Das Reichsbanner

geschrieben von Gerhard Fischer

5. September 2013

Eine DVD informiert und blendet einiges aus

März-April 2007

Als »Schutz- und Wehrorganisation« für die Weimarer Republik verstand sich das »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold«. Im Februar 1924, also unmittelbar nach dem Ende der revolutionären Nachkriegskrise, wurde es gegründet. Hinter ihm standen die »Weimarer Verfassungsparteien«: die deutsche Sozialdemokratie, das Zentrum und die Deutsche Demokratische Partei. Sein verkündeter Zweck war »Aufklärung und Werbung für den republikanischen Gedanken«. Sie hatte der Weimarer Staat dringend nötig: Die noch der Monarchie nachtrauernde Reaktion stand ihm feindselig gegenüber; die faschistische »Bewegung« schwoll an. In Arbeiterkreisen wiederum, auch in sozialdemokratisch orientierten, kursierte der Vers: »Die Republik, das ist nicht viel – der Sozialismus ist das Ziel!«

Die Hauptgefahr für den Bestand der Weimarer Demokratie ging bekanntlich von Hitler, seinen Auftraggebern und seinem Anhang aus; sie waren es schließlich auch, die ihr das Ende bereiteten. Das Reichsbanner allerdings kämpfte zeit seiner Existenz mit seinen drei Millionen Mitgliedern gegen »rechts« und »links« – gegen »Nationalisten und Kommunisten«, wie es im Sprechertext der Doku-DVD »Demokratie braucht Demokraten« von Werner Müller heißt. Sie wurde initiert vom »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold – Bund aktiver Demokraten e.V.«, der die Überlieferung jener Organisation bewahren will, und herausgegeben vom Zentralverband Demokratischer Widerstandskämpfer und Verfolgtenorganisationen, dessen Vorsitzende, Annemarie Renger, während der gut dreiviertelstündigen Laufzeit des Films mehrfach zu Wort kommt.

Der bezieht seine Wirkung in der Hauptsache aus der Art, wie er Vergangenheit und Gegenwart miteinander kombiniert und ineinander verschränkt. Zum einen lebt er von einer Fülle zeitgenössischer Foto- und Filmaufnahmen vorwiegend aus den Jahren bis 1933, die damalige geschichtliche Vorgänge vermitteln und echtes Zeitkolorit aufweisen, sowie von Augenzeugenberichten noch lebender Mitkämpfer des Reichsbanners. Spürbar wird einiges von der ökonomischen und sozialen Entwicklung zu Weimarer Zeiten, von der die Nazis begünstigt wurden. Faktisch ausgeblendet werden Faktoren wie etwa die Rolle des Finanzkapitals bei deren Förderung.

Zum anderen bemüht sich die DVD, die Gefahr des Neonazismus in unseren Tagen zu veranschaulichen und vor allem die Weitergabe historischer Kenntnisse und Erkenntnisse an die Nachgeborenen zu vergegenwärtigen. Der Dokumentarist begleitet beispielsweise Schüler bei Fahrten durch Berlin zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand und zur Gedenkstätte der Wannsee-Konferenz, bei Begegnungen mit Zeitzeugen und bei Diskussionen mit maßgeblichen Politikern von SPD und CDU. So wird gezeigt, wie jungen Menschen heute Wissen über Früheres nahegebracht wird und wie sie sich damit auseinandersetzen.

Unterbelichtet bleibt die Aktivität linksbürgerlicher Kräfte im Reichsbanner. Insgesamt verlässt der Film nicht die Grenzen, die er durch eine Aufnahme von einer Demonstration aus der Zeit des nahenden Endes der Weimarer Republik mit der Lösung wiedergibt: »Gegen Papen, Hitler, Thälmann!« Das war ein Motto der »Eisernen Front«, zu der sich im Dezember 1931 SPD und Gewerkschaften mit dem Reichsbanner und sozialdemokratisch geführten Arbeitersportverbänden zusammenfanden und die nicht gerade einem gemeinsamen Kampf der Hitlergegner gegen den drohenden Machtantritt der Nazis diente. Die Hinweise der DVD auf den Widerstand gegen den Faschismus an der Macht konzentrieren sich auf Sozialdemokraten, den 20. Juli 1944 und die Geschwister Scholl.

Dein Andenken lebt

5. September 2013

Fiktiver Brief an eine unvergessene Antifaschistin

März-April 2007

Liebe Dora,

vor sieben Jahren, du warst immerhin schon 86 Jahre alt, hast du dem Leben freiwillig vale! gesagt. Vieles von dem, was seither auf der Welt passiert ist, würde dich nur noch mäßig interessieren, deprimieren jedoch so allerlei.

Dass zwei Urenkelinnen unsere Familie vergrößert haben, wäre dir wohl wichtig und eine Freude gewesen.

Warum nun ein Brief an dich? Ursache ist ein anderer Brief, der uns am Weihnachtsabend des vergangenen Jahres erreichte. Darin teilte uns ein Franzose namens Rémy Demonsant mit, die Gemeinde von Gaillac/Brens habe beschlossen, einer Straße deinen Namen zu geben. Es handele sich um die vor dem ehemaligen Internierungslager für Frauen entlang führende Straße. Die dürfte dir in unguter Erinnerung sein, wenngleich du am 14. Juli 1942 durch Flucht deiner Internierung ein Ende setztest.

Der feierliche Akt der Namensgebung sei für den 12. März 2006 vorgesehen und der Sohn herzlich eingeladen. Welch überraschendes Weihnachtsgeschenk für die ganze Familie! In letzter Minute entschloss sich Anja, deine älteste Enkelin, dieses besondere Ereignis nicht zu verpassen. Unsere kleine deutsche Abordnung, zu der noch unser langjähriger Freund Detlef stieß, traf am Vortag der »Hommage à Dora Schaul« in Gaillac ein. Alle waren wir aufgeregt und gespannt.

