Appell der FIR

5. September 2013

Förderation der Widerstandskämpfer seit 20 Jahren
»Botschafter des Friedens«

Sept.-Okt. 2007

Die in der Liga der Ungarischen Antifaschisten (MAL) und im Bund der ungarischen Widerstandskämpfer und Antifaschisten (MEASZ) zusammengeschlossenen Antifaschisten haben in einer scharfen Erklärung die erneute Schändung des Ehrenmals für die sowjetischen Soldaten am Szabadság Tér (Freiheitsplatz) in Budapest verurteilt. Darin heißt es u.a.: Die ungarische Gesellschaft gewöhnt sich langsam daran, dass in unserem Lande neofaschistische Provokationen alltäglich werden.Das Ungarische Parlament ist unfähig, eine solch klare gesetzliche Lage zu schaffen, in der die Polizei die neofaschistischen Randalierer stoppen kann. Es ist die Pflicht der Regierung der Ungarischen Republik – im Einklang mit Bestimmungen und Geist des Pariser Friedensvertrages – neofaschistische Tätigkeit zu unterbinden und das Andenken der Weltkriegskoalition zu bewahren. Wir protestieren! Und wir fahren fort, die antifaschistischen Kräfte der ungarischen Gesellschaft zu sammeln und den gesellschaftlichen Widerstand der Humanisten zu organisieren.

Abrüstung und Kooperation – nicht militärische Aufrüstung und Verschärfung regionaler Spannungen – heißt das Gebot der Stunde. In diesen Tagen jährt sich zum 20. Mal die Ernennung der Internationale Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) zum »Botschafter des Friedens« durch die Vereinten Nationen. Die Verpflichtungen aus dieser Ernennung sind bis heute aktuell geblieben.

Auch 68 Jahre nach der Entfesselung des zweiten Weltkriegs mit dem deutschen Überfall auf Polen und über 60 Jahre nach dem Ende des Weltenbrands müssen wir feststellen, dass der Frieden nicht sicherer geworden ist. Es sind nicht allein die Kriege im Irak und Afghanistan oder die militärische Konfrontation im Nahen Osten, auch in Europa sehen wir gefährliche Entwicklungen: Zum einen sind es die Pläne der US-Regierung, auf dem Territorium der Tschechischen Republik und in Polen ein System von Raketenwaffen zu errichten, die gegen eine angebliche Bedrohung aus dem Iran gerichtet sein sollen, faktisch jedoch die militärischen Spannungen in Mitteleuropa erhöht.

Die geplanten Radaranlagen ergänzen die Spionageeinrichtungen des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes und von Radio Free Europe und die Raketen selber haben eine Reichweite, mit der alle Ziele westlich des Urals erreicht werden können. Ergänzt durch die Tatsache, dass – laut Aussage des Untersuchungsberichts der EU – der amerikanische Geheimdienst viele Jahre illegale Gefängnisse in Mitteleuropa betreiben konnte, sehen wir hierin ein weiteres Beispiel für eine aggressive Außenpolitik – begründet durch den angeblichen Kampfes gegen Terrorismus und »Schurkenstaaten«, wie Iran, Nordkorea und Kuba.

Die FIR unterstützt den Widerstand der tschechischen und polnischen Friedenskräfte gegen diese Aufrüstungsmaßnahmen, die zu einer Verschärfung der Spannungen in Europa führen.

Zum zweiten sehen wir mit großer Sorge die Bestrebungen der USA und der EU, den Separatismus im ehemaligen Jugoslawien gegen die Interessen von großen Minderheiten durch die Forcierung der Ablösung des Kosovo voranzutreiben. Man versucht, eine UN-Resolution gegen die Interessen eines souveränen Mitglieds der Vereinten Nationen durchzusetzen.

Die FIR unterstützt die Warnung des serbischen Partnerverbands SUBNOR, dass eine Abtrennung des Kosovo gegen den Willen der serbischen Staatsautorität und unter Missachtung der Minderheitenrechte zu neuem Nationalismus führen und die Gefahr von gewalttätigen Auseinandersetzungen schüren wird.

Die FIR ist sich ihrer Verantwortung als »Botschafter des Friedens« der Vereinten Nationen auch heute bewusst. Sie appelliert an alle Mitgliedsstaaten der UNO, gegen solche Bedrohungen einer friedlichen Entwicklung aktiv zu werden. Sie unterstützt die Aktivitäten der internationalen Friedensbewegung gegen Aufrüstung und regionalen Chauvinismus.

Tätige Erinnerung

5. September 2013

Sept.-Okt. 2007

Aus dem Grußwort des Bundesaußenministers Frank Walter Steinmeier anlässlich der Eröffnung der Ausstellung in der Gedenkstätte Flossenbürg am 22. Juli 2007

Wie könnte man nach der Rede von Viktor Juschtschenko anders formulieren: Wir stehen hier an einem Ort der deutschen Schande. Wir gedenken der hundertausend Opfer des KZ Flossenbürg. Und mit ihnen gedenken wir der Millionen Opfer des Nationalsozialimus. Wir gedenken der im deutschen Namen zu Tode gequälten, ermordeten und erniedrigten Menschen in Deutschland, in Europa und in der ganzen Welt.

Wir haben uns heute versammelt, um diesem Gedenken einen Raum zu geben. Aus dem Ort der Schande soll eine Stätte des Gedenkens werden.

Wir wollen mit dieser Gedenkstätte allen Menschen Ehre erweisen, die unter dem Nationalsozialismus gelitten haben. Wir verneigen uns vor ihrem Leid. Und wir erinnern uns. Denn wir wissen: Versöhnung ist nur dort möglich, wo Erinnerung gegenwärtig wird. Wo wir als Deutsche unser schweres Erbe der Vergangenheit annehmen und uns unserer Verpflichtungen für die Zukunft bewusst werden.

Wir wissen: dass wir heute als Vertreter eines freien, eines demokratischen und weltoffenen Deutschland sprechen dürfen, das danken wir auch vielen Menschen, die hier gelitten haben.

