Märtyrer ihres Glaubens

geschrieben von Kurt Willy Triller

5. September 2013

Zeugen Jehovas unter dem NS-Regime

Sept.-Okt. 2007

Forschungsergebnisse und Literatur zum Thema

Tödliche Verweigerung – der Leidensweg der Zeugen Jehovas, in: Nieder die Waffen, die Hände gereicht, von Dr. Andreas Röpcke, Donat Verlag, Bremen 1989; Zwischen Widerstand und Martyrium – die Zeugen Jehovas im Dritten Reich, von Dr. Detlef Garbe, 3. überarbeitete und ergänzte Auflage, R. Oldenbourg Verlag, München 1997; Repression und Selbstbehauptung, die Zeugen Jehovas unter der NS- und der SED-Diktatur, von Professor Dr. Dr. Gerhard Besier und Dr. Clemens Vollnhals, Duncker und Humblot, Berlin 2003; Die nationalsozialistische Verfolgung der Zeugen Jehovas in Frankfurt am Main, von Johannes Wrobel, in: Kirchliche Zeitgeschichte, Heft 2/2003, Vandenhoeck und Rupprecht, Göttingen

Tausende Zwangsarbeiter, Millionen Aschkenasim und Sephardim, Tausende Sinti und Roma, Tausende Kommunisten, Tausende Polen und Russen, Tausende Zeugen Jehovas und weitere Opfergruppen, litten und starben in den Konzentrationslagern und Gefängnissen des NS-Regimes von 1933 bis 1945. Ungefähr 30.000 Zeugen Jehovas gab es 1930 in Deutschland und Österreich. Es wurden aus anderen besetzten Gebieten Europas weitere Zeugen Jehovas deportiert. Über 12.700 inhaftierte man in den Gefängnissen und Konzentrationslagern und mehr als 2.000 wurden ermordet, über 360 wurden hingerichtet, dies größtenteils wegen Kriegsdienstverweigerung. Diese Opferzahlen erhöhen sich ständig durch neue Forschungsergebnisse.

Dr. Detlef Garbe, Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, sagte: »Die Verfolger, die Nazis, mussten erkennen, dass sie es hier, mit einem anderen Phänomen zu tun hatten, mit Menschen, die für ihren Glauben jedes Opfer zu tragen bereit waren!« Jehovas Zeugen leisteten gewaltlosen geistigen Widerstand aus christlicher Überzeugung. Der Grundsatz »Wir müssen Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen als den Menschen!« aus der Apostelgeschichte war für sie bindend.

Furchtlos standen Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime ihren Feinden gegenüber, weil sie voll auf ihren Gott Jehova vertrauten und sie blieben standhaft. »Diese Brut wird aus Deutschland ausgerottet werden«, schrie Adolf Hitler hysterisch mit geballten Fäusten – als Innenminister Dr. Wilhelm Frick in der Reichskanzlei am 7. Oktober 1934 Hitler auf die Protesttelegramme von Jehovas Zeugen aus aller Welt aufmerksam machte. Es stand darin die Forderung: »Ihre schlechte Behandlung der Zeugen Jehovas empört alle guten Menschen und entehrt Gottes Namen. Hören Sie auf, Jehovas Zeugen weiterhin zu verfolgen, sonst wird Jehova Sie und Ihre nationale Partei vernichten!« Als erste religiöse Vereinigung waren Jehovas Zeugen 1933 verboten worden. Die Verweigerung des Fahneneides brachte viele vor das Reichskriegsgericht. Viele Zeugen Jehovas wurden zu Tode verurteilt. Viele Zeugen Jehovas kamen während der NS-Zeit ins Gefängnis, ins KZ, oder starben durch Hinrichtung. Diese kleine Glaubensgemeinschaft, die Hitler so erboste, dass er sie auszumerzen wünschte, bewies imponierende Festigkeit und Prinzipientreue in der Verfolgung. Keine andere Religionsgemeinschaft ist von den Nationalsozialisten so unerbittlich verfolgt worden. Das Naziregime, das innerem Widerstand stets nur mit brutaler Gewalt begegnen konnte, hat es bis 1945 nicht vermocht, die Kraft der Zeugen Jehovas zu brechen. Geschwächt, doch ungebeugt, gingen sie aus der Zeit der Verfolgung hervor!«

Deckname »Odessa«

geschrieben von Axel Holz

5. September 2013

Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher

Sept.-Okt. 2007

Uki Goñi:

Odessa. Die wahre Geschichte Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher, Verlag Assoziation A, Berlin/Hamburg 2006, 22 Euro, ISBN: 978-935936-40-8

Historisch Interessierten wird nicht entgangen sein, dass der Name »Odessa« nicht nur für die malerische Stadt auf der Krim steht, sonder auch die Abkürzung einer Organisation darstellt, mit der die massenhafte Flucht namhafter NS-Kriegsverbrecher organisiert wurde – darunter Adolf Eichmann, Klaus Barbie und Josef Mengele. Zur Erinnerung: Eichmann gilt als Architekt des Holocaust, Gestapochef Barbie ging als Schlächter von Lyon in die Geschichte ein und der KZ-Arzt Mengele erhielt durch seine Zwillingsexperimente in Auschwitz eine zweifelhafte Bekanntheit.

Nicht bekannt war bisher das Ausmaß und die systematische Organisation dieser Fluchtbewegung über die berüchtigten»ratlines«, die Rattenlinien, in das sichere Argentinien. Dazu waren drei wichtige Bedingungen erforderlich: einflussreiche Fluchthelfer, ein bereitwilliges Aufnahmeland und viel Geld.

