Aus antifaschistischer Sicht

geschrieben von Janka Kluge

13. November 2014

NSU-Watch erhält den Hans-Frankenthal Preis des Auschwitz-Komitees

 

Wenn Preise und Ehrungen verliehen werden, ist das meist eine gute Gelegenheit, die Geehrten öffentlich zu würdigen. Der Hans-Frankenthal-Preis des Auschwitz-Komitees, der jedes Jahr für antifaschistisches Engagement vergeben wird, ist solch eine Gelegenheit. Letztes Jahr bekamen ihn die VVN-BdA für die Neofa-Ausstellung und die Bürgerinitiative Glinde für ihren Kampf gegen einen Naziladen. In diesem Jahr wurden sogar drei Projekte ausgezeichnet. Neben NSU Watch wurden die Vereinigung der Okkupationsopfer 1941 -1945 aus Slowenien sowie die Infogruppe Rosenheim und das Bündnis rabatz – autonome Vernetzung Oberbayern/Salzburg/Tirol geehrt. Eigentlich hätte jede dieser Gruppen hier eine eigene Würdigung verdient. Wir hatten aber bereits vor der Bekanntgabe der Preisträger beschlossen, den Lesern der antifa einmal die Arbeit von NSU-Watch vorzustellen.

Nach dem Auffliegen des NSU-Trios Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe war verschiedenen antifaschistischen Gruppen klar, dass es wichtig sein würde, den Prozess gegen Beate Zschäpe aus antifaschistischer Sicht zu beobachten. Der Kreis der Gründer von NSU-Watch bestand aus den antifaschistischen Zeitungen »Der rechte Rand« und das »Antifaschistische Infoblatt«, sowie der antirassistischen Zeitung »Lotta«, den Archiven und Dokumentationszentren »apabiz« (Berlin) und »a.i.d.a.« (München), dem antifaschistischen Rechercheteam Dresden (ART), dem »Antirassistischen Bildungsforum Rheinland«, dem »Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus« und dem Netzwerk antirassistischer Initiativen »Argumente e.V.«. Es hatten sich damit Gruppen zusammengefunden, die seit vielen Jahren antifaschistische und antirassistische Arbeit in Deutschland leisten.

NSU Watch garantiert nun, dass an jedem Prozesstag Antifaschistinnen und Antifaschisten den Prozess beobachten und danach ein ausführliches Protokoll verfassen. Diese Protokolle werden anschließend in leicht gekürzter Fassung auf der eigenen Internetseite veröffentlicht. Inzwischen sind so die Protokolle von 150 Verhandlungstagen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Um die oft vorhandenen Grenzen zwischen deutschen Antifaschisten und türkischen oder kurdischen Migrantinnen aufzubrechen, wurden die Protokolle von Anfang an auch ins Türkische übersetzt.

Seit kurzem gibt es auf der Internetseite auch eine Liste der Zeugen und Zeuginnen, die vom Gericht verhört worden sind. Sehr hilfreich ist, dass die jeweiligen Namen mit den entsprechenden Seiten der Protokolle vernetzt sind, so dass sich ihre Aussagen dort leicht finden lassen. Es ist gut und wichtig, dass die Antifaschistinnen, die den Prozess beobachten, über jahrelange Erfahrungen im Kampf gegen Nazis verfügen und so eher und besser als das Gericht in der Lage sind, Aussagen von Zeugen einzuordnen.

Der Hans-Frankenthal- Preis ist nicht die erste Auszeichnung, die NSU-Watch bekommen hat. Sie erhielten 2013 den Medienprojektpreis der Otto Brenner Stiftung für ihre Internetseite und den Sonderpreis des Journalistenmagazins »medium«. Dieses Jahr folgte der »alternative Medienpreis« 2014 der Nürnberger Medienakademie.

Mit der Gründung einer Gruppe in Hessen reagiert die Initiative auf die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses im hessischen Landtag. Auch in Baden-Württemberg gibt es mit »Tatort Theresienwiese« eine Initiative, die die Enquete-Kommission des Landtags beobachtet und Protokolle ihrer Sitzungen im Internet veröffentlicht hat. Auf der Theresienwiese war die Polizistin Michele Kiesewetter unter bis jetzt nicht geklärten Umständen ermordet worden. Die Annahme der Bundesanwaltschaft, dass sie als Zufallsopfer von den Nazis ermordet wurde, lässt sich nach den Analysen von Beobachtern wie NSU-Watch ebenso wenig halten, wie die These, dass es sich beim NSU um eine kleine Gruppe von drei Mördern gehandelt habe.

An den Protokollen und Analysen von NSU-Watch kommt schon lange niemand mehr vorbei, der sich ernsthaft mit dem Thema NSU-Komplex beschäftigt. Um ihre herausragende antifaschistische Aufklärungsarbeit weiter leisten zu können, benötigt NSU-Watch trotz aller Preise nach wie vor Spenden und Unterstützung.

Jetzt gibt es zwei Probleme

geschrieben von Thomas Willms

13. November 2014

Die AfD und ihr Personal nach den Landtagswahlen 2014

 

Die Landtagswahlen von Sachsen, Brandenburg und Thüringen haben aus antifaschistischer Sicht fast das schlechtest denkbare Ergebnis gebracht. Statt einem Problem, nämlich eine bis in die Landtage vordringende neo-nationalsozialistische NPD, gibt es jetzt gleich zwei. Zusätzlich zur NPD hat sich mit 10% und mehr die AfD als eine weitere rechts von der CDU stehende Partei etabliert. Das Parteiensystem hat sich mit dem Kollaps der FDP verändert, »Rechts wählen« ist möglich geworden. Was aus diesem einmal mobilisierten Potential in einigen Jahren werden wird, weiß niemand.

