Ein Kabinettsausschuss

geschrieben von Axel Holz

23. August 2020

Im neuen Ausschuss, der nach dem Terroranschlag von Hanau von mehreren Bundesministern und der Integrationsbeauftragten gebildet wurde, soll der Gewalt von rechts nun endlich wirksam begegnet werden. Dazu wurde der Bundesregierung ein Bericht vorgelegt, der sich mit rassistischer Diskriminierung, Gewalt und anderen Ideologien der Ungleichwertigkeit auseinandersetzt. Insbesondere sollen Hasskriminalität bekämpft, gefährdete Personen besser geschützt, Waffengesetze verschärft und Sicherheitsbehörden aufgestockt werden. Ein neues Forschungsinstitut für gesellschaftlichen Zusammenhalt soll wissenschaftliche Erkenntnisse über Rechtsextremismus liefern. Die politische Bildungsarbeit wird auf knapp 50 Millionen Euro und die Bundeszentrale für politische Bildung personell um 20 Prozent aufgestockt.

Tatsächlich gibt es Hinweise, dass rechtsextreme Gewalttaten inzwischen ernster genommen werden. Das Verbot der Nazi-Gruppierung »Combat 18«, das Verbot einer Reichsbürgervereinigung und die bundesweite Durchsuchung von Reichsbürgerwohnungen deuten darauf hin. Auch die Änderung des Soldatengesetzes, um rechtsextreme Zeit-Soldaten schneller fristlos entlassen zu können, kann man positiv werten. Aber reicht das aus und wird das Bestand haben? Bundesfamilienministerin Giffey fordert schon lange Planungssicherheit für Demokratieprojekte und die Amadeo-Antonio-Stiftung vermisst klare Ziele der Bundesregierung im Kampf gegen rechte Gewalt. Stattdessen sehen wir bisher einen weiteren Anstieg der rechtsextremen Szene in Deutschland im vergangenen Jahr um fast ein Viertel auf 30.000, darunter 15.000 Gewaltbereite. Allein antisemitische Straftaten sind im Vorjahr um 13 Prozent gewachsen. Auch die Meldung von einem Anstieg der beobachteten rechtsextremen Gefährder auf 65 in diesem Jahr scheint nicht gerade beruhigend, denn wie viele terroraffine Nazis sind bisher nicht entdeckt worden? Warum ist die Gefährdungsprognosesoftware »Radar rechts« im Bundeskriminalamt noch nicht umfassend eingeführt worden? Ob es die Bundesregierung mit dem angekündigten Kampf gegen Rechtsextremismus wirklich ernst meint, muss man an ihren Taten messen und daran, ob sie dies auch dauerhaft wirksam betreibt. Der Umgang mit rechtem Terror im NSU-Prozess, der eine vernetzte Naziszene ausblendet und die skandalöse Rolle der Sicherheitsorgane ignoriert, lässt uns eher skeptisch bleiben.

Einen neuen Maßnahmenkatalog gegen Rechtsextremismus hatBundesinnenminister Seehofer nach der erstmaligen Bildung eines Kabinettsausschusses gegen Rechtsextremismus und Rassismus angekündigt.

Das Theater geht weiter

geschrieben von Janka Kluge

23. August 2020

Zerwürfnisse und Machtkämpfe in der AfD

Nach der Auseinandersetzung um den »Flügel« in der AfD und dessen freiwillige Auflösung war klar, dass der Kampf um die Macht noch nicht zu Ende ist. Die beiden Lager haben sich in Position gebracht. Auf der einen Seite Jörg Meuthen, unterstützt von einem Teil der Mitglieder in den alten Bundesländern. Auf der anderen Seite stehen Björn Höcke und Andreas Kalbitz mit vielen Anhängern in den neuen Bundesländern. Jörg Meuthen schien ein guter Schachzug gelungen zu sein, als er auf einer Vorstandssitzung mit knapper Mehrheit den Beschluss durchsetzte, die Mitgliedschaft von Andreas Kalbitz für ungültig zu erklären. Kalbitz bewegte sich in der Vergangenheit immer wieder in der Nähe rechtsextremer Gruppen. Durch antifaschistische Recherche und investigative Journalisten ist bekannt geworden, dass er mehrmals an Demonstrationen der extremen Rechten teilgenommen hat. Außerdem sind Bilder von ihm aufgetaucht, die ihn 1993 bei einem Zeltlager der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) zeigen. Da war Kalbitz 21 Jahre alt. Jetzt musste er auch bestätigen, dass er 2007 erneut an einer Veranstaltung der HDJ teilgenommen hat. Unwahrscheinlich ist, dass es nur diese beiden Treffen gab. Immerhin liegen 14 Jahre dazwischen, in denen sich Kalbitz genau in diesem Spektrum bewegte. Mittlerweile hat Kalbitz in einem Brief an den Bundesvorstand erklärt, dass es sein kann, dass er in einer »Liste für Interessierte« geführt wurde. Das Theater geht weiter weiterlesen »

