Warschau – Treblinka

geschrieben von Mala Zimetbaum, Edek Galinski

5. September 2013

Gedenkstättenfahrt auf den Spuren der Warschauer Juden

Sept.-Okt. 2008

Die Berichte der charmanten Dolmetscherin Susanne Kramer als »deutsche Gastarbeiterin in Polen«, die Stadtrundführung durch Warschau sowie der Vortrag von Prof. Goralski, Völkerrechtler an der Universität Warschau, beleuchteten das heutige Verhältnis von Polen und Deutschen aus verschiedenen Blickwinkeln. Insgesamt entstand der Eindruck bei uns, dass im heutigen Polen das Bewusstsein von Deutschland als Land der Täter und Verbrecher im Interesse der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen beschönigt wird.

Der Aufstand des Warschauer Ghettos, beginnend am 19. April 1943, jährt sich dieses Jahr zum 65. Mal. Aufgrund des historischen Ereignisses verlegten die Mitglieder der VVN-BdA und der Deutsch-Polnischen Gesellschaft die Route ihrer diesjährigen Gedenkstättenfahrt nach Warschau, um sich dort auf die Spuren des ehemaligen Ghettos zu begeben und Eindrücke von damaligen und heutigen Beziehungen zwischen Polen und Deutschland zu gewinnen.

Die Reisegruppe unter der bewährten Leitung von Karl Forster und Bundesgeschäftsführer Thomas Willms war altersmäßig und von ihrer sozialen Herkunft her bunt gemischt. Ihre Teilnehmer verband das besondere Interesse an dem dunkelsten Kapitel deutsch-polnischer Geschichte. Erster Haltepunkt der Reise war Treblinka. Hier wurden sowohl das Gelände und Mahnmal von Treblinka I (ein Arbeitslager für polnische Zwangsarbeiter und in Geiselhaft gehaltene Familienmitglieder) als auch Treblinka II (ein Vernichtungslager) besucht. Beide Gedenkorte bräuchten dringend mehr Mittel, um sie pflegen und erhalten zu können. Das gilt auch für das kleine Museum in Treblinka, das 2005 auf Initiative von Bielefelder Schülern und Schülerinnen gegründet wurde. Der Leiter der dortigen Gedenkstätte, Herr Kopowka, beeindruckte durch seine große Detailkenntnis und die unendliche Geduld, mit der er bei brütender Hitze alle Fragen beantwortete. Unsere Gruppe legte im Namen der VVN-BdA am Mahnmal für die Opfer der Deportationen ein Gebinde nieder und ehrte auch Janusz Korczak mit einem Blumenstrauß.

Auch der Ausschwitz-Häftling Kazimierz Albin, einer der ersten Häftlinge (Häftlingsnummer 180), dem sogar die Flucht glückte, beeindruckte uns sehr mit seinem Vortrag. Im ehemaligen jüdischen Viertel Warschaus öffnete uns Dr. Haensel vom Jüdischen Historischen Institut in Warschau die Augen für Unebenheiten des Bodens, fehlende Keller und das Trügerische eines friedlichen Parks. Vom ehemaligen Ghetto zeugen unter anderem erhaltene Häuser in der ul. Prozna (Foto oben) sowie ein kleiner Rest der ehemaligen Ghettomauer auf einem Hinterhof in der ul. Sienna 55. An bedeutsamen Stellen des Kampfes sind heute Gedenksteine angebracht Die frühere Gesia-Straße wurde nach einem der bekanntesten Anführer der zionistischen Kampforganisation des Ghettoaufstandes, Mordechaia Anielewicza, benannt. Reste des Eingangstores sowie ein Bronzeabguss der Ulme davor erinnern an das furchtbare Pawiak-Gestapogefängnis in der ul. Dzielna. Dort befindet sich auch eine beeindruckende Gedenkstätte mit Gedenktafeln für die unzähligen Opfer sowie einer Ausstellung, die versucht, etwas von der damaligen Atmosphäre zu vermitteln. Im Museum für die Kämpfer des Warschauer Aufstandes von 1944, an dem viele überlebende Ghettoinsassen teilgenommen haben, berichteten uns ehemalige Kämpfer von ihren traumatischen Kriegserlebnissen.

Das umfassende Programm der Reise gewährte uns also nicht nur historische, sondern auch aktuelle Einblicke. Eine wirklich gelungene Bildungsreise.

Zwangsarbeit dokumentiert

geschrieben von A. P.

5. September 2013

Zeugnisse und Dokumente liegen nun digitalisiert vor

Sept.-Okt. 2008

Der Internationale Suchdienst in Bad Arolsen (ITS) dient Opfern der Naziverfolgung und deren Angehörigen, indem er ihr Schicksal mit Hilfe seiner Archive dokumentiert. Der ITS bewahrt diese historischen Zeugnisse und macht sie der Forschung zugänglich.Der ITS untersteht den elf Staaten (Belgien, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Israel, Italien, Luxemburg, Niederlande, Polen, Großbritannien, USA) des Internationalen Ausschusses. Grundlage sind die Bonner Verträge von 1955 und das Änderungsprotokoll von 2006. Im Auftrag des Ausschusses wird der ITS vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) geleitet. Weitere Informationen zum Internationalen Suchdienst finden Sie unter www.its-arolsen.org.

Der Internationale Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen hat die Digitalisierung seiner Dokumente zur Zwangsarbeit im »Dritten Reich« abgeschlossen. Eine Kopie der Daten haben die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, das US Holocaust Memorial Museum in Washington und das Nationale Institut des Gedenkens in Warschau erhalten. »Die Dokumente zeugen vom ungeheuren Ausmaß der Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus«, sagte Archivleiter Udo Jost. »Die Arbeitskraft der so genannten Fremdarbeiter wurde in nahezu allen Wirtschaftsbereichen und Regionen ausgebeutet.«

Über 6,7 Millionen Dokumente (ca. 13 Millionen Abbildungen) zum Thema Zwangsarbeit aus der Zeit des Nationalsozialismus und der unmittelbaren Nachkriegszeit hat der ITS gescannt und indiziert. »Die Digitalisierung dient dem Schutz und Erhalt der Originaldokumente«, sagte Jost. »Gleichzeitig ermöglicht sie einen besseren Zugang zu den Unterlagen, ob beim ITS oder unseren Partnerorganisationen in Israel, den USA und Polen.«

Auf Beschluss des Internationalen Ausschusses, dem die Aufsicht über die Arbeit des Suchdienstes obliegt, kann jeder der elf Mitgliedsstaaten digitale Kopien der in Bad Arolsen lagernden Unterlagen erhalten. Bei den jetzt digitalisierten Dokumenten handelt es sich um Originaldokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus, die sich auf Einzelpersonen beziehen.

