Braune Wurzeln

geschrieben von Dorothée Menzner

5. September 2013

Aus der NSDAP in den niedersächsischen Landtag

Jan.-Feb. 2009

Dr. Hans- Peter Klausch

»Braune Wurzeln – Alte Nazis in den niedersächsischen Landtagsfraktionen von CDU, FDP und DP«

Herausgeber: Die Linke, Fraktion im Niedersächsischen Landtag.

Die Broschüre kann aus dem Internet heruntergeladen werden: »Braune Wurzeln …«.

Im Auftrag der niedersächsischen Landtagsfraktion der Linken hat der Historiker Dr. Hans- Peter Klausch eine Broschüre zur NS- Vergangenheit von niedersächsischen Landtagsabgeordneten der Nachkriegszeit erstellt. In den gut 60 Jahren bundesrepublikanischer Landtagsgeschichte ist dies die erste mir bekannte Forschungsarbeit zur politischen Vergangenheit von Abgeordneten im Faschismus. Diese Tatsache allein macht die Broschüre schon bemerkenswert.

Angestoßen wurde die Untersuchung unbewusst und vermutlich unwillentlich im Mai 2008 durch den CDU-Landtagsabgeordneten und parlamentarischen Geschäftsführer Dr. Bernd Althusmann, als er im Parlament erklärte: »… Meine Damen und Herren, die CDU hat ihre geistigen und politischen Wurzeln im christlich motivierten Widerstand gegen den Terror des Nationalsozialismus. Das ist die Wahrheit.«

Diese erstaunliche Sichtweise ließ die Fraktion der Linken genauer unter die Lupe nehmen. Die Recherchen von Dr. Klausch ergaben, dass von den 297 Abgeordneten, deren Biografien er im Bundesarchiv und im Berlin Document Center abglich, 71 nachweisbar NSDAP-Mitglieder waren, zwölf sogar schon in der sogenannten »Kampfzeit« vor 1933. Aber auch Belege für SA- und SS-Mitgliedschaften fanden sich. Exemplarisch an einigen ausgewählten Biografien werden die Verstrickungen dargestellt und den Angaben im 1996 herausgegebenen biographischen Lexikon des Landtages gegenübergestellt. Dort ist davon nämlich nicht die Rede.

CDU am rechten Rand

Dass die hessische CDU – innerhalb der Gesamt-Union der wohl rechteste Landesverband, auch »Stahlhelmflügel« genannt – nicht nur fortgesetzte Nähe und Verbindungen zum Rechtsextremismus aufweist, sondern rechtsextrem eingestellte Personen und Positionen in dieser CDU auch ansässig sind, listet eine im Dezember 2008 veröffentlichte 24-seitige Studie der Landtagsfraktion der hessischen Linken auf. In ihr wird darauf hingewiesen, dass Nationalkonservatismus, autoritäres Staatsverständnis und Neoliberalismus zu den Fundamenten dieser nach rechts orientierten Politik gehören, die rechtsextreme Positionen verwendet und damit auch fördert.

Titel: »Brutalst mögliche Politik: Die Hessen-CDU am rechten Rand«.

Die Arbeit erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Der unbefriedigende Erschließungszustand der NSDAP Mitgliederkartei ist dabei ebenso zu berücksichtigen wie die Tatsache, dass nur rund 80 Prozent der Kartei erhalten sind. Es ist durchaus möglich, dass die tatsächliche Zahl von NSDAP-Mitgliedschaften niedersächsischer Landtagsabgeordneter deutlich höher ist.

Die zusammengetragenen Fakten untermauern die Notwendigkeit, wie von der Linken vorgeschlagen, eine interfraktionelle Landtagskommission zu bilden, die diesen Aspekt der Geschichte aufarbeitet und das biographische Lexikon des Landtags entsprechend überarbeitet.

Die 24seitige Broschüre belegt, dass die Zahl faschistischer Täter, die in der jungen Bundesrepublik, auch in herausgehobenen politisvhen Funktionen, ihre Karrieren fortsetzten, nicht zu unterschätzen ist. Diese Wahrheit mag für die betreffenden Parteien unangenehm sein, sie aber in den Blick zu nehmen, sich ihr zu stellen und sie aufzuarbeiten ist unumgänglich, wollen sie heute mit ihrem Eintreten gegen Faschismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit glaubwürdig erscheinen.

Berichte aus der »Hölle«

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Auschwitz-Überlebende geben Auskunft über die Verbrechen der
NS-Medizin

Jan.-Feb. 2009

Miklös Nyiszli berichtet

»Ich schnitt das Fleisch aus den Körpern gesunder Mädchen für Dr. Mengeles Bakterienkulturen. Ich badete die Leichen von Krüppeln und Zwergen in Kalziumchlorid-Lösung und kochte sie in Bottichen, damit die sachgemäß präparierten Skelette in die Museen des Dritten Reiches gelangen konnten, um dort zukünftigen Generationen als Beweis für die Notwendigkeit der Ausrottung ’niederer‘ Rassen zu dienen.«

»Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderer voraus, dass ich weder glaube sie begründen zu müssen noch zu sollen.« (Theodor W. Adorno, 1966)

Vier Bücher über und aus Auschwitz sollen hier angezeigt werden. Alle vier Autoren, zwei Frauen und zwei Männer, haben ihre Berichte unmittelbar nach der Befreiung geschrieben. Veröffentlicht wurden sie aber erst mit jahrzehntelangem Abstand vom Erlebten. Drei bewusst als Einspruch gegen die Entwicklung bis heute, da die Leugner der faschistischen Barbarei lauter werden (können) und der Ungeist, der in Auschwitz mündete, fast wieder gesellschaftsfähig ist. Schließlich: Alle Autoren illustrieren aus unterschiedlichem Erleben das, was Ernst Klee in seinem Buch »Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer« in die Worte zusammenfasst: »Auschwitz war die Hölle für die Häftlinge und der Himmel für die Forschung, die sich hemmungslos des ‚Menschenmaterials‘ bediente.«

