Schwule Nazis

geschrieben von Michael Csaszkóczy

5. September 2013

Wichtige Denkanstöße und eine fragwürdige Konsequenz

März-April 2008

Markus Bernhardt: „Schwule Nazis und der Rechtsruck in Gesellschaft und schwuler Szene“, Pahl-Rugenstein, 220 S., Euro 18,90, ISBN 978-3-89144-387-3

„Schwule Nazis“ so heißt das Buch, das Markus Bernhardt im Pahl- Rugenstein -Verlag veröffentlicht hat und die Irritation funktioniert immer noch. Schwule Nazis. so etwas gibt´s doch nicht, oder? Schließlich galt und gilt den Nazis der Schwule doch als Inbild der „Entartung“ und „Entmännlichung“.

Tatsächlich ist mit dem Buchtitel nicht etwa eine unreflektierte Beschimpfung seitens jugendlicher HipHopper, die etwas gegen Rechte haben, gemeint. (Die exzessive Verwendung des Begriffes „schwul“ als Schimpfwort im jugendlichen Alltagsgebrauch ist allerdings auch ein Zeichen dafür, wie weit rechtes und ausgrenzendes Denken bereits Teil der Mehrheitsgesellschaft geworden sind.) Rechts und schwul zu sein, das zeigt Markus Bernhardt in seinem Buch

facettenreich auf – ist keineswegs ein Widerspruch. Die Linke, immer auf der Suche nach Identifikationsfiguren , ist immer wieder in die Falle getappt, aus der Ausgrenzung und Verfolgung durch die Nazis den Schluss zu ziehen, die Ausgegrenzten und Verfolgten müssten aufgrund ihrer Erfahrungen klüger, bewusster, politisch reflektierter geworden sein. Diesen Automatismus aber gibt es nicht. Nicht, dass Schwule in unserer Gesellschaft nicht nach wie vor diskriminiert und verfolgt würden, und das keineswegs nur von Nazis. Sie fanden und finden sich aber durchaus auch auf der Täterseite. Rassismus, Antisemitismus und die Sehnsucht nach dem autoritären Staat sind

keineswegs Einstellungen, für die nur Heteros empfänglich wären. Schwule und Lesben stellen in weiten Teilen, im Guten wie im Schlechten, ein Spiegelbild der Gesamtgesellschaft dar. Das Buch füllt insofern eine seit langem klaffende Lücke, die um so erstaunlicher ist, als dass Faschismus und Homosexualität schon historisch in einem äußerst widersprüchlichen Verhältnis stehen, das von der Verfolgung und Vernichtung Schwuler ebenso geprägt ist wie von der Verherrlichung der „mann-männlichen Liebe“ in den rechten männerbündischen Theorien der 1920er-Jahre.

Der Autor versucht, das widersprüchliche und komplizierte Verhältnis Homosexualität und Rechtsextremismus von möglichst vielen Seiten her zu betrachten. So wird die nazistische Verklärung von Homosexualität, wie sie von Ernst Röhm und später von Michael Kühnen betrieben wurde ebenso thematisiert, wie die Verfolgung Schwuler im Dritten Reich, die Diskriminierung homosexueller Lebensentwürfe durch den Staat wie auch rassistische Diskurse in der queeren Community selbst. Ausführlich zu Wort kommen Repräsentanten der frühen Homobewegung der 1970er Jahre wie Herbert Rusche, Rosa von Praunheim und Gottfried Ensslin, die die Schwulenbewegung durchaus als kritische linke Bewegung verstanden wissen wollten und im Rückblick ein eher zwiespältiges Resümee ziehen. Eine erschöpfende systematische Abhandlung des Themas Rechte und Homosexualität kann und will das Buch nicht sein- wohl aber ein vielfältiges Lesebuch, eine Anregung zum Nachdenken, Diskutieren und Weiterlesen. Schwulsein allein-das stellt Bernhard überzeugend heraus- ist kein Programm, erst recht kein linkes. Auch sein Appell an linke Schwule und Lesben, eine Solidarität aufzukündigen, die sich einzig an sexuellen Vorlieben festmacht, ohne auf politische Positionen zu sehen, verdient Unterstützung.