Kurz vor 10.00 Uhr bummelten wir über die Brücke Pont St. Michel. Wir sahen, dass sich viele Leute versammelt hatten. Natürlich wieselten Kameraleute umher und schnell wurden Sohn und Enkeltochter an das blau-weiße Schild mit der Aufschrift »Route Dora Schaul« gestellt, um sie für die örtliche Presse abzulichten. Es folgten, was natürlich einem solchen Akt gemäß ist – viele Reden. Allen gemeinsam war eines: würdige Worte über dich als mutige Frau aus Deutschland, Kommunistin jüdischer Herkunft, die sich unerschrocken der Résistance anschloss und so dazu beitrug, den deutschen Faschismus zu besiegen.

Angelita Bettini, die als sehr junges Mädchen in Brens interniert war, und sich nur ganz vage an dich erinnern kann, hat Tränen in den Augen, als sie über die harte Zeit im Lager spricht. (Heute ist sie Präsidentin der Vereinigung für die Bewahrung der Erinnerung an die Internierten der Lager Brens und Rieucros). Viele Zuhörer werden von der bewegenden Zeremonie emotional mitgenommen. Aufmerksam lauschen die Versammelten einer Botschaft von Madame Simone Veil, Präsidentin der Stiftung für die Erinnerung an die Shoah. Sie bedauert, an der Straßennamensgebung nicht persönlich teilzunehmen, geht in ihren Zeilen aber sehr ausführlich auf die gefährliche Arbeit ein, die du unter dem Namen Renée Fabre bei der Deutschen Feldpost in Lyon geleistet hast. Auch dein Sohn tritt ans Mikrofon und bedankt sich im Namen der Familie für die Ehre, die man dir in Gaillac erweist.

Bevor die Hommage an dich im Gemeindesaal fortgesetzt wird, gehen alle zu einem anderen Tor des einstigen Lagers. An einem Gedenkstein für die internierten Frauen werden in stillem Gedenken an sie Blumen niedergelegt.

Als wir danach den Saal betreten, ist der schon so gut besucht, dass noch einige Stuhlreihen zusätzlich hingestellt werden müssen. Hier hat zunächst Sterenn LeBerre das Wort. In ihrer Magisterarbeit ist sie dem »Fall Dora Schaul« nachgegangen. Nun präsentiert sie die Persönlichkeit, die du in deiner Lebenszeit gewesen bist. Die Aufmerksamkeit im Saal gehört ihr/dir ungeteilt.

Eigentlich war anschließend noch eine Lesung mit Michel del Castillo vorgesehen, doch leider musste er aus gesundheitlichen Gründen absagen, tat dies jedoch mit einem kleinen wunderbar warmherzigen Text für die Versammelten. Erinnerst du dich an ihn? Du warst für ihn so etwas wie eine zweite Mutter; seiner eigenen ging es unter den Internierungsbedingungen oft so schlecht, dass sie sich nicht viel mit ihm beschäftigen konnte.

Wie lebendig du noch bist, dürfte dir nach der Lektüre unseres Briefes deutlich geworden sein. Viele Freunde und Bekannte, denen wir von der »Route Dora Schaul« erzählten, freuten sich über diese Nachricht und meinten gleichzeitig: »Schade, dass sie das nicht mehr erlebt hat!« Doch wie hast du oft in den unterschiedlichsten Situationen gesagt? C’est la vie!

Es grüßen dich, wo auch immer du bist,

deine Schwiegertochter Nina und natürlich auch dein Sohn Peter

Lübecker Widerstand

geschrieben von Dr. Seltsam

5. September 2013

Gedanken zu einem Buch von Marianne und Günther Wilke

März-April 2007

Marianne und Günther Wilke:

Lübeck unterm Hakenkreuz. Wegweiser zu den Stätten des Widerstandes und der Verfolgung in Lübeck 1933-1945, Hrsg. VVN-BdA, 124 S.

Als Lübecker Jung erlebte ich meinen Konfirmandenunterricht in der, wie eine Naziburg gebauten, Lutherkirche, in deren Vorraum eine Gedenktafel an Pfarrer Stellbrink gemahnte, ein nicht sehr sympathisch wirkender, streng aussehender Geistlicher mit Hitlerbärtchen. Niemand sagte uns, dass er 1944 als Nazigegner hingerichtet wurde. Dass so viele bedeutende Antifaschisten aus Lübeck kamen, war den Lübeckern meiner Jugendjahre noch im Nachhinein peinlich: Die Manns, Willy Brandt, Julius Leber. Erich Mühsam wurde nicht mal erwähnt, bis sich endlich Ende der 80er-Jahre die rege Erich-Mühsam Gesellschaft bildete. Man kann also nicht gerade behaupten, dass die Stadt Lübeck sehr wohlwollend mit ihren Märtyrern umgegangen wäre, von den vier Pfarrern mal abgesehen.

Umso lobenswerter ist daher die Veröffentlichung »Lübeck unterm Hakenkreuz«, von Marianne und Günter Wilke, beide seit vielen Jahren aktiv in der VVN- BdA in Schleswig-Holstein. Aus ihrem Buch erfuhr ich nun, dass Pfarrer Stellbrink tatsächlich Mitglied der Nazipartei war und ihr zehn Jahre lang treu gedient hatte. Nichts wusste ich vorher aus meiner Jugendzeit von den tapferen Aktionen der Lübecker Hafenarbeiter, der illegalen KPD, die Emissäre der Komintern durch die anrüchigsten Hafenkneipen schmuggelten und über die Arbeiterfamilie Bringmann, die fast vollständig von der Gestapo ermordet wurde. Aber andere Dinge weiß ich, die ein sehr gespenstisches Licht auf die Lübecker werfen und die in dem Buch nicht vorkommen. Damit nun kein allzu guter Eindruck von den »anständigen« Lübeckern entsteht, hier einige der bösen Fakten zur Ergänzung.

