Workcamp in Buchenwald

geschrieben von Vorbereitungskreis

9. September 2013

Juli-Aug. 2013

Der vollständige Aufruf und das Programm finden sich unter www. antifacamp.net

68 Jahre nach dem Tag der Befreiung, 23 Jahre nach der »Wiedervereinigung« mit seitdem mindestens 182 zu beklagenden Opfern rechter Gewalt, 20 Jahre nach Solingen, 20 Monate nach dem Auffliegen der NSU/VS-Connection findet vom 27. Juli bis zum 4. August 2013 zum 25. Mal das AntifaCamp Weimar/Buchenwald statt.

Seit 23 Jahren treffen sich Antifaschist_innen regelmäßig, um sowohl direkt auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald zu arbeiten und zu recherchieren, als auch innerhalb des Camps inhaltlich zu agieren. Dabei ist uns die Kommunikation mit Zeitzeug_innen besonders wichtig. Die Arbeit auf der Gedenkstätte und der Austausch mit ehemals Verfolgten des Naziregimes, dienen hier als Grundlage für mögliche weitergehende Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und der Erarbeitung antifaschistischer Perspektiven in Gegenwart und Zukunft. Die Solidarität mit den Häftlingen und ihrem Widerstand stellt die Basis unserer gemeinsamen Arbeit dar.

Darüber hinaus wird in diesem Jahr neben der Beschäftigung mit den NSU-Morden der Schwerpunkt des AntifaCamps darin liegen, zu konkretisieren, wie Erinnerungsarbeit für uns in Zukunft aussehen kann; sowohl für jede_n Einzelne_n von uns persönlich, aber auch als Teil eines linksradikalen antifaschistischen Widerstandes und im Gegensatz zu staatlich gelenkter Erinnerungskultur.

Das Lager Groß-Rosen

geschrieben von Gerald Netzl

9. September 2013

Eine Gedenkstätte, die beachtet werden sollte

Juli-Aug. 2013

Das in Niederschlesien westlich von Breslau / Wrocław gelegene Lager Groß-Rosen (heute Rogoźnica) wurde von der SS im August 1940 als Außenlager des KL Sachsenhausen gegründet. Die Häftlinge mussten Zwangsarbeit im örtlichen Steinbruch leisten, der kurz vorher von der DESt (Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH, einem SS-Unternehmen) erworben worden war. Am 1. Mai 1941 erhielt Groß-Rosen den Rang eines eigenständigen Konzentrationslagers (Lagerstufe II, für »schwer belastete, jedoch erziehungs- und besserungsfähige Schutzhäftlinge«, wie es im SS-Jargon hieß). In den ersten beiden Jahren seines Bestehens war das Lager vergleichsweise klein und diente hauptsächlich der Steinproduktion. Infolge der vernichtenden zwölfstündigen Steinbruch-Arbeit täglich, den Hungerrationen, fehlender Schutzkleidung, der ständigen Misshandlung durch »grüne« Kapos und SS-Wachmannschaften war die Sterblichkeit hoch. Seit 1943 betrieb die Gestapo Breslau hier auch ein sogenanntes »Arbeitserziehungslager«.

Ein grundlegender Ausbau des Lagers erfolgte 1944, davor waren zwischen 500 und 1.000 Häftlinge monatlich inhaftiert. Sowohl der Charakter des Stammlagers wandelte sich (von der »Vernichtung durch Arbeit« hin zur höchstmöglichen Ausnutzung der Arbeitskraft) und es entstanden 100 Außenlager, vor allem in Niederschlesien, den Sudeten und auf den Mittelodergebieten, d. h. im heutigen Polen, Tschechien und Deutschland. Im Eulengebirge, das ist südlich des Stammlagers, mussten die Häftlinge einen riesigen unterirdischen Tunnelkomplex für ein geplantes Führerhauptquartier anlegen. Diese große Außenlager hieß »Arbeitslager Riese« und setzte sich aus vier großen und zwölf kleineren Lagern zusammen. Diese wurden von der Organisation Todt verwaltet. Niederschlesien galt als der »Luftschutzkeller« des Nazi-Reiches, sodass 1943 und 1944 auch Teile der westdeutschen Rüstungsindustrie dorthin verlegt wurden.

Bis zum 10. Juni 1944 überschritt die laufende Häftlingsnummerierung die Zahl 49.200. In den letzten Monaten des Jahres 1944 wurden ca. 1730 sog. »Nacht und Nebel«-Häftlinge, d. h. hauptsächlich Mitglieder der Widerstandsbewegung aus Belgien und Frankreich, die unter Geheimhaltung ihres späteren Schicksals ins Reich deportiert wurden, nach Groß-Rosen gebracht.

Insgesamt mussten durch das KL Groß-Rosen und seine Außenlager etwa 125.000 Häftlinge gehen, darunter 2.500 sowjetische Kriegsgefangene, die fast alle erschossen wurden, sowie Ende 1944 zigtausende »evakuierte« Häftlinge aus Au-schwitz. Die weitaus größte Häftlingsgruppe kam aus Polen (davon etwas mehr Juden als Nicht-Juden), danach Bürger der Sowjetunion sowie aus weiteren 23 Ländern. Die ungefähre Opferzahl wird auf 40.000 Menschen geschätzt, die SS vernichtete 1945 alle Unterlagen. Am 13. Februar 1945 erreichten Sowjetsoldaten der 70. motorisierten Brigade der 3. Gardepanzerarmee das vollständig verlassene, leere Lager Groß-Rosen.