Soweit wäre ihm uneingeschränkt zuzustimmen, wäre da nicht das Fazit, das er im Nachwort zieht und für das er sich ausgerechnet ein Zitat Jürgen Elsässers als Stichwort wählt. Der hatte in der jungen Welt vom 9.11. 2006 geschrieben: „Mit Staatsknete wird Multikulti, Gendermainstreaming und die schwule Subkultur gefördert, während die Proleten auf Hartz IV gesetzt werden (…)“. Diese Gegenüberstellung hatte in weiten Teilen der Linken Empörung hervorgerufen. Markus Bernhardt sieht in Elsässers Äußerungen dagegen „die Rückkehr des Klassenkampfgedankens“ und nutzt die Gelegenheit, Kritikern Elsässers zu bescheinigen, sie seien „im vorherrschenden System endgültig angekommen oder setz(en) den eigenen Verstand vollends aus.“ Das ist nun nicht nur ein mehr als fragwürdiger Stil im innerlinken Diskurs, sondern auch inhaltlich starker Tobak: Ausdruck der Klassenherrschaft sind hier offensichtlich nicht so sehr die Profite der Konzerne, sondern die (im übrigen nicht gerade üppigen) Fördergelder für schwule Projekte und „Multikulti“ (was immer das sein mag). Nicht, dass Kritik an städtischer Förderpolitik schwuler Projekte nicht statthaft und der Kampf gegen soziale Entrechtung nicht notwendig sei. Wer aber einen Kausalzusammenhang nahe legt zwischen Hartz IV und Zuschüssen für schwule Projekte, lenkt den berechtigten Zorn ab von den Organisatoren und Profiteuren der Ausbeutung und muss sich den Vorwurf gefallen lassen, niederste Instinkte zu bedienen.

Das Nachwort präsentiert eine Schlussfolgerung, die geeignet ist, einem die richtigen und wichtigen Denkanstöße, die das Bernhardt gibt, in einem eher trüben Licht erscheinen zu lassen. Zu wünschen wäre dem Buch dennoch, dass es insbesondere zu Diskussionen in der schwul-lesbischen Szene über den Umgang mit rechten Einstellungen führt, vor denen diese Subkultur keineswegs per definitionem gefeit ist.

Theater für Toleranz

geschrieben von Axel Holz

5. September 2013

Die Kulturkate im mecklenburgischen Lübtheen

März-April 2008

Irgendwann im Frühjahr soll es ein großes Fest geben. Dann feiert die Kulturkate in Lübtheen ihr zehnjähriges Bestehen. Nach einem stressigen Theaterleben hatte sich Volkert Matzen in die „Griese Gegend“ in der Nähe von Ludwigslust zurückgezogen und mit Freunden ein Bauernhaus ausgebaut. Zur Eröffnung gab es eine Feier, zu der auch Nachbarn aus dem Dorf gekommen waren. Ein kleines Theaterstück fand begeisterte Resonanz bei den Zuschauern. Ob man so etwa nicht öfter machen könne, wurde in den Raum gefragt. Entstanden ist daraus ein Theaterprojekt mit sechzig Vorstellungen im vergangenen Jahr. Neben den Bewohnern der Kulturkate sind zahlreiche Schauspieler aus verschiedenen Teilen Deutschland in die Arbeit integriert, und mittlerweile eine Reihe Laienschauspieler aus dem dörflichen Umfeld. Doch die zugereisten Schauspieler aus Hamburg sind nicht die einzigen Neu-Mecklenburger in einer strukturschwachen Gegend, aus der die Ostdeutschen in besonders hohem Maße abwandern.