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Die vom Umfrageinstitut Infratest veröffentlichten Wählerwanderungen zeigen, dass nur das Wählerreservoir der Grünen einigermaßen immun gegen die AfD ist. Alle anderen Parteien erlitten deutliche Verluste. Bei den Verlusten lagen in Sachsen die »anderen Parteien« (39.000) und die CDU an der Spitze (33.000), gefolgt von der FDP (18.000) der Linken (15.000) und der SPD (8.000). Die NPD verlor bei der Sachsen-Wahl relevant an die Nichtwähler und die AfD (13.000), gewann aber außer bei der SPD gegenüber allen anderen Parteien. Im Ergebnis scheiterte sie mit 4,95 % oder 809 Stimmen denkbar knapp an der 5%-Hürde. Ist die Differenz zur 5%-Marke auch so gering, dass man von Zufall sprechen kann, sind die Ergebnisse in praktischer Hinsicht trotzdem erheblich. Der Verlust an (bezahlten) Abgeordneten und hauptamtlichen Mitarbeitern trifft die NPD schwer.

Hingegen hat die AfD 36 Landtagsmandate errungen, was zusammen mit den Mitarbeitern ca. 80 hauptamtliche rechtsgerichtete Politiker mehr bedeutet. Finanziell profitiert die AfD von den drei Wahlen mit geschätzten 4 Millionen EURO jährlich, direkt durch Wahlkampfkostenerstattung und indirekt durch die Gelder für die Parlamentsarbeit.

Das Bestreben der AfD-Führung eine »kompetent« wirkende Mannschaft zusammen zu bringen, zeigt sich bei den Berufen der Gewählten, bei denen Juristen, Unternehmer, Unternehmensberater, Manager und ähnliche dominieren. Von den 36 Gewählten sind nur 9 Frauen. Weniger erfolgreich war die AfD darin, ihre Ränge auch politisch »sauber« zu halten. In allen Fraktionen sind Mitglieder vertreten, die bereits Funktionen in anderen rechten Gruppierungen, insbesondere in »Die Freiheit« und der »Pro-Bewegung«, innehatten.

Alle drei Landesverbände gelten im AfD-Jargon als »patriotisch-konservativ«, d.h. in ihnen haben aus der FDP stammende nationalliberale Kräfte wenig zu sagen.

Die Führungskräfte der drei neuen Fraktionen zeigen trotzdem die Bandbreite der AfD.In Sachsen steht die bekannte Chemikerin aber farblose Politikerin Frauke Petry an der Spitze. Wäre man gehässig, könnte man sagen, dass sie sich vielleicht besser mehr um ihr Unternehmen gekümmert hätte, das nämlich insolvent gegangen ist. Petry beschrieb ihre Partei explizit als »konservativ«, nach wie vor kein selbstverständlicher Begriff in der deutschen Politik-Landschaft. Damit meint sie z.B., dass auf Kindergeburtstagen eher deutsches Liedgut und nicht mehr so viel »Happy Birthday« gesungen werden sollte.

Ihr brandenburgischer Kollege Alexander Gauland hat mit dem Konservatismus-Stempel ebenfalls keine Probleme. Gauland ist im Gegensatz zu Petry ein erfahrener Berufspolitiker. Er ist Fleisch vom Fleische der CDU, der zuletzt als Leiter der hessischen Staatskanzlei (1987 – 1991) unter Walter Wallmann diente. Es folgte eine Karriere als Her-ausgeber der »Märkischen Allgemeinen Zeitung« und als gefragter Kolumnist.

Im Spiegel konnte man lesen, Gauland habe vier der Gewählten wegen ihrer rechtsgerichteten Vergangenheit zum Mandatsverzicht gedrängt. Es folgte eine bizarre Affäre, in deren Ergebnis die Fraktion gleich um eine Person kleiner geworden ist. Der Verräter, der Sohn von Gaulands Freundin, die wiederum Redakteurin der Märkischen Allgemeinen ist, darf jetzt alleine sitzen. Immerhin dürfte das Gauland immer noch lieber sein, als mit dem potentiellen Nachrücker, einem offenkundigen Antisemiten, zusammensitzen zu müssen. Gauland, früher im Stiftungsrat des Jüdischen Museums in Berlin, kann man immerhin das abnehmen. Im Kern ist Gauland ein konservativer Außenpolitiker, der »Realpolitik« im »deutschen Interesse« machen möchte: lieber mit Russland als den USA, wenn immer nötig auch mit Waffengewalt.

Der undurchsichtigste Vertreter ist der thüringische Fraktionsvorsitzende Björn Höcke. Der Gymnasiallehrer tritt auf als »Anti-Politiker«, der es den Altparteien einmal zeigen möchte. Ausgerechnet dem ohne Zweifel neofaschistischen Magazin »Zuerst!« erklärte er in der Oktober-Ausgabe seine Vorhaben. Ein Dorn im Auge ist ihm besonders die »political correctness«. Seine Visitenkarte ziert der Spruch »Die politische Korrektheit liegt wie Mehltau über unserem Land. Ich bin angetreten, um diese politische Korrektheit wegzuräumen.«

Was er unbedingt sagen möchte und nicht zu dürfen behauptet – »Zuerst!«-Leser wissen sicher Bescheid. Das angebliche Aussterben des »deutschen Volkes« zu verhindern ist ihm jedenfalls eine erkennbar starke Antriebskraft.

Projekt »Europaskepsis«

geschrieben von Markus Roth

13. November 2014

Wie in der EU das Reformprojekt einer »partiellen Integration« wirksam wird

 

Bei all den programmatischen Widersprüchen und den populistischen Wahlkämpfen der Alternative für Deutschland (AfD), fällt es schwer, das Programm dieser neuen Partei zu charakterisieren. Wer verstehen will, was die AfD letztlich will, sollte deren Traditionslinien in der organisierten Zivilgesellschaft (Interessengruppen, Vereine, private Institute, Kampagnenmacher usw.) anschauen und die Berührungspunkte im europäischen Kontext analysieren. Denn die AfD wurde nicht aus dem Stand Anfang 2013 von ein paar frustrierten CDUlern und besserwisserischen Professoren gegründet – sie ist vielmehr als Element eines rechtsliberalen Reformprojekts zu verstehen, das sich seit Anfang der 90er Jahre kontinuierlich, durch immer ähnliche Akteure, auf europäischer Ebene Geltung verschafft.