Ein erstes Mahnmal wurde 1953 auf dem ehemaligen Lagergelände errichtet. Im Jahr 1983 wurde ein Museum ins Leben gerufen, das heute in verschiedenen Ausstellungen in wieder errichteten Häftlings-Baracken und SS-Gebäuden eine Reihe von Originalgegenständen zeigt. Museum bzw. Gedenkstätte werden von der niederschlesischen Woiwodschaft betreut, das Engagement und das Bemühen der Mitarbeiterinnen nach einer zeitgemäßen Ausstellung mit modernen Mitteln muss man würdigen. Eine bessere finanzielle Ausstattung wäre wünschenswert, damit dieser Ort des Gedenkens und der Mahnung seinem Stellenwert entsprechend gestaltet werden kann. Der Besuch ist heute schon zu empfehlen.

Hugo Geisslers Blutspur

geschrieben von Günter Wehner

9. September 2013

Gemeinsame Recherche eines deutschen und eines französischen
Historikers

Juli-Aug. 2013

Siegfried Grundmann/Eugène Martres: Hugo Geissler – vom Dresdner SA-Mann zum Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Vichy

Nora Verlagsgemeinschaft Dyck & Westerheide 2012, 478 S., br. 29,90 Euro.

Prof. Dr. Siegfried Grundmann verfolgte gemeinsam mit dem französischen Historiker Prof. Dr. Eugène Martres die langjährige Blutspur des Hugo Geissler. Die Autoren berichten, dass sich diese Spurensuche als außerordentlich schwierig erwies, da es nicht wenige Personen seines Namens mit unterschiedlicher Schreibweise gab, die bei der Gestapo bzw. der Polizei tätig waren.

Einleitend skizzieren die Autoren den Werdegang des Mannes der am 12. Juni 1944 von französischen Widerstandkämpfern erschossen wurde.

Breiten Raum widmet Grundmann dem brutalen Wirken des NS-Verbrechers Geissler von 1933 bis 1939 in Deutschland bei der Verfolgung deutscher Antifaschisten im Raum Dresden, bzw. in Sachsen insgesamt. Die akribische Arbeit des Autors fördert eine bemerkenswerte Faktenfülle zur verbrecherischen Tätigkeit des Kriminalkommissars Geissler zutage. Es ist unglaublich, wie viele Untaten auf das Konto dieses Mannes gingen, der seit 1933 im Dienst der Gestapo stand. Das Autorenteam belegt, wie gnadenlos Geissler bei der Zerschlagung antifaschistischer Gruppen des Sozialistischen Jugendverbandes (SAP), der »Roten Wehr« einer Nachfolgeorganisation des kommunistischen Rotfrontkämpferbundes (RFB) des Kommunistischen Jugendverbandes (KJVD), der KPD und der SPD vorging.

Die Autoren schildern Schicksale von Opfern Geisslers, dessen raffinierte und brutale Verhörmethoden dazu führten, dass jene nach dem Sturz des NS-Regimes von ihren Mitstreitern zu Unrecht des Verrats beschuldigt wurden, wie z. B. der Sozialist Horst Patzig und die Jungkommunistin Helene Fischer. Ausführlich wird geschildert, wie es Geissler gelang, V-Leute bzw. sich selbst in Widerstandsgruppen einzuschleusen, um sie zu zerschlagen.

Im Teil II der Publikation erfahren die Leser, dass Geissler ab 15. März 1939 zur Einsatzleitung der Gestapo in Prag gehörte. Knapp und präzise schildern die Autoren die Beteiligung des NS-Verbrechers bei der rücksichtslosen Verfolgung von Juden und deutschen Emigranten in der annektierten Tschechischen Republik. Der dritte Teil widmet sich wiederum mit einer Fülle sorgsam recherchierter Fakten dem verbrecherischen Wirken Geisslers als Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Vichy. Die Autoren belegen, dass Geisler beim Pétain-Regime die Auslieferung der führenden Sozialdemokraten Rudolf Breitscheid und Rudolf Hilferding an die Gestapo erzwang, die in den Kerkern des NS-Regimes umkamen.

Unbarmherzig jagte Geissler auch Kämpfer der Résistance, die in der Haft gefoltert wurden, bevor man sie ermordete. Am 12. Juni 1944 erschossen französische Partisanen den Gestapomörder, als er das Rathaus der Stadt Murat verlassen wollte. Dafür nahmen die deutschen Besatzer furchtbare Rache. Einhundertvier Einwohner des Ortes wurden verhaftet und in das KZ Neuengamme deportiert, dreiundsiebzig kamen dort um.

Die Autoren gehen auch auf die schwierige Proble-matik der Kollaboration ein und stellen abschließend fest, dass ihre Dokumentation über den NS-Verbrecher Geissler als Mahnung für die heutige Generation dienen möge.

Eine Literaturauswahl zur Thematik der vorliegenden Publikation regt sicher zum weiteren Nachforschen an.

Streut nicht ihre Lügen aus

geschrieben von Roland Suck

9. September 2013

Juli-Aug. 2013

Aaron Podsol: Doktor Kohl kuriert und Willy Brandt plädiert. Texte über Zerfallendes Verborgenes Ergründetes. – Gelnhausen : Wagner-Verlag, 2012. – 205 Seiten, 12,80 Euro

Das Buch des thüringischen Schriftstellers Aaron Podsol enthält einen siebenseitigen Aufsatz mit dem Titel »Nimmersatte Skrupellose Dividendenmaximierende Ausrottungspartei«. Gemeint ist die weithin bekannte, allseits genannte, von ihren Gründern als »Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei« ausgegebene verbrecherische Organisation.

Der scharf formulierte, aber nachdenkliche Aufsatz entsprang dem Unbehagen des Autors darüber, wie hemmungslos in der Bundesrepublik Deutschland die Wörter »Nationalsozialismus-Nationalsozialisten-nationalsozialistisch« und die flotte Abkürzung NS gebraucht werden. Sogar ein Gedenktag für die Opfer des Naziregimes wurde mit diesem Lügenkonstrukt ausstaffiert.