Unter den Fluchthelfern waren nicht nur Schweizer Beamte, die nur wenige Zeit zuvor bedrängte Juden von ihren Grenzen abgewiesen hatten und nun verfolgten Nazis die Flucht über die Schweiz nach Italien ermöglichten. Auch in anderen europäischen Ländern funktionierte das Netzwerk der geschlagenen Nazis bestens. Von Argentinien aus wurde die Einreise Tausender Kollaborateure und Kriegsverbrecher aus dem Büro von Präsident Juan Domingo Peron gesteuert, wenn nötig auf illegalen Wegen. Berüchtigte Kriegsverbrecher, wie Adolf Eichmann, Klaus Barbie und Erich Priebke, erhielten fortlaufende Nummern bei der Planung ihrer Einreise – ein deutliches Zeichen der gezielten Fluchthilfe für erwiesene Kriegsverbrecher. Allein aus Kroatien flohen ca. 2.000 Ustascha-Faschisten nach Argentinien. Die Kontakte für diese Aktionen wurden von Walter Schellenbergs Nachrichtendienst aus dem Berliner Reichssicherheitshauptamt bereits zu Beginn des Krieges geknüpft. Die Fäden des Fluchthilfe-Netzwerkes liefen im Vatikan zusammen. Als Zweifel an der zentral steuerndenden Rolle des Vatikans bei der Nazi-Fluchthilfe nach Erscheinen der ersten Ausgabe von Goñis Buch aufkamen, bewies der Autor eben diese Rolle an Hand weiterer Recherchen. Die Koordination der Fluchthilfe im Vatikan übernahm der kroatische Priester Draganovic, der vom Leiter der päpstlichen Hilfskommission PCA, Kardinal Montini, eingesetzt und kontrolliert wurde – dem späteren Papst Paul VI. Aus einem Fond des Vatikans stammte auch ein Großteil des Geldes, mit dem die Fluchthilfe finanziert wurde. Schließlich ermöglichte der Vatikan den Transfer des gestohlenen kroatischen Staatsschatzes, von dem ein erheblicher Teil von kroatischen Faschisten über die Schweiz nach Italien geschleust wurde. Er bildete die Starthilfe für zahlreiche Nazis in Argentinien, denen die Flucht über den Atlantik gelungen war. Der Historiker und Journalist Uki Goñi hat auf der Grundlage langjähriger Recherchen in argentinischen, US-amerikanischen und europäischen Archiven bisher unbekannte Quellen erschlossen und sie durch 200 Zeitzeugeninterviews untermauert. Er entwirft ein Bild des Netzwerkes der Nazi-Fluchthilfe, das mit Hilfe staatlicher und nichtstaatlicher Organisationen in ganz Europa über Stützpunkte in Skandinavien, Spanien, Italien und der Schweiz verfügte, während im Vatikan die Fäden zusammenliefen. Für alle, die mit der Verfilmung des Theaterstücks »Der Stellvertreter« von Rolf Hochhuth durch Regisseur Costa-Gavras bereits ein Ahnung vom Wegschauen des Papstes gegenüber den Nazi-Verbrechen und der bereitwilligen Fluchthilfe des Vatikans bei Kriegs-ende hatten, wird das ganze Ausmaß der Flucht europäischer Kriegsverbrecher vor den alliierten und nationalen Gerichten der europäischen Nachkriegsstaaten erst in diesem Buch deutlich.

Damals und heute

geschrieben von Hans Coppi

5. September 2013

Ludwig Elm legt eine umfassende Studie zum deutschen Konservatismus vor

Sept.-Okt. 2007

Ludwig Elm:

Der deutsche Konservatismus nach Auschwitz. Von Adenauer und Strauß bis Merkel und Stoiber, PapyRossa Verlag, Köln 2007, 332 Seiten, ISBN 978-3-89438-353-4, EUR 18,00

In der Arbeit von Prof. Dr. Ludwig Elm werden kundige Antifaschisten und Antifaschistinnen vieles aus aktuellen Auseinandersetzungen mit Parteien, Organisationen oder mit Hardlinern vom Rechten Rand bis zur Mitte der Gesellschaft wieder finden.

Der Hochschullehrer an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (1969 bis 1991), der Bundestagsabgeordnete (1994-1998) und Vorsitzende des Thüringer Verbandes VdN-BdA (1998-2006) hat seine langjährigen Forschungen in einer kritischen Analyse zum »deutschen Konservativismus nach Ausch-witz« zusammengefasst. Dieses überwiegend reaktionäre ideengeschichtliche und politische Gebilde kommt selten als stromlinienförmiges monokausales, sondern vielmehr als ein komplexes und zugleich widersprüchliches Phänomen daher. Es speist sich aus rückwärts gewandtem Denken, das die Aufklärung in Frage stellt und den Sozialismus als Hauptfeind bekämpft. Dabei treffen wir immer wieder auf Grauzonen und fließende Übergänge zu völkischen, antisemitischen und neofaschistischen Denkmustern. Gleichzeitig verändert sich der Konservatismus, unterliegt er Wandlungen und Konjunkturen, hängen seine Wirkungen von innen- und außenpolitischen Konstellationen, aber auch davon ab, wie seine Gegner sich in der Auseinandersetzung behaupten können. Der von ihnen Ende der sechziger und in den siebziger Jahren ausgelöste Gegenwind hat die Bundesrepublik durchlüftet und zeitweise konservative Positionen zurückgedrängt.

Ludwig Elm geht der Frage nach, wie konservatives Denken und Handeln die politische Kultur der Bundesrepublik prägte und weiterhin beeinflusst. Insbesondere die CDU/CSU versuchten die Anstrengungen der politischen Rechte zu bündeln und eine konservative Hegemonie in der Gesellschaft auszuüben. Die Wirkungskraft des Konservatismus geht nicht nur von Politikern und Ideologen, sondern auch von den sozioökonomischen und machtpolitischen Gegebenheiten aus. Die konservative Strömung mit der ihr eigenen Heterogenität entwickelt sich in steten Fluktuationen zwischen Kernen, Flügeln und Grauzonen fort.