Wir wissen: das Leid der Menschen hier war unsagbar! Davor versagen der Verstand und das Herz, so hat es Präsident Juschtschenko eben ausgedrückt. Wir brauchen Hilfe, um über dieses Leid überhaupt sprechen zu können. Um uns dieses Leids zu erinnern. Um zu verstehen, was in deutschem Namen geschehen ist. Wir Deutsche müssen uns gegenseitig helfen, die Erinnerung wach zu halten. Wir Jüngeren brauchen die Hilfe der Älteren. So wie unsere Kinder unsere Hilfe brauchen. Und so soll diese Gedenkstätte ein Raum der tätigen Erinnerung für uns Deutsche sein. Wir wissen auch: Wir brauchen für diese Erinnerung die Hilfe derer, die den Terror der Nationalsozialisten überlebt haben.

An den Holocaust erinnern

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Zum Tod des Künstlers und Mahners George Tabori

Sept.-Okt. 2007

»Die Kehrseite von Taboris Erfolg und spätem Ruhm offenbart sich darin, dass seine Arbeiten zur Holocaust-Thematik leider in keiner Weise ›schulbildend‹ geworden sind. Man wird Tabori fast ein unfreiwillig gehaltenes Monopol auf theatrale Holocaust-Repräsentationen zusprechen müssen.«

Jan Strümpel in seinem Buch »Vorstellungen vom Holocaust. George Taboris Erinnerungs-Spiele«, Wallstein-Verlag, Göttingen 2000.

Bei der Verleihung der Medaille der Goethe-Stadt Weimar erklärte George Tabori dem Auditorium fast vorwurfsvoll: »Was ich immer erklären muss: dass ich keine Heimat habe, dass ich ein Fremder bin und ein Fremder bleiben will und das meine ich nicht pathetisch, sondern als eine Beschreibung meines Lebens. Ein Schriftsteller, meiner Entscheidung, muss ein Fremder sein.«

Tabori ist in drei Sprachen aufgewachsen und hat in drei Sprachen gedacht – in englisch, ungarisch und deutsch. Seine Eltern erzogen ihn bis zu seinem siebten Lebensjahr katholisch und klärten ihn erst dann auf, dass er Jude sei.

Nach seinem Abitur in Budapest fuhr sein Vater nach Berlin, da er der Meinung war, dass es in Ungarn mehr Schreibende als Leser gäbe. Da Tabori schon sehr früh Neigung zum Schriftsteller zeigte, sollte er einen ordentlichen Beruf ergreifen, der Vater meinte, Hotelier wäre immer einträglich. Im Hotel »Adlon« Unter den Linden begann er eine Lehre als Hotelfachmann. Doch 1933 musste er Deutschland wieder verlassen. Er emigrierte nach London, Sofia, Istanbul, Jerusalem und Kairo. Immer wieder versuchte er, seine Eltern zu einer Emigration zu überreden, doch das gelang ihm nicht. 1944 wurde sein Vater in Auschwitz vergast. Seine Mutter konnte durch einen Zufall der Deportation nach Auschwitz entkommen. Die meisten seiner Verwandten wurden in deutschen Vernichtungslagern ermordet. Sein Leben lang ließ Tabori die Begünstigung, die er geschenkt bekommen hat, nicht los: »Warum habe ausgerechnet ich überlebt?« Der Grausamkeit des Faschismus entkommen zu sein, bewegte sein Denken, seine Stücke und seine literarische Botschaft. Sein intensives Fragen nach dem Zustandekommen von Auschwitz hat ihn nie losgelassen. Er zerstört Tabus, um nicht an ihnen zu ersticken. »Wer seine liebsten Menschen verloren hat, kann von dem Inferno Auschwitz nicht abstrahieren.« Er schreibt mehrere Dramen zum Thema.

In dem Stück »Mein Kampf«, 1987 uraufgeführt, begegnet der junge Kunststudent Hitler in einem Wohnheim zwei jüdischen Männern. Die Erinnerungsfähigkeit der beiden Männer ist für Hitler eine Bedrohung. Er will ihre Erinnerung zerstören, um die eigene auszulöschen. Tabori meint, die Auslöschung der Erinnerung ist ein »Mnenozid«. Das habe Hitler später mit dem Genozid bewirken wollen.

In dem Stück »Die Kanibalen« (europäische Erstaufführung 1969) stehen KZ-Häftlinge vor der Entscheidung, einen Mithäftling aufzuessen oder ihn in die Gaskammer zu transportieren. Die Provokation Taboris ist für den Zuschauer kaum erträglich. Aus der Geschichte seiner Mutter entsteht das Stück »My Mothers Courage« (uraufgeführt 1979 und 1996 von Michael Verhoeven verfilmt). Elsa Tabori erwischt den Zug, der nicht nach Auschwitz, sondern nach Budapest fährt. Ist das Glück, Zufall, Geistesgegenwart in Todesangst?

Christoph Hein schreibt zum 18. Oktober 2000 im Auftrage des BE ein Stück für Tabori zur Erinnerung an den Beginn der Deportationen der Berliner Juden, die am 18. Oktober 1941 begann: »Mutters Tag«. Der greise Tabori spielt den Sohn. Seine eigene Biographie, von der Kritiker meinen, dass er damit nicht fertig werde. Kann er das? Er will es nicht, er will weder Vergangenheit aufarbeiten wie ein Restaurator ein zerstörtes antikes Möbelstück noch sie bewältigen, wie Politiker proklamieren. Er will Geschichte in Erinnerung bringen und behalten. Die Erinnerung an die deutsche Geschichte bleibt für ihn kritisch: Die Mutter in diesem Stück sagt zu ihrem Sohn: »Ich sage immer, wenn der Koffer fertig gepackt und der Reisepass gültig ist, dann kann man auch in Deutschland unbesorgt leben.«

Hat Tabori doch noch eine späte Heimat im Berliner Ensemble gefunden, an dem Theater Brechts, den er als ersten ins englische übersetzte (Galilei 1947) und dessen Verständnis von Theater Tabori bestimmte?