Die größte Firma in Lübeck sind heute die Draeger-Werke. Heinrich Dreager war Wehrwirtschaftsführer und besaß ein eigenes KZ mit mehreren hundert russischen Zwangsarbeiterinnen. Gelegentlich wurden angeblich »faule« Arbeiterinnen an einem Galgen im Firmengelände aufgehängt und zur Warnung der Belegschaft hängengelassen. Ende 1944 erschoss die SS zwei Frauen »auf der Flucht«. Eine existierende Widerstandsgruppe im Lager wurde verraten, gefoltert und ausgelöscht, weder am Firmengelände noch sonst irgendwo erinnert man heute an die Opfer. Keiner kennt ihre Namen und es gibt keine ABM unter den vielen arbeitslosen Geisteswissenschaftlern der Hansestadt, um diese Vorkommnisse zu erforschen. Eine Draegertochter ging in meine Gymnasiumsklasse, natürlich wusste auch sie nichts davon.

Zu Beginn der Nachkriegszeit wollte die Fremdenverkehrswirtschaft gern wieder den Bäderbetrieb an der Ostseeküste aufnehmen, aber die infrage kommenden angloamerikanischen Kurgäste wurden noch jahrelang durch angeschwemmte Leichen der Cap Arcona/Thielbek-Katastrophe irritiert, deren Überlebende übrigens von eiligst zusammengestellten Jagdkommandos an den Stränden der Lübecker Bucht erschlagen wurden, wie der überlebende Kommunist und Schauspieler Erwin Geschonneck in einem verschwiegenen Dokumentarfilm von Hermann Leukert aus Lübeck berichtet.

1947 geriet Lübeck wieder negativ in die Schlagzeilen der Weltpresse, als die jüdischen Flüchtlinge der »Exodus« von der Reede vor Haifa hier in Pöppendorf interniert wurden, untere Anleitung der Engländer. Das war nun so geschäftsschädigend für das Renommee der Seebäder, dass der Lübecker Senat sich zu einem einzigartigen Schritt entschloss: Ein frühes Ehrenmal für die getöteten Juden, fünfzig Jahre vor dem sinnleeren Holocaust-Mahnmal in Berlin und genauso peinlich. Sie kamen nämlich auf die Idee, einen überdimensionalen Grabstein zu errichten, mit den Namen der letzten beiden Lübecker Juden, ein Ehepaar, das ausgerechnet von englischen Bomben getötet worden war. Sie meißelten auf den Stein: »Hier ruhen Hermann Israel Schild und Emma Sara Schild«. Und dann wunderten sie sich, dass sich weltweit ein Wutgeheul über diesen Schildbürgerstreich erhob.

Linke Weltsichten

geschrieben von Alfred Fleischhacker

5. September 2013

Die Erinnerungen des Diplomaten Horst Brie

März-April 2007

Horst Brie:

Erinnerungen eines linken Weltbürgers, Karl Dietz Verlag Berlin,

Euro 16,90

Der Bogen der Ereignisse, über die in diesem Buch berichtet wird, überspannt ein halbes Jahrhundert. Sie beginnen 1946 mit der Rückkehr des Autors Horst Brie nach Deutschland. Dieses Land hatten die Eltern und der damals Elfjährige l934 verlassen. Eine wohl lebensrettende Entscheidung für die Familie. War doch der Vater Mitglied der kommunistischen Partei und jüdischer Herkunft. Nach der Machtübernahme der Nazis deshalb in doppelter Gefahr. Das erste Exil bot die Tschechoslowakei. Der Sohn fand bereits dort Kontakt zu der in der Emigration gegründeten »Freien Deutschen Jugend« und blieb ihr verbunden, als die Familie nach Großbritannien auswanderte.

Ein Jahr nach der bedingungslosen Kapitulation kehrt er von London über Jugoslawien nach Berlin zurück. Mit der Einstellung »Entbehrungen auf mich zu nehmen, um am Aufbau eines antifaschistischen, demokratischen Deutschlands teil zu nehmen«. Zu Beginn in Mecklenburg. Es fehlten dort, wie überall im Land, Personen mit einer antifaschistischen Grundeinstellung. Die hatte er und begann im Studio Schwerin des Rundfunks seine berufliche Laufbahn. Viele Entscheidungen nahmen in jenen Jahren einen spontanen Verlauf. Horst Brie jedenfalls war erleichtert, als er zum stellvertretenden Landesvorsitzenden der FDJ berufen wurde. Es schloss sich eine hauptberufliche Arbeit in der SED an.

1950 begannen in etlichen volksdemokratischen Staaten von Stalin inspirierte Schauprozesse gegen leitende Funktionäre kommunistischer Parteien. Man beschuldigte sie, als »Agenten des Imperialismus« den Aufbau des Sozialismus zu hintertreiben. Die infamen Verleumdungen jener Kampagne, die einige Betroffene sogar das Leben kostete, erreichten – allerdings in abgeschwächter Form – auch die DDR. Zwar gab es hier keine Todesurteile. Doch fast von heute auf morgen galten hunderte der SED verbundene Mitglieder als »unzuverlässige Kader« Betroffen waren davon in erster Linie solche Genossen, die sich nach 1945 frei entschieden hatten, aus westlichen Staaten in das nicht nur materiell zerrüttete Land zurückzukehren.Die damalige Parteiführung setzte eine Personal-Rochade in Gang, von der auch Brie betroffen war. Man schickte ihn in eine Maschinen- und Traktoren-Station, deren Aufgabe darin bestand, die knappen Landmaschinen konzentriert an Neubauern auszuleihen, welche durch die Bodenreform Land erhalten hatten. Die nach Stalins Tod 1953 einsetzende Rehabilitierung erreichte ihn 1955. Man empfahl ihm, mit Blick auf sein bisheriges Leben und seine internationalen Erfahrungen, künftig im Außenministerium zu arbeiten. Schon wenig später wurde er Kulturattaché an der DDR Botschaft in Peking. Es folgte die Ernennung zum Botschafter in Nordkorea, in Japan und schließlich in Griechenland.