Sima Vaisman

In Auschwitz. Lilienfeld Verlag Düsseldorf, ca. 100 Seiten, 17,90 EUR

Adélaide Hautval

Medizin gegen die Menschlichkeit. Herausgegeben von Florence Hervé und Hermann Unterhinninghofen. Karl Dietz Verlag Berlin, 144 Seiten 9,90 EUR

Miklós Nyiszli

Im Jenseits der Menschlichkeit, Herausgegeben von Friedrich Herber und Andreas Kilian. Karl Dietz Verlag Berlin, 2008 Seiten, 12,40 EUR

Shlomo Venezia

Meine Arbeit im Sonderkommando Auschwitz, Blessing Verlag München, 271 Seiten, 1995

Zunächst soll hier die Rede sein von zwei Frauen, die in dieser Hölle um den Preis des eigenen Lebens »Nein« sagten, ihre menschliche Würde bewahrten und solidarisch handelten. Mit 41 ging Sima Vaisman am 20. Januar 1944 mit dem Transport 66 aus dem französischen Sammellager Drancy auf die Reise nach Auschwitz-Birkenau. Die Dentistin arbeitet im Krankenrevier. »Wir führen hier alles in allem ein sehr geregeltes Leben« schreibt sie. Sie protokolliert dieses »geregelte Leben«: »… und an unserem Block ziehen, fließen, mal in prasselndem Regen, mal unter sengender Sonne, Ströme von Menschen dahin, junge Frauen und Kinder in den Armen, Frauen, die unterwegs noch ihre Brust voller Leben und Saft gaben, um ihre Kinder vom Weinen abzuhalten… Und schweigend und machtlos wohnen wir diesem Zug bei. Unsere brennenden Blicke folgen ihnen bis zum Schluß…«

Mit 230, meist politischen französischen Frauen, kam die »Judenfreundin« Dr. Adélaide Hautval am 23. Januar 1943 in Auschwitz an und wurde als Ärztin in den Menschenversuchsblock verpflichtet. Im August 1944 kam sie in das Frauen-KZ Ravensbrück, auch hier wurde sie im Krankenrevier eingesetzt. Blieb dort nach der Befreiung noch freiwillig bis Ende April 1945 zur Pflege der kranken Frauen. In beiden Lagern lehnte sie es ab, bei den Medizinverbrechen der KZ-Ärzte, einer von ihnen war in Auschwitz Josef Mengele, mitzumachen. Ihre 1945/46 aufgeschriebenen Notizen wurden nach ihrem Freitod 1991 in Frankreich veröffentlicht. 2008 erschienen sie erstmals in deutscher Sprache.

Dr. Miklós Nyiszli, (Jahrgang 1901) ungarischer Jude mit rumänischer Staatsbürgerschaft, traf mit einem Transport ungarischer Juden am 27. Mai 1944 in Auschwitz ein. Er sagte nicht »Nein«. Bei der Selektion durch Mengele stellte er sich als ausgebildeter Mediziner, der Selektionen durchführen kann und gerichtmedizinische Kenntnisse hat, zur Verfügung. Das Krematorium wurde sein »Arbeitsplatz«. »Überall herrscht voller Betrieb«, und »Die Arbeit läuft auf vollen Touren…« schreibt er 1946 in seinem Bericht über seine Zeit »im Jenseits der Menschlichkeit«, die der Berliner Dietz Verlag in der 2. Auflage mit dem Vermerk versah: »Das Buch zum Film ‚Die Grauzone’«. Ein fasst unverdaulicher Bericht.

Shlomo Venezia wurde nicht gefragt, erklärte sich auch nicht dazu bereit, als er mit einem Transport aus Athen kommend im März 1944 in Auschwitz dem jüdischen Sonderkommando zugeordnet wurde. Die zur Vernichtung bestimmten Häftlinge wurden von Mitgliedern dieses Sonderkommandos in die Gaskammern geführt. Sie hatten die Leichen aus den Öfen zu entfernen und in den Krematorien für ihre Verbrennung zu sorgen. Von den rund 2 100 Angehörigen des Sonderkommandos in Auschwitz haben nur knapp einhundert überlebt. »Man kommt nie mehr wirklich aus dem Krematorium heraus« schreibt Venezia in seiner Biografie.

Jurist und Kämpfer

geschrieben von Andreas Diers

5. September 2013

Eine neues Buch ergänzt unser Wissen über Hans Litten

Jan.-Feb. 2009

Knut Bergbauer / Sabine Fröhlich / Stefanie Schüler-Springorum:

Denkmalsfigur. Biographische Annäherung an Hans Litten 1903-1938

Wallstein Verlag, Göttingen 2008

EUR 24,90

360 Seiten mit 58 Abbildungen

ISBN-10: 3-8353-0268-X

ISBN-13: 978-3-8353-0268-6

Wer heute den Namen von Hans Litten hört, der denkt vermutlich zunächst an den alle zwei Jahre durch die Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen e.V. (VDJ) verliehenen Hans-Litten-Preis an Juristinnen und Juristen, die in besonders hohem Maße demokratisches Engagement bewiesen haben. Und wer sich dann etwas genauer über ihn informieren will, der wird vermutlich den Namen Hans Litten zunächst bei Wikipedia suchen – und dort einen aktuellen und sehr passablen Beitrag über sein Leben und Wirken sowie über sein Martyrium in faschistischer KZ-Haft finden. In diesem Beitrag gibt es zahlreiche weiterführende Verweise, so u.a. auch auf die neue Biographie »Denkmalsfigur« von Knut Bergbauer/åSabine Fröhlich/Stefanie Schüler-Springorum.

Dieses Buch ist eine biografische Annäherung an eine der interessantesten Persönlichkeiten der deutschen Jugendbewegung, der Rechtsgeschichte und des Kampfes gegen den Faschismus in Deutschland vor 1933.