Rechts ist Schäuble blind

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Militante Holocaustleugner können »gemeinnützig«
weiter hetzen

Sept.-Okt. 2007

Trotz Schäubles Absage will das Bündnis weiter an der Verbotsforderung bleiben. Der Weg zur Schließung könne einzig und allein über die Aberkennung als Gemeinnützigkeit und den Einzug des Vermögens erfolgen.

»Es ist ungeheuerlich, dass in eine solche Einrichtung unsere Steuergelder fließen«, erklärte der Fraktionsvorsitzende der Grünen Liste Vlotho, August-Wilhelm König, auf einer Bürgerversammlung »Bund, Land und Kommune gemeinsam gegen Rechtsextremismus«.

Im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus lässt sich die Bundesregierung erklärtermaßen (deutschland- und europaweit) von niemandem übertreffen. In der Realität allerdings erweist sich die Regierung als äußerst großherzig, wenn es um konkrete Maßnahmen gegen die Vordenker und Marschierer an der Front der Leugner des industriemäßigen Massenmordes an den europäischen Juden im Lande geht. Zum Exempel: In Vlotho im nordrhein-westfälischen Kreis Herford treibt seit Jahr und Tag ein »Collegium Humanum« als eingetragener Verein sein Unwesen.

Die von Altnazis gegründete Einrichtung verfügt über 150 Betten und führt regelmäßig Schulungen für den braunen Nachwuchs zu Themen wie »Die ungeheure Wirkung des Holocaust, der so, wie er dargestellt wird, nicht stattgefunden hat« durch.

Hier hat der am 9. November 2003, demonstrativ am Jahrestag der Pogromnacht von 1938, gegründete »Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten e.V.« seinen Sitz. Anlässlich seiner Gründung hatte der ehemalige Angehörige des Bundesgrenzschutzes Klaus Kaping in der »Stimme des Gewissens« die programmatische Grundlage des Vereins so beschrieben: »Hier, zu dieser Stunde, am 9. November 2003, wird der talmudschen Lüge der Kampf angesagt, der Lüge, die den Seelenmord am deutschen Volk seit nunmehr fast 60 Jahren ermöglicht, nämlich die Behauptung, dass wir Deutschen in Auschwitz vier Millionen Juden durch das Giftgas Zyklon B ermordet hätten.«

Vorsitzender des als »gemeinnützig« anerkannten und damit steuerlich begünstigten Vereins ist der Schweizer Bernhard Schaub, der im Dezember 2006 auf der internationalen Konferenz der Holocaustleugner in Teheran über die »Lüge von den sechs Millionen vergasten Juden« gesprochen hatte. Seine Stellvertretein Ursula Haverbeck wurde erst am 11. Juli (im Wiederholungsfall!) von einem Dortmunder Gericht wegen Bestreitens des Holocaust zu einer Geldstrafe verurteilt. In der Zeitschrift »Stimme des Gewissens« hatte sie u. a. geschrieben, Hitler sei »eben nicht vom geglaubten Holocaust oder seiner angeblichen Kriegsbesessenheit«, sondern nur von seinem göttlichen Auftrag im weltgeschichtlichen Rahmen« zu verstehen.

In einer umfassenden Dokumentation »Von der NS-Reichsleitung zum Zentrum der Holocaustleugner« hatte das örtliche Bündnis gemeinsam mit der Antifa Bielefeld West im Mai 2006 die Umtriebe des Colloquiums aufgelistet. »Würden die zuständigen Behörden wirklich alle Straftaten konsequent verfolgen, könnten die Holocaustleugner des ›Collegium Humanum‹ schnell am Ende ihrer finanziellen und personellen Ressourcen sein«, hatte der Sprecher des Vlothoer Bündnisses, Friedhelm Jostmeier, bei der Vorlage erklärt.

Anfang des Jahres jedoch bezeichnete sich der Innenminister von NRW Ingo Wolf (FDP) als nicht zuständig. Hier sei der Bund verantwortlich. Es könne nicht angehen, »dass unser Rechtsstaat diesem Treiben rechtsextremistischer Vereine zusieht und kein Verbotsverfahren für diese beiden Vereine einleitet«, hatte der örtliche CDU-Landtagsabgeordnete Aßbrock an Wolf geschrieben. Das kann jedoch sehr wohl so sein. Denn nach Wolf hat der bei der Bundesregierung zuständige Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) seinen Parteifreund Aßbrock belehrt, dem Collegium und dem dort wirkenden Verein der Holocaustleugner komme »nur untergeordnete Bedeutung« im rechten Lager zu. Ein Vereinsverbot lehnte er ab. Ihm scheine »eine aktive Auseinandersetzung auf demokratischer Basis zielführender« belehrte der Minister wie zum Hohn die Vlothoer Bürger, die seit Jahren gegen die braune Schulungsstätte protestieren.

Märtyrer ihres Glaubens

geschrieben von Kurt Willy Triller

5. September 2013

Zeugen Jehovas unter dem NS-Regime

Sept.-Okt. 2007

Forschungsergebnisse und Literatur zum Thema

Tödliche Verweigerung – der Leidensweg der Zeugen Jehovas, in: Nieder die Waffen, die Hände gereicht, von Dr. Andreas Röpcke, Donat Verlag, Bremen 1989; Zwischen Widerstand und Martyrium – die Zeugen Jehovas im Dritten Reich, von Dr. Detlef Garbe, 3. überarbeitete und ergänzte Auflage, R. Oldenbourg Verlag, München 1997; Repression und Selbstbehauptung, die Zeugen Jehovas unter der NS- und der SED-Diktatur, von Professor Dr. Dr. Gerhard Besier und Dr. Clemens Vollnhals, Duncker und Humblot, Berlin 2003; Die nationalsozialistische Verfolgung der Zeugen Jehovas in Frankfurt am Main, von Johannes Wrobel, in: Kirchliche Zeitgeschichte, Heft 2/2003, Vandenhoeck und Rupprecht, Göttingen

Tausende Zwangsarbeiter, Millionen Aschkenasim und Sephardim, Tausende Sinti und Roma, Tausende Kommunisten, Tausende Polen und Russen, Tausende Zeugen Jehovas und weitere Opfergruppen, litten und starben in den Konzentrationslagern und Gefängnissen des NS-Regimes von 1933 bis 1945. Ungefähr 30.000 Zeugen Jehovas gab es 1930 in Deutschland und Österreich. Es wurden aus anderen besetzten Gebieten Europas weitere Zeugen Jehovas deportiert. Über 12.700 inhaftierte man in den Gefängnissen und Konzentrationslagern und mehr als 2.000 wurden ermordet, über 360 wurden hingerichtet, dies größtenteils wegen Kriegsdienstverweigerung. Diese Opferzahlen erhöhen sich ständig durch neue Forschungsergebnisse.

