Es ist kein Zufall, wer eine Fernsehsendung moderiert, auf der Bestsellerliste steht oder wessen Stimme in einer Talkshow gehört wird. Die Auswahl wurde von Menschen getroffen, der Marktwert abgeschätzt, Netzwerkkontakte haben diese Entscheidungen befördert, der Mensch und sein Produkt müssen zu dem Konzept passen. Im kulturellen Raum Deutschlands sind mehrheitlich weiße Menschen zu sehen, vor allem Männer. Es werden sexistische Witze erzählt, antisemitische Mythen weitergegeben und rassistische Dialoge geführt. Schauen wir uns die Geschlechterverteilung an: Moderator*innen und Journalist*innen sowie Expert*innen in TV-Informationssendungen sind zu 80 Prozent männlich. Ein Drittel der Programme im Fernsehen kommt laut der Studie »Audiovisuelle Diversität« der Universität Rostock ganz ohne Protagonistinnen aus.
Max Czolleks zweiter Essayband trägt den kurzen aber komplexen Titel »Gegenwartsbewältigung«. Czollek, geboren 1987, legt hier folgend auf seinen Bestseller »Desintegriert Euch!« (2018) ein weiteres Plädoyer für ein Um- und Neudenken der deutschen Gesellschaft vor.
Czollek ist jüdischer Publizist, Lyriker und Politikwissenschaftler. In seinen Büchern ist er vor allem eins: wütend. Wütend auf ein Deutschland, das er in seinem polemischen Aufruf Desintegriert Euch! als ein Land beschreibt, das erfolgreich seine eigene Geschichte verdrängt oder sich für diese sogar anerkennend auf die Schulter klopft. Ein Land, das dabei für sein Gedächtnistheater die lebendigen und toten Juden benutzt. Wütend auf alle, die das mitmachen.
Sammelband zu deutschen Verbrechen in Polen und der Sowjetunion
Neben dem Holocaust war der Ausrottungs- und Vernichtungskrieg der Wehrmacht das übelste Kapitel in der deutschen Geschichte. Die Frage, wie mit der NS-Vergangenheit umzugehen sei, war in der »alten« Bundesrepublik stets heftig umstritten. Schon bald nach Kriegsende wurde die Forderung laut, endlich einen »Schlussstrich« unter die politische und strafrechtliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zu ziehen. Jahrzehnte später gelangte Jürgen Habermas zu der Einsicht: »Je mehr die Bosheit zunimmt, um so stärker ist offenbar die Nötigung, das Verschuldete zu verdrängen.« Zu dieser wirkungsmächtigen Verdrängungsstrategie gehörte die Legende von der sauberen Wehrmacht. Mit der Eröffnung der Wehrmachtsausstellung wurde ab 1995 diese Legende zerstört, obwohl Veteranen der Wehrmacht dagegen aufmarschierten und der damalige Bundesminister der Verteidigung, Volker Rühe (CDU), den Soldaten der Bundeswehr jeden Kontakt mit der Ausstellung verbot. Dennoch kam es im Gefolge der Ausstellung zu einem Umdenken in der Traditionspflege. Anstößen aus der Zivilgesellschaft war es zu verdanken, dass Kasernen, die Kriegshelden der Wehrmacht (u.a. Dietl, Kübler, Mölders) öffentlich ehrten, widerwillig umbenannt wurden.
Die Historikerin Claudia Weber von der Viadrina-Universität Frankfurt/Oder hat 80 Jahre nach dem Nichtangriffspakt zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion ein neues Buch über die umstrittene Vereinbarung vorgelegt. In einer Video-Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung nannte sie das Vertragswerk ein europäisches Ereignis. Dieser Blick ist neu, ebenso wie der Bezug zur Kontinuität erfolgreicher wirtschaftlicher Beziehungen beider Länder seit dem Rapallo-Vertag 1922 und den detaillierten Informationen über die Organisation des Bevölkerungsaustausches nach der Besetzung Polens durch Deutschland und die Sowjetunion.
