Organisierter Akt

geschrieben von Andreas Siegmund-Schultze

7. Januar 2022

Ein Blick auf die Proteste von Corona-Leugner:innen in Teilen Europas

Etwas Obskures bot die Szenerie, die sich am 19. Dezember in Frankfurt/Oder abspielte allemal: 150 Corona-Leugner:innen aus Polen und der Bundesrepublik trafen sich zum gemeinsamen Protest. Zu der Demo »in Dammvorstadt« hatte die lokale AfD aufgerufen – so hieß Słubice als Stadtteil von Frankfurt/Oder vor 1945, worauf sich heute eigentlich nur noch Geschichtsrevisionist:innen positiv beziehen. Der Zug sollte auch auf die polnische Seite führen, dem schoben die Behörden aber einen Riegel vor. Grenzenlose Unterstützung gab es dennoch – vonseiten der weit rechts stehenden polnischen Partei KORWiN (Koalition der Erneuerung der Republik Freiheit und Hoffnung). Nicht bekannt ist, ob die Delegation der Ultranationalist:innen aus Polen einmal mehr im Dreieck gesprungen ist, wird ihnen doch von ihren Kameraden von der anderen Seite der Oder quasi Słubice als Teil Deutschlands schmackhaft gemacht. Einige KORWiN- und Polen-Fahnen wehten jedenfalls in Frankfurt/Oder, und die AfD bedankt sich laut Märkischer Oderzeitung anständig »bei den polnischen Grenzschützern, ›die auch uns beschützen‹«. Organisierter Akt weiterlesen »

Die unbenannte Norm

geschrieben von Peps Gutsche

7. Januar 2022

Ein kluges, emotionales Theoriebuch, das Debatten um Antisemitismus nachzeichnet

Judith Coffrey und Vivien Laumann ist mit dem vorliegenden Buch nicht nur eine innovative und fundierte Theoriebildung gelungen, sondern eine differenzierte Kritik am aktuellen Sprechen über Antisemitismus und die eigene Positionierung – auch innerhalb linker Kontexte. Ein Buch zum Weiterdenken, darüber reden und die eigene Praxis reflektieren.

Die Autorinnen führen den Begriff Gojnormativität ein. »Goj« ist die jüdische Bezeichnung für Nicht-Jüdinnen. Gojnormativität wird genutzt, um »die unmarkierte Norm des Nicht-Jüdischen oder der nicht-jüdischen Perspektive zu bezeichnen, zu kritisieren sowie zu reflektieren« (S. 56). Es geht Coffrey und Laumann nicht darum, Antisemitismus als Begrifflichkeit, die ein Herrschaftsverhältnis und eine Ideologie beschreibt, zu ersetzen, sondern ihr Anliegen ist es, Gojnormativität als ein Produkt einer antisemitisch strukturierten Gesellschaft zu verstehen. Sie zeigen auf, wie sich die vermeintliche gesellschaftliche Norm oft einer Benennung entzieht, sei es in Bezug auf geschlechtliche Orientierung oder aber auch mit Blick auf Rassismus. Angelehnt an Diskurse aus der kritischen Weißseins-Forschung oder auch der Heteronormativitätskritik geht es darum, die dominante Position in einem Herrschaftsverhältnis zu greifen. Als politische Intervention und zur Stärkung jüdischer Perspektiven nutzen Coffrey und Laumann den wichtigen Begriff der Gojnormativitätskritik. Die unbenannte Norm weiterlesen »

Antagonistisch denken

geschrieben von Thomas Willms

7. Januar 2022

Afropessimismus: Überwältigungsliteratur unter dem Deckmantel kritischer Theorie

Die Postulate des Universalismus sind seit jeher von zwei Seiten her unter Beschuss – zum einen von der extremen Rechten, die die Idee von der Ganzheit der Menschheit prinzipiell bestreitet und Rechte nur jeweils biologistisch oder kulturell definierten Menschengruppen zubilligt – zum anderen von der extremen Linken, die »Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit« erstrebenswert findet, aber ihre praktische Umsetzung für Lug und Trug hält. Letztere Gruppe splittert sich immer stärker in diverse -soziokulturelle Bezugsgruppen und »Identitäten« auf, die nicht mehr für das imaginäre Ganze, sondern für sich allein kämpfen, was nur mühsam durch die Vorstellung von der Intersektionalität (»in den verschiedenen Feldern kämpfen, aber doch gemeinsam«) zusammengehalten wird. Antagonistisch denken weiterlesen »

Antifa heißt abschalten

geschrieben von Christian Meyer

7. Januar 2022

Die ZDF-Serie »Westwall« verhebt sich am Rechtsterror

Westwall nannten die Nazis ein System von Bunkeranlagen und Panzersperren, das sich über rund 600 Kilometer an Deutschlands westlicher Grenze erstreckte. Später benannte sich ein Hammerskins-Chapter ebenso danach wie eine Aachener Hooligangruppe. Als Titel für eine Serie über Rechtsterrorismus weckt der Name freilich auch Assoziationen zu Nordkreuz. Und tatsächlich gibt es auch hier Verstrickungen zwischen Sicherheitsbehörden und Rechtsterrorismus. Irgendeine Form von Aufklärung sollte man allerdings nicht erwarten.

