Der »Balkanfeldzug«

geschrieben von Ulrich Schneider

26. März 2021


Vor 80 Jahren überfiel die Wehrmacht Jugoslawien und Griechenland

Am 6. April 1941 begann die deutsche Wehrmacht die Königreiche Jugoslawien und Griechenland zu überfallen. Der Balkan bildete für den deutschen Imperialismus bei seinem zweiten Griff nach der Weltmacht keine vorrangige Einflussregion. Anders war es für das faschistische Italien unter Mussolini, das die Anrainerstaaten der Adria als seine Einflusszone sah und Ansprüche auf griechische Inseln erhob. Am 28. Oktober 1940 überfielen italienische Truppen auf Befehl Mussolinis Griechenland. In diesen Kämpfen geriet die italienische Armee in die Defensive und musste wenige Wochen nach dem Überfall Teile Albaniens aufgeben. Daher sah die deutsche militärische Führung die Notwendigkeit, vor dem geplanten Überfall auf die Sowjetunion im Frühsommer 1941 die Südflanke militärisch und politisch zu sichern.

Der »Balkanfeldzug« weiterlesen »

Lebendig und offen

geschrieben von Regina Girod

26. März 2021

Antifaschistische Kultur als Anspruch und Aufgabe

Der Kern antifaschistischer Kultur liegt in Werten wie Frieden, Solidarität und sozialer Gerechtigkeit begründet. Sie lebt im Einsatz für Demokratie, Partizipation und gleiche Rechte für alle Menschen. Das gilt, solange es Antifaschismus gibt, also schon seit rund einhundert Jahren. Allerdings sind diese Werte nicht exklusiv bei Antifaschistinnen und Antifaschisten zu finden, sie werden von vielen Menschen geteilt, die sich in verschiedenen Bereichen für ein friedliches und soziales Miteinander engagieren. Auf der Grundlage dieser gemeinsamen Werte sind Bündnisse möglich, deren Mitglieder sich in weltanschaulicher, politischer und kultureller Hinsicht deutlich unterscheiden, letztlich ist ja die VVN-BdA selbst ein solches Bündnis. Das Spezifische am Antifaschismus besteht dabei vor allem in der Konsequenz, mit der der Bedrohung und Zerstörung menschlicher Werte entgegengetreten wird, sie schließt das Zurückstellen persönlicher Interessen dahinter ein. Diese Haltung haben uns Antifaschistinnen und Antifaschisten der vorhergehenden Generationen vorgelebt, wir haben sie übernommen und tragen sie weiter.

Lebendig und offen weiterlesen »

Antifaschistische Kultur und Politik

26. März 2021

antifa-Spezial: Eine aktuelle Lesart aus marxistischer Sicht von Jürgen Horn

Wir haben doch bereits eine …
Wozu der Lärm. Es gibt sie doch bereits. Man sollte darüber beraten, wie man dies alles wirkungsvoller gestalten kann. Vielleicht Kongresse abhalten dazu und auf jeden Fall breiter werden. Die Angebote entwickeln. Stärker in die Öffentlichkeit gehen, unbedingt! Das wär’s dann aber auch. Oder?
Die Frage nach einer antifaschistischen Kunst und Kultur ist meiner Ansicht nach umfangreicher, und sie geht tiefer. Sie hat Voraussetzungen. Sie fängt eigentlich auch vor dem Antifaschismus an.
Sie fängt bei der Frage an, was Kunst und Kultur sind, was sie sein können, was sie bewirken. Sie fängt bei der Auseinandersetzung um Kunst und Kultur an und erst dann kommt sie zum Antifaschismus.