Aus dem Aufruf zum bundesweiten Aktionstag am 5. Dezember
Das Gespenst des Kalten Krieges ist zurück. Die Welt wird zu einer zerbrechlichen Einheit. Der Nationalismus breitet sich aus. Soziale Ungleichheiten spitzen sich zu. Die globale Klimakrise bedroht die Menschheit. Kriege und Naturzerstörung sind entscheidende Gründe für Flucht und Vertreibung. Die Corona-Pandemie ist ein Beleg dafür, dass die sozialen und ökologischen Schutzschichten des menschlichen Lebens dünn geworden sind. Das 21. Jahrhundert wird entweder ein Jahrhundert neuer Gewalt oder ein Jahrhundert des nachhaltigen Friedens. Darüber entscheiden wir heute. Wir brauchen zivile Antworten, bei uns, in Europa und weltweit.
Ein Vergleich US-amerikanischer und deutscher Erfahrungen
Unter dem provokanten Titel »Von den Deutschen lernen« hat sich die US-amerikanische Philosophin Susan Neiman der Frage gestellt, »wie Gesellschaften mit dem Bösen in ihrer Geschichte umgehen können«. Herausgekommen ist ein 600 Seiten starkes Buch, das Ende letzten Jahres auf Englisch und nun auch in deutscher Übersetzung bei Hanser erschienen ist. Titel und Untertitel dürften dem Verkaufserfolg des Buches hierzulande kaum zuträglich sein, mich jedenfalls hat die Kategorie des »Bösen in der Geschichte« genauso irritiert wie die Idee, dass in dieser Frage etwas von den Deutschen zu lernen sei. Zum Glück habe ich mich davon nicht abhalten lassen und konnte mich schnell auf die interessanten und streitbaren Ansichten der Autorin einlassen. Sie behandelt Fragen, vor denen auch Antifaschistinnen und Antifaschisten immer wieder stehen: Kann man überhaupt aus der Geschichte lernen? Ist das mehr ein gesellschaftspolitischer oder ein psychologischer Prozess? Welche Rolle spielen die politischen Bedingungen?
Dokumentation über ein Jugendprojekt in Buchenwald
Contemporary Past – das erste Regieprojekt von Kamil Majchrzak (VVN-BdA Berlin) ist ein dokumentarischer Essay, der nicht nur die Frage nach der ewigen Bewahrung des Erinnerns an den Holocaust stellt, sondern gleichzeitig auch ein Hinterfragen der sogenannten deutschen Erinnerungskultur ist. Beides wird möglich, indem
22 Schüler_innen aus Rumänien, Polen und Deutschland filmisch begleitet werden, wie sie die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald besuchen. Ihre Motive, an der Reise teilzunehmen, sind ganz unterschiedlich. Einigen geht es anfänglich bloß darum, eine gute Zeit weg von Zuhause zu haben. Andere sind in ihrer Schule bereits Teil einer Gruppe, die versucht, über die Diskriminierung von Sinti_zze und Rom_nja in Rumänien aufzuklären. Gemeinsam nähern sie sich der Geschichte Buchenwalds an. Auch, indem sie zu einzelnen Ermordeten persönliche Daten recherchieren und mit diesen Informationen Fundstücke kategorisieren oder Gedenksteine beschriften. Den Rahmen der Dokumentation bilden so das Erleben und persönliche Entwickeln der Schüler_innen.
Babsi Tollwut über ihre Musik, frei haben vom Patriarchat und ihren Weg in die VVN-BdA
antifa: Wie bist Du zur Musik und Politik gekommen?
Babsi Tollwut: Schon seit ich denken kann, stoßen mir Ungerechtigkeiten übel auf. Aufgewachsen bin ich in einem bayrischen Dorf, die nächstgrößere Stadt ist Coburg. Dort findet alljährlich ein Treffen von rechten, studentischen Verbindungen, der Coburger Convent, statt. Über den Widerstand dagegen bin ich politisiert worden und habe mich dann in Antifagruppen organisiert. Teile meiner Familie kommen aus Bayern, andere aus Berlin. Schnell wurde mir bewusst, dass es in Berlin chilliger ist und dass ich hier nicht so auffalle. Auch weil meine Eltern eher links sind, galten wir in Bayern immer als Freaks. 2009 zog ich nach Berlin.
