Kämpferin für die Freiheit

geschrieben von Julien Le Gros

2. August 2020

Cécile Rol-Tanguy war auf ewig mit der Résistance verbunden

Es ist eine wundersame Ironie des Schicksals, dass Cécile Rol-Tanguy (1919 – 2020) an einem 8. Mai, dem Tag der Kapitulation Nazi-Deutschlands, gestorben ist. Sie wurde hundert und ein Jahr alt. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Leiter der Forces Francaises de l’Interieur (Französische Streitkräfte im Inneren, FFI), Colonel Henri »Rol«-Tanguy (1), hat sie wesentlich zum Pariser Aufstand vom 25. August 1944 beigetragen. Wir blicken zurück auf das Leben einer außergewöhnlichen Frau, kommunistischen Aktivistin, Feministin und Antifaschistin.

2014 gewährte sie der Zeitung Libération zum nationalen Gedenktag an die Résistance ein Interview zu den Veranstaltungen anlässlich der Befreiung von Paris. In dem Gespräch sagte sie humorvoll: »Widerstand konserviert«. Da hätte sie selbst noch nicht geglaubt, dass sie mehr als 100 Jahre alt werden würde. Kämpferin für die Freiheit weiterlesen »

Spaniens soziale Kraft?

geschrieben von Carmela Negrete

30. Juli 2020


Die Faschisten von Vox nutzen die Corona-Krise

Spaniens Vox war Anfang Juni 2020 die einzige Kraft im Parlament, die, obwohl die Coronakrise viele im Land in absolute Existenzsorgen getrieben hatte, nicht für ein Mindesteinkommen stimmte. Dennoch gelingt es der Neonazipartei immer wieder, sich als soziales Gewissen zu inszenieren, im Gegensatz zu den Rechtsliberalen von Ciudadanos oder der rechtskonservativen Volkspartei. Fast alle Fraktionen mit Ausnahme der Vox unterstützten die Maßnahme, mit der die Not von 800.000 Haushalten in Spanien gemindert werden soll. Dies geschah, obwohl die Parlamentskammer in Madrid mit ihren 13 Parteien beziehungsweise Parteienbündnissen immer wieder beweist, dass man sich selten besonders einig ist. Aber eine Unterstützung für die Ärmsten fand sich in fast allen Parteiprogrammen. Nicht jedoch bei den Vox-Faschisten, die eine wochenlange Kampagne gegen das Mindesteinkommen in den sozialen Medien führten. Spaniens soziale Kraft? weiterlesen »

Eine politische Festlegung

geschrieben von Ulrich Schneider

30. Juli 2020

Potsdamer Abkommen: Was aus Deutschland werden sollte

Das Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 ist ohne Zweifel das zentrale historische Dokument über die Ziele der Alliierten für die Nachkriegsordnung in Deutschland und Europa. Die Erfahrungen mit zwölf Jahren faschistischer Herrschaft in Deutschland und den Folgen des vom deutschen Faschismus vorbereiteten Zweiten Weltkrieges waren ursächlich für dieses Abkommen. Zwar konnte im Sommer 1945 noch niemand eine endgültige Bilanz der Kriegsschäden und Kriegsfolgen ziehen. Dennoch war allen Beteiligten klar, dass die faschistische Politik Millionen Menschen das Leben, die Freiheit und die Heimat gekostet hatte, und dass riesige Gebiete in den okkupierten Ländern der Politik der »verbrannten Erde« zum Opfer gefallen waren. Mit dem Abkommen in Potsdam sollte eine Wiederholung verhindert und eine stabile Nachkriegsordnung geschaffen werde.