Die Mörder mit dem Hakenkreuz bei dem Namen zu nennen, bei dem sie genannt sein wollten, mindert nicht ihre Schuld. Aber ihre Selbstadelung verstößt gegen den Geist der deutschen Sprache, gegen Logik, Exaktheit und die Werte der Aufklärung. Es geht nicht um Wortklauberei, es geht darum, einen markanten Trennungsstrich zu ziehen – auch in der Sprache.

Aaron Podsol erläutert diese Zusammenhänge und bietet Alternativen für die Naziwörter an, die man in Schule, Studium, Beruf und Medien verwenden kann. Der Autor plädiert für exakten Wortgebrauch und gegen den Versuch der Gleichsetzung von DDR und Hitlerdeutschland.

Ein Deutscher in der Résistance

geschrieben von Ulrich Schneider

9. September 2013

Peter Gingolds Lebenserinnerungen nun auch in Frankreich erschienen

Juli-Aug. 2013

Am 7. Juni 2013 erlebte das Pariser Rathaus eine besondere Veranstaltung. Die autobiographischen Erinnerungen von Peter Gingold, die in der deutschen Ausgabe im PapyRossa-Verlag bereits ihre dritte Auflage erlebt haben, wurden nun in französischer Sprache herausgegeben. Der Verlag L’Harmattan hat ihre Übersetzung unter dem Titel »Jamais résignés« (Niemals resigniert) in seiner profilierten Biographien-Reihe veröffentlicht. Aus diesem Anlass lud der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë zu einem Empfang in den Festsaal des Rathauses – und 200 Gäste aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft folgten der Einladung. Natürlich waren die Mitglieder der Familie Gingold anwesend, die Freunde der Familie und Übersetzer des Buches, aber auch Vertreter großer historischer Institute und wissenschaftlicher Einrichtungen – unter ihnen die Leiterin des Maison Heinrich Heine, Professoren der Pariser Universitäten und der Vertreter des deutsch-französischen Jugendwerks – waren unter den Gästen gemeinsam mit Vertretern von Veteranenverbänden und antifaschistischen Organisationen, die mit der FIR verbunden sind.

In verschiedenen Ansprachen wurden Peter Gingold und seine Aufzeichnungen gewürdigt. Sein Bruder Siegmund und seine Tochter Alice sprachen aus der Sicht der Familie, Anne Jollet, verantwortliche Herausgeberin der Fachzeitschrift Cahiers d’histoire, formulierte Grundfragen der Geschichtspolitik und des Umgangs mit der Geschichte der Arbeiterbewegung und des antifaschistischen Kampfes. Als Bundessprecher der VVN-BdA und Generalsekretär der FIR betonte ich die Bedeutung des Internationalismus in Peters Selbstverständnis und die Bedeutung der Vermächtnisse der Zeitzeugen für die nachgeborenen Generationen. Claude Pennetier, Historiker und Leiter eines Projekts eines biographischen Lexikons der Arbeiterbewegung, unterstrich die große Bedeutung der Zeitzeugen. Der Konservator des nationalen Museums des Widerstandskampfes Guy Krivopissko erinnerte an weitere Deutsche in der Resistance und betonte, wie wichtig die Erinnerung an den antifaschistischen Kampf auch in Frankreich ist, während Maurice Clinq als Vertreter der FNDIRP bewegend erzählte, wie er als Vertreter der FNDIRP und Peter Gingold für die VVN gemeinsam in antifaschistischen Projekten Jugendlichen die historischen Erfahrungen des Widerstands weitergeben konnten. Ein beeindruckender Moment war, als Siegmund Gingold den Mord an einem jungen Antifaschisten wenige Tage zuvor in Paris leidenschaftlich verurteilte und sich die gesamte Versammlung ihm zu Ehren zu einer Schweigeminute erhob.

Nach den Reden folgte noch eine kurze Aussprache, in der unter anderem an das Berufsverbot für Silvia Gingold erinnert wurde. Silvia nutzte die Gelegenheit, den französischen Freunden noch einmal für die erwiesene Solidarität zu danken. Für ungläubiges Staunen hatte bereits Alice gesorgt, als sie in ihrem Beitrag darauf aufmerksam machte, dass der hessische Verfassungsschutz über Silvia Gingold schon allein deshalb »Erkenntnisse« unter der Überschrift »Linksradikalismus« sammele, weil sie mit einem »führenden Funktionär der VVN-BdA« eine Lesereise mit dem Buch von Peter Gingold durch Bayern gemacht habe. (siehe unser Beitrag auf Seite 6)

Erfreulich und erstaunlich war daher aus bundesdeutscher Perspektive das völlig unverkrampfte Verhältnis aller Redner einschließlich des Vertreters des Pariser Bürgermeisters gegenüber einem deutschen kommunistischen Widerstandskämpfer. In Frankreich jedenfalls bleibt Peter Gingold eine anerkannte Persönlichkeit und dank des Buches auch weiter unvergessen.

Linker Antizionismus?

geschrieben von Markus Tervooren

9. September 2013

Peter Nowak möchte die Antisemitismusdebatte versachlichen

Juli-Aug. 2013

Peter Nowak: Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken. Mit einem Interview mit Peter Ullrich. 96 Seiten, 9,80 Euro

Reihe: Reihe Antifaschistische Politik (RAP), Band 4, Reflexionen, Band 1,

Erschienen im März 2013

In einer Veranstaltung »palästinasolidarischer« Linker im Hamburg der späten 80iger Jahre kamen mir erstmals erhebliche Zweifel an meiner, unter Linken weitverbreiteten, »antiimperialistischen« Sicht auf den Staat Israel und damit auch auf seine Bewohner. Karam Khella, Sozialpädagoge, »Palästina-Spezialist« und erklärter Antizionist, reihte kühn Imperialismus-Zionismus-Faschismus aneinander und schob den Juden die Schuld an ihrer eigenen Vernichtung mit zu. Der Holocaust erschien als gemeinsames Projekt der deutschen Faschisten, der britischen Kolonialisten und natürlich der »Zionisten«. Meine Frage an meinen Nachbarn ob der Typ da vielleicht ein Antisemit sei, beantwortet dieser mit einem Kopfnicken und wir verließen den Saal. Bis dahin war meine Antisemitismusdefinition recht einfach gewesen: Linke können keine Antisemiten sein.