Dr. Detlef Garbe, Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, sagte: »Die Verfolger, die Nazis, mussten erkennen, dass sie es hier, mit einem anderen Phänomen zu tun hatten, mit Menschen, die für ihren Glauben jedes Opfer zu tragen bereit waren!« Jehovas Zeugen leisteten gewaltlosen geistigen Widerstand aus christlicher Überzeugung. Der Grundsatz »Wir müssen Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen als den Menschen!« aus der Apostelgeschichte war für sie bindend.

Furchtlos standen Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime ihren Feinden gegenüber, weil sie voll auf ihren Gott Jehova vertrauten und sie blieben standhaft. »Diese Brut wird aus Deutschland ausgerottet werden«, schrie Adolf Hitler hysterisch mit geballten Fäusten – als Innenminister Dr. Wilhelm Frick in der Reichskanzlei am 7. Oktober 1934 Hitler auf die Protesttelegramme von Jehovas Zeugen aus aller Welt aufmerksam machte. Es stand darin die Forderung: »Ihre schlechte Behandlung der Zeugen Jehovas empört alle guten Menschen und entehrt Gottes Namen. Hören Sie auf, Jehovas Zeugen weiterhin zu verfolgen, sonst wird Jehova Sie und Ihre nationale Partei vernichten!« Als erste religiöse Vereinigung waren Jehovas Zeugen 1933 verboten worden. Die Verweigerung des Fahneneides brachte viele vor das Reichskriegsgericht. Viele Zeugen Jehovas wurden zu Tode verurteilt. Viele Zeugen Jehovas kamen während der NS-Zeit ins Gefängnis, ins KZ, oder starben durch Hinrichtung. Diese kleine Glaubensgemeinschaft, die Hitler so erboste, dass er sie auszumerzen wünschte, bewies imponierende Festigkeit und Prinzipientreue in der Verfolgung. Keine andere Religionsgemeinschaft ist von den Nationalsozialisten so unerbittlich verfolgt worden. Das Naziregime, das innerem Widerstand stets nur mit brutaler Gewalt begegnen konnte, hat es bis 1945 nicht vermocht, die Kraft der Zeugen Jehovas zu brechen. Geschwächt, doch ungebeugt, gingen sie aus der Zeit der Verfolgung hervor!«

Deckname »Odessa«

geschrieben von Axel Holz

5. September 2013

Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher

Sept.-Okt. 2007

Uki Goñi:

Odessa. Die wahre Geschichte Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher, Verlag Assoziation A, Berlin/Hamburg 2006, 22 Euro, ISBN: 978-935936-40-8

Historisch Interessierten wird nicht entgangen sein, dass der Name »Odessa« nicht nur für die malerische Stadt auf der Krim steht, sonder auch die Abkürzung einer Organisation darstellt, mit der die massenhafte Flucht namhafter NS-Kriegsverbrecher organisiert wurde – darunter Adolf Eichmann, Klaus Barbie und Josef Mengele. Zur Erinnerung: Eichmann gilt als Architekt des Holocaust, Gestapochef Barbie ging als Schlächter von Lyon in die Geschichte ein und der KZ-Arzt Mengele erhielt durch seine Zwillingsexperimente in Auschwitz eine zweifelhafte Bekanntheit.

Nicht bekannt war bisher das Ausmaß und die systematische Organisation dieser Fluchtbewegung über die berüchtigten»ratlines«, die Rattenlinien, in das sichere Argentinien. Dazu waren drei wichtige Bedingungen erforderlich: einflussreiche Fluchthelfer, ein bereitwilliges Aufnahmeland und viel Geld.