Schon im Februar 1945 auf der Jalta-Konferenz hatten die Regierungschefs Franklin D. Roosevelt, Winston S. Churchill und Josef W. Stalin festgelegt: »Es ist unser unbeugsamer Wille, den deutschen Militarismus und Nationalsozialismus zu zerstören und dafür Sorge zu tragen, dass Deutschland nie wieder imstande ist, den Weltfrieden zu stören.« Diese gemeinsame Überzeugung prägte noch die Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis 2. August 1945. Gemeinsam hatte man den deutschen Faschismus militärisch zerschlagen und noch kämpfte man gegen die japanischen Militaristen. Dennoch waren für aufmerksame politische Beobachter schon deutliche Anzeichen einer gegenseitigen Abgrenzung sichtbar, die als Vorboten des Kalten Krieges zu werten waren. Eine politische Festlegung weiterlesen »

Unbekannte Opfer

geschrieben von Hans-Bert Reuvers

30. Juli 2020

Vergessene Täter

Wenn man in Bad Tölz von der Isarbrücke kommend die sehr schön gestaltete Marktstraße hinaufgeht und dann weiter über die Salzstraße zur Mühlfeldkirche, passiert man ein Mahnmal, das 14 anonymisierte Figuren zeigt, die sich mühsam gebeugt voranschleppen. Ein Mahnmal zum Gedenken an den Dachauer Todesmarsch im Mai 1945.

Es ist erstaunlich, dass die Stadt Bad Tölz die Errichtung des Mahnmals gestattete. War es doch die Stadt, die einen Berg nach Hitler benannte, die stolz auf die SS-Junkerschule war und die es bis heute nicht geschafft hat, die Hindenburgstraße umzubenennen.

75 von insgesamt 282 Seiten sind in dem neu erschienenen Buch »Mörderisches Finale« den Todesmärschen der KZ-Häftlinge und weiterer Tatorte der Verbrechen im gesamten Reich gewidmet, aufgelistet in alphabetischer Reihenfolge von Aachen bis Wuppertal. Das Buch, das 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs in einer überarbeiteten Ausgabe im PapyRossa Verlag erschienen ist, aktualisiert die Erkenntnisse des 2008 erstmalig erschienenen Buches. Dabei bilden die Verbrechen im Rheinland und Westfalen die Schwerpunkte. Da sich bis dahin die offizielle Historikerzunft bei der Erforschung dieser historischen Phase vornehm zurückgehalten hatte, haben sich unter der Federführung von Ulrich Sander Journalisten, Geschichtswerkstätten und antifaschistische Erinnerungsarbeiter/innen dieser grausigen Verbrechen der letzten Kriegsmonate angenommen. Unbekannte Opfer weiterlesen »

Balance am Abgrund

geschrieben von Peter Steiniger

27. Juli 2020

In Brasilien stützt sich die extreme Rechte auf das Erbe von Kolonialismus und Diktatur

Jair Bolsonaros Rückhalt schwindet. Anderthalb Jahre nach seinem Amtsantritt steht nur noch ein Drittel der Wählerschaft hinter Brasiliens Staatschef. Im Kongress besitzt das Regierungslager keine sichere Mehrheit, die vormalige Bolsonaro-Partei PSL hat sich mittlerweile gespalten. Die von ihm im November 2019 neugegründete Organisation »Allianz für Brasilien« hat es bisher nicht geschafft, den Parteienstatus zu erlangen. Frühere Verbündete aus dem konservativen Lager sind zu Feinden und Konkurrenten geworden. Schon vor der Covid-19-Pandemie ereilte die Regierung eine Krise nach der anderen. Doch nun steuert das Land in eine Katastrophe. Ende Juni 2020 verzeichnete Brasilien mit mehr als 55.000 die zweitmeisten Coronavirus-Toten weltweit. Dabei sind das nur die offiziellen Zahlen. Viele Todesfälle vor allem in ärmeren und abgelegenen Regionen dürften darin nicht erfasst sein. Balance am Abgrund weiterlesen »

Frauen im Widerstand

geschrieben von Bernd Kant

27. Juli 2020

Sammelband vereint 75 Biographien

Florence Hervé, verantwortliche Redakteurin des Taschenkalenders »Wir Frauen«, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der weiblichen Perspektive des antifaschistischen Kampfes. Seit den verdienstvollen Veröffentlichungen des Studienkreises Deutscher Widerstand in den 80er Jahren in der »Bibliothek des Widerstandes« wurde nun der bedeutende Beitrag von Frauen in den Blick der Widerstandsforschung genommen. Das betrifft alle Bereiche des antifaschistischen Kampfes, den bewaffneten Kampf, die Netzwerkarbeit, die politische Aufklärung und die individuelle Solidarität mit den Verfolgten und ihren Angehörigen im deutschsprachigen Raum  Dass es so lange gedauert hat, ist eigentlich unverständlich. Das NS-Regime hatte mit der Errichtung des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück und seinen Vorläufern in Moringen und Lichtenburg bereits deutlich gemacht, dass die Verfolgung und der Terror vor dem weiblichen Geschlecht nicht Halt machen. Frauen im Widerstand weiterlesen »