Ziel ist die Begrenzung der politischen und sozialen Integration Europas (insbesondere der Sozialpolitik), bei gleichzeitigem Abbau von Beschränkungen im Handel und Kapitalverkehr. Dieser Wunsch nach partieller europäischer Integration geht einher mit dem Kampf um konservative Werte, um traditionelle Familienmodelle und ein Zurückdrehen des Minderheitenschutzes und individueller Freiheit.

Die AfD-Gründung stellt wahrlich nicht den Beginn solcher Reformbemühungen in Deutschland dar, aber zumindest einen qualitativen Sprung, indem die parlamentarische Repräsentationslücke für diese europaskeptischen und konservativen Meinungsbilder, die offensichtlich in CDU/CSU und in Teilen der FDP nicht mehr durchsetzbar waren, geschlossen wird. Gleichwohl der Europaskeptizismus parteipolitisch vor der AfD kein kanalisiertes Angebot hatte (die EU ist schließlich das Jahrhundert-Projekt der CDU), gab es dieses Angebot außerhalb der Parlamente durch Denkfabriken, kleinere und größere akademische, publizistische und kampagnenfähige Netzwerke, die sich auch international in rechtsliberalen Diskurs-Koalitionen wiederfinden und sich gegenseitig verstärken. Aus diesen Netzwerken heraus wurde die AfD entwickelt.

Allianz der Europäischen Konservativen und Reformisten

Die AfD ist im Europaparlament mittlerweile Mitglied der Fraktion »Europäische Konservative und Reformisten (EKR)«. Diese Fraktion geht zurück auf die 2009 von den britischen Torries (die Partei des Premiers Cameron) gegründeten Europa-Partei »Allianz der Europäischen Konservativen und Reformisten« (AECR). Sie stellte erstmalig eine ernstzunehmende parlamentarische Desintegrationsperspektive auf europäischer Ebene dar. Ohne diese diskursive Öffnung der Europapolitik hätte es die Ablehnungen zur EU-Verfassung in Frankreich und den Niederlanden nicht geben können.

Diese AECR als Anti-Europa-Partei auf europäischem Parkett wurde von Tories zusammen mit anderen rechts-konservativen Parteien gegründet, weil diese sich in der »Europäischen Volkspartei (EVP)« nicht mehr wirkungsmächtig genug wiederfanden. Mit dabei war v.a. Polens »Recht und Gerechtigkeit«, die »Demokratische Bürgerpartei« von Václav Klaus aus Tschechien und ähnliche, aber eher kleinere Parteien aus Belgien, Litauen und Luxemburg. Mittlerweile sind 13 der 27 EU-Mitgliedsstaaten durch kleinere und größere Parteien in der AECR vertreten. Die Partei bildet im wesentlichen die neue Fraktion der »Europäische Konservativen und Reformisten« (EKR), wo mit z.B. der AfD auch nicht AECR-Mitglieder mitmischen dürfen. Mit 70 Abgeordneten sind aus 15 Mitgliedsstaaten Abgeordnete in der EKR-Fraktion vertreten. Die EKR betreibt im EU-Parlament keine fundamentale EU-Kritik sondern stellt vielmehr einen Mehrheitsbeschaffer für konservative Politik dar, die mit Merkels Europäischer Volkspartei (EVP) gegen die Sozialisten im Europaparlament durchgesetzt werden soll.

Bindeglied dieser neuen konservativen Fraktion ist das »Prager Manifest der radikalen Reformer« von 2009, eine Kombination von marktradikalen und konservativen Werten, die in zehn Punkten aufzählt, was wir von der AfD auch zur Genüge kennen: nationaler Wohlstand, individuelle (Markt-)Freiheit, Familienpolitik, Energiesicherheit, Souveränität statt EU-Föderalismus, Migrationskontrolle, Bürokratieabbau usw. Die AECR und deren Fraktion im EU-Parlament streben eine Rückabwicklung des bisherigen Verlaufs europäischer Integration an, die u.a. die Regional-, Sozial- und Umweltpolitik sowie die Freizügigkeit wieder einschränken soll. Gänzlich unberührt bleiben ihnen wichtige Elemente der Wirtschaftspolitik. Im Gegensatz zur nationalistischen Rechten betreiben sie damit eine partielle Desintegrationsstrategie zur Re-Nationalisierung gesellschaftspolitischer Belange. Das ist auch das Programm der AfD, die deshalb folgerichtig Teil dieser Fraktion ist. Doch es gibt noch mehr Verbindungen.

 

Das Netzwerk der New Direction Foundation

Camerons Europa-Partei AECR hat 2010 die Parteistiftung New Direction Foundation (NDF) gegründet. Diese tritt radikaler auf als die AECR, und fordert beispielsweise die Halbierung des EU-Haushalts und die Auflösung des Euro-Raumes, begleitet aber gleichzeitig die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen mit den USA. Diese Stiftung unterhält seit ihrer Gründung Partnerorganisationen in nahezu allen EU-Mitgliedsstaaten, die dort als Brückenköpfe dienen, auch und gerade, wenn es keine parlamentarische Kraft gibt, die der neuen konservativen Europa-Partei angehört. Es geht dabei um die Verankerung der rechtsliberalen Europakritik in den neoliberalen Think Tanks der Nationalstaaten – und letztlich um die verbindliche europäische Vernetzung all dieser Organisationen. Aus diesen Partnerorganisationen kommt zwar wenig wissenschaftliche Expertise, aber umso mehr Positionspapiere für Gesetzesvorhaben. Sie betätigen sich als Meinungsmacher, Politikberater und Kampagnenprofis bei Themen, die in der »Prager Erklärung« von 2009 aufgezählt sind.

