Sensibles Gedenken?

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Notizen von einem Geschichtsseminar der Friedrich-Ebert-Stiftung in
Oranienburg

Juli-Aug. 2007

Das faschistische Konzentrationslager Sachsenhausen, war, wie der Historiker Hermann Kaienburg in seiner jüngsten Veröffentlichung nachweist, „ein Organisationszentrum, in dem sich die verschiedenen Gewaltpotentiale wirkungsvoll miteinander verbinden ließen“. Hier wurden u.a. SS-Totenkopfverbände auf ihren Einsatz in den überfallenen Ländern des Ostens vorbereitet. Hier sind in den Jahren von 1937 bis 1945 etwa 200. 000 Häftlinge aus annähernd 45 Nationen eingesperrt, gedemütigt, gefoltert und für die Rüstungsindustrie ausgebeutet worden. 30-35 000 Häftlinge haben das Lager und seine rund 100 Außenlager und – Kommandos nicht überlebt. Den systematischen Mordaktionen der SS fielen über 15 000 sowjetische Kriegsgefangene zum Opfer. Anfang August 1941 wurden bei einer Massenexekution etwa 13 000 von ihnen ermordet.

„Geschichte im Dissens – Die Auseinandersetzungen um die Gedenkstätte Sachsenhausen nach dem Ende der DDR“ ist der Titel einer umfangreichen Studie aus dem Leipziger Universitätsverlag. Der hier abgehandelte Dissens besteht in der historischen Einordnung des faschistischen Konzentrationslagers Sachsenhausen (1937-1945) und des nach der Befreiung auf diesem Gelände installierte sowjetischen Internierungs- resp. „Speziallager Nr.7/Nr.1“ (1945-1950). Der Dissens hält an, auch wenn sich Historiker auf die These geeinigt haben, das eine Lager dürfe durch das andere „weder relativiert noch bagatellisiert werden“. Der skandalöse Auftritt des Brandenburgischen Innenministers Jörg Schönbohm anlässlich der diesjährigen Befreiungsfeier am 23. April hat diesen Dissens anschaulich gemacht. Demonstrativ hatte er an der Hinrichtungsstätte und dem Standort des Krematoriums, der „Station Z“, unter Protest der ehemaligen KZ-Häftlinge beide Lager auf eine Stufe gestellt, undifferenziert Opfer und Täter gleichgestellt.

Diese Nachkriegsgeschichte Sachsenhausens war Gegenstand eines Seminars, zu dem die Friedrich-Ebert-Stiftung gemeinsam mit der Gedenkstätte Sachsenhausen vom 22.-23. Juni nach Oranienburg eingeladen hatte. Überschrift „Sensibles Gedenken – Die Geschichte des sowjetischen Speziallagers Sachsenhausen an einem Ort mit zweifacher Vergangenheit“. „Zweifache Geschichte“, das ist der vor allem bei den Opfern des Faschismus mit großem Vorbehalt aufgenommene gemeinsame Nenner unter dem Historiker die Geschichte Sachenhausens, dieses sensiblen Ortes vor und nach 1945, zusammenfassen.

Bis heute, so war in der Einladung zu lesen, „haben emotionale Abwehr, einseitige Wahrnehmung, Instrumentalisierung sowie weltanschauliche Voreingenommenheit den Blick auf die Lagergeschichte verstellt.“ Hier wären meiner Meinung nach zu nennen: Die Instrumentalisierung der“zweiten Vergangenheit“ als „rotes KZ“ in den Jahren des Kalten Krieges als Beispiel für die Richtigkeit der Totalitarismusdoktrin „Rot ist gleich Braun“. Außerdem die Fortsetzung dieser Instrumentalisierung nach der „Wende“, um die DDR über die Diskriminierung des Antifaschismus als totalitäres Regime zu delegitimieren.

Genau diese Vorgehen hat bei einstigen Häftlingen des faschistischen Lagers Bedenken ausgelöst wegen der damit verbundenen Relativierung der faschistischen Barbarei. Bedenken, die bis in unsere Tage nicht beseitigt sind. Einem „sensiblen Gedenken“ an unschuldige Insassen des Speziallagers wollen sich die überlebenden KZ-Häftlinge nicht verweigern. Sensibles Gedenken aber heißt zu differenzieren zwischen Unschuldigen und den Häftlingen, die z.B. als KZ-Schergen Blutschuld auf sich geladen haben. Heißt auch anzuerkennen, dass vor dem Speziallager das KZ als Mord- und Terrorstätte des faschistischen Regimes stand.

Zum Seminar waren drei einstige Häftlinge des Speziallagers als Zeitzeugen geladen, die als Jugendliche von den sowjetischen Behörden festgenommen und in Sachsenhausen inhaftiert worden. Dazu kamen Angehörige ehemaliger Häftlinge, Lehrerinnen und an Zeitgeschichte Interessierte, die erfahren wollten, wie es dann wirklich war mit diesem Lager, wer dort zum Beispiel inhaftiert war. Dr. Ines Reich von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätte sprach dazu auf der Grundlage des aktuellen Forschungsstandes und der Erschließung neuer deutscher und russischer Quellen in ihrem hochinformativen und sachlichen Eröffnungsvortrag. Da ist vieles noch unerforscht. „Wir wissen immer noch nicht endgültig, wer im Speziallager war.“ Das betrifft den Komplex der wegen ihrer NS-Vergangenheit Inhaftierten, den aus politischen Gründen immer wieder (bis heute noch) zu hoch angegebenen Anteil jugendlicher Häftlinge oder von Mitgliedern der SPD. Ein „Vernichtungslager“ war das Speziallager nicht. Für diese immer wieder zu hörende Behauptung gibt es keinerlei Beweise. Die Zahl von 60 000 Häftlingen von Mai 1945 bis zum Frühjahr 1950 dürfte, wie die Zahl von 12 000 Todesfällen der Realität nahe kommen. Die Häftlinge sind mehrheitlich nach der Herabsetzung der Lebensmittelrationen 1946/47 und daraus resultierenden Krankheiten gestorben. „Es ist niemand gefoltert, erhängt oder erschossen worden“, bestätigt Horst Jänischen, der als 15jähriger verhaftet und bis Juli 1948 in Sachsenhausen inhaftiert worden war.