Unter den Fluchthelfern waren nicht nur Schweizer Beamte, die nur wenige Zeit zuvor bedrängte Juden von ihren Grenzen abgewiesen hatten und nun verfolgten Nazis die Flucht über die Schweiz nach Italien ermöglichten. Auch in anderen europäischen Ländern funktionierte das Netzwerk der geschlagenen Nazis bestens. Von Argentinien aus wurde die Einreise Tausender Kollaborateure und Kriegsverbrecher aus dem Büro von Präsident Juan Domingo Peron gesteuert, wenn nötig auf illegalen Wegen. Berüchtigte Kriegsverbrecher, wie Adolf Eichmann, Klaus Barbie und Erich Priebke, erhielten fortlaufende Nummern bei der Planung ihrer Einreise – ein deutliches Zeichen der gezielten Fluchthilfe für erwiesene Kriegsverbrecher. Allein aus Kroatien flohen ca. 2.000 Ustascha-Faschisten nach Argentinien. Die Kontakte für diese Aktionen wurden von Walter Schellenbergs Nachrichtendienst aus dem Berliner Reichssicherheitshauptamt bereits zu Beginn des Krieges geknüpft. Die Fäden des Fluchthilfe-Netzwerkes liefen im Vatikan zusammen. Als Zweifel an der zentral steuerndenden Rolle des Vatikans bei der Nazi-Fluchthilfe nach Erscheinen der ersten Ausgabe von Goñis Buch aufkamen, bewies der Autor eben diese Rolle an Hand weiterer Recherchen. Die Koordination der Fluchthilfe im Vatikan übernahm der kroatische Priester Draganovic, der vom Leiter der päpstlichen Hilfskommission PCA, Kardinal Montini, eingesetzt und kontrolliert wurde – dem späteren Papst Paul VI. Aus einem Fond des Vatikans stammte auch ein Großteil des Geldes, mit dem die Fluchthilfe finanziert wurde. Schließlich ermöglichte der Vatikan den Transfer des gestohlenen kroatischen Staatsschatzes, von dem ein erheblicher Teil von kroatischen Faschisten über die Schweiz nach Italien geschleust wurde. Er bildete die Starthilfe für zahlreiche Nazis in Argentinien, denen die Flucht über den Atlantik gelungen war. Der Historiker und Journalist Uki Goñi hat auf der Grundlage langjähriger Recherchen in argentinischen, US-amerikanischen und europäischen Archiven bisher unbekannte Quellen erschlossen und sie durch 200 Zeitzeugeninterviews untermauert. Er entwirft ein Bild des Netzwerkes der Nazi-Fluchthilfe, das mit Hilfe staatlicher und nichtstaatlicher Organisationen in ganz Europa über Stützpunkte in Skandinavien, Spanien, Italien und der Schweiz verfügte, während im Vatikan die Fäden zusammenliefen. Für alle, die mit der Verfilmung des Theaterstücks »Der Stellvertreter« von Rolf Hochhuth durch Regisseur Costa-Gavras bereits ein Ahnung vom Wegschauen des Papstes gegenüber den Nazi-Verbrechen und der bereitwilligen Fluchthilfe des Vatikans bei Kriegs-ende hatten, wird das ganze Ausmaß der Flucht europäischer Kriegsverbrecher vor den alliierten und nationalen Gerichten der europäischen Nachkriegsstaaten erst in diesem Buch deutlich.

Damals und heute

geschrieben von Hans Coppi

5. September 2013

Ludwig Elm legt eine umfassende Studie zum deutschen Konservatismus vor

Sept.-Okt. 2007

Ludwig Elm:

Der deutsche Konservatismus nach Auschwitz. Von Adenauer und Strauß bis Merkel und Stoiber, PapyRossa Verlag, Köln 2007, 332 Seiten, ISBN 978-3-89438-353-4, EUR 18,00

In der Arbeit von Prof. Dr. Ludwig Elm werden kundige Antifaschisten und Antifaschistinnen vieles aus aktuellen Auseinandersetzungen mit Parteien, Organisationen oder mit Hardlinern vom Rechten Rand bis zur Mitte der Gesellschaft wieder finden.

Der Hochschullehrer an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (1969 bis 1991), der Bundestagsabgeordnete (1994-1998) und Vorsitzende des Thüringer Verbandes VdN-BdA (1998-2006) hat seine langjährigen Forschungen in einer kritischen Analyse zum »deutschen Konservativismus nach Ausch-witz« zusammengefasst. Dieses überwiegend reaktionäre ideengeschichtliche und politische Gebilde kommt selten als stromlinienförmiges monokausales, sondern vielmehr als ein komplexes und zugleich widersprüchliches Phänomen daher. Es speist sich aus rückwärts gewandtem Denken, das die Aufklärung in Frage stellt und den Sozialismus als Hauptfeind bekämpft. Dabei treffen wir immer wieder auf Grauzonen und fließende Übergänge zu völkischen, antisemitischen und neofaschistischen Denkmustern. Gleichzeitig verändert sich der Konservatismus, unterliegt er Wandlungen und Konjunkturen, hängen seine Wirkungen von innen- und außenpolitischen Konstellationen, aber auch davon ab, wie seine Gegner sich in der Auseinandersetzung behaupten können. Der von ihnen Ende der sechziger und in den siebziger Jahren ausgelöste Gegenwind hat die Bundesrepublik durchlüftet und zeitweise konservative Positionen zurückgedrängt.

Ludwig Elm geht der Frage nach, wie konservatives Denken und Handeln die politische Kultur der Bundesrepublik prägte und weiterhin beeinflusst. Insbesondere die CDU/CSU versuchten die Anstrengungen der politischen Rechte zu bündeln und eine konservative Hegemonie in der Gesellschaft auszuüben. Die Wirkungskraft des Konservatismus geht nicht nur von Politikern und Ideologen, sondern auch von den sozioökonomischen und machtpolitischen Gegebenheiten aus. Die konservative Strömung mit der ihr eigenen Heterogenität entwickelt sich in steten Fluktuationen zwischen Kernen, Flügeln und Grauzonen fort.

In dem Spannungsfeld von Kontinuität und Veränderung sieht Ludwig Elm im Jahr 1945 keine wirkliche und keine nachhaltige Zäsur für die Konservativen. Ihre sich mit dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes manifestierende Niederlage führte nicht zu einer grundlegenden Neuorientierung. Nach einem kurzen Intermezzo selbstverschuldeter Unmündigkeit begann Ende der 40er-Jahre eine durch den Kalten Krieg beförderte lang anhaltende restaurative Wende. Beschweigen, Verdrängen und Rechtfertigen der Nazi-Zeit führten dazu, dass die Auseinandersetzung mit den Ursachen für die Katastrophen der deutschen Geschichte lange nicht stattfand. Mitscherlichs »Unfähigkeit zu trauern« stand ebenso für einen unkritischen Umgang mit der NS-Vergangenheit wie auch für das Entstehen einer »apolitischen Nation«.