Partnerorganisation in Deutschland ist beispielsweise das Institut für Unternehmerische Freiheit (IUF), dessen Vorstand auch an der Wahlalternative 2013, der Gründungsplattform der AfD, beteiligt war. Hans-Olaf Henkel, auch Wahlalternative 2013, und jetziger AfD-Aktivist, sprach schon 2011 beim Stiftungs-Forum über die Aufspaltung der Eurozone. Vielfältige personelle Überschneidungen lassen sich zwischen den Stiftungs-Partnerorganisationen und etlichen deutschen Beratungsfirmen, sowie akademischen und zivilgesellschaftlichen Organisationen belegen. Prominent sind hier Henkels »Bürgerkonvent«, die »Allianz für den Rechtsstaat« und »Zivile Koalition« von Beatrix von Storch (AfD-Abgeordnete im EU-Parlament und Gründungsmitglied). Sie alle eint ein genereller Vorbehalt gegenüber einer vertieften politischen Union und der Wunsch nach partieller Desintegration bei fortschreitender ökonomischer Liberalisierung, wenngleich sie sich im Ton und in den Nebenforderungen (z.B. von Storchs Hardliner-Kurs in Sachen Abtreibungen) doch erheblich unterscheiden.

Diese Netzwerke existieren schon seit den 90er Jahren. Schon 1992 kritisierten 155 deutsche Ökonomen in einem offenen Brief die Euro-Politik, parallel zu ähnlichen Initiativen der Torries in England (damals noch unter Magret Thatcher). Daraufhin entstand der erste euroskeptische deutsch-britische Think Tank in Brüssel, das »Centre for a New Europe«. Daraus entwickelten sich weitere Netzwerke und letztlich die heutigen Partnerorganisationen der New Direction Foundation. Der neueste Coup ist das Berliner »Open Europe«, ein Ableger des Londoner Open-Europe-Instituts, der Denkfabrik der Tories. Im Kuratorium von Open Europe Berlin tummeln sich nicht nur viele Ökonomen und Unternehmer, sondern auch ein ehemaliger Bundesbanker, eine ehemalige Führungskraft des bekannten Institut der deutschen Wirtschaft, ehemalige SPD-Mitglieder und Vera Lengsfeld (CDU), die auch bei der Zivilen Koalition (Beatrix von Storch) dabei ist und die AfD unterstützt.

 

Keimzellen der AfD

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat in ihrer Kurzstudie von 2013 auch versucht, die Hintergründe der AfD zu erfassen. Demnach finden sich viele der heutigen AfD-Aktivisten schon im 1994 von europaskeptischen ex-FDPlern gegründeten Bund Freier Bürger (BFB). Diese Kleinstpartei begann früh mit den Klagen gegen den Maastrichter Vertrag. Der geringe Wahlerfolg des BFB hielt die Protagonisten (u.a. Karl Albrecht Schachtschneider) nicht davon ab, den Weg der Verfassungsbeschwerden gegen EU-Verträge bis heute weiterzuverfolgen. Andere, wie z.B. der Publizist Bruno Bandulet schreiben heute für die Junge Freiheit und das neurechte Portal »Eigentümlich Frei«. Der neoliberale Ökonom Joachim Starbatty, und das verschweigt die Adenauer Stiftung, ist Vorsitzender der »Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft«, die viele Berührungspunkte zur CDU/CSU und personelle Überschneidungen zu den oben beschriebenen Denkfabriken der New Direction Foundation hat. Neben der ähnlich klingenden arbeitgebernahen »Initiative Soziale Marktwirtschaft« (ISM) geht es bei der Aktionsgemeinschaft ebenso um die umfassende Reform der Europapolitik und, bis zur AfD-Gründung, auch um die außerparlamentarische Stärkung des rechtsliberalen Wirtschaftsflügels der CDU.

Gemeinsamkeiten lassen sich auch in der Finanzierung dieser »parapolitischen« Organisationen im Dunstkreis der AfD finden. So hat der Mövenpick-Milliardär August von Finck viele dieser Projekte (u.a. den Bund Freier Bürger in den 90er Jahren) und nun auch die AfD auf die professionellen Beine geholfen. Weitere bekanntgewordene Millionenspender der AfD, wie der Außenwerber Wall-AG, der Maschinenbauer SMS Group und der Hamburger Reeder Folkard Edler eint, dass sie Familienunternehmen sind. Es ist kein Zufall, dass beim diesjährigen »Tag der Familienunternehmen« AfD-Chef Bernd Lucke als erster Redner auftreten durfte. Die AfD ist offensichtlich der parlamentarische Arm dieser Kapitalfraktion, die bisher nur als Lobbyisten direkten Zugang zum deutschen Parlament hatten.

Drei Mittel gegen die AfD

geschrieben von Thomas Willms

13. November 2014

Die offenen Flanken der Partei angehen

 

Das zur Zeit wirksamste Mittel gegen die AfD sind ihre eigenen Mitglieder. Der unglaublichen Entsolidarisierung in den eigenen Reihen widmete Bernd Lucke nach den großen Wahlerfolgen den größten Teil eines »Briefes an die Mitglieder und Förderer«. Er beklagt darin, dass Mitglieder »bewusst Falschinformationen verbreiten und damit neue, destruktive Gerüchte schüren«, dass sie »jedes skandalisierende Gerücht … bereitwillig glauben und an möglichst viele weiterverbreiten« und vieles mehr. Die anti-solidarische Ideologie der AfD wendet sich in der durch ihre Mitglieder verinnerlichten Form gegen sie selbst und ist ein beredtes Zeichen dafür. was einer Gesellschaft blüht, in der diese Prinzipien zur alleinigen Norm werden.