Der freischaffende Berliner Journalist Peter Nowak würde in seiner »Kurze(n) Geschichte der Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken« die Aussagen Khellas vermutlich als »regressiven Antizionismus« oder »regressive Israelkritik« bezeichnen. Das ist durchaus auch als Verteidigung von eben nicht »regressiven« also »ehrbaren« antizionistischen Positionen zu sehen, Positionen die sich nicht Antisemitismus, Weltverschwörungsszenarien und rechten Weltbildern öffnen.

Aber Peter Nowak möchte die mittlerweile 25 Jahre andauernden Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken wieder diskutierbar machen, die Debatte »versachlichen«, ein Anliegen dass er vermutlich mit vielen Linken seiner Generation teilt.

Dazu beschäftigt er sich mit den beiden vermeintlich feindlichen Schwestern in dieser Debatte.

Das Büchlein versucht knapp, die Entstehung, Begründung und Berechtigung der damals neuen »antideutschen« und »israelsolidarischen« Ansätze in der deutschen Linken und der Antifa nach 1990 im »wiedervereinigten« Deutschland aufzuzeigen.

Parallel dazu untersucht er die klassischen »antiimperialistischen« und »antizionistischen« Positionen der neuen Linken auf ihren linken (Rest?)Utopiegehalt.

Und er zeigt auf, dass die Debatte um die Positionierung im Israel-Palästina Konflikt bzw. der schwierigen solidarischen Positionierung zum Staat der Überlebenden, die auch in der VVN-BdA oft so erbittert geführt wird, nicht erst mit den »Antideutschen« begann.

Nützlich für den Versuch einer Versachlichung sind aber vor allem die aufgeführten Grundlagentexte dieser Diskussionen. Beginnend mit der Mahnung Ulrike Meinhofs von 1967, dass »es für die europäische Linke keinen Grund (gibt), ihre Solidarität mit den Verfolgten aufzugeben, sie reicht in die Gegenwart und schließt den Staat Israel ein« über Moische Postones Kritik an der Friedenbewegung bzw. Antiraketenbewegung, die eine »deutschnationale Erweckungsbewegung« sei, kommen wir bei der »Nie wieder Deutschland-Bewegung« an. Wir erfahren etwas über die Empathielosigkeit deutscher Linker mit den von irakischen Raketen bedrohten Holocaustüberlebenden im 1. Golfkrieg in Israel, den Versuch der RZ in ihrem Text »Gerd Albartus ist tot« den eigenen als Antizionismus daherkommenden Antisemitismus zu untersuchen. Und wir begegnen nicht zuletzt den linken Zeitungen in denen dieser »Streit« ausgetragen wurde. Ein kurzer Diskurs über die Debatte in der DDR vor und nach der »Wende« und ein Literaturverzeichnis erhöhen den Gebrauchswert überdies.

Das Adjektiv »kurz« trägt Nowaks Geschichte der Antisemitismusdebatte übrigens zu Recht, es fehlt vieles, allzu vieles gerade Leuten die die Debatten über die Jahre mitverfolgt haben. Und auch der Vorschlag Nowaks, lediglich die »regressiven« Positionen der »feindlichen Schwestern« aus einer zukünftigen Diskussion herauszuhalten, erscheint mir ein wenig zu kurz. Dass Jean Améry schon 1967 im Antizionismus nichts als den »ehrbaren Antisemitismus« entdecken konnte, Antizionismus nicht für diskutierbar hielt, wird dieses Anliegen doch erheblich erschweren.

Trotzdem ist das Buch auch gerade für jüngere Einsteiger/innen ein empfehlenswerter Crash-Kurs, mehr will es wohl auch nicht sein. Und das Anliegen Nowaks, die Debatte weiterzutreiben, ist mehr als zu begrüßen.

Verlag der Exilschriftsteller

geschrieben von Janka Kluge

9. September 2013

Querido: Überlebenshilfe für vertriebene Autoren und ihre
Werke

Juli-Aug. 2013

Als 1933 viele Schriftsteller Deutschland verlassen und in anderen Ländern Asyl suchen mussten, änderte sich bei den meisten mit einem Schlag auch ihre wirtschaftliche Situation. Nach den Bücherverbrennungen und den Säuberungen von Buchhandlungen und Bibliotheken von missliebigen Autoren konnten die meisten von ihnen in Deutschland keine Bücher mehr verkaufen.

In dieser Situation bot der niederländische Verleger Emanuel Querido im April 1933 Fritz Helmut Landshoff die Gründung eines Exilverlags für geflüchtete deutsche Autoren an. Der neue Verlag sollte als eigenständiges Tochterunternehmen neben dem eigentlichen Em. Queridos´s Uitgeverij MU N.V. Verlag existieren. Am 14. Juli 1933 wurde dann der Querido Verlag als Aktiengesellschaft gegründet.

Landshoff brachte nicht nur seine Erfahrung als Verleger ein, sondern auch vielfältige Kontakte zu fortschrittlichen Schriftstellern Deutschlands. Er war seit 1927 Teilhaber des Gustav Kiepenheuer Verlags, der sich durch die Veröffentlichung von Schriftstellern, die politisch links eingestellt waren, einen Namen gemacht hatte. Nach der Machtübertragung an die Nazis mussten fast alle diese Autoren fliehen. Bei Kiepenheuer waren das erste Buch von Anna Seghers »Der Aufstand der Fischer von St. Barbara« und Werke von Benn, Brecht und Joseph Roth erschienen.

