Auszeichnung für Kurt Nelhiebel

geschrieben von P.C. Walther

14. Mai 2014

Der Bremer Journalist und Publizist Kurt Nelhiebel, der auch unter dem Autorennamen Conrad Taler publiziert und als solcher auch den »antifa«-Lesern bekannt ist, wurde mit dem Bremer »Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon« ausgezeichnet.

»Seine Werke sind Dokumente des deutschen Antifaschismus. Bestimmt werden sie von der Ablehnung des Nazi-Ungeistes – in Wahrung der Weltoffenheit«, heißt es in der Begründung der Jury.

Vergeben wird der Preis seit 1982 an Persönlichkeiten, deren Werk oder Wirken »ein eindeutiges Bekenntnis zum Frieden darstellt und von hohem kulturellen Rang« ist. Die Villa Ichon ist ein Forum für Kultur- und Friedensarbeit, dessen Trägerverein den Preis vergibt.

»In den Werken Kurt Nelhiebels finden sich immer wieder Aspekte der Gesellschaftsanalyse«, würdigte Laudator Prof. Hans Henning Hahn den Preisträger. Ihn treibe Gerechtigkeitssinn an und die Befürchtung, »dass die deutsche Gesellschaft in den ›Sumpf des Vergessens‹ abgleite«. Die Historikerin Eva Hahn, die die zweite Laudatio auf den Preisträger hielt, würdigte seine scharfsichtigen, spannenden und historisch fundierten Texte.

Kurt Nelhiebel wandte sich in seiner Dankesrede u.a. gegen jede Relativierung der Naziverbrechen und dabei gegen die Gleichsetzung von Nazismus und Kommunismus, für die er eine treffende Charakterisierung fand: Das wäre so, als stünden »die sowjetischen Soldaten, die Auschwitz befreit haben, auf derselben Stufe, wie die SS-Schergen, die das Lager bis dahin bewacht haben«.

Viele Anlässe zum Gedenken

geschrieben von Thomas Altmeyer

14. Mai 2014

Die Widerstandskämpferin Johanna Kirchner (1889-1944)

 

»Ein Hauptanliegen meiner Mutter war: SOLIDARITÄT. Ihr hervorstechender Charakterzug war, anderen Menschen zu helfen.« So beschreibt Lotte Schmidt die Widerstandskämpferin Johanna Kirchner. Kirchner, vor 125 Jahren am 24. April 1889 geboren, engagiert sich bereits früh in der Politik. Die Tochter aus einer ursozialdemokratischen Familie – die Großeltern waren Mitgründer der Frankfurter SPD – gehört 1919 zu den Mitbegründerinnen der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Frankfurt am Main. Sie arbeitete in der Geschäftsstelle der AWO und vertrat diese auf Kongressen und auf SPD-Parteiveranstaltungen. 1923 initiiert sie die »Ruhrkinderaktion«: Kinder von notleidenden Familien aus dem Ruhrgebiet werden von Frankfurter Arbeiterfamilien zur Erholung aufgenommen – mehr als 600 Familien beteiligen sich.

Foto fu¦êr Seite 19

Nach ihrer Scheidung von Karl Kirchner 1926 wird Johanna Kirchner – den Nachnamen behält sie zeitlebens, trotz neuer Ehe, bei – hauptamtliche Sekretärin im Frankfurter Parteibüro der SPD. Sie setzt sich für Frauenrechte ein und bekämpfte früh den Nationalsozialismus.

Als die SA am 2. Mai 1933 das Frankfurter Gewerkschaftshaus und die SPD-Geschäftstelle stürmt, gelingt es ihr noch, die Mitgliederkartei zu retten. Im Juni 1933 reist sie nach Genf zur Internationalen Arbeitskonferenz. Dort will sie beim ehemaligen hessischen Innenminister Wilhelm Leuschner um Unterstützung für den inhaftierten Carlo Mierendorff bitten. Nun wird die Gestapo auf ihre Aktivitäten aufmerksam.

Kirchner wird rechtzeitig vor der ihr drohenden Verhaftung gewarnt. Ihr gelingt die Flucht ins Saargebiet, dass seinerzeit vom Völkerbund verwaltet wurde. In Saarbrücken kann Kirchner in einem Café der ebenfalls geflohenen Sozialdemokratin Marie Juchacz arbeiten. Das Café gilt als zentrale Anlaufstelle für politische Flüchtlinge. Kirchner wertet nun Berichte von Flüchtlingen und Kurieren aus und leitet diese an den Vorstand der SOPADE in Prag weiter. Sie erhält Zeitschriften und anderes in Deutschland verbotenes Material, das zurück ins »Reich« geschmuggelt wird. Auch ihre Töchter beteiligen sich beim Transport illegaler Schriften und Nachrichten unter den Genossinnen. Kirchner engagiert sich mit anderen Emigrierten auch gegen die Rückkehr des Saargebietes ins »Deutsche Reich«. Sie scheitern: Über 90 Prozent der Wahlberechtigten entscheiden sich für den Anschluss. Ihre politische Arbeit setzt sie danach vom lothringischen Forbach fort – jenem Ort, wo im Frühjahr 2014 der Vize-Präsident des Front National Florian Philippot im ersten Wahlgang zur Bürgermeisterwahl vorne lag und erst in der zweiten vom bisherigen Amtsinhaber gestoppt werden konnte.

In Forbach richtet Kirchner mit Emil Kirschmann und Max Braun, dem Vorsitzenden der Saar-SPD, die »Beratungsstelle für Saarflüchtlinge« ein. Hilfe für die Emigranten, etwa bei der Suche nach Ausreisemöglichkeiten, Unterkünften und Arbeitsstellen oder bei Passfragen waren ein Teil ihrer Arbeit. Ein anderer bestand im Sammeln von Nachrichten aus dem Reich, die Informationsweitergabe an Widerstandsgruppen, der Versand »illegaler Schriften« vor allem ins Rhein-Main-Gebiet, wie z.B. die aus Prag kommende »Sozialistische Aktion«.

Bemerkenswert ist, dass die von Sozialdemokraten getragene Beratungsstelle die Zusammenarbeit mit kommunistischen Nazi-Gegnern nicht scheut. Kirchner arbeitet hier u.a. eng mit ihrer langjährigen Freundin aus Frankfurter Tagen, der Kommunistin Lore Wolf, zusammen. Wolfgang Abendroth zufolge verwirklichten beide damit »die Einheit der Arbeiterbewegung in der antifaschistischen Arbeit«.