Auch der jetzige NPD-Fraktionschef im Schweriner Landtag, Udo Pastörs, lebt in Lübtheen, betrieb dort mehre Jahre ein Schmuckgeschäft und baute seine rechtsradikalen Strukturen auf. Das Schmuckgeschäft gibt es nicht mehr, dafür aber ein Wahlkreisbüro der NPD und viel Angst vor dem Erstarken der NPD-Krake. Mittlerweile haben sich einige Bürger in einem Bürgerbündnis gegen Rechts zusammengeschlossen. Ganz allein stand die Bürgermeisterin zunächst da. Irgendwann fand die Bürger-Initiative zur Verhinderung von Braunkohleabbau die Kraft, den Mitbegründer und NPD-Aktivisten Pastörs wegen seiner rassistischen Ausfälle aus der Bürgerinitiative zu werfen. Das Klima im Ort begann sich zu verändern. Nicht zuletzt die Aktivitäten der Kulturkate in Lübtheen hatten zahlreiche Bürger bestärkt, den Nazis nicht das Feld zu überlassen und sich aktiv um die Entwicklung der Demokratie in ihrer Region zu kümmern.

Das „Theater Kulturkate“ 1998 von Volkert Matzen und Charlotte Bjelvenstam gegründe, ist seit 2004 ein eingetragener gemeinnütziger Verein. Am 27. Februar 1989 wurde das Theater in der Diele des Hauses mit Platz für 95 Zuschauer mit Tschechows Einaktern „Der Bär“ und „Der Heiratsantrag“ eröffnet. Mittlerweile steht eine Zuschauertribüne neben dem Bauernhaus und ein Dutzend Stücke wurden aufgeführt. Im vergangenen Jahr spielten die Schauspieler mit Unterstützung von Laien aus dem Ort Shakespeares Sommernachtstraum. In diesem Jahr folgt die für die Griese Gegend geschriebene Variante „Romeo und Julia auf dem Lande“. Zahlreiche Künstler gastierten bereits in der Kulturkate. Unter ihnen Eva-Maria Hagen, Sebastian Hufschmidt und Christian Kaiser. Mit der Reihe „Kultur gegen Rechts“ wollen die Künstler ein Zeichen gegen Faschismus und Intoleranz setzen und ihre Empörung über den Einzug der NPD in den Landtag artikulieren. Ein besonderes Augenmerk soll in Zukunft auf die Arbeit mit Jugendlichen gelegt werden. Projekttage, wie die mit der Lübtheener Regionalschule werden nun auch in anderen Schulen angeboten. Darüber hinaus sollen regelmäßig Theaterworkshops mit dem Ziel stattfinden, Jugendliche in das diesjährige Freilichttheaterstück einzubinden.

Bereits im Dezember des vergangenen Jahres sensibilisierte das Theater Schüler der Regionalschule Lübtheen mit Ionescos Stück „Die Nashörner“ auf unterhaltsame und spielerische Art dafür, wie demokratiefeindlicher Gruppen funktionieren. In der Reihe „Kultur gegen Rechts“ zeigte Das Tandera Theater mit „1944 – Es war einmal ein Drache …“ – eine wahre Geschichte aus dem Konzentrationslager Ravensbrück. Ödon von Horwaths „Jugend ohne Gott“ stellt in einer Lesung von Thomas Hodina und Volkert Matzen Deutschland am Vorabend der Machtergreifung durch die Nazis vor. Alte Reaktionäre wittern Morgenluft. Junge Menschen lassen sich verführen. Die Parallelen zur Gegenwart sind unverkennbar.

Nach der Auszeichnung als „Botschafter der Toleranz“ durch die Bundesregierung und den Besuch des Bundespräsidenten im Juli 2007 haben die Theatermacher einigen Rückenwind erhalten und gehen mit Elan an neue Vorhaben. Mittlerweile hat auch die Wirtschaft die Gefahren des Neonazismus in Mecklenburg-Vorpommern erkannt. Statt Angst vor angeblicher Verschreckung der Touristen durch antinazistische Aufklärung, wie noch vor Jahren, erkennt die Tourismuswirtschaft mehr und mehr ihre Verantwortung für die Stärkung der Demokratie. Erste Zahlen über ausbleibende Besucher durch neonazistische Aktivitäten hatten den Tourismusverband alarmiert. Den Erlös ihres Glühweinverkaufs auf dem Schweriner Weihnachtsmarkt spendeten die Schweriner Wirtschaftsjunioren für die Kulturkate. Meldungen über rassistische Vorkommnisse und sonstige rechtsextremistische Umtriebe hätten negative Auswirkungen auf potentielle Investoren, die Arbeit ausländischer Wissenschaftler und qualifizierter Arbeitskräfte. Es sei Zeit, Zeichen zu setzen, so deren Sprecher, Matthias Bonk. Dem können wir uns nur anschließen.

