Fragwürdige Lesart

geschrieben von Tanja Girod

5. September 2013

Hollywood verfilmt Bernhard Schlinks Roman »Der Vorleser«

März-April 2009

Der Vorleser (The Reader)

Drama – USA/Deutschland 2008

FSK: Freigegeben ab 12 Jahren – 124 Min. – Verleih: Senator

In meinem Schrank steht ein Buch von Bernhard Schlink. Kein Roman, sondern ein Lehrbuch; Staatsorganisationsrecht II. Dieses Buch ist ein außergewöhnliches intellektuelles Vergnügen, geschrieben von einem herausragenden Didaktiker. Professor Schlink war mein Lieblingsprofessor.

Im Jahr 1999 veröffentlichte er einen Roman, den er nach den Vorlesungen für die Mütter seiner Studentinnen signierte: »Der Vorleser«. Wenn dieser auch, vor allem in den USA, millionenfach verkauft wurde: Bernhard Schlink wird wohl als schreibender Rechtswissenschaftler in die Geschichte eingehen und nicht als juristisch gebildeter Dichter.

Dennoch: ein mutiger Schritt, sich als anerkannter Jurist von der Literaturkritik in Frage stellen zu lassen. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass der Autor sehr wohl wusste, was er tat. Denn in diesem ambivalenten Buch verdichtete Schlink seine Erfahrung als Nachkriegsjurist und »Alt-68er«. Der Roman erinnert an eine juristische Fallstudie und Kleist`sche Reportagetechniken. Plot und Figuren-ensemble erschienen mir geradezu kühn.

Erzählt wird von der sexuellen Initiation eines 15 jährigen Gymnasiasten durch eine Ex-KZ-Aufseherin. Sie begegnen sich in einer Straßenbahn. Die große Liebe und das Banale sind immer so nah. Zufällig treffen beide sich Jahre später im Gerichtssaal wieder. Er kann nicht zu ihr stehen und lässt zu, dass sie stellvertretend für raffiniertere Täter verurteilt wird. Am Ende ist sie tot, eine kulturell geläuterte Ex-Analphabetin, er für den Rest seines Lebens liebesunfähig, schuldig.

Im Buch liegt der Schwerpunkt auf dem männlichen Protagonisten und seinem Leiden. Schlink spielt das Drama einer ganzen Generation an einem besonders zugespitzten Fall durch. Diese Nachkriegsgeneration wird permanent geplagt von schlechtem Gewissen, einer Art kultureller Erbschuld. Hanna Schmitz, Geliebte und Täterin, erscheint als Deutsche, wie sie im Buche steht: Arisch, blond, etwas herb, pflichtbewusst, reinlich, verantwortungsbewusst und mit einem Hang zur Uniform. Das einzige, was ihr fehlt – und das unterscheidet sie von den anderen SS-Aufseherinnen – ist ein gewisses Maß an Dreistigkeit und Corpsgeist. Sie ist eine Außenseiterin. Deshalb kommen die anderen auch mit milderen Strafen davon.

In einer Kritik in der SZ wurde der Roman als kulturelle Pornographie diffamiert. Ich fand die Rückblenden und das Ressentiment eines »Alt-68ers« auf seine erste Beziehung im steifen Deutschland der 50er Jahre nicht so peinlich, dass die Bezeichnung »Naziporno« gerechtfertigt gewesen wäre. Anders der Film! Meiner Meinung nach wurde das Buch durch Filmemacher Daldry, den Drehbuchautor David Hare und durch die amerikanische Öffentlichkeit falsch rezipiert. Denn das Buch handelt von der Frage nach persönlicher Schuld und sexueller Verstrickung vor dem Hintergrund der deutschen Zeitgeschichte; Aufwachen und doch nicht Aufwachen wollen; Entgrenzung und doch gehemmt sein. Der Film dagegen handelt von Kate Winslet als bemitleidenswerter Täterin. Er bietet schönstes amerikanisches Ausstattungskino – die Farben, das Licht und das Set-Design entsprechen allen Erwartungen und bedienen jedes zitierfähige Klischee.