Kunst und Kultur

Was machen Kunst und Kultur eigentlich? Sie vermitteln Erfahrungen. Sie vermitteln ethische und moralische Werte. Sie vermitteln, ein Begriff, der momentan häufig verwendet wird, »Kulturtechniken«. Sie vermitteln Kulturtechniken, die es der oder dem Einzelnen ermöglichen, in Gemeinschaft zu leben und sie oder ihn zu befähigen, an dieser Gemeinschaft teilzuhaben. Und Teilhabe heißt immer auch Gestaltung und Mitgestaltung.
In diesem Sinne vermitteln und praktizieren Kunst und Kultur einfache unmittelbare Menschlichkeit. Und sie ermöglichen damit auch gesellschaftliche Entwicklung. Aber nicht »an sich«. Spätestens seit Peter Weiss und seiner »Ästhetik des Widerstands« wissen wir, dass es eine Kunst und Kultur der Herrschenden gibt und eine der Beherrschten – und die Möglichkeit des Widerstandes. Die Frage steht allgemein, und sie steht immer auch historisch konkret.
Das ist jetzt ganz sicher keine Definition im akademischen Sinne, doch für den Zugang zu der politischen Frage nach einer antifaschistischen Kultur ausreichend.

Die Bedingungen

Wir leben heute in einer Gesellschaft, die der Möglichkeit nach Reichtum in bisher nicht gekanntem Umfang erzeugen könnte. Es ist eine Gesellschaft, die neue Möglichkeiten für die Entfaltung des Individuums bieten könnte. Doch es ist eine Gesellschaft, in der die Verwertungsinteressen der großen, der global operierenden Kapitalgesellschaften dominieren. Wo Reichtum sein könnte, werden Mensch und Natur vernutzt. Wo reproduziert werden müsste, wird produzierend verbraucht: Mensch wird verbraucht, Natur wird verbraucht, Kultur wird verbraucht, Zivilisation wird verbraucht.
Für immer mehr Menschen verlieren Kultur und Zivilisation ihren Wert, weil sie sich in einer Situation sehen, in der sie daran nicht mehr teilhaben können. Statt Individualität zu ermöglichen, wird zunehmend eine gesichtslose, benutzbare Masse produziert.
Wie Brecht im Galilei sagt: »Wie es nun steht, ist das Höchste, was man erhoffen kann, ein Geschlecht erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können. (…) Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein. Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages so groß werden, dass euer Jubelschrei über irgendeine neue Errungenschaft von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte.«
Um genau das abzusichern braucht das heutige Kapital rechte Massenbewegungen, atomisierte organisierte Zwerge. Und genau für diese Massenbewegungen stellt eine an einer einfachen Menschlichkeit orientierte Kultur eine Gefahr dar. Es geht heute um nicht weniger als um Erhalt oder Verlust menschlicher Zivilisation.
Dabei stehen diesen rechten Akteuren Kunst und Kultur mit ihrer menschlichen, mit ihrer zivilisatorischen Grundsubstanz im Wege. Schon die deutschen Faschisten haben das gewusst und auch geschrieben. So auch Hanns Johst, ab 1935 Präsident der Reichsschrifttumskammer, in einem Hitler gewidmeten Theaterstück.
»Stacheldraht ist Stacheldraht (heißt es dort). Da weiß ich, woran ich bin … Keine Rose ohne Dornen! … Und zu allerletzt laß ich Ideen mir auf den Leib rücken! Den Kram kenne ich von 18… Brüderlichkeit, Gleichheit … Freiheit … Schönheit und Würde! Mit Speck fängt man Mäuse. Auf einmal, mitten im Parlieren: Hände hoch! Du bist entwaffnet … Wenn ich Kultur höre … entsichere ich meinen Browning!«