Leises Geschäft mit dem Tod

20. August 2020

Interview mit zwei Aktivist*innen aus der Gruppe Rheinmetall entwaffnen

antifa: Am 19. Mai 2020 fand ein bundesweiter dezentraler Aktionstag der Kampagne Rheinmetall entwaffnen statt. Das Motto war ‚Healthcare not warfare – Pflegepersonal statt Soldatinnen! Medizinische Ausstattung statt Kriegsgerät!‘. Seit wann existiert die Kampagne?

Die Kampagne wurde 2018 ins Leben gerufen, um Öffentlichkeit zu schaffen für das Geschäftsmodell von Rheinmetall, das da heißt: »Am Krieg verdienen«. Nicht, dass es ein gut gehütetes Geheimnis der Rüstungsindustrie wäre, womit sie ihr Geld macht, aber angesichts dessen, was mit den in Deutschland hergestellten Waffen in der Welt geschieht, läuft das Geschäft mit dem Tod viel zu leise und lautlos im Hintergrund ab. So profitiert Rheinmetall als größter deutscher Rüstungskonzern und Waffenexporteur zum Beispiel vom Krieg im Jemen, indem er über ein Tochterunternehmen auf Sardinien Bomben für Saudi-Arabien herstellte, die im Jemen-Krieg eingesetzt wurden. Außerdem wollten wir auf die Bedeutung der deutschen Panzer für die Aggression der Türkei gegen das nordsyrische Rojava aufmerksam machen. Auch für die Abschottung der europäischen Außengrenzen wird deutsche Militär-Technologie genutzt. Leises Geschäft mit dem Tod weiterlesen »

8. Mai: Fünf in Einem

geschrieben von Wolfgang Herzberg

20. August 2020

Eine Nachbetrachtung zum Tag der Befreiung und des Gedenkens

Der 8. Mai ist der wichtigste gesetzliche Feier- und Gedenktag unserer jüngsten Geschichte, oder besser er sollte es werden. Dieser Tag prägte wie kein anderer in all seinen Dimensionen die Zukunft des Lebens in Deutschland und auch der Weltgeschichte und tut dies weiterhin.

Ein Tag des Friedens

Mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und der NS-Herrschaft wurde der bisher furchtbarste Krieg der Weltgeschichte, der Zweite Weltkrieg, endlich beendet. Er kostete 65 Millionen Menschen das Leben. Davon sechs Millionen Juden, die auf bisher nie bekannte industrielle Weise ermordet wurden. Der Krieg hinterließ unbeschreibliche Zerstörungen und Leid. Dieser völkerrechtswidrige Angriffskrieg wurde durch die Mehrheit der Deutschen mit verursacht und geduldet. Sie fügten auch sich selbst unermessliches Leid zu, als dieser Krieg auf sie zurückschlug. Aber dieser Tag schuf zugleich die wichtigsten Voraussetzung für den friedlichen Wiederaufbau hierzulande und international. Er war die Geburt einer nationalen und internationalen neuen Rechtsordnung, die zur Verurteilung der Hauptkriegsverbrecher beitrug. Durch die Gründung der Vereinten Nationen 1948 und die UN-Charta wurde ein völlig neues Kapitel der Weltordnung aufgeschlagen.Es entstanden nationen-übergreifend Grundbedingungen für eine potentiell friedliche Menschheitsentwicklung, völkerrechtlich bindend, definiert. 8. Mai: Fünf in Einem weiterlesen »