Oft ist in den USA der nackte Körper tabu, dafür wird die Darstellung äußerster Grausamkeiten toleriert. Hier wird plötzlich sehr viel nackte Haut gezeigt (ein Jurist würde sagen: geschlechtliche Beiwohnungen), dafür aber keine blutigen Naziverbrechen. In dieser Hinsicht wirkt der Film fast europäisch. Allerdings erscheint die sexuelle Initiation nicht so überzeugend, dass sie das Entstehen einer echten Neigung rechtfertigen würde. Und ist es legitim, den Zuschauer mit einer visuellen Projektion vom Sex mit der KZ-Aufseherin im Kopf nach Hause gehen zu lassen?

Die Bearbeitung von Daldry greift die Frage der Deutungshoheit auf. Jede bildliche Darstellung einer historischen Fiktion verändert unsere Rezeption der Zeitgeschichte. Wir haben andere, neue Bilder in unserem Kopf. Das eigentlich avantgardistische Moment des Films besteht darin, den Fokus nicht auf die Monster Eichmann, Goebbels oder von Schirach, also die üblichen hässlichen Deutschen zu richten, sondern auf eine »Mörderin«, die nur pflichtbewusst ist, sehr eigenwillig, Analphabetin und eine wunderschöne Frau. Sie entscheidet sich innerhalb ihrer Umstände nicht für den Persilschein wie die anderen pflichtbewussten Deutschen in dieser Zeit – sondern für Gefängnis, Freitod und die Rolle des Sündenbocks.

Der Film hat ein im Buch nicht enthaltenes, bitteres und sehr unversöhnliches Ende. Die Überlebende verweigert die Absolution und die persönliche Wiedergutmachung der KZ-Aufseherin. Hanna Schmitz hat sich umsonst im Gerichtssaal geopfert und sinnlos lebenslang gesessen.

Für mich war der Film eine Enttäuschung. Zu viel Mainstream, das Niveau der Romanvorlage wurde deutlich verfehlt. Die mediale Verwurstung von Nazistoffen, die Oskar-, Bären- oder sonstig preisverdächtig sind, hat mich bereits bei der Weißen Rose und dem Stauffenbergfilm der Scientologynase Tom Cruise geärgert. Don’t fraternize!

»Ein Leben für ein Leben«

geschrieben von Frank Horzetzky

5. September 2013

Ein verstörendes Meisterwerk über Folgen des Holocausts

März-April 2009

»Ein Leben für ein Leben«

»Adam Resurrected«, 2008

Regie: Paul Schrader, Drehbuch: Noah Stollmann. Deutschland, USA, Israel 2008, nach dem Roman »Adam Hundesohn« (1969, dt. Titel) von Yoram Kaniuk

Dr. Frank Horzetzky praktiziert als Facharzt für Psychotherapie und Psychosomatik in Berlin

Vorweg ohne Umschweife: Ein sehenswerter Film! Ausgangspunkt der Handlung ist eine abgeschiedene, in der Wüste gelegene, psychiatrische Klinik im Israel der fünfziger Jahre. Die Klinik wirkt ebenso wie ihre Insassen auf den ersten Blick verwirrend. Alle Regeln scheinen verloren, Tabus gebrochen, es gibt scheinbar keine Hemmungen mehr. Da ist die Frau mit dem Hitlergruß oder die in Unterwäsche, die generelle Distanzlosigkeit, der Verlust von Intimität oder die Liebesbeziehung zwischen Oberschwester und Patient. Doch schnell wird klar, dass diese Menschen etwas Besonderes verbindet. Die Klinikinsassen sind Holocaustüberlebende, entwurzelte, schwer traumatisierte Menschen aus Europa , denen es nicht gelungen ist, ihre Traumatisierungen zumindest soweit zu verarbeiten, dass sie wenigstens äußerlich angepasst in ihrem neuen Alltag in Israel funktionieren. Alle Insassen wirken verstört, in einer verrückten Weise im Trauma fixiert und in ihrem Leben stehen geblieben. Sie tragen etwas nicht zu bewältigend Schreckliches in sich, wirken kindlich, hilflos und dabei ganz menschlich und liebenswert. Ihre Verstörung wurzelt in der tiefen Erschütterung der Grundwerte des menschlichen Zusammenlebens und ihrer Existenz in dieser Welt. Sie alle ringen um ein Verstehen des Unfassbaren des Zivilisationsbruches, zu unglaublich, zu verrückt war das Ausmaß der sinnlosen Willkür. Voller Verzweiflung klagen sie Gott an, doch der antwortet nicht.