Briefe aus dem Widerstand

geschrieben von Erhard Hexelschneider

5. September 2013

Edition des Haftbriefwechsels von Georg und Rosemarie Sacke

März-April 2008

Volker Hölzer: Georg und Rosemarie Sacke. Zwei Leipziger Intellektuelle und Antifaschisten. [Schkeuditz] 2004. 381 S., Euro 15.

Ders. (Hrsg.): »… Georg ist unschuldig …«. Der Haftbriefwechsel von Rosemarie und Dr. Georg Sacke 1934/1935. [Schkeuditz] 2007. 215 S., Euro 15.

Zu beziehen über die Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e.V., 04107 Leipzig, Harkortstr. 10.

Georg Sacke (1902-1945), aus Russland stammender Deutscher, hatte 1921-1927 in Prag und Leipzig u. a. Sozialwissenschaften und Geschichte studiert und sich bei Friedrich Braun auf Osteuropageschichte spezialisiert. Sein besonderes Forschungsinteresse galt dem aufgeklärten Absolutismus während der Regentschaft von Kaiserin Katharina II. 1927-1933 arbeitete er als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter, dann als Privatdozent am Institut für Kultur- und Universalgeschichte der Universität Leipzig. In dieser Zeit lernte er die Lehrerin Rosemarie Gaudig (1904-1997) kennen, die Tochter des renommierten deutschen Reformpädagogen Hugo Gaudig. Beide heirateten im Oktober 1932. Aber ihr Glück sollte nicht lange dauern. Bereits am 1. April 1933 wurde der parteilose Georg auf Betreiben des Baltisten Gerhard Gerullis wegen seiner „marxistischen Auffassung historischer Probleme“ und seiner „positiven Einstellung zur Sowjetunion“ aus dem Universitätsdienst entlassen. In dieser Zeit suchte er Verbindungen zu antifaschistischen Kräften und unterstützte inhaftierte Gegner des Nationalsozialismus. Anfang Dezember 1934 wurde er deshalb wegen Vorbereitung zum Hochverrat verhaftet. Er musste fast ein Jahr in Untersuchungshaft einsitzen, zunächst in der Gefangenenanstalt Dresden und danach im KZ Sachsenburg, bis er vom Landgericht Leipzig am 1. November 1935 vom Verdacht des Hochverrats mangels Beweisen freigesprochen wurde.

In dieser Situation entstand ein umfänglicher Briefwechsel zwischen den Ehepartnern, eine für die Geschichte dieser Frühphase des antifaschistischen Widerstandes seltene Dokumentation, bestehend aus 135 Briefen. Sie dokumentiert die anfangs noch vergleichsweise guten Bedingungen einer an den Normen des bürgerlichen Strafvollzugs orientierten Haft, so dass Sacke auch unter diesen Umständen seine wissenschaftliche Arbeit fortsetzen konnte, so schrieb er einige Rezensionen und arbeitete an größeren Manuskripten. Die Briefe veranschaulichen aber auch die für ihn schwieriger werdenden Bedingungen beim Übergang in das KZ Sachsenburg. Mit dem Zwang zu körperlicher Arbeit wurden auch die Möglichkeiten, unter Haftbedingungen forscherisch tätig zu sein, erheblich eingegrenzt. Die Besonderheit dieses Briefwechsels besteht m. E. darin, dass die Innensicht des Häftlings und die Außensicht der in Freiheit, aber in Sorge und Furcht lebenden, damals noch weitgehend unpolitischen und deshalb in ihren Äußerungen oft naiven Ehefrau deutlich werden. Beide schreiben sich mit der „Schere im Kopf“ wegen der Gefängniszensur, aber auch, um dem Partner eher positive, ermutigende Eindrücke von sich selbst und der eigenen Situation zu vermitteln. Dennoch bleiben Missverständnisse nicht aus, was angesichts von Haft, limitierter Briefzahl und Trennungsschmerz der Jungvermählten nicht verwundert: die Stimmung beider befindet sich in einem steten Auf und Ab. Georg spricht an einer Stelle von Gedankenbriefen, „Briefe, die dich nicht erreichen“ (S. 45). Beide sind in der illegalen Arbeit noch wenig erfahren, deshalb darf man in den Briefschaften keine Übermittlung von Informationen in „äsopischer Sprache“ erwarten; es sind Briefe voller Gefühl und sachbezogener Mitteilungen. Deshalb ist in den Briefen oft auch das große Staunen spürbar, was ein Mensch alles ertragen kann und muss, der doch eigentlich nur ein kleines Quäntchen Glück beansprucht.

