In der »Columbiahölle«

geschrieben von Martin Schirdewan

11. September 2013

Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand erinnert an das frühe KZ

»Warum schweigt die Welt?!« Unter diesem titelgebenden Zitat von Berthold Jacob eröffnete die Gedenkstätte Deutscher Widerstand am 19. Juli 2013 eine Ausstellung, die über das Columbia-Haus und die in diesem Konzentrationslager inhaftierten Männer informiert. »Warum schweigt die Welt?! – Häftlinge im Berliner Konzentrationslager Columbia-Haus 1933 bis 1936« lautet der vollständige Titel der Ausstellung, die der achttausend bis zehntausend Häftlinge gedenkt, deren Schicksale auf zumeist brutale Weise mit diesem Ort verbunden waren.

Trotz des mittlerweile bemerkenswerten Wissens um die Häftlinge selbst, als auch ihre fürchterlichen Lebensbedingungen, ist die Identität der ersten 230 Inhaftierten weiterhin unbekannt. Der erste namentlich zuzuordnende Häftling trug die Häftlingsnummer 231: Schutzhäftling Kurt Hiller. Hillers Biografie und die Lebensläufe! Von 30 weiteren Inhaftierten lassen sich in der Ausstellung anschaulich und mit viel Detailkenntnis dargestellt ebenso nachvollziehen, wie die Entwicklung der ehemaligen Militärstrafanstalt zum berüchtigten, von der SS betriebenen Konzentrationslager Columbia-Haus, umgangssprachlich zutreffender Columbiahölle genannt. So heißt es im Katalog zur Ausstellung: »Seit Sommer 1933 nutzt das Geheime Staatspolizeiamt das Gebäude als Gefängnis für politische Häftlinge… Das Columbiahaus ist ein Ort völliger Rechtlosigkeit in der Verantwortung der Geheimen Staatspolizei. Die Gefangenen werden von den SS-Wachmannschaften erniedrigt, misshandelt und gefoltert.«

Der Kuratorin Karoline Georg und den Kuratoren Kurt Schilde und Johannes Tuchel, letzterer zugleich Gedenkstättenleiter, gelingt es auf beeindruckende Art und Weise, anhand vergleichsweise weniger exemplarischer Biografien ein Panorama des Widerstands in den Anfangsjahren der nationalsozialistischen Diktatur zu zeichnen. Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter finden sich überdurchschnittlich häufig unter den Opfern des frühen Terrors der Nazis. Doch wurden auch dem NS-Regime kritisch gegenüberstehende Angehörige der verschiedenen Glaubensgemeinschaften, Homosexuelle, Juden und Bürgerliche in die Columbiahölle geworfen. Nicht alle sollten die Torturen des für seine absolute Rechtlosigkeit und die Gewalttätigkeit der Wärter bekannten Konzentrationslagers überleben. Wie viele Häftlinge starben, lässt sich auch heute noch nicht genau benennen.

Das große Verdienst der Ausstellung besteht darin, sowohl den Toten als auch den Überlebenden wieder ein Gesicht und eine Stimme zu geben. Viel zu lange nämlich schwieg die Berliner Nachkriegsgesellschaft darüber, dass inmitten der Stadt bis 1936 ein Konzentrationslager bestand. Das auf dem Tempelhofer Feld gelegene Gebäude wurde im Zuge der Kriegsvorbereitungen und des Baus des Flughafens Tempelhof abgerissen. Mit dem Verschwinden des Gebäudes blieb den Häftlingen und ihrem erlittenen Leid die öffentliche Aufmerksamkeit auch nach der Befreiung vom Nationalsozialismus verwehrt.

Vielleicht führt die Debatte um die Zukunft des Tempelhofer Feldes innerhalb der Berliner Stadtgesellschaft dazu, dass dort, wo sich einst die Columbiahölle befand, ein öffentlicher Ort des Gedenkens entsteht. Wünschenswert wäre dies allemal.

Um sinngemäß mit den während der Eröffnungsrede geäußerten Worten der Kuratorin Karoline Georg zu enden: Die Ausstellung kann die Frage des 1944 an den Folgen der Haft verstorbenen Berthold Jacob nicht beantworten. Sie trägt jedoch ihren Teil dazu bei, die Häftlinge dem Vergessen zu entreißen.