Erzählt wird mittels Rückblenden die Geschichte des ehemaligen Varietéstars Adam Stein (Jeff Goldblum), eines modernen Hiob. Seine Erinnerungen kommen, wie es für Traumata typisch ist, flashbackartig immer wieder über ihn und werfen ihn zurück in die Zeit in Deutschland und im Lager. Für den Lagerkommandanten Klein war Adam der »größte lebende deutsche Komiker«. Ein Clown, Magier, Zirkusveranstalter und Charmeur im Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre, ein Mann mit einer starken Ausstrahlung und einem übersinnliches Gespür für die tiefsten Sehnsüchte und Ängste der Menschen. Adam hatte Klein einmal das Leben gerettet und dieser – »Ein Leben für ein Leben« – revanchiert sich nun auf seine – sadistische – Weise: Er lässt Adam als seinen Hund leben.

Als ein kleiner Junge in der Klinik aufgenommen wird, der viele Jahre wie ein Hund gehalten worden war und sich immer noch als solcher gebärdet, kommt es zu einer seltsamen Begegnung mit Adam. Die Geschichte einer unerwarteten Heilung nimmt ihren Anfang. Den Filmemachern, die hervorragend agierenden Schauspieler eingeschlossen, gelingt es auf beeindruckende und subtile Weise zu zeigen, wie Traumatisierungen uns verändern, wie die Täter ein Teil der Opfer werden, den sie nicht mehr los werden können. Es gibt keine Rückkehr zum unbefangenen Zustand davor. Das Ringen zwischen Opfer und Täter geht in den Menschen weiter, noch lange nachdem alles schon vorbei ist und vergiftet ihr Leben. Die Opfer werden ein zweites Mal Opfer und drohen, in dem Kampf zu unterliegen.

Auf verstörende Weise zeigt der Film sowohl die Opfer- als auch die Täterperspektive immer wieder in ein und denselben Personen. Die unvermeidlichen Situationen der Retraumatisierung werden in den Beziehungen anschaulich. In seinem Verhältnis zu dem kleinen, verstörten Jungen wird Adam nicht nur in sein eigenes traumatisches Erleben rückversetzt, er wird unvermeidlich auch mit seinen eigenen introjizierten Täteranteilen konfrontiert und bekommt so einen Zugang zu dem Jungen und zu seinem eigenen Trauma. Beide können daran wachsen.

Neben dieser eigentlichen Geschichte enthält der Film noch eine eher latente Ebene, die Bezug nimmt auf die teilweise permanent traumatisierenden gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen die Menschen in Israel bis heute leben und in denen die unselige Opfer-Täter-Spirale fortgesetzt wird. Die Erschütterungen des Zivilisationsbruches wirken nach. Sie werden transgenerational übertragen. Am deutlichsten wird das, als Adam mit seinem Schwiegersohn am Grab seiner älteren Tochter steht, die den Holocaust überlebt hatte und bei der Geburt ihres ebenfalls toten Sohnes starb. Es ist schwer, darin keine Symbolik zu sehen, ebenso wie in der absurden abgeschiedenen Lage der Klinik, die ein Bild sein mag für die »Aussätzigkeit« der Holocaustüberlebenden, denen es nicht gelingen will, sich in die Alltagverhältnisse einzufinden. Sie erinnern an Leprakranke, die ausgesperrt werden weil die »normal Angepassten« sich bei Kontakt anzustecken fürchten; einerseits hinsichtlich einer fortgesetzten Opfer-Täter-Retraumatisierung, andererseits aber auch hinsichtlich der ständig von ihnen ausgehenden Mahnung, was Gewalt und Traumatisierung mit uns machen.

Der Film entlässt uns mit Bildern, die wir nicht mehr vergessen, die uns in unseren unbewussten Ängsten ansprechen, mit emotionalen Eindrücken die uns die Tränen in die Augen treten lassen. Durch seinen makaberen Humor macht er dem Zuschauer die unerträglichen Wahrheiten doch noch erträglich. Ein anrührender und verstörender, ein tief berührender Film. Ungeteilter Respekt den Filmemacher und Schauspielern.