Schon als fünfjähriges Kind war ich von Rap angetan, habe mir Instrumente spielen beigebracht und singe gern. Relativ früh kam Texte schreiben dazu, etwa mit neun oder zehn. Bühnenauftritte gab es erst viel später. Es fehlte einfach die Vorstellung dazu, obwohl ich in Bayern viel mit Menschen herumgehangen habe, die Mucke gemacht haben. Diese Kreise waren jedoch stark männlich dominiert, die Punkbands beispielsweise. Auch jene, die sich zum Jammen oder Freestylen getroffen haben, waren alles Typen. Da war kein Platz für eine wie mich. Erst als ich in Berlin war, wurde mir durch Konzerte oder Straßenfeste bewusst, dass auch Frauen rappen, und ich dachte: Wow!
In der November/Dezember-Ausgabe geht es um Gemeinnützigkeit, Querdenker, das Attentat auf das Münchner Oktoberfest und vieles mehr
»Antifaschist*innen helfen, wenn der Staat versagt«, mahnte der Neuköllner Politiker Ferat Kocak auf unserer Kundgebung in Berlin, die – wieder einmal – unserer Gemeinnützigkeit galt (Seite 3).
Doch die staatlichen Versäumnisse gegen Rechts reißen nicht ab, trotz später Läuterung in einigen Fällen. Auch in dieser Ausgabe lassen sich wieder große und kleine Beispiele der Verharmlosung, der Vertuschung und der nicht getroffenen Konsequenzen gegen faschistische und rassistische Angriffe und Gruppierungen nachlesen (Seiten 4, 7, 10).
40 Jahre der unermüdlichen Gegenöffentlichkeit brauchte es, damit die bayerische Landesregierung nun Versäumnisse bei der Aufklärung des Attentats auf das Münchner Oktoberfest 1980 zugab (Seite 11).
Und noch etwas ist neu: Nach unzähligen Angriffen gegen Roma, erkannte im September ein Gericht erstmalig Antiziganismus als Tatmotiv für einen Brandanschlag an (Seite 8).
Es ändert sich also doch etwas. Das ist auch der Thematisierung antifaschistischer Arbeit in der Massenkultur und neuen ansprechenden Formaten der Bildungsarbeit (Seite 30) zu verdanken.
Das Antifa-Drama »Und morgen die ganze Welt« ist beispielsweise nominiert für den Oscar in der Kategorie bester internationaler Film. ProSieben hat eine beachtliche Dokumentation zur Verfasstheit des Rechtsextremismus vorgelegt und einem Millionenpublikum näher gebracht (Interview mit dem Macher auf Seite 5).
Kultur ist ein jeher umkämpftes Terrain. Wir diskutieren anhand der Kabarettistin Lisa Eckhart die Strategie, mit antisemitischen und chauvinistischen Statements Aufmerksamkeit zu erzeugen und sich bei Kritik hinter der Meinungsfreiheit zu verstecken (Seiten 24, 25).
Und auch die Corona-Pandemie lässt uns thematisch nicht los. Wir widmen das Spezial diesmal dem spirituellen Corona-Verständnis und germanischen Glaubenswelten, die sich auf den Demonstrationen gegen den Infektionsschutz und die staatlichen Eindämmungsmaßnahmen zeigen (Seite 13 – 16).
Es gibt noch viel zu tun. Einen Ansatz dazu, wie und mit welchen Prämissen die Gegenwart zu bewältigen ist, stellen wir auf Seite 26 vor.
Gastbeitrag von Martina Renner zu Drohbriefen des NSU 2.0
Seit 2018 erhalten vornehmlich Frauen, die in der Öffentlichkeit Position gegen die extreme Rechte beziehen, Drohbriefe, die mit NSU 2.0 unterzeichnet sind. Nun ist es für Menschen, die sich gegen Neonazis engagieren, leider nicht ungewöhnlich, von eben diesen bedroht zu werden. Diese Bedrohung hat unterschiedliche Facetten. Sie betrifft Antifaschist*innen, deren tägliche Wege von der Gefahr rechter Übergriffe geprägt sind oder Mitarbeiter*innen von Beratungsprojekten gegen Rechtsextremismus, die öffentlich von Rechten als Ziele markiert werden. Sie betrifft Lokalpolitiker*innen oder Journalist*innen, die in ihrer Arbeit bedroht und behindert werden, und sie betrifft Menschen, die sich öffentlich gegen Rassismus und Rechtsextremismus engagieren. Das Problem hat Struktur weiterlesen »