Gedenkstättenleiter Morsch rief die gern verdrängte Tatsache in Erinnerung, dass zu der Zeit, als im Westen die „Roten KZ“ „hochgejubelt“ wurden, die NS-Opfer dort diskriminiert wurden, um ihre Entschädigung zu kämpfen hatten. In seinen Thesen zur „Zukunft der Erinnerungskultur“ unterstrich er: „Das Gedächtnis an das KZ und das Speziallager muß getrennt bleiben“.

Sachlich analysiert

geschrieben von Axel Holz

5. September 2013

Jude und Judenbild im Literaturunterricht der DDR

Juli-Aug. 2007

Mathias Krauß: Völkermord statt Holocaust

Jude und Judenbild im Literaturunterricht der DDR

Anderbeck-Verlag 2007, 14,80 €

ISBN 978-3-937751-39-9

War die DDR antisemitisch? War allein der kommunistische Widerstand Thema im Schulunterricht? Hat die DDR-Schule vierzig Jahre lang den Holocaust verschwie-gen? Viele Fragen und unterschiedliche Antworten, denn vieles ist mittlerweile ver-gessen und ein schräges DDR-Bild fast schon gewohnter Alltag. Erst kürzlich hat sich die Wochenzeitung „Freitag“ ausführlich damit beschäftigt, ob und wie die DDR antisemitisch war. Antisemitismus, Antizionismus und antiimperialistische Kritik an der Politik Israels wurden dabei voneinander unterschieden. Wie nötig das ist, zeigt die aktuelle Diskussion, in der immer wieder Kritik an der Politik Israels als antisemitisch abgetan wird.

Mathias Krauß hat sich nun mit den Wurzeln dieser Diskussion in der DDR beschäftigt – speziell mit der Auseinandersetzung um Faschismus und Holocaust im Schulunterricht der DDR. Tatsächlich hat sich die DDR-Schule mit dem Judentum so wenig beschäftigt wie mit dem Christentum und dem Islam. Auch wird man den Begriff Holocaust in den Schulbüchern, Lehrbüchern und Unterrichtsmaterialien der DDR nicht finden. Statt dessen ist vom Völkermord die Rede, den es tatsächlich nicht nur an jüdischen Menschen fast aller europäischen Völker gab, sondern auch an den Polen, Weißrussen, Ukrainern und den Völkern Jugoslawiens.

Wurde wegen dieses anders verwendeten Begriffes das Thema Judenverfolgung im DDR-Unterricht negiert? Keineswegs, denn allein über dreißig Texte setzten sich in den Schulbüchern von der sechsten bis zwölften Klasse mit den Themen Faschismus, Widerstand, Judenverfolgung, KZ und Völkermord auseinander. Zweifellos fielen dabei Behinderte, Sinti und Roma und auch Homosexuelle als Opfergruppe unter den Tisch. Aber die kritische Auseinandersetzung mit dieser Einseitigkeit der Opferbetrachtung hat in vielen Teilen Europas ihre eigene schwierige und langwierige Geschichte. Auch die Profilierung des kommunistischen Widerstandes in der DDR gegenüber vielfältigen anderen Widerstandsformen findet in der Überhebung des militärischen Widerstandes und dem zeitweiligen Verschweigen jeglichen anderen Widerstandes sein durch den kalten Krieg geprägtes westdeutsches Pendant.

Den westdeutschen Leser wird überraschen, dass allein 85 Texte jüdischer Autoren im Anhang genannt werden, die zum Lehrstoff des Literaturunterrichtes der DDR zählten und von denen er in seinem eigenen Schulunterricht vielleicht kaum etwas gehört hat. Ausführlich wird in diesen Texten auch auf das Thema Judenverfolgung eingegangen. Ein Fazit des Autors: Wenn Defizite vorhanden waren – den für die Deutschstunde ausgewählten Werken jedenfalls können sie nicht angerechnet werden. Bezeichnend ist auch die Auseinandersetzung mit der Judenverfolgung im faschistischen Deutschland außerhalb des Unterrichts. Der Roman von Peter Edel „Die Bilder des Zeugen Schattmann“ etwa und dessen vierteilige Verfilmung des DDR-Fernsehens aus dem Jahre 1973, zeigt detailliert den Rassismus, das perfide System der Judenverfolgung und deren Leben in Angst und Schrecken, die Kollaboration der deutschen Nachbarn aber auch die erlebte Solidarität auf. Der Hauptdarsteller Gunter Schoß war beim Thema Völkermord in seiner eigenen Familie auf eisernes Schweigen gestoßen. Kein Wunder, denn seiner Vater war aktiver SS-Offizier. Die Auseinandersetzung mit dem faschistischen Völkermord hatte ihm erst die Schule ermöglicht und damit die Grundlage gelegt für sein eigenes antifaschistisches Wirken in Funk und Fernsehen.

Das Buch von Mathias Krauß wendet sich einerseits an die ostdeutschen Leser, erinnert sie an jene interessanten Tex zur Auseinandersetzung mit Krieg, Völkermord und Faschismus, denen kaum ein Schüler unter dem Diktat des Einheitslehrplanes entgehen konnte. Es zeigt dem Leser aber auch mögliche Interpretationen des Lesestoffes auf, die in der DDR unter den Tisch fielen oder nur selten aufgegriffen wurden. Dabei wird der einstige Schulstoff um Informationen ergänzt, die im Unterricht keine Rolle spielten, obwohl sie zur Einordnung und das Verständnis des jeweiligen Werkes wichtig gewesen wären. Das Buch wendet sich auch an den westdeutschen Leser, dessen Bild vom Schulunterricht der DDR aus nachvollziehbaren Gründen sicher deutlich anders ausfällt und der hier mit einer literarischen Welt konfrontiert wird, von deren Existenz er möglicherweise bislang nichts geahnt hat.