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Das egozentrische und oft naive Verhalten der Mitglieder und Funktionäre ist ein wichtiger Ansatzpunkt für Politik gegen die AfD, insbesondere da ihre überfallartigen Erfolge sie dazu zwingen, auf vielen Ebenen jetzt auch »zu liefern« wie das früher bei der FDP hieß. Es rächt sich auch bereits, dass die AfD fast ihre gesamte Führungsspitze ins Europaparlament im fernen Brüssel expediert hat, von wo aus z.B. nun im fernen Pasewalk Organisationsprobleme gelöst werden müssen.

Allerdings verändern die Erfolge der AfD auch die Bedingungen, unter denen man sie effektiv kritisieren kann. Sie sorgen dafür, dass chauvinistische Einstellungsmuster immer offener zum Ausdruck gebracht werden können. Die klassische Methode, mit der über längere Zeit rechtspopulistische Parteien und Gruppierungen in Deutschland weitgehend erfolgreich bekämpft werden konnten, war das Aufzeigen von Schnittmengen und Kooperationen mit neofaschistischen Strukturen. Insbesondere die Entwicklung der »Pro-Bewegung« stockte, weil wichtige Funktionäre als vormalige REP-Funktionäre erkennbar waren und weil die Ideologie und Propaganda die Partei als extrem rechts verortbar erscheinen ließen.

Der AfD-Führung ist es hingegen überwiegend gelungen, »präsentables« Personal zumindest für Landtagswahlen aufzustellen. Trotzdem ist es nach wie vor möglich und nötig, personelle Schnittmengen mit früheren extrem rechten Gruppierungen aufzuzeigen. Dies macht wenigstens deutlich, dass die AfD eben auch für diesen Personenkreis attraktiv ist, wenn nicht sogar, dass diese die AfD als erfolgversprechendstes Vehikel zur Durchsetzung ihrer Ziele sehen. Auf der kommunalen Ebene muss die AfD darüber hinaus in kürzester Zeit hunderte von Positionen besetzen. Dass sich hier in noch stärkerem Maße »belastete« Neufunktionäre tummeln, kann angenommen werden.

Die zweite gängige und nach wie vor notwendige Methode besteht darin, ideologische Schnittmengen mit NPD und anderen neofaschistischen Organisationen aufzuzeigen. Im Falle der offiziellen Aussagen der AfD ist eine genaue und intensive inhaltliche Kritik notwendig, da die Autoren der Wahlplattformen o.ä. viel Aufwand betreiben chauvinistische Positionen medienkonform zu verpacken. Ist »NPD« quasi ein Argument gegen sich selbst, gilt dies für die AfD (noch) nicht.

Die zahllosen halbprivaten oder privaten »social media«-Seiten von AfD-Funktionären und Mitgliedern durchzusehen ist eine zwar unerquickliche, aber ergiebige Herangehensweise. Bereits in vielen Fällen zeigte sich, dass diese dort oft kein Blatt vor den Mund nehmen und ihre rassistischen und verschwörungstheoretischen Überzeugungen verbreiten. Allerdings hat diese Methode, z.B. der »Rassismus-Nachweis«, seine Grenze an der Erwartungshaltung der potentiellen Wähler. Schließlich wählen viele die AfD gerade weil sie diese für eine – wie verklausuliert auch immer sich artikulierende – chauvinistische Plattform halten.

Der Königsweg der inhaltlichen Kritik, der dritten Methode, besteht darin, aufzuzeigen, dass die AfD eben nicht für eine »Alternative« eintritt, sondern vielmehr eine radikalisierte Version des Bestehenden fordert. Der radikalkapitalistische ökonomische Kern spielt allerdings in vielen ihrer Äußerungen nur eine mittelbare Rolle, ist anscheinend selbst einem Teil ihrer Mitgliedschaft nicht bewusst. Deshalb erscheint es erfolgversprechender, die zahlreichen offenen Flanken der AfD zu attackieren. In etwas naiver Selbstüberschätzung möchten AfD-Funktionäre gleich mehrere Kulturkriege gleichzeitig anzetteln und stellen sich gegen den – zumindest gegenwärtigen – Trend der Zeit. Dies sind insbesondere die Homosexuellen-Gleichstellung, der Wunsch nach Gleichbehandlung und gleichen Chancen im Schulwesen, der Wunsch nach gleichen Chancen und Rechten im Berufsleben für Frauen und die würdevolle Behandlung auf den Job- und Sozialämtern .

Auf wenigstens einem Gebiet ist die AfD tatsächlich sogar eine »Partei gegen die Realität«. Klimawandel-Leugner haben in der AfD einen guten Stand. In einer Art kindischem Trotz verkauft die AfD demonstrativ 10er Packs konventioneller 100-Watt-Blühbirnen, um gegen die Energiewende zu demonstrieren und stellt damit naturwissenschaftlich gesichertes Wissen in Frage. Diese letzten Punkte laden zu einer bissigen Kritik an der feisten Selbstgerechtigkeit der AfD ein.

Aus den Landesvereinigungen und Verbänden

13. November 2014

Hier finden Sie Berichte und Nachrichten aus den Landesvereinigungen Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen:

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Über die deutschen Unrechtsstaaten

geschrieben von Ulrich Sander

13. November 2014

Die aktuelle Debatten blenden Vieles bewusst aus

Die Nazis haben die KPD 1933 verboten, 150.000 ihrer 300.000 Mitglieder eingekerkert und 30.000 von ihnen ermordet. Mein Schwiegervater Artur Burmester wurde 1933 zum ersten Mal – 17jährig – inhaftiert. Als er in den 60er Jahren um Haftentschädigung nachsuchte, bescheinigte ihm der auch in der Nazizeit führende Psychiater Prof. Bürger-Prinz: Man könne die Entschädigung nicht befürworten, denn »der Kläger nahm die Risiken einer Verfolgung im Sinne einer mehr oder weniger bewußt gewählten Selbstbewährung im Einsatz für die Idee auf sich, unterscheidet sich darin also gegenüber der unausweichlichen Situation eines rassisch Verfolgten«. Das Opfer habe selbst Schuld…

1956 wurde die KPD erneut verboten, und es wurden mindestens 250.000 Verfahren gegen des Kommunismus verdächtige Bürger durchgeführt, 10.000 wurden oft langjährig eingesperrt. Tausende erhielten Berufsverbot.