Abschied vom Genie

geschrieben von Thomas Willms

11. September 2013

Die Amokläufe des Comic-Künstlers Frank Miller

Der deutschen Veröffentlichung von Frank Millers »Holy Terror« konnte der wahre Comic-Fan nur mit Grausen entgegensehen. Das Buch ist der bisherige Tiefpunkt von Millers Story-Telling. Die verdächtig an Batman erinnernde Figur des »Richters« (im Original »The Fixer«) ist so eindimensional wie die ganze Geschichte, die sich dem »Kampf gegen den Terror« widmet. Aber es ist noch viel schlimmer. Der große Künstler Miller, bewundert von Millionen Fans und dem Autor dieser Zeilen, outete sich mit »Holy Terror« zum zehnjährigen Jahrestag des 11. September als primitiver Islamhasser. Im Vergleich dazu erscheint selbst Präsident George W. Bush noch als Feingeist. Wie konnte es nur soweit kommen, dass der Retter des Superhelden-Genres, der Batman erzählerisch und zeichnerisch Tiefe, Reife und den Einzug in die sogenannte Hochkultur verschafft hat, derartig entgleist ist?

Doch man hätte es wissen können, wäre man in der Lage, Millers vorletztes Werk unvoreingenommen zu lesen. Für »300« wählte Miller ausgerechnet den Durchhaltemythos der 300 Spartiaten als Thema. Er wandelt damit auf dem Pfad, den schon viele Kriegsverherrlicher gegangen sind, Nazi-Autoren eingeschlossen. »300« ist im Gegensatz zu »Holy Terror« ohne Zweifel ein grafisches Meisterwerk: bildgewaltig, expressiv, dynamisch, überwältigend, unvergesslich. Die Verfilmung übertrumpfte die Vorlage mit ihrer Zeichnung und Realfilm vermischenden ultramodernen Technik sogar noch. Es gibt leider nur ein Problem: Die Aussagen sind der letzte Dreck.

Inhaltlich radikalisiert Miller das Thema auf eine Art und Weise, dass man von einem ideologischen Amoklauf sprechen muss. Die Spartaner, er meint die das antike Sparta beherrschende Sklavenhalterkaste der Spartiaten, erscheinen bei ihm als heterosexuelle Meister des Tötens, die buchstäblich Berge von Leichen produzieren. Sie stemmen sich gegen eine »Flut« von aus dem Osten heranbrausenden Persern. Diese erscheinen als feige Orientalen, ihr König Xerxes als degenerierter Schwuler. Miller stellt nicht nur die Geschichte auf den Kopf – in der griechischen Antike war Homosexualität die gesellschaftlich höher angesehene Form der Liebe und wurde insbesondere in Kriegerkasten kultisch betrieben – sondern widerspricht sich auch noch selbst. Seine Bilder erzeugen nämlich mit fantastischen halbnackten Männern eine dampfende Homoerotik, die den Text Lügen straft. Besiegt werden die Spartaner nur durch Verrat, wobei Miller aus dem Verräter auch noch einen Krüppel macht, den als Baby besser die Wölfe gefressen hätten. Antidemokratisch, führerverherrlichend, sexistisch, homophob, euthanasiebefürwortend, rassistisch, sadistisch, gewalt- und kriegsverherrlichend, maßlos selbstgerecht und größenwahnsinnig – das sind die Attribute aus dem Ideologiekomplex des Faschismus, die man auf dieses Machwerk anwenden kann und muss. Hinzu kommt eine alles überlagernde Todesgeilheit, so dass man dem Autor wirklich zu einem Arztbesuch raten muss. Der Umschlag ins direkt Politische ist mittlerweile erfolgt. Die rassistische »identitäre Bewegung« hat sich als Logo ein Motiv aus »300« gewählt und veranstaltet »Spartaner«-Aufläufe für ihre Werbevideos.

Von Miller muss man also wohl Abschied nehmen, vielleicht auch frühere Werke anders und kritischer lesen. Dabei hilft ein von Hollywood produziertes Gegengift, die Persiflage »Meine Frau, die Spartaner und ich«. Kräftig lachen über den Ruhm und Ehre-Unsinn – das sei allen Miller-Fans empfohlen.

