Ungleich vor dem Gesetz

geschrieben von Emma Sammet

13. Mai 2022

Zur Aktualität der Klassenjustiz

Ronen Steinke schafft es erneut, ein wichtiges Thema auf die Agenda zu setzen. Mit seinem aktuellen Buch legt er den Fokus auf die sozialen Ungerechtigkeiten des deutschen Justizsystems. Mit einer Mischung aus Analyse und Anekdote, aus wissenschaftlichem Sezieren von Studien und Berichten von persönlichen Schicksalen, aus Gesprächen mit Akteur*innen und Vor-Ort-Besuchen macht Steinke aktuelle Problemlagen des Justizsystems greifbar.

Das Buch gliedert sich in acht Kapitel plus Vorwort, Reformvorschläge, Anmerkungen und Dank. Allen Kapiteln sind Grafiken vorangestellt, und sie bestehen jeweils aus drei Unterkapiteln, die sich dem Gegenstand von unterschiedlichen, einander ergänzenden Seiten nähern.

Es handelt sich um Themenkreise wie zum Beispiel die Frage nach Anwält*innen: Wie schlecht es funktioniert, sich selbst zu verteidigen, und was das vor dem Hintergrund bedeutet, dass in Deutschland, anders als in vielen anderen europäischen Ländern nicht jede*r Angeklagte eine*n Anwält*in unabhängig vom Geldbeutel bekommt. Ungleich vor dem Gesetz weiterlesen »

Mit dem Heute verbinden

geschrieben von Ulrich Schneider

13. Mai 2022

Studie zu Zugängen junger Deutscher zur NS-Geschichte

Alle Jahre wieder werden in unserem Land Jugendstudien durchgeführt. Möchten doch Werbewirtschaft und Politik wissen, was junge Menschen bewegt und wo sie mit ihrem Marketing ansetzen können. Die Soziologie kreiert dabei Bezeichnungen wie »Generation Golf«, »Generation Y« (auch Generation »Why«), mit denen bestimmte Geburtsjahrgänge bezeichnet werden, von denen man annimmt, dass sie über ein vergleichbares Weltbild verfügen. Nunmehr ist man bei der »Generation Z« angekommen, wenn man von den heute 16- bis 25-Jährigen spricht.

Aber es sind nicht nur Marketinginstrumente, sondern auch historisch interessante Themen, die bei solchen Befragungen behandelt werden. So veröffentlichte Mitte der 1980er-Jahre die Frankfurter Rundschau eine Studie, nach der über 80 Prozent der jungen Menschen in der BRD den antifaschistischen Widerstand – und zwar nicht nur den 20. Juli 1944 oder die »Weiße Rose« – für sich als verdienstvoll und vorbildlich betrachteten. Da die Distanz zum historischen Gegenstand heute noch einmal deutlich größer geworden ist, beauftragte Arolsen Archives vor gut einem Jahr das Befragungsinstitut »rheingold« mit einer tiefenpsychologischen Studie zur Haltung der »Generation Z« zur NS-Zeit, deren Ergebnisse Ende Januar 2022 vorgestellt wurden. Mit dem Heute verbinden weiterlesen »

Allgegenwärtige Erinnerung

geschrieben von Reinhold Weismann-Kieser

13. Mai 2022

Biografie zu Ruth Gröne erschienen

Ruth Gröne ist eine der letzten Zeugen, die die Schikanen und den Terror der Faschisten in Hannover erleiden mussten. Sie hat einen großen Teil ihres Lebens danach der Aufgabe gewidmet, die Erinnerung an diese Zeit wachzuhalten: in der Initiative für das Mahnmal am ehemaligen KZ Ahlem. Sie wurde dafür vielfach geehrt, mit dem Bundesverdienstkreuz und zahlreichen Auszeichnungen der Landeshauptstadt und der Region Hannover. Eng verbunden ist sie der ehemaligen Israelitischen Gartenbauschule in Ahlem. Dort musste sie einen Teil ihrer Kindheit verbringen, nachdem die Schule zum »Judenhaus« gemacht worden war. Anja Schade, Mitarbeiterin der Gedenkstätte Ahlem, hat Ruth Gröne zu jener Zeit befragt und eine Biografie im Rahmen der Schriftenreihe der Gedenkstätte herausgebracht.