Was er in diesen drei Jahrzehnten erlebt und mitgestaltet hat, darüber berichtet der Autor sachlich, offen und sehr informativ. Er lernte Personen kennen, die mit ganz unterschiedlichen Temperamenten, Lebensläufen und Visionen, gesellschaftliche Prozesse in ihren jeweiligen Ländern in Gang setzten. So in China Tschou Enlai und Mao Zedong. In Nordkorea Kim Il Sung. Mit gebotener Zurückhaltung offeriert er dem Leser seine Folgerungen aus den Umwälzungen jener Zeit.

Diplomatische Beziehungen mit Japan waren erst 1974, nach der Aufnahme der beiden deutschen Staaten in die UNO, möglich geworden. Das Auswärtige Amt der Bundesrepublik ließ wissen, fortan wolle man die Welt nicht länger mit den »Querelles Allemandes« belästigen. Leere Versprechen, wie sich alsbald zeigen sollte. In Bonn wollte man sich nicht von der »Hallstein-Doktrin« lossagen, mit der man viele Staaten über Jahrzehnte unter Druck gesetzt hatte. Brie schildert wie Bonn versuchte, den Besuch Erich Honeckers in Japan zu verhindern. Selbst in den späten 80er-Jahren, als der Autor die Botschaft in Athen leitete, ließ das Auswärtige Amt noch immer nicht ab von Einmischungen in die Außenpolitik der DDR. Brie und ich werden nicht mehr präsent sein, wenn die Archive der Alt-BRD geöffnet und damit genauere Einblicke in Praktiken ermöglicht werden, mit denen man am Rhein in der langen Phase des Kalten Krieges die Außenpolitik der DDR so gar nicht neutral, geschweige denn passiv, begleitet hat.

Über viele Jahre hatte der Autor selbstverständlich auch engere Kontakte zu führenden Persönlichkeiten des Landes, das er nach außen vertrat. Genannt seien hier Erich Honecker, Hermann Axen, im Politbüro der SED für Außenbeziehungen verantwortlich, Oscar Fischer, viele Jahre Außenminister der DDR, und Günter Mittag.

Dem Leser bleibt es überlassen, die Wertungen Bries über die Genannten zu akzeptieren oder zu verwerfen. Es versteht sich wohl von selbst, dass er auch mit Geheimdiensten zu tun hatte. Seit knapp zwei Jahrzehnten soll es ja Leute geben, die bei diesem Wort immer nur an den einen denken. Doch in den USA gab es über Jahrzehnte den OSS, den Vorläufer der CIA, oder den sowjetischen KGB und in England den MI 5. Mit all diesen hatte Brie Kontakte und natürlich auch mit dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR.

Reportagelieder

geschrieben von Das Gespräch führte Jürgen Gechter

5. September 2013

Gespräch mit Bernd Köhler, alias »Schlauch«

März-April 2007

Es wird im Frühjahr eine neue CD mit Liedern von Schlauch geben, die in den letzten Jahren entstanden sind. Mit dabei sind der Gitarrist Hans Reffert, Laurent Bürkle aus dem Elsass mit seinem Akkordeon und Christiane Schmied, die von der elektronischen Musik her kommt. Buchen kann man die Gruppe unter dem Namen: »das kleine elektronische Weltorchester« (ewo2)

Mehr Infos unter: www.ewo2.de

antifa: Um Bernd Köhler alias »Schlauch«, den kämpferischen Liedermacher aus Mannheim, war es lange Zeit still geworden. Jetzt ist im letzten Jahr bei JumpUp die CD »Schlauch live«, ein Mitschnitt aus dem Jahr 1989, herausgekommen. Davor eine Single, die du zusammen mit Kolleginnen und Kollegen von Alstom-Mannheim aufgenommen hast. Was hat dich bewogen wieder auf den Plan zu treten?

Bernd Köhler: Es ging mir wie vielen aus der Zunft. Die einschneidenden Veränderungen Ende der 80er-Jahre waren auch einschneidend für das Liederschreiben und -singen, auch eine Variante von Degenhardts »Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf«. Es kann Situationen geben, in denen es komisch wird, als ewiger Mutmacher daherzukommen, wo man einfach nichts mehr sagen will und kann, auch wenn einem viel durch den Kopf geht. Kurz, ich habe ein rundes Jahrzehnt zur Reflexion gebraucht. Den Liedermacher haben dann die Kolleginnen und Kollegen vom Turbinenbauer Alstom in Mannheim herausgefordert – eine tolle, motivierende Truppe, der ich 2003 für ihren Kampf um die Arbeitsplätze das »Résistance-Lied« geschrieben habe.

antifa: Auf deiner authentischen und lebendigen Live-CD singst du unter anderem vom Kampf gegen das AKW in Brokdorf, von Nicaragua oder zu den Stahlarbeiterstreiks im Ruhrgebiet. Warst du überall vor Ort?

Köhler: Es war mein Prinzip, über das zu singen und zu berichten, was ich selbst gelebt oder erlebt hatte. Zeitnah, aktuell, Reportagelieder sozusagen. Da musst du schon bei Aktionen vorn mit dabei gewesen sein oder bei Streiks. Aber es gab auch Geschichten, die ich nur vom Hörensagen, aus Filmen oder Büchern kannte, die mich aber so bewegten, als wäre ich dabei gewesen.