Georg fand danach lange Jahre keine Arbeit mehr. Versuche auf Emigration in die UdSSR scheiterten am Zögern der sowjetischen Behörden, vielleicht zum Glück für ihn, denn seine Brüder Leopold und Valentin wurden Opfer der Stalinschen Willkür. Erst im Herbst 1940 konnte er als Referent für Ost- und Südosteuropa im Welt-Wirtschafts-Institut Hamburg tätig werden. Seine Frau folgte ihm als Englischübersetzerin und betätigte sich nun ebenfalls aktiv im Widerstand. In die dreißiger und vierziger Jahre fällt ihre Zusammenarbeit mit bekannten Antifaschisten des mitteldeutschen und hamburgischen Raums, die die Aktivität der Sackes zu schätzen und nutzen wussten. Die Sackes wurden zu wichtigen Mittlern zwischen Intellektuellen und Arbeitern, denen sie ihr Spezialwissen in Schulungen vermittelten. Im Sommer 1944 wurden beide verhaftet und in die Konzentrationslager Fuhlsbüttel und dann Neuengamme überführt. Georg hielt den Todesmarsch nach Lübeck körperlich nicht aus und starb am 26. April 1945; Rosemarie überlebte und ging 1946 nach Leipzig zurück. Hier wurde sie die erste Direktorin der Arbeiter- und Bauernfakultät der Universität Leipzig und war später – nicht immer unumstritten – in weiteren Funktionen tätig, bevor sie hoch betagt am 19. April 1997 starb.

Volker Hölzer, Osteuropahistoriker in Leipzig, analysiert in beiden Bänden, der Doppelbiographie der Sackes und dem Briefband, alles erreichbare Material ausführlich und fundiert und findet Zugang zu neuen Quellen. Man erfährt sehr viel über die Zeit und ihre Menschen, auch wenn es dem Verfasser trotz aller Umsicht nicht immer leicht fällt, dieses reichhaltige Material zu bündeln. Insgesamt liegen hier bemerkenswerte Arbeiten über zwei deutscher Intellektuelle vor, deren Lebensschicksale in vieler Hinsicht exemplarisch den Widerstand gegen den Nationalsozialismus verdeutlichen und die neue Einsichten über die vielfältigen Facetten des Kampfes gegen das Naziregime vermitteln.

„Undeutscher Boxstil“

geschrieben von Markus Bernhardt

5. September 2013

Bühnenstück über Johann Wilhelm Trollmann geplant

März-April 2008

Mit einem eigenen Theaterstück will der Berliner Verein „Club der Roten Affen“ an den Boxer Johann Wilhelm Trollmann erinnern.

Der in Hannover geborene Trollmann gehörte während der Weimarer Republik zu den bekanntesten und beliebtesten Boxern in Deutschland. Darüber hinaus war er ein “ überlegener Techniker, der auch seinen Kopf zu gebrauchen verstand“, wie die Zeitung Boxsport 1930 schrieb.

Da Johann Wilhelm Trollmann Sinto war, war er jedoch immer wieder rassistisch motivierten Diskriminierungen durch Boxverbandsfunktionäre, Journalisten und andere ausgesetzt.