Diese ist aus vielen Gründen bemerkenswert: als Geschichte einer jüdischen Familie im ländlichen Raum; als Versuch der Integration in eine liberale gesellschaftliche Umgebung; als Leidensweg unter der antisemitischen Verfolgung während der faschistischen Herrschaft; danach die schrittweise Rückkehr in eine humane Normalität und dann der beispielhafte Kampf »gegen das Vergessen«. Die vielen dabei plastisch geschilderten Einzelschicksale und Personen ermöglichen geschichtliche Reflexion. Besonders das reiche Bildmaterial bietet einen anschaulichen Einblick in die neuere Stadtgeschichte Hannovers. Erschütternd sind die Kurzbiografien im Anhang: Oft enden sie 1941 in Riga oder im »Arbeitserziehungslager« Lahde. Allgegenwärtige Erinnerung weiterlesen »

Lebendig machen

geschrieben von Kristin Caspary

13. Mai 2022

Eine Medienkritik zur Instagram-Geschichte @ichbinsophiescholl

Sophie Scholl, von West bis Ost zur Ikone des deutschen Widerstands stilisiert, war schon häufig Figur deutscher Erinnerungs- und Unterhaltungskultur. Die letzten zehn Monate im Leben der Sophie Scholl »emotional, radikal subjektiv und in nachempfundener Echtzeit« nachzuerzählen, schickte sich das Medienprojekt @ichbinsophiescholl des SWR und BR an. Anlässlich des 100. Geburtstags von Sophie Scholl im letzten Jahr, wollten sie sie »aus den Geschichtsbüchern ins Hier und Jetzt holen« und »ihren Weg zu beispielloser Zivilcourage« abbilden.

Gewählt wurde dazu die »fiktionale Interpretation einer historischen Figur«, umgesetzt durch Fotos und Videos, die im sozialen Netzwerk Instagram bereitgestellt wurden. Im für die Plattform üblichen Stil eines Tagebuchs mit Bildern konnten die Nutzer_innen miterleben, wie Sophie Scholl ihren 21. Geburtstag feierte, wie sie sich in den Wehrmachtsoffizier Fritz Hartnagel verliebte und Zweifel an dieser ersten Liebesbeziehung verspürte. Sie begleiteten Sophie auf dem Weg, sich der »Weißen Rose« anzuschließen, Flugblätter zu vervielfältigen, Unterstützer_innen für den Widerstand zu finden und erlebten den berühmten Flugblattstoß vom Geländer des Lichthofs der Münchener Universität sowie die anschließende Verhaftung live mit. Lebendig machen weiterlesen »

Haus der Macht

geschrieben von Peps Gutsche

13. Mai 2022

Ein Lesebuch über weibliche Erfahrungen

Das Wort »herumtreiben« weckt unterschiedliche Assoziationen: ziellos, nicht an einem Ort bleibend, ungezügelt, (sexuell) ungebunden. Es weckt Bilder von Freiheit, die sich genommen wird, ebenso wie gesellschaftlich abwertende Bilder vermeintlicher sozialer Randgruppen.

Diese Assoziationen bündelt Bettina Wilpert mit viel Gespür für Atmosphäre. Sie erzählt die Geschichten junger Frauen in verschiedenen historischen Kontexten vom Nationalsozialismus bis in die Gegenwart. Ein (fiktives) Gebäude in der Leipziger Lerchenstraße verbindet dabei die Erlebnisse der jungen Frauen. Da ist Lilo, die in den 1940ern mit ihrer Familie Widerstand leistet und deshalb verhaftet wird. Da sind die namenlos bleibenden Zwangsarbeiterinnen, Jüdinnen, Romnja und Sintezze, die hier inhaftiert und später deportiert werden. Deren vielstimmige Gedanken und Hoffnungen, Wünsche und Träume nehmen nur wenig Worte in dem Roman ein, wecken dafür aber einen größeren Resonanzraum. Da ist die Jugendliche Manja, die in der DDR nach der ersten romantischen Begegnung mit dem schwarzen Vertragsarbeiter Manuel auf einer Station für Geschlechtskrankheiten zwangsinterniert wird. Später trifft sie dort ihre Freundin Maxie wieder, die gegen die sommerliche Tristesse des Alltags durch ihren Kontakt zu Punks rebelliert. Die Mittzwanzigerin Robin, die 2015 am gleichen Ort als Sozialarbeiterin in einer Unterkunft für Geflüchtete arbeitet, führt die Geschichten in die Gegenwart. Haus der Macht weiterlesen »

Auch unter Aktiven

geschrieben von Axel Holz

13. Mai 2022

Rechtspopulistisches Denken macht sich in der Arbeiterbewegung breit

Die völkisch-populistische Orientierung von betrieblich aktiven, gewerkschaftlich organisierten und teilweise in Betriebsräten wirkenden Arbeiter:innen ist seit einigen Jahren auffällig. Klaus Dörre (Universität Jena) und Karina Becker (Duale Hochschule Gera-Eisenach) haben sich mit diesen Phänomenen wissenschaftlich auseinandergesetzt, unterstützt von Peter Reif-Spirek, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung in Thüringen. Unter den Autoren finden sich unter anderem Annelie Buntenbach zur Anziehungskraft der AfD für Arbeiter:innen und Wilhelm Heitmeyer zu autoritärem Nationalradikalismus. Auch unter Aktiven weiterlesen »