Schweigen und Auflehnen

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Aufforderung, den Dichter Wolfgang Bächler zu lesen

Juli-Aug. 2007

Bücher von Wolfgang Bächler:

Die Zisterne, Esslingen 1950

Der nächtliche Gast, Frankfurt/M. 1953

Lichtwechsel 1 u. 2 (Esslingen 1955/1960)

Türklingel, München 1962

Türen aus Rauch, Frankfurt/M. 1963

Traumprotokolle, München 1972

Ausbrechen, Frankfurt/M. 1976

Stadtbesetzung, Frankfurt/M. 1979

Die Erde bebt noch, Frankfurt/M. 1982

Nachtleben, Frankfurt/M. 1982

Im Zwischenreich, München 1985

Ich ging deiner Lichtspur nach, Frankfurt/M. 1988

Im Schlaf, Frankfurt/M. 1988

Einer, der auszog, sich köpfen zu lassen, Frankfurt/M. 1990

Wo die Wellenschrift endet, Denklingen 2000

Ausbrechen/ aus den Wortzäunen,/ den Satzketten,/ den Punktsystemen,/ den Einklammerungen,/ den Rahmen der Selbstbespiegelungen,/ den Beistrichen, den Gedankenstrichen/ – um die ausweichenden,/ aufweichenden Gedankenlosigkeiten gesetzt – / Ausbrechen/ in die Freiheit des Schweigens.

Gedichte von Wolfgang Bächler aus mehr als 30 Jahren (von 1943 bis 1975) waren in einer Lyriksammlung vereinigt, die der Frankfurter S.Fischer-Verlag vor wiederum mehr als 30 Jahren, 1976, herausgegeben hat. Das Gedicht „Ausbrechen“ stand am Schluss und gab dem Band den Titel.

Die „Freiheit des Schweigens“ hat sich der Dichter Bächler, der am 24. Mai 2007 im Alter von 82 Jahren in München gestorben ist, in den folgenden Jahrzehnten noch oft genommen. Verstummt allerdings ist er, zumindest was die Wahrnehmung in der literarischen Öffentlichkeit betrifft, erst am Ende des vergangenen Jahrhunderts. In den nicht allzu üppigen Mediennachrufen war gerne vom „Bohemien“ Bächler die Rede. Ein Poet, den es aus dem Allgäu ins west-östliche Berlin verschlug, dann ins existentialistische Paris und schließlich für lange Zeit nach München-Schwabing.

Bis in die 90er-Jahre gab es immer wieder zu Büchern gewordene literarische Wortmeldungen des Mitbegründer der Gruppe 47, dem es Zeit seines Lebens und Schaffens an der „Hoppla-jetzt-komm-ich“-Attidüde mangelte, die schon 1947 im Literaturbetrieb nützlich war. Zudem war Bächler vor allem Lyriker und die haben es ohnehin schwerer.

Größere Aufmerksamkeit mit Prosatexten erfuhr er eigentlich nur mit seinem Buch „Traumprotokolle“ (1972) – eine selbsttherapeutische Maßnahme des immer wieder von schweren Depressionen Geplagten. Ein „Auskunftsbuch“ nannte er es. Die darin zwischen 1954 und 1969 entstandenen in Tagebuchform aufgezeichneten Traumepisoden können auch heute – sollte sie wieder einmal ein Verlag veröffentlichen wollen – nicht nur Analytikern, sondern auch Zeit-, Gesellschafts- und Literaturhistorikern interessante Auskünfte geben. Sprachliche Meisterstücke sind sie überdies.

Schon die Titel von Bächlers Büchern zeigen, dass da einer nicht in Wolkenkuckucksheimen wohnen wollte: „Stadtbesetzung“ (1979), „Die Erde bebt noch“ (1982), „Einer. der auszog, sich köpfen zu lassen“ (1990). Im Internet-Literaturmagazin „Titel“ war zu Bächlers 80. Geburtstag eine schöne Würdigung von Carl Wilhelm Macke zu lesen. Mit diesem Zitat: „Die jungen Deutschen meines Alters hatten besser schießen als lesen und schreiben gelernt…Ich sollte auch schießen lernen. Aber meine Hand zitterte, wenn ich schießen musste. Ich traf die Zielscheibe nicht…Ich traf die Menschen nicht…Ich schoß immer daneben. Ich hätte nur mich selber erschießen können.“

In Bächlers Träumen, seinen Gedichten, seiner Prosa, ging es immer wieder um Krieg, um den Faschismus und auch um das Aufbegehren, damit so etwas nie wieder geschehen kann. Um die „rauchenden Krater“ und den „Ruß der Rüstungsfabriken“.

Ein „Sozialist ohne Parteibuch“ sei er, hat er einmal geschrieben, „ein Deutscher ohne Deutschland“. Bei seiner Beerdigung sprachen immerhin zwei Buchverleger – und, sehr einfühlsam, ein Pfarrer, der offen gestand, dass er vorher nicht gewusst hatte, wen er da als Schäflein in seiner Gemeindekartei hatte. Weshalb er sich schnell noch in dessen Werk habe einlesen müssen. „Als ich Soldat war, sprach ich kein Gebet./Die ersten schrillen Kugeln trafen Gott.“, heißt es in einem Bächler-Gedicht.

Mitte der 80er-Jahre ist Wolfgang Bächler in die VVN-BdA eingetreten. Deren „Erinnern für die Zukunft“ entsprach seinem Welt- und Kunstverständnis. Bis zu seinem Tod ist er dabei geblieben. Gedenken wir seiner, indem wir es wie sein Pfarrer halten und uns einlesen in sein dichterisches, selten vordergründig „politisches“ Werk.

„Liebe Deine Rasse“

geschrieben von Anne Rieger

5. September 2013

Neonazistinnen auf dem Vormarsch

Juli-Aug. 2007

Im September vergangenen Jahres gründete die NPD ihre Frauenorganisation „Ring nationaler Frauen“, RNF. Gitta Schüßler, Mitglied der sächsischen NPD-Landtagsfraktion, ist Bun-dessprecherin. „Ziel der RNF ist vorrangig in der Öffentlichkeit auf die Anliegen weiblicher Nationalistinnen aufmerksam zu machen, … und auch als Sprachrohr der nationalen Frauen – nach innen und nach außen – zu dienen.“ So in der Presseerklärung anlässlich der Gründung. Der RNF verstehe sich auch als eine Art Dachverband, der gerne sämtliche nationalen Frauen zusammenbringen möchte … und die möglicherweise existierende Hemmschwelle, in die Par-tei einzutreten, abbauen will. Zu dem im Januar 2007 in der Berliner Parteizentrale der NPD durchgeführten zweiten bundesweiten Treffen des RNF erklärte RNF-Sprecherin Stella Palau „Vertreterinnen aus vielen Teilen Deutschlands waren angereist“.