Vor siebzig Jahren nimmt sich Hans Litten im KZ Dachau das Leben. Dabei von einem Freitod zu sprechen ist im Wesentlichen falsch: denn nach jahrelangen Qualen und Demütigungen körperlich gebrochen, beschließt der 34jährige Hans Litten angesichts der Drohung neuer Folter, seinem Leben ein Ende zu setzen. Bereits in der Einleitung verdeutlichen die Autoren, dass bei Litten hier die Wahrheit zwischen Ermordung und Freitod liegt. Diese differenzierte Betrachtungsweise ist auch das zentrale Anliegen des ganzen Buches: Hans Litten soll aus der Vereinnahmung als »Denkmalsfigur« befreit werden, es soll der Mensch Hans Litten in seinen zahlreichen Facetten und Nuancen dargestellt werden.

Hans Litten wird 1903 in Halle geboren und wächst in Königsberg in einer Professorenfamilie auf. Litten setzt sich schon früh als Jugendlicher mit dem Judentum auseinander und wählt wohl aus diesem Interesse Hebräisch als ein Abiturfach. Als Aktivist der Jugendbewegung gehört er dem deutsch-jüdischen Bund »Kameraden« an und organisiert 1925 zusammen mit Max Fürst die radikal antibürgerliche und geschlechterpolitisch ganz bewusst egalitäre Jugendgruppe »Schwarze Haufen«. Diese Gruppe löst sich zwar 1928 auf, doch glaubt Litten sein ganzes Leben lang an die gesellschaftsverändernde Kraft der Ideen der Jugendbewegung. Im Jahr 1928 legt er sein juristisches Assessorexamen ab und wird Rechtsanwalt. Für die »Rote Hilfe« vertritt er häufig Kommunisten. Litten ist jedoch nie ein unkritischer Sympathisant der KPD. Er vertritt auch Anarchisten und oppositionelle Kommunisten in Prozessen gegen Kommunisten. Die Biographie schildert ausführlich das Wirken von Hans Litten in den berühmten Prozessen zwischen seiner Anwaltszulassung 1928 und seiner Verhaftung im Februar 1933 unmittelbar nach dem Reichstagsbrand. In dieser Zeit ist er nicht nur als Verteidiger, sondern auch als Vertreter der Nebenklage unermüdlich tätig.

Die Durchsetzung des Demonstrationsverbots am 1. Mai 1929 bezeichnet Litten als eine Anstiftung zum Mord und zur gefährlichen Körperverletzung. Ungefähr zwei Jahre lang ist er mit den Prozessen um den Berliner »Blutmai« beschäftigt, durch die er zu einem bekannten Anwalt wird. Bis 1932/33 ist er an einer ganzen Zahl jener Prozesse beteiligt, die im Zusammenhang mit dem »Kampf um die Straße« zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten stehen. Ausführlich wird Adolf Hitlers Zeugenvernehmung 1931 im Edenpalast-Prozess dargestellt. Litten vertritt in diesem Prozess die Nebenklage. Er beantragt die Zeugenvernehmung Hitlers, um die planmäßige Anwendung terroristischer Methoden durch der NSDAP nachzuweisen. Dabei treibt er – wie immer sehr gründlich vorbereitet – Hitler in die Enge bis dieser mit hochrotem Kopf brüllend seine Selbstbeherrschung verliert. Dass Litten aber Hitler zum Eid, besser und genauer gesagt zum Meineid auf die Legalität zwingt, gehört ins Reich jener Legenden über ihn, mit denen dieses Buch aufräumt.

Als 1933 die NSDAP an die Macht gelangt, lernt Hans Litten die brutale Rache der Faschisten kennen. Nach dem Reichstagsbrand wird er verhaftet und bis 1938 im Konzentrationslager gequält und gefoltert. In dieser Zeit seiner Gefangenschaft bemühen sich viele Menschen vergeblich um die Freilassung von Hans Litten, vor allem seine Mutter Irmgard Litten.

Diese neue Biographie über Hans Litten ist ein gelungenes und lesenswertes Werk für all jene, die mehr über das Leben, das politische und juristische Wirken von Hans Litten erfahren wollen. Es ergänzt die Denkmäler aus Stein und die Straßenschilder, die an Hans Litten erinnern.

Der Titel »Denkmalsfigur« gibt im Übrigen das Schlüsselwort für den Code wieder, über den sich die Mutter mit ihrem Sohn im Konzentrationslager verdeckt austauscht.

Das Fehlen eines Personenregisters ist ein kleinerer Mangel des Buches, der jedoch zumindest teilweise durch die mehr als 500 Hinweise auf Fundstellen, ein umfangreiches Literaturverzeichnis und viel Bildmaterial ausgeglichen wird.

Bild einer Generation

geschrieben von Alfred Fleischhacker

5. September 2013

Ein erstaunliches Buch ist erstmals auf deutsch erschienen

Jan.-Feb. 2009

Friedrich Alexan

Die Welt der kleinen Leute

Wellhöfer Verlag

Oktober 2008

EUR 12,80

ISBN: 3939540293

Ungewöhnlich ist das Entstehen des Buches. Nicht weniger ungewöhnlich sein Inhalt. Es reflektiert Zeiten und Umstände, die für das 20. Jahrhundert nicht untypisch waren. Nachvollziehbar sind sie am Lebensweg des Autors, eines deutschen Juden und Sozialisten, dessen Vorfahren in Polen lebten.

Der Autor kam 1901 zur Welt und erhielt den Namen Alexander Kupfermann. Im Verlauf eines ständig im Aufbruch befindlichen Lebens wurde aus dem Heranwachsenden, oft den Wohnort, das Aufenthaltsland wechselnden Kupfermann Friedrich Alexan. Zum Schreiben fühlte er sich berufen. Schriftsteller wollte er werden. In einem vermutlich 1949 verfassten Lebenslauf hatte er notiert: eine Trilogie »Zwischen zwei Weltkriegen« zu schreiben. Deren erster Teil ist 1937 tatsächlich in einem Pariser Verlag erschienen. Titel: »Im Schützengraben der Heimat – Geschichte einer Generation«.