1936 schließen die französischen Behörden diese Einrichtung. Johanna Kirchner gründet eine neue Beratungsstelle. 1937 wird sie aus Deutschland ausgebürgert. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges muss Kirchner Forbach verlassen. Wie viele Emigranten wird sie nach dem deutschen Angriff auf Frankreich interniert. Sie kommt ins Lager Gurs, kann aber fliehen. Sie schafft es bis nach Avignon und taucht in einem Kloster unter. Dort wird sie im Juni 1942 von der französischen Geheimpolizei festgenommen und über Paris an das »Dritte Reich« ausgeliefert. Es kommt zum Prozess vor dem Volksgerichtshof – zehn Jahre Zuchthaus lautet das Urteil. Kirchner kommt ins Zuchthaus Cottbus. Im März 1944 wird das Urteil vom Präsidenten des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, als zu milde kassiert. Im erneuten Prozess wird sie am 21. April 1944 zum Tode verurteilt und wenige Wochen später am 9. Juni in Plötzensee hingerichtet. In ihrem Abschiedsbrief schreibt sie: »Trauert nicht um mich, Ihr werdet glücklichere Zeiten erleben«.

Die Stadt Frankfurt erinnert seit 1992 mit einer Gedenktafel an der Paulskirche an Johanna Kirchner. Sie ehrte darüber hinaus zwischen 1991 und 1995 Menschen, die gegen den Nationalsozialismus Widerstand geleistet haben, mit der Johanna-Kirchner-Medaille. Ihr Geburtstag vor 125 Jahren und ihr Todestag vor 70 Jahren sind zwei mögliche Anlässe, sich an Kirchners solidarisches und widerständiges Wirken zu erinnern.

Massaker im KZ Sonnenburg

geschrieben von Kamil Majchrzak

14. Mai 2014

VVN-BdA unterstützt die Erforschung der deutschen Verbrechen in Polen

 

Seit Jahren engagiert sich die Berliner VVN-BdA erinnerungspolitisch in der polnischen Gemeinde Słońsk, in der sich – knapp 100 km vor Berlin – in den Jahren 1933-34 das deutsche KZ Sonnenburg und später von 1934-1945 das berüchtigte Zuchthaus Sonnenburg befand. Vertreter der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) nehmen seit 2009 auch an dem jährlichen Gedenken aus Anlass des Massenmordes am 30. Januar 1945 in Słońsk teil. In der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 ermordete ein SS-Kommando aus Frankfurt (Oder) fast Tausend Häftlinge – Widerstandskämpfer aus nahezu allen von Hitler-Deutschland besetzten Gebieten.

Foto: Andreas Domma

Foto: Andreas Domma

Als wichtiger Meilenstein der Bemühungen der Berliner VVN-BdA kann das am 24. Februar 2014 wiederaufgenommene Ermittlungsverfahren wegen Kriegsverbrechen in den Jahren 1942-1945 bewertet werden. Die Ermittlungen werden durch den zuständigen Staatsanwalt aus Szczecin von der polnischen Kommission zur Erforschung der deutschen Verbrechen in Polen geführt. Das ursprüngliche Verfahren wurde bereits am 17.10.1966 durch den damaligen Leiter der regionalen Hauptkommission zur Erforschung der deutschen Verbrechen in Polen Przemysław Mnichowski aufgenommen. Aufgrund der Erschöpfung der Beweisaufnahme und fehlender Kooperation der bundesdeutschen Behörden mussten die Ermittlungen jedoch am 22.12.1972 als ruhend eingestellt werden. Während die Ermittlungsbehörden in der DDR frühzeitig eigene Ermittlungen gegen Sonnenburger Kriegsverbrecher wie Heinz Adrian einleiteten, der am 29. 09. 1948 vom Landgericht Schwerin zum Tode verurteilt wurde und den polnischen Kollegen Vernehmungsprotokolle zur Verfügung stellten, gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den bundesdeutschen Behörden äußerst schwierig und einseitig. Obwohl die Polnische Haupt-Kommission zur Erforschung der deutschen Verbrechen in Polen zu vielen Kriegsverbrechen Original-Unterlagen an die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg versandte, die im Übrigen bis heute unauffindbar sind, rang sich die Bundesrepublik erst nach mehreren Jahren zum Versand einer zudem größtenteils geschwärzten Abschrift des einzigen Urteils bezüglich Sonnenburg durch, das in der Bundesrepublik im Kieler Prozess gegen die direkt für das Massaker an 819 Sonnenburger Häftlingen verantwortlichen Mörder SS-Hauptsturmführer Wilhelm Nickel und SS-Sturmbannführer Heinz Richter, geführt wurde. Die Unterlagen bezüglich der beiden in Kiel freigesprochenen SS-Schergen wurden offiziell mit der Begründung geschwärzt, sogenannte Zeugen zu schützen.

Das gegenwärtig geführte Ermittlungsverfahren ist genau auf diese Zeugenaussagen, Erinnerungen, und Dokumente angewiesen, die als Beweise verwendet werden könnten. Faschistische Verbrechen verjähren in Polen nicht. Die Berliner VVN-BdA unterstützt deshalb intensiv die Bemühungen der Staatsanwaltschaft in Polen. Diese Arbeiten werden durch Angehörige ehemaliger Häftlinge, Historiker sowie junge Aktivistinnen im Rahmen des Arbeitskreises zur Geschichte des Konzentrationslagers und des Zuchthauses Sonnenburg bei der Berliner VVN koordiniert.

Die Zusammenarbeit zwischen dem Arbeitskreis und der Polnischen Kommission zur Erforschung der deutschen Verbrechen in Polen kam am Rande einer internationalen Tagung zum KZ und Zuchthaus Sonnenburg 1933-1945 »Erinnerung an Vergangenheit baut gemeinsame Zukunft«, die am 13.9.2013 von der Berliner VVN-BdA in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Słońsk veranstaltet wurde, zustande. Im Januar 2014 fand bereits ein erstes Arbeitstreffen zwischen Hans Coppi und dem zuständigen Staatsanwalt, Janusz Jagiełłowicz, in Gorzów Wielkopolski statt, bei dem die Ermittlungen durch Zeugenbenennung und Dokumente die evtl. als Beweismaterial verwendet werden könnten, unterstützt wurden. Nach Recherchen des Arbeitskreises leben zumindest in Belgien noch zwei ehemalige Gefangene des Zuchthauses Sonnenburg. Dank der Bemühungen der Mitglieder der Arbeitsgruppe und der internationalen Zusammenarbeit konnten Angehörige ehemaliger Häftlinge in Norwegen, Frankreich und Deutschland auswindig gemacht werden. Geplant ist auch die Gründung eines Internationalen Häftlings-Komitees.