Chronist des Völkermords

geschrieben von Heinrich Fink

5. September 2013

Otto Pankoks Sinti- und Roma-Porträts wurden in Berlin gezeigt

März-April 2009

Die Berliner Saarländische Galerie Europäisches Kunstforum e. V. präsentierte Anfang des Jahres in Kooperation mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg eine Ausstellung mit Arbeiten von Otto Pankok. Der Katalog erschien unter dem Titel otto pankok: sinti – portraits 1931 bis 1945 – eva pankok und romani rose (hg.) im Dam und Lindlar Verlag. ISBN Nr. 978-3-9812268-3-6

Die Präsentation der künstlerischen Arbeiten von Otto Pankok zur Erinnerung an den Völkermord an den Sinti und Roma sollte eigentlich als Begleitprogramm zur Errichtung des Denkmals des israelischen Künstlers Dani Karawan, der den ersten Preis bei der Auslobung im Wettbewerb zu dem Mahnmal gewonnen hatte, laufen. Doch leider wurde dieses Mahnmal für die 500 000 Ermordeten immer noch nicht am vorgesehenen Ort in der Nähe des Bundestages aufgestellt, obwohl der Bundesrat am 20. Dezember 2007 einstimmig den Bau beschlossen hatte und am 22. Januar 2008 eine Einigung von Bundesregierung und dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma über die ideenreiche architektonisch-plastische Gestaltung des Environments erzielt wurde. Auch über die Inschrift der Widmung war man sich einig. Sie ist ein Zitat von Roman Herzog: »Der Völkermord an den Sinti und Roma ist aus dem gleichen Motiv des Rassenwahns und dem gleichen Vorsatz und dem gleichen Willen zur planmäßigen und endgültigen Vernichtung durchgeführt worden, wie an den Juden. Sie wurden im gesamten Einflussbereich der Nationalsozialisten systematisch und familienweise vom Kleinkind bis zum Greis ermordet«.

Otto Pankok (1893-1966) ist der einzige deutsche Künstler, der sein gesamtes Schaffen dem Volk der Sinti und Roma gewidmet hat. Romani Rose bezeichnet ihn als historischen Chronisten des Holocaust an seinem Volk. »Die von Otto Pankok geschaffenen Portraits bewahren die Erinnerung an unsere verfolgten und ermordeten Frauen, Männer und Kinder, denen der NS-Staat das bloße Recht zu existieren absprach.«

Überdies dokumentierte die Berliner Ausstellung Pankoks eigene Verfolgung in den Jahren der Nazidiktatur, als seine Kunst als »entartete« diffamiert wurde und seine Familie in größter Bedrängnis leben musste. Darüber gibt Eva Pankok, seine Tochter, in ihrem beeindruckenden Beitrag: »Mein Vater und die Sinti«, mit zahlreichen Fotografien aus dem Zusammenleben mit den Sinti und Roma in Heinefeld-Düsseldorf, Auskunft, Dort waren viele von ihnen seit 1936 KZ-ähnlich interniert.

Das Buch zur Ausstellung – es ist mehr als ein Katalog – enthält Aufsätze und Dokumente zu folgenden Themen: »Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma: ein Überblick« (Silvio Peritore und Frank Reuter); »Zur Kunstpolitik des Nationalsozialismus« (Martin Damus); »Zur Ikonografie der ›Zigeunerbilder‹ der Moderne« (Gerhard Baumgartner und Éva Kovác); »Otto Pankok und die Avantgarde der Zwanzigerjahre« (Rolf Jessewitsch).

Der Katalog gibt einen repräsentativen Ein- und Überblick des Werkes Otto Pankoks über sein künstlerisches Schaffen in Plastik und Kohlezeichnungen. Seine antifaschistische Überzeugung und sein Widerstand gegen den faschistischen Rassenwahn werden immer wieder deutlich in seinen Kinderportraits. Jedes ist mit dem Namen des Kindes benannt. Er erhält sie über den Tod hinaus für uns im Gedächtnis.