Alexan war ein verfolgter Schriftsteller. Um sein Leben zu retten, musste er flüchten. Erst nach Paris, dann nach Palästina, in die Vereinigten Staaten, bis er schließlich Anfang der fünfziger Jahre zurück nach Deutschland in den östlichen der 1949 entstanden zwei Staaten, die DDR, kam.

Es vergingen fasst sieben Jahrzehnte ehe dieses Buch auf deutschem Boden erscheinen konnte. Sein Inhalt reflektiert ziemlich genau den Alltag in Mannheim, dort, wo das Geschehen angesiedelt ist und der Autor auch lebte, bis er Anfang der dreißiger Jahre, noch ehe die Regierungsgewalt an Hitler übergeben wurde, die Heimatstadt verlassen hatte. Der Verleger Ulrich Wellhöfer und ein Pädagoge der Stadt Mannheim haben dieses Buch nicht nur neu entdeckt, sondern auch als einen wertvollen Beitrag zur Geschichte Mannheims beschrieben.

Es ist in drei Kapitel gegliedert. Das erste mit der Überschrift »Der Spieß« gibt Einblicke in den Alltag einer Schule zwischen 1914 bis 1916. Geschildert wird ein »Pädagoge« der viel besser auf einen Kasernenhof gehört hätte. Sein Credo gegenüber den Schülern: Absoluter Gehorsam. Wird der auch nur angezweifelt, setzt es Prügel. Die werden ohne Gefühlsregung verabreicht. Wichtigstes Hilfsmittel des Lehrers, die Schüler zu willenlosen Subjekten zu degradieren: eine blitzende Pfeife.

Die Hauptperson im dritten Kapitel ist ein von der Pubertät geplagter junger Mann, der von sexuellen Bedürfnissen getrieben, voll innerer Hemmungen und auch Ängsten, ein Bordell aufsucht. Dort eine der Frauen anspricht und in ihr eine verständnisvolle, fast mütterliche Beschützerin findet. Als stiller Beobachter registriert er sorgsam die Gespräche der Bordellkunden, Dauergäste, aber auch zahlreiche Soldaten aus den Schützengräben auf Heimaturlaub während des 1. Weltkrieges. So entsteht für den Leser des Buches ein Bild von den Sehnsüchten und Hoffnungen der kleinen Leute im dritten Kriegsjahr. Sie leiden unter ständig wachsenden Entbehrungen und die Zahl der Gefallenen wird immer größer.

Über die Qualität des Buches möchte ich an dieser Stelle einen Schriftsteller zu Wort kommen lassen, dessen Urteil mit Sicherheit gewichtiger ist als meines. Die Rede ist von Oskar Maria Graf.

Der hatte im Juli 1939 in einem Brief an Mr. Friedland als deutscher Emigrant in den USA geschrieben: »Es wäre nicht zu viel zu sagen, wenn ich behaupte, dass dieses Buch des leider zu wenig bekannten jungen Autors zu den stärksten und eindringlichsten Arbeiten des freien deutschen Schrifttums gehört. Alexan hat es – was bei einem so jungen erst beginnenden Autor besonders ins Gewicht fällt – verstanden, durch die Aufzeichnung vieler Einzelschicksale gleichsam ein gültiges Gesamtbild einer Generation, nämlich der deutschen Kriegsgeneration von der Heimat zu geben. Vieles, was heute in Deutschland traurige und verständliche Wirklichkeit geworden ist, findet durch Alexans Buch eine ursächliche Erklärung.«

Irene Runge, die Tochter des Autors Friedrich Alexan, der im Januar 1994 in Dornum verstarb, schreibt: »Mir bleibt zu hoffen, dass die Leserinnen und Leser sich wie ich von diesem zeitgeschichtlich wahrhaft verblüffenden Dokument gefangen nehmen lassen. Wir wissen eher wenig von jener Zeit, von den Lebensumständen außerhalb des damaligen Schützengrabens, vom Alltag der kleinen Leute, vom sozialen Unglück und dem Unrecht in einem Bordell. Wie gut, dass mein Vater das alles in seiner Jugend recherchiert und aufgeschrieben hat! Ich muss dennoch gestehen, dass mir der Ort seiner Handlung als Maß für seine Kapitalismuskritik sehr ungewöhnlich erscheint. Aber genau das macht das Buch so spannend.«

Was heißt hier trivial?

geschrieben von Diether Dehm

5. September 2013

Zum Gedenken an den Antifaschisten Johannes Mario Simmel

Jan.-Feb. 2009

Die politische Linke mag keine Bestsellerautoren. Aber auch mit dieser Pauschalierung klebt sie auf herrschendem Leim. Vorverurteilungen von Kleinbürgertum und Bestsellerei sind aus gleichem Holz. So giftete der Kleinbürger Brecht vergnüglich gegen die kleinbürgerlichen »Tuis« als vom Kapital pachtbare Verklärer und fügte in sein Werk selbst imprägnierend proletarische Standpunkte nebst Publikumsmobilisierung ein. Der Antikapitalismus des Kleinbürgers Thomas Mann war eher mit Georg Lukacs heraus zu tüfteln. Auch antifaschistische Massenwirkung kam vorwiegend aus dem Kleinbürgertum.

Dieser bürgerlichen Fahnenflucht in den Antikapitalismus musste nach dem Krieg ein besonderer Zaun entgegengestellt werden. Wer die Hauptlügen der Markwirtschaft unangetastet lässt, gilt bis heute als populär. Wer Antikapitalismus verbreitet, als »trivial und »populistisch«. Mit den 68ern teilten sich dann die journalistischen Wachmannschaften. Die Wenigsten um »Handelsblatt« und FDP priesen offen den monopolbourgeoisen Staat. Die Mehrheit wurde zu Kopfgeldjägern. Auf jene, die den Kapitalismus verrieten. Das Kleinbürgertum in Deutschland musste weiterhin als Schild & Schwert-Träger vor die ideologischen Hauptlasten des Monopolkapitals gespannt bleiben. Und die Linksabweichler mussten wieder in die zahnlose Herde zurückgestoßen werden.