»Und reiß doch die Tür auf«

geschrieben von Ernst Antoni

11. September 2013

Trotz alledem stets ein Engagierter: Der Künstler Guido Zingerl

 

Er war noch keine Dreißig, der Dipl.-Ing. Heinrich Scholz am Münchner Institut für Holzforschung, als er seine Dissertation auf dem Gebiet der Holzphysik unvollendet zur Seite legte, um sich künftig freischaffend den bildenden Künsten zu widmen. Kurz danach nahm er den Künstlernamen Guido Zingerl an, wurde, auch politisch, aktiv im Umfeld der Künstlergruppe »tendenzen« und der gleichnamigen »Zeitschrift für engagierte Kunst«. 1965 ist Zingerl Initiator und Organisator von »Künstler gegen den US-Krieg in Vietnam«, einer Wanderausstellung durch die damalige Bundesrepublik.

Am 19. Januar 2013 wurde der Maler und Grafiker, Allegoriker und Bildsatiriker 80 Jahre alt. Mit einem Gedicht kommentiert er ein Bild aus seinem neuen Grafik-Zyklus, das der ersten Zingerl-Ausstellung in diesem Jahr und dem dazu erschienenen Begleitbuch den Titel gegeben hat: »Achtzig – trotz alledem und alledem«:

 

»Ich stehe vor meiner Staffelei / 100 mal 120, Höhe vor Breite / ordentlich weiß grundiert / Um mich herum Farben auf einem Tisch / 5 mal 5 mal 3 Kubikmeter Raum / 1 Fenster im elfenbeinernen Turm / Ich suche ein Gleichnis von dieser Welt / das Abbild des Schreckens / den Alptraum der Wirklichkeit / Und inmitten dieser 9 Kreise der Hölle / der Lügen und Verfluchungen / such ich / den winzigen Stein der Hoffnung / Verzweifle und verstumme zugleich / Will mich einschließen vor dieser Welt / Und reiß doch die Tür auf…«

 

Eine chronologisch-autobiographische Bilderserie: viel Schwarzweiß mit dominierendem Schwarz, Tuschzeichnungen, dazwischen farbige Acrylgemälde für wichtige Lebensstationen. Die Geburtsstadt des 1933 Geborenen (»O Du mein schönes Regensburg«), in der viel von dem Personal versammelt ist, das Zingerl-Bilder oft prägt: feiste klerikale und weltliche Herrscher, Militärs, Finanzmogule. Gerne grinsen sie. So auch der Nazi mit dem Hitlergruß, der sich, deutlich kleiner zwar, aber schon frech auf dem Sprung, im Regensburg-Bild in ihrem Windschatten aufgestellt hat. Zwischen solchen Mordsfiguren und regionalhistorischen Bezugspunkten im Gewimmel viele kleine Menschen. Leiden sie, jubeln sie, protestieren sie, begehren sie gar auf? Oft hilft da nur ganz genaues Hinschauen.

Im aktuellen »Trotz-alledem«-Zyklus viel »Abbild des Schreckens« und »Alptraum der Wirklichkeit«. Eine Ausnahme ist das eher hoffnungsvollere Blatt »1968«, auf dem die »kleinen Leute« größer geworden sind und miteinander der repressiven Phalanx entgegentreten. Deren Repräsentanten stehen hier buchstäblich auf den Leichen von KZ-Häftlingen. Zurückgenommen wird der zuversichtliche Ansatz aber schon im nächsten Bild: »Lauschangriff und Berufsverbot« (siehe den Rücktitel dieser antifa), in dem Zingerl konkrete Berufsverbotserfahrungen, die seiner im Wissenschaftsbereich tätigen Frau Ingrid und ihm selbst widerfuhren, mit aktuellen Überwachungs- und Bespitzelungsszenarien kombiniert.