Gefahren und Chancen

Nie war mehr Möglichkeit an Menschlichkeit als heute, nie war sie stärker bedroht als jetzt. Monopolprofite werden immer stärker jenseits aller bisherigen zivilisatorischen Normen und Regeln erzeugt. Unmittelbare Gewalt wird zur Sicherung des Ganzen immer alltäglicher. Permanente Rechtsentwicklung, Meditationen in »seriösen« Medien darüber, dass »totalitäre« Regime auf die aktuellen Herausforderungen besser eingestellt seien, die Etablierung rechter Massenbewegungen … all das nimmt zu.
Und Hanns Jost, der da eben mit der Pistole herumgefuchtelt hat, sagt auch, wovor sie dabei Angst haben: Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit, Schönheit und Würde. Das sind Werte, Normen, Orientierungen, die mit diesen Absichten und die mit rechten Bewegungen nicht zusammengehen. Das ist in einem erweiterten Sinne Walter Benjamin: Eine Kultur, die der Faschismus nicht benutzen kann.
Darin liegt auch das Dilemma der Monopolkapitalisten. Für die Entwicklung menschlicher Kräfte als Produktivkraft braucht man heute kreative flexible Persönlichkeiten. Solche Produktivkraft entspricht der eines Riesen. Aber sie brauchen ihn nicht als Riesen. Sie brauchen diesen Riesen als Zwerg, wie schon Brecht wusste.
Vor dem Riesen, ausgerüstet mit Werten und Idealen wie Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit, Schönheit und Würde, haben sie Angst. Dies weist deutlich über das Monopolzeitalter hinaus.
Vor dem Hintergrund der gewaltigen Kräfte, die der Mensch für sich inzwischen entwickelt hat, liegen hier auch Notwendigkeit und Chance, all dies in einem neuen Typ von Individuum zu bündeln und sich der Rechtsentwicklung organisiert entgegenzustellen – anti-faschistisch eben. Ein Feld von realer, ein Feld von realisierbarer Utopie. Auch das Walter Benjamin: »Es ist von jeher eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst gewesen, eine Nachfrage zu erzeugen, für deren volle Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist.« Und Kunst und Kultur sind in diesem Zusammenhang ein ganz wesentliches Feld, auf dem diese Auseinandersetzung stattfinden muss und zu organisieren ist.

Antifaschistische Kultur – Bereich oder Aspekt?