Wir haben als Verwandte der Betroffenen jetzt die Gruppe »Kinder des Widerstandes« gegründet, um an das Unrecht, das man unseren Eltern und Großeltern antat, zu erinnern und sie wenigstens in der Erinnerungsarbeit zu würdigen. Vielen unserer Eltern und Großeltern hielt man in Prozessen der Adenauerzeit vor, sie seien uneinsichtig, denn sie wären doch schon nach 1933 vorbestraft und hätten nichts dazu gelernt. Die solches sagten, waren oft schon Richter und Staatsanwälte in der Zeit 1933-1945.

Eine weitere Überlegung zur Frage »Staat der Gerechtigkeit oder Unrechtsstaat«: Hilmar Thate, Schauspieler, hat Lebenserfahrung in der DDR (bis 1980), in der westdeutschen Bundesrepublik und inzwischen in der um Ostdeutschland vergrößerten BRD gesammelt und so zusammengefasst: »Früher durfte man zu seinem Chef sagen ›Du bist ein Arschloch‹, aber nicht ›Honecker ist ein Arschloch‹. Heute darf man über den Kanzler sagen, was man will, aber nicht zum Chef, sonst ist man seinen Job los.« Das Landesarbeitsgericht Mainz und andere Gerichte haben diese Darstellung bestätigt. Wer seinen Vorgesetzten »Arschloch« nennt, kann wegen nachhaltiger Störung des Betriebsklimas fristlos entlassen werden, auch wenn er sich für die Entgleisung sofort entschuldigt (Aktenzeichen: 9 Sa 967/00). Die Kündigungsschutzklage einer entlassenen Frau, nach deren Angaben der Vorgesetzte ihr nachgestellt hatte, wurde abgewiesen.

In der DDR gab es ein einklagbares Recht auf Arbeit und Vollbeschäftigung. In der BRD steht das Recht auf Arbeit in manchen Landesverfassungen, zum Beispiel in der von NRW. 750.000 erwachsene Bürger von NRW sind arbeitslos.

Frühe Begegnung

geschrieben von Kurt Pätzold

13. November 2014

Eine Erinnerung an Kurt Goldstein anlässlich seines 100. Geburtstages

 

Im Jahre 1945 verschlug es mich von Schlesien über Zwischenstationen nach Thüringen und in die Stadt Weimar. Noch am Tage meines Eintreffens geleitete mich mein Vater, der da früher schon angekommen war, zum Hause der Frau von Stein und verabschiedete sich von mir mit den Worten, da seien »die Richtigen« drin. Ich stieß im Innern, dessen Einrichtung deutlich an ein früheres Hitlerjugendheim erinnerte, wie ich erwartet hatte, zwar auf eine Gruppe junger Leute, doch diskutierten die nicht, sondern übten sich im Volkstanz nach dem Lied von den Leinewebern, die eine saubere Zunft gehabt haben sollen. Das war indessen nicht ihre Hauptbeschäftigung, wie die folgenden Zusammenkünfte zeigten.

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Im Haus der Jugend in der Stadtmitte, wo sich auch die Büros der sich formierenden Antifaschistischen Jugend befanden, gab es wöchentlich Schulungsabende. Die bestritten Antifaschisten, von denen viele als letzte Station ihrer Gefangenschaft Buchenwald überlebt hatten. Stefan Heymann, der später u. a. Botschafter der DDR in Polen war, Walter Wolf, zeitweilig Landesdirektor für Volksbildung in Thüringen, später Professor in Jena und Potsdam, und Kurt Goldstein. Wir, ihre Zuhörer, zählten in jenem Frühherbst nicht mehr als allenfalls eineinhalb Dutzend Mädchen und Jungen.

In diesen Umständen also begegnete ich Kurt zum ersten Mal. Er war der für die Jugendarbeit der Kommunistischen Partei zuständige Mann und »residierte« im Sitz der Landesleitung in der Schwanseestraße unterm Dach in einem kleinen Zimmer mit schrägen Wänden. Dort und auch in seinem Domizil, einem Zimmer im nahe dem Bahnhof gelegenen Hotel, das damals »Germania« hieß, trafen wir aufeinander. Diese Begegnungen waren stets mit Anregungen und Aufträgen verbunden. Einer lautete, für die »Kinder Berlins« Äpfel zu sammeln. Also machten wir uns auf – nach Oßmannstedt. Und brachten tatsächlich Früchte mit, die an den Toren von Bauersgehöften leicht nicht zu erbitten waren. Doch hätten wir einfach auch ein schlechtes Gewissen gehabt, vor Leute gleichsam mit leeren Händen zurückzukommen, von denen wir mehr ahnten denn wussten, was hinter ihnen lag.

Denn: Ihr Erleben in Buchenwald? Das bildete kein Thema unserer Gesprächsabende mit jenen Menschen, die am Anfang unseres Weges in den Antifaschismus standen, uns gedanklich Türen öffneten, von denen wir bis dahin nicht gewusst hatten, dass es sie überhaupt gab. Und dieses Beschweigen der eigenen Erinnerung blieb bei Kurt und den Anderen lange so. Und wir? Wir trauten uns nicht nachzufragen, sondern lasen die ersten Broschüren, die über das Lager auf dem Ettersberg auf dem schmalen Literaturmarkt erschienen.