Die »Trotz-alledem«-Ausstellung war zu Beginn dieses Jahres im oberbayerischen Puchheim zu sehen. Nun hat Fürstenfeldbruck, Heimatstadt der Zingerls seit 1980, nachgezogen. Im Laufe der Jahrzehnte gab es da zwar einige Preise und Ehrungen, offizielle Bildankäufe auch. Doch es sollte dauern, bis diese Werke, befreit aus den Depots, endlich wieder einmal der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Jetzt allerdings in edler barocker Umgebung und einen wichtigen Anlass flankierend. Dazu der Kulturpublizist Werner Dreher in seiner Laudatio: »Die Stadt würdigt den wohl bedeutendsten bildenden Künstler in ihren Mauern mit einer großen Einzelausstellung in diesen wunderbaren Räumen anlässlich des Doppeljubiläums ‚80 Jahre Guido Zingerl’ und ‚750 Jahre Kloster Fürstenfeld’.«

Auf zwei Etagen ausgestellt sind der Zyklus »Große Amperlandschaft. Erkundungen entlang des Flusses« mit vielfältigen Geschichtsbezügen, das nahe KZ Dachau inbegriffen, und weitere Werke aus städtischen Sammlungen. Und ganz Neues: der Künstler hat sich in prächtigen Farben des Klosterjubiläums angenommen, erzählt auf seine Art von ökonomischen und politischen Wurzeln des Prachtbaus. Um den »Tanz um’s goldene Kalb« (so der Ausstellungstitel) geht es, um Ablassprediger, um den Bayernherzog Ludwig (»der Strenge«), der seine der Untreue verdächtigte Gemahlin enthaupten ließ. Und um die als »Sühneleistung« erfolgte Klostergründung. Und sonst noch um allerlei, das sich da im Lauf der Jahrhunderte abgespielt hat.

In einem Gedicht zu seinem »Trotz-alledem«-Zyklus zitiert Guido Zingerl »Bruder Müntzer«, »Bruder Marx« und »Bruder Mandela« heran und meint: »Als wenn es ein Leben gäbe ohne sie / Ohne Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit / Ohne das Gespenst, das umgeht, immer noch, ruhelos, suchend und versuchend, / aber notwendig«. »Ich bin hoffnungslos wahnwitzig.«, folgert Zingerl. Wir hoffen, dass das noch lange so bleibt.

Lauschangriff und Berufsverbot

11. September 2013

Rücktitel der Ausgabe Sept./Okt. 2013

Guido Zingerl, Lauschangriff und Berufsverbot. Tusche, 2012

Guido Zingerl, Lauschangriff und Berufsverbot. Tusche, 2012

Titel der Ausgabe Juli-August 2013

9. September 2013

titel
14. Juni 2013: Mahnwache vor dem Kultusministerium in Baden-Württemberg für die Kündigung der Kooperationsvereinbarung mit der Bundeswehr.

Rücktitel der Ausgabe Juli-Aug. 2013

9. September 2013

ruecktitel

Diego Rivera (1886 – 1956), Hitler, Fresko. Der mexikanische Wandmaler arbeitete 1931 bis 1933 in den USA. Hier entstehen 1933 unter anderem die Bilder »Mussolini« und »Hitler«, mit denen Rivera Faschismus und Verfolgung thematisiert. Paneel der Fresken in New School for Social Research in New York.

Editorial

geschrieben von Regina Girod

9. September 2013

Juli-Aug. 2013

Bevor sich alle in die Sommerpause verabschiedeten, fand am letzten Juniwochenende in Berlin die Geschichtskonferenz der VVN-BdA unter dem Motto »Lizenz zum Terrror«. Das Jahr 1933. Vorgeschichte, Geschichte und Geschichtsbild statt. Eine interessante und gelungene Veranstaltung – wir eröffnen unsere Ausgabe mit einem Bericht über diesen Höhepunkt der Verbandsarbeit. Der in der letzten Ausgabe ebenfalls ankündigte Aktionstag gegen die »Deutsche Stimme« fiel dagegen im wahrsten Sinne des Wortes ins (Hoch-)Wasser. Da sich aber das Problem der Existenz von NPD und »Deutscher Stimme« auf keinen Fall von selbst erledigen wird, bleibt die Durchführung dieses Aktionstages weiter auf unserer Agenda stehen.

Das »Spezial« haben wir diesmal der Forderung gewidmet, die Bundeswehr nicht nur in den Sommerferien, sondern generell aus Schulen und Hochschulen zu verbannen. Aktivistinnen und Aktivisten berichten über Erfahrungen und Probleme antimilitaristischer Bündnisse. Vor allem in Baden-Württemberg engagieren sich Mitglieder und Kreisorganisationen der VVN-BdA seit vielen Jahren in diesem Bereich. Vielleicht eine Anregung für Antifaschistinnen und Antifaschisten in anderen Bundesländern, Kontakte zu den in Schulen und Hochschulen wirkenden Gruppen der Friedensbewegung zu aufzunehmen.

