zu Recht die Gefahr, dass an der weiteren Aufklärung des NSU-Komplexes nach dem Ende des Münchner NSU-Prozesses und der meisten NSU-Untersuchungsausschüsse kein öffentliches Interesse mehr besteht. Das aber wird den Opfern nicht gerecht. Besonders nach dem NSU-Prozess oder nach dem Ende vieler NSU-Untersuchungsausschüsse schätzt Selvakumaran weitere Aufklärungschancen für gering ein. Dagegen steht der Untertitel: »Die offene Wunde NSU«.

Dieses Buch leistet vor allem wichtige Beiträge zur weiteren Aufklärung des »NSU-Komplexes«, aber auch zum »Fall Amri« und zur ehemaligen V-Person Verena Becker in der »Roten Armee Fraktion«. Auch enthält es einen Beitrag zur Geschichte von informellen Netzwerken, wie beispielsweise im Fall des Münchner Oktoberfest-Attentats 1980 mögliche Spuren von Faschisten zur damaligen NATO-Geheimarmee »Gladio« führen, Spuren, denen niemals nachgegangen wurde. Letztlich dienen solche Netzwerke unter Einbeziehung von Faschisten und V-Leuten auch einer bewussten Destabilisierung der herrschenden Verhältnisse und als Vorwand für den weiteren Abbau demokratischer Rechte. Auch das zeigt dieser Beitrag auf. Versagen und Vertuschung weiterlesen »

Faschingsscherz mit Braunton

geschrieben von Janka Kluge

7. April 2019

Rechter »Volks-Rock`n`Roller« erhält »Karl-Valentin-Orden«

In München, wo das, was weiter nördlich oft Karneval genannt wird, seit je Fasching heißt, hat eine »Faschingsgesellschaft« als »Trägerverein« festlicher Vergnügungen weniger öffentliches Gewicht als vergleichbare Gremien etwa in Köln. Dennoch erregt der Verein, der sich zurecht »Narrhalla« nennt, ab und an doch Aufmerksamkeit (und nicht selten Kopfschütteln), wenn er alljährlich im Fasching einen »Karl-Valentin-Orden« verleiht. An Leute, die, so die Narrhalla-Kriterien, »im Sinne von Karl Valentin« durch die »humorvollste bzw. hintergründigste Bemerkung für eine Rede bzw. Handlung, ein Zitat, welches in der Öffentlichkeit publik wurde«, aufgefallen sind. So hatten die Narren früher etwa Humoristen wie Franz Josef Strauß (1977), Joseph Kardinal Ratzinger (1989) und Jürgen Möllemann (1992) für preiswürdig gefunden und sich seit je eher konservatve Würdenträger ausgesucht. In diesem Jahr allerdings sorgte ihre Entscheidung doch für mehr Aufmerksamkeit, Empörung und Proteste.

Der Preisträger 2019 ist der österreichische Sänger und Musiker, Andreas Gabalier. Er selbst bezeichnet sich »Volks-Rock`n´Roller«. Die Münchner Narrengesellschaft »Narrhalla« würdigt ihn dann auch als »Volkssänger 2.0« und unterstellt, dass Karl Valentin heute so klingen würde. Die Verleihung hat bei allen, die sich mit Karl Valentin und seiner Kunst beschäftigen, Entsetzen und Ablehnung hervorgerufen. Faschingsscherz mit Braunton weiterlesen »

»Judenfrei« vorhergesehen

geschrieben von Jürgen Brüggemann

7. April 2019

Stummfilm-Schreckensvision aus dem Wien der 20er Jahre

Wien 1922 – Antisemitische Parolen im Jargon des »Stürmer«, Angriffe auf jüdische Händler, Demonstrationen gegen die »zionistischen Schuldigen« für Inflation und Hunger, schließlich die Ausweisung der jüdischen Bevölkerung aus der Stadt. Dies sind Szenen aus einem dystopischen Roman von Hugo Bettauer. Bettauer wählte den Titel »Die Stadt ohne Juden. Ein Roman von übermorgen«.

Unter der Regie von Hans Karl Breslauer wurde der Roman verfilmt und am 25. Juli 1924 in Wien uraufgeführt. Der Film war zunächst zum Missfallen rechter Kreise ein großer Erfolg. Die Privatadresse des Autors wurde in einer Zeitung veröffentlicht, und dazu erklärt, dass -solch ein Mensch kein Mitglied der Gesellschaft sein solle, so Nikolaus Wostry vom Filmarchiv Austria gegenüber BBC. Nur wenige Monate danach wurde Bettauer von dem österreichischen Nazi Otto Roth-stock erschossen. Rothstock wurde nach einem grotesken Prozess in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen und zwei Jahre später entlassen. »Judenfrei« vorhergesehen weiterlesen »

Höhen- und Sturzflüge

geschrieben von Reinhold Weismann-Kieser

7. April 2019

Retrospektive des Werks von Florentina Pakosta

Das Sprengelmuseum zu Hannover, am Kurt-Schwitters-Platz gelegen, ist »ein Haus für die internationale Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts«. Zu den Herzstücken seiner umfangreichen Sammlung gehört das Werk des DADA-Pioniers Kurt Schwitters, der von den Faschisten vertrieben wurde, mit einer Rekonstruktion seines MERZ-Baus. Ein weiterer Schwerpunkt gilt dem Werk des sowjetischen Avantgardisten El Lissitzky (1890–1941), dessen »Kabinett der Abstrakten« von 1926 bis 1927 im Provinzialmuseum eingerichtet worden war. Es wurde 1937 unter den Nazis zerstört. Eine Rekonstruktion von 1968 im Landesmuseum stand ab 1979 im Sprengel-Museum und wurde später durch eine dritte Version ersetzt.

Dieses Haus hat es nun im letzten Herbst unternommen, eine groß angelegte Werkschau der österreichischen Künstlerin Florentina Pakosta zu präsentieren. Die gezeigten Werke sind eine erweiterte Schau dessen, was in der Albertina zu Wien anlässlich des 85. Geburtstags der Künstlerin im letzten Sommer zu sehen war. Sie wird dabei primär als eine Vertreterin der feministischen Kunst Österreichs vorgestellt. Diese Thematik beherrscht auch den großen Teil des Werks bis 1989. Es umfasst zunächst großformatige Männerportraits, ausgeführt in einer akribischen schwarzweißen feingerasterten Linientechnik, die männlichen gesellschaftlichen Herrschaftsanspruch versinnbildlichen, später surrealistisch verfremdet durch Auswüchse wie Wasserhähnen an den Mündern oder Pistolen auf den Köpfen. Diese Bilder sind stark geprägt durch ihre persönlichen Erfahrungen in ihrem Kampf um Anerkennung als Frau in einer fast ausschließlich von Männern dominierten Kunstwelt. In ihren Selbstportraits setzt sie sich bewusst gegen ein männlich definiertes Schönheitsideal ab. In zahlreichen Studien von Händen befasst sie sich mit Gebärden als menschlichen Ausdrucksmitteln. Höhen- und Sturzflüge weiterlesen »

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