Dazu zählen vorwiegend Arbeitsbücher von Zwangsarbeitern, Krankenakten, Versicherungsunterlagen sowie Meldekarten von Behörden, Krankenkassen und Arbeitgebern. Daneben hat der ITS auch Listen gescannt, die Anfang 1946 auf Befehl der westlichen Alliierten erstellt wurden. Alle deutschen Gemeinden mussten den Aufenthalt von Ausländern und deutschen Juden während des Zweiten Weltkrieges den alliierten Suchdiensten melden. Die Listen enthalten Angaben zu Wohnorten, Arbeitgebern, Beschäftigungszeiten, Eheschließungen, Geburten und Grabstätten.Die Dokumente dienten unmittelbar nach dem Krieg der Familienzusammenführung und Repatriierung. Später nutzte der ITS die Unterlagen auch für Bestätigungen im Rahmen des Zwangsarbeiter-Entschädigungsfonds. Wissenschaftler können anhand der Akten im seit November 2007 für Forschungszwecke offen stehenden Archiv die Dimension der Zwangsarbeit unter dem Nazi-Regime erforschen. Schätzungen zur Zahl der Zwangsarbeiter während des »Dritten Reiches« gehen von über zwölf Millionen Betroffenen aus, darunter etwa 8,4 Millionen Zivilarbeiter. Eingesetzt waren Zwangsarbeiter in allen Bereichen des Wirtschaftslebens, ob im Bergbau, der Industrie, der Verwaltung, im Handwerk oder der Landwirtschaft.

Nach den Dokumenten zur Zwangsarbeit sowie den bereits gescannten Beständen zur Inhaftierung in Konzentrationslagern, Ghettos und Gefängnissen (ca. 18 Millionen Abbildungen), der Zentralen Namenkartei des ITS (ca. 42 Millionen Abbildungen) und den Karteikarten zu Displaced Persons (ca. sieben Millionen Abbildungen) ist die vor kurzem begonnene Digitalisierung von Unterlagen aus den DP-Camps der Nachkriegszeit das nächste Großprojekt. Über 70 Prozent der beim ITS lagernden Dokumente konnten bisher gescannt und indiziert werden. Voraussichtlich 2011 soll die Digitalisierung des gesamten Archivs abgeschlossen sein.

FIR begrüßt Urteil im Fall Wassili Kononow

geschrieben von Ulrich Schneider

5. September 2013

Sept.-Okt. 2008

Die FIR gratuliert Wassili Kononow und der Union der Lettischen Partisanenbrigaden und erwartet von der Regierung Lettlands, dass sie unverzüglich die moralische Rehabilitierung und im Gerichtsurteil festgelegte materielle Entschädigung der Partisanen vornimmt.

Mit großer Zufriedenheit hat die Internationale Föderation der Widerstandskämpfer – FIR – Bund der Antifaschisten, die Dachvereinigung von Organisationen ehemaliger Widerstandskämpfer, Partisanen, Angehörigen der Anti-Hitler-Koalition, Verfolgten des Naziregimes und Antifaschisten heutiger Generationen aus über 20 Ländern Europas und Israels das Urteil des Europäischen Gerichtshofs im Fall des lettischen Partisanen Wassili Kononow von Ende Juli 2008 zur Kenntnis genommen. Dessen Verurteilung im Jahre 2004 in Riga wegen angeblicher Kriegsverbrechen 1944 wurde aufgehoben und ihm eine Entschädigung für erlittenes Unrecht zugesprochen. Die Richter hoben damit ein Urteil auf, das über 55 Jahre nach Kriegsende den Befreiungskampf der lettischen Partisanen an der Seite der Sowjetischen Armee zu kriminalisieren versuchte. Gleichzeitig gibt es in Lettland Bestrebungen, die SS-Freiwilligen als »Kämpfer für die Freiheit Lettlands« zu rehabilitieren und zu glorifizieren. Die FIR sieht in diesem Urteil nicht nur eine Einzelfall-Entscheidung.

Es ist ein deutliches Signal an alle europäischen Staaten, dass der Befreiungskampf der Völker gegen die faschistische Barbarei nicht geleugnet und kriminalisiert werden darf. Dies ist eine richtige Entscheidung, die der Bedeutung des antifaschistischen Widerstandes für das Werden eines friedlichen Europas gerecht wird.

Standhaft und mutig

geschrieben von Gerhard Kummer

5. September 2013

Else Raßmann aus der Widerstandsgruppe Neubauer/Poser

Sept.-Okt. 2008

Das Berufsleben von Else Raßmann war bestimmt von der Arbeit in der 1956 gegründeten LPG, in der sie als Tierpflegerin ihre Arbeit verrichtete, bis sie in ihr Rentnerleben eintreten konnte. Doch von einem Ruhestand konnte dabei keine Rede sein. Nun ging sie in die Schulen und berichtete im Geschichtsunterricht über ihr Erleben in der Illegalität und im Widerstand gegen den Faschismus. Selbstverständlich gehörte zur ihrer gesellschaftlichen Betätigung auch die Mitarbeit in ihrer Ortsparteigruppe, die Mitarbeit im Sportbund, im Elternaktiv und in der VdN-Kommission bei der Betreuung von älteren Widerstandskämpfern und Verfolgten des Naziregimes.

Am 17. Juli dieses Jahres, wenige Wochen vor ihrem 98. Geburtstag, verstarb Else Raßmann aus Zella-Mehlis, eine der letzten noch lebenden Widerstandskämpferinnen in Thüringen. Wer im Ortsteil Mehlis nach einer Else Raßmann fragte – und so selten ist der Name hier nicht – der erhielt vor allem von älteren Leuten die Antwort: „Sie meinen bestimmt die Raßmanns Else…«. Nun – auf den ersten Blick gab es da kaum einen Unterschied. Nur, dass in der Antwort unausgesprochen mitschwang: »…unsere Else, unsere Else Raßmann.«

Ein Buch bedürfte vieler Seiten, um die Schwere und Länge des Weges zu beschreiben, den sie als Kind armer Eltern, als leidenschaftliche Streiterin für soziale Gerechtigkeit und als in jeder Situation unbeugsame Kämpferin gegen Faschismus und Krieg zurückgelegt hat. Tatsächlich wurde viel über sie geschrieben und wird es wohl auch weiter werden. Doch das war ihr nicht wichtig, mehr schon die achtungsvolle Wärme die ihr entgegengebracht wurde von ihren Genossen, von ihren Gefährten im antifaschistischen Widerstandskampf und von den vielen Mitbürgern, die in ihr »unsere Raßmanns Else« sahen.