In den ersten Wochen seiner Arbeit reiste Landshoff zu vielen im Exil lebenden Schriftstellern und bot ihnen Veröffentlichungen im Querido Verlag an. Dank seiner Freundschaft mit Klaus Mann konnte er diesen gewinnen, seine Zeitschrift »Die Sammlung« bei Querido zu veröffentlichen. Zu den vielen Autoren, die Querido aufnahm, gehörten Theodor W. Adorno, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Max Horkheimer, Hermann Kesten, Thomas und Heinrich Mann, Erika und Klaus Mann, Ludwig Marcuse, Erich Maria Remarque, Joseph Roth, Anna Seghers und Arnold Zweig. Landshoff bot den Schriftstellern ein neues Bezahlungssystem an. Er zahlte Honorare bis sie die Manuskripte abgeliefert hatten, und nicht erst anschließend nach den Verkaufszahlen. Durch dieses System konnten viele von ihnen überhaupt erst überleben.

Nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Niederlande wurde Emanuel Querido verhaftet. Er kannte als aktiver Sozialdemokrat und Jude die Gefahr, der er ausgesetzt war. Zusammen mit seiner Frau Jane Querido-Kozijn wurde er am 23. Juli 1943 von den Nazis in Sobibor ermordet. Der Verlag wurde sofort nach dem Einmarsch der Wehrmacht verboten und seine Lager zerstört. Fritz Landshoff hielt sich während der Besetzung der Niederlande in England auf. Ihm gelang 1941 die Flucht über Mexiko nach Amerika. Auch hier setzte er sich für Schriftsteller im Exil ein und gründete zusammen mit Gottfried Bermann Fischer die L.B. Fischer Publishing Corporation.

Doch an den Erfolg des Querido Verlags konnten sie nicht mehr anknüpfen. Ihr Verlag bestand nur bis 1946. 1948 gründeten sie in Amsterdam gemeinsam den Bermann Fischer / Querido Verlag. Der größte Erfolg dieses Verlags wurde die Anthologie »Klaus Mann zum Gedächtnis«. Es war gleichzeitig seine letzte Veröffentlichung.

Gottfried Bermann Fischer war bereits 1928 in den S. Fischer Verlag seines Schwiegervaters eingestiegen. Als der 1934 starb, übernahm er die Geschäftsleitung. Als der Antisemitismus der Nazis immer offensichtlicher wurde, emigrierte er 1936 nach Wien, dann nach Stockholm und später nach New York. Er übergab die Geschäfte Peter Suhrkamp, damit dieser den Verlag über die Nazizeit bringe. Peter Suhrkamp benannte ihn in Peter Suhrkamp Verlag um. Nach 1945 kam es zwischen Gottfried Bermann Fischer und Peter Suhrkamp zum Streit um die weitere Ausrichtung des Verlags. Nachdem Peter Suhrkamp das Unternehmen verlassen hatte, zog Gottfried Bermann Fischer nach Frankfurt zurück und gründete den Fischer Verlag neu. Den Autoren des Suhrkamp Verlags wurde freigestellt, bei welchem Verlag sie in Zukunft veröffentlichen wollen.

Fritz Hellmut Landshoff zog nach der Trennung von Fischer zurück nach New York und arbeite im Kunstverlag Harry N. Abrams als stellvertretender Verlagsleiter. Der Spiegel schrieb in einem Nachruf nach seinem Tod am 30. März 1988: »Dem großen Germanisten aus wohlhabenden jüdischen Haus gelang es gleich zweimal in seinem Leben, für die deutsche Literatur wichtige Verlage am Leben zu erhalten oder zu gründen (…)« Es bleibt zu ergänzen: Ohne das Engagement des Verlegers im Exil hätten viele Schriftsteller in der Fremde nicht überleben können und wir würden ihre Werke heute nicht kennen.

Offene Wunden

geschrieben von Regina Girod

9. September 2013

Gedanken über den Umgang mit Verbrechen der Stalinära

Juli-Aug. 2013

Zeitgleich laufen in Berlin zwei Ausstellungen, die sich mit Aspekten des Terrors in der Stalinära beschäftigen. Das Deutsche Historische Museum präsentiert im Pei-Bau die von der Stiftung Gedenkstätte Buchenwald und der russischen Menschenrechtsorganisation »Memorial« erarbeitete Schau »Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929-1956« und in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand erinnert die Ausstellung »Ich kam als Gast in euer Land gereist …« an Familienschicksale deutscher Hitlergegner, die Opfer des Stalinterrors wurden.

Beide Ausstellungen hinterlassen einen tiefen Eindruck und ihr Besuch ist zu empfehlen- wenn man mit dem Widerspruch leben kann, dass mehr zu erfahren nicht auch bedeuten muss, mehr zu verstehen. Mit welchen Gedanken Besucher die Präsentationen verlassen, die wenig über die barbarischen Kriege und Kämpfe des 20. Jahrhunderts wissen, ist schwer zu sagen. Vor allem in dem von Schulklassen und Touristen frequentierten DHM dürften sie jedoch die Mehrheit der Betrachter ausmachen.