Jetzt kann man sagen: In Ordnung, das haben wir aber schon. Denkmäler und Statuen, Antifaschistinnenchöre, die Lieder von Ernst Busch singen, Bücher und Theaterstücke über antifaschistischen Widerstand, Rituale der Erinnerung und des Gedenkens, das Niederlegen von Kränzen, Arbeiterkunst … Und antifaschistische Kulturpolitik wäre dann eine, die darauf orientiert – das müssen wir einfach verstärken.
Diese Sicht ist klar und einfach – und leider unvollständig. Denn wenn das so ist, dann wäre antifaschistische Kunst und Kultur ein besonderer Bereich von Kunst und Kultur überhaupt. Einer, getrennt von anderem. Und darin liegt eine Gefahr, denn genau das würde am Thema vorbeigehen. Die aktuelle Auseinandersetzung ist umfassender, tiefer und prinzipieller. Was mit Rechtsentwicklung kollidiert, das ist generell der Anspruch einfacher unmittelbarer Menschlichkeit und dies nicht in einem besonderen Sektor ihrer Existenz, sondern überhaupt.
Und in dieser Auseinandersetzung unter Bedingungen, in denen allein die einfache Menschlichkeit zunehmend bedroht ist, wird der Widerstand dagegen zu einem allgemeinen Aspekt von Kunst und Kultur überhaupt. Er gehört dazu, so wie der Deichbau an der Nordsee zur Landwirtschaft gehört, weil diese immer nur im Bewusstsein der ständigen Gefahr einer Flut überhaupt möglich ist. Nur, dass Faschismus eben nichts Naturgegebenes ist, auf das man sich halt einstellen muss, wie auf das Hochwasser an der Nordsee. Man kann, man muss dagegen kämpfen, um menschlich leben zu können.
Darin besteht dann auch so etwas wie das Quadrat antifaschistischer Kunst und Kultur. Auf der einen Seite steht das Bemühen um die Verwirklichung der in Kunst und Kultur angelegten Möglichkeiten einfacher Menschlichkeit. Dieses impliziert schon den Widerstand gegen alle inhumanen Tendenzen. Gleichzeitig richtet sie sich gegen die derzeitige im Herrschaftsinteresse praktizierte Benutzung von Kunst und Kultur als Träger rechter Entwicklung. Doch sie ist außerdem auch ein Mittel für die zukunftsoffene Freisetzung der in der Gegenwart angelegten Potenziale der weiteren zivilisatorischen reproduktiven Entwicklung des Menschen in der Natur und nicht gegen diese.
Das heißt aber nicht, dass Denkmäler und Statuen, Antifaschistinnenchöre, Bücher, Theaterstücke und Erinnerungsrituale ihren Sinn und ihre Bedeutung verlieren. Im Gegenteil. Die Auseinandersetzung um den politischen Raum und um die Öffentlichkeit braucht solche Kristallisationspunkte.
Doch die Frage ist, wer auf diese Demonstrationen geht. Wer singt im Ernst-Busch-Chor? Wer blockiert die Aufmärsche der AfD? All das ist mit einem Feiertagsantifaschismus, wie ihn manche Politikerinnen und Politiker pflegen, nicht zu haben. Es ist ja nicht so, dass jemand eines schönen Morgens aufwacht und für sich beschließt, er müsse jetzt etwas tun gegen Rechtsentwicklung und Rassismus. Wer sich dafür entscheidet, tut dies aus einem in seinem täglichen Leben erlebten Konflikt heraus. Die Möglichkeit eines wirksamen Antifaschismus verankert sich im Alltäglichen. Hier entstehen die ersten Barrieren gegen den rechten Zeitgeist.
In genau dieser Auseinandersetzung werden Kunst und Kultur allgemein und überhaupt antifaschistisch – oder nicht.
Schon die Vorbereitung der Antifademo hat ihre kulturellen Voraussetzung, in der Werte, Normen und Orientierungen ausgetauscht worden sind, damit Leute überhaupt die Mühe auf sich nehmen, zu den Vorbereitungstreffen zu kommen. Es geht letztlich darum, antifaschistische Werte genau dort zu »kultivieren«, wo der Zeitgeist versucht, sie auszutreiben: im Alltag. Kultur kommt eben nicht ohne Grund ganz im Anfang von cultura (»Bebauung, Bearbeitung, Bestellung, Pflege«).
Ein paar Beispiele aus meinem Erfahrungsbereich: Da ist die Bibliothek, die ihre Bücher und ihre Räume anbietet, damit Kinder Schularbeiten machen können und sie dafür aus der räumlichen Enge ihrer Elternwohnungen herausholt – und vielleicht auch aus einer kulturellen Enge. Da ist das Antiquariat, das für Kinder aus Familien mit wenig Geld kostenlose Bücherpakete zusammenstellt. Da ist die Obdachloseneinrichtung, die sich nicht nur als ein Ort versteht, an dem Obdachlosen, Menschen mit wenig Geld, Geflüchteten die Möglichkeiten von Kunst und Kultur geboten werden, von denen sie in der »offiziellen« Gesellschaft gewöhnlich ausgeschlossen sind, sondern als einer, in dem das alles gemeinsam mit »Normalos« stattfindet. Da ist das Straßenfest, das sich über Jahrzehnte hinweg als Straßenfest der Anwohner erhalten hat und nicht zu einer Sauf- und Ramschmeile verkommen ist. Wahrscheinlich kennt jeder und jede ähnliche Beispiele. Würde man sie alle auflisten, könnte man vermutlich Bücher damit füllen. Vielleicht sollte man das auch. Auf jeden Fall aber sollte man diese Erfahrungen verallgemeinern, über sie reden und Möglichkeiten organisieren, in denen dies stattfinden kann. Eine elementare Aufgabe für Antifaschistinnen und Antifaschisten.
Kunst und Kultur sind ihrer Herkunft und ihrem Wesen nach eigentlich immer sozial. Sie können auch gegen dieses Wesentliche benutzt werden; doch prinzipiell tragen sie immer die Möglichkeit einer allgemeinen, einer elementaren Menschlichkeit in sich. Wenn sie sich der Verwirklichung dieser Möglichkeit verpflichtet fühlen, sind sie es unter den heutigen Bedingungen nur im Widerspruch zur Gefährdung dieses Anspruchs – und damit antifaschistisch. Das Spannende daran ist, dass sich die Akteure darüber unter Umständen gar nicht so sehr im Klaren sein müssen. Werden sie sich dessen aber bewusst, können sie noch wirksamer sein.
Das zu vermitteln, im Herausgehobenen der Aktion, wie auch im Alltäglichen, wäre in meinem Verständnis die aktuelle Herausforderung für eine antifaschistische Kulturpolitik.