In dem Spannungsfeld von Kontinuität und Veränderung sieht Ludwig Elm im Jahr 1945 keine wirkliche und keine nachhaltige Zäsur für die Konservativen. Ihre sich mit dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes manifestierende Niederlage führte nicht zu einer grundlegenden Neuorientierung. Nach einem kurzen Intermezzo selbstverschuldeter Unmündigkeit begann Ende der 40er-Jahre eine durch den Kalten Krieg beförderte lang anhaltende restaurative Wende. Beschweigen, Verdrängen und Rechtfertigen der Nazi-Zeit führten dazu, dass die Auseinandersetzung mit den Ursachen für die Katastrophen der deutschen Geschichte lange nicht stattfand. Mitscherlichs »Unfähigkeit zu trauern« stand ebenso für einen unkritischen Umgang mit der NS-Vergangenheit wie auch für das Entstehen einer »apolitischen Nation«.

Der kurzzeitigen Aufklärung und Ahndung von Schuld und Verbrechen des Naziregimes folgte die Rehabilitierung und Wiedereingliederung gro-ßer Tätergruppen unter Adenauer. Ihre »Sühne« bestand in einem massiven Antikommunismus. Gegner und Verfolgte des Naziregimes gerieten innerhalb der CDU/CSU mehr und mehr in den Hintergrund. Nicht nur in der Politik, auch in konservativen Denkfabriken und in den Medien fanden Nazi-Aktivisten Unterschlupf. Die Karrieren von Globke, Oberländer, Kiesinger und Filbinger stehen für Zehntausende an Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligte Täter, die in der Justiz, beim Militär, in der Polizei und den Geheimdiensten, an Universitäten, im öffentlichen Dienst und anderswo ihren Neuanfang fanden. Dies in einer Zeit, als Antifaschisten, Mitglieder der VVN, der größten Organisation von Verfolgten des Nazi-Regimes, aus dem öffentlichen Dienst ausgeschlossen, erneut verfolgt und ihnen Entschädigung für ihre Leiden in der NS-Zeit verwehrt wurden.

Die Geschichte der Bundesrepublik ist oftmals in ein verständnisvolles warmes Licht getaucht, scheint eine einmalige Erfolgsgeschichte gewesen zu sein. Ludwig Elm schärft indessen den kritischen Blick auf Vergangenheit und Gegenwart eines Landes, das durch den deutschen Konservativismus nach Auschwitz erheblich geprägt wurde und wird.

Ein lohnendes Buch nicht nur für Antifaschisten, aber für die ganz besonders.

Lebendige Geschichte

geschrieben von Enrico Hilbert

5. September 2013

Brigadistas – mehr als ein Dokumentarfilm

Sept.-Okt. 2007

Brigadistas

Ein Dokumentarfilm von Daniel Burkholz, BRD 2007, 45 Min., Format DVD 16:9, www. roadside-dokumentarfilm.de

Aufführung Brigadistas in Tienen/Brüssel (Belgien) am 28. September, Uhrzeit steht noch nicht fest.

Am 21. Oktober, um 20 Uhr, läuft Brigadistas im alten Stahlwerk von Dudelange (Luxemburg). Die Aufführung steht im Kontext mit der Ausstellung Retour de Babel.

Am 28 Oktober, bereits um 16. Uhr, läuft Brigadistas im Kulturzentrum Kult 41, Hochstadenring 41, in Bonn.

Am 27. November, um 19.30 Uhr, läuft Brigadistas mit einem musikalischen Vorprogramm im Theater Willy Preiml, in Frankfurt/M.

»Kommt zurück zu uns, hier findet ihr ein Vaterland, die ihr, der Freundschaft beraubt, leben müßt, findet Freunde, und alle findet ihr hier die Liebe und Dankbarkeit des ganzen spanischen Volkes, das heute und morgen voller Begeisterung rufen wird: Es leben die Helden der Internationalen Brigaden!« Dolores Ibarurri, die leidenschaftliche Kommunistin mit dem Ehrennamen »Passionaria«, hatte die Kämpfer für die Freiheit einst im Herbst 1938 mit dieser Aufforderung zur Rückkehr verabschiedet.

70 Jahre später kehrten einige dieser Kämpfer, der Jüngste 86 und der Älteste 99 Jahre alt, nach Spanien zurück. Diesmal wurden sie begleitet von ihren Freunden und Familien. Ein deutsches Filmteam folgte ebenfalls ihren Spuren. Der dabei im Sommer 2006 entstandene Dokumentarfilm ist seit Juni 2007 im Kino zu sehen. Bewegende Bilder, die selbst ein Dokument sind. Sie zeigen die Ereignisse auf eine Weise, wie sie nur von Menschen wiedergegeben werden können, die mit all ihren Sinnen, mit Herz und Gefühl, die Geschehnisse in sich aufgenommen haben die weder nach Sensation und der Huldigung eines wohl gefälligen Publikums heischen, noch nach der Art Anerkennung, die sich etwa in Filmpreisen ausdrückt. Daniel Burkholz und Heike Geisweid, die Autoren, verbanden sich auf engste mit jenen, die diese beschwerliche Reise unternahmen. Sie berichten aus der Perspektive von Menschen, die sich dem Anliegen der Brigadisten und derjenigen Spanier verpflichtet fühlen, die das Erbe der Interbrigaden bis heute in Ehren halten.