Es handelt sich dabei um ein generelles Problem der Vermittlung von Geschichtsbildern, denn es gibt keine »objektive« Sicht auf die Geschichte. Je weiter die eigene Lebenswelt und die persönlichen Erfahrungen von einem historischen Gegenstand entfernt sind, desto schwieriger ist seine angemessene Darstellung. Vermittler und Rezipienten bringen in jedem Fall ihre kulturellen und sozialen Erfahrungen ein – sie projizieren ihre Sicht in die Geschichte. Die Macher der GULAG-Ausstellung ordnen so die Geschichte der Straf- und Arbeitslager ein in ihr Bild von der Sowjetunion. Es ist, was nicht verwundert, die Sicht ihrer Gegner nach deren Sieg. Ihre Grundthese lautet: Die Sowjetmacht konnte sich nur mittels Terror halten. So wie Stalin die Macht in der KPdSU mit Gewalt eroberte, regierte er danach das Land mit Angst und Schrecken, Den Antagonismus zwischen den erklärten politischen Zielen der Sowjetmacht und dieser Form der Machtausübung lösen die Ausstellungsmacher auf, in dem sie erstere zu Propaganda erklären. So einfach können es sich die Parteigänger des Sozialismus nicht machen. Ihnen bleibt die schwere Arbeit vorbehalten, die Verbrechen des Stalinismus zu bekennen, doch darüber hinaus auch um das Verständnis ihrer Ursachen zu ringen. Das sind sie den Opfern schuldig, ihrer Sache – und sich selbst.

Da es jahrzehntelang kaum eine gesellschaftliche Auseinandersetzung zu dem Thema gab, die Verbrechen verschwiegen, verleugnet oder verharmlost wurden und die Frage, welche Folgen die institutionalisierte Gewaltherrschaft in der Gesellschaft hinterließ, bis heute nicht öffentlich debattiert wird, leisten Projekte wie die Gulag-Ausstellung einen Beitrag zur Aufklärung, auch wenn ihre ideologischen Prämissen kritisch zu hinterfragen sind.

Ob jedoch deutsche Besucher dieser Ausstellung in der Lage sind, selbständig einen Bezug zu den unermesslichen Verbrechen herzustellen, die Nazideutschland im Krieg gegen die Sowjetunion genau in jener Zeit verübte, scheint mir zweifelhaft. Über andere lässt sich immer einfach richten.

Die zweite, in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand gezeigte Ausstellung, ist ein Ergebnis der Arbeit der Projektgruppe Sowjetexil bei der Berliner VVN-BdA, deren Antrag auf Anbringung einer Gedenktafel am Karl-Liebknecht-Haus in den vergangenen Monaten hitzige Debatten ausgelöst hat. Sie präsentiert jeweils auf deutsch und russisch Fotos und Dokumente verfolgter deutscher Antifaschisten, die vor allem der so genannten »deutschen Operation« im Jahr 1936 zum Opfer fielen. Das Besondere an dieser Ausstellung ist, dass hier Hinterbliebene ihre eigene Familiengeschichte dokumentieren. Eine ungewöhnliche und berührende Form, die Traumata zu überwinden, die mit dem Entsetzen einhergehen, nicht von den Feinden, sondern von den »eigenen Leuten« vernichtet zu werden.

Die Ausstellungmacher setzen ganz auf die Wirkung der nüchtern dokumentierten Lebens- und Verfolgungsgeschichten. Im Unterschied zur Gulag-Ausstellung enthalten sie sich jeder Deutung. Den beigegebenen Erklärungstafeln ist zu entnehmen, dass das Politbüro der KPdSU die »deutsche Operation« billigte und ihm auch eine Namensliste vorlag. Doch das macht alles eher noch unbegreiflicher. Wie entsteht eine solche Verblendung? Die Betroffenheit, mit der man die Ausstellung verlässt, wurzelt zu einem guten Teil in diesem Gefühl völliger Ratlosigkeit.

Was dem Besucher der Ausstellung in der gewählten Form vorenthalten bleibt, sind die Erinnerungen und Reflexionen von Überlebenden des stalinistischen Terrors. Zum Glück gibt es die aber. Drei Bücher haben meinen eigenen schmerzhaften Weg des Verstehens von Zusammenhängen in Gang gesetzt und begleitet. »Totgesagt« von Trude Richer, »Das Exil der Gabriele Stammberger« von Michael Peschke und »Treibeis am Jenissej« von Walter Ruge. Sie sind alle noch antiquarisch zu erhalten.

Ungewöhnliche Zugänge

geschrieben von Thomas Willms

9. September 2013

Die Zeitzeugeninterviews der Shoah Foundation

Juli-Aug. 2013

Bundeszentrale für politische Bildung/Freie Universität Berlin: Zeugen der Shoah; 4 DVDs + 4 DVD-ROM, 4,50 Euro

Zeugen der Shoah, Schulisches Lernen mit Video-Interviews, DVD-Begleitheft für Lehrende, 98 Seiten, 3,00 Euro

Die Videos sind eindrücklich und sehr aufschlussreich. Zugleich zerren sie an den Nerven und verleiten zum »wegklicken«. Sie widersprechen den Sehgewohnheiten, liefern keine spannenden Bilder, sind aber zugleich unberechenbar und unvorhersehbar.

Online-Plattform für die überwiegend deutschsprachigen Interviews (Zugang nach einfacher Registrierung) http://www.zeugendershoah.de

Nathan (Emil) Carlebach, Sylvia Ebel, Etty Gingold, Peter Gingold, (Kurt) Julius Goldstein, Ewald Hanstein, Max Kahane, Rahel Springer, Klaus Sternberg und viele andere.

Als bei irgendeiner geschichtspolitischen Debatte das Jammern über das Verschwinden der Zeitzeugen wieder einmal schlimm wurde, hieß es von einem Gedenkstättenmitarbeiter trocken, was man denn wolle: Heute hätte man in Form von Videos doch mehr Zeitzeugenberichte zur Verfügung, als jemals zuvor.