Jürgen Horn absolvierte in den 70er Jahren ein Studium der marxistisch-leninistischen Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Heute leitet er eine Einrichtung der Obdachlosenarbeit der ev. Kirchengemeinde Heilig-Kreuz-Passion in Berlin-Kreuzberg

»Ohne jeden Vorbehalt …«

geschrieben von Manfred Weißbecker

23. März 2021

Thüringen 1930 als regionales Experimentierfeld faschistischer Machtausübung

Bei den Landtagswahlen vom 8. Dezember 1929 hatte die NSDAP in Thüringen ihren Stimmenanteil von 4,5 auf 11,3 Prozent erhöhen können, während die bürgerlichen Parteien Verluste bis zu 16 Prozent hinnehmen mussten. Letztere verfügten im neuen Landesparlament über 23 Mandate, die beiden Arbeiterparteien SPD und KPD über 24. Angesichts dieser Pattsituation sahen die Konservativen angeblich keine andere Möglichkeit, als eine Koalition mit den sechs faschistischen Abgeordneten einzugehen. So kam es am 23. Januar 1930 erstmals in Deutschland zu einer Landesregierung, in der Wilhelm Frick – ein Putschist aus dem Jahr 1923 – den wichtigen Posten eines Innen- und Volksbildungsministers übernehmen und bis April 1931 ausüben durfte. Ideen und Konzepte der Nazis lagen anderen Parteien offensichtlich näher als jede Aktion zur Verteidigung der Weimarer Demokratie und zur Abwehr rassistischer Politik. Ein »Modell der Machtergreifung« war entstanden, Thüringen zu einem regionalen Experimentierfeld faschistischer Machtausübung geworden, bei der auch ein »Ermächtigungsgesetz« – angenommen am 29. März 1930 – nicht fehlte.

»Ohne jeden Vorbehalt …« weiterlesen »

Übertragbar

geschrieben von Luisa Bömer

23. März 2021

Ein 40-Punkte-Plan gegen Neonazis in den USA hilft auch deutschen Antifas

Die faschistische Bewegung in den USA erreichte zuletzt eine neue Qualität: Der »Sturm auf das Kapitol« offenbarte den Aufschwung von Neonazis unter Donald Trump. Doch auch Antifaschist:innen in den USA organisieren sich seit 2017 verstärkt und leisten Gegenwehr. Eine Bewegung, die vorher nur einige hundert Anhänger:innen zählte und sich auf direkte Aktionen gegen Neonazis fokussierte, ist zu einer Massenbewegung und einem politischen Faktor geworden.