Ein auf Zelluloid gebannter Schatz, voller Erinnerungen, voller Emotionen und voller Hoffnung. Denn die Kämpfer stehen nicht auf schmeichelnde Worte und wissen, warum sie nach Spanien zurückkehren. Und die, die sie empfangen, wissen, wem sie hier begegnen und suchen Unterstützung für ihr Anliegen, dass Spanien endlich Republik sein soll. In diesem Sinne sprach der Chef der einstigen Kämpfer des Lincoln Bataillons Moe Fishman auf dem Empfang in der Cortes, dem spanischen Parlament: »Streicheleinheiten für das Ego sind ja nett, aber wir leben im Jahr 2006 und im Jahr 2006 sind Bush und Blair die Tyrannen dieser Welt. Auch wenn wir Brigadisten schon etwas älter sind…möchte ich, dass ihr wisst, dass wir für den Abzug der USA aus dem Irak kämpfen. Komplimente sind nett, aber vergesst nicht, etwas zu tun…«

Die Sorge um die Zukunft der Menschheit und unserer Erde zieht sich durch den Film wie ein roter Faden und stets wird die Brücke aus der Vergangenheit in das Heute geschlagen. Die Bilder trügen nicht, offensichtlich sind viele Menschen bereit, mit den alten Kämpfern diese Brücke zu betreten. Sie halten ihr Fundament: Solidarität, Courage, Liebe, den Willen für humanistische Ideale zu kämpfen und die Hoffnung an sich, für stabil genug, um künftige Auseinandersetzungen führen zu können. So wie in dem Lied vom roten Heer am Ebro, welches von der Kraft der Herzen erzählt, gegen die keine Bomben des Generals ankommen können. Im Film verbindet das Lied die einzelnen Stationen der Reise, von Madrid über Zaragozza nach Barcelona.

Bleibt zu wünschen, daß der Film, der sicher eines der letzten Zeugnisse vom Leben der Interbrigadisten sein wird, ein breites Publikum findet. Ein Publikum, das bereit ist, für eine knappe Stunde Ohren und Herzen weit zu öffnen, um zu verstehen, was die Kämpfer der Internationalen Brigaden dazu bringt, bis heute für ihre Ideale zu kämpfen, und um zu verstehen, warum die beschwerliche Reise zum 70. Jahrestag der Bildung ihrer Einheiten nicht nur für sie, sondern für alle wichtig war, denen die weitere Existenz der Menschheit am Herzen liegt. So wie Andrei Micu aus Rumänien. Hunderten Zuhörern der überwiegend jüngeren Generationen ruft er zu: »Ich wünsche, dass ihr mit dem gleichen Heldenmut kämpft, wie eure Großeltern. Es lebe die Dritte Republik, die soziale Gerechtigkeit, die Brüderlichkeit und die Freiheit Spaniens.«

Dies ist mehr als ein Dokumentarfilm über eine Reise im Jahr 2006. Dem Film gelingt es vor allem, die Erklärung der Spanienkämpfer an die Nachgeborenen festzuhalten. Er verbindet lebendige Zeugnisse der Geschichte mit einem Einblick in das Spanien und einen Teil der antifaschistischen Bewegung von heute. Die Voluntarius de la Libertad – die Freiwilligen der Freiheit geben Auskunft über ihren Kampf. Es entsteht ein Bild von einer möglichen Zukunft unserer Welt, das jeder Zuschauer mit nach Hause nehmen kann.

»Richtig, notwendig, gut«

geschrieben von Peter Rau

5. September 2013

Victor Grossman blättert in der Geschichte des Spanien-Krieges
1936-1939

Sept.-Okt. 2007

Victor Grossman:

Madrid, du Wunderbare. Ein Amerikaner blättert in der Geschichte des Spanienkrieges. GNN-Verlag Schkeuditz 2006, 420 Seiten,. ISBN: 3-898819-235-0, 19,- Euro

Es hat auch in den letzten Jahren keinen Mangel gegeben an Neuerscheinungen bzw. Nachauflagen von Büchern über jenen Krieg, der in der bürgerlichen Meinungsmache wohl bewußt und absichtsvoll nur als Bürgerkrieg firmiert. Denn: Degradiert man den Kampf zur Verteidigung der zweiten Spanischen Republik in den Jahren 1936 bis 1939 zu einem Bürgerkrieg, so muß nicht groß über den – unter dem Deckmantel einer scheinheiligen »Nichteinmischung« betriebenen – Verrat der westlichen Demokratien geredet werden.

Victor Grossman hat ganz bewusst einen völlig anderen Ansatz gewählt – jenen, der diesen Krieg zu etwas ganz Besonderem machte: den solidarischen Einsatz von rund 40.000 »voluntarios de la libertad«, der »Freiwilligen der Freiheit« aus über 50 Ländern, die gekommen waren, an der Seite des spanischen Volkes die demokratisch gewählte Volksfrontregierung gegen die Franco-Putschisten und die faschistische Internationale zu verteidigen.

Die Idee zu diesem Buch entstand im 2001 gegründeten Verein der »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936-1939« (KFSR), zu dessen Gründungsmitgliedern Grossman gehört. Für den 1928 in New York geborenen, nach einem Harvard-Studium Anfang der 50er Jahre aus der US-Army desertierten und seither in Ostdeutschland lebenden Publizisten war es keine Frage, sich dieses Themas anzunehmen und wider den vorherrschenden Diskurs in Sachen Spanien-Krieg anzuschreiben. Zumal ihn, wie er im Vorwort schreibt, diese Geschichte seit seiner Kindheit faszinierte und er später viele Menschen traf, die damals kämpfend dabei gewesen waren.

Beginnend bei den oft abenteuerlichen Wegen, auf denen die angehenden Interbrigadisten etwa aus den USA nach Spanien gelangten, über die Verteidigung Madrids und andere Kampfabschnitte bis hin zu den ganz verschiedenen Fronten des antifaschistischen Widerstandes, an denen Interbrigadisten während des zweiten Weltkrieges weiter für ihre Ideale stritten, hat Grossman deren Geschichten sowie die Erlebnisse und Erfahrungen vieler anderer Kampfgefährten zusammengestellt. Vor allem gestützt auf Briefe, Erinnerungsberichte, Tagebuchaufzeichnungen und anderes, weithin unbekanntes Material, entstand so, gegliedert in insgesamt 28 Kapitel, ein gleichermaßen facettenreiches wie authentisches Bild jener Zeit und ihrer Akteure. Nicht weniger glaubwürdig werden in Kapiteln über »die anderen«, über »Guernica« und die »Nichteinmischung« die auf der Gegenseite wirkenden Kräfte dargestellt – in Wehrmachtsberichten wie in Selbstzeugnissen von Angehörigen der Legion Condor, in Auskünften von Diplomaten und Historikern, in Politiker-Statements …