Der Arbeitskreis ist auf Unterstützung angewiesen und sucht immer noch Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die die Geschichte des vergessenen KZs und Zuchthauses Sonnenburg aufarbeiten und Słońsk als Ort der gemeinsamen europäischen Erinnerung an den antifaschistischen Widerstand wiederentdecken wollen.

Wir lassen die Arme nicht sinken

14. Mai 2014

Gespräch mit Marília Morais Villaverde Cabral über die Nelkenrevolution in Portugal

 

Ivo Serra: Marília, erzähle uns, wie war jener Tag, der 25. April vor 40 Jahren

Marília Cabral: Vom 25.April zu sprechen ist zugleich leicht und schwer. Leicht, weil wir wissen, was durch den Kampf des Volkes im Bündnis mit der Bewegung der Streitkräfte errungen wurde. Schwer, weil, wer diese Zeit erlebt hat, das Gefühl so großer Freude den neuen Generationen nicht wahrheitsgetreu zu vermitteln vermag. Auf den Straßen wurden Unbekannte zu Freunden, Freunde zu Brüdern. Es war eine Zeit der Tränen, der Umarmungen mit denen, die aus dem Exil zurückkehrten und denen, die aus den Gefängnissen kamen. In jeder Fabrik, an jedem Ort, wo darum gekämpft wurde, das zu erreichen, was man uns jahrelang vorenthalten hatte, war der allgegenwärtige Ruf zu hören » O Povo Unido jamais será vencido!« (Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden). Grândola Vila Morena wurde gesungen, aber jeden Augenblick entstanden immer mehr Lieder. Sogar der Fado war nicht mehr das, was er gewesen war und Ary dos Santos sagte in seinem »Fado Alegre«: »Irgendwann lassen wir die wehmütige Erinnerung und die Tränen zurück und mit einem anderen Fado werden wir im Leben da draußen vom bisherigen Weg abkommen.« Doch der 25. April war viel mehr als das, was ich gesagt habe. Es war eine Zeit übergroßen Glücks. Er war der Morgen, den wir im Kampf für die Freiheit, gegen die Not, gegen die Zensur, gegen den Kolonialkrieg erwarteten. Er war der Morgen, den wir im Kampf dafür erwarteten, dass die Männer und Frauen aus den Gefängnissen kämen, wo sie – oft bis zum Tode – gefoltert wurden.

Gedekveranstaltung am 25. April 2014 in Lissabon

Gedekveranstaltung am 25. April 2014 in Lissabon

Ivo Serra: Wie war das Leben vorher?

Marília Cabral: Man durchlebte harte Zeiten, es waren Zeiten der massenhaften Emigration – mehr als anderthalb Millionen Portugiesen gingen in verschiedene europäische Länder. Es waren Zeiten, die unsere Jugend in die Ferne schickten, wo sie in einem Krieg kämpfen sollte, der nicht der ihre war. Der Kolonialkrieg hinterließ über 10.000 Tote, über 30.000 Verwundete und viele Tausende Opfer unter den Völkern der ehemaligen Kolonien. Es waren Zeiten, in denen Werke von Schriftstellern, Dichtern und Künstlern nicht erscheinen konnten.

Das faschistische Regime, das durch die Macht der großen, mit dem Auslandskapital verbündeten Gruppen der Monopole und Großgrundbesitzer getragen wurde, gründete sich auf eine brutale Ausbeutung der Werktätigen und beruhte auf einer großen ökonomischen und sozialen Rückständigkeit, die dazu führte, dass Portugal zum rückständigsten Land Europas wurde.

Ivo Serra: Und was brachte der 25. April?

Marília Cabral: Die Aprilrevolution öffnete Türen für einen Befreiungsprozess, der – das Volk und die Bewegung der Streitkräfte vereinend – große Transformationen in unserem Land auslöste wie die Nationalisierung von grundlegenden und strategischen Sektoren der Wirtschaft, die Bodenreform und die Unterstützung für die kleineren und mittleren Bauern, Händler und Industrieunternehmer. Die Revolution sanktionierte Rechte der Werktätigen: auf Streik, auf Tarifverträge, auf Gewerkschaftsfreiheit, auf Mindestlohn, auf Arbeitslosenunterstützung, auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Die Revolution proklamierte das Recht auf Gesundheit, auf Bildung, auf die allgemeine Einführung von Renten und Pensionen, die Rechte der Frauen und der Jugend. Die Revolution brachte die Kultur voran und förderte die Alphabetisierung. Die Nelkenrevolution machte ein trauriges und aschgraues Land hell und glücklich.

Marília Morais Villaverde Cabral

Marília Morais Villaverde Cabral

Ivo Serra: Und was bedeutet Dir der 25. April heute?

Marília Cabral: Des April zu gedenken ist eine Form des Kampfes und des Widerstands, eine Demonstration, dass das Volk eine Änderung der Politik fordert, um dieser unerträglichen Verschlechterung der Lebensbedingungen der Millionen von Werktätigen, der Rentner und Pensionäre sowie der Jugend, die sieht, dass ihr Land ihr die Türen zur Zukunft verschließt, ein Ende zu setzen.

Ivo Serra: Wie empfindest Du den Widerstand der Portugiesen gegen die gegenwärtige Austeritätspolitik?

Marília Cabral: Der Weg ist sehr schwer. Aber die Antwort der Werktätigen und der Bevölkerung hat sich im ganzen Land bemerkbar gemacht: Die Kundgebungen gegen die Verarmung des Volkes, die vielfältigen kleinen und mittleren Kämpfe vor den Betrieben zur Verteidigung der Arbeitsplätze, gegen die Schließung von Gesundheitszentren, Schulen und Dienstleistungseinrichtungen im allgemeinen zeigen trotz vieler Schwierigkeiten, dass jemand da ist, der nicht aufgibt und die Arme nicht sinken lässt. Gerade in diesen Situationen ist die Einheit all jener so notwendig, die angesichts dieser ungeheuren Offensive nicht resignieren. Mit ihrer Einheit und der Kraft des Volkes muss der April siegen.