Sechs Episoden lang folgen die Zuschauer_innen Polizeianwärterin Julia (Emma Bading) und dem Naziaussteiger Nick (Jannik Schümann), der als V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz auf sie angesetzt ist. (Aber nur zunächst, schon bald ist es wirklich Liebe.) Namengebendes Zentrum der Handlung ist eine rechte Kinderbande und deren Ersatzmutter Ira (toll gespielt von Jeanette Hain). Auf ihre Rolle ist alles ausgerichtet. Der Bundesverfassungsschutz möchte ihr das Handwerk legen und Anschläge verhindern, ein Landesverfassungsschutz protegiert sie hingegen und ist von Rechten unterwandert, Nick ist einer ihrer Zöglinge – und Julia ist ihre Tochter. Antifa heißt abschalten weiterlesen »

Nichts mit Antifa

geschrieben von Franziska Kracke

7. Januar 2022

In »Über Menschen« erinnert Juli Zeh an fehlende Brandmauern gegen rechts

Die Bestsellerautorin Juli Zeh hat nach ihrem Erfolgsroman »Unter Leuten« eine Art Fortsetzung geschrieben. Aus den Leuten wurden Menschen.

Dora lebt mit ihrem Lebensgefährten Robert in Berlin, als 2020 die Corona-Pandemie ausbricht. Robert ist überzeugt, dass die ergriffenen Maßnahmen helfen, die Pandemie zu bekämpfen. Er geht aber zu weit und wird übergriffig, als er von Dora verlangt, dass sie die Spaziergänge mit ihrer Hündin »Jochen« auf das minimal Nötigste verkürzt. Dora entflieht dieser Beziehung nach Brachen in der Gemeinde Geiwitz im Landkreis Prignitz. Der Roman ist wunderbar leicht zu lesen, auch weil er so mitten in unserer Zeit spielt. Corona, Masken auf, Impfen, »flatten the curve«. Nichts mit Antifa weiterlesen »

Viele Fragen ans Subjekt

geschrieben von Astrid Meier und Tanja Berger

7. Januar 2022

Und kaum Antworten bietet eine Ausstellung über den Holocaust

Die Ausstellung des United States Holocaust Memorial Museum stellt die ganz große Frage: Wie war der Holocaust möglich? Bei ihrer Beantwortung richtet sie sich auf die Subjektivität der Einzelnen. Ausgehend von den »gewöhnlichen Menschen« konzentriert sie sich auf alltägliche Gewalt und persönliche Handlungsoptionen. Welche Beweggründe hatten diese Menschen, ihre Nachbarn zu verraten? Warum schauten sie bei Gewalt gegen Jüdinnen und Juden zu und schritten nicht ein? Wie profitierten sie von der Ausgrenzung und Verfolgung ihrer Nachbarn oder gar ehemaligen Freunde?

Täterschaft und Kollaboration

Die mehr als zwanzig Tafeln widmen sich unterschiedlichen Motiven und verschiedenen Formen von Täterschaft und Kollaboration, aber auch von Hilfestellung oder Widerstand auf Ebene des Individuums und fragen nach den Konflikten, denen sich diese ausgesetzt sahen.

Die Ausstellung arbeitet vorwiegend mit großflächigen Fotografien; eine Vertiefung des Bildmaterials durch die recht kurzen Begleittexte geschieht nur stellenweise. Meist liefern sie beschreibende Informationen zu den Bildinhalten und heben einzelne Akteure hervor, die auch auf den Fotos selbst markiert werden. So wird der Blick gezielt auf zunächst passiv wirkende, abseits stehende Personen gelenkt. Was geht in ihnen vor, was haben sie in diesen Momenten gedacht? Scheinbar Nebensächliches soll anregen, über die Menschen vor und hinter der Kamera nachzudenken. Viele Fragen ans Subjekt weiterlesen »

Potenziale der Kränkung

geschrieben von Harry Friebel

7. Januar 2022

Aus dem Maschinenraum der antifeministischen Bewegungen

Der 35-jährige Theaterregisseur und Autor Tobias Ginsburg hat sich »undercover« in die international vielfach vernetzte Welt der Neuen Rechten begeben und berichtet in seinem Buch über seine Erfahrungen mit Männlichkeitswahn und Frauenhass. Im Vorwort notiert der Investigativjournalist Günter Wallraff zur Männlichkeitsideologie der rechten Szene: Die starre Geschlechterzuweisung »ist der wichtigste gemeinsame Nenner von Menschen, vorwiegend von Männern, deren Ideal eine Gesellschaft der Hierarchisierungen, der Ober- und Unterordnungen und der Ausgrenzungen ist«.