Wenn die Rede auf die Stationen kam, durch die sich ihr Lebenslauf von herkömmlichen Biografien unterschied, dann ging es ihr in allererster Linie darum, Erfahrungen, Erkenntnisse und Lehren ihrer politischen Arbeit weiterzugeben. Ihr Leben lang hat sie das versucht, vor allem im geduldigen Gespräch mit jungen Menschen. Längst den Kinderschuhen, der Jugendweihe und der Lehre Entwachsene erinnern sich bis heute an sie. An Else Raßmann beeindruckte vor allem die Standhaftigkeit, die sie nach der Machtzuschiebung an die Hitlerfaschisten im Konzentrationslager Bad Sulza sowie in den Gefängnissen Hohenleuben und Gräfentonna bewies. Trotz Kerkerhaft und Bespitzelung, trotz Krankheit und schwerer Sorgen – die Nazis haben es nie vermocht, sie in die Knie zu zwingen.

Ältere sprechen achtungsvoll von Elses Ehe mit ihrem Hans. Wie beide in ihrer Wohnung gefährdete Hitlergegner verbargen. Wie sie antifaschistische Schriften nicht nur »unter der Hand« weitergaben, sondern auch kofferweise beförderten. Und wie beider Sorgen und Mühen – in ihren Atempausen zwischen Zuchthaus und KZ – dem so unsagbar schweren kommunistischen Auftrag galten, aufrichtige, ehrliche, dem Humanismus verpflichtete Menschen für den Widerstand gegen die braune Barbarei und deren Krieg zu gewinnen.

Lebten Magnus und Lydia Poser noch, so knüpften sie mit Sicherheit an den roten Faden an, der sie und die Raßmanns seit gemeinsamer Haft miteinander verband. Im Dezember 1933 und Frühjahr 1934 war das gewesen. Und es ginge nicht um ein belangloses »Weißt du noch?«, sondern um das mutige Zusammentun in der Widerstandsgruppe Neubauer/Poser Die Begegnungen auch im Hause der Raßmanns, das nahe dem Mehliser »Einsiedel« liegt. Der Transport kaum handtellergroßer Flugblätter in von Magnus gefertigtem Spielzeug. Die Entlarvung eines Spitzels namens Thieme, der den Gestapo-Leuten nicht wenige Hitlergegner ans Messer lieferte. Und nicht zuletzt die kritische Sichtung all dessen, was erreicht worden war; das Verbindungsgeflecht, das Jena, Suhl und andere Orte im Thüringer Wald miteinander verband, die Einbeziehung von immer mehr Menschen in den Widerstand und das gemeinsame Arm-in-Arm mit ausländischen Zwangsarbeitern, deren in den Zella-Mehliser Rüstungsfabriken vergossener Schweiß sich in todbringende Waffen gegen ihre eigenen Völker verwandelte.

Ist das alles nur Geschichte? Else Raßmanns selbstloser Einsatz für das oberste Menschenrecht, den Frieden, für soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde, für von brauner Barbarei befreite Menschlichkeit richtete sich gegen ein System, über das die Geschichte vor Jahrzehnten den Stab gebrochen hat. Und doch wissen wir seit Brecht: »Der Schoß ist fruchtbar noch!« Stößt unsere von neonazistischen Aufmärschen, von rechtsextremistischen Aktionen, von Hasstiraden gegen Andersdenkende, von braun gefärbten Ideologen überzogene Gegenwart nicht geradewegs dazu an, sich des Vorbilds anzunehmen, das so überzeugend von den Neubauer und Poser und ganz und gar nicht zuletzt von einer einfachen Mehliser Frau vorgelebt worden ist? Sie bleibt uns unvergessen: Unsere Else.