Richtig ist daran auf jeden Fall, dass gefilmte Zeitzeugeninterviews zunehmend in das Bildungswesen und die Medienlandschaft eingeführt werden. Führend ist die von Stephen Spielberg gegründete »Shoah Foundation«. Spielberg produzierte mit »Schindlers Liste«1993 nicht nur einen der wirkungsmächtigsten Spielfilme zum Thema, sondern direkt daran anschließend mit dem »Visual History Archive« auch das mit Abstand größte Oral History-Projekt (52.000 Interviews mit einer Gesamtlaufzeit von 120.000 Stunden). Heute angesiedelt an der Universität von Südkalifornien (USC) spielt das Institut eine weltweit führende Rolle bei der Aufbereitung und Verbreitung dieser besonderen Form von Quelle. Die Interviews wurden katalogisiert, digitalisiert, sequenziert, teilweise übersetzt und transkribiert so dass auch mittels Schlagworten gesucht werden kann. In Deutschland ist der volle Zugriff bislang nur im Campusnetz der FU Berlin möglich.

Das »Center für Digitale Systeme« (CeDiS) der FU hat nun Instrumente entwickelt, um diesen Fundus in den deutschen Schulbetrieb einzuführen. Die 900 deutschsprachigen Interviews und 50 fremdsprachliche sind verschriftlicht und auf einer Internetplattform zugänglich gemacht worden. Für eine seit Ende 2012 preiswert vertriebene DVD-Edition wurden zwölf Interviews ausgewählt und mit didaktischen Kommentaren, Materialien und Arbeitsvorschlägen versehen. Sie decken die Themen »Fliehen«, »Überleben«, »Widerstehen«und »Weiterleben«ab und stellen eine möglichst weite Auswahl der Schicksale dar, inklusive beispielsweise eines verfolgten Homosexuellen.

Das sehr gute Lehrerbegleitheft besteht zur einen Hälfte aus praktischen Hilfestellungen für Lehrende, zur anderen aus einer theoretischen Einordnung. Der Theorieteil thematisiert ausführlich die besondere Art dieser Quellen und macht deutlich, dass man sich ihnen sehr bewusst nähern sollte. Die Öffentlichkeit ist die Nutzung von Zeitzeugen als Autoritätsbeweis und zur Gefühlsuntermalung im Minutentakt gewohnt, mithin als Instrument der Antiaufklärung. Diese Interviews aber sind lang, streckenweise hölzern und scheinbar emotionslos. Man muss zwischen den Zeilen lesen, merkwürdige Äußerungen und Stockungen ernstnehmen.

Der Einsatz der Videos setzt ausreichend Zeit, reflektiertes methodisches Verständnis, gute historische Kenntnisse bei den Schülern und sehr gute bei den Lehrenden voraus. Wer Einblicke in den schulischen Alltag hat, wird zustimmen, dass diese Kombination von Voraussetzungen nur in Ausnahmefällen gegeben ist. Zu befürchten ist, dass es leicht auf »Heute schauen wir mal ein Video« hinausläuft.

Als historische Quelle sind die Videos schwierig. Es handelt sich – was bei der schieren Masse leicht untergeht – um eine vielfach eingeschränkte Auswahl der NS-Opfer. Die Menschen mussten den Faschismus nicht nur überlebt haben, sondern auch noch Mitte der 90er Jahre bereit sein darüber vor der Kamera Auskunft zu geben. Sie taten dies häufig in einer anderen Sprache (Englisch) als der, die sie seinerzeit sprachen. Sie sind durch die Erzähltraditionen zum Thema beeinflusst, die sich z.B. zwischen den USA und Israel stark unterscheiden. Es handelt sich zu fast 99 Prozent um jüdische Opfer. Naturgemäß schildern sie fast ausschließlich die Sicht von Kindern und Jugendlichen, die aber ausgedrückt wird von Menschen im Großelternalter.

Und ein Problem stellt auch das in den 90er Jahren gewählte »Setting« dar, in dem man die Interviewer – wobei es sich überwiegend um Laien handelte – nicht sieht. Sie arbeiteten einen vorgegebenen detaillierten Fragenkatalog ab und dies auch nicht immer sensibel. Es stellt sich somit die Frage, wem in diesen Filmen eigentlich etwas erzählt wird. Den Interviewern? Dem Kameramann? Den im Nebenraum wartenden Angehörigen? Einem imaginären Zuschauer von 2013?

Der Schritt der Shoah Foundation, die an heimischen Wohnzimmertischen entstandenen Videos in großer Zahl auf Youtube einzustellen, ist vielleicht unvermeidlich, aber nicht ohne Risiken. Es handelt sich immerhin um eine Medienumgebung, in der man zum Beispiel dadurch Anerkennung gewinnt, dass man den größten »Fake«-Film einstellt (»Kind auf Spielplatz von Adler entführt!«). Ganz zu schweigen von der Kommentarfunktion, die vielleicht besser ausgeschaltet worden wäre.

Von unmittelbarem Interesse für die VVN-BdA sind die auf der Online-Plattform veröffentlichten stundenlangen Interviews mit vielen unserer meist nicht mehr lebenden Kameradinnen und Kameraden. Wir sollten uns ansehen, wie und was sie den Interviewern aus dem in der Regel eher fremden kulturellen Milieu der Shoah Foundation erzählt haben. Vielleicht bekommt man hier Antworten auf Fragen, die wir ihnen gar nicht gestellt haben.

Auf der ganzen Welt

geschrieben von Cornelia Kerth

9. September 2013

Eine lange unbeachtete Dimension des Krieges rückt ins Blickfeld

Juli-Aug. 2013

In China, Südostasien, Indien und im Pazifik führten die Japaner einen barbarischen Krieg. Allein in China fielen ihm mehr Menschen zum Opfer als in den faschistischen Achsenmächten zusammen. 200.000 koreanische Frauen wurden als Zwangsprostituierte der kaiserlich-japanischen Armee verschleppt, misshandelt und viele von ihnen ermordet.