Die neofaschistische Szene gilt gemeinhin als Männersache. Doch verstärkt tauchen seit Be-ginn der 90er Jahre neofaschistische Frauenorganisationen auf. Es gibt für alle Angebote, für nationale Mamis, Skingirls oder altbackene Kaffeekränzchen für braune Omis. Wer für rechtsextremistische Häftlinge Päckchen packt, findet sich in der so genannten HNG – der Hilfsgemeinschaft nationaler Gefangener – wieder, das „braune Kreuz“, der so genannte Na-tionale Sanitätsdienst lockt „medizinisch Interessierte“. Der „freie Mädelbund“ wendet sich an junge Frauen, die „noch“ keine Kinder haben.

Speziell Mütter ruft die Gemeinschaft deutscher Frauen (GDF) auf. Sie stellt dafür eine „Zwergenseite“ ins Netz. Die Nachfolgeorganisation des Skingirl Freundeskreises Deutsch-land, davor Skingirl Front Deutschland, ist die größte neofaschistische Frauenorganisation. Sie wendet sich an „nationale“ Frauen mit dem Aufruf „leben in einer Zeit, in der wir uns un-serer Rolle, in der deutschen Volksgemeinschaft immer wieder auf ein neues klar machen müssen“, behauptet „in Deutschland gab es nie eine faschistische Bewegung“, weist auf NPD-Aufmärsche hin und stellt eine Karte ins Netz, auf der die „Wiedervereinigung“ mit polni-schen Gebieten gefordert wird.

Andrea Röpke, Politologin und freie Journalistin, Expertin auf dem Gebiet der Neofaschisten, beschäftigt sich intensiv mit der Neonazistinnenszene. Ihr Buch „Die Retterin der weißen Rasse – Rechtsextreme Frauen zwischen Straßenkampf und Mutterrolle“, sowie ihre Anfang des Jahres veröffentlichte DVD „NEONAZISTINNEN – Frauen in der rechten Szene.“ sind wahre „Who is who`s“ der neofaschistischen Frauenszene. Am Bundesvorstandsmitglied der NPD, Stella Palau, zeigt sich, mit welcher Konsequenz Frauen ihre neofaschistische „Mission“ verfolgen: Sie führte den Skingirlfreundeskreis Deutschland, war Gründungsmitglied der GDF, ist jetzt Sprecherin der RNF.

Renate Feldmann vom Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus, weist darauf hin, dass es ebensoviel „rechts“ denkende Frauen wie Männer gebe. In Neonazi Gruppen und Or-ganisationen seien zwischen 20 und 30 Prozent Frauen zu finden, in Parteien zwischen 7 und 20 Prozent. Der Generalsekretär der NPD, Peter Marx, gab im Februar 27 Prozent Frauenan-teil in der NPD an, bei Zugängen sogar 50 Prozent.

Die Neonazistinnen arbeiten als ganz normale Frauen in ganz normalen Berufen. Sie sind un-auffällig und anpassungsfähig, „die Netten von nebenan“. „Die Gefahr, die von dieser Szene ausgeht, wird unterschätzt“, so Michela Kötting, Sozialwissenschaftlerin an der Uni in Göt-tingen. Und die Soziologin Renate Bitzan weist auf eine grundlegenden Veränderung hin: Rechtsextreme, nationalistische gesinnte Männer müssen sich ihre Freundinnen und potentielle Ehefrauen nicht mehr außerhalb der Szene suchen. „Komplette Familien werden heute nach einem rechten Weltbild erzogen“. Da passt es, wenn die völkische Truppe „Heimatreue Deut-sche Jugend“ HDJ, die größte Jugendbetreuende Neonazis Organisation, Kinder ab 7 Jahren in Zeltlagern „ideologisch erzieht“. In ihrer Zeitschrift Funkenflug heißt es: „Doch aus den sittlich hoch stehenden, untadeligen Menschen wurde nichts mehr. Die letzten Reste des gro-ßen Traums gingen 1945 in den Trümmern der Reichshauptstadt unter.“

Offenbar werden diese Kinder, insbesondere die Mädchen zur Retterin der weißen Rasse er-zogen. „Gegenwärtig ist im Rechtsextremismus eine transnational kompatible pan-arische Ideologie auf dem Vormarsch, die in der Szene selbst auch so genannt wird. Diese pan-arische Ideologie ist nicht mehr slawophob wie der Nationalsozialismus; sondern sie bezieht ausdrücklich alle „Arier“ mit ein – also Angehörige der „weißen Rasse“, wo immer sie sich aufhalten, sei es in Russland, in Südamerika, sei es in Nordamerika, in Australien oder ir-gendwo anders auf der Welt. Für die Vertreter dieser pan-arischen Ideologie geht es vor allem darum, die „weiße Rasse“ zu bewahren und nicht mehr in erster Linie die Nation“, beschreibt Thomas Grumke auf einer Tagung der Friedrich Ebert Stiftung 2005 die internationale Situa-tion des Antisemitismus.

Brechts letzte Liebe

geschrieben von Alfred Fleischhacker

5. September 2013

Ein Buch über Isot Kilian

Juli-Aug. 2007

Marginalie

Ditte von Arnim

Brechts letzte Liebe- das Leben der Isot Kilian

Transit Verlag

Euro 18.80

Auch die nicht kleine Schar von intimen Kennern des Dramatikers Bertolt Brecht wird beim Lesen dieses Buches auf ihre Kosten kommen. Wer hingegen hinter dem Titel erotische Enthüllungen vermutet, wird enttäuscht werden. Der Band reflektiert über Persönlichkeiten , die im 20. Jahrhundert wirkten und Spuren hinterließen die bleiben werden. Er betrachte das Leben der Schauspielerin Isot Kilian.

Wer war diese Frau, von der Brecht 1954, ohne zu diesem Zeitpunkt wirklich sicher zu sein , dennoch ahnend festgehalten hatte, dass sie vielleicht seine letzte Freundin sein würde? Isot wurde 1924 in einer antifaschistisch geprägten Familie in Berlin Köpenick geboren. Vater und Mutter waren aktive Mitglieder der KPD. Dies sollte alsbald Folgen haben, die sich der noch sehr jungen Isot für immer einprägten. Musste sie doch miterleben wie ihr Vater schon kurz nach der Machtergreifung der Nazi Partei während der Köpenicker Blutwoche im Juni 1933 von braunen Schlägern des nun herrschenden Systems verschleppt und schwer misshandelt wurde. Um der ständigen Bedrohung zu entkommen, zog die Familie nach Hamburg.