Auch einige »Randerscheinungen« – als Stichworte seien Barcelona, die POUM und die Anarchisten oder »stalinistischer Verfolgungswahn« genannt – lässt Grossman nicht außen vor; er kommt allerdings – gestützt auf unverdächtige Quellen – zu einigen anderen Schlussfolgerungen als deren Befürworter, wenn er etwa Orwells Erkenntnis »Es gab keine Entschuldigung dafür, einen Kampf hinter der Front anzufangen« zitiert. Oder den britischen Historiker Paul Preston: »Doch war es ja nicht Stalin, der für die Niederlage der Spanischen Republik verantwortlich war, sondern Hitler, Mussolini, Franco und Chamberlain. Es ist schwierig, sich vorzustellen, wie ein revolutionäres Spanien Erfolg hätte haben können ohne die Unterstützung mit russischen Waffen.«

In seinem »Spanischen Kriegstagebuch« notierte der in der DDR nach seiner Flucht in die BRD nicht mehr wohlgelittene Schriftsteller Alfred Kantorowicz: »Selbst nachmalige Wortführer des Antikommunismus wie Regler oder Koestler oder Louis Fischer oder Stephen Spender oder George Orwell haben die Notwendigkeit, in Spanien zuerst und vor allem den Faschismus und Nazismus zu bekämpfen, niemals geleugnet … Kurzum: Es war richtig, es war notwendig, es war gut, dass wir deutschen Freiwilligen – trotz allem – damals in Spanien für die Republik, gegen ihre Vergewaltiger, gekämpft haben.«

Victor Grossman wollte, wie er in seinem Vorwort bekennt, diese Geschichte(n) aufschreiben »in der Hoffnung, dass sie auch andere, besonders junge Menschen, interessieren oder gar fesseln können«. Es ist ihm gelungen. Gracias!

Was Gefangene erzählen

geschrieben von Markus Bernhardt

5. September 2013

Gespräche mit Jugendlichen in Haft – ein authentisches Dokument

Sept.-Okt. 2007

Klaus Jünschke/Jörg Hauenstein/Christiane Ensslin:

Pop Shop. Gespräche mit Jugendlichen in Haft. Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2007, 238 Seiten, 16 Euro

Es waren maßgeblich die Gewalttaten, die Gefangene in bundesdeutschen Jugendgefängnissen – wie beispielsweise 2006 im nordrhein-westfälischen Siegburg – verübten, welche die Öffentlichkeit strohfeuerartig aufhorchen ließen, wenn es um die Situation von Jugendlichen in den Knästen ging. Selbst ernannte Experten und politische Entscheidungsträger diskutierten über die Hintergründe der in den Gefängnissen stetig ansteigenden Gewalt. Jedoch offenbar einzig, um das Thema nach aufgeregter Debatte wieder schnellstmöglich ad acta zu legen. Anstatt zu resümieren, ob der ursprüngliche Gedanke der Resozialisierung in den Gefängnisbetrieben dieser Tage überhaupt noch eine Rolle spielt, verabschiedete die Bundesregierung in diesem Jahr flugs einen Gesetzesentwurf, der vorsieht, dass junge Menschen, die nach dem Jugendstrafrecht zu einer Strafe von mindestens sieben Jahren verurteilt worden sind, nach der Strafverbüßung in Sicherungsverwahrung genommen werden können, wenn zwei Gutachter ihre andauernde Gefährlichkeit feststellen. »Zu fragen ist, wieso eine Regierung, die verbal so häufig zum Kampf gegen den Rechtsextremismus aufruft, in der Auseinandersetzung mit der Jugenddelinquenz auf eine Sanktion setzt, die von den Nationalsozialisten 1933 für Erwachsene eingeführt wurde, ohne diesen historischen Kontext zu diskutieren«, kommentierte der in Köln lebende Sozialwissenschaftler Klaus Jünschke diese Art der Regierungspolitik kürzlich in einem Interview. Jünschke, der sich unter anderem im »Kölner Appell gegen Rassismus«engagiert und ansonsten als Buchautor und Journalist tätig ist, wies angesichts der unqualifizierten Debatte zudem darauf hin, wie wenig Hilfe die Jugendlichen in den Jugendgefängnissen tatsächlich fänden und wie sehr einzelne durch die Haft noch zusätzlich brutalisiert würden. Wovon er redet, weiß der engagierte Sozialwissenschaftler ganz genau. Gemeinsam mit Christiane Ensslin und dem Fotografen Jörg Hauenstein veröffentlichte er in diesem Jahr das Buch »Pop Shop. Gespräche mit Jugendlichen in Haft«, in dem Gespräche dokumentiert sind, die Jünschke über ein Jahr lang mit den durchweg männlichen Insassen der Jugendabteilung der Justizvollzugsanstalt (JVA) Köln geführt hat.

»Pop Shop«, der Titel des Buches, steht für Freizeitsperre, und war in den 1970er-Jahren der Name einer populären Rundfunksendung. Da die Sendung anfing, wenn die Gefangenen in ihre Zellen eingesperrt wurden, gingen die Beamten nach und nach dazu über, statt Einschluss »Pop Shop« zu rufen.

Auf über 200 Seiten werden in dem Buch Gespräche mit den jugendlichen Gefangenen dokumentiert, in denen diese unverblümt zu Wort kommen. Sie äußern sich sowohl zu ihren Taten und Opfern, ihrem früheren sozialen Umfeld, familiären Problemen als auch zum Gefängnisalltag im Allgemeinen. Auch warten sie zeitweise mit homophoben und frauenfeindlichen Äußerungen auf, die manchen Leser vielleicht zum Kopfschütteln verleiten mögen. Jedoch ist es eben diese unkommentierte Dokumentation der Ansichten der Gefangenen, die dieses Buch so erfrischend und authentisch wirken lässt. Anstatt mit erhobenem Zeigefinger die Keule der »political correctness« zu schwingen, lassen die Herausgeber die Jugendlichen ohne falsche Rücksichtsnahmen selbst zu Wort kommen.