Am 29.12.1963 schrieb Heiner Müller an Otto Pankok: »Sie fanden die Schönheit des Menschen auf noch unausgetretenen Pfaden und sie gestalteten diese Würde des Menschen, der doch das Maß aller Dinge ist. … Wie gerne blicke ich doch Raklo und Ringela ins Gesicht. … Es ist ein traurig-schmerzliches Blatt, so als wüssten die beiden schon um ihr späteres Schicksal. Es ergreift mich tief.«

Otto Pankok lebte den Widerstand gegen Herabwürdigung und Ausgrenzung. Sehr früh hat er Leiden in seiner Kunst thematisiert, so in seinem Zyklus »Die Passion Jesu von Nazareth«. Es ist sein zentrales Werk ein Zeugnis gegen Gewalt, Willkür und Unmenschlichkeit. Sein durch die Friedensbewegung bekannt gewordenens Werk ist »Christus zerbricht das Gewehr«.

Der Dam und Lindlar Verlag und die Ausstellung in der Saarländischen Galerie am Festungsgraben füllen nicht nur die durch die Verzögerung der Errichtung des Denkmals von Dani Karawan entstandene politisch unverständliche Lücke, sondern bezeugen den großen Einsatz von Otto Pankok gegen den Rassenwahn. Der Verlag macht neugierig auf weitere eindrucksvolle Veröffentlichungen.

Großartiger Auftakt

geschrieben von Regina Girod

5. September 2013

Gala zur Eröffnung der neuen nonpd-Kampagne in Berlin

März-April 2009

Von der Gala gibt es einen Mitschnitt auf DVD, der zum Selbstkostenpreis von 5 EUR bei der Berliner VVN-BdA, Franz Mehring-Platz 1 in 10243 Berlin oder unter berlin@vvn-bda.org bestellt werden kann.

Die Einladung kam kurzfristig: Die Berliner VVN-BdA eröffnet in der »Wabe« ihre neue Kampagne für das Verbot der NPD. Eine Gala mit Künstlern und Politikern wurde annonciert mit bekannten Namen auf dem Programmzettel – echte Stars darunter. Ob die wirklich Toni Krahl gewonnen hatten? Und Daniela Dahn? Durch den Thälmann-Park strichen ein paar Glatzen, nicht ungewöhnlich in dieser Gegend. Eher schon die Polizisten vor der Tür, diesmal offensichtlich angerückt, die Veranstaltung zu schützen. Schon eine Viertelstunde vor Beginn ein rappelvoller Saal und dann ging es los: Hannes Zerbes Jazzorchester Prokopäz, Gina Pietsch, Regina Scheer, Karsten Troyke, die linke Bürgermeisterin aus Lichtenberg, Franziska Drohsel von den Jusos, Heidrun Hegewald, die Malerin, von eindrucksvoller Sprachgewalt. Ein Feuerwerk von Argumenten. Warum muss die NPD verboten werden? Warum bin ich dafür? Was macht die NPD aus unserem Land und was die Politik, die sie gewähren lässt? Berührend der Beitrag von Petra Rosenberg, Vorsitzende der Berliner Sinti und Roma. Und was für Musiker! Tatsächlich Toni Krahl von City, selbstironisch, deutlich älter und doch der Alte. Warum haben wir eigentlich nicht gewusst, dass seine Eltern England-Emigranten waren? Fast drei Stunden wechselnde Musik- und Textbeiträge, von Carsten Hübner klug und locker moderiert. Daniela Dahn war leider krank. Ihren Beitrag (siehe unten) trug Nicole Warmbold vor. Zum Schluss noch die Erklärung für das hochkarätige Programm:

Gina Pietsch, seit vielen Jahren eng mit uns verbunden, ist Mitglied der Berliner VVN geworden. Sie hat Freunde und Kolleginnen gewonnen, der Kampagne Stimme und Gesicht zu geben. Ein grandioser Abend, den man nicht so bald vergessen wird. Bravo!

Meine Gründe für das Verbot

geschrieben von Daniela Dahn

5. September 2013

März-April 2009

Liebe Freunde, ich bedaure, heute verhindert zu sein, denn das Thema ist wichtig und hat meine ganze Unterstützung. 5000 Gründe sind natürlich ein sehr ehrgeiziges Ziel, aber wenn wir aus 5000 Statements letztlich fünf unwiderlegbare Gründe herausfiltern können, so wäre schon viel geleistet. Ich erlaube mir, auf einige dieser Gründe hinzuweisen.