So war der Ausgangspunkt für das Nicaragualied ein kurzer Filmstreifen, auf dem durch das Auge des Kameramanns der für ihn tödliche Schuss eines Nationalgardisten festgehalten wurde. Titel des Liedes, das musikalisch fast atonal daherkommt: »Der Film reißt ab«.

antifa: Und was haben uns diese doch etwas angestaubten Lieder heute noch zu sagen?

Köhler: Nun ja, es sind erzählte Geschichten und Geschichte, in denen sich vor allem Haltungen vermitteln und das hat ja doch eine zeitlose Komponente. Und viele der Themen sind heute fast aktueller als damals. Außerdem sind einige Lieder durch die Instrumentierung und die Arrangements von Hans Reffert und Barbara Lahr auch musikalisch ein echter Hammer.

antifa: Du bist Mitglied der VVN-BdA. Warum?

Köhler: Mitglied der VVN wurde ich, wie viele aus meiner Generation, über die Auseinandersetzung mit der Zeit des Hitlerfaschismus. Es waren ja unsere Eltern, die den Weg in den Faschismus und in den Weltkrieg mitgemacht hatten und die Erinnerungen an diese »große Zeit« bestimmten bei uns so manche Familienfeier. Ende der 60er-Jahre war es dann die rebellische Studentenbewegung, bzw. die APO, die den radikalen Bruch mit dieser Vergangenheit herausgefordert hat. Wir entdeckten plötzlich, dass es neben den mystifizierten Kriegshelden und -geschichten auch Leute gab, die den Mut hatten, sich dem Terror der Nazis entgegenzustellen. Die für ihre Überzeugung verfolgt, eingesperrt und umgebracht wurden. Die VVN war ihre Organisation und in deren Tradition sah ich mich mit meinen Ansichten und Absichten.

antifa: Einer deiner Songs auf der CD trägt den Untertitel »Nazis raus aus unserer Stadt«. Dieser Slogan ist in den letzten Jahren immer weiter verdrängt worden. Ist er vielleicht nicht mehr zeitgemäß?

Köhler: Aus Erfahrung weiß ich, dass der Slogan, wenn es hart auf hart kommt, z.B. bei Blokadeaktionen, stimmig und aktuell ist. Vergleichbar mit dem witzigeren »Nazis verpisst euch, keiner vermisst euch«. Das Lied hat im übrigen den Titel »Gute Tradition« und erzählt die Geschichte des antifaschistischen Widerstandes in meiner Heimatstadt bis zu den Mannheimer Interbrigadisten, die in Spanien gefallen sind.

antifa: Du bist auch Grafiker und hast für die VVN-BdA das Logo zur Forderung nach einem NPD-Verbot entwickelt. Wie stehst du selbst zu dieser Forderung?

Köhler: Ich finde die Forderung uneingeschränkt richtig. Die NPD ist die wichtigste Sammelbewegung im rechtsextremen Spektrum und sieht sich, auch wenn sie das nicht offen benennt, in der Nachfolge des Dritten Reichs. Man muss nur einige NPD-Demos erlebt haben, dann kennt man den wahren Charakter dieser Partei. Und sie dockt mit ihrer Hetze gegen Juden, Ausländer oder Behinderte am dumpfesten nationalen Sumpf an. Diesem Einfluss muss konsequent entgegen getreten werden, das ist die im Grundgesetz verankerte Lehre aus der Zeit des Hitlerfaschismus. Und der Staat ist verpflichtet dem Grundgesetz in diesem Sinne Geltung zu verschaffen, mit all seinen Möglichkeiten und der ganzen Wucht seines Staatsapparats. Wozu er da fähig ist, hat er gegenüber uns Antifaschisten oder Linken ja nur zu oft und spürbar bewiesen.

Kein schlechter Anfang

geschrieben von Dr. Seltsam

5. September 2013

Dr. Seltsam besuchte für uns die Berlinale

März-April 2007

Das Jahr als meine Eltern im Urlaub waren

Originaltitel: O Ano em que Meus Pais Saíram de Férias

Produktionsland: Brasilien

Erscheinungsjahr: 2006

Länge (PAL-DVD): 104 Minuten

Originalsprache: portugiesisch, jiddisch

Selten hatte das Berliner Filmfest solch viel versprechenden Anfang. Die Filme der ersten beiden Tage beschäftigten sich auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Thema Faschismus. Durch diese kleine Überforderung bekam man einen Begriff davon, wie vielfältig und interessant die Medienwelt unter dem Diktat eines »verordneten Antifaschismus« sein könnte oder wie angenehm, falls Antifaschismus eine selbstverständliche Grundhaltung von Medienschaffenden wäre.

Edith Piaf war nicht nur eine wunderbare Schnulzensängerin und Chansonnette, sondern hielt auch unter dem Einfluss ihrer Freundin Marlene Dietrich Kontakt zur Résistance. Genauso wenig wie Picasso in Paris unter deutscher Besatzung verboten war, wurden auch die populären Piaf-Konzerte von der Gestapo geduldet. Sie wurde sogar gefragt, ob sie für die Bewacher in einem Gefangenenlager singen würde. Die Piaf entsprach diesem wahrhaft unsittlichen Antrag, brachte aber ihren Fotografen mit, der viele deutliche Fotos von den Gefangenengesichtern machte.