Christiane Ensslin jedenfalls war von den Gesprächen mit den Jugendlichen beeindruckt. »Die reden über ihre Gefühle und Verletzungen, über ihr Versagen, ihr Weinen, ihr Alleinsein, und einer spricht sogar über seine Trauer um sein Leben«, konstatiert sie.

Es sind die Bilder des Kölner Fotografen Jörg Hauenstein, die es dem Leser zudem ermöglichen, sich ein Bild vom tristen Alltag der Gefangenen in der JVA Köln zu machen. Auf eigenen Wunsch ließen sich die Jugendlichen für das Buchprojekt sogar portraitieren, so dass die Bilder den Widerspruch zwischen der nüchternen Gefängnisarchitektur und der Persönlichkeit und des Charakters eines jeden Gefangenen durch den Ausdruck in seinem Foto zeigen.

Jeder Politiker, der bezüglich der so genannten Jugendkriminalität nach Gesetzesverschärfungen schreit, sollte sich dieses Buch zu Gemüte führen. Allein schon, um einen authentischen Eindruck vom Leben hinter Gittern zu bekommen, wie er in Deutschland bereits seit Jahrzehnten nicht mehr dokumentiert wurde.

»Rechte« Musik?

geschrieben von Uwe Hiksch

5. September 2013

Nicht nur Skinheadbands bestimmen inzwischen das Bild

Sept.-Okt. 2007

Neurechte Musik ist heute in vielen Musikgenres anschlussfähig geworden. Nicht mehr grölende Nazi-Bands der Skinhead-Szene bestimmen die Musik der rechtsgerichteten Musikhörerinnen und Musikhörer, sonder eine breite, über viele Musik-Genres reichende, ausdifferenzierte Musik. Die Themenvielfalt reicht dabei von heidnischen und esoterischen Themen bis zur musikalischen und ästhetischen Umsetzung der Theorien der »Konservativen Revolution«.

Der Einfluss der Neuen Rechten auf die verschiedenen Musikstile ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Es gibt heute fast keine musikalische Strömung mehr in der sich nicht auch neurechte oder rechts orientierte Bands und Themenspektren finden. Die unterschiedliche Ausprägung in den verschiedenen Musikkulturen ist dabei vor allem auch von den unterschiedlichen kulturellen Ausdrucksformen der Musikrichtungen abhängig.

So finden sich in Musikrichtungen wie Death-Metal, Techno, Rock, Reggae, Ska, Electronic, Pagan/Ritual oder Neofolk rechte Ausläufer, die mehr oder weniger wahrnehmbar oder dominant sind. In den nächsten Ausgaben wollen wir uns diesen verschiedenen Musik-Stilen nähern und den Einfluss von neurechten Bands und Mitgliedern untersuchen.

Die Schwarze Szene erscheint für Außenstehende exotisch und befremdlich. Weiß geschminkte Gesichter, aufwendig frisierte Haare, schwarze Gewänder, Lack und Leder aber auch Military-Look bestimmen heute die modische Ausrichtung dieser Szene. Inhaltlich ist ein wichtiges Bindeglied eine kritische Reflexion auf die moderne Gesellschaft. Die Schwarze Szene greift menschliche Vergänglichkeit durch eine Inszenierung von Untergangs- und Todessehnsüchten auf. Zentral ist die Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens. Irrationale und übersinnliche Themen wie Magie, Mystik und Naturreligionen, aber auch Mittelalter, Romantik, Krieg, Zerstörung und Leid werden in unterschiedlichen musikalischen und künstlerischen Formen aufgegriffen und umgesetzt.

Die Schwarze Szene ist eine heterogene, weit ausdifferenziert Szene. Von Anfang an war sie aber auch ein Anlaufpunkt für rechte Bands und Mitglieder der Neuen Rechten. So treten beim größten Szene-Event dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig regelmäßig Bands aus dem rechten Szene-Spektrum auf. Bands wie Kirlian Camera (2006), Sol Invictus (2005), Sonne Hagal (2005), Scivias(2004), Deutsch Nepal (2004)oder Camerata Mediolanense (2002) sind einige Beispiele für die Verzahnung von neurechter Musik und normaler Szene. Die Musiker und Bands der rechten Dark-Wave-Szene greifen vor allem die Themen der Konservativen Revolution und des italienischen Faschismus auf. Gerade im Neofolk, Industrial oder EBM (Electronic Body Musik) werden Texte von Theoretikern der Konservativen Revolution wie Oswald Spengler, Arthur Moeller van den Brück, Ernst Niekisch und Ludwig Klages künstlerisch verarbeitet. Auch Ernst Jüngers Schriften wie »In Stahlgewittern (1920) oder »Der Arbeiter« (1932) bildeten Ansatzpunkte für eine ästhetische Umsetzung in diesen Musikrichtungen. Martialische Bilder und Töne und das bewusste Aufgreifen faschistischer Ästhetik bilden den künstlerischen Rahmen für die Umsetzung einer Kritik an der Moderne. Auf der CD »Riefenstahl«, in Anlehnung an Leni Riefenstahl, finden sich dann Bands wie »Turbund Sturmwerk«, »Von Thronstahl«, »Allerseelen« oder »Death in June«.

Ein wichtiger Ideengeber für die Musik der Neuen Rechten ist Julius Evola. Seine Angriffe gegen die Moderne werden als eine Art ideologischer Steinbruch genutzt. Besonders seine Schreckensbilder der Moderne, gemischt mit einer religiös-okkulten Mischung aus Befreiung und Erlösung durch eine neue Herrenrasse werden Ansatzpunkte künstlerischer Verarbeitung in dieser Szene.