Dort traf Isot auf einen etwa Gleichaltrigen, sein Name: Wolfgang Borchert. Wie sie selbst verachtete er die Nazis, las viel, wollte Schauspieler werden. Es stellte sich heraus, dass die beiden gemeinsame Interessen hatten. Sie kamen sich näher, verliebten sich ,Isot wurde schwanger. Sie waren glücklich miteinander . Der 2.Weltkrieg begann. Borchert wurde einberufen, stemmte sich gegen das ihm und Millionen zugedachte Los, Kanonenfutter für ein größenwahnsinniges Regime zu werden. Von den vier Soldaten-Jahren verbrachte er fast anderthalb Jahre in Haft., wurde wegen Hochverrat und Wehrkraftzersetzung angeklagt. Wie durch ein Wunder kehrte er physisch heil, psychisch jedoch schwer krank, nach dem Ende des Krieges nach Hamburg zurück. Es blieben ihm nur noch zwei Jahre, seine Kriegserlebnisse dramatisch zu verarbeiten. Vor genau 70 Jahren starb mit ihm sein großes Talent. Sein Stück „Draußen vor der Tür“ wird auch kommende Generationen an ihn erinnern.

Ein Jahr später fuhr seine Freundin mit der kleinen Tochter wieder nach Berlin. Sie wurde Mitglied einer kleinen Schauspielergruppe ,die ihrem Publikum mit Gedichten und Songs von Brecht in der noch stark von Ruinen gezeichneten Stadt Mut und Zuversicht für einen friedvolleren Neuanfang vermitteln wollte. Im selben Jahr kamen Brecht und Helene Weigel nach 15 Jahren Emigration über Prag nach Berlin. Ein Jahr später wurde Isot Kilian Mitglied des Berliner Ensembles.

Ditte von Arnim lässt ihre Leser teilhaben an dessen Entstehen . Als einstige Mitarbeiterin des Brecht Archivs ist sie eine bestens informierte Chronistin., sie war auch gut bekannt mit Isot Kilian.. Die vertraut ihr ihre 1982 begonnenen Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Brecht an. Der Leser erfährt, wie sich ganz behutsam ein von gegenseitiger Zuneigung geprägtes Verhältnis entwickelte. Es festigte sich durch die Ereignisse des 17. Juni l953 in Berlin und der DDR. Isot Kilian wurde in jenen stürmischen Tagen auch zu einer politisch Vertrauten, als Überbringern von Botschaften Brechts an Otto Grotewohl und Walter Ulbricht.

Die Kilian war ganz nahe bei Brecht als das Ensemble 1954 und 1955 in Paris mit „Mutter Courage und ihre Kinder“(mit Helene Weigel in der Hauptrolle) und weiteren Stücken des Dramatikers, wahre Triumphe feierte. Die Autorin entzieht sich nicht der Pflicht die Ehe zwischen Isot Kilian und Wolfgang Harich, die Anfang der 50er Jahre geschlossen wurde, kurz zu skizzieren. Eine Liaison mit einem ebenfalls herausragenden Menscher mit Visionen und Begabungen, der letztlich an den Verhältnissen scheiterte, die zum Besseren zu wenden er sich zur Aufgabe gemacht hatte. Die Beziehung währte nur kurz und barg wohl durch die sehr unterschiedlichen Charaktere der beiden von Anfang an den Keim des Scheiterns in sich .

Ditte von Arnim hat es glänzend verstanden , oft mit wenigen prägnanten Sätzen ,die in diesem Buch Portraitierten in Bezug zu der realen Umwelt zu bringen, in der sie wirkten. So bekommen Ereignisse die mehr als ein halbes Jahrhundert zurück liegen auch für später Geborene scharfe Konturen: Der Sieg der Alliierten über Hitlerdeutschland,. der bald danach beginnende Kalte Krieg, das Entstehen von zwei Deutschen Staaten Im Mittelpunkt des Buches stehen aber das Leben von Isot Kilian und einige wenige sehr glückliche Jahre an der Seite von Brecht. Sie enden mit dem Tod des großen Dramatikers 1956. Eine Lektüre die spannend geschrieben, von der ersten bis zur letzten Seite fesselt..

Ein Widerständiger

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Willi Sitte – Partisan, Künstler, Aufklärer

Juli-Aug. 2007

Zur Erinnerung an die Befreiung vom Mussolini- und Hitlerfaschismus treffen sich in jedem Jahr im Juli Partisanen Italiens mit europäischen Mitkämpfern. Gern habe ich mit der Gruppe unserer württembergischen VVN-BDA als Gast daran teilgenommen. Am Felsendenkmal für die Partisanen, die in den Bergen umgekommen sind, sprach mich ein italienischer Veteran an: „Wenn sie aus Deutschland sind, dann kennen Sie doch Willi Sitte?“. Ja, Willi Sitte ist einer der bedeutendsten Maler und Graphiker der DDR. Und der Italiener fiel mir freudig ins Wort: “ … und als deutscher Deserteur kämpfte er auf unserer Seite, ein Genosse, ein guter Kommunist! Er ist als deutscher Soldat zu uns übergelaufen, hat für uns Flugblätter geschrieben, gedolmetscht und mit uns für die Befreiung Italiens und Deutschlands gekämpft.“ Seine italienischen Kameraden erinnern sich, wie er als 23-Jähriger in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges in einem kleinen italienischen Dorf für sie den „Totentanz des Dritten Reiches“ gemalt hat. Mir kommen Bilder von ihm vor die Augen „Lidice“ ein Diptychon zur Erinnerung an das Dorf in Tschechien, das von der deutschen Wehrmacht vernichtet wurde als Vergeltung für das Attentat auf Heidrich. Dieses Bild steht auch für das Massaker von Oradour in Frankreich oder für Kalavrita in Griechenland. Ich denke aber auch an das Bild „Freiheitsgöttin über Vietnam“ von 1970. Sitte hat sein Leben lang bis heute gegen Krieg und Faschismus gemalt. „Memento Stalingrad“(1957) und „Kampf der Thälmannbrigade in Spanien“(1961) sind bewegendes Gedenken an den bewaffneten antifaschistischen Widerstand.