Die nutzten Angehörige der Résistance dann für falsche Ausweise, die den Genossen zur Flucht verhalfen. Eine Heldentat, für die sich ein Deutscher in den Himmel loben würde, in Frankreich erschien sie so klein und normal, dass die Piaf sie später nicht einmal einer Erwähnung für wert befand. So taucht diese bemerkenswerte Szene in dem Eröffnungsfilm »La Mome« oder »La vie en rose« von Olivier Dahan mit der kongenialen Sängerin Marion Cotillard und Gerard Depardieu auch gar nicht auf. Wir aber wissen davon und sehen diesen tränenseligen Musikfilm daher mit ganz anderen Augen.

Dann die Überraschung! Ich hasse Fußballfilme, dieses blöde Hinterherlaufen hinter dem Lederbalg, nur um der eigenen Nation Lustschreie zu entlocken, ist für mich gerade nach den beiden deutschen Versionen Bern 1954 und Sönke Wortmanns WM-Film eine Vorstufe rassistischer Hetze. Das widerliche Fahnenschwenken gar ein Rückfall in grinsende Barbarei. Aber dann im Gegenteil dieser Film: »o ano em que meus pais sairam de ferias«, zu deutsch: »Das Jahr, als meine Eltern im Urlaub« waren von Cao Hamburger aus Brasilien. Der Film schildert aus der Sicht eines neunjährigen Jungen, der natürlich nichts als Fußball im Kopf hat und Torwart werden will, den Faschismus unter der brasilianischen Militärdiktatur im Jahre 1970, als Brasilien mit Pelé in Mexiko Fußballweltmeister wurde.

Die Eltern des Jungen sind Kommunisten im Widerstand und müssen sich verstecken. Das mussten viele Eltern damals und der Euphemismus, mit dem man die Kinder zu beruhigen versuchte, hieß: Die Eltern sind in Ferien. Er kommt zu seinem Großvater inmitten der Tausende von deutschen Emigranten umfassenden jüdischen Gemeinde in Sao Paolo, wo es ebenfalls zum guten Ton gehört und ganz selbstverständlich ist, gegen den deutschen Faschismus Widerstand geleistet zu haben. So wie man jetzt auch Solidarität mit den kommunistischen Studenten übt, wenn sie von der Polizei mit Pferden niedergeritten oder gefoltert werden. Neben vielem anderen ist dies das Angenehme dieses Films: Die Selbstverständlichkeit, mit der man als anständiger Mensch Antifaschist ist, eine wohltuende Grundhaltung nach den ganzen Problemfilmen des Deutschen Fernsehens, in denen die Protagonistinnen lange moralische Kämpfe führen, ob sie nun dem »Dämon Hitler« erliegen sollen oder nicht.

Hinreißende Szene, wie die alten Juden auf jiddisch über Pelé debattieren und ihrer neuen Heimat Brasilien die Daumen drücken. Im Unterschied zu den aufwändigen Rekonstruktionen der deutschen Fußballfilme sind die Sportszenen ganz einfach als Fernsehbild eingebaut und dennoch aufregend, nämlich durch die Zuschauerreaktion.

Das erste Spiel der Brasilianer geht gegen die CSSR und das erste Tor fällt für den Osten: Ein kommunistischer Student ist in der Kneipenrunde der einzige, der sich linientreu freut: Hurra, ein Sieg für den Sozialismus! Aber als dann Pelé trifft, verwandelt er sich in den wildesten Brasilienfan von allen. Das ist herzerfrischend undogmatisch und lebensecht. Und am Ende rettet er sich vor der Polizei. Ein schöner Film, besonders wegen der sympatischen Darstellung der jüdischen Menschen und von daher in jeder Hinsicht geeignet für die politische Arbeit unter Sportlern und nationalen Fußballfans, von deren Rassismus und Antisemitismus man immer hören und lesen muss.

Dagegen kann man den »semi-offiziellen« Antifafilm des Festivals, »The good German« mit George Clooney und Cate Blanchett vergessen. Er war gedacht als ein technisch brillantes Remake von »Casablanca«, doch statt seiner sollte man sich lieber zum fünfzigsten Mal das unvergleichliche Original ansehen. Leider wird genau dieser Film mit großem Brimborium in die Kinos kommen und, genau wie jetzt die Oscar prämierte lächerliche Stasilegende »Das Leben der Anderen«, unverdiente Medienaufmerksamkeit erhalten. Wir sollten dagegen den Sachsenhausenfilm »Die Fälscher« so offensiv wie möglich propagieren. Ein großartiger Antinazifim, über den ich in der nächsten Ausgabe berichten werde.

»Mein Führer«

geschrieben von Irene Runge

5. September 2013

und andere Merkwürdigkeiten

März-April 2007

Für Olga Feidianina, Kulturredakteurin von »Jüdische Zeitung«, ist die öffentliche Debatte über Dani Levys Film »Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit« seltsamer als das Kunstwerk selbst. Sie zitiert auch mich mit Sätzen wie: »Nun, auch ehrenwerte Leute machen zuweilen schlechte Filme«. Und mein Urteil: »Die Grundidee trägt nicht über anderthalb Stunden, die psychoanalytische Deutung ist laienhaft, in den Vordergrund rücken die eigentlich uninteressanten Sachen. Manches ist peinlich ungenau. Zum Beispiel die Geschichte mit der Familie. Die Kinder von Grünbaum kommen aus dem KZ – wohlgenährt und gepflegt. Ulrich Mühe als ehemaliger Professor ist elegant und kultiviert – aber dann erscheint seine Gattin und benimmt sich wie eine Frau aus dem Dorf… Man ahnt, dass Levy etwas Gutes meint, aber die Umsetzung nicht schafft. Doch wir müssen dankbar dafür sein, dass er so viel in Bewegung gesetzt hat. Was für eine Diskussion der Film entfacht! Über den Umgang mit Juden heute, den Umgang mit Geschichte – da merkt man, wie schwierig all diese Dinge nach wie vor sind.«