Ein früher Putschversuch

geschrieben von Joachim Aust

5. September 2013

Nationalkonservative Generäle wollten Hitler schon 1938
stürzen

Sept.-Okt. 2008

Als am 29. September 1938 die Repräsentanten der Westmächte mit den Führern der faschistischen Staaten Deutschland und Italien zur Münchner Konferenz zusammentraten, bedeutete dies nicht nur den Anfang vom Ende der CSR, sondern zugleich das Scheitern eines aussichtsreichen Putsches gegen das NS-Regime in Deutschland. Mit seiner hemmungslosen Aufrüstungs- und Kriegspolitik hatte Hitler das nationalsozialistische Herrschaftssystem in Deutschland in eine existenzbedrohende Krise geführt. Die Staatsfinanzen waren zerrüttet. Der »Vierjahresplan« konnte daran ebenso wenig ändern wie der Erlass restriktiver Devisengesetze, mit denen der NS-Staat ausländische Bankguthaben seiner Bürger unter seine Kontrolle zu bringen versuchte. Der Bedarf an ausländischer Währung zur Finanzierung dringend benötigter Rohstoffimporte konnte nicht gedeckt werden. Die von Hitler angewiesene Erhöhung des Umlaufs ungedeckter Banknoten vertiefte die Wirtschafts- und Finanzkrise. Dessen ungeachtet war Hitler nicht bereit, auf sein kostspieliges Rüstungsprogramm zu verzichten, das die Möglichkeiten der Außenwirtschaft bei weitem überstieg. Die Idee Hitlers, mit dem Krieg gegen die Nachbarstaaten wirtschaftlichen Spielraum zu gewinnen, führte zu einer ständig zunehmenden Verschärfung der politischen Krise in Deutschland. Dies dokumentiert eine Beratung Hitlers vom 5. November 1937 mit hochrangigen Offizieren. Trotz des Einsatzes brutaler Gewalt war es den Nazis nicht gelungen, die politische Opposition dauerhaft niederzuhalten. Auch der Versuch, die Kirchen zu unterwerfen und die Gesellschaft zu Entchristlichen war gescheitert. Nun verweigerten auch hochrangige deutsche Offiziere Hitler die Gefolgschaft, der die im Aufbau begriffene Wehrmacht in einen zum Scheitern verurteilten Zwei-Fronten-Krieg zu verwickeln drohte. Doch weder der Sturz der Generäle von Blomberg und von Fritsch noch die Annexion Österreichs brachten für Hitler eine Lösung der Krise. Die überhebliche Missachtung des Sachverstandes seiner Generäle, Angriffe gegen führende Offiziere der Wehrmacht und der sich verschärfende »Kulturkampf« gegen die Kirchen begünstigten die Bildung einer nationalkonservativen Aufstandsbewegung deutscher Offiziere. Ihr Ziel war der Sturz des NS-Regimes und die Herstellung einer konstitutionellen Monarchie unter dem preußischen Kronprinzen. Die Verschwörer beabsichtigten auch, sich mit dem bürgerlichen und sozialdemokratischen Widerstand zusammenzuschließen. Am 28. September 1938 schlossen Truppen der 6. Panzerdivision unter General Erich Hoepner auf ihrem Marsch die NS-treue Leibstandarte »Adolf Hitler« und die 1. Panzerdivision unter General Guderian von denen unbemerkt ein, um deren Eingreifen in den geplanten Putsch zu verhindern. In Potsdam wurden Waffen an das 9. Infanterieregiment ausgegeben, um zusammen mit Truppen der Berliner Garnison die Hauptstadt zu besetzen. Unter der organisatorischen Leitung des Obristen Hans Oster, Chef der Zentralverwaltung der deutschen Abwehr, wurden die Umsturzpläne koordiniert. Als vorläufiger Reichspräsident sollte General Beck eingesetzt werden. Der Umsturz scheiterte aber und wurde abgebrochen. Um das NS-Regime zu stürzen, benötigten die aufstandsbereiten Offiziere die außenpolitische Unterstützung westlicher Demokratien. Mehrere Emissäre wurden erfolglos nach England geschickt. Unterstützung wurde ihnen mit dem Abschluss des Münchner Abkommens schließlich verwehrt. Mit dem Bruch der französischen Beistandsverpflichtungen gegenüber Tschechien wurde nicht nur die sowjetische Beistandszusage hinfällig, sondern wurden auch die deutschen Putschpläne durchkreuzt. Eine erfolgsträchtige Möglichkeit zur Beseitigung des NS-Regimes wurde damit vertan.

Die Lichtenburg bleibt

geschrieben von Ulrich Freyberg

5. September 2013

VVN-BdA an der Gestaltung der neuen Ausstellung beteiligt

Sept.-Okt. 2008

Die beiden frühen Konzentrationslager für Männer und Frauen und der Erhalt der Gedenkstätte bewegten seit Jahren viele Gemüter. Über 700 zustimmende Meinungsäußerungen aus breiten Teilen der Bevölkerung bestärkten uns in unserer damaligen Haltung, den gesamten Schlosskomplex als Stätte des Gedenkens zu bewahren. Auf der Grundlage dieser Position bereiteten wir mit anderen Opferverbänden zwei Lichtenburgkonferenzen vor und führten sie in den Jahren 2003 und 2006 unter Beteiligung aller Landtagsfraktionen und interessierten Bürger aus dem Territorium durch.

Diese Veranstaltungen trugen vordergründig »Protestcharakter«, um die Verantwortung der Landesregierung für die KZ-Gedenkstätte Lichtenburg anzumahnen. In einem langwierigen Prozess arbeiteten wir die überregionale Bedeutung der Lichtenburg als eines der ersten Männerkonzentrationslager in Preußen und dann als Frauenkonzentrationslager in Deutschland heraus. Hier wurden Grundlagen für das KZ-System in ganz Deutschland und in den okkupierten Gebieten gelegt. In den Jahren der Auseinandersetzung halfen uns auch die regelmäßig durchgeführten Jugend-Workcamps, die Erinnerung an die KZ-Zeit wach zu halten. Der Bürgermeisterin und ihren Mitstreitern ist es zu verdanken, dass die Gedenkstätte zugänglich blieb.

Mit Zustimmung unseres damaligen Vorsitzenden, Josef Gerats, der dem Kampf für den Erhalt der Lichtenburg Jahre seines Lebens gewidmet hat, entschieden wir schließlich, die auch vom Zentralrat der Juden favorisierte Variante der Errichtung einer Gedenkstätte im so genannten Werkstattgebäude als Kompromisslösung zu akzeptieren. In Frau Prof. Jacobeit von der Humboldt-Universität Berlin, ihren Doktoranden und Studenten fanden wir fachkundige Unterstützung unseres Anliegens.

Am 20. und 21. Juni 2008 wurde nun eine neue Lichtenburgkonferenz durchgeführt, diesmal organisiert von der Gedenkstättenstiftung Sachsen-Anhalt. Diese Konferenz leistete einen wissenschaftlichen Beitrag zur Geschichte beider Konzentrationslager und erinnerte gleichzeitig an das SPD-Verbot durch die Nazis. Wir sehen nun mit Zuversicht in die Zukunft. Die beabsichtigte Eröffnung der neuen Gedenkstätte im Jahre 2010 scheint realisierbar. In die Gestaltung der neuen Ausstellung ist die VVN-BdA einbezogen und hat Mitspracherecht.

»Die Wahrung der Demokratie ist die Voraussetzung, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Das setzt ein vorausschauendes Zusammenwirken aller linken Strömungen, bei Wahrung ihrer Integrität und die Einbeziehung weiterer demokratischer Kräfte aus der Mitte der Gesellschaft voraus.« Dies gab uns Ernesto Kroch, ehemaliger Häftling der Lichtenburg, als Zeitzeuge mit auf den Weg.