Der aktuellen Situation entsprechend, wird in mehreren Beiträgen dieser Ausgabe aus unterschiedlichen Perspektiven der Verfassungsschutz thematisiert. Ausgehend von immer neuen Enthüllungen über »Pleiten, Pech und Pannen« der Verfassungsschutzorgane im NSU-Komplex über die hochtönenden Pläne zu seiner Reformierung bis hin zur Skandalisierung der Tatsache, dass der hessische Verfassungsschutz Sylvia Gingolds Engagement in der VVN-BdA für speicherungswürdig hält, erhellen sie das Bild einer Behörde, die obwohl unter öffentlichen Druck geraten, beharrlich an ihren Feindbildern und antidemokratischen Praktiken festhält. Die Forderung nach Auflösung solch eines VS bleibt damit eine grundlegende Aufgabe für einen echten Verfassungsschutz.

Meldungen

geschrieben von Zusammengestellt von P.C.Walther

9. September 2013

Juli-Aug. 2013

Der Jenaer Jugendpfarrer Lothar König erhielt für sein langjähriges Engagement gegen Rechts von der thüringischen Sozialministerin Heike Taubert (SPD) den Thüringer Demokratiepreis. Dagegen wurde König von der sächsischen Justiz wegen angeblichen Aufrufs zur Gewalt gegen die Polizei (»schwerer Landfriedensbruch«) bei der Antinazidemonstration im Februar 2011 in Dresden vor Gericht gestellt. Trotz des Fehlens von Beweisen soll er verurteilt werden. Mit einer bundesweiten Solidaritätskampagne fordern kirchliche Initiativen und Verbände die Einstellung des Verfahrens. Dieser Forderung schloss sich auch Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse an. Mehrere Nebenkläger des Münchner NSU-Prozesses meldeten sich ebenfalls zu Wort. In einer gemeinsamen Erklärung solidarisieren sie sich mit Lothar König.

Der Bundesrat wird seinen NPD-Verbotsantrag erst nach der Bundestagswahl einreichen. Das bisherige Material sei noch zu ergänzen. Außerdem sei noch immer nicht bestätigt worden, dass die Materialsammlung der Innenminister ohne Material von V-Leuten sei.

Die NPD wird weiter staatlich finanziert. Das Bundesverfassungsgericht entschied Mitte Mai, dass die NPD weiterhin Geld aus der staatlichen Parteienfinanzierung erhalten müsse. Es sei unzulässig, Zahlungen an die NPD wegen deren Falschangaben in einem Rechenschaftsbericht zurückzuhalten.

Ein Kommentar nach Beendigung der Untersuchungen des Bundestags-Untersuchungsaus-schusses in Sachen NSU (dessen Bericht im September vorgelegt werden soll) und nach Beginn des NSU-Prozesses in München: »Zu viel ist in der Causa NSU noch immer im Verborgenen« (Spiegel-Online am 24.6.13).

Der neue Verfassungsschutzbericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz hält an der Gleichstellung von »Links«- und »Rechtsextremismus« fest, die sich laut VS-Präsident Maaßen »gegenseitig aufschaukeln« würden. Zahlenmäßig werden dem »Linksextremismus« 29.400 Angehörige (davon 7.100 »gewaltbereit«) zugerechnet, dem Rechtsextremismus 22.150. Allerdings sei davon jeder Zweite (also rund 11.000) als gewaltbereit einzustufen. Gefahren durch Rechtsterrorismus sieht Maaßen von »Einzeltätern« drohen. Der Rechtsextremismus stelle »in Deutschland kein ideologisch einheitliches Gefüge« dar, heißt es in dem VS-Bericht. Die Existenz »rechtsterroristischer Strukturen« wird lediglich als »möglich« bezeichnet. Das Hauptaugenmerk liegt weiterhin auf »islamistischen Tätern«. Ein Kommentar der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ vom 24.6.13), der sich ausführlich mit dem VS-Bericht befasst, bescheinigt dem Bundesverfassungsschutz »elementares Unwissen« und »oberflächliche Prognosen«. Das Amt beschränke sich auf eine »schematische Fortschreibung« bisheriger Tableaus.