Parade der »Ordnungsboten«

geschrieben von Hans Canjé

13. Mai 2014

Vor 75 Jahren: Francos Mordgehilfen feiern im Berliner Lustgarten

 

Am 6. Juni 1939 paradierten sie im Berliner Lustgarten als »Sieger ins deutsche Land«, die Angehörigen der »Legion Condor«, die das faschistische Deutschland dem spanischen General Francisco Franco zur Hilfe im Kampf gegen den »Weltkommunismus« geschickt hatte. Gegen die – exakter – aus freien Wahlen hervorgegangene republikanische Regierung in Madrid, hatte der General von Marokko aus mit seiner Clique im Juni 1936 geputscht. Es begann das, was in der verfälschenden Geschichtsschreibung »Spanischer Bürgerkrieg« genannt wird. Die faschistischen Regime in Deutschland in Italien waren schnell mit finanzieller Hilfe (Deutschland allein mit über 295 Millionen Dollar), mit Waffen und vor allem mit Söldnern bereit, den Putschisten zum Sieg und an die Macht zu verhelfen.

Am 6. Juni 1939 paradierte die aus Spanien zurückgekehrte Legion Condor im Lustgarten

Am 6. Juni 1939 paradierte die aus Spanien zurückgekehrte Legion Condor im Lustgarten

Für Deutschland tat das die offiziell stets verleugnete »Legion Condor«. Durch regelmäßigen Personalaustausch – die Soldaten dienten in der Regel nicht länger als neun Monate – konnten insgesamt rund 25.000 deutsche Soldaten in Spanien eingesetzt werden. Dank Hitlers Hilfe konnte sich Franc am 1. April 1939 zum Sieger erklären.

An diesem 6. Juni vor 75 Jahren war nun also auch Schluss mit den anonymen Geburtshelfern des Generalisimus Franco. Hitler zeigte Flagge. Aus den Lautsprechern dröhnte die blutrünstige Hymne der »Legion«: »Wir zogen übers weite Meer, ins fremde Spanienland. (…) Hier herrschten Marxisten und Roten, der Pöbel hatte die Macht. Da hat, als der Ordnung Boten, der Deutsche Hilfe gebracht. Wir jagten sie wie eine Herde und der Teufel lachte dazu, die Roten in spanischer Luft und zur Erde, wir ließen sie nirgends in Ruh.«

Die Stadt war fahnengeschmückt; schulfrei war und Hunderttausende, berichten Zeitzeugen, säumten die Straßen. Die Wannseestraße in Zehlendorf erhielt zum Anlass den Namen Spanische Allee, den sie heute immer noch trägt. Vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg begründete Reichsmarschall Hermann Göring nach 1945 die Hilfeleistung des faschistischen Deutschlands »… und hatte auf diese Weise Gelegenheit, im scharfen Schuss zu erproben, ob das Material zweckentsprechend entwickelt wurde. Damit auch das Personal eine gewisse Erfahrung bekam, sorgte ich für einen starken Umlauf, das heißt immer wieder neue hin und die anderen zurück.«

Die in der »Legion Condor« vereinten »Ordnungsboten« hinterließen ihre vernichtenden Spuren ab 1937 u. a. in Madrid, Barcelona, Bilbao Brunete Teruel Ebro-Bogen Bei einem Luftangriff auf Guernica (baskisch Gernika) am 26. April 1937, wurde die religiöse Hauptstadt des Baskenlandes fast vollständig zerstört und etwa 300 Zivilisten wurden getötet Die Legion Condor war auch am Massaker von Málaga beteiligt, bei dem etwa 10.000 Menschen ums Leben kamen.

Drei Monate nach der Heimkehr der Legionäre aus dem »fremden Spanierland« hatte sich am 1.September 1939 das »Personal« der Großdeutschen Wehrmacht, ausgestattet mit »einer gewissen Erfahrung« und ausgerüstet mit dem »im scharfen Schuss erprobtem Material« mit dem Überfall auf Polen zum Marsch aufgemacht, um auf dem ganzen Kontinent als der »Ordnung Boten« zu wirken.

1964 verlautbarte der Führungsstab der Bundeswehr: »Mit der Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg konnte die Wehrmacht Ruhm an ihre Fahnen heften, sich mit dem Siegeslorbeer schmücken und die Überlegenheit deutscher Waffen und Kriegsmaterials beweisen.« Da war es nur logisch, dass Condor-Staffelkapitän Heinz Trettner zum Generalinspekteur der Bundeswehr avancieren konnte und Oberst Werner Mölders, Liebling des Führers und Träger des »Spanien Kreuzes in Gold«, zum Namensgeber der Ausbildungsstätte für den Fliegernachwuchs in Neuburg an der Donau wurde.

Gedenkorte in Europa

geschrieben von Christoph Jetter

13. Mai 2014

Ein Internet-Reisebegleiter zu Orten deutscher Kriegsverbrechen

 

Die Länder Europas entwickelten sich nach dem Zweiten Weltkrieg und nach den Jahrzehnten des Kalten Krieges – wenn wir von den Balkankriegen nach der Zerschlagung Jugoslawiens in den 1990er Jahren einmal absehen – zu einem Kontinent weitgehend friedlichen Zusammenlebens. So geht die gängige, inzwischen oft schon beschwörende Erzählung über den Verbund der in der EU verei-nigten Nationalstaaten, nachdem ganze Länder und deren Bevölkerung auf dramatische Weise von den Folgen neoliberaler Politik und rücksichtslosem Finanzkapitalismus erschüttert werden. Hinzu kommt: Regierungen und Institutionen dieses Euro-pa missachten seit Jahren mit rigider Abwehr von Flüchtlingen fundamentale Menschenrechte, während in fast allen EU-Staaten Fremdenfeindlichkeit zunimmt, meist im Zusammenspiel mit dem Aufschwung rechtsradikaler und nationalistischer Gruppierungen.

Das Europa dieser Gegenwart bleibt jedoch auch 70 Jahre nach der Niederwerfung des deutschen und italienischen Faschismus immer noch gezeichnet von den Verwüstungen, die Nazideutschland während des Eroberungskrieges 1939-1945 in den damals besetzten Ländern hinterlassen hat. Die den Völkern, ihrer Kultur, ihrer Wirtschaft und den Menschen dieser Nachbarländer zugefügten Wunden sind längst nicht verheilt, auch wenn das erlebte Grauen Jahrzehnte zurück liegt. Oberflächlich vielleicht verheilt, schmerzen die Wunden und deren Missachtung durch die frühere Besatzungsmacht Deutschland nach wie vor, wie die Berichterstattung zum Besuch des deutschen Bundespräsidenten im nordgriechischen Dorf Lyngiades wenigstens ein paar Tage lang erahnen ließ. Das erlittene Unrecht, die Auslöschung ganzer Familien und Dörfer bleiben vor Ort im kollektiven Gedächtnis eingegraben. Reisende aus Deutschland allerdings nehmen diese Schreckensorte selten wahr, auch wenn deren Namen und Geschichte bisweilen die öffentliche Aufmerksamkeit erreichen – das französische Oradour sur Glane oder Distomo in Griechenland, beide vor 70 Jahren, am gleichen 10. Juni 1944 niedergemacht, Marzabotto bei Bologna, die Ardeatinischen Höhlen bei Rom.

