Dulder & Anstifter

1. Dezember 2017

Der vom nordrhein-westfälischen Landeskriminalamt geführte V-Mann »Murat«, der direkten Kontakt zu dem Berliner Weihnachtsmarkt-Attentäter Anis Amri hatte, soll diesen und andere Muslime zu Anschlägen angestiftet haben. Das berichteten mehrere Sender und Zeitungen.

Zuvor hatte der als Sonderermittler tätige Ex-Bundesanwalt Bruno Jost bei Polizei, Justiz und Politik »schwere Fehler und Versäumnisse« festgestellt. Amri hätte wegen Drogen- und anderer Delikte schon lange vor dem Attentat festgenommen und nach Tunesien abgeschoben werden können, heißt es im Ergebnis des Berichts. Stattdessen wurden Polizei-Akten nachträglich manipuliert, um Fehlhandlungen zu kaschieren, durch die Amris Taten mehr als geduldet wurden. Politiker von CDU und SPD nahmen die unterbliebenen Maßnahmen zum Anlass, erneut mehr Mittel und mehr Befugnisse für die Sicherheitsbehörden zu fordern.

Neonazis beim Bund

1. Dezember 2017

Rund 200 Rechtsextremisten in der Bundeswehr hat der MAD seit 2008 festgestellt. Das geht aus der Antwort auf eine Anfrage aus der Grünen Bundestagsfraktion hervor. Im Durchschnitt sind das 20 pro Jahr. MAD-Präsident Gramm hatte zuvor in einer Anhörung abgewiegelt von »zirka acht Fällen« pro Jahr gesprochen. Insgesamt geht der MAD derzeit 391 »rechtsextremen Verdachtsfällen« nach (siehe Seite 11). Beim Reservistenverband der Bundeswehr wurden seit 2010 wegen rechtsextremer Umtriebe 32 Verbandsmitglieder ausgeschlossen. In fünf weiteren Fällen in Mecklenburg-Vorpommern werde noch ermittelt. Auf die Frage nach der Dunkelziffer erklärte der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels: » Es gibt sehr viel mehr gemeldete Verdachtsfälle«. Gleichzeitig erklärte Bartels jedoch: »Rechtsextremismus scheint mir heute nicht das größte Problem der Bundeswehr zu sein, sondern Mangelwirtschaft, Überlastung und zerbrechende Familien«. (taz, 25.10.17).

Lebenslang Haft

28. November 2017

Zu lebenslanger Haft verurteilte das Landgericht Nürnberg-Fürth den 50jährigen »Reichsbürger« Wolfgang P., der im Oktober 2016 einen Polizisten erschossen und zwei weitere verletzt hat. Der Schütze hatte mehrmals auf die Polizisten geschossen, als diese sich seinem Haus näherten, um bei ihm Waffen zu beschlagnahmen. Nach der Tötung änderten Politik und Behörden ihr bis dahin nachlässiges Verhalten gegenüber den insgesamt rund 15.000 »Reichsbürgern«.

III. Weg in Kiew

28. November 2017

Eine große Abordnung der rechtsextremen Mini-Partei »Der III. Weg« habe Mitte Oktober am »Marsch der Nation« in Kiew teilgenommen, meldete die Neonazi-Partei auf ihrer Internetseite. Anlass des Aufmarsches neofaschistischer Gruppierungen war der Gründungstag der »Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA)« vor 75 Jahren. Der Führer der faschistischen »Asow«-Bewegung, Andrej Bilezkij, hatte zuvor dem amtierenden ukrainischen Präsidenten Poroschenko mit einem »Kampf um die Macht« gedroht und dessen Amtsenthebung gefordert. Poroschenko verrate sein Land, da er nicht härter gegen die prorussischen Separatisten in der Ostukraine vorgehe (hma).

Kritik an SS tabu

28. November 2017

Der öffentliche Hinweis auf Verbrechen der SS ist nach einem Urteil des Rigaer Regionalgerichts strafbar. Es verurteilte im September einen lettischen Antifaschisten, weil er am Rande des jährlichen Aufmarsches zu Ehren der Waffen-SS ein Bild von Erschießungen durch die SS hochgehalten hatte. »Das öffentliche Verbreiten eines solchen Bildes steht in engem Zusammenhang mit Bestrebungen, das internationale Ansehen Lettlands zu schädigen«, erklärten die Richter. Durch das Zeigen von »gewalttätigen Abbildungen« werde »ethnischer Hass in der Gesellschaft gefördert«, »zur Gewalt aufgerufen« und »die Stabilität des Landes gefährdet«.