Nach 1945 reorganisiert

geschrieben von Mathias Wörsching

13. Mai 2022

Spannender Einstieg zu Faschismus in Italien mit Vorsicht zu genießen

Gerhard Feldbauers insgesamt gut lesbares Büchlein wirft Schlaglichter auf wesentliche Weichenstellungen des letzten Jahrhunderts italienischer Geschichte. Aus marxistisch-leninistischer Sicht wird beleuchtet, warum die Entfaschisierung Italiens scheiterte, warum sich ultrarechte Kräfte gleich nach 1945 reorganisieren und in den 60er-, 70er-Jahren mit Anschlägen und Putschversuchen die Demokratie erschüttern konnten. Um 1992/93 ging der italienische Nachkriegsparlamentarismus in einem gigantischen Korruptionsskandal unter. Seither haben weit rechts stehende bis neofaschistische Kräfte in Italien Konjunktur und waren bereits an mehreren Regierungen beteiligt oder führten diese sogar. Nach 1945 reorganisiert weiterlesen »

Vergeltung und Fantasie

13. Mai 2022

Interview mit Max Czollek zur Ausstellung über jüdische Rache

antifa: Es hält sich das Bild von Jüdinnen und Juden, die den Holocaust  überwiegend erduldet haben. Nur einige wenige, so das vorherrschende Verständnis, haben Widerstand geleistet. Von Racheakten nach dem Krieg ist hier noch weniger bekannt. Worum geht es bei der Rache-Ausstellung?

Max Czollek: Wir machen ein Angebot, sich mit der Geschichte anders auseinanderzusetzen und fangen historisch viel früher an. Die Geschichte des Judentums ist auch geprägt von der Idee, dass Verfolgung nicht einfach hingenommen wird. Die Jahrtausende anhaltende Diskriminierungsgeschichte erforderte immer wieder neue Strategien, mit den eigenen Erfahrungen umzugehen und Handlungsmacht zurückzugewinnen. Schon die Torah kennt Formen legitimer Rache, die dazu dient, Gerechtigkeit wieder herzustellen, wenn das irdische Recht versagt. Neben den religiösen Aspekten stellen wir zudem den Bezug zu tatsächlichen Momenten der Selbstbehauptung her. Im Kontext feindlicher Umgebungen organisierten sich jüdische »Gesetzlose« als Pirat*innen, Räuber*innen oder später als »Kosher Nostra« –
als Gangs an der US-Ostküste –, um faktisch Vergeltung an der sie missachtenden Dominanzgesellschaft zu üben. Vergeltung und Fantasie weiterlesen »

Wahlen unnötig?

geschrieben von Janka Kluge

13. Mai 2022

Lesenswerte Analyse über den radikalisierten Konservatismus

Die Wiener Politikwissenschaftlerin Natascha -Strobl hat 2021 eine Untersuchung über den radikalen Konservatismus vorgelegt. Sie untersucht dabei die Parallelen zwischen Donald Trump und Sebastian Kurz (ÖVP). Dabei legt sie einen Schwerpunkt auf die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Politikern und kommt zu Parallelen, die auch in Deutschland für die Auseinandersetzung mit der AfD wichtig sind.

Der radikale Konservatismus nimmt dabei Anleihen bei der Neuen Rechten. »Radikaler Konservatismus übernimmt die Strategien und die Sprache des Rechtspopulismus bzw. des parteiförmigen und außerparlamentarischen modernen Rechtsextremismus. Er setzt dabei auf Polarisierung statt auf Konsens und möchte das bestehende politische System zu seinen Gunsten umgestalten.« (S. 39) Ihnen geht es nicht mehr darum, eine konservative Weltsicht zu vertreten, sondern eine Partei und letztendlich einen Staat zu formieren, in denen demokratische Grundregeln nicht mehr gelten. Das Ziel ist, eine Partei hinter einer führenden Person zu vereinen und die Politik auf diese Person auszurichten. Debatten über die Ausrichtung der Partei treten immer mehr in den Hintergrund, stattdessen wird eine Person als der einzige Weg zur »Rettung« aufgebaut. Wahlen unnötig? weiterlesen »

Die Täter finden

geschrieben von Ruby Bender

13. Mai 2022

Eine Graphic Novel über Beate und Serge Klarsfeld und ihr antifaschistisches Wirken

Graphic Novels sind inzwischen in der Popkultur angekommen, allerlei Geschichten werden in diesen grafischen Romanen erzählt. Ferner viele Geschichten von Überlebenden der nationalsozialistischen Verbrechen. »Beate & Serge Klarsfeld –
Die Nazijäger« reiht sich hier ein, geht aber um einiges darüber hinaus. Vor allem behandelt das Buch das Wirken der beiden Antifaschist*innen nach 1945 und erzählt dem Publikum, was Einzelpersonen erreichen können. Beispielhaft steht dafür die Jagd, die Entführung und die Verurteilung von hochrangigen NaziverbrecherInnen wie etwa Klaus Barbie, dem als »Schlächter« bekannt gewordenen Gestapo-Chef von Lyon, der sich in Bolivien unter falschem Namen versteckte.

Die Täter finden weiterlesen »

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