»Bild« übernahm den Job der frühen SA (als da noch Hans Habe schrieb): gegeneinander aufschäumender Neid der Schichten bei gleichzeitiger Kriminalisierung von Klassenkämpfern. Und seit Altnazi Nollau vom Verfassungsschutz zum Ende der Augstein-Krise seinen Deal mit »Zeit« und »Spiegel« gemacht und diese zum legalen Arm der Öffentlichkeitsarbeit erhoben hatte, (man darf sich das wie die IRA bei der Sinn Fein-Partei vorstellen), weiß nun mit jeder »Spiegel«-Ausgabe jeder linksliberal getünchte Strichjunge bei Frankfurter Rundschau, Süddeutscher und Berliner Zeitung, welchen Antifaschisten er ins Visier zu nehmen hat. Der Antikommunismus der Spontis wurde dort zum Imperativ: möglichst rebellisches Styling bei gleichzeitig militanter Allergie gegen Eigentumsdemokratie-Forderungen.

Aber genau dagegen schrieb Simmel weiter an, mit den kindlichen Scheuklappen eines »frühreifen Begabten« (Gaus): gegen »die multinationalen Konzerne, die so viel Unglück über die Menschen bringen«. Demonstrativ trat er aus der Kirche aus, »weil die Waffen gesegnet hatte«. Und welchen Blutzoll hatte seine Familie den Nazis zu entrichten! Zunächst noch war er geschützt, als landesweit bestbezahlter Reporter der »Quick«, als Drehbuchautor von 36 Spielfilmen.

Dann jedoch geiferte der pawlowsche Feuilleton-Reflex ereifernd: »peinlich und links«. Das Totschlagswort »Kitsch«, das es nur im Deutschen gibt, wurde hierzulande stets gegen Wirkungsvolle instrumentalisiert, die antikapitalistischen Handlungsaufruf nicht aussparen: ob gegen Brecht, Hacks, Busch, Degenhardt, Hochhuth usw. Oder gegen Simmel. Aber in der Deckung seines Publikums und der 70 Millionen verkauften Bücher trafen ihn die Wortgranaten kaum. Dagegen konnte dann nur der Kriegshetzer Konsalik helfen.

In einem Gespräch 1996 mit Günter Gaus bewies er Unbeirrtheit. »Die größten Geister waren Kommunisten geworden… Viele sind meine Vorbilder… Ja, ich hoffe auf den Sozialismus … auf ein Konglomerat so vieler zertretener Träume.« Er schrieb gegen Euthanasie, gegen das Adenauer-Deutschland und seine Wiederbewaffnung und überall gegen »die Nazis, die leider doch nicht verschwunden sind«. Für die Feier zum 50. Jahrestag der Gründung der VVN bei uns in Frankfurt am Main sagte Simmel – wie er mir nebenbei erzählte- eine Lesung für ein paar tausend Mark ab. Die FAZ sprach vom »Trivialautoren«.

Vor wenigen Monaten erzählte er mir, dass er anfänglich gemeint hatte, ohne Sex & Crime könne »die ausführliche Beschreibung der herrschenden Verbrecher kein Mensch aushalten« und wie froh er später wurde, »bei seinen letzten Romanen dann keinerlei deftige Bettszenen mehr nötig gehabt zu haben, um hohe Aufklärung in hohen Auflagen zu bringen. Damit mehr Menschen mehr denken und weniger glauben.«

Für meine Brüder

geschrieben von Markus Tervooren

5. September 2013

Kino-Epos über die jüdischen Bielski-Partisanen in
Weißrussland 1941-1944

Jan.-Feb. 2009

Defiance

Regie: Edward Zwick

Kinostart 05.03.2009

USA 2008

Die Geschichte, die der Film erzählt, beruht auf wahren Begebenheiten, ihre Helden haben wirklich gelebt. Mit Daniel Craig – Mein Name ist Bond, James Bond – als Hauptdarsteller ist es gelungen, diesem filmischen Hohelied auf den Widerstand gegen die Nazis breite mediale Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Der Titel »Defiance« ist ein Wort, das das Deutsche nicht kennt. Das Wörterbuch umschreibt es mit Trotz, offener Ungehorsam, tollkühner Widerstand. Der Film liefert uns die Übersetzung. Das passiert in einem durchaus konventionellen, schön fotografierten Abenteuer- und Actionfilm, von Edward Zwick (Der Letzte Samurai, Blood Diamond). Mit tollen Schauspielern und packenden Actionszenen wird er seinem Anliegen, ein noch weitgehend unbekanntes Kapitel bewaffnetem antifaschistischen Widerstandes und jüdischer Selbstbehauptung inmitten des Grauens der Shoa einem breiten Kinopublikum näher zubringen, durchaus gerecht.

1941 in Weißrussland, die Wehrmacht ist auf dem Vormarsch auf die Sowjetunion, die osteuropäischen Juden werden, mit Unterstützung von weißrussischen Kollaborateuren, zu Hundertausenden ermordet. Aber die weißrussischen Wälder werden auch zum Operationsgebiet zahlreicher sowjetischer, polnischer und weißrussischer Partisaneneinheiten.