Innerhalb der Schwarzen Szene sind die rechten Tendenzen und Ausläufer hinlänglich bekannt. Jedoch fehlt in der Szene eine deutliche Abgrenzung von diesen Strömungen. Die »Gruftis gegen Rechts« haben in der Vergangenheit wichtige Aufklärungsarbeit innerhalb der Szene geleistet. Durch die deutliche Reduzierung ihrer Aktivitäten ist diese rückläufig. Unter dem vermeintlichen Deckmantel von Toleranz können sich Strömungen der avantgardistischen Rechten ausbreiten und frei bewegen. Hier liegt für Antifaschistinnen und Antifaschisten eine wichtige Aufklärungsfunktion.

Unser Tag (1990)

geschrieben von Karsten Troyke

5. September 2013

Erinnerung an den ersten »Tag der Erinnerung, Mahnung und
Begegnung«

Sept.-Okt. 2007

Der Text des Sängers und Schauspielers Karsten Troyke stammt aus der Broschüre »60 Jahre Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes; Lesebuch zur Geschichte und Gegenwart der VVN«, herausgegeben von Hans Coppi und Nicole Warmbold. Die Broschüre ist über alle Landesvereinigungen zu beziehen, oder über die Bundesgeschäftsstelle der VVN-BdA, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin

Gedenken an die Opfer des Faschismus: Das erstarrte Ritual der DDR-Zeit hatte in mir keinen »Kampfgeist« geweckt, man hatte dort eigentlich nur einem Staatsakt zuschauen können, war meine Erinnerung. Aber nun, 1990: Endlich war der offiziöse Beigeschmack des OdF-Tages weg. Neben vielen anderen wurde auch ich angefragt, ein paar Lieder zu singen, Lea Rosh stand auf der Bühne, Bekannte und Freunde kamen aus Ost und West, mit Perry Friedman redeten wir über die Möglichkeiten einer Canada-Tournee…

Es war plötzlich so etwas wie »unser« Tag. Ich habe erst gar nicht bemerkt, dass der Tag einen neuen Namen bekommen hatte: »Tag der Erinnerung, Mahnung und Begegnung«. Ich nannte ihn noch Jahre lang OdF-Tag. Inzwischen heißt er auch »Aktionstag gegen Rassismus; Neonazismus und Krieg« und ich überlege, was das bedeutet. Die meisten Jahre seit 1990 war ich dabei, oft zusammen mit Bettina Wegner und Suzanna. Es kommen inzwischen nicht mehr so viel Leute hin und manchmal hat der Tag den Charakter eines »linken« Flohmarktes. Die alten Reflexe sind präsent: Nationalsozialismus gleich Imperialismus gleich Krieg, was mir eigentlich zu einfach gedacht ist. In die Stände mieten sich auch Maoisten, Stalinisten und »Anti-Imperialisten« etwa ein, wenn auch die Initiatoren aus einem viel breiteren Spektrum kommen: Aktion Sühnezeichen, Antirassismus-Vereine, jüdische Organisationen, antifaschistische Initiativen u.v.a. mehr.

Die »jungen Leute«, wer immer das ist, sollen interessiert werden, darum gibt es jetzt Preisausschreiben und Popmusik. Inzwischen wünschte ich mir manchmal wieder einen offizielleren Charakter des Ganzen und mehr Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Dieser Teil der deutschen Geschichte ist immer noch präsenter, als uns glauben gemacht wird, und ein solcher Tag des Nicht-Vergessens bleibt immer noch wichtiger, als wir je befürchtet hatten.

Durch die Maschen des Netzes

geschrieben von Raimund Gaebelein

5. September 2013

Sept.-Okt. 2007

Eleonore Hertzberger

Durch die Maschen des Netzes, Ein jüdisches Ehepaar im Widerstand gegen die Nazis, 241 S., 15 S. Bilddokumente, Neuausgabe, Pendo Verlag, Zürich 2000, ISBN 3-85842-377-7

Auf 241 Seiten beschreibt Eleonore Hertzberger, geborene Katz, ihre Jugendzeit in Berlin, die Emigration vor den Nazis nach Amsterdam, die Besetzung der Niederlande und ihre abenteuerliche Flucht 1942 über die Schweiz und Frankreich nach Spanien, wo sie mit ihrem Mann Eddie in die Dienste der niederländischen Exilregierung in London trat. Die Eltern arbeiteten während der Jahre der Weimarer Republik in einem Berliner Verlag, Eleonore wuchs im Geiste der Philosophen Sophokles und Kant auf, jüdische und christliche Feiertage wurden in der Familie gleichermaßen begangen. Sie teilte die Rundfunkbegeisterung ihrer Eltern, war musik- und theaterbesessen.

Nach der Machtübertragung an die Faschisten verlagerte der Vater seinen Verlag nach und nach in die Niederlande. Immer mehr Freunde und Bekannte waren aus ihrem Leben verschwunden. Die Niederlande empfing die Familie Katz freundlich. Der Kundenkreis des Verlags entwickelte sich gut, waren es doch Verlagskunden, die in großer Zahl ebenfalls ins Exil gegangen waren. Die Welle von Emigranten, die nach der Reichspogromnacht in die Niederlande strömten, war ein Vorzeichen drohenden Unheils. Die Besetzung durch Wehrmacht und SS traf ein schlecht vorbereitetes Land. Die Armee kapitulierte nach der völligen Zerstörung Rotterdams, Königin und Regierung gingen ins Exil nach London. Die Nürnberger Rassegesetze wurden auch in den Niederlanden eingeführt, der Streik der Amsterdamer Dockwerker blutig zusammengeschossen. Erste Fluchtversuche nach England scheiterten. Im Sommer 1942, Monate nach Beginn der Judentransporte, gelang es den Hertzbergers über ein Fluchthilfenetz zur belgischen Grenze zu gelangen. Der weitere Weg über Frankreich in die Schweiz war einfacher. Nach ihrer Ankunft in der Schweiz wurden sie festgenommen, verhört und interniert. Mit einer ganzen Gruppe von Niederländern suchten sie nun einen Weg nach London, um sich der niederländischen Regierung zur Verfügung zu stellen. Die ihnen bekannten Fluchthilfeorganisationen waren aber inzwischen verraten oder aufgedeckt worden. Mit ungeheuer viel Glück gelang es ihnen Monate später Spanien zu erreichen. Dort beteiligten sie sich am „Englandspiel«, dem Versuch, möglichst viele Niederländer aus spanischen Gefängnissen und Internierungslagern zu holen und ihnen den Weg nach England zu ermöglichen. Es war Geheimdienstarbeit, denn Kurierwege und Fallschirmabsprünge von England aus wurden seit Mai 1942 von der Gestapo aufgedeckt und überwacht.