Jalloh-Tod ungeklärt

25. November 2017

Eingestellt hat die Staatsanwaltschaft Halle/Dessau die Ermittlungen zum Feuertod des Asylbewerbers Oury Jalloh, der am 7. Januar 2005 in einer Dessauer Polizeizelle verbrannt ist. Von der Verteidigung und von der Initiative zum Gedenken an Oury Jalloh veranlasste Gutachten hatten die polizeilich behauptete Selbstverbrennung des an Händen und Füßen gefesselten Festgenommenen ausgeschlossen. Dagegen erklärte die Staatsanwaltschaft, alle Gutachten seien »nicht eindeutig«; der konkrete Ausbruch des Brandes in der Zelle nicht mehr sicher feststellbar. Vor fünf Jahren wurde lediglich der Dienstgruppenleiter des Polizeireviers wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe verurteilt. Er hatte auf die Brandsignale nicht reagiert. Im Nachhinein wurde übrigens festgestellt, dass die Festnahme nicht rechtmäßig war.

Die Jallo-Initiative, die an der Forderung nach Aufklärung festhält, dringt nunmehr auf eine Untersuchung durch eine internationale Kommission.

Militante »Friends of Europe«

geschrieben von Ernst Antoni

25. November 2017

Die »Studie« fand ganz schnell Resonanz in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und digitalen Medien. Hatte doch eine »Denkfabrik« (so heißt bei uns der »Think-Tank«) festgestellt, wie es hier aussieht. »Militärisch unentschlossen«, so die Süddeutsche Zeitung in der Überschrift, bemängelt werde der »deutsche Beitrag zur Verteidigung Europas«.

Es fehle halt an so vielem – technisch sowieso, bei all dem maroden Zeugs, mit dem die Bundeswehr zu Land, zu Luft und zu Wasser immer wieder in irgendein Feld rücken muss. Aber eben nicht nur daran, sondern auch am guten Willen.

Da hielten sich die »Friends of Europe« in ihrer Studie, darf man der Berichterstattung in den Medien glauben, doch sehr an das, was in der NATO und auch »beim US-Militär kritisch gesehen« werde: »Hintergrund sind die Entscheidungsstrukturen in Deutschland mit seiner Parlamentsarmee. Militärische Einsätze bedürfen grundsätzlich der Zustimmung des Bundestages.«

Schon dumm. Und woran liegt es? Auch das ist dem SZ-Artikel zu entnehmen: In der Studie stehe, Deutschland müsse »aus dem Schatten der Vergangenheit treten und mehr Verantwortung für die Verteidigung Europas und seiner selbst übernehmen.«

Bleibt anzumerken: Zu den aus wirtschafts- und EU-politischen Kreisen zusammengesetzten »Friends-of-Europe« gehört die Denkfabrik-Unterabteilung »Security & Defence Agenda«. Und die wiederum besteht aus einem Verbund von NATO- und Rüstungsindustrie-Untergliederungen. Der Think-Tank kommt da auf einmal ziemlich panzermäßig daher…

 

Krieg in der Stadt

25. November 2017

Am 26. Oktober wurde unter positiver Begleitung von Medien und Politik in Sachsen-Anhalt der erste Bauabschnitt eines äußerst makabren Bauprojektes übergeben: Eine Geisterstadt namens »Schnöggersburg«, gelegen auf dem Truppenübungsplatz Altmark in der Nähe von Magdeburg.

Diese Fake-Stadt wird einmal 6,5 Quadratkilometer umfassen, mit mehr als 500 Gebäuden, Straßen und Wegen samt Kanalisation; sogar ein künstlicher Fluss mit mehreren Brücken wurde angelegt. Auch was man sonst in Städten findet: ein Regierungsviertel, Hochhäuser, ein Stadion, Hotels, eine Autobahn, ein Gefängnis und ein Elendsviertel(!) sind vorhanden. Sogar eine U-Bahn (die einzige in Sachsen-Anhalt) mit drei Stationen ist entstanden, immerhin 350 Meter lang.