Wir wissen, wo soziale und kulturelle Armut herrscht, nimmt Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz und Gewaltbereitschaft dramatisch zu. Wo Kultur wegbricht, wird Platz frei für Gewalt. Also ist es in jedem Fall richtig, sich für Soziales, Bildung, Kultur einzusetzen.

Solange die NPD eine legale, in Parlamenten vertretene Partei ist, hat sie den grundgesetzlichen Auftrag, an der politischen Willensbildung des Volkes mitzuwirken. Solange das gesellschaftliche Ausgrenzen der NPD als Diskriminierung gilt, ist gerade in Deutschland etwas faul.

Diese Scheu vor Diskriminierung begründet auch den polizeilichen Schutz von Demos und Veranstaltungen. Und bietet der Polizei den Vorwand, antifaschistische Gruppen zu kriminalisieren und mit Gewalt gegen sie vorzugehen. Wie z.B. am 22.1.08 in Magdeburg, wo eine Antifa-Demo mit toxischem, gesundheitsschädigendem CS-Gas aufgelöst wurde.

Zivilcourage und die »Kultur des Hinschauens« wird unmöglich, wenn, wie in Mecklenburg geschehen, ein Stadtgärtner beobachtet, wie Rechte CDs mit nationalistischen Rockgruppen und Propagandatexten vor einer Schule verteilen. Beherzt kippte er den Tisch um, zertrat CDs und wurde zur Zahlung des Schadenersatzes verklagt.

Wichtig an einem Verbot ist die gesellschaftliche Ächtung, die praktische Folgen hat.

V-Leute dürfen also nicht in der Führungsspitze der NPD sein. Das ist keine unbillige Forderung. Ihr Nutzen in diesen Positionen ist bisher nicht bewiesen worden. Es kann nicht sein, dass das Haupthindernis beim Schutz der Verfassung der Verfassungsschutz ist.

Dem Argument, man brauche V-Leute in der NPD kann ich nicht folgen. Nazis haben ihre Absichten nie verschwiegen, sie verbreiten sie überall öffentlich, mehr als uns lieb ist. Sie verschweigen nicht, dass sie die Demokratie abschaffen wollen. Das ist ein Verstoß gegen das Ewigkeitsgebot des GG.

Dennoch die Binsenweisheit: Ein NPD-Verbot ist nur ein Schritt bei Auseinandersetzung mit Rechts.

Nach einem Verbot müsste der kulturelle, zivile Dialog mit Rechten, denen nicht abzusprechen ist, dass sie an der sozialen Ausgrenzung in diesem Land tatsächlich leiden, erst richtig beginnen. Geächtet werden sollen nicht ihre Fragen, im Gegenteil. Geächtet gehören die auf Gewalt und Rassismus setzenden Antworten.

»antifa«Ausgabe Sondernummer Feb. 2009

5. September 2013

Sondernummer Feb. 2009

Die Sondernummer der »antifa« zum Beginn der zweiten Phase der nonpd-Kampagne der VVN-BdA.

Wir machen weiter!

5. September 2013

Sondernummer Feb. 2009

Ein Verbot dieser Partei beseitigt nicht den Neofaschismus, könnte ihn aber nachhaltig schwächen und ein längst überfälliges Zeichen setzen.

Foto: Karl Forster

Neue Qualität

5. September 2013

Sondernummer Feb. 2009

Neonazis würden Linke und auch Polizisten »mit einer Aggressivität attackieren, die man als Strategiewechsel bezeichnen kann«, so Ziercke.

Foto: R. Geisheimer/attenzione

Gefährliche Einfalt

5. September 2013

Der Staat der Nazis wäre ein Terrorstaat

Sondernummer Feb. 2009

Menschen, die nach ihrer Meinung nicht dazugehören, sollen unterdrückt, verfolgt und vertrieben werden. Damit werden nicht nur demokratische Grundrechte der betroffenen Menschen verletzt, sondern in der Gesellschaft wird zugleich ein Klima der Willkür und Bespitzelung angestrebt.