In dem Sonderheft „Ikarus“ der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde, das als „Katalog (k)einer Ausstellung zum 80. Geburtstag Willi Sittes“ als Protest anlässlich des Ausstellungsverbots am Nürnberger Germanischen Nationalmuseum erschienen ist, ist Sittes politisches Werk in dem Beitrag von Peter Michel „Zeitsprünge – und ein Kontinuum – Gedanken zum Politischen im Werk Willi Sittes“ akribisch und eindrücklich beschrieben.

Der unermüdliche Widerstand gegen Unrecht, Ungerechtigkeit und Dummheit, den Willi Sitte fünf Jahrzehnte aktiv malend lebt, wird auch in dem 1995 im Dingsda-Verlag von Joachim Jahns herausgegebenen Bildband „Herr Mittelmaß 1949 bis 1995“ überzeugend dokumentiert. In seinem einleitenden Beitrag sagt Wolfgang Hütt: „Begegnungen des Zeichners und Malers Willi Sitte mit dem ‚Herrn Mittelmaß‘ sind sein Protest gegen die ‚Wendefähigkeit des Herrn Durchschnittsmenschen‘, wie sie Carl von Ossietzky schon zur Weimarer Republik beschrieben hat“.

Er stellt menschliche Schwächen dar, macht auf seine Weise ironisch Charakterlosigkeit und sogar Gesinnungslumperei anschaulich. Diese gesellschaftlich aufdeckenden Themen kennzeichnen schon seit 1963 seine künstlerischen Aussagen. Brechts „Rundköpfe und Spitzköpfe“ inspirierten ihn zu dem Bild mit dem Titel „Die aneinander vorbeireden“. 1977, angeregt von Majakowskis Gedicht „Die auf Sitzungen Versessenen“ übt er als prominenter Genosse ebenso unübersehbar wie nachdrücklich Parteikritik.

Nach der Übernahme der DDR durch die BRD ist eine seiner kritischen Metaphern Herr Mittelmaß in der neuen Gesellschaft. Er beschreibt in seinen Bildern, wie Herr Mittelmaß Morgenluft wittert, wie er stets Anschluss findet, weil er behende die Fahne wechselt, wie er zufrieden im Sessel sitzt, wie er die Avantgarde – Weltkunst – bewundert und er nun endlich für sich den aufrechten Gang entdeckt. Besonders eindrücklich für mich ist das Bild „Einer trage des anderen Last“ (1992) als gelungene Parodie auf das bekannte Bibelwort.

In diesem Band wird deutlich, wie Willi Sitte seine politische Überzeugung unbeirrt immer wieder in Bilder umsetzt. Er resigniert nicht, sondern analysiert die über ihn gekommene Gesellschaft. Mit Ironie und Satire fordert er als Zeitzeuge zum Nachdenken, Weiterdenken, und zum schöpferischen Widerstand heraus für eine Welt, die solidarisch das Leben und Überleben aller ermöglicht.

Psychologe und KZ-Häftling

geschrieben von Frank Horzetzky

5. September 2013

Victor E. Frankls Buch als Hörbuch erschienen

Juli-Aug. 2007

„Trotzdem Ja zum Leben sagen“ von Viktor E. Frankl

Hörbuch neu eingelesen von Martin Schwab

2007 Deutsche Grammophon Literatur

Als Viktor Frankl (geboren 1905, gestorben 1997 in Wien), 1942 mit seinen Eltern und seiner Frau im September 1942 in das Ghetto von Theresienstadt deportiert wurde, war er bereits ein bekannter Arzt. Er kam 1944 nach Auschwitz, Kaufering und Türkheim (zwei Nebenlager von Dachau). Seine Eltern, sein Bruder und seine Frau wurden in den Lagern ermordet. Nach seiner Befreiung ging er zurück nach Wien, wurde Privatdozent für Neurologie und Psychiat-rie an der Wiener Universität, gründete die „Österreichische Ärztegesellschaft für Psychothe-rapie“, begründete später die Logotherapie und die Existenzanalyse und war ein international anerkannter Psychiater und Psychotherapeut.

Dieses Buch gehört zu den Texten die man nur widerstrebend in den CD-Player legt – sich fragend, ist das jetzt der Moment, in dem ich das vertragen kann? – und der einen dann doch fesselt und nicht mehr losläßt und weiterbeschäftigt, lange über das eigentliche Zuhören hin-aus. Man hatte es geahnt. Denn es ist nicht so einfach, sich aus dem bundesdeutschen Alltag 2007 kommend, auf diesen 61 Jahre zurückliegenden Bericht eines KZ-Überlebenden über seine Zeit in den Lagern einzulassen. Quasi hinabzusteigen in die tiefsten Abgründe unserer deutschen Geschichte, die doch noch gar nicht so lange zurückliegen. Aber das „Wagnis“ lohnt sich.

Frankls Erinnerungsbericht entstand 1946, nur ein Jahr nach seiner Befreiung aus dem Lager. Der ursprüngliche Titel lautete: „Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager.“ Frankls Ab-sicht war eine psychologische Analyse der Situation der Häftlinge. Ihm ging es nicht um ei-nen Tatsachenbericht sondern darum, Außenstehenden die Erlebnisweise der Häftlinge ver-stehbar zu machen. Dementsprechend, und das ist eine Stärke seines Textes, nimmt die Be-schreibung ihres Denkens und Fühlens einen größeren Raum ein als die der unmenschlichen äußeren Umstände. Die SS, die Lagerverwaltung und die allgegenwärtigen Bewacher und Pei-niger finden nur nebenbei und anonym Erwähnung. Es geht dem Autor um das Leiden der unbekannten Lagerinsassen, „den harten alltäglichen Kampf der zwischen den Häftlingen tob-te“, „den kleinen Tod des gewöhnlichen Häftlings“.