Nicht nur wegen der wechselseitigen Bezüge von Neonazis in den USA und Deutschland – im Hinblick auf Alt-Right, QAnon oder auch das Stürmen von Parlamentsgebäuden – lohnt sich daher ein Blick über den Nordatlantik. Denn von den Antifas in den USA lässt sich einiges lernen. Und so hat auch das Antifaschistische Infoblatt (AIB) zuletzt ein Heft mit dem Themenschwerpunkt »United States Antifa« herausgegeben und eine Broschüre mit dem Titel »40 Dinge Faschismus zu bekämpfen« beigelegt. Hierbei handelt es sich um ein Gemeinschaftsprojekt von Spencer Sunshine, einem Forscher und Aktivisten gegen die extreme Rechte in den USA, sowie PopMob, einer Gruppe aus Portland gegen die Alt-Right. In Listenform werden in dem handlichen Heft 40 Möglichkeiten, gegen Nazis aktiv zu werden, jeweils mit kurzen Erläuterungen vorgestellt. Dabei wird in Themenkomplexe untergliedert wie »Los gehts« zur Gründung einer Gruppe und den Basics, »Werdet aktiv« mit Aktionsformen vom Überkleben von Nazipropaganda über Mobilisierung gegen rechte Infrastrukturen bis zu Ausstiegshilfen für Neonazis.

Übertragbar weiterlesen »

Neofaschismus in den USA

geschrieben von Ulrich Schneider

23. März 2021


Aufschwung rechter Militanz durch den Trumpismus

Anfang Januar gingen die Bilder vom »Sturm auf das Kapitol« in Washington um die Welt. Bis heute ist nicht klar, welche Unterstützung diese bewaffneten Randalierer durch den hauseigenen Wachdienst oder Senatoren hatten. Während viele Medien vor allem skurrile Typen wie den »Schamanen« mit den Stierhörnern zeigten, war nicht zu übersehen, dass sich unter den Eindringlingen viele Neonazis, die in der Zeit der Trump-Regierung einen deutliche Aufschwung genommen hatten, befanden. Wie eine Untersuchung zeigte, kamen die Randalierer aus allen Teilen der USA, um mit diesem »Sturm auf das Kapitol« ihren Machtanspruch öffentlich zu dokumentieren. Im Sinne von Trumps Propaganda kämpften sie gegen den »gestohlenen Wahlsieg« und sahen sich als »Vollstrecker« des Volkswillens.

Neofaschismus in den USA weiterlesen »

Jahrelange Kämpfe

22. März 2021

, ,

Ein neues Buch erinnert an die von den Nazis verfolgten sexuellen Minderheiten

„Ein aufrichtiges und umfassendes Erinnern an die homosexuellen Frauen und Männer, die damals litten und starben, fehlt noch immer und ist dringend nötig – sowohl im Deutschen Bundestag am Holocaust-Gedenktag als auch in der Gedenkstätte Auschwitz.“ Dieses Geleitwort gibt die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano dem kürzlich erschienenen Buch „Erinnern in Auschwitz – auch an sexuelle Minderheiten“ mit und ruft damit eingangs die enorme politische Dimension dieses Buches auf.

Die unsägliche Kontinuitätsgeschichte der Verfolgung homosexueller Männer in der Bundesrepublik – so galt der Paragraph 175 des Strafgesetzbuches in seiner 1935 von den Nazis verschärften Fassung bis 1969 fort –, das Verhindern ihrer Anerkennung als Opfer des Faschismus in der DDR
mögen Geschichte sein, Feindlichkeit gegenüber LGBTIQ* (engl. Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Intersexual, Queer, dt. lesbisch, schwul, bisexuell,
trans, inter, queer) ist es mitnichten.

In Polen ist sie aktuell gar staatstragend. So bezeichnete der polnische Außenminister Zbigniew Rau in einem Facebook-Post die „LGBT-Ideologie“ als „eine Zivilisation des Todes“. Hinzu kommen Schiefagen in der Forschung, die der Band antritt auszuräumen: „Mit dieser Publikation können bestimmte historische Fakten nicht mehr ignoriert oder gar geleugnet werden“, schreiben die Herausgeberinnen einleitend.