Protokoll einer Auslöschung

geschrieben von Regina Girod

5. September 2013

Wie Menschenrechte außer Kraft gesetzt werden

Sept.-Okt. 2008

Savvas Xiros:

Guantanamo auf griechisch. Zeitgenössische Folter im Rechtsstaat, Pahl-Rugenstein 2007, 13,90 Euro

Ein schreckliches Buch! Mit einem an die Hand gebundenen Stift geschrieben – weil die Finger fehlen. Von einem Mann der fast blind, so gut wie taub und durch schwere körperliche Schäden zum Pflegefall geworden, in einem unterirdischen Gefängnistrakt eine mehrmals lebenslängliche Haftstrafe verbüßt. Hier und heute, im Europa des 21. Jahrhunderts. In den Jahren 2004 bis 2007 entstanden, dokumentiert das Buch des griechischen »Terroristen« Savvas Xiros einen unerhörten Vorgang: Die Wiederaufrichtung eines Menschen, der durch Folter gebrochen wurde. Eine psychische Großtat, vollbracht aus eigener Kraft- durch Schreiben. Schreiben als qualvoller Akt der Selbstvergewisserung. Schreiben, um die Macht über die Erinnerungen zurückzugewinnen. Fragmentarische Texte, unerbittlich Zeugnis ablegend von menschlichen Abgründen und menschlicher Überlebenskraft. Wer bin ich? Was haben sie aus mir gemacht?

Am 29. Juni 2002 explodierte in der Hand von Savvas Xiros, Ikonenmaler, Mitglied der »Revolutionären Organisation 17. November«, kurz »17 N« genannt, eine Bombe, mit der er einen Anschlag auf das Büro einer Schifffahrtsgesellschaft im Hafen von Piräus verüben wollte. Der Anschlag war als Reaktion auf die gewaltsame Niederschlagung eines Streiks der griechischen Hafenarbeiter gedacht gewesen. 27 Jahre lang hatten Polizei und Geheimdienste in Griechenland vergeblich versucht, der Organisation »17 N« auf die Spur zu kommen, die, im Gefolge der Militärdiktatur entstanden, im Laufe der Jahre 19 Anschläge auf Personen und mehr als 80 Anschläge auf Gebäude verübt hatte. Sechs Millionen Euro Kopfgeld waren auf ihre Mitglieder ausgesetzt worden. Vergeblich.

Mit dem schwer verletzten Savvas Xiros in der Hand bot sich den griechischen Behörden die einmalige Chance, die Organisation 17 N aufzurollen. Die Ermittlungsbehörden reagierten sofort und verwandelten die Intensivstation des Athener Krankenhauses, in das man ihn gebracht hatte, in ein Verhörzentrum. Man brauchte den mit dem Tode Ringenden ja nicht einmal zu verhaften. Völlig hilf-und wehrlos, ohne juristischen Beistand, vollgepumpt mit Psychopharmaka, wurde er 65 Tage lang Prozeduren unterzogen, die seinen Widerstand brachen, seine Urteilsfähigkeit außer Kraft setzten und ihn zu einer willenlosen Marionette degradierten. »Wer jede ihm vom Gegenüber zugedachte Rolle annimmt, ohne die Fähigkeit zu zweifeln, zur Eigeninitiative, zum Nachdenken oder Denken, der ist suggestibel. Ein psychisch toter Mensch. Eine unpersönliche Persönlichkeit, ein unbeständiger Charakter, ein anderer Mensch.«, beschreibt er seinen Zustand später. »Dort, wo eine Werbung, eine Kampagne im Wahlkampf ansetzt, eine bewusstseinsverändernde Substanz oder Verheißung wirken, wo die Drogen zerfressen, die Wahnbilder der Abhängigen, gemeinsam oder einzeln eine andere, viel plastischere Realität im Innersten der Existenz, im Willen erzeugen, dort, im Kern der Existenz setzt auch die moderne Verhörmethodik an. Und dort steht der ihr Unterzogene tiefer als ein willenloses Tier, der keine Möglichkeit zur Kontrolle der Vorgänge hat, nichts in Frage stellen kann, kein Recht zur Verweigerung oder Wahl besitzt.« Ein Anwalt, der Savvas Xiros 45 Tage nach der Explosion im Krankenhaus sehen durfte, beschrieb seinen Zustand als den eines »fünfjährigen Kindes mit Down-Syndrom«.

Dennoch fanden die von ihm im Krankenhaus getätigten und später widerrufenen Aussagen im Prozess Verwendung. 15 mutmaßliche Angehörige der Organisation »17 N« wurden im Dezember 2003 zu Gefängnisstrafen von acht Jahren bis mehrmals lebenslänglich verurteilt. Zu der Verwertbarkeit der Aussagen von Savvas Xiros auf der Intensivstation hieß es in der Urteilsbegründung: »…angesichts des kritischen Zustandes und der Gefahr, dass er nicht überlebt, gelangten die Ermittlungsbehörden zu der Erkenntnis, dass man mit ihm kommunizieren müsse, um Indizien zu sichern, die zur Aushebung der Organisation führen würden.«

Ein wichtiges Buch. Es vermittelt nebenher die beklemmende Erkenntnis, dass ganz normale Krankenhausärzte und Schwestern, die gestern noch nichts Derartiges dachten, heute bereit sein können, Folter zu akzeptieren und sich sogar an ihr beteiligen! Zumindest dann, wenn das Opfer »Terrorist« ist. Die von den USA vorgelebte Maxime, zu Terroristen erklärten Personen die elementarsten Menschenrechte abzusprechen, trägt unheilvolle Früchte. Und das nicht nur in Griechenland.

Zu danken ist der in Athen lebenden Journalistin Heike Schrader für die deutsche Übersetzung des Buches und ihre ausführliche Einführung in die historischen und politischen Hintergründe des Falles Savvas Xiros und der »17 N«. Geplant sind nunmehr auch eine französische und eine englische Ausgabe. Savvas Xiros selbst kämpft inzwischen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte um dringend notwendige medizinische Behandlungen. Sein Gesundheitszustand hat sich durch die Haftbedingungen weiter verschlechtert. Auch sein Bruder, der ihn als Mithäftling pflegt und damit sein Überleben ermöglicht, ist unterdessen schwer erkrankt.