Die »kleinen« oder auch »großen« Orte deutscher Kriegsschandtaten – ein Weiler im Apennin, ein Städtchen in der Bretagne – erfahren allenfalls per Zufall die Aufmerksamkeit von Besuchern oder von Medien. In den ehemals okkupierten Ländern hingegen wird an vielen Gedenkorten, in lokalen Museen und in nationalen Gedenkstätten der Verbrechen der deutschen Besatzungsmacht gedacht. Sie erinnern an Lager, Deportationen, Zwangsarbeit und Massaker an der Zivilbevölkerung, sie erinnern an den unter schweren Opfern geleisteten politischen und militärischen Widerstand, der wesentlich zur Befreiung beigetragen hat.

Die vom »Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945« (Frankfurt am Main) im Januar 2013 publizierte, seither mehrfach erweiterte Homepage »Gedenkorte Europa 1939-1945« (www.gedenkorte-europa.eu) wurde durch finanzielle Förderung der Otto-Brenner-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung, nicht zuletzt durch private Spenden ermöglicht. Sie will – beginnend mit Frankreich und Italien – Reisende auf möglichst viele dieser Orte, auf die Kriegsverbrechen und den Widerstand von damals aufmerksam machen. Neben bekannten Namen nennt das Internetportal inzwischen über Tausend Gedenkorte. Eine Erweiterung um die ehemals besetzten Länder Griechenland, Litauen und Polen ist in Vorbereitung.

Eine interaktive Landkarte und Wegbeschreibungen erleichtern den Besuch auch abgelegener Orte. Mehrere hundert Kurzbiografien von Widerstandsangehörigen, von Opfern und Tätern und ausführliche Sachstichworte erschließen einen zusätzlichen Zugang zur Geschichte der Okkupationsjahre während des Zweiten Weltkriegs. Dem Land und den einzelnen Gedenkorten zugeordnete Literatur- und Medienhinweise ermöglichen vertiefte Informationen.

Kirche vor der Entscheidung

geschrieben von Heinrich Fink

13. Mai 2014

Vor 80 Jahren entstand die Bekennende Kirche in Deutschland

 

Am Ende des Ersten Weltkriegs den Krieg, den Kaiser und dazu das Vorrecht, »Staatsreligion« zu sein, zu verlieren, war für Hierarchie und Christen in Deutschland zu viel. Wie weiter? Dass die Kirchen sich nicht nach Demokratie sehnten, wird besonders daran deutlich, dass sie gegen die Enteignung der Vermögen von Kaiserhaus und Fürsten stimmten. Aber noch deutlicher wurde es an dem leidenschaftlich ausgetragenen Flaggenstreit. Unbeirrt hatten die Kirchen die Fahnen ihrer Monarchen geflaggt. Nun blieben die Fahnenstangen leer, weil die Fahnen der Republik nicht auf und an kirchlichen Gebäuden hängen durften. Deshalb erfanden die Protestanten eine weiße Fahne mit lila Kreuz als öffentlichen Beweis dafür, dass Christen die Religions- und Kirchendistanz der Weimarer Republik nicht akzeptierten. Aber leider reagierten dann allzu viele Christen auf die listigen Locksätze der »Nationalsozialisten«, die »positives Christentum«, Rückbesinnung auf »deutschen Geist und deutsche Seele« und einen die arische Rasse schützenden Abstand gegen Juden propagierten. Darum reagierte die Mehrheit der Christen verständnislos-ärgerlich auf die von Pastor Georg Fritsche schon am 7. September 1932 mit seiner kleinen Schar religiöser Sozialisten veröffentlichen Zeitungsartikel und Flugblätter »… was wollen die Faschisten in der Kirche? … Sie werden vom Evangelium reden, aber sie meinen damit ihr eigenes Evangelium, das des Raffhochmutes, der brutalen Vergewaltigung jeder anderen Meinung, der Verherrlichung des Kriegsgeistes und der militärischen Aufrüstung. Sie haben das Kreuz Christi verzerrt zum Hakenkreuz … So streckt Hitler seine Hände nach der evangelischen Kirche aus wie nach einer sicheren Beute und fühlt sich schon jetzt als der zukünftige Herr der Kirche.«

Karikatur aus Hans Prolingheuer: Kleine politische Kirchengeschichte. 50 Jahre evangelischer Kirchenkampf, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln, 1984

Karikatur aus Hans Prolingheuer: Kleine politische Kirchengeschichte. 50 Jahre evangelischer Kirchenkampf, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln, 1984

Am 9. September 1932 erkannte der evangelische Oberkirchenrat-Berlin die faschistischen »Deutschen Christen« als offizielle Kirchenpartei für die in Preußen für November 1932 festgesetzten Kirchenwahlen an. »Damit waren Rassenwahn, Ausschaltung der Juden, Terror und Gewaltanwendung höchst kirchenamtlich für wählbar erklärt.«

Die »Deutschen Christen« erzielten ein Drittel aller Plätze.

Den Höhepunkt dieser Selbsttäuschung bildete der festliche Staatsakt in der Potsdamer Garnisonkirche zur Eröffnung des Reichstags am 21. März 1933 mit der Predigt von Generalsuperintendent Otto Dibelius. Der Reichskanzler erklärte vor dem Altar programmatisch, was in der Kirchenzeitung begeistert begrüßt wurde: »Mit der Regierung ist das ganze deutsche Volk im Geist an die doppelt geheiligte Stätte getreten, um Gottes und der Geschichte Stimme zu vernehmen. Wir wollen dankbar sein, dass wir eine Führung haben, die sich an dieser Stätte für ihr schweres Amt zurüsten lässt.«

Die Kirchenleitung wehrte sich lediglich dagegen, dass der Reichstag wegen der Zerstörung des Preußischen Reichstagsgebäudes in Berlin ständig in der Garnisonkirche tagen sollte. Schon am 13. November fand dann die fatale Veranstaltung der »Deutschen Christen« im Sportpalast statt, auf der Pfarrer Krause das »Alte Testament« offiziell als Buch »jüdischer Zuhälter« diffamierte. Und deshalb müsse sich die deutsche Volkskirche von diesem Buch befreien. In den ersten Wochen seiner Regierung warben Hitler und seine Parteigänger nachdrücklich um die Christen.