Ihren Höhepunkt erreichten die Ausgrenzungen am 9. Juni 1933. An diesem Tag kämpfte Trollmann in Berlin gegen Adolf Witt um die Meisterschaft im Halbschwergewicht. Obwohl er nach der sechsten Runde nach Punkten führte, gab Georg Radamm, NSDAP-Mitglied und Verbandsfunktionär, der Jury den Befehl, dem „Zigeuner“ nicht den Meistertitel zu verleihen. Erst nach lautstarken Protesten aus dem Publikum wurde Trollmann der Titel an diesem Abend zuerkannt, der Boxverband entschied jedoch knapp eine Woche später, dass der Kampf doch nicht gewertet werden würde und begründete sein Vorgehen mit dem „armseligen Verhalten“ Trollmanns, der bei der Übergabe des Titels Freudentränen vergossen hatte. Zudem wurde Trollmanns Boxstil als „undeutsches Instinktboxen“ diffamiert und der Boxverband drohte, ihm die Boxlizenz zu entziehen.

Im Rahmen seines letzten großen Kampfes im Jahr 1933, gegen den späteren Europameister Gustav Eder, erschien Trollmann aus Protest gegen die rassistischen Schikanen gegen ihn mit blond gefärbten Haaren und weiß gepuderter Haut im Ring und ließ sich ohne jegliche Gegenwehr über insgesamt fünf Runden von seinem Gegner blutig prügeln. Sein weiterer Lebensweg verlief unterdessen noch dramatischer. 1935 wurde er aus dem Boxverband ausgeschlossen, zum Dienst bei der Wehrmacht gezwungen und 1941 an der Ostfront verwundet. Noch im selben Jahr wurde er im KZ Neuengamme interniert, in dem er gezwungen wurde, den Aufsehern Boxunterricht zu erteilen, bis er am 9. April 1943 von ihnen ermordet wurde.

„Unsere Auseinandersetzung mit der realen Figur des Johann Wilhelm Trollmann beinhaltete eine Phase intensiver Recherche, zum Teil in Form von Grundlagenforschung. Je mehr wir forschten, desto mehr fesselte uns die Geschichte“, so Benjamin Mossop, Sprecher des Kulturvereins „Club der roten Affen“, der das Theaterstück über das Leben Trollmanns zum 75. Jahrestag seines letzten Kampfes auf historischem Grund und Boden in der Berliner Bockbrauerei aufführen will.

Um sich inhaltlich darauf vorzubereiten, hatten die Vereinsmitglieder Gespräche mit Zeitzeugen, Boxexperten und Nachfahren Trollmanns geführt und auch das KZ Neuengamme besucht. Unterstützung bekommen die jungen Künstler und Kulturschaffenden vom Großneffen Johann Wilhelm Trollmanns, Manuel Trollmann. „Die Inszenierung des Theaterstückes finde ich außerordentlich förderungswürdig“, erklärte er in einem Schreiben gegenüber dem Verein. Auch der Bund deutscher Berufsboxer e. V. (BDB) hat sich entschlossen, das Projekt zu unterstützen. Jedoch werden auch aktuell noch Unterstützer gesucht, da es dem jungen Verein maßgeblich an finanziellen Mitteln fehlt, das Projekt wie geplant zu verwirklichen.

Der Verein plant, über das Theaterstück hinaus besondere Theateraufführungen für Schülerinnen und Schüler, in deren Rahmen gemeinsam mit dem

Archiv der Jugendkulturen e.V. nach jeder Vorstellung Seminare zum Thema Rassismus und Diskriminierung angeboten werden sollen. Mit dem Stadtplanungsbüro „Stadtgestalten“ soll zudem eine Ausstellung zur Geschichte der Berliner Bockbrauerei angeboten werden, in welcher vor Ort die damaligen Boxkämpfe sowie weitere Details zur Geschichte Johann Wilhelm Trollmanns thematisiert werden.

Die grauen Busse

geschrieben von Annika Sembritzki

5. September 2013

Ein ungewöhnliches Denkmal macht in Berlin Station

März-April 2008

Seit dem 18. Januar 2008 beherbergt die Stadt Berlin das Wanderdenkmal der Grauen Busse. Es steht am Busparkplatz hinter der Philharmonie. Hier hatte sich die zentrale Planungsstelle für das faschistische „Euthanasie“- Programm – nach dem Haus Tiergartenstraße 4 „T4“ benannt – befunden und der Transport von psychisch kranken Menschen in die Tötungsanstalten seinen, zumindest planmäßigen, Anfang genommen.