Der kurzzeitigen Aufklärung und Ahndung von Schuld und Verbrechen des Naziregimes folgte die Rehabilitierung und Wiedereingliederung gro-ßer Tätergruppen unter Adenauer. Ihre »Sühne« bestand in einem massiven Antikommunismus. Gegner und Verfolgte des Naziregimes gerieten innerhalb der CDU/CSU mehr und mehr in den Hintergrund. Nicht nur in der Politik, auch in konservativen Denkfabriken und in den Medien fanden Nazi-Aktivisten Unterschlupf. Die Karrieren von Globke, Oberländer, Kiesinger und Filbinger stehen für Zehntausende an Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligte Täter, die in der Justiz, beim Militär, in der Polizei und den Geheimdiensten, an Universitäten, im öffentlichen Dienst und anderswo ihren Neuanfang fanden. Dies in einer Zeit, als Antifaschisten, Mitglieder der VVN, der größten Organisation von Verfolgten des Nazi-Regimes, aus dem öffentlichen Dienst ausgeschlossen, erneut verfolgt und ihnen Entschädigung für ihre Leiden in der NS-Zeit verwehrt wurden.

Die Geschichte der Bundesrepublik ist oftmals in ein verständnisvolles warmes Licht getaucht, scheint eine einmalige Erfolgsgeschichte gewesen zu sein. Ludwig Elm schärft indessen den kritischen Blick auf Vergangenheit und Gegenwart eines Landes, das durch den deutschen Konservativismus nach Auschwitz erheblich geprägt wurde und wird.

Ein lohnendes Buch nicht nur für Antifaschisten, aber für die ganz besonders.

Lebendige Geschichte

geschrieben von Enrico Hilbert

5. September 2013

Brigadistas – mehr als ein Dokumentarfilm

Sept.-Okt. 2007

Brigadistas

Ein Dokumentarfilm von Daniel Burkholz, BRD 2007, 45 Min., Format DVD 16:9, www. roadside-dokumentarfilm.de

Aufführung Brigadistas in Tienen/Brüssel (Belgien) am 28. September, Uhrzeit steht noch nicht fest.

Am 21. Oktober, um 20 Uhr, läuft Brigadistas im alten Stahlwerk von Dudelange (Luxemburg). Die Aufführung steht im Kontext mit der Ausstellung Retour de Babel.

Am 28 Oktober, bereits um 16. Uhr, läuft Brigadistas im Kulturzentrum Kult 41, Hochstadenring 41, in Bonn.

Am 27. November, um 19.30 Uhr, läuft Brigadistas mit einem musikalischen Vorprogramm im Theater Willy Preiml, in Frankfurt/M.

»Kommt zurück zu uns, hier findet ihr ein Vaterland, die ihr, der Freundschaft beraubt, leben müßt, findet Freunde, und alle findet ihr hier die Liebe und Dankbarkeit des ganzen spanischen Volkes, das heute und morgen voller Begeisterung rufen wird: Es leben die Helden der Internationalen Brigaden!« Dolores Ibarurri, die leidenschaftliche Kommunistin mit dem Ehrennamen »Passionaria«, hatte die Kämpfer für die Freiheit einst im Herbst 1938 mit dieser Aufforderung zur Rückkehr verabschiedet.

70 Jahre später kehrten einige dieser Kämpfer, der Jüngste 86 und der Älteste 99 Jahre alt, nach Spanien zurück. Diesmal wurden sie begleitet von ihren Freunden und Familien. Ein deutsches Filmteam folgte ebenfalls ihren Spuren. Der dabei im Sommer 2006 entstandene Dokumentarfilm ist seit Juni 2007 im Kino zu sehen. Bewegende Bilder, die selbst ein Dokument sind. Sie zeigen die Ereignisse auf eine Weise, wie sie nur von Menschen wiedergegeben werden können, die mit all ihren Sinnen, mit Herz und Gefühl, die Geschehnisse in sich aufgenommen haben die weder nach Sensation und der Huldigung eines wohl gefälligen Publikums heischen, noch nach der Art Anerkennung, die sich etwa in Filmpreisen ausdrückt. Daniel Burkholz und Heike Geisweid, die Autoren, verbanden sich auf engste mit jenen, die diese beschwerliche Reise unternahmen. Sie berichten aus der Perspektive von Menschen, die sich dem Anliegen der Brigadisten und derjenigen Spanier verpflichtet fühlen, die das Erbe der Interbrigaden bis heute in Ehren halten.

Ein auf Zelluloid gebannter Schatz, voller Erinnerungen, voller Emotionen und voller Hoffnung. Denn die Kämpfer stehen nicht auf schmeichelnde Worte und wissen, warum sie nach Spanien zurückkehren. Und die, die sie empfangen, wissen, wem sie hier begegnen und suchen Unterstützung für ihr Anliegen, dass Spanien endlich Republik sein soll. In diesem Sinne sprach der Chef der einstigen Kämpfer des Lincoln Bataillons Moe Fishman auf dem Empfang in der Cortes, dem spanischen Parlament: »Streicheleinheiten für das Ego sind ja nett, aber wir leben im Jahr 2006 und im Jahr 2006 sind Bush und Blair die Tyrannen dieser Welt. Auch wenn wir Brigadisten schon etwas älter sind…möchte ich, dass ihr wisst, dass wir für den Abzug der USA aus dem Irak kämpfen. Komplimente sind nett, aber vergesst nicht, etwas zu tun…«

Die Sorge um die Zukunft der Menschheit und unserer Erde zieht sich durch den Film wie ein roter Faden und stets wird die Brücke aus der Vergangenheit in das Heute geschlagen. Die Bilder trügen nicht, offensichtlich sind viele Menschen bereit, mit den alten Kämpfern diese Brücke zu betreten. Sie halten ihr Fundament: Solidarität, Courage, Liebe, den Willen für humanistische Ideale zu kämpfen und die Hoffnung an sich, für stabil genug, um künftige Auseinandersetzungen führen zu können. So wie in dem Lied vom roten Heer am Ebro, welches von der Kraft der Herzen erzählt, gegen die keine Bomben des Generals ankommen können. Im Film verbindet das Lied die einzelnen Stationen der Reise, von Madrid über Zaragozza nach Barcelona.