Endlich wurden aber auch Stimmen des Widerspruchs in der Kirche laut. Die wesentliche Hilfe leistete der Schweizer Karl Barth. Er veröffentlichte einen ausführlichen kritischen Artikel »Theologische Existenz heute«. Nein, war sein Urteil: Das ist Verrat. Als die »neue altpreußische Synode« am 6. September die Einführung des »Arierparagraphen« beschloss und damit die Taufe als alleiniges Kriterium für Kirchenmitgliedschaft aufgab, war das der öffentliche Auslöser für einen Kirchenkampf. Allerdings nur um innerkirchliche Probleme. Bis Ende 1933 schlossen sich über 6.000, das heißt ein Drittel aller deutschen Pastoren dem von Martin Niemöller gegründeten Pfarrernotbund an. Sie protestierten zunächst nur gegen die Kirchenpolitik der Deutschen Christen. Das war keine antifaschistische Aktion, aber ein deutlicher öffentlicher Protest. Zwei Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges versammelten sich im Sommer 1934 in Barmen Pfarrer in der gemeinsamen Absicht, die Gründung einer »bekennenden Kirche« zu riskieren. Die unter Federführung von Karl Barth formulierten sechs Thesen wurden erstmals in der Geschichte der Kirche gemeinsam von Reformierten, Unierten und Lutheranern als »evangelische Wahrheiten« anerkannt. Damit war eine Trennung von der offiziellen Kirche konstatiert, die meinte, dass sie sich zum Schutz vor liberaler und sozialistischer Weltanschauung mit der faschistischen Politik und Weltanschauung verbünden dürfe. Die nationalsozialistische Politik erklärte von dieser Synode an die Vertreter der Bekennenden Kirche zu Staatsfeinden. Mit der Bekennenden Kirche, die keine Staatsreligion war, bekam die reformatorische Bezeichnung »Protestanten« eine neue Bedeutung in Deutschland.

Vom Leben im Versteck

geschrieben von Renate Kirchner

13. Mai 2014

Eine junge Frau überlebt die Jahre 1940 bis 1945 in Berlin

Wenn die auflagenstärkste Berliner Tageszeitung schon auf ihrer Titelseite (»Untergetaucht in Berlin«) ein Buch offeriert, dann muss es herausragend sein.

Die Titel zur Judenverfolgung während der NS-Zeit sind inzwischen Legion. Romane, Erzählungen, Novellen gehören dazu, wie auch Biografien, Zeitzeugenberichte, Dokumentationen. Theater und Film haben sich schon lange des Themas angenommen. »Ab heute heißt Du Sarah« steht seit Jahren auf dem Spielplan des Grips-Theaters. Ist nicht schon alles dazu gesagt?

Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940-1945. Bearbeitet von Irene Stratenwerth u. Hermann Simon. Mit einem Nachwort von Hermann Simon. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2014. 415 S., 22,99 Euro

Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940-1945. Bearbeitet von Irene Stratenwerth u. Hermann Simon. Mit einem Nachwort von Hermann Simon. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2014. 415 S., 22,99 Euro

Marie Jalowicz Simon und die Geschichte ihres Überlebens hatte am 6. März 2014 in der Probebühne des Berliner Ensemble ihre Buchpremiere, zu der der S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) einlud. Knut Elstermann, Filmkritiker und Moderator, sprach mit Hermann Simon, dem Sohn der Marie J. S. Dank seiner Hartnäckigkeit, diesen Teil ihres Lebens preiszugeben, aufgezeichnet auf 77 Tonbänder, beginnend knapp ein Jahr vor ihrem Tod (1998), liegt uns nun dieses ungewöhnliche Dokument vor. Es mit wissenschaftlicher Akribie in eine Form zu bringen, die das Buch abhebt von den vielen anderen, gelang ihm und Irene Stratenwerth in vorbildlicher Weise.

Was bedeutete es tatsächlich für Juden in Deutschland, Anfang der vierziger Jahre als »U-Boot« (umgangssprachlich für Untergetauchte) zu leben? Dreizehn Orte waren es, an denen Marie Unterschlupf fand, mit gefälschtem Pass, immer in Angst vor Entdeckung und Deportation. Sie musste ihre bürgerliche Herkunft verleugnen, in Milieus eintauchen, die ihr fremd und oft widerwärtig waren. Die behütete »Kindheit und Jugend« gab es für die 18-Jährige plötzlich nicht mehr.

»Zwangsarbeit bei Siemens« heißt das 2. Kapitel, in dem sie die Versuche von sich und den anderen jüdischen Mädchen und Frauen beschreibt, trotz dieser verordneten Fron ein bisschen Selbstachtung zu bewahren – und sei es auf dem Klo!

In »Fluchtversuche und Untertauchen« schildert sie das verzweifelte Bemühen, die wahnwitzigsten Ideen (z. B. eine Scheinheirat mit einem Chinesen), die sie aber als Rettungsanker verstand, wenn sie ihren Plan, zu überleben, verwirklichen wollte.

»Der erste Winter im Versteck« lässt erahnen, wie demütigend diese gerettete Lebenszeit oft für sie war. Und in »Ein beinahe normales Leben ab 1943« ist dokumentiert, womit sie sich diese scheinbare Sicherheit erkaufen musste: An der Seite eines holländischen Fremdarbeiters, eines Cholerikers, der sie schlägt, anwidert; eine Alternative gibt es nicht für sie. Um diesen Zustand auszuhalten, verordnet sie sich ein »inneres Tagebuch«. Es wird für Marie Lebenshilfe und für uns Nachgeborene offensichtlich Quelle dieses einzigartigen Berichtes.

»Der Krieg ist zu Ende« beschreibt Maries letzte Wochen, die sie im ehemaligen Sommerhaus ihrer Eltern verbringt, von ihren »Rettern« geduldet, bis zum Schluss gedemütigt, obwohl das Ende des Krieges doch schon so nahe zu sein scheint …

Schonungs -und tabulos erzählt Marie Jalowicz Simon, dabei weder die eigene Familie, noch sich selbst und die Helfer aussparend. Sie ergeht sich nie in Selbstmitleid, analysiert glasklar die jeweilige Situation und deutet sie, wie sie es als Wissenschaftlerin gewohnt war. Marie wollte leben, der Mut der Verzweiflung war es, mit dem es ihr gelang, in den unterschiedlichsten, entwürdigendsten Situationen das Richtige zu tun.