Ich weiß nicht, wer von Ihnen den Film gesehen hat. Wegen Levys wunderbar ernsthafter Komödie »Alles auf Zucker« hatte ich gehofft, ihm werde der unwahrscheinliche Coup einer Hitlerparodie gelingen. Das Ergebnis hat mich genervt, teilweise gelangweilt, und ich kenne nur einen ernsthaften Menschen, den Levys antidokumentarische Idee über den selbstvernarrt depressiven Diktator und dessen Vertrauen in die Heilkünste des jüdischen Schauspiellehrers Grünbaum amüsiert hat. Für mich sind Hitlers Kindheitstraumata und Erwachsenenneurosen also weiterhin nicht komisch, sondern pathologisch. Sein Name steht für ein mörderisches System, sein Wille war Zweiter Weltkrieg, die Unterjochung Europas, das Euthanasieprogramm und die beschlossene Vernichtung von Juden und Zigeunern. Das ist die Tragödie des 20. Jahrhunderts. Aber Levy hatte sich vorgenommen, die Funktionäre des Systems komödiantisch zu zersetzen. Originalton Levy: »Es gibt keine Möglichkeit, Witze über den Holocaust zu machen. Aber über die Machthaber kann man eine böse Komödie machen und sie ein Stück weit ihrer Größe entheben.« Für mich misslungen auch deshalb, weil es zynisch ist, im Dezember 1944 (!) einzusetzen, als die »Endlösung der Judenfrage« fast vollendet ist. Das zerstörte Berlin wird hier dem Führer rücksichtsvoll verschwiegen, sein Kriegsluxus ist etwas lächerlich, doch Levy wollte den Film anders vollenden, hieß es, zu sehen ist aber dies. Das Komischste ist ein Schäferhund, der sekundenlang die Pfote zum Hitlergruß hebt. Dass Levy jüdisch ist, macht den Film nicht besser, aber erklärt, warum Kritik so genierlich geübt wurde.

Als Brecht das System Hitler im aufhaltsamen Aufstieg eines Arturo Ui verfremdete, ordnete der Schauspielunterricht die theatralisch-politische Bewegung in der mörderischen Intrige bis über Stalingrad hinaus ein. Levys Schauspiellehrer Grünbaum dient therapeutischen Zwecken. Was folgte, würde er Hitler vom persönlichen Leid heilen? Brecht warnt am Ende: »Der Schoß ist fruchtbar noch«, Levy endet mit »Heilt euch selbst«, seine Massen glückstaumelnd inmitten von Kulissen. Olga Feidina schreibt, 56 Prozent der Bundesbürger wären laut Umfragen gegen besagten Film, doch es bleibe offen, »wie viele von den besagten 56 Prozent es nicht gut finden, dass man Hitler respektlos verarscht und ihn lieber als einen (bösen) Übermenschen sehen wollen.« Dass, wie beim »Untergang«, lauthals befürchtet wurde, hier könne es zur Identifikation mit Hitler und seinesgleichen kommen, hat nichts mit den Filmen, aber viel mit der Angst beim Aufbrechen erstarrter Geschichtsmythen zu tun. Wer diese Sorge teilt, sollte unbedingt zur Abschreckung ins Kino gehen!

Erniedrigt und verbraucht

geschrieben von Regina Girod

5. September 2013

Sonderausstellung zu Häftlingsbordellen in der Gedenkstätte
Ravensbrück

März-April 2007

»Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern«

Eine Werkstattausstellung der Gedenkstätte Ravensbrück in Kooperation mit »Die Aussteller«, Wien und dem Institut für Kunst im Kontext, UdK Berlin.

15. Januar bis 30. September 2007 im Garagentrakt der Gedenkstätte Ravensbrück, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 9.00 Uhr bis 17.00 Uhr.

Das erste Mal habe ich Anfang der 90er-Jahre davon gehört, in der Diskussion um das Niethammer-Buch über die roten Kapos. Der hatte über das Häftlingsbordell in Buchenwald geschrieben, in dem gefangene Frauen zur Sex-Arbeit gezwungen wurden. Die Reaktionen darauf waren heftig, wie immer, wenn an ein Tabu gerührt wird. Denn das passte nicht in das Bild vom Häftlingsalltag in Konzentrationslagern. Dass SS-Leute gefangene Frauen auch sexuell folterten und missbrauchten wusste man aus Filmen und Büchern. Aber Häftlinge, die doch selbst Opfer waren? Irgendwie unvorstellbar. 60 Jahre brauchte es, bis im Mai 2005 eine Gruppe von Wiener Studenten unter Leitung ihrer Professorin Carola Sachs eine Ausstellung präsentierte, die dieses Unvorstellbare dokumentierte und an die Stelle von Verschweigen und Verdrängung nüchterne Aufklärung setzte. Doch was heißt nüchtern? Trotz äußerst dürftiger Quellen und Materiallage, von einer richtigen Ausstellung kann eigentlich gar keine Rede sein, verlässt man die Präsentation schockiert und betroffen über die ungeheure Entwürdigung, die sie bezeugt.

Denn, wie immer im Wirkungsbereich deutscher Amtsstuben, war alles akribisch geregelt. Basierend auf einem Erlass Heinrich Himmlers vom Mai 1943, wurden zunächst in Mauthausen und Gusen, später in allen großen Konzentrationslagern, sogar in Auschwitz, Häftlingsbordelle eingerichtet. Die Frauen dafür kamen aus Ravensbrück, meist trugen sie den schwarzen Winkel der Kriminellen. Für ein halbes Jahr Arbeit im Bordell hatte man ihnen die Entlassung versprochen. Eigentlich waren die Bordellbesuche Bestandteil eines Prämiensystems für besondere Arbeitsleistungen, doch die Mehrzahl der ausgemergelten Häftlinge war zu hohen Arbeitsleistungen körperlich gar nicht mehr in der Lage und auch nicht zur Inanspruchnahme solcher »Vergünstigungen«. Also waren es meist so genannte »Funktionshäftlinge«, und unter diesen wiederum vor allem Kriminelle, die die Möglichkeit nutzten. Juden und Russen waren von den Besuchen ausgeschlossen.