Während in den meisten KZ-Gedenkstätten in Deutschland und Österreich zum Teil erst nach jahrelangen Kämpfen begonnen wurde, auch an das Leid homosexueller Opfer zu erinnern, „gibt es dazu im Staatlichen Museum Auschwitz noch immer, zumindest öffentlich zugänglich, nichts“. Homosexuelle Menschen waren in den KZ nicht nur mit einer krassen Homophobie seitens der SS, sondern auch von ihren Mithäftlingen konfrontiert.

Mehrere Beiträge gehen auf die extrem negative Darstellung von weiblicher Homosexualität in der Erinnerungsliteratur ehemaliger Häftlinge ein und zeigen, dass die von der SS vorgenommene Gleichsetzung von Lesbisch-Sein mit vermeintlicher „Asozialität“ von vielen Häftlingen geteilt wurde. Die langen, zum Teil regelrecht literarischen Darstellungen, in denen lesbische Frauen als „Bestien“ gezeichnet werden, weibliche Homosexualität als „Seuche“ verteufelt wird, sind bestürzend.

In polnischen Berichten bekommt diese vermeintliche Krankheit zudem einen nationalen Charakter, wie Joanna Ostrowska in ihrem Beitrag zeigt: Häufg werde behauptet, es seien die deutschen Funktionshäftlinge gewesen, die diese ›eingeschleppt‹ hätten, um die ›reinen‹ Polinnen damit anzustecken. Die vorgenommene Gleichsetzung ›des brutalen deutschen Funktionshäftlings‹ mit ›der lesbischen Frau‹ lässt keinen Raum für gewaltlose, freiwillige Beziehungen.

Einige wenige Häftlingsberichte zeigen jedoch, dass es durchaus auch möglich war, anders, empathisch, gar liebevoll über lesbische Beziehungen zu schreiben. Am Ende des Buchs werden erstmals biographische Informationen zu 137 Rosa-Winkel-Häftlingen in Auschwitz zusammengetragen. Im Buchteil Einzelschicksale bekommen die Opfer noch mehr Kontur, beispielsweise Fredy Hirsch, der sich für seine jugendlichen Mithäftlinge im Ghetto Theresienstadt und später im »Theresienstädter Familienlager« in Auschwitz einsetzte.

Dass Fredy Hirsch einen Mann liebte, wurde lange Zeit in der offziellen Erinnerung verschwiegen und erst von Anna Hájková wieder sichtbar gemacht (Tagesspiegel, 30.8.2018). Den unterschiedlichen Logiken zur Verfolgung homosexueller Männer und Frauen, Transsexueller und weiterer sexueller und geschlechtlicher Minderheiten setzen die Herausgeberinnen die Selbstdefnition der Betroffenen entgegen. Wenngleich weibliche Homosexualität kein Inhaftierungsgrund war, so mussten Frauen
für ihr Begehren doch in den Lagern leiden.

Insa Eschebach, bis vor kurzem Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück, problematisiert in ihrem Beitrag über die seit Jahren andauernde Debatte um eine »Gedenkkugel« für die lesbischen Frauen im KZ Ravensbrück, den »im Grunde demütigenden Begründungszwang«, dass dieser Frauen gedacht werden darf.

Der aktivistische Hintergrund der Autor*innen wird in vielen der 20 Beiträge sichtbar, etwa jenem von Mariusz Kurc. Ihm geht es bei der Auseinandersetzung mit der Verfolgung von queeren Menschen im Nationalsozialismus „immer auch um heute“. Das gegenwärtige homophobe Klima in Polen mache es, Lutz van Dijk zufolge, jedoch nicht attraktiv, sich mit diesen Menschen zu beschäftigen: „So entstand die Idee, zu diesem Buch“, das im kommenden Jahr auch auf Polnisch erscheinen wird. Dann jährt sich die Einführung des Paragraphen 175 zum 150. Mal: ein passender Anlass, die homosexuellen Opfer des NS endlich auch am 27. Januar im Bundestag zu würdigen.