Der Jüdische Weltkongress hat auf seiner Tagung in Budapest vor einem Erstarken neo-nazistischer Parteien in Europa gewarnt. Parteien wie der ungarische Jobbik, die griechische »Morgenröte« und die deutsche NPD wiesen deutliche Gemeinsamkeiten mit der Ideologie der NSDAP auf.

Ebenfalls eine »Zunahme von Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Nationalismus und Hass« in Ländern Europas sieht der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz. Zur Bekämpfung dieser Gefahren müssten die erforderlichen Instrumente entwickelt werden.

Rechtsextremismus wird von 57 Prozent der Deutschen als eine große Gefahr gesehen. Das ergibt eine Umfrage des Allensbacher Demoskopie-Instituts, deren Ergebnisse im Mai veröffentlicht wurden. Trotz der ständigen Darstellung eines angeblich existierenden allgemeinen »Extremismus« und der Beschwörung auch »linksextremistischer Bedrohungen« sehen lediglich 19 Prozent der Befragten im »Linksextremismus« ein großes Problem. Angesichts des Erlebens realer Bedrohung durch Neonazis (deutlich geworden durch die NSU-Mordserie) scheint die Wirkung der »Extremismus«-Propaganda nachzulassen.

Teilnehmer des europäischen Alternativgipfels sozialer Bewegungen, »Alter Summit«, der im Juni in Athen tagte, sprachen sich dafür aus, den nächsten 8.Mai zu einem paneuropäischen Tag des Widerstands gegen Nazis zu machen. In einem »Europäischen Antifaschistischen Manifest« werden die entsprechenden Forderungen und Vorhaben zusammengefasst.

Das von der Mehrheit des Europaparlaments verabschiedete sogenannte Asylpaket ist nach Bewertung von Pro Asyl ein »europäisches Inhaftierungsprogramm«. Aus dem Vorhaben sozialer Aufnahmebedingungen und eines »Schutzraums für Flüchtlinge«, wie er 2009 im Stockholmer Programm der EU gefordert wurde, seien Inhaftierungsrichtlinien geworden, für die sich auch die Bundesregierung vehement eingesetzt habe. Die Inhaftierung von Asylsuchenden drohe in der EU zur Regel zu werden. Gemeinsam mit den Betroffenen müsse jetzt in gerichtlichen Auseinandersetzungen dieses »exzessive europäische Inhaftierungsprogramm« bekämpft werden.

Einen entschlossenen Kampf gegen Antisemitismus forderte der Bundestag. Die Bundesregierung wird aufgefordert, ein unabhängiges Gremium mit der Erstellung eines Berichts über Antisemitismus in der Bundesrepublik zu beauftragen. Ursprünglich sollte dem Parlamentsbeschloss ein gemeinsamer Antrag aller Fraktionen zugrundeliegen; auf Verlangen der CDU/CSU wurde jedoch die Linksfraktion davon ausgeschlossen.

Zwei Jahre nach der polizeilichen Einkesselung von Nazigegnern bei der Antinazidemonstration im Mai 2011 in Göttingen erklärte nunmehr das Göttinger Verwaltungsgericht den Polizeikessel für rechtswidrig.

Der Bundesnachrichtendienst betreibt Mit- und Abhörpraktiken ebenso wie die Dienste der USA und Großbritanniens. Und er kümmert sich dabei ebenso wenig um Gesetze und Verbote. Ex-BND-Chef Hans-Georg Wieck erklärte unverblümt: Die Informationsbeschaffung werde »mit Mitteln« betrieben, »die in dem jeweiligen Land nicht gesetzlich zugelassen sind«, das sei »das natürliche tägliche Brot von Geheimdiensten« (Frankfurter Rundschau, 28.6.13).