Konsequente Hilfe ist nötig

geschrieben von Das Gespräch führte Regina Girod

5. September 2013

Mitarbeiterinnen des Behandlungszentrums für Folteropfer in Berlin im
Gespräch

Sept.-Okt. 2008

Das Behandlungszentrum für Folteropfer (bzfo) in Berlin wurde 1992 gegründet und bietet Opfern organisierter staatlicher und Bürgerkriegs-Gewalt Hilfe bei körperlichen Leiden, seelischen Langzeitschäden und psychosomatischen Störungen. Das Behandlungsangebot richtet sich an Erwachsene, Kinder und unbegleitete Jugendliche. Etwa 500 Menschen behandelt das Team jährlich. Die Patientinnen und Patienten kommen aus fast 60 Ländern. Rund die Hälfte der Ausgaben wird vom Bund, der EU und den Vereinten Nationen finanziert; der Rest wird von Stiftungen, Unternehmen und Privatpersonen getragen.

www.bzfo.de

antifa: Die meisten Patienten in Ihrer Einrichtung sind Flüchtlinge im Asylverfahren. Wie finden sie den Weg zu Ihnen?

Claudia Kruse: Personen und Einrichtungen, die mit Flüchtlingen arbeiten, also Ärzte, Rechtsanwälte, Flüchtlingsberatungsstellen, seit einiger Zeit auch die Erstaufnahmestelle für Asylbewerber, verweisen auf uns, wenn sie den Eindruck haben, dass ein Klient spezielle medizinische und psychologische Hilfe benötigt. Wir haben lange Wartelisten. Nur ein Teil der hier ankommenden Folter-überlebenden hat überhaupt die Möglichkeit, unsere Therapieangebote in Anspruch zu nehmen. Es gibt auch eine Art Mund zu Mund-Propaganda unter Landsleuten. Ehemalige Patienten helfen anderen, den Weg zu uns zu finden.

antifa: Mit welchen Symptomen und Krankheitsbildern sind Sie konfrontiert?

Claudia Kruse: Folter verletzt, isoliert und macht sprachlos. Folter ist darauf ausgerichtet, den Opfern ihre Würde und jede soziale Bindung zu nehmen. Einige unserer Klienten haben die Orientierung in ihrem Leben verloren.

Diagnostisch haben wir es mit verschiedenen Krankheitsbildern zu tun. Eine häufige Erkrankung ist die posttraumatische Belastungsstörung, die mit flashbacks, Gedächtnis- und Konzentrationsproblemen, Schlafstörungen, Alpträumen, Wiedererinnern an das Trauma verbunden ist. Viele Patienten haben Depressionen und leiden an vielfältigen Schmerzzuständen.

Ihre Krankheit belastet nicht nur sie, sondern auch ihre Familien. Wir behandeln auch Kinder und Jugendliche. Manche sind durch die Gewalterfahrungen der Eltern und die Auswirkungen auf das Familiensystem sekundär traumatisiert, andere haben eigene Kriegs- oder Foltererfahrungen. Hinzu kommt bei einigen der Verlust der Familie. Sie kommen allein als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland, z. B. ehemalige Kindersoldaten.

antifa: Braucht Therapie nicht vor allem eine sprachliche Grundlage? Wie schaffen sie die bei Patienten aus mehr als 50 Ländern?

Andrea Ahrndt: Das ist ein Teil unseres speziellen Angebotes. Wir arbeiten mit von uns weitergebildeten Dolmetschern. In Berlin gibt es für fast alle Sprachen Dolmetscher. Ein großes Problem bereitet allerdings deren Bezahlung. Wir müssen die Arbeit der Dolmetscher größtenteils aus Spenden finanzieren. Sprachprobleme sind auch der Hauptgrund dafür, dass niedergelassene Therapeuten die Behandlung von Folteropfern oft nicht übernehmen können.

antifa: Wie beeinflusst der Flüchtlingsstatus die Situation ihrer Patienten?

Claudia Kruse: In jedem Fall wirkt sich der Status als Asylbewerber auf die psychische und physische Verfassung des Klienten aus und ist somit Gegenstand der Therapie. Der unsichere Rechtsstatus, dem sie unterliegen, belastet unsere Patienten meist noch stärker als andere Betroffene. Hinzu kommt die oft als demütigend empfundene Behandlung bei den zuständigen Behörden, der Rassismus und die Ausgrenzung, die sie in Deutschland erfahren. All diese Probleme werden immer wieder in den Therapien thematisiert. Man kann sich ja nicht isoliert mit Traumafolgen der Vergangenheit beschäftigen, wenn die Traumatisierung fortgesetzt wird.

Andrea Ahrndt: Als Sozialarbeiterin setze ich mich jeden Tag mit Ämtern und Behörden auseinander. Zum Beispiel haben wir die Möglichkeit, im Rahmen eines Therapieplanes eine Arbeitserlaubnis für Patienten zu beantragen, weil Arbeit sehr wichtig für die Stabilisierung des Selbstwertgefühls ist. Doch es dauert oft Monate, bis wir sie bekommen. Solange hält kein Betrieb einen Arbeitsplatz frei. Große Probleme bereitet uns auch die Residenzpflicht. Flüchtlinge, die im Umland von Berlin leben, brauchen für jede Therapiestunde eine extra Genehmigung, um nach Berlin zur Behandlung kommen zu dürfen. Und wenn diese erteilt wurde, ist ein weiteres Problem die Übernahme der Fahrtkosten. Da Flüchtlinge ja nur verminderte Sozialleistungen erhalten, können sie die nicht selbst aufbringen.

antifa: Ist das nicht frustrierend?

Claudia Kruse: Natürlich. Menschen die Folter oder Krieg erlebt haben, kennen das Gefühl der totalen Ohnmacht und des Ausgeliefertseins. Wir bemühen uns darum, diese Menschen zu stabilisieren und sie wieder handlungsfähig zu machen. Wir müssen aber immer wieder erleben, dass unsere Arbeit durch die rechtlichen und sozialen Rahmenbedingungen behindert wird.

antifa: Aber Ihre Einrichtung wird doch staatlich gefördert?

Claudia Kruse: Ja. Ein Teil unserer Mittel stammt aus dem Etat des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Wir erfüllen hier den staatlichen Auftrag der Behandlung und medizinischen Versorgung von Folteropfern, zu der sich alle Staaten der EU verpflichtet haben. Es gibt zur Rehabilitation von Folteropfern klare EU-Richtlinien, die von den Mitgliedsstaaten umgesetzt werden müssen, in Deutschland aber bisher nur teilweise umgesetzt sind.