Und das ging dann so: Der Häftling stellte auf einem extra dafür entwickelten Formblatt einen Antrag auf Bordellbesuch. Dieser wurde vom Lagerkommandanten entschieden und die Erlaubnis auf dem Appell öffentlich erteilt. Der Besuch kostete zwei Reichsmark, von denen angeblich eine Mark die Frau erhielt. (In Wirklichkeit bekamen die Frauen kein Geld und wurden auch nicht, wie versprochen, vorzeitig entlassen). Vor dem Besuch musste der Mann sein Glied vorzeigen, es wurde desinfiziert, dann hatte er 15 bis 20 Minuten Zeit für den Geschlechtsverkehr, der nur in liegender Stellung zu vollziehen war. Durch ein Guckloch in der Tür war die Kontrolle darüber gewährleistet. Für die Frauen gab es keine Verhütungsmöglichkeiten, abgesehen von Waschungen mit Kresollösungen. So kam es immer wieder zu Schwangerschaften, viele infizierten sich mit Geschlechtskrankheiten. In diesem Fall wurden sie nach Ravensbrück zurückgebracht, im dortigen Revier nahm man Schwangerschaftsabbrüche vor und benutzte die Erkrankten als Objekte für Medikamentenversuche.

Irma Trsak, eine ehemalige Ravensbrücker Häftlingsfrau, erinnert sich: »Zurückgekommen sind sie als Wracks. Die mussten am Tag weiß ich wie viele Männer empfangen, sie waren ruiniert, krank, einige sind nachher gestorben.« Von den Frauen, die überlebten, stellten die meisten aus Scham nach dem Krieg keinen Antrag auf Entschädigung. Denn schon in der Häftlingshierarchie standen die Rückkehrerinnen auf der untersten Stufe, schließlich hatten sie sich freiwillig gemeldet. So gehörten sie für Jahrzehnte zu den vergessenen Opfern des KZ-Systems.

Um so wichtiger, dass die Ausstellung »Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern« nach ihrer Präsentation in der als Bordell genutzten Baracke 1 von Mauthausen, nun noch bis zum 30. September in der Gedenkstätte Ravensbrück zu sehen ist. Ergänzt durch Filmausschnitte, in denen sich Ravensbrückerinnen an das Geschehen erinnern und einige Bücher und Manuskripte zur Problematik sexualisierter Gewalt gegen Frauen. Man muss das gesehen haben. Die Wiener Studierenden Gruppe »Die Aussteller« hat hier mit sichtbar wenig Mitteln eine aufklärerische Großtat vollbracht, die ihresgleichen sucht.

Guernica und die Bilder

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Zum Gedenken an die Kunsthistorikerin Jutta Held

März-April 2007

Ihr Forschungsspektrum war groß. Promoviert hat sie 1961 über »Farbe und Licht in Goyas Malerei«. Goya beschäftigte die Kunsthistorikerin Jutta Held im Laufe der weiteren Jahrzehnte immer wieder. Mit zunehmend geschärftem Blick auf Entstehungsbedingungen und Wirkungsmöglichkeiten bildender Kunst in unterschiedlichen gesellschaftlichen Verhältnissen und historischen Epochen.

Zu ihren Arbeiten gehörten Untersuchungen wie »Der spanische Bürgerkrieg und die bildenden Künste«, eine »Sozialgeschichte der Malerei. Vom Spätmittelalter bis ins 20. Jahrhundert« (mit Norbert Schneider) und viele Veröffentlichungen, die sich kritisch mit dem eigenen Fach, der Kunstgeschichte, auseinandersetzten. Mit besonderem Blick auf die Zeit des NS-Faschismus und die Entwicklung nach 1945.

Am 27. Januar 2007 ist Jutta Held im 74. Lebensjahr in Karlsruhe verstorben. Von 1974 bis zu ihrer Emeritierung im Jahr 2000 wirkte sie als Professorin an der Universität Osnabrück, lehrte dazwischen auch als Gastprofessorin in Zürich und Los Angeles und motivierte eine ganze Generation von Studentinnen und Studenten, sich in ihrem Fach auch mit sozialen, politischen und feministischen Ansätzen in Kunst und Kunstwissenschaft zu befassen.

Daneben war sie eine nimmermüde Initiatorin und Organisatorin von wissenschaftlichen Symposien und Herausgeberin von Aufsatzsammlungen zu Themenbereichen, die ihr am Herzen lagen: »Kunst und Alltagskultur«, »Metropolenkultur«, »Kunstgeschichte an den Universitäten im Nationalsozialismus«. Dieses Engagement bündelte sich schließlich in der von ihr 1985 gegründeten »Guernica-Gesellschaft«, mit dem Ziel, »zur Erforschung der antifaschistischen Kunst und Antikriegskunst beizutragen.«

Die »Guernica-Gesellschaft« ist bis heute ein – in unserer Zeit der Kunst- und Kunstgeschichtsmoden und ihrer marktwirtschaftlichen Verwertbarkeit – leider recht an den Rand gedrängter Verbund von Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftlern und anderen Kunstinteressierten geblieben (Näheres dazu unter www.guernica-gesellschaft.de). Zu den zahlreichen Publikationen der Gesellschaft gehört vor allem das seit 1999 erscheinende Jahrbuch »Kunst und Politik«, das Jutta Held bis zu ihrem Tod betreut hat.

»antifa«Ausgabe Jan.-Feb. 2007

5. September 2013

Jan.-Feb. 2007

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