Frankl stellt in beeindruckender Weise die umfassende Entwertung dar, der alles zum Opfer fiel, das nicht unmittelbar mit der Lebenserhaltung zusammenhing, einschließlich des Gefühls überhaupt Subjekt zu sein, ein Wesen mit eigenem freien Willen und persönlichem Wert. Der unpathetische Ton von Frankls Sprache zieht uns in seinen Bann. Man könnte glauben, Frankl wollte seine Leser emotional nicht überfordern, wenn er betont nüchtern berichtet, wie der „Lageralltag“ ablief, die Darstellung persönlicher Schicksale im Hintergrund lassend. Darin gleicht Frankls Beschreibung einem anderen verstörenden Bericht aus der Menschenhölle, dem später erschienenen „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertes, der ebenso jede Emotionalisierung des Themas, die man erwarten könnte, vermieden hat und darum um so ir-ritierender, erschütternder, also berührender wirkte. Es ging ihm darum zu zeigen, wie der Mensch sich einerseits in so einer Situation in die unvorstellbarsten, erniedrigendsten Um-stände einfügt und andererseits seine innere Würde bewahren kann bis zum eigenen Tod.

Frankl zeigt, wie das Lagerleben den Menschen alles nehmen konnte bis auf „die letzte Frei-heit, sich zu den Verhältnissen im Lager so einzustellen“, dass er auch hier Mensch bleibt und seine Würde bewahrt, sprich sich von den unmenschlichen Verhältnissen nicht unmenschlich machen zu lassen. Frankl geht es um die Sinnfrage, um die in zentraler Weise sein späteres Lebenswerk kreisen sollte. Nicht nur ein schöpferisch leistendes und genießendes Leben habe einen Sinn. Wenn Leben überhaupt einen Sinn habe, dann gehöre auch das Leiden dazu. Un-abhängig von der Tatsache des Überlebens an sich versucht er zu ergründen, mit welcher Hal-tung der Mensch überlebt. Für ihn hat das Leben unter allen Umständen, Leiden, Not, Sterben und Tod, einen Sinn. Frankl zieht ein beeindruckendes Resümee: „Wir haben den Menschen kennen gelernt wie vielleicht noch keine Generation. Was also ist der Mensch? Er ist das We-sen, das immer entscheidet was es ist, er ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat, aber zugleich ist er auch das Wesen, das in die Gaskammern gegangen ist, aufrecht und ein Gebet auf den Lippen.“

Frankl führt hier Opfer und Täter auf eine zutiefst menschliche und berührende Weise zu-sammen. Bei ihm gibt eine keinen Rassismus, keine Spur von Vorwurf an die Täter, keinen Haß, keine Verachtung. Das, worin die Stärke des Buches besteht, die Beschreibung individu-eller Nöte, mag anderen gleichzeitig als Mangel erscheinen, nämlich durch das Fehlen der Re-flektion von gesellschaftlichen Ursachen und Zusammenhängen. Aber das war nicht Frankls Anliegen, vielleicht sah er sich dazu auch nicht als berufen an. Dabei müssen wir verstehen, dass nach seiner Meinung niemand die Sinnfrage für sich allein, isoliert stellen kann. Für ihn bezieht sie das Gegenüber, den getrennten Anderen in seinem eigenen Recht, immer mit ein. Die Frage nach dem Lebenssinn ist so auch immer auf die Gemeinschaft bezogen. Gerade oh-ne diesen gemeinschaftlichen Bezug, sich der Verantwortung für die Menschen überhaupt bewusst zu sein, geht der Mensch seines Lebenssinnes verlustig.

Für uns, die wir heute nicht solchen extremen existentiellen Situationen ausgesetzt sind, stellt sich die Frage nach dem Lebenssinn auf andere Weise immer wieder neu. Victor Frankls Buch, das in Millionenauflage in vielen Sprachen erschienen ist, gehört zu den unverzichtba-ren Werken, in denen historische Erfahrungen menschlicher Existenz für die nachfolgenden Generationen aufgehoben sind.

Bilder gegen Rechts

geschrieben von Gerhard Fischer

5. September 2013

Schülerwettbewerb in einem Problembezirk

Juli-Aug. 2007

Die Idee ist gut, und geboren wurde sie in Berlin-Lichtenberg: Kinder und Jugendliche sollen Gelegenheit erhalten, mit Bildern selber gegen Neonazismus anzugehen. „Bilder gegen Rechtsextremismus und Gewalt – Schülerinnen und Schüler zeigen Gesicht“ heißt die Aktion. Seit dem Frühjahr ist die Lichtenberger Schülerschaft aufgerufen, in Plakaten und Zeichnungen, in Fotografien und Computergrafiken, mit Kollagen und anderen bildkünstlerischen Mitteln auszudrücken, wie sie sich mit alltäglichem Rechtsextremismus auseinandersetzt und für ein demokratisches Zusammenleben in der Gesellschaft einsteht.

Was rechtsextreme Straftaten angeht, gehört Lichtenberg zu den Schwerpunktbezirken in der Hauptstadt, in der 2006 die einschlägigen „Propagandadelikte“ und Gewalttaten, soweit sie polizeibekannt wurden, um 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr zunahmen. Lichtenberg hat aber auch einen „Lokalen Aktionsplan für Demokratie und Toleranz – gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“, der von den kommunalen Gremien getragen wird, und außerdem eine aktive „Initiative gegen Rechtsextremismus“ , in der die VVN-BdA verantwortlich mitarbeitet und die auch das neue Schülerprojekt unterstützt.

Angeregt wurde es vom Lichtenberger Kulturverein e.V. Damit will er den Versuchen extrem Rechter begegnen, nicht nur in Bürgervertretungen vorzudringen, sondern auch in Bereiche der Sozialarbeit, in Familien und Schulen, in Jugendklubs und Sportgemeinschaften. Dazu suchte und fand der Kulturverein bereitwillige Partner in Bildungseinrichtungen, in Politik und Wirtschaft, in Wissenschaft, Kunst und Kultur. Die Arbeiten der Schülerinnen und Schüler beispielsweise bewertet eine Jury, die von Prof. Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, geleitet wird und der auch der VVN-BdA-Vorsitzende Prof. Dr. Heinrich Fink angehört. Schirmherrin des Projekts ist Christina Emmrich, die Bezirksbürgermeisterin.

Zu Beginn gewann der Kulturverein die Schulen des Bezirks und dort vor allem die Leiter des Fachbereichs Kunst zur Mitarbeit: die Gymnasien, so die nach Hans und Hilde Coppi benannte Schule, aber auch Schüler und Lehrer aus anderen Schulen. Auch Bezirksverordnetenversammlung und Bezirksamt wurden von dem Vorhaben unterrichtet. So wurden Erstunterzeichner für einen „Aufruf an alle Lichtenberger Kinder und Jugendlichen in den Schulen, Sportvereinen und Jugendfreizeiteinrichtungen des Stadtbezirks“ gewonnen, bei der Aktion mitzumachen.