Nils Weigt

Das Unsagbare schreiben

geschrieben von Axel Holz

20. März 2021


Zeitzeugenbericht vom Völkermord an den Armeniern 1915/16

Erstmals in deutscher Sprache ist 2020 der Zeitzeugenbericht der Armenierin Arshaluys Mardigian über den Völkermord an den Armeniern in der Türkei erschienen. Er trägt den Titel »… meine Seele sterben lassen, damit mein Körper weiterleben kann«.

Die Vierzehnjährige hatte ein ausgezeichnetes Zeugnis der Mesropyan-Schule erhalten und wollte zum amerikanischen College in Marsovan wechseln, als am Ostersonntag 1915 plötzlich die von den Jungtürken geplanten Hausarreste und Massaker begannen. Die Autorin verliert zuerst ihren Vater, ihren Bruder Poghos und nach endlosen Todesmärschen fast alle ihre Familienmitglieder, die teilweise vor ihren Augen ermordet werden. Auf ihrem Leidensweg wird sie Zeugin unglaublicher Verbrechen an Erwachsenen und Kindern, deren Schilderung für den Leser nur schwer zu ertragen ist. Während die armenischen Männer oftmals gleich ermordet werden, geraten viele Frauen in die Sklaverei, werden nach dem erzwungenen Übertritt zum Islam in muslimischen Familien verheiratet oder der Prostitution ausgeliefert.

Das Unsagbare schreiben weiterlesen »

Hoppla, wir leben!

geschrieben von Tanja Berger

20. März 2021

Das Politische Theater des Erwin Piscator

Vor 55 Jahren, am 30. März 1966, starb Erwin Pis-cator, der mit seinen letzten Inszenierungen an der Freien Volksbühne in Westberlin eine Auseinandersetzung mit den Naziverbrechen einforderte. Schon in den 20er Jahren prägte er als experimentierfreudiger Avantgardist die Theaterlandschaft und wurde als Vorläufer des epischen Theaters, als Verfasser der Schrift »Das Politische Theater« sowie durch spektakuläre Inszenierungen mit filmischen Projektionen, diversen technischen Apparaturen und innovativen Bühnenbauten bekannt.

Nach seiner Schauspielausbildung wurde der 1893 geborene Piscator zum Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg eingezogen. Lag ihm schon zu Beginn jede nationale Begeisterung fern, prägten die Kriegserfahrungen in ihm ein pazifistisches und sozialistisches Weltbild aus.

Hoppla, wir leben! weiterlesen »

»Diese drei von vier!«

20. März 2021

Ben Salomo zu Judentum und seiner 1.700jährigen Geschichte hierzulande

antifa: Vielerorts sind 1.700 Jahre jüdisches Leben auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands derzeit Anlass für eine Reihe von Veranstaltungen. Wie ist Dein persönlicher Blick darauf?

Ben Salomo: Der Nachname meiner Familie, Kalmanovich, verweist auf die Kalonymiden, eine alte jüdische Familiendynastie, die schon vor 1.000 Jahren bei Worms, Mainz und Speyer ansässig war. Für mich ist es also nichts Neues, dass Juden in diesen Breitengraden lebten und leben. Das Jubiläumsjahr ist bei mir eines mit gemischten Gefühlen. Vielen ist die Versuchung nah, so zu tun, als sei 1.700 Jahre alles harmonisch und in Ordnung gewesen, bis auf die sechs Jahre der Schoah. Doch genauso, wie die Kontinuität der Juden in Europa und in Deutschland dokumentiert ist, so ist auch die des Antisemitismus, der Pogrome, der Morde, der Vertreibungen 1.700 Jahre lang traurige Realität. Die Zeugnisse meiner Familie und ihre Flucht bis nach Rumänien zeigen dies ebenfalls.

»Diese drei von vier!« weiterlesen »

Ältere Nachrichten · Neuere Nachrichten