Gesellschafts-Psychogramm

geschrieben von Axel Holz

27. Juli 2020

Die Fokussierung der Schuld auf die NS-Elite verdeckt die der eigenen Familie

In einem Essay thematisiert der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn die kollektive Unschuld der Deutschen, die sich in der Abwehr der Shoah im Erinnern manifestiere. Er zeigt mit seinem Buch, dass im bundesdeutschen Selbstbild die Schuld- und Erinnerungsabwehr, die Selbststilisierung als Opfer und die antisemitische Projektion schon immer und bis heute hartnäckig praktiziert wird. Salzborn verleiht dem Thema dabei eine Schärfe, die es in der deutschen Diskussion so noch nicht gab.

Verantwortungsabwehr statt Aufarbeitung

Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, der Abschied vom eigenen Opfermythos und die Auseinandersetzung mit der antisemitischen Täterschaft finde in den Familiengeschichten der Bundesrepublik faktisch nicht statt. Auch die Tatsache, dass zahlreiche Tätergeschichten mittlerweile durch kritische Familienangehörige in den letzten Jahrzehnten auf dem Buchmarkt aufgetaucht sind, ändere nichts an dieser Tendenz. Salzborn spricht sogar von einer linksliberalen Elite, die die NS-Aufarbeitung irrtümlich in der Masse der Bevölkerung angekommen glaubt, die es so aber nicht gebe. Die bundesdeutsche Erfolgsgeschichte von der Aufarbeitung des Holocaust sei die größte Lüge der Bundesrepublik. Tatsächlich sei eine »Selbstinfantilisierung« und Verantwortungsabwehr erfolgt. Geschichtsvergessenheit habe uns durchgehend begleitet, von der Inszenierung der Deutschen als Opfer, der anhaltenden Sehnsucht nach Unschuld bis zur Geschichtsrelativierung. In den frühen Debatten und Straffreiheitsregelungen, bei der Thematisierung von Flucht, Vertreibung und Bombenkrieg, durch Ausstellungsprojekte der Staufer- und Preußenausstellung, in der Diskussion um das »Zentrum für Flucht und Vertreibung« oder durch die massive Ungleichgewichtung zu Gunsten von Erinnerungsorten der DDR-Geschichte gegenüber dem NS-Gedenken komme dies systematisch zum Ausdruck.  Die klassische Täter-Opfer-Verdrehung sei bis heute ein fester Bestandteil der familiären NS-Aufarbeitung. Gesellschafts-Psychogramm weiterlesen »

Von Faschismus reden

geschrieben von Regina Girod

24. Juli 2020


Mathias Wörsching analysiert Faschismustheorien

Ist Jair Bolsonaro ein Faschist? Er bezieht sich gern auf Hitler, Mussolini oder Franco und hätte selbst wahrscheinlich nichts dagegen, so genannt zu werden. Doch heißt das auch, dass in Brasilien bereits Faschismus herrscht? Darüber gehen die Meinungen stark auseinander. Vor allem für seine Gegner ist die Antwort dennoch wichtig. Strategie und Taktik, Kampfformen und Bündnispartner hängen davon ab.