Verfemung, Raub, Mord

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Vor 70 Jahren: Die Ausstellung »Entartete Kunst« in München
und die Folgen

Sept.-Okt. 2007

Klickt man im Internet die Homepage der NPD an und auf dieser wiederum die Rubrik »Kultur«, dann landet man bei einem Beitrag über die jüngste Schau der Werke des NS-Hofkünstlers Arno Breker in Schwerin. Darin heißt es: »Groß ist daher auch die Sehnsucht vieler Deutschen (so »deutsch« steht es da , E.A.) abseits vom sonstigen Kulturmüll, der uns in der Gegenwart vorgesetzt wird, wieder Werke zu betrachten, die ein Ideal vermitteln und zudem einfach schön anzusehen sind. Sie treten jenen Werken entgegen, bei denen Erwachsene wohl eher zu Kleinkindern mutieren.«

Vor 70 Jahren, am 19. Juli 1937, wurde in München mit großer propagandistischer Begleitmusik die Ausstellung »Entartete Kunst« eröffnet, in der 650 Kunstwerke, aus 32 Museen beschlagnahmt, wild unter-, über- und durcheinander gehängt und aufgestellt wurden. Hinter dem gewollt chaotischen Eindruck der Präsentation – unterstrichen durch handgemalte hämische Kommentierungen der Werke – stand dennoch ein »Ordnungsprinzip«: Die Räume und Wände in der Galerie am Hofgarten waren meist mit einem Motto zu den Bildern versehen: »Offenbarung der jüdischen Rassenseele«, »Aufmarschplan der Kulturbolschewisten«, »Deutsche Bauern jiddisch gesehen«, »Bewusste Wehr-sabotage. Beschimpfung der deutschen Helden des Weltkrieges«, »So schauten kranke Geister die Natur«.

Die »kranken Geister« waren – wie auch die »Kleinkinder« – ein brauner Faden, der vor allem im kurz nach der Eröffnung gedruckten »Ausstellungsführer« eine wichtige Rolle spielte. Es handelte sich ja um eine »Konfrontationsausstellung«. Gleichzeitig wurde in München das im Auftrag Hitlers entworfene »Haus der Deutschen Kunst« am Englischen Garten feierlich eingeweiht und erstmals die künftig jährlich stattfindende »Große Deutsche Kunstausstellung« gezeigt: »Werke, die ein Ideal vermitteln und einfach schön anzusehen sind« eben. Die Bilder des Kunstprofessors und Nazis Adolf Ziegler etwa, wegen der von ihm detailgetreu gemalten Frauenakte despektierlich auch »Reichsschamhaarkünstler« genannt. Er war der Hauptorganisator der »Entartete-Kunst-Schau«.

Obwohl in den vergangenen Jahrzehnten viel zu diesem Propagandaunternehmen geforscht und publiziert wurde, ist im öffentlichen Bewusstsein vor allem präsent, dass sich die Schau gegen die »klassische Moderne«, wie man sie heute nennt, gerichtet habe. Richtig: Klee, Kandinsky, Beckmann, Corinth, Kirchner, Pechstein und viele andere gehörten zu den Verfemten. Aber eben auch jene, die dezidiert politisch mit ihrer Kunst wirken wollten: Dix, Grosz, Grundig zum Beispiel und jene, die – aus welcher künstlerischen Strömung auch immer kommend – als »Juden« gebrandmarkt wurden, wie Adler und Freundlich. Wer sich nicht in die Emigration retten konnte, dem standen Konzentrationslager und Ermordung bevor.

Vieles kam 1937 zusammen, das schon vor 1933 seine Vorbereitung gefunden hatte. Der Kampf gegen den »jüdischen Kulturbolschewismus«, gegen all das, was dem »gesunden Volksempfinden« zuwider sein sollte: Die »moderne Kunst« in ihrer ganzen Formenvielfalt, politisch-kritische, antimilitaristische oder antifaschistische Kunst ohnehin, alles als »jüdisch« oder sonst »volksfremd« Denunzierte – und auch die private Rache der »nationalen Künstler« am »Kunstbetrieb« der Weimarer Demokratie. Neben den im ganzen Land in Museen konfiszierten ausgestellten Werken stand oft zu lesen, für welche Beträge sie dort einst angekauft wurden: Für so was, wurde suggeriert, wurde »Volksvermögen« verschleudert. Die »Entartete-Kunst-Ausstellung« war ein ungeheurer Erfolg: 20.000 Besucher am Tag waren die Regel, ab November 1937 wanderte sie dann in zahlreiche deutsche Städte.

Die Nachwirkungen waren für das NS-Regime einträglich. 1939 folgte noch eine Verbrennung missliebiger Kunstwerke in Berlin, sie diente aber eher der Ruhigstellung brauner Kunstkampf-Truppen. Die Plünderung von Museen und Galerien (es ging ja insgesamt um zehntausende von Kunstwerken) hatte sich längst als gutes Geschäft erwiesen: Die politischen und wirtschaftlichen »Eliten« des NS-Systems begaben sich auf den internationalen Kunstmarkt – und manch einer ließ sich nach 1945 dafür auch noch als Retter verfemter Kunst feiern. Echte Retter, die es auch gab – Sammler und Galeristen, die Künstlern auf der Flucht vor den Nazis halfen und ihr Werk für die Zeit nach der Befreiung vom Faschismus bewahrten – sind damit nicht gemeint.

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