Deren Ziel ist es, „dass die beteiligten Schülerinnen und Schüler aufmerksamer werden gegenüber ihrem sozialen Umfeld, bewusst sehen, was sich tut, die menschenfeindlichen Ideologien im Rechtsextremismus wahrnehmen und sich für demokratische Lösungen der Probleme der Gesellschaft stark machen“, heißt es in der Konzeption zum Projekt. Mit seinen Themen beschäftigten sich inzwischen Projekttage an den Schulen. Begleitende Beiträge in Medien verliehen ihm öffentliche Aufmerksamkeit.

Am Ende des Schuljahrs ist Annahmeschluss für einzureichende Arbeiten, im Juli und August wird die Jury arbeiten, für September ist eine würdige Abschlussveranstaltung geplant. Dann sollen die Ergebnisse ausgestellt werden. Ein Berliner Branchenführer der Außenwerbung, der den Hauptpreis stiftete, will als Medienpartner die besten der eingegangenen „Kunstwerke“ auf 30 großformatigen Flächen in der Hauptstadt bekannt machen. Auch das Internet soll genutzt werden, um sie zu verbreiten, an Lichtinstallationen im Stadtraum ist gedacht und nicht zuletzt an eine CD-Rom.

„Partigiani“ in Bremen

geschrieben von Erika Klantz

5. September 2013

Fotoausstellung zur Geschichte des italienischen Partisanenkampfes

Juli-Aug. 2007

Der in der Bundesrepublik bisher wenig bearbeiteten Geschichte der italienischen Partisanen hat sich die Ausstellung „Partigiani“ gewidmet. Sie wurde am 19. Juni im Foyer des Gewerkschaftshauses in Bremen eröffnet. Die Eröffnungsrede hielt Hans Koschnick, der durch seine Tätigkeit in Mostar international bekannte ehemalige Bürgermeister Bremens. Koschnick betonte die besondere Verbindung Bremens zu Marzabotto (Städtepartnerschaft und regelmäßige gegenseitige Besuche über die Friedensschule in Vegesack). Er erwähnte die wechselnde Rolle der italienischen Armee als Besatzer und Opfer deutschen Terrors in Jugoslawien vor und nach dem Sturz Mussolinis 1943 und ging auf die unterschiedlichen Partisanengruppen und ihre ungleiche Behandlung durch die westlichen Alliierten ein. Begleitet wurde die Ausstellung in Bremen durch den Vortrag „Der nette Nazi von nebenan“ von Carsten Neumann, über Symbole, Mythen und Ideologie des heutigen Faschismus in Deutschland.

Als Fotoausstellung angekündigt, enthält „Partigiani“ neben diesen auch Reproduktionen faschistischer Plakate und andere Abbildungen, dazu viele sehr informative Texte in deutsch und italienisch. Den Beginn des bewaffneten Widerstands setzen die Ausstellungsmacher mit der Verkündung des italienisch-alliierten Waffenstillstandes am 08.09.1943 und der anschließenden Besetzung des noch nicht von Alliierten befreiten Italiens durch Wehrmacht und SS fest. Das Mussollini- Regime war wenige Wochen vorher gestürzt worden.

Sehr anschaulich schildert die Ausstellung die Entwicklung der italienischen Gesellschaft vom Beginn des Faschismus, über die deutsche Besatzung, die Partisanentätigkeit bis zur Befreiung Norditaliens nur wenige Tage vor dem europäischen Kriegsende. Besonders erwähnenswert sind die sehr erschütternden Schilderungen und Bilder der Verbrechen die Wehrmacht, welche SS und italienische Faschisten – im Auftrag der deutschen Besatzungsmacht bzw. der faschistischen Repubblica Sociale Italiana – an den Partisanen und der mit ihnen sympathisierenden Bevölkerung begingen. Dazu gehören Massaker – von denen das in Marzabotto (29.9.-5.10.44) mit 770 Toten das verheerendste war -, Folterungen an Verdächtigen und markante Einzelschicksale, wie die Erschießung von sieben Brüdern der Familie Cervi oder von Irma Bandiera, die nach fünftägiger Folter vor ihrem eigenen Haus erschossen wurde.

Mindestens ebenso gelungen fand ich die Darstellung der unterschiedlichen Partisanengruppen und ihrer durchaus unterschiedlichen Motivationen. Den größten Anteil mit etwa 50 % aller Verbände hatte die Garibaldibrigaden (kommunistisch), etwa 20 % machten die Brigaden „Gerechtigkeit und Freiheit“ der Aktionspartei aus. Daneben gab es die sozialistische „Brigate Matteotti“, die „Brigate Mazzini“ der Republikanischen Partei und unterschiedliche autonome (parteiunabhängige) Verbände; sowie ab 1944 auch katholische Gruppen. Die „Comitato di liberazione nazionale“ (Nationales Befreiungskomitee) bildete zwar ein einheitliches Oberkommando um den Berufsoffizier Raffaele Cadorno mit lokalen Untereinheiten, doch in der Praxis blieben häufig genug die politischen Unterschiede entscheidend. Trotz dieser Gruppenvielfalt und der räumlichen Gegebenheiten gelang es der Ausstellung verständlich zu machen, warum es auch zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen kam, ohne dabei in Schuldzuweisungen zu verfallen.

Kritisch anzumerken ist, dass der antifaschistische Widerstand vor dem 8.9.1943 nur sehr lapidar behandelt wird. Auch erscheint es mir eher unwahrscheinlich, dass sich die Masse der italienischen Bevölkerung gegenüber dem Mussolini-Regime tatsächlich so distanziert und passiv verhalten hat, wie die Ausstellung an mehreren Stellen anführt. Doch diese kleinen Schwachpunkte werden durch ihre Stärken, vor allem die ausführliche, informative und gleichzeitig verständliche Bearbeitung des Themas, mehr als ausgeglichen. Der Besuch der Ausstellung „Partigiani“, die ja bereits seit mehreren Jahren durch die Bundesrepublik wandert, ist nach wie vor jedem zu empfehlen

»antifa«Ausgabe Mai-Juni 2007

5. September 2013

Mai-Juni 2007

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