Zielstrebig setzte sie diesen Weg nach der Befreiung fort. Sie studierte an der Humboldt-Universität, wurde Professorin für antike Literatur- und Kunstgeschichte, blieb in Berlin und schien keinen Widerspruch darin zu sehen, im öffentlichen Leben zu stehen und praktizierende Jüdin zu sein. Das Professoren-Ehepaar Simon war in der Ostberliner Jüdischen Gemeinde und darüber hinaus eine »Institution«.

Zeitgleich mit der Print-Variante erschien ein Hörbuch, gelesen von der Berliner Schauspielerin Nicolette Krebitz, die anwesend war und dem Gespräch zwischen Knut Elstermann und Hermann Simon durch Leseproben einen authentischen Eindruck von dieser Lebensschilderung vermittelte.

Hermann Simon, Wissenschaftler wie seine Eltern, ließ sich sehr viel Zeit mit der Herausgabe des Buches, überprüfte sämtliche Quartiere, Namen, erarbeitete ein Personenregister und schuf mit seinem Nachwort einen dem Text seiner Mutter adäquaten Appendix.

»Was würde Ihre Mutter, die sich doch so lange gegen Ihre Befragung gewehrt hat, zu diesem Buch heute sagen?«, fragte der Moderator. »Ich denke, dass es sie freuen würde«, antwortete Hermann Simon, Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum.

Trommelfeuer auf der Krim

geschrieben von Thomas Willms

13. Mai 2014

Eine Analyse eines der ersten Kriege der Neuzeit

 

Orlando Figes, britischer Professor für russische Geschichte, legte 2010 mit »Crimea« ein Buch vor, dessen deutsche Fassung sicher nicht zufällig gerade neu herausgegeben wird. Es enthält eine umfassende Schilderung des Krimkrieges 1853 – 1856, des größten europäischen Krieges des 19. Jahrhunderts. Figes überwindet die Tradition der britisch dominierten Geschichtsschreibung zum Thema, indem er außer britischen und französischen auch osmanische und vor allem russische Quellen heranzieht und dabei auch gewöhnliche Soldaten zu Wort kommen lässt.

Orlando Figes, Krimkrieg. Der letzte Kreuzzug, 753 Seiten, 18,99 Euro

Orlando Figes, Krimkrieg. Der letzte Kreuzzug, 753 Seiten, 18,99 Euro

Man kann gar nicht anders, als die Vorgeschichte dieses Konfliktes, seinen furchtbaren Verlauf und die weitreichenden Folgen vor dem Hintergrund des aktuellen Konfliktes in der Ukraine zu lesen.

Der hinter den Weltkriegen praktisch verschwundene Krimkrieg lag zeitlich auf halbem Weg zwischen den napoleonischen Kriegen, die insbesondere die Kommandierenden oft noch selbst erlebt hatten und dem Ersten Weltkrieg. Politisch, technologisch, organisatorisch, aber auch ideologisch gehört er aber bereits eher in die moderne Neuzeit. Zusammen mit dem Amerikanischen Bürgerkrieg gilt er als der erste moderne Krieg. Seine Ursache lag im tiefen Konflikt zwischen dem russischen Expansionsstreben gegenüber einem schwachen Nachbarn (dem Osmanischen Reich) und dem gleichzeitigen Dominanzstreben der westlichen Großmächte Großbritannien und Frankreich. Seine Schauplätze waren der Kaukasus, die Krim und Moldawien. Auf einen anfangs erfolgreichen russischen Angriff auf das Donau-Delta reagierten die Westmächte mit der Entsendung eines großen Expeditionskorps auf die Krim, um Sevastopol und die russische Schwarzmeerflotte auszuschalten. Im Zentrum der Kämpfe stand die fast einjährige Belagerung Sevastopols.

In deren Verlauf zeigte sich die Überlegenheit der sich entwickelnden industriellen Basis der Westmächte mit den einhergehenden bürokratischen Organisationsweisen gegenüber dem System der auf Leibeigenschaft beruhenden russischen Ökonomie.

Die besonderen Gräuel dieses Konfliktes mit seinen geschätzten 800.000 militärischen und ungezählten zivilen Toten ergaben sich nicht zuletzt aus dem Umstand, dass diejenigen die ihn führten, seine Wesenszüge zunächst nicht verstanden. Vor Sevastopol kam es deshalb zu Angriffen mit Säbel und Lanze, für die es dank der gerade eingeführten Infanteriegewehre mit gezogenem Lauf keine Grundlage mehr gab. Ein großer Teil der kommandierenden Generäle auf beiden Seiten kam ums Leben, da man noch meinte, die Truppen selbst anführen zu müssen. Zu den seit langem bekannten Kanonenkugeln traten Explosivgeschosse hinzu. Eine bis dahin nicht vorstellbar große Anzahl von Geschützen bombardierte die Stadt mit bis zu 50.000 Granaten täglich. Sevastopol sah aus wie von einem Erdbeben getroffen. Apokalyptische Ausmaße, von Tolstoj beschrieben, nahm der Fall der Stadt an. Die überlebende Bevölkerung und der Rest der russischen Armee zogen sich am 8. September 1855 nachts über eine Pontonbrücke zurück, während die Nachhut die Trümmer in Brand setzte und dabei Tausende von Verwundeten zurückließ. Zar Nikolaus I., dem Figes die Hauptschuld am Krieg zumisst, brach voller Schuldgefühle zusammen und starb. Obwohl strategisch keineswegs entschieden, schreckten beide Seiten vor einer weiteren Entfesselung und Ausdehung des Konfliktes zurück und schlossen Frieden. Die konkreten Ergebnisse des Krieges waren angesichts der aufgewendeten Mittel gering. Russland verlor ein kleines Stück Gebiet in Moldawien und bis auf weiteres das Recht auf eine Flotte im Schwarzen Meer.

Schwerwiegend waren die politischen Folgen. Die russische Seite reagierte mit Ansätzen zur Modernisierung ihrer Gesellschaft, insbesondere der Aufhebung der Leibeigenschaft. Andererseits kam es bereits während der Kämpfe, vor allem aber danach, zu starken Bevölkerungsverschiebungen, teils erzwungen durch Repression und Vertreibung, teils durch Flucht und Hoffnung auf mehr Sicherheit und Wohlstand. Der Krieg führte u.a. dazu, dass Bevölkerungen und Individuen zunehmend anhand ethnischer, sprachlicher und religiöser Kriterien betrachtet und behandelt wurden. Im Schwarzmeerbogen wurden Wohngebiete von Bulgaren, Griechen, Armeniern, Türken, Russen, Tataren und weiteren Ethnien vereinheitlicht, gereinigt oder beseitigt. Die aristokratische Klassensolidarität der Dynastien, 1815 auf dem Wiener Kongress feierlich erklärt, war endgültig zerbrochen. Die Gewinnung der öffentlichen Meinung und die Mobilisierung der Massen für oder gegen eine Sache wurde fortan zum wichtigen Moment der Kriegführung. Das Konzept Nationalismus, im Krieg bereits gefährlich in Anschlag gebracht, setzte sich insbesondere auf dem Balkan durch. Und damit war der Anlass für den Weltkrieg nicht mehr fern.