Nichts auslassen

geschrieben von Hans Canjé

5. September 2013

Kurt Pätzold hat die »Erinnerungen eines Historikers«
vorgelegt

Sept.-Okt. 2008

Kurt Pätzold:

Die Geschichte kennt kein Pardon. Erinnerungen eines deutschen Historikers«, Edition Ost im Verlag Das Neue Berlin, 320 S.,Euro 19,90

Eine Anmerkung vorweg zur Erklärung der ganz persönlichen Beziehung an den vorliegenden »Erinnerungen eines Historikers«: Der Rezensent und der gleichaltrige Autor begegneten einander erst im ziemlich fortgeschrittenen Alter, nach der »Wende«. Der Rezensent hat die Jahre vor diesem »Beitritt« im Wesentlichen in den »alten«, der Autor in der nun »neue Bundesländer« genannten »ehemaligen DDR« gelebt. Der Rezensent mit Rest-Kriegserfahrung war nach 1945 auf recht mühseligem Weg in die Schar jener recht bald als »staatsfern« an den Rand Gedrängten gelangt, die nach den Erfahrungen des Vergangenen den Antifaschismus – mit all dem, was er als Menschenrechtsbewegung beinhaltet – als Staatsdoktrin für zwingend hielten. Kurt Pätzold hat diese Jahre »staatsnah« als Student, Parteifunktionär, Hochschullehrer, Historiker und loyaler Staatsbürger in der SBZ, die als DDR diesen Antifaschismus zur Staatsdoktrin erhoben hatte, gelebt. Was auch ihm nach der »Wende« (»Die DDR wurde von nun an ‚zurückgebaut‹.«) als »Vergehen« angelastet wurde und weitere Beulen am Kopf (darunter auch 1992 die Entlassung aus dem Hochschuldienst) eingebracht hat. (Nicht alle seinen Beulen sind, die Lektüre der Erinnerungen macht es deutlich, vom Klassenfeind.)

Zu Überlegungen von DDR-Historikern, eine Hitlerbiografie zu schrieben, entschied, wie bei Pätzold zu lesen, die Führung der SED in frühen Jahren dahingehend, dass eine Biografie des von den Faschisten ermordeten Vorsitzenden der KPD, Ernst Thälmann, Priorität habe. Für die »Süddeutsche Zeitung« Anlass, ihre ansonsten recht sachliche und den Rang des Historikers Pätzold durchaus anerkennende Rezension mit der zweideutigen, einer Geschichtsklitterung nahekommenden Überschrift »Ohne Thälmann kein Hitler« zu versehen. Die Totalitarismusdoktrin lässt grüßen. (H.C.)

Kurt Pätzold, »antifa«-Leser wissen es aus zahlreichen Veröffentlichungen, kann erzählen und er hat was zu erzählen. Wer als »Westler« die oft zu lesende Formel: »Wir sollten uns zum besseren Verständnis unsere Biografien erzählen« ernst nimmt, der sollte diese Erinnerungen lesen, Sie sind verwoben mit der Geschichte eines Staates, der sich auf den Weg begeben hatte, die Verhältnisse umzustülpen, in denen der Mensch nur Posten in den Kalkulationen der Mächtigen darstellt – und dabei gescheitert ist. Eingebettet aber auch in das, was der »Kalter Krieg« an Auswirkungen auf die Politik der beiden deutschen Staaten hatte, wobei der westwärts gelegene den Ostteil erklärtermaßen stets als Wechselbalg, als »heimzuholendes Territorium« betrachtet und behandelt hat – was diesen manchen, auch innenpolitisch spürbaren Stachel ausfahren ließ.

»Vollständigkeit« strebt der Autor nicht an. Im Nachwort sagt er: »Befolgt werden sollte der Grundsatz, nichts auszulassen, um von sich das Bild einer Lichtgestalt zu entwerfen«. Dieser Gefahr entgeht er durch die sehr kritische Betrachtung seiner (stets aktiven) Mitwirkung am Geschehen im Staate DDR, sei es in der Umsetzung der Politik der Regierung oder der herrschenden SED (»… Zweifel im Grundsätzlichen nagten nicht an mir«) oder auch bei den Forschungsarbeiten, bei denen die Freiheit der Wissenschaft mitunter ihre Grenzen durch engstirnige Funktionäre oder die Befindlichkeiten des »Großen Bruders« Sowjetunion fand.

Diese Erinnerungen sind ein ganz eigenes Zeitdokument, das uns mit nimmt auf den nun bald achtzigjährigen Weg des bekennenden Sozialisten, des international renommierten Faschismusforschers und Autors zahlreicher Bücher, der seine Forschungen zum Faschismus »immer auch als Warnung verstanden« hat und heute die »Auflehnung gegen die Lüge vom verordneten Antifaschismus« der DDR als »eine Frage des Anstands« bezeichnet. Dem nie träumte, »noch einmal Bürger eines Staates zu sein, der die Lobpreisung der Waffen-SS legalisiert«. Die letzten einhundert Seiten dieser Erinnerungen widmen sich dem Leben des Bürgers Pätzold in diesem Staat, in dem er nun – weite Strecken dabei auf dem Fahrrad – mehr denn je als gefragter Gesprächspartner »auf Achse« ist. Angesichts der Fülle der seitdem vorgelegten Bücher und anderen Publikationen ist man fast geneigt jenen Studenten zuzustimmen, die Pätzolds Rausschmiss fast als Segen bezeichneten. Nie hätte er sonst soviel über die Geschichte von Faschismus, Krieg und Judenmord publiziert.

An einer Stelle seiner Erinnerungen erwähnt Pätzold die Maxime eines seiner Historikerkollegen »lieber uneingeschränkt kürzer leben als eigene Lebensansprüche reduzieren«. Da er, wie zu lesen ist, seine eigenen Lebensansprüche bislang nicht reduziert hat und dies auch fürderhin nicht zu tun gedenkt, wird die Kapitelüberschrift »Das Jüngste oder das Letzte« (Buch) ganz sicher in dem Sinne beantwortet werden, dass diese Erinnerungen das »jüngste« Werk aus seiner Feder sind.

Fluchthilfe als Widerstand

geschrieben von Peter Fisch

5. September 2013

Erinnerung an Lisa und Hans Fittko, die unzählige Menschen
retteten

Sept.-Okt. 2008

Lisa Fittkows Bücher sind antiquarisch noch erhältlich.

Die Finanzierung des Denkmals für Hans und Lisa Fittko wurde vom Deutschen Bundestag 1992 mit der Begründung abgelehnt hatte, es sei »nicht zu verantworten, eine Million in einem abgelegenen Ort mit sehr geringem Nutzwert zu stecken«. Das Denkmal wurde schließlich von der katalanischen Regierung, der Gemeinde Banyuls-sur-mer und privaten Sponsoren finanziert.