Bleibt zu wünschen, daß der Film, der sicher eines der letzten Zeugnisse vom Leben der Interbrigadisten sein wird, ein breites Publikum findet. Ein Publikum, das bereit ist, für eine knappe Stunde Ohren und Herzen weit zu öffnen, um zu verstehen, was die Kämpfer der Internationalen Brigaden dazu bringt, bis heute für ihre Ideale zu kämpfen, und um zu verstehen, warum die beschwerliche Reise zum 70. Jahrestag der Bildung ihrer Einheiten nicht nur für sie, sondern für alle wichtig war, denen die weitere Existenz der Menschheit am Herzen liegt. So wie Andrei Micu aus Rumänien. Hunderten Zuhörern der überwiegend jüngeren Generationen ruft er zu: »Ich wünsche, dass ihr mit dem gleichen Heldenmut kämpft, wie eure Großeltern. Es lebe die Dritte Republik, die soziale Gerechtigkeit, die Brüderlichkeit und die Freiheit Spaniens.«

Dies ist mehr als ein Dokumentarfilm über eine Reise im Jahr 2006. Dem Film gelingt es vor allem, die Erklärung der Spanienkämpfer an die Nachgeborenen festzuhalten. Er verbindet lebendige Zeugnisse der Geschichte mit einem Einblick in das Spanien und einen Teil der antifaschistischen Bewegung von heute. Die Voluntarius de la Libertad – die Freiwilligen der Freiheit geben Auskunft über ihren Kampf. Es entsteht ein Bild von einer möglichen Zukunft unserer Welt, das jeder Zuschauer mit nach Hause nehmen kann.

»Richtig, notwendig, gut«

geschrieben von Peter Rau

5. September 2013

Victor Grossman blättert in der Geschichte des Spanien-Krieges
1936-1939

Sept.-Okt. 2007

Victor Grossman:

Madrid, du Wunderbare. Ein Amerikaner blättert in der Geschichte des Spanienkrieges. GNN-Verlag Schkeuditz 2006, 420 Seiten,. ISBN: 3-898819-235-0, 19,- Euro

Es hat auch in den letzten Jahren keinen Mangel gegeben an Neuerscheinungen bzw. Nachauflagen von Büchern über jenen Krieg, der in der bürgerlichen Meinungsmache wohl bewußt und absichtsvoll nur als Bürgerkrieg firmiert. Denn: Degradiert man den Kampf zur Verteidigung der zweiten Spanischen Republik in den Jahren 1936 bis 1939 zu einem Bürgerkrieg, so muß nicht groß über den – unter dem Deckmantel einer scheinheiligen »Nichteinmischung« betriebenen – Verrat der westlichen Demokratien geredet werden.

Victor Grossman hat ganz bewusst einen völlig anderen Ansatz gewählt – jenen, der diesen Krieg zu etwas ganz Besonderem machte: den solidarischen Einsatz von rund 40.000 »voluntarios de la libertad«, der »Freiwilligen der Freiheit« aus über 50 Ländern, die gekommen waren, an der Seite des spanischen Volkes die demokratisch gewählte Volksfrontregierung gegen die Franco-Putschisten und die faschistische Internationale zu verteidigen.

Die Idee zu diesem Buch entstand im 2001 gegründeten Verein der »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936-1939« (KFSR), zu dessen Gründungsmitgliedern Grossman gehört. Für den 1928 in New York geborenen, nach einem Harvard-Studium Anfang der 50er Jahre aus der US-Army desertierten und seither in Ostdeutschland lebenden Publizisten war es keine Frage, sich dieses Themas anzunehmen und wider den vorherrschenden Diskurs in Sachen Spanien-Krieg anzuschreiben. Zumal ihn, wie er im Vorwort schreibt, diese Geschichte seit seiner Kindheit faszinierte und er später viele Menschen traf, die damals kämpfend dabei gewesen waren.

Beginnend bei den oft abenteuerlichen Wegen, auf denen die angehenden Interbrigadisten etwa aus den USA nach Spanien gelangten, über die Verteidigung Madrids und andere Kampfabschnitte bis hin zu den ganz verschiedenen Fronten des antifaschistischen Widerstandes, an denen Interbrigadisten während des zweiten Weltkrieges weiter für ihre Ideale stritten, hat Grossman deren Geschichten sowie die Erlebnisse und Erfahrungen vieler anderer Kampfgefährten zusammengestellt. Vor allem gestützt auf Briefe, Erinnerungsberichte, Tagebuchaufzeichnungen und anderes, weithin unbekanntes Material, entstand so, gegliedert in insgesamt 28 Kapitel, ein gleichermaßen facettenreiches wie authentisches Bild jener Zeit und ihrer Akteure. Nicht weniger glaubwürdig werden in Kapiteln über »die anderen«, über »Guernica« und die »Nichteinmischung« die auf der Gegenseite wirkenden Kräfte dargestellt – in Wehrmachtsberichten wie in Selbstzeugnissen von Angehörigen der Legion Condor, in Auskünften von Diplomaten und Historikern, in Politiker-Statements …

Auch einige »Randerscheinungen« – als Stichworte seien Barcelona, die POUM und die Anarchisten oder »stalinistischer Verfolgungswahn« genannt – lässt Grossman nicht außen vor; er kommt allerdings – gestützt auf unverdächtige Quellen – zu einigen anderen Schlussfolgerungen als deren Befürworter, wenn er etwa Orwells Erkenntnis »Es gab keine Entschuldigung dafür, einen Kampf hinter der Front anzufangen« zitiert. Oder den britischen Historiker Paul Preston: »Doch war es ja nicht Stalin, der für die Niederlage der Spanischen Republik verantwortlich war, sondern Hitler, Mussolini, Franco und Chamberlain. Es ist schwierig, sich vorzustellen, wie ein revolutionäres Spanien Erfolg hätte haben können ohne die Unterstützung mit russischen Waffen.«

In seinem »Spanischen Kriegstagebuch« notierte der in der DDR nach seiner Flucht in die BRD nicht mehr wohlgelittene Schriftsteller Alfred Kantorowicz: »Selbst nachmalige Wortführer des Antikommunismus wie Regler oder Koestler oder Louis Fischer oder Stephen Spender oder George Orwell haben die Notwendigkeit, in Spanien zuerst und vor allem den Faschismus und Nazismus zu bekämpfen, niemals geleugnet … Kurzum: Es war richtig, es war notwendig, es war gut, dass wir deutschen Freiwilligen – trotz allem – damals in Spanien für die Republik, gegen ihre Vergewaltiger, gekämpft haben.«

Victor Grossman wollte, wie er in seinem Vorwort bekennt, diese Geschichte(n) aufschreiben »in der Hoffnung, dass sie auch andere, besonders junge Menschen, interessieren oder gar fesseln können«. Es ist ihm gelungen. Gracias!