Die Bielski-Brüder Tuvia (Daniel Craig), Zus (Liev Schreiber), Asael (Jamie Bell), und Aron (George MacKay), aus dem Dorf Stankiewicze bei Nowogródek, verstecken sich in den Wäldern, nachdem die Deutschen zusammen mit der örtlichen Polizei ihre Familie ermordet haben. Längst hat sich der Nalibocka-Wald zur Zuflucht für zahlreiche Juden und Jüdinnen entwickelt. Die Brüder werden rasch zu den Anführern einer jüdischem Partisanengruppe. Ihr Hauptanliegen ist die Rettung weiterer Juden. Schnell hat sich ihr Ruf als tollkühne Rächer herumgesprochen. Tuvia und seine Brüder gehen auch ins Ghetto von Nowogróde, bewegen viele dort Zusammengepferchte zur Flucht, um sich ihrer Gruppe anzuschließen. Diese hat sich als »Bielski-Brigade« längst einen Ruf unter den anderen Partisanen und auch bei den verhassten Deutschen erworben. So entsteht in den Wäldern eine jüdische Gemeinschaft, die bis 1944 auf 1200 Menschen anwächst, das »Jerusalem in den Wäldern«. Die meisten ihrer Mitglieder überlebten den Holocaust.

Wie dies möglich war, mit allen scheinbar unüberwindlichen Widersprüchen ist das eigentliche Thema dieses Films. Wie ist es möglich, als Partisanen gegen die Deutschen zu kämpfen und gleichzeitig Hunderte Menschen am Leben zu erhalten, die nach militärischer Logik lediglich Ballast darstellten. Woher und wie kann das Lebensnotwendige beschafft werden, wie behauptet man sich als Juden, gegen den allgegenwärtigen Antisemitismus in der Bevölkerung, aber auch bei anderen Partisanengruppen? Verkörpert wird dieses Dilemma durch die beiden gegensätzlichen Bielskie-Brüder und Konkurrenten, Tuvia und Zus. Kaum finden die ersten Flüchtlinge zu den Partisanen fragt Zus, wie man diese denn im Wald ernähren und gleichzeitig kämpfen solle. Tuvia antwortet ihm: »Ich will retten und nicht nur töten«. So sieht man in der Folge Tuvia als charismatischen Organisator, oft umstrittenen Führer des Partisanenlagers und schlagkräftigen Beschützer seiner Gemeinschaft, der zur Waffe vor allem zur Verteidigung greift. Zus hingegen ist der tollkühnen Rächer und Partisanenkämpfer, der zusammen mit sowjetischen Partisanen Kollaborateure bestraft, deutsche Posten überfällt und Militärtransporte angreift.

Gleichzeitig erfahren wir einiges über die Probleme einer Gemeinschaft, die durch brutale antisemitische Verfolgung und individuellen Überlebenswillen zustande gekommen ist und Solidarität erst lernen muss. Das »Schtetl Bielsk« will und muss eine Gemeinschaft der Gleichen sein, doch auch hier gibt es Neid, Hass, Ungleichheit und Frauenfeindlichkeit, droht immer wieder das Recht des Stärkeren einzubrechen. Das erzählt der Film in kleinen persönliche Geschichten von Liebe und Hass, jugendlichem Erwachen, Neubeginn und Emanzipation. Und gerade hier bricht auch immer wieder die Parallelität von Selbstbehauptung und Widerstand, von Verfolgung und Vernichtung in die abgelegene Gemeinschaft ein. Nachrichten von draußen sind immer auch Nachrichten vom Tod der Angehörigen und Freunde, jeder Hoffnung folgt die tiefste Verzweiflung.

Schwach ist der Film an den Stellen, wo sich Tuvia alias Daniel Craig als Anführer in programmatische Ansprachen an die jüdischen Brüder und Schwestern wendet und der Film sich nicht auf die Geschichte(n), die er erzählt, verlässt. Sein kleinerer Bruder Asael hingegen bringt die Dinge auf den Punkt, wenn er beim Schießtraining kurz bemerkt: Das Gewehr, Juden, ist nicht einfach eine Waffe, es ist die Schleuder, mit der David Goliath tötet.

Der Film räumt gründlich mit dem immer noch weit verbreiteten Vorurteil auf, Juden hätten sich »wie Lämmer zur Schlachtbank« führen lassen. »Defiance« kommt in Deutschland am 5. März in die Kinos. Reingehen!

Ambivalente Anonyma

geschrieben von Rahel Fink

5. September 2013

Zwischen historischen Klischees und bitteren Wahrheiten

Jan.-Feb. 2009

Anonyma – Eine Frau in Berlin

Deutschland 2008

Regie: Max Färberböck

Darsteller: Sandra Hüller, August Diehl, Juliane Köhler, Nina Hoss, Rolf Kanies, Irm Hermann

Zu Beginn des Films geht mir nur ein Gedanke durch den Kopf: »Oh nein, also doch das Klischee, die Russen kommen nach Berlin und fallen über die Frauen her!«. Zum Glück hält dieser Eindruck nicht den ganzen Film hindurch. Aber ambivalent bleibt mein Gefühl bis jetzt. Wie soll ich diesen Film beschreiben? Was will er sagen? Finde ich ihn sehenswert und kann ich ihn empfehlen? Ich finde keine Antwort, alle Gedanken in meinem Kopf bleiben widersprüchlich.

Er beginnt mit einem Fest. Wunderschön gekleidete deutsche Frauen, die das Schönheitsideal der 40er Jahre verkörpern. Sie stoßen mit Champagner an und halten kurz inne, um an ihre Männer an der Ostfront zu denken. Leider können diese den herrlichen Moment nicht miterleben, aber wer weiß – noch hofft man auf den Endsieg.

Die Hauptperson des Filmes, eine schöne kühle Frau, die auch im Chaos der letzten Tage des Krieges und den ersten im Frieden, alles im Griff zu haben scheint, ist Journalistin und beherrscht mehrere Sprachen. Sogar Russisch. Damit bekommt sie nach dem Einmarsch der roten Armee eine besondere Funktion. Sie wird Dolmetscherin, Vermittlerin und Organisatorin.

Die Rahmenhandlung des Films ist ihr Tagebuch, sie schreibt es für ihren Freund, der noch an der Front ist. Sie schreibt es scheinbar unbeteiligt, wie eine Reportage. Doch die politischen Ereignisse, das Ende des Krieges und die deutsche Kapitulation spielen keine Rolle. Den Neuanfang unter russischer Besatzung beschreibt sie nur unter dem Blickwinkel der bitteren Erfahrung ihrer Vergewaltigungen.