Bereits seit hundert Jahren steht die Menschheit vor diesen Fragen: Was ist Faschismus? Wer trägt ihn und wie kann man ihn bekämpfen? Philosophen, Ökonomen und Historiker, Soziologen, Politologen und Psychologen haben Theorien dazu entwickelt. Ob ihre Konzepte überdauerten und wirkungsmächtig wurden, hing vor allem davon ab, ob politische Akteure sie übernahmen und in ihre Praxis übersetzten. Oft wurden die Theorien vereinfacht, manchmal aus politischen Erwägungen heraus negiert oder gar bekämpft. Die Auseinandersetzung mit Faschismustheorien ist ohnehin ein komplexes Unterfangen. Historische Linien durchdringen sich mit thematischen und politischen Linien. Kontinuitäten und Brüche in der Theorieentwicklung hängen von Bedingungen der Zeitgeschichte ab. Jede neue Generation von Wissenschaftlern und Politikern stellt eigene Fragen an die Geschichte. Eines zeigt die Erfahrung von hundert Jahren Theorieentwicklung jedoch klar: Es gibt keine einzig richtige und wahre Theorie vom Faschismus. In kleinen Schritten nähert sich die theoretische Erkenntnis den höchst komplexen Zusammenhängen faschistischer Formierung von Gesellschaft an. Daraus folgt, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit Faschismustheorien ohne politische Tabus und Vorurteile erfolgen muss. Keine Richtung hat die Wahrheit für sich allein gepachtet. Ein breiter wissenschaftlicher Diskurs über unterschiedliche Horizonte hinweg steht noch aus. Hinzu kommt, dass selbst der historische Faschismus in normalen Bildungsgängen kaum noch behandelt wird, ganz zu schweigen von der Rezeption theoretischer Konzepte über ihn. Dadurch droht bereits Erkanntes und Gedachtes in Vergessenheit zu geraten. Angesichts des Erstarkens der extremen Rechten überall in der Welt ein gefährlicher Verlust. Von Faschismus reden weiterlesen »

Wirkungsvolle Mechanismen

geschrieben von Janka Kluge

24. Juli 2020

Was weiße Menschen über Rassismus wissen sollten

Die Journalistin und Moderatorin Alice Hasters hat ein wichtiges Buch geschrieben. In »Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen – Aber wissen sollten« hat sie ihre Erfahrungen als Frau mit einer schwarzen Hautfarbe in Deutschland aufgeschrieben. Die Erfahrungen sprechen davon, dass ihr fremde Menschen in die Haare fassen, oder ihr freudig sagen, dass sie aber gut deutsch spricht. Zu den immer wieder auftauchenden Sätzen gehört auch die Frage nach ihrer Herkunft. Wenn sie dann sagt aus Köln Nippes, kommt oft als nächstes die Frage nach den Wurzeln der Herkunft. Eine Frage, die meistens wohl nicht verletzend und rassistisch gemeint ist. Trotzdem beschreibt Alice Hasters was bei so einer Frage in ihr vorgeht. »(…) die Frage nach der Herkunft, wie sie mir auch heute noch gestellt wird, bekundet meist kein Interesse an mir, sondern die Bestätigung bestimmter Vorurteile.«) Bei diesen Vorurteilen wird unterstellt, dass nur Menschen mit einer weißen Hautfarbe Deutsche sein können. Rassismus, wie Hasters ihn beschreibt, ist nicht nur die persönliche Erfahrung einzelner Menschen. Weil alle Menschen mit einem bestimmten Aussehen sie machen müssen, ist es richtig von einem System zu sprechen. »Dieses System nennt sich ›White Supremacy‹ – Weiße Vorherrschaft. Wenn ich von Rassismus spreche, dann meine ich diesen wirkungsvollen, systematischen Rassismus, der die Fähigkeit hat, Menschen zu unterdrücken.« Wirkungsvolle Mechanismen weiterlesen »

Digitales Archiv

geschrieben von André Raatzsch

24. Juli 2020

Kunst und Kultur der Sinti und Roma jetzt online

Nach dem gewaltsamen Tod des Schwarzen George Floyd hat die gesellschaftliche Rolle von Archiven und Museen im Kampf gegen Rassismus, Antiziganismus, Antisemitismus und weitere Ideologien sozialer Ungleichheit eine noch größere Bedeutung bekommen. Floyd starb in den USA. Dieser Rassismus findet sich aber auch in Deutschland. Vor weniger als drei Monaten wurden in Hanau neun Menschen bei einem rechtsterroristischen Anschlag getötet, darunter drei junge Sinti und Roma. Digitales Archiv weiterlesen »

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