Kurt war der Lenker der antifaschistischen Jugendarbeit in Thüringen, unterwegs zwischen Schleiz und Schmalkalden. Für zwei Episoden ist hier Platz, die etwas über den Stil seiner Arbeit aussagen. In den letzten Tagen 1945, das war seine Idee, fand die erste antifaschistische Jugendkonferenz Thüringens in Gera statt. Der Fest- und Tanzsaal aus Kaiserszeiten war gefüllt. Als ein Hauptredner sprach ein evangelischer Pfarrer, der die Rolle seiner Kirche etwas stärker aufhellte, als wir sie in Erinnerung hatten. Es gab Proteste. Am Ende griff auch Kurt ein, nicht versöhnend, aber dämpfend. Dann weihten wir ein Jugendheim ein. Das erhielt den Namen der Geschwister Scholl. Kurt hatte ihn gegen den Vorschlag, es nach Ernst Thälmann zu benennen durchgesetzt.

Und das war nicht der einzige Fall, in dem ich ihn als einen Politiker erlebte, der seine Überzeugung verfocht und zugleich nach Zwecken und Wirkungen fragte. Wenig später war ich Schüler einer Internatsschule auf dem Thüringer Wald. Wir, ein halbes Dutzend Schüler, durchweg Kinder von Antifaschisten, hatten im Januar 1946 dort eine der neuen Jugendgruppen gegründet. Die Idee einer Wandzeitung wurde geboren. Wir hatten uns für sie einen besonders rrrrevolutionären Titel ausgedacht. Kurt, der auf einer seiner Reisen in Wickersdorf halt machte, hörte sich unseren Vorschlag an. Dann meinte er, wir sollten doch lieber den Titel »Die Funzel« wählen und ihn als Programm verstehen, aufzuspüren und aufzuspießen, was im Leben dieser Schulgemeinde kritikwürdig sei. So wurde sie dann auch getauft. Denn Kurt war, wie sage ich es in einem Wort? Ein Überzeugender.

Internationales Gedenken

geschrieben von Ulrich Schneider, Generalsekretär der FIR

13. November 2014

Was die FIR für das Jahr 2015 plant

 

Auf der Sitzung des Exekutivausschusses Ende Oktober 2014 in Haidari nahe Athen hat die FIR als internationale Dachorganisation ehemaliger Widerstandskämpfer, Partisanen, Deportierter, Opfer des Naziregimes und Angehöriger der Anti-Hitler-Koalition über die politischen Aufgaben im kommenden Jahr beraten. Dabei stand im Vordergrund, dass unsere Mitgliedsverbände allen Grund haben, den 70. Jahrestag der Befreiung der okkupierten Länder, der Lager und Haftstätten zu begehen und an den antifaschistischen politischen Neuanfang zu erinnern. Nachdem bereits im August 2014 eindrucksvolle Feierlichkeiten in Banska Bystriza zum Slowakischen Nationalaufstand und in Paris zur Befreiung der Stadt sowie im Oktober in Belgrad stattgefunden haben, ist das erste Datum im kommenden Jahr der 27. Januar 1945, an dem Einheiten der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz erreichten und einige Tausend Häftlinge befreien konnten. Nicht nur in Polen, auch in vielen anderen Ländern werden die Mitgliedsverbände der FIR dieses Datum zum Anlass für politisches Erinnern an die menschenverachtenden Folgen von Antisemitismus und Antiziganismus nehmen. Die Befreiung der anderen großen Konzentrationslager ist ebenfalls Anlass für internationale Feierlichkeiten, an denen sich die FIR-Verbände aktiv einbringen werden.

In verschiedenen Ländern sind internationale Konferenzen geplant. Im März plant der tschechische Freiheitskämpfer-Verband in Prag ein internationales Treffen mit Veteranen der FIR-Verbände. Im April soll in Moskau eine geschichtspolitische Konferenz stattfinden, zu der neben der FIR auch zahlreiche andere internationale Organisationen eingeladen wurden. Den Höhepunkt werden auch zu diesem Jahrestag die Feierlichkeiten in Moskau zum Tag des Sieges am 9. Mai 2015 bilden.

Neben diesen internationalen Veranstaltungen, an denen die FIR und ihre Mitgliedsverbände beteiligt sein werden, setzt die FIR im kommenden Jahr weiter auch eigene Projekte um.

Dazu gehört die Arbeit mit der Ausstellung »Europäischer Widerstand gegen den Faschismus«. Bereits 2013 fand ihre Eröffnung in Belgien statt und diese Version wird nun auch in den Niederlanden gezeigt. Im Herbst 2014 wurde in Budapest eine ungarische Version präsentiert, die in den kommenden Monaten in verschiedenen ungarischen Städten und Einrichtungen zu sehen sein wird. Ab Januar 2015 geht auch die deutschsprachige Fassung auf Tour. Bremen, Hamburg und Berlin sind die ersten Stationen in Deutschland. Außerdem soll die Ausstellung auch in Österreich gezeigt werden. Zur inhaltlichen Unterstützung ist 2015 auch die Herausgabe eines Kataloges zur Ausstellung geplant. Damit leistet die FIR einen wichtigen Beitrag zur Bewahrung der Erinnerung an den antifaschistischen Kampf und gegen alle Versuche der geschichtlichen Umdeutung.

Merkel verliert Prozess gegen NS-Opfer

geschrieben von Ulrich Sander

13. November 2014

Italienische NS-Opfer dürfen von der Bundesrepublik Deutschland Entschädigung für NS-Verbrechen fordern. Das geht aus einem Urteil des italienischen Verfassungsgerichts hervor. Hintergrund des Urteils ist eine Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs (IGH), der im Jahr 2012 der Bundesrepublik »Staatenimmunität« gegenüber Klagen vor ausländischen Gerichten zugesprochen hatte. Dies betraf Entschädigungsklagen von NS-Opfern in Italien. Das italienische Verfassungsgericht ist nun zu der Auffassung gekommen, dass das Gesetz, mit dem das IGH-Urteil in Italien umgesetzt wird, verfassungswidrig ist. Es sei unzulässig, dass italienische Bürger Gerichte im eigenen Land nicht anrufen dürften.