In der für mich eindrücklichsten Szene erzählt ein russischer Soldat unter Tränen von der Vernichtung seines Dorfes durch deutsche Soldaten. Die Journalistin wird als Dolmetscherin herangeholt. Sie hört dem Soldaten zu, aber übersetzt nur zögerlich. Der Soldat forderte sie energisch auf zu übersetzten. Sie tut es und schluckt schwer dabei. Er beschreibt, wie die deutschen Soldaten in sein russisches Dorf einfielen, die Einwohner quälten, vergewaltigten, umbrachten und weiterzogen. Die Dolmetscherin macht ihre Zweifel an seiner Beschreibung mit zwei Worten deutlich »nur gehört?« oder »selber gesehen?« Der Soldat antwortet: »gesehen!«

Die Kapitulation wird von den russischen Soldaten groß gefeiert. Gemeinsam mit den deutschen Frauen wird Essen vorbereitet, getafelt und getanzt. Wie kann das sein? Für die Deutschen brach doch jede Illusion zusammen. Ist die Freude und die Lust am Feiern stärker als alles andere?

Im Laufe des Films kehren zwei Männer aus dem Krieg zurück. Ein Ehemann, der schweigend versucht, wieder ganz normal bei seiner Familie zu leben. Es aber doch nicht schafft und sich in der Nacht nach der Kapitulationsfeier das Leben nimmt.

Auch der Freund der Journalistin kehrt zurück. Er regt sich auf, weil er sein Atelier nicht vorfindet, wie er es verlassen hat. Sie gibt ihm das Tagebuch, er liest es kommentarlos und verschwindet ohne Abschied.

Keine der handelnden Deutschen hat das Kriegsende als Befreiung erlebt. Der Film bedient doch wieder nur das alte Klischee der vergewaltigenden, feiernden, saufenden und tanzenden russischen Soldaten.

Eine Freundin fragte mich, ob ich mir erklären könne, warum der Film wohl »Anonyma« heißt? Warum will diese Frau anonym bleiben, wovor hat sie Angst? Ich habe keine schlüssige Antwort. Vielleicht sollen Klischees geschichtliche Ereignisse anonymisieren? Die bittereren Schilderungen des russischen Soldaten werden bezweifelt, aber deutsche Frauen sind die namenlosen Opfer der Befreiung…

Der aufrechte Gang

geschrieben von Ernst Antoni

5. September 2013

Zur Ausstellung »Guido Zingerl. Regensburger Welttheater«

Jan.-Feb. 2009

Die Ausstellung »Guido Zingerl. Regensburger Welttheater« ist noch bis zum 1. März 2009 in Städtischen Galerie »Leerer Beutel«, Regensburg, Bertoldstr. 9 zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag mit Sonntag, 10 bis 16 Uhr. Am Dienstag, 24. 2. 2009 (Faschingsdienstag) ist die Galerie geschlossen.

Das zur Ausstellung erschienene Begleitbuch »Guido Zingerl. Regensburger Welttheater«, (126 S., zahlreiche vierfarbige und sw-Abbildungen) ist für 19,50 Euro + Versandkosten zu erhalten über »Museen der Stadt Regensburg«, Postfach 11 06 43, 93019 Regensburg, e-mail: museen_der_stadt@regensburg.de

Deutsche Gartenzwerg-Michel wie das treuherzig dreinschauende Wesen mit der sauberen Schürze und dem tropfenden Beil gibt es im Karikaturenwerk des Künstlers Guido Zingerl öfter. Auf einer Zeichnung für eine Postkartenserie der VVN-BdA aus den 90er-Jahren sitzt so einer (da ohne Zipfelmütze) im Fernsehsessel. Am Bildschirm ein Jet mit Balkenkreuz-Flügeln beim Bombenabwurf. Begeisterter WM-Jubel vom Zuschauer-Michel: »Deutschland, Deutschland«.

Als Bildsatiriker ist Zingerl ein Meister der Eindeutigkeit. »Geschmacklos« und »Klischees« lauteten nicht selten Reaktionen auf seine Zeichnungen – die moderateren. Vor Jahrzehnten schon hat Zingerl solche Kritik an (nicht nur) seiner Kunst mit einer heute wieder recht aktuellen Karikatur bedacht: Der Künstler steht neben seiner Staffelei, davor ein Banker mit Melone auf dem Kopf, Vampirzahn und Geldsack. Das Bild auf der Staffelei zeigt das Konterfei eines Bankers mit Melone, Vampirzahn, Geldsack. »Die Ähnlichkeit«, sagt der Banker zum Künstler, »war bei den Abstrakten doch besser!«

Bildsatiren, Karikaturen, Comics: Auch davon ist ein bisschen zu sehen in der großen Werkschau von Bildern Guido Zingerls, die seit November 2008 in Regensburg im historischen Gebäude »Leerer Beutel« gezeigt wird. In erster Linie aber sind es die in knapp fünf Jahrzehnten entstandenen Einzelgemälde und Bilderzyklen des heute im oberbayerischen Fürstenfeldbruck lebenden Malers und Grafikers, die unter dem Titel »Regensburger Welttheater« versammelt wurden.

Es gibt mancherlei Komisches, Satirisches, dominierend aber ist in den sehr oft quadratischen Bildformaten mit den leuchtenden Acrylfarben (mit viel Schwarz dazwischen) eine Sicht, die uns hineinzieht in ein doch recht Furcht erregendes Gewimmel und Gewirr von menschlichen Figuren, technischen Gerätschaften, Verdrahtungen und Schlauchverbindungen. Nach wie vor meist gut zu erkennen, aber gar nicht mehr zum Lachen sind die Strippenzieher und die anderen, die an und in den Drähten hängen. Fließende Übergänge und Funktionswechsel inbegriffen.