Wer wollte diesen Tag?

geschrieben von Ernst Antoni

9. September 2013

Geschichtspolitische Konferenz der VVN-BdA zum Jahr 1933

Juli-Aug. 2013

Eingangs hatte sich Kurt Pätzold kritisch auf den TV-Filmemacher von »Unsere Mütter, unsere Väter« bezogen, der gemeint hatte, er wolle damit »ein Generationengespräch« einleiten: »Normalerweise sind die Leute, um die es dort ging, heute über 90. In diesem Alter ringt man meist mehr nach Luft als nach Worten für solch ein Gespräch.« Nun denn: Von Atemnot war nichts zu merken, als uns die Schriftstellerin Elfriede Brüning, immerhin 102 Jahre alt, eingangs live ihren Augenzeugenbericht von der Bücherverbrennung in Berlin vortrug. Und auch Kurt Pätzold soll ja schon die 80 überschritten haben. Vielleicht geht es einfach darum, wer sich mit wem auf solch ein »Generationengespräch« einlässt.

»Das Jahr 1933 – Vorgeschichte, Geschichte und Geschichtsbild«: Die Einlader hatten sich viel vorgenommen für einen Abend und einen knappen Tag. Dicht gedrängt die Referate und Diskussionsblöcke. Zum 30. Januar 1933 und zu den Folgen, die mit dem Tag der Machtübernahme der Nazis in Deutschland meist unverzüglich einsetzten.

Untersucht werden sollte, woher und von wem sie kam, die »Lizenz zum Terror«, die der Geschichtspolitischen Konferenz der VVN-BdA am 28. und 29. Juni in der Berliner Humboldt-Universität den Haupttitel gab. Oder, noch präziser, wie es Kurt Pätzold im Eröffnungsreferat auf den Nenner brachte: »Wer wollte den Tag in die Geschichte bringen – und wer hat ihn nicht verhindern können?«

Beim ersten Teil dieser Frage konnten sich die Referenten der Zustimmung des Publikums weitgehend sicher sein. Die Überschriften der Themenkomplexe: »Ein Führer wird gesucht. Gesellschaftliche Kräfte für Hitler« (Referent Otto Köhler; Hannes Heer, der mit ihm diesen Part übernommen hatte, musste leider aus gesundheitlichen Gründen absagen) und »Eine Demokratie schafft sich ab. Zur Rolle der bürgerlichen Parteien« (Ludwig Elm und Alexander Bahar).

Bei der »Schlussrunde« unter der Überschrift »Die Spaltung wurde erst im KZ überwunden. Niederlage und Widerstand der organisierten Arbeiterbewegung« (es referierten Klaus Kinner und Stephan Stracke), ging es manchen Anwesenden – Kinners kritische Ausführungen über die Politik der KPD vor und nach dem Jahr 1933 betreffend – doch spürbar ans »Eingemachte«. Aber auch hier zeigte sich, wie im gesamten Konferenzverlauf, dass es möglich ist, Kontroverses zu benennen und zu belegen und Widersprüche letztlich auch im Raum stehen zu lassen, ohne Gemeinsames aus den Augen zu verlieren.

Spätestens dieser Themenkomplex überzeugte mich vollends vom Konzept der (bislang) zweiten VVN-Geschichtskonferenz. Wurde doch versucht, mittels der »Doppelreferate« zu den einzelnen Themenbereichen ältere und jüngere Historiker und Publizisten zusammen zu spannen, unterschiedlichen Forschungsansätzen und -schwerpunkten Raum zu geben. In Sachen KPD-Politik bedeutete das, dass wir uns zum einen mit Beschlüssen und Dokumenten eines Parteiapparates und dessen führenden Persönlichkeiten auseinandersetzen mussten, zum anderen gleich danach aber auch mit der regionalen Praxis (am Beispiel Wuppertal und Velbert), mit dem konkreten Handeln von Menschen in Industriebetrieben nach der faschistischen Machtübernahme.

Wo die Plenums-Wertungen weniger kontrovers waren, bei den Darstellungen »bürgerlicher« Hilfestellung für die NS-Machtübernahme, gab es in den Diskussionen dennoch auch die Mahnung, manches differenzierter zu sehen, zum anderen aber auch viele Ergänzungen zu den aufgeführten Beispielen. Dafür, dass der »Gegenwartsbezug« nicht verloren ging, sorgte Otto Köhler mit einer Fülle von Beispielen aus Nachkriegsbiographien und -karrieren von NS-Helfern und -tätern. Früchte jahrzehntelanger publizistischer Recherche- und Veröffentlichungsarbeit, die bis heute unverzichtbar geblieben sind und deren Autor es auch als Vortragender immer noch versteht, ohne laut zu werden schönste polemischen Pointen zu setzen.