Unbeachteter Staatsstreich

geschrieben von Ulrich Sander/Axel Holz

20. August 2020

Wie Spezial-Munition über Güstrow an Prepper gelangt

In der »Rostocker Ostseezeitung« stand Anfang April: »Warnung vor Terroranschlägen von Polizisten und Soldaten«. Die Bundesregierung befürchte eine Zunahme rechter Gewalt im Zuge der Corona-Krise. Der Bundestag sei über Planungen rechter Gruppierungen informiert worden. Mitglieder sogenannter Prepper-Gruppen bereiten sich demnach auf den »Tag X« vor, an dem die öffentliche Ordnung zusammenbricht. In Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sollen Waffen und Munition aus Verstecken geholt worden sein. »Teile der extremen Rechten haben sich auf genau solche Situationen vorbereitet und könnten mit Anschlägen aktiv werden«, sagte Linken-Innenexpertin Martina Renner. Konstantin Kuhle, innenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, betonte, immer häufiger tauche bei Rechtsextremisten die Hoffnung auf bürgerkriegsähnliche Zustände auf, in denen die verhassten etablierten Strukturen in Politik und Gesellschaft beseitigt werden sollen. Unbeachteter Staatsstreich weiterlesen »

Freigestellt

17. August 2020

Christian Lüth, Fraktionspressesprecher der AfD-Bundestagsfraktion, wurde auf Betreiben des AfD-Ehrenvorsitzenden Gauland freigestellt. Lüth habe sich zuvor in einen Whats-App-Chat als »Faschist« bezeichnet und von seiner »arischen Abstammung« gesprochen. Lüth war vor seinem AfD-Engagement Mitarbeiter der Friedrich-Naumann-Stiftung (FDP) sowie im Entwicklungsministerium tätig.

Keine Retourkutsche

17. August 2020

Der Vorsitzenden der Linksfraktion im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern (MV), Simone Oldenburg, darf von der örtlichen AfD keine faschistische Gesinnung unterstellt werden. So entschied das Landgericht Hamburg. Der Vorwurf entbehre der sachlichen Grundlage und sei nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Mit dem Vorwurf versuchte sich der AfD-Fraktionschef Nikolaus Kramer gegen eine Landtagsinitiative der Linken zu wehren, die auf eine fraktionsübergreifende klare Abgrenzung gegen »demokratiefeindliche Kräfte« zielte.

»Dresdner Erklärung«

17. August 2020

Nach der offiziellen Auflösung des Flügels innerhalb der AfD sorgt die im April veröffentlichte »Dresdner Erklärung« für Aufsehen innerhalb der Partei. Hervorgehoben wird in der Erklärung die Forderung »geschlossen zusammen zu stehen«. »Nur durch die Vereinigung aller Kräfte und Strömungen und unter Respektierung regionaler Besonderheiten innerhalb der Partei sind wir in der Lage, das zu werden, was dieses Land so dringend braucht«, heißt es dort. Man wolle »in unseren Reihen nur solche Personen respektieren und fördern«, die »sich diesem Ziel verpflichtet sehen und die sich unmissverständlich und glaubhaft in Wort und Tat zur Einheit der Partei bekennen«. Zu den Unterzeichnenden gehören u.a. Bundessprecher Tino Chrupalla und der selbst in der AfD umstrittene Andreas Kalbitz.

»Fritzfeed« umbenannt

14. August 2020

Der Start des neuen rechten Onlineportals Fritzfeed aus Köln hatte viel Wirbel ausgelöst. Selbst im Innenausschuss des NRW-Landtags stand das rechte Projekt auf der Tagesordnung. Den Namen musste das Projekt um Christian Schäler allerdings aufgeben. Ein öffentlich-rechtlicher Sender hatte wegen des Namens mit juristischen Schritten gedroht. Nun heißt das neue Projekt Flinkfeed.com. Zurzeit finanziere sich die Internetplattform noch vornehmlich aus Idealismus, allerdings hätten sich schon Interessenten für Werbung gemeldet, so Schäler. Er arbeitet neben seinem Betriebswirtschaftsstudium für die AfD-Fraktion in NRW. In den ersten drei Wochen hat die Webseite angeblich rund 700.000 Aufrufe gehabt.

Lehnert abberufen

14. August 2020

Die Mitglieder der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung (DES) haben den bisherigen Schriftführer Erik Lehnert aus dem Vorstand der Stiftung abberufen. Hintergrund ist Lehnerts Tätigkeit als wissenschaftlicher Leiter für das neurechte »Institut für Staatspolitik« (IfS), das vom deutschen Inlandsgeheimdienst als Verdachtsfall eingestuft wurde. Trotz dieser Einschätzung ist das IfS wieder als gemeinnützig anerkannt worden.

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