Was Gefangene erzählen

geschrieben von Markus Bernhardt

5. September 2013

Gespräche mit Jugendlichen in Haft – ein authentisches Dokument

Sept.-Okt. 2007

Klaus Jünschke/Jörg Hauenstein/Christiane Ensslin:

Pop Shop. Gespräche mit Jugendlichen in Haft. Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2007, 238 Seiten, 16 Euro

Es waren maßgeblich die Gewalttaten, die Gefangene in bundesdeutschen Jugendgefängnissen – wie beispielsweise 2006 im nordrhein-westfälischen Siegburg – verübten, welche die Öffentlichkeit strohfeuerartig aufhorchen ließen, wenn es um die Situation von Jugendlichen in den Knästen ging. Selbst ernannte Experten und politische Entscheidungsträger diskutierten über die Hintergründe der in den Gefängnissen stetig ansteigenden Gewalt. Jedoch offenbar einzig, um das Thema nach aufgeregter Debatte wieder schnellstmöglich ad acta zu legen. Anstatt zu resümieren, ob der ursprüngliche Gedanke der Resozialisierung in den Gefängnisbetrieben dieser Tage überhaupt noch eine Rolle spielt, verabschiedete die Bundesregierung in diesem Jahr flugs einen Gesetzesentwurf, der vorsieht, dass junge Menschen, die nach dem Jugendstrafrecht zu einer Strafe von mindestens sieben Jahren verurteilt worden sind, nach der Strafverbüßung in Sicherungsverwahrung genommen werden können, wenn zwei Gutachter ihre andauernde Gefährlichkeit feststellen. »Zu fragen ist, wieso eine Regierung, die verbal so häufig zum Kampf gegen den Rechtsextremismus aufruft, in der Auseinandersetzung mit der Jugenddelinquenz auf eine Sanktion setzt, die von den Nationalsozialisten 1933 für Erwachsene eingeführt wurde, ohne diesen historischen Kontext zu diskutieren«, kommentierte der in Köln lebende Sozialwissenschaftler Klaus Jünschke diese Art der Regierungspolitik kürzlich in einem Interview. Jünschke, der sich unter anderem im »Kölner Appell gegen Rassismus«engagiert und ansonsten als Buchautor und Journalist tätig ist, wies angesichts der unqualifizierten Debatte zudem darauf hin, wie wenig Hilfe die Jugendlichen in den Jugendgefängnissen tatsächlich fänden und wie sehr einzelne durch die Haft noch zusätzlich brutalisiert würden. Wovon er redet, weiß der engagierte Sozialwissenschaftler ganz genau. Gemeinsam mit Christiane Ensslin und dem Fotografen Jörg Hauenstein veröffentlichte er in diesem Jahr das Buch »Pop Shop. Gespräche mit Jugendlichen in Haft«, in dem Gespräche dokumentiert sind, die Jünschke über ein Jahr lang mit den durchweg männlichen Insassen der Jugendabteilung der Justizvollzugsanstalt (JVA) Köln geführt hat.

»Pop Shop«, der Titel des Buches, steht für Freizeitsperre, und war in den 1970er-Jahren der Name einer populären Rundfunksendung. Da die Sendung anfing, wenn die Gefangenen in ihre Zellen eingesperrt wurden, gingen die Beamten nach und nach dazu über, statt Einschluss »Pop Shop« zu rufen.

Auf über 200 Seiten werden in dem Buch Gespräche mit den jugendlichen Gefangenen dokumentiert, in denen diese unverblümt zu Wort kommen. Sie äußern sich sowohl zu ihren Taten und Opfern, ihrem früheren sozialen Umfeld, familiären Problemen als auch zum Gefängnisalltag im Allgemeinen. Auch warten sie zeitweise mit homophoben und frauenfeindlichen Äußerungen auf, die manchen Leser vielleicht zum Kopfschütteln verleiten mögen. Jedoch ist es eben diese unkommentierte Dokumentation der Ansichten der Gefangenen, die dieses Buch so erfrischend und authentisch wirken lässt. Anstatt mit erhobenem Zeigefinger die Keule der »political correctness« zu schwingen, lassen die Herausgeber die Jugendlichen ohne falsche Rücksichtsnahmen selbst zu Wort kommen.

Christiane Ensslin jedenfalls war von den Gesprächen mit den Jugendlichen beeindruckt. »Die reden über ihre Gefühle und Verletzungen, über ihr Versagen, ihr Weinen, ihr Alleinsein, und einer spricht sogar über seine Trauer um sein Leben«, konstatiert sie.

Es sind die Bilder des Kölner Fotografen Jörg Hauenstein, die es dem Leser zudem ermöglichen, sich ein Bild vom tristen Alltag der Gefangenen in der JVA Köln zu machen. Auf eigenen Wunsch ließen sich die Jugendlichen für das Buchprojekt sogar portraitieren, so dass die Bilder den Widerspruch zwischen der nüchternen Gefängnisarchitektur und der Persönlichkeit und des Charakters eines jeden Gefangenen durch den Ausdruck in seinem Foto zeigen.

Jeder Politiker, der bezüglich der so genannten Jugendkriminalität nach Gesetzesverschärfungen schreit, sollte sich dieses Buch zu Gemüte führen. Allein schon, um einen authentischen Eindruck vom Leben hinter Gittern zu bekommen, wie er in Deutschland bereits seit Jahrzehnten nicht mehr dokumentiert wurde.

Ältere Nachrichten · Neuere Nachrichten