Milieu rechter Männerbünde

Ginsburgs Recherche führte ihn sowohl in das subkulturelle Milieu der rechten Männerbünde und Antifeministen als auch in die Welt des rechtsnationalen politischen Establishments in Deutschland, in den USA und in Polen. In dem – wie Wallraff schreibt – »Höllengang in ein Finsterreich des Männlichkeitswahns« klärt Ginsburg auf über Maskulinismus, Rassismus, Sexismus und Gewaltbereitschaft in einer Gemengelage aus AfD, Burschenschaften, Neuer Rechter und alten Nazis. So als wäre Männlichkeit gleichsam ein natürlicher Titel, der zur Überlegenheit, zur Kontrolle und zu Privilegien berechtigt, reagiert diese subkulturelle Szene angesichts des gesellschaftlichen Wandels und der Frauenemanzipation mit Kränkung, Hass und Gewalt. Der Aufstand dieser Männer mit ihren vorgestrigen Geschlechterbildern richtet sich gegen eine offene Gesellschaft, gegen Frauen und gegen die Demokratie. Potenziale der Kränkung weiterlesen »

Egozentrischer Zeitgeist

geschrieben von Nils Becker

7. Januar 2022

»Von Hitler emanzipieren« will Per Leo die deutsche Erinnerungskultur

Das neue Buch von Per Leo wurde im Spätsommer viel im deutschen Feuilleton diskutiert und gefeiert. Noch nie habe jemand sich getraut, so sehr gegen alle Seiten auszuteilen. Redaktionsmitglieder und Autor*innen der antifa haben das Buch gelesen und sich darüber ausgetauscht, hier eine Zusammenfassung ihres Gesprächs.

Regina: Es ist wichtig, das Buch zu besprechen, weil es in den meisten Rezensionen zu gut weggekommen ist. Es wirkt so, als ob potenzielle Kritiker*innen, die normalerweise Einspruch einlegen würden, vor der Medienwirksamkeit des Per Leo kapitulieren und es eben so hinnehmen. Ich denke, wir sollten uns als VVN mehr an solchen Positionen, die in der Öffentlichkeit für Wirbel sorgen, reiben. Er behandelt die Themen unseres Verbandes und stellt zumindest erhellende Fragen. Wie vermitteln wir die historische Wahrheit über den Holocaust und über den Faschismus? Wie können wir ein nicht-institutionalisiertes und nicht-ritualisiertes Gedenken wach halten in einer Zeit, in der scheinbar unendlich viele Themen um Aufmerksamkeit kämpfen? Wie können wir mit historischem Bewusstsein gegen faschistische Tendenzen heute vorgehen? Und er spricht auch unangenehme Themen an, die wir eher vernachlässigen. Egozentrischer Zeitgeist weiterlesen »

Ein literarisches Mahnmal

geschrieben von Sebastian Schröder

7. Januar 2022

Zur Novelle »Dunkelnacht« von Kirsten Boie

»Wollten ihre Männer nicht gehen lassen, die Weiber!« sagt der Dritte. Die Fleissner Agathe auch nicht! Sie ist schwanger, hat sie gesagt, wir dürfen ihn ihr nicht nehmen! Die Männer lachen.

»Ja mei, da mussten s’ halt mitkommen, die Weiber«, sagt der Führer der Jagdgruppe. »Das nenn ich Liebe!« ruft irgendwer und hebt sein Glas. »Jetzt hängen s’ gemeinsam.«

Faschismus bedeutet unerbittliche und maßlose Gewalt. Diese Gewalt in einem Jugendbuch zu zeigen hat sich Kirsten Boie, die bekannteste und erfolgreichste Kinderbuchautorin im deutschsprachigen Raum (u. a. »Die Kinder vom Möwenweg«, »Ritter Trenk«, »Sommerby«), zur Aufgabe gemacht.

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Nicht neutral

geschrieben von cobratheater.cobra

7. Januar 2022

Gastbeitrag des Kinder- und Jugendtheaters cobratheater.cobra

Wozu Theater? Diese dem Theaterbetrieb wohl innenliegende Frage stellten wir uns angesichts der Bundestagswahl 2017 noch mal neu. Denn knapp sechs Millionen Menschen wählten 94 erklärte Feinde der offenen, pluralen und demokratischen Gesellschaft in das deutsche Parlament. Vor diesem Hintergrund hielten wir, cobratheater.cobra, es für dringend notwendig, uns, auch als professionelle Theatermacher:innen, zu positionieren. Wir wollten die Möglichkeiten des Theaters als Ort, als Arbeitsweise und Kunstform nutzen, als Front, gegen die Bedrohung durch reaktionäre Gewalt, die mit dem Namen AfD nur ungenau beschrieben ist.

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