Die modernen Nazis ertragen die Vielfalt und Vernetztheit der Welt nicht. Deshalb wollen sie zurück zu einem historisch überlebten, autarken deutschen Nationalstaat in den Grenzen von 1937. Mit dieser Forderung verkennen sie nicht nur die internationale Vernetzung des Handels und anderer gesellschaftlicher Prozesse. Sie fordern, internationales Recht zu brechen, stellen bestehende Grenzen und die Souveränität der Staaten in Frage und gefährden damit den Weltfrieden.

Moderne Nazis versuchen, die tatsächliche Geschichte zu verdrehen und zu verfälschen. Sie verleugnen den Holocaust, den Völkermord deutscher Truppen in vielen osteuropäischen Ländern, die Kriegsschuld der Nazis und den Charakter des faschistischen Krieges als eines völkerrechtswidrigen Eroberungs- und Vernichtungskrieges. Die Nazizeit, die unendlich viel Leid über die Völker Europas gebracht hat, wird schöngeredet und verfälscht.

Hinter den scheinbar harmlosen Argumenten der NPD steckt immer die Drohung, mit Gewalt zu agieren. Tatsächlich hat die Zahl neofaschistischer Gewalttaten 2008 mit voraussichtlich über 20 000 einen neuen Rekord erreicht. Auch wenn sich die Neofaschisten angeblich auf die Kraft der Argumente berufen, stecken sie billigend in einer Kultur der Gewalt. Es ist die Gewalt während ihrer Aufmärsche, die Gewalt menschenfeindlicher Musik, die sie verbreiten, und die Gewalt ihrer heimtückischen Überfälle auf Menschen anderer Hautfarbe, anderer Religion, anderer ethnischer Herkunft oder anderer politischer Auffassung.

Der stellvertretende NPD-Vorsitzende Jürgen Rieger schwärmt für Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess

NPD-Funktionäre und deren Anhänger versuchen öffentlich, die Geschichte der NS-Diktatur zu verdrehen, leugnen die Kriegschuld der Nazis und den Holocaust. Mit antisemitischen Attacken und rassistischen Angriffen in Wort und Tat stehen sie in direkter Verbindung zur verbrecherischen Nazi- Ideologie. NPD-Anhänger und durch sie Ermutigte verletzen Grundrechte von Millionen Menschen in Deutschland.

»Das System, das sich BRD nennt, ist irreparabel. Lasst uns diese ganze verfaulte Republik unterwühlen. Und wir haben ja auch schon den ein oder anderen politischen Tunnel gegraben, um dieses Konstrukt der Siegermächte zum Einsturz zu bringen.« (Udo Pastörs, NPD-Fraktionsvorsitzender in Mecklenburg-Vorpommern)

»Natürlich sind wir verfassungsfeindlich. Wir wollen eine andere Gesellschaftsordnung.« (Uwe Leichsenring, verstorbener ehemaliger Parlamentarischer Geschäftsführer der NPDFraktion im Sächsischen Landtag)

5000 Gründe für das NPD-Verbot

5. September 2013

Die neue Kampagne »nonpd«

Sondernummer Feb. 2009

Am 27. Januar 2009 beginnt die Fortsetzung der Kampagne »nonpd – NPDVerbot jetzt!«. Wir wenden uns wieder an Bürgerinnen und Bürger, die Innenminister und die Abgeordneten des Bundes und der Länder. Wir verbreiten Argumente für unsere Forderung nach dem NPD-Verbot. Wir treten an die Innenminister heran, um sie aufzufordern, unnütze und schädliche V-Leute endlich abzuschalten, und wenden uns an die Volksvertreter, damit sie ihrer Verantwortung gerecht werden, die Demokratie vor Neofaschisten zu schützen.

Wir ermutigen Menschen, ihrem Protest gegen die NPD auf vielfältige Weise Ausdruck zu verleihen und ihrem Anliegen eine gemeinsame Stimme zu geben. Jede dieser Stimmen ist ein Grund für das Verbot der NPD. Wir sammeln 5 000 Stellungnahmen, Meinungen und Erlebnisse und machen daraus ein ständig wachsendes »Lesebuch«, das allen auf der Homepage der Kampagne www.npd-verbot-jetzt.de zugänglich ist.

Foto: IG Metall Wolfsburg

← Ältere Nachrichten · Neuere Nachrichten →