Für eine Filmkulisse wäre die Investition von 140 Millionen EUR eindeutig zu groß, doch hier hat der Staat gezahlt und das Land Sachsen-Anhalt den Bauherren gegeben für eine der »größten Infrastrukturmaßnahmen innerhalb des Landes«. Genutzt werden soll das alles von der Bundeswehr und der NATO. In Schnöggersburg können bis zu 1.500 Soldaten gleichzeitig den militärischen Einsatz in bebauten Gebieten trainieren. Deutlicher lässt sich nicht zeigen, worauf die Bundeswehr vorbereitet wird: auf Bodenkrieg und Häuserkampf in modernen Städten.

Doch was haben die Bürger in Sachsen-Anhalt davon? Wahrscheinlich können sie sich (wie in Bayern bereits seit Jahren praktiziert) bei großen Übungen als Komparsen für die Darstellung der Zivilbevölkerung bewerben. Russischkenntnisse erwünscht.

Der NSU und die Spitzel

geschrieben von Janka Kluge

22. November 2017

Wieviel Staat steckte im »Nationalsozialistischen Untergrund«?

Immer wieder, wenn es um die rechten Terroristen des NSU geht, taucht in Gesprächen die Frage auf: Warum haben die Verfassungsschutzämter nichts von dem mörderischen Treiben mitbekommen? Oder haben sie es sogar gedeckt?

Seit langem ist bekannt, dass verschiedene Ämter Informanten im unmittelbaren Umfeld von Mundlos, Bönhardt und Zschäpe hatten. Teilweise ist von 25 bis 30 Zuträgern aus der rechten Szene die Rede.

Ab 1997 lief die »Operation Rennsteig«. Bei dieser Operation haben vier Geheimdienste gemeinsam Neo-nazis aus Thüringen beobachtet. Anlass für die Aktion waren Nazis aus Thüringen, die in Bayern ihren Wehrdienst leisteten. Weil sie in Bayern stationiert waren, war der Bayrische Verfassungsschutz dabei. Da es sich um Soldaten handelte, der Militärische Abschirmdienst (MAD), weil sie aus Thüringen kamen der Thüringer Verfassungsschutz und schließlich noch das Bundesamt für Verfassungsschutz, weil es sich um eine länderübergreifende Beobachtung handelte. Bei einer ersten Sitzung in München einigten sie sich schnell darauf, dass das Bundesamt die Aktion führen sollte. Das rekrutierte in den folgenden Jahren mehrere Informanten. Deren Decknamen fingen alle mit T (für Thüringen) an. Insgesamt hat das Bundesamt acht Informanten aus dem Thüringer Heimatschutz angeworben. Eigentümlicherweise sind fast alle Akten der Operation Rennsteig eine Woche nach der Selbstenttarnung des NSU dem Reißwolf übergeben worden.

Das Landesamt in Thüringen hatte, unabhängig davon, drei weitere Zuträger im Thüringer Heimatschutz. Zwei von ihnen sind später namentlich bekannt geworden. Tino Brandt und Marcel Degner. Tino Brandt arbeitete bereits seit 1994 dem Verfassungsschutz zu. Einen großen Teil seiner Einnahmen steckte er in die Finanzierung von Aktivitäten des Thüringer Heimatschutzes. Degner war bei »Blood & Honour« in Ostthüringen aktiv und stieg bis in die Führungsebene auf. Degner meldete dem Thüringer Verfassungsschutz, dass Beate Zschäpe 1996 mit Thomas Starke zusammen war. Starke hatte über Jahre für das Berliner Landeskriminalamt gearbeitet. Nach seinen eigenen Angaben hat er Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe auf einem Skinheadkonzert in den Jahren 1991 oder 1992 kennengelernt. Als er 1993 wegen gefährlicher Körperverletzung und schwerem Landfriedensbruch ins Gefängnis kam, wurde er von den dreien betreut. Thomas Starke lieferte an das Trio auch den Sprengstoff TNT, den die Polizei 1998 bei einer Hausdurchsuchung in der Garage der drei fand.

Nach der Hausdurchsuchung taucht das Trio ab, um der Verhaftung zu entgehen.

Als erstes wandten sie sich an Thomas Starke, der ihnen beim Untertauchen half und weitere Kontakte für sie herstellte. Starke meldete dies alles dem Berliner Verfassungsschutz, der allerdings kein Interesse daran hatte, die Informationen weiterzuleiten.