In Banyuls-sur-Mer, einem französischen Fischerort am Fuße der Pyrenäen, wurde am 13. Februar 2001 ein Denkmal enthüllt. Es trägt die schlichte Inschrift: »Es war das Selbstverständliche. Dem Andenken von Lisa und Hans Fittko und den vielen anderen«.

Von September 1940 bis April 1941 führten die Fittkos Verfolgte des Nazi-Regimes über die Pyrenäen. Ihre Tat rettete vielen Menschen, darunter bekannten Künstlern, Schriftstellern und Wissenschaftlern, das Leben. Am 26. September 1940 machte sich Lisa Fittko zum ersten Mal auf den strapazenreichen Weg über die Berge. Drei Exilanten waren die ersten, die sich ihrer Führung anvertrauten, um über einen alten Schmugglerpfad spanischen Boden und von dort aus Lissabon zu erreichen.

Entscheidend für die Fittkos, diese gefährliche Mission zu übernehmen, war ihre Begegnung mit dem US-amerikanischem Journalisten Varian Fry. Dieser leitete, ausgestattet mit gesammelten Gel-dern, die Hilfsorganisation »Emergency Rescue Comittee«, die bedrohten Flüchtlingen half.

Getragen von tief verwurzelten humanistischen Überzeugungen retteten die Fittkos vor den Nazis Geflohene, ohne nach deren sozialer Herkunft, Parteizugehörigkeit oder weltanschaulicher Position zu fragen. Zu Ehren von Lisa und Hans Fittko wurde der Fluchtpfad bald »Route F« (»Fittko«) genannt. Ungezählte Flüchtlinge, unter ihnen Heinrich Mann, der Bruder von Katia Mann, Hannah Ahrendt, Fermi, Chagall, Walter Mehring, André Breton, Lion Feuchtwanger, Alma Mahler und Franz Werfel konnten auf diesem Wege dem tödlichen Zugriff der Gestapo entkommen.

Im Herbst 1941 mussten die Fittkos selbst um ihre Sicherheit bangen. Varian Fry wurde vom Vichy-Regime ausgewiesen. Es verwundert nicht, dass Fry durch die US-Regierung keinerlei Anerkennung erfuhr, im Gegenteil. Der Nähe zu den Kommunisten verdächtigt, erlebte er nach dem Krieg die Schrecken der McCarty-Ära. Er fand keine Möglichkeit mehr, in seinem Beruf zu arbeiten.1967 verstorben, ehrte der Staat Israel ihn posthum im Jahre 1996 in der Gedenkstätte Yad Vashem.

Wahrscheinlich wüssten wir gar nichts von Hans und Lisa Fittko, wäre nicht, 40 Jahre (!) nach dem Tod von Walter Benjamin dessen Freund Gershom Sholem auf einen Kurzbericht von Lisa Fittko gestoßen, der einige Aussagen über das tragische Schicksal Benjamins, (er beging nach versagtem Grenzübertritt Selbstmord) und den Verbleib seiner philosophischen Manuskripte enthielt. Auf Anraten Sholems erweiterte Lisa Fittko ihren Bericht.1985 lag er unter dem Titel »Mein Weg über die Pyrenäen« vor. Ohne Pathos schildert sie darin ihr Leben als Emigrantin in Frankreich, die faschistische Okkupation, die Gefahr der Verfolgung und Internierung, die Kontakte zu Fry, die selbstlose Hilfe für die Exilanten sowie ihre am Ende erfolgreiche eigene Flucht und ihr Leben in der Emigration auf Kuba. Sieben Jahre später erschien ein weiterer Memoirenband von ihr unter dem Titel »Solidarität unerwünscht. Meine Flucht durch Europa«. Gegenstand dieses Buches sind hauptsächlich die Jahre von 1933 bis 1940.

In einer deutschsprachigen jüdischen Familie 1909 in Uzgorod, einer Kleinstadt im östlichen Teil Österreich-Ungarns geboren, wurde Lisa Fittko vor allem durch das linke intellektuelle und politische Milieu in Berlin und Wien geprägt, Städte, in denen sie ihre Jugend verbrachte. Sie beteiligte sich aktiv an den politischen Kämpfen der 20er- und frühen 30er-Jahre. Nach der Errichtung der faschistischen Diktatur entschloss sie sich zunächst, in Deutschland zu bleiben und in den Untergrund zu gehen. Als die unmittelbare Gefahr bestand, verhaftet zu werden, geht sie ins Exil. In Prag lernt sie ihren späteren Ehemann kennen, den Kommunisten Hans Fittko. Ohne Unterbrechung setzten beide ihre antifaschistische Arbeit fort. Ihr Weg führte sie über die Tschechoslowakei und die Schweiz schließlich nach Frankreich.

Nach dem faschistischen Überfall auf Frankreich wurden die Fittkos interniert. Lisa kam nach Gurs, Hans nach Vernuche, beides Lager im noch unbesetzten Teil Frankreichs. Mit Mut, List und Glück, unterstützt von Franzosen, fanden sie 1940 in Montauban wieder zusammen und gingen nach Marseille. Hier begann ihr eingangs geschildertes Wirken zur Rettung der Emigranten. Beide standen auf der Fahndungsliste der Gestapo. Sie besaßen nicht einmal gültige Pässe. Lisa war es, die den möglichen Fluchtweg fand: Er führte von Port Vendre (Frankreich) nach Port Bou (Spanien). Als im April 1941 die Vichy-Regierung Ausländern verbot, sich in Grenznähe aufzuhalten und die Gefahr der Auslieferung an die Nazibehörden immer größer wurde, nahmen die Fittkos das Angebot Varian Frys an und flüchteten nach Kuba, wo sie bis 1948 blieben.

Anschließend lebten sie in Chicago, wo Hans Fittko 1960 verstarb. Nach ihrer Versetzung in den Ruhestand begann Lisa Fittko mit dem Schreiben und engagierte sich in der Friedensbewegung. 1994 war sie Ehrengast bei der Feier zur Einweihung des Denkmals in Port Bou, das zu Ehren Walter Benjamins errichtet worden war. Sie starb am 12. März 2005.

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