Akif Pirinçci von Sinnen

geschrieben von Janka Kluge

13. Mai 2014

Was sagt der Verkaufserfolg eines solchen Buches über unsere Gesellschaft?

 

Akif Pirinçci hat ein Buch geschrieben, das sich in kurzer Zeit zu einem Verkaufsschlager entwickelt. Über Wochen steht »Deutschland von Sinnen« bereits auf den Bestsellerlisten von Spiegel und Amazon. Pirinçci, bekannt durch seinen 1989 veröffentlichten Katzenkrimi »Felidae«, ist 1969, als zehnjähriger Junge, zusammen mit seinen Eltern aus Istanbul eingewandert.

In seinem Buch behauptet er, dass sich in Deutschland seit Mitte der achtziger Jahre eine systematische Gesellschaftszerstörung durch die Grünen im Schulterschluss mit linkslastigen Medien entfaltet und meint damit nicht nur die Mitglieder der Partei, sondern alle, die sich für eine menschlichere Welt einsetzen. Pirinçci sieht in allen Bereichen den Untergang der westlichen Welt heraufziehen. Mit dieser Ansicht steht er nicht allein. Von Thilo Sarrazin bis Jürgen Elsässer, dem Chefredakteur der Zeitschrift »Compact«, finden sich ähnliche Aussagen. Doch Pirinçci geht einen Schritt weiter. Seitenweise beschimpft und diffamiert er Menschen links von der CDU/CSU. Ein Beispiel soll genügen: »Da die essentiellen Bedürfnisse der Menschen zu jener Zeit (Mitte der achtziger Jahre J.K.) schon befriedigt und Frieden und bescheidener Wohlstand selbstverständlich geworden waren, machten sich Dummschwätzer und Versager, die schlau und wichtig taten und normalerweise richtig hätten arbeiten müssen daran, die Verhältnisse umzukehren (…)« Außerdem hetzt er gegen Schwule und Lesben. Diese Beleidigungen sind so diffamierend, dass ich auf ein Zitat verzichte. Sogar die konservative Monatszeitschrift »Cicero« kritisiert in einem Artikel – der Pirinçci in Schutz nimmt – die unflätige Grundhaltung seines Buches. »Kaum eine der 276 Seiten kommt ohne ›Hurensöhne, ficken, Pimmel, Schwanz, Schwuchtel, knallen, lecken, Lesbentittengesauge‹ aus, um ›den irren Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer‹ unter den verbalen Schlaghammer zu nehmen.«

Akif Pirinçci, Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer, Manuscriptum, 276 Seiten, 17,80 Euro

Akif Pirinçci, Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer, Manuscriptum, 276 Seiten, 17,80 Euro

Pirinçci hat sich bereits 2012 der sogenannten Gesellschaftskritik zugewandt. Seitdem veröffentlichte er immer wieder in dem antiislamischen Blog »Die Achse des Guten« von Hendrik M. Broder und in der der neurechten Zeitschrift »eigentümlich und frei«. Die Betreiber des Blogs haben sich von Pirinçci distanziert, nachdem sein Beitrag »Das Schlachten hat begonnen« für Aufsehen und Proteste gesorgt hat. In diesem Artikel behauptete Pirinçci, dass ein Genozid am deutschen Volk begonnen habe. In seinem Buch widmet er der Auseinandersetzung um den Artikel ein ganzes Kapitel. Er entwickelt geradezu eine Verschwörungstheorie um seine These, die in dem Satz gipfelt: »Die Zahl der solcherlei Weise ermordeter Deutschen wird von offiziellen Stellen bewusst geheim gehalten, es ist aber wohl nicht übertrieben, wenn man taxiert, das es sich um die Opferzahl eines veritablen Bürgerkriegs handelt.« Er fordert, dass die Deutschen diesen »Bürgerkrieg« aufnehmen sollen. »Es leben inzwischen zu viele Muslime in diesem Land, als dass man sich ihres nicht zivilisierbaren Anteils problemlos entledigen könnte, ohne einen Bürgerkrieg, wenn nicht sogar einen richtigen Krieg zu riskieren. Zudem sind die autochthonen Jungmänner durch die jahrelange feministische-pazifistische Gehirnwäsche so verweichlicht, dass sich nicht einmal bei der Polizei und der Bundeswehr auch nur tausend Mann für die kriegerische Abwehr finden würde.« Er ruft außerdem indirekt zur Selbstjustiz auf. »Der Nachbarsjunge ist von Ausländern erschlagen worden? Ja, schade um ihn, da soll sich der Staat drum kümmern. Was habe ich damit zu tun? Nachher denkt man, ich bin ausländerfeindlich.« Mit solchen Äußerungen erweckt Pirinçci den Eindruck, als ob Deutschland einen Schritt vor dem Abgrund steht und nur noch durch bewaffnete Milizen, die Jagd auf Muslime und Linke machen, gerettet werden kann.

Die Reaktionen auf diese Hasstiraden von Akif Pirinçci könnten unterschiedlicher nicht sein. Alle wichtigen Zeitungen und Zeitschriften verreißen das Buch. Alle rechten, konservativen Medien loben das Buch. Zeitungen, die sich kritisch mit dem in Buchseiten gepressten Hass auseinandersetzen, werden mit wütenden E-Mails überhäuft.

Obwohl das Buch überflüssig ist wie kaum etwas anderes, ist es wichtig, sich mit dem Phänomen auseinandersetzen, was es über unsere Gesellschaft sagt, dass innerhalb weniger Wochen hunderttausende Exemplare verkauft worden sind.

Auf der Rückseite des Buches wird Pirinçci mit den Worten zitiert: »Mit Verlaub, es ist mir völlig egal, ob man mich einen Nazi schimpft oder eine Klobürste!« Ein Nazi ist er wohl nicht, aber auch keine Klobürste, denn mit der kann man ja braune Spuren wegschrubben. Pirinçci ist eher mit dafür verantwortlich, dass in Deutschland noch mehr Klobürsten benötigt werden.

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