Ein anderer aus dem Umfeld war Thomas Richter, der unter dem Namen »Corelli«, über Jahre dem Bundesamt zuarbeitete. Richter wollte eigentlich bereits 1994 aus der Naziszene aussteigen. Der Verfassungsschutz setzte ihn unter Druck und baute ihn schließlich zu einer Spitzenquelle aus. Als 2012 seine Tätigkeit für den Verfassungsschutz bekannt wurde, musste er abtauchen. 2014 starb er an einer Unterzuckerung. Bei der Untersuchung zu den Umständen seines Todes kam heraus, dass er dem Verfassungsschutz mehrere gebrannte CDs übergeben hat, auf denen auch das Stichwort NSU vermerkt war.

Diese Beispiele genügen, um einige Probleme aufzuzeigen. Bis auf Thomas Richter waren alle Informanten der Ämter noch überzeugte Nazis. Ihr Ziel war und ist, den Staat zu bekämpfen und eine faschistische Diktatur zu errichten. Dafür waren und sind sie auch bereit, eine taktische Zusammenarbeit mit dem Staat einzugehen. Das Geld wird oft in den Aufbau der neonazistischen Strukturen gesteckt. Sie würden aber immer nur so viel erzählen wie sie es für richtig halten. Doch die Geheimdienste hegen sie, weil sie durch ihre Informationen den Innenministern gegenüber zeigen können, wie gut sie informiert sind und dass sie alles im Griff haben.

Dazu kommt der sogenannte Quellenschutz. Würde ein Informant verhaftet, fiele er an der Stelle aus, von der er Informationen liefert. Dadurch geraten die Ämter in die Lage, von Straftaten zu erfahren, sie aber der Polizei nicht weiter zu melden, um ihre Quellen zu schützen. Ich habe einmal die Präsidentin des Verfassungsschutzes Baden-Württemberg, Beate Bube, bei einer Diskussion gefragt, wie weit für sie dieser Quellenschutz gehe. Sie sagte, bei Mord höre es für sie auf. Alles bis zum Mord würde sie also decken.

Andere sehen offenbar sogar diese Grenze noch anders. Bei dem Mord an Halit Yozgat in Kassel war der Verfassungsschützer Andreas Temme direkt anwesend. Bis heute sind die Umstände dieses »Zufalls« nicht eindeutig geklärt.

Durch die Aufarbeitung der NSU Verbrechen ist deutlich geworden, dass das System der Informanten nicht geeignet ist, Nazis in den Griff zu bekommen. Deswegen sollte die Forderung nach Abschaltung aller V-Leute wieder verstärkt erhoben werden.

Rechtsextremisten an Waffen

geschrieben von P.C. Walther

22. November 2017

Der Militärische Abschirmdienst (MAD) geht derzeit, so wurde berichtet, 391 »rechtsextremen Verdachtsfällen« bei der Bundeswehr nach. Allein in diesem Jahr seien (Stand 30.9.2017) 286 neue Fälle hinzugekommen. Gegenüber 266 neuen Fällen im gesamten Vorjahr (2016) ist das eine Zunahme.

Die Zahlen zeigen aber auch, dass mindestens 125 Fälle aus den Vorjahren noch ungeklärt sind. Erhebliche Differenzen ergeben sich auch aus früheren Jahren. So habe es seit 2012 insgesamt 1792 Verdachtsfälle gegeben, von denen 1135 »ausgeräumt« worden seien, was immer das heißt. In 15 Fällen habe sich der Verdacht »bestätigt«. Damit verbleiben 642 Fälle, die weder »ausgeräumt« noch »bestätigt« worden sind. Für eine schnelle Aufarbeitung spricht das nicht.

Der brandgefährliche Zusammenhang von Rechtsextremismus und Bundeswehr, weil mit direktem Zugang zu Waffen und Munition verbunden, ist ohnehin erst mit dem Fall des Oberleutnants Franco A. zum Thema geworden. Er bereitete offensichtlich, getarnt als anerkannter »Asylbewerber«, zusammen mit weiteren Rechtsextremisten, Anschläge vor, um dafür Asylbewerber verantwortlich zu machen und so die fremdenfeindliche Stimmung zu steigern.

Bis dahin spielte das Thema trotz seiner Gefährlichkeit in Politik und Öffentlichkeit kaum eine Rolle – und auch heutzutage ist wenig darüber zu hören. Noch weniger wird thematisiert, dass Militär, das in Kriegen eingesetzt wird, erst recht anfällig ist für Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus.

 

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