Das Bild »Der aufrechte Gang« (entstanden 1982, siehe die Titelseite dieser antifa), steht als bedeutsame Station im Werk des Künstlers für die von ihm bis heute immer wieder aufgenommene bildnerische Auseinandersetzung mit unserer jüngeren Geschichte, mit Faschismus, Verfolgung und Widerstand, Tätern und Opfern. Ein heroisches Bild ohne Siegerpose, ein Held, der sich noch im Tode hinaushebt über die Mörder und die Vollstrecker und über deren Befehlsgeber im Bildhintergrund.

Zu den Gemälden und Zeichnungen, die Zingerl diesem Thema widmete und widmet und deren viele in der aktuellen Ausstellung zu sehen sind, gehören die Hommage aus dem Jahr 2006 für den jüdischen Schriftsteller und NS-Verfolgten Edgar Hilsenrath (dem Verfasser der Romane »Nacht« und »Der Nazi und der Frisör«), viele »heimatgeschichtliche« Allegorien und nicht wenige der literarischen Interpretationen, Adaptionen und Illustrationen des Künstlers. Auch »Auftragswerke« gehören dazu, die in der Ausstellung nicht zu sehen sind. Für die VVN-BdA etwa Porträt-Würdigungen antifaschistisch Widerständiger wie Centa Herker-Beimler oder Alfred Hausser zu damaligen »runden« Geburtstagen.

Das Zingerl’sche »Welttheater« hat in Regensburg, der Geburtsstadt des Künstlers, einst seinen Ausgang genommen. Der Direktor der Museen der Stadt, Martin Angerer, nennt ihn im Begleitbuch einen »wunderbaren Unangepassten«. Vorne im Buch steht auch das bei der Ausstellungseröffnung von Oberbürgermeister Hans Schaidinger (CSU) gehaltene Grußwort: »Ganz wenigen ist es gelungen, aus der ehemaligen Reichsstadt wegzugehen und doch stets präsent zu bleiben. Einer dieser ganz wenigen ist der Künstler Guido Zingerl, der vor 75 Jahren als Heinrich Scholz in Regensburg geboren wurde. (…) Ohne ihn wäre die Regensburger Kultur um manches ärmer.«

Ausstellungsplakat und Titelbild des Begleitbuches: das Bild »Die Überfahrt II«. Ein Boot im Wirbel des berühmten Regensburger Donaustrudels. Am Ruder der Tod; an Bord bunt gemischtes Volk. Ein Bischof scheint »Huch« zu sagen, der Militär hat vorsorglich die Gasmaske auf, ein Typ mit Melone und ein paar andere haben noch einen Mordsspaß. Auf dem Liebespaar, das in sich selbst versunken scheint, liegt schon ein enthäuteter Leichnam, unter den noch Fröhlichen auf dem Kahn sind andere »begraben«: KZler im gestreiften Gewand, viele Schädel und Gebeine. Eine nicht gerade optimistische Fortsetzung der von der Stadt einst angekauften und für die Ausstellung endlich wieder einmal aus dem Depot befreiten umfangreichen Jahrhunderte übergreifenden Bilderchronik »Aufzeichnungen eines Donauschülers« (1986/87) von Guido Zingerl.

»antifa«Ausgabe Nov.-Dez. 2008

geschrieben von Foto: privat

5. September 2013

Nov.-Dez. 2008

»Soeben sind wir raus aus Deutschland« – erster Kindertransport nach England am 1. Dezember 1938. Die Kinder werden in Holland willkommen geheißen.

Demonstration der Jugendlichen Ohne Grenzen anlässlich des Tags der Kinderrechte und der Innenministerkonferenz

Donnerstag 20.11.2008, Potsdam

Siehe S. 12

Editorial

geschrieben von Regina Girod

5. September 2013

Nov.-Dez. 2008

Vor 70 Jahren, am 9. November 1938, gaben die Faschisten mit der Inszenierung landesweiter Pogrome den Startschuss zu der von ihnen geplanten systematischen Vernichtung der Juden. Der Entrechtung, die schon 1933 begonnen hatte, folgte nun der offene Terror. Neben der Zerstörung von Synagogen, Einrichtungen und Geschäften wurden tausende jüdische Männer in KZs verschleppt. Das Signal war eindeutig: Von nun an ging es nur noch um das nackte Überleben. Doch wohin sich retten? In dieser Situation beschloss die englische Regierung, 10.000 jüdischen Kindern aus Deutschland Asyl zu gewähren. Bereits drei Wochen nach den Novemberpogromen rollte der erste Zug von Berlin nach London. Viele der Kinder waren später die einzigen Überlebenden ihrer Familien. Alfred Fleischhacker, langjähriger Autor der antifa, gehörte zu ihnen. Er berichtet im Gespräch von seinen Erinnerungen.

Gerade diese historischen Erfahrungen sollten die Bundesrepublik Deutschland eigentlich zu einem mustergültigen Asylland machen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die gezielte Abschottung der Festung Europa wird auch hier rigoros betrieben. Opfer dieser Politik sind immer wieder auch Kinder, denen ihre in der UN Kinderrechtskonvention festgeschriebenen Rechte vorenthalten werden. Für die im November in Potsdam stattfindende Konferenz der Innenminister ruft deshalb ein breites Bündnis zu Protesten auf. »Jugendliche Ohne Grenzen« und das Aktionsprogramm »Hiergeblieben« erläutern, worum es konkret geht.

Das »Spezial« dieser Ausgabe widmet sich diesmal einem Thema, das in der Arbeit unseres Verbandes immer eine bedeutende Rolle spielte: Entschädigung. Mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Krieges erinnert sich Dr. Ulrich Rabe an seine Arbeit im OdF-Ausschuss einer sächsischen Kleinstadt. Die Bundessprecher Ulrich Sander und Gerhard Fischer erläutern historische, politische und juristische Aspekte der Entschädigungsproblematik, die auch weiter ein wichtiges Arbeitsfeld der VVN-BdA bleiben wird.

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