Damit steht fest, dass Prozesse von italienischen NS-Opfern gegen Deutschland vor italienischen Gerichten doch weiter geführt werden können. Rechtskräftige italienische Urteile zugunsten von griechischen und italienischen NS-Opfern können von der Bundesrepublik nicht mehr angefochten werden, sondern müssen umgesetzt werden. Das Urteil vom 3. Februar 2012 war von Angela Merkel und Silvio Berlusconi gemeinsam angestrebt worden. Tausenden Hinterbliebenen von Mordopfern sollte damit weiter die Entschädigung vorenthalten und Millionen Sklavenarbeitern der Lohn verweigert werden. Dies betraf Hinterbliebene aus Opfergemeinden in Italien und Griechenland und ehemalige Zwangsarbeiter aus dem Kreis der sowjetischen Kriegsgefangenen und italienischen Zivilinternierten.

Das Gericht in Den Haag lehnte das Klagerecht einzelner Bürgerinnen und Bürger gegen einen Staat zwar ab, betonte aber auch, dass es eine moralische Verantwortung Deutschlands sehe, den NS-Opfern auch ohne Gerichtsspruch zu helfen. Aus moralischen Gründen bezahlen jedoch die deutsche Wirtschaft und der deutsche Staat gar nichts. Deshalb stellt das neue Urteil eine Chance für viele Opfer dar.

Spurensuche in Barcelona

geschrieben von Hans Canjé

13. November 2014

Impressionen von einer Reise in die Metropole Kataloniens

 

Herbst in Barcelona. Das heißt an diesem 20. Oktober 2014: Strahlend blauer Himmel bei etwa 23 Grad. Entsprechend heiter die Stimmung der nach Polizeiangaben 110.000 Menschen, die an diesem Tag auf der Placa Catalunya in der katalanischen Metropole für die Unabhängigkeit von Spanien demonstrierten. »Die katalanische Zivilgesellschaft«, ist auf einem an die Passanten verteilten Traktat zu lesen, »fordert die Politik zum wiederholten Male friedlich auf, sie frei über ihre Zukunft entscheiden zu lassen.« Eine trotz des politischen Anliegens fast fröhliche Stimmung. Die Fahnen in den Landesfarben rot-gelb und mit dem blauen Stern dominieren das Bild. Aus den Lautsprechern dringen Redebeiträge und Musik weit in die dicht gefüllten angrenzenden Nebenstraßen.

Die Stimme von LLuis Llach, einem der bekanntesten Vertreter des katalanischen Liedes – und des Widerstandes gegen das Franco-Regime – ist weithin zu hören. Er singt katalanisch. Von1970 bis 1973 hatte er Auftrittsverbot. Er ging ins Ausland – seine Lieder aber wurden weiter im Land verbreitet. Am 15. Januar 1976, zwei Monate nach dem Tod des Diktators hatten sich in der Sporthalle von Barcelona Künstler und Politiker, die in den Jahren der Franco-Herrschaft im Untergrund oder im Gefängnis waren, öffentlich mit Tausenden vorwiegen jungen Leuten versammelt. Und alle sangen zusammen mit LLach sein, damals auf den verhassten General Franco und das ersehnte Ende der Diktatur zielendes und heute weiter aktuelles Lied »Der Pfahl«

»Wenn wir alle ziehen, wird er fallen/ lange kann er nicht mehr halten/ er wird fallen, fallen, fallen/ ganz morsch muss er schon sein./ Ich ziehe kräftig hier/ und du ziehst kräftig dort/ dann wird er fallen, fallen, fallen, / und wir können uns befreien.«

Am Sonntag zuvor, am 12. Oktober, ein Nationalfeiertag zur Erinnerung an die Entdeck-ung Amerikas durch Kolumbus, hatten sich 40 000 Bürger aus dem selben Anlaß auf der Placa Catalunya versammelt. Franco hatte an diesem Tag die »Spanische Rasse« proklamiert. Seine noch immer agieren dürfenden Anhänger feiern diese »Erhebung« am liebsten auf dem die Stadt überragenden alten Castell de Montjuïc aus dem Jahre 1751. Hier waren, nachdem Francos Truppen am 26. Januar 1939 in Barcelona eingerückt waren, mehrere katalanische Sozialisten und Politiker, unter anderem auch der ehemalige Präsident der Generalitat de Catalunya Lluís Companys, hingerichtet worden. Eine Gedenktafel auf dem Burggelände erinnert an den Mord. Am Rande des Zentralfriedhofs der Stadt liegen in einem alten Steinbruch zirka 4000 Opfer des Franco-Regimes verscharrt

Auf den Spuren der Vergangenheit führt uns der 24jährige Geschichtsstudent Marc zum Platz San Felipe Neri, versteckt in der Altstadt. Er erzählt von den schweren Bombardierungen Barcelonas im März 1938, an denen neben Flugzeugen der vom faschistischen Deutschland entsandten »Legion Condor«, auch der italienische Verbündete Francos beteiligt war. 42 Zivilisten, darunter 20 Kinder, die in der Kirche Schutz gesucht hatten, wurden an dieser Stelle getötet. Die Spuren der Bombeneinschläge sind noch an der Außenwand von Kirche und Kloster zu sehen.

Die Spuren der Vergangenheit sind auch im Benedektinerkloster Montserrat, in den »zersägten Bergen«, einer atemberaubenden Bergwelt zu finden. Zwischen 1960 und 1970 schützte es mehr als 300 Intellektuelle und Verfolgte des Franco-Regimes, 23 Montserrat-Mönche wurden in den 1930er Jahren hingerichtet. Aus der Druckerei des Konvents gelangten während der Diktatur Broschüren und Flugblätter in der damals verbotenen Sprache unters Volk. Das Kloster Montserrat – eine Touristen-attraktion und ein geschichtsträchtiger Ort der Besinnung.

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