Lehrreich war auch, den »jüngeren« Referenten in ihre Spezialgebiete zu folgen. Am Eröffnungsabend kam neben Kurt Pätzold beim Themenbereich »Rassenkampf statt Klassenkampf. Ideologische und politische Grundlagen der Massengefolgschaft« Sven Fritz zu Wort. Sein Forschungsschwerpunkt ist das »Völkische«: Richard Wagner, Bayreuth und das Drumherum hat er im Blick, hat an der dort am Hügel zu sehenden Ausstellung »Verstummte Stimmen. Vertreibung der Juden aus den Festspielen« mitgewirkt. Sein Forschungsschwerpunkt ist der Wagner-Schwiegersohn und einstige Bestseller-Autor (»Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts«) Houston Stewart Chamberlain. Fritz sieht ihn als rassistischen Stichwortgeber von der Zeit Wilhelms II. bis zu den Nazis, den er stärker ins öffentliche Blickfeld rücken will.

Oder Alexander Bahar: In seinem Referat ging es um den »Preußenschlag« vom Jahr 1932, den »kalten Staatsstreich« der Reichskanzler Franz von Papen zum »Reichsverweser« von Preußen macht, der ihn die dortige SPD-Regierung absetzen lässt, ohne dass ihm von den Betroffenen nennenswerter Widerstand entgegengesetzt wird. Womit schon vor 1933 mit der Wahl von Hermann Göhring zum Reichstagspräsidenten den Nazis der Weg zur Machtübernahme bereitet wird. Bahars Schwerpunktthema, der Reichstagsbrand, dessen Täter und Nutznießer, wurde ebenfalls thematisiert und viele unterzeichneten die Petition zur Wiederaufnahme der Untersuchungen.

Intensiv und proaktiv

geschrieben von Ernst Antoni

9. September 2013

Der Inlandsgeheimdienst funkt aus dem Fitness-Zentrum

Juli-Aug. 2013

Nach wie vor wird auf den »Einsatz von V-Leuten« und eine angestrebte »Verzahnung von Auswertung und Beschaffung« mit den Diensten in den Bundesländern gesetzt. Zum Aktenschreddern steht im »Reform«-Dokument auch etwas: »Eine neue Dienstvorschrift zur Aktenvernichtung ist bereits in Kraft. Die Konsolidierung weiterer Dienstvorschriften hat begonnen.«

Ganz schnell noch, bevor alle in den Sommerferien verschwunden sind, stellten Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und Inlandsgeheimdienst-Chef Hans-Georg Maaßen den Medien ihre »Ergebnisse des Reformprozesses im Bundesamt für Verfassungsschutz« vor. In der Pressemitteilung des Amtes wird der Minister, wie immer worthülsengewaltig, mit dem Satz zitiert: »So stellt das BfV unter Beweis, dass es aus der Vergangenheit gelernt hat und sich fit macht für die Herausforderungen der Zukunft.«

Da ist es nur folgerichtig, dass in der den »Reformprozess« dokumentierenden fünfseitigen (!) BfV-Broschüre (Umschlag und Deckblatt nicht eingerechnet) beim Thema »Parlamentarische Kontrolle und Transparenz« steht: »Die Amtsleitung des BfV unterrichtet intensiv und proaktiv die parlamentarischen Gremien.« Rein fitnessmäßig stellt sich spätestens bei »proaktiv« die Joghurt-Frage: links- oder rechtsdrehend?

Die wiederum wird beantwortet durch das auch diese »Reform« konstituierende »Extremismus«-Modell und die Lebenserfahrung der in den vergangenen Jahrzehnten von der Tätigkeit des Dienstes Behelligten. Allerdings sei – so das Amt – nun eine »Priorisierung« vorgesehen: »Je gewaltorientierter ein Beobachtungsobjekt ist, desto intensiver kann der Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel gestaltet werden. Der gesetzliche Beobachtungsauftrag des BfV als solcher bleibt unverändert.«

Und wer definiert die »Gewaltorientiertheit«? Richtig: Das BfV. Da soll noch jemand sagen, dieser Dienst sei zu nichts nütze oder gar noch schlimmer und gehöre (zumindest so, wie es ihn heute gibt) schnellstens abgeschafft.

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