An der Seite der faschistischen Wehrmacht kämpften »arabische Hilfstruppen« und eine »indische Legion«. Unter den alliierten Soldaten, die England und Frankreich gegen das faschistische Deutschland und seine Verbündeten ins Feld schickte, waren in Afrika und Asien ebenso wie in Europa (meist) Zwangsrekrutierte aus allen Ländern ihrer Kolonialreiche.

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Komisch ist das schon: auch in »unseren Kreisen« ist wenig darüber bekannt, dass der Zweite Weltkrieg tatsächlich auf der ganzen Welt tobte: Millionen von Toten aus allen Kontinenten – Soldaten, Partisanen, Zwangsarbeiter, Zivilistinnen – , und Kriegsschauplätze entlang der lateinamerikanischen Küste, in Nord- und Westafrika, im Nahen Osten, in China, Indien und Südostasien sowie auf zahlreichen Inseln im Pazifik, an die keiner denkt, wenn von diesem Weltkrieg die Rede ist.

Beschränkt man seinen Blick nicht auf Europa, sondern richtet ihn tatsächlich auf die Welt, hat dieser Krieg schon am 3. Oktober 1935 begonnen, dem Tag, an dem 300.000 italienische Soldaten unter dem Kommando von 7.000 Offizieren und in Begleitung von 150.000 eritreischen, somalischen und libyschen »Askaris« in Äthiopien einfielen. 50.000 Mann standen auf der anderen Seite unter dem Kommando Haile Selassies zur Verteidigung bereit.

Am Tag der Befreiung, am 8. Mai 1945 gingen die Menschen in mehreren algerischen Städten auf die Straße um De Gaulle daran zu erinnern, das den algerischen Freiwilligen auf den Schlachtfeldern Europas versprochen worden war, auch ihre Freiheit zu erkämpfen. Sie wurden zusammengeschossen. Französische Quellen sprechen von bis zu 8.000 Toten, algerische nennen 45.000 Opfer. Erst danach formierte sich in Algerien der bewaffnete anti-koloniale Widerstand.

Vor allem Soldaten aus Westafrika haben einen hohen Blutzoll für die Befreiung Europas vom Faschismus gezahlt. Gedankt hat ihnen das niemand. Wer hat hier je gehört, dass tausende westafrikanische Soldaten der französischen Armee unmittelbar nach ihrer Gefangennahme in Frankreich von Einheiten der Wehrmacht von ihren weißen Kameraden getrennt und regelrecht abgeschlachtet wurden?

Bei vielen Kämpfen in vorderster Front eingesetzt, hatte De Gaulle die afrikanischen »Tiraillleurs« schon in Durchgangslager zum Rücktransport verfrachten lassen, als der Marsch auf Paris begann. Viele der Rückkehrer landeten zunächst im Senegal im »Camp de Thiaroye«, wo sie auf die Auszahlung ihres restlichen Soldes und der Entlassungsprämie warteten, die ihnen aber von den Offizieren dort – oft Anhänger der Vichy-Regierung – verweigert wurden. Als sie dagegen revoltierten, wurden sie niedergeschossen. Der bislang wichtigste Schriftsteller und Filmemacher Westafrikas widmete der Tragödie einen Film, in Europa weiß man nichts darüber.

Wer weiß, dass die Japaner in den ersten 3 Tagen nach der Einnahme der Stadt Nanking dort geschätzte 20.000 Menschen umbrachten und ihre Häuser in Brand setzten? Wer hat je vom japanischen Terror auf den Inseln Ozeaniens gehört, dem Tausende zum Opfer fielen? Und wer weiß, dass Chiang Kai-Shek auf dem Rückzug Dämme sprengen ließ und allein bei der Sprengung der Deiche des Huanghe 860.000 Menschen in den Fluten ertranken?

Es ist das Verdienst des Rheinischen JournalistInnenbüros in Köln mit umfangreichen Recherchen und dem Projekt »Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg«, dass dieser Teil der Geschichte endlich auch in Europa in die öffentliche Wahrnehmung gerückt wird. Seit 1996 wurde recherchiert, in allen Teilen der Welt wurden Dokumente gesammelt und noch lebende Veteranen interviewt.

Herausgekommen ist ein gute 400 Seiten starkes Buch mit dem Titel »Unsere Opfer zählen nicht« (Hg.: Recherche International, Berlin/Hamburg 2005) mit einem Vorwort des Kameruner Historikers Kum’a Ndumbe III. von der Universität Jaunde, der von 1975 bis 1990 dem »Internationalen Komitee für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs« angehörte. Redaktionelle Texte, Dokumente, erläuternde Einschübe und immer wieder Zeitzeugen-Berichte und viele Fotos zeigen die hierzulande nahezu unbekannten Dimensionen des Zweiten Weltkriegs.

Dazu haben die Autorinnen zunächst Unterrichtsmaterialien erstellt. 2009 wurde aus den Materialien des Buches eine Wanderausstellung entwickelt, die zuletzt von April bis Juni 2013 in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme gezeigt wurde. Auch ein Teil des umfangreichen Begleitprogramms, das die Ausstellung an allen Orten ergänzt, gehört zum Angebot des Projekts, vor allem die Vermittlung sachkundiger Referent/innen ist hier zu nennen.

Die Ausstellung wird von unterschiedlicher Seite kritisiert. Paternalismus und Eurozentrismus, Übertragung deutscher Schuld an Dritte, eine unzulässige Verallgemeinerung von Antisemitismus in arabischen Ländern sind die Vorwürfe an die Autoren. An der einen oder anderen Stelle mag man dem zustimmen. Das schmälert aber das Verdienst des Gesamtwerks nicht, uns Millionen vergessener Kämpfer und Opfer in Erinnerung zu bringen, von denen viele einen Beitrag zur Befreiung vom Faschismus geleistet haben und doch selbst noch lange im kolonialen Joch gefangen blieben.

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