Der Betonbus ist der mobile Teil eines Projektes von Horst Hoheisel und Andreas Knitz; der zweite Teil, ein weiterer Bus, ist dauerhaft in der Pforte der Heilanstalt Weißenau platziert, von wo aus in den Jahren 1940/41 Menschen zur Vernichtung abgeholt worden waren.

Der mobile Teil des Denkmals wechselt seinen Standort, er wird für jeweils für einige Monate oder Jahre an den unterschiedlichsten Orten Deutschlands auftauchen; und mit ihm dieselben Fragen wie zu der Zeit, als die wirklichen Grauen Busse im Land unterwegs waren: Wen transportieren sie; warum kann man nicht hineinsehen? Wohin fahren sie?

Hier, zwischen den Fassaden der Berliner Philharmonie, springt der Bus aus Beton nicht unmittelbar ins Auge. Wie die Geheimaktion T4 selbst, scheint er sich hintertürs Richtung Tiergarten hinauszuschleichen. Wie viel ungewöhnlicher muss sein Anblick an einer offenen Landstraße oder einer Anhöhe sein! Der steinerne Nachfahre des historischen Transportmittels stellt sich dem Betrachter in den Weg und zwingt ihn, seine Bedeutung zu hinterfragen. Er bezieht die Vorübergehenden schonungslos mit ein; sogar denjenigen, der sich abwendet (und damit jenes Verhalten wiederholt, das die Transporte nach Grafeneck geschehen ließ), – diesen vielleicht umso mehr! Denn das Artefakt ist hartnäckiger als die Originale- es fährt nicht vorbei, gestattet dem Betrachter nicht, es zu übersehen. Es ist noch da, wenn er seine Augen wieder öffnet.

Das „Täterwerkzeug Bus“, fordert eine Identifikation ein. Die Darstellung konkreter Opfer könnte dazu führen, dass diese als „fremde Andere“ empfunden werden, zu denen man sich nicht unmittelbar verhalten muss. Das ist mit den grauen Betonbussen nicht so einfach. Grade das Unkonkrete fördert die Assoziation und das Unbehagen. Die schlichte Darstellung des Busses selbst erweckt nicht Betroffenheit, Mitleid oder Erschrecken. Als solches ist das Transportmittel noch gar nicht offensichtlich Mordwerkzeug – noch gar nicht erkennbar. Erst im gesellschaftlichen Kontext wird es zu einem solchen. Doch ist genau dieser Kontext im Kopf des Betrachters erst einmal hergestellt, muss er sich auch der Verantwortung stellen Und mit ihr der Frage: „Darf ich so etwas zulassen? Warum stelle ich mich ihm nicht in den Weg?“

Antifa gratuliert

geschrieben von R. G.

5. September 2013

März-April 2008

Unser Filmkritiker, Dr. Seltsam, wusste es schon vor knapp einem Jahr: „Der Film ist gut, hat ein „großes Thema“, enthält großartige Schauspielerleistungen und intelligente Lösungen gewisser ästhetischer Probleme und der Hauptdarsteller Karl Marcovics versteht es, die widerstreitenden Gefühle angesichts der Naziverlockungen auf seinem lebensharten Gesicht abzubilden.“, schrieb er in der Ausgabe Mai/Juni 07, um den Vorschlag anzuschließen: Ich plädiere immer noch für einen alternativen Antifa-Filmpreis, für den dieser Streifen mein erster Kandidat wäre.“ Den Antifa-Filmpreis gibt es leider bis heute noch nicht, doch der Film „Die Fälscher“ von Stefan Ruzowizky wurde gerade mit dem Oscar für den besten ausländischen Film prämiiert. Aus diesem Grund wird er noch einmal mit 34 Kopien in die deutschen Kinos zurückkehren. Unbedingt ansehen!

»antifa«Ausgabe Jan.-Feb. 2008

5. September 2013

Jan.-Feb. 2008

Vertreter der VVN-BdA, darunter Adam König (Mitte) überreichen den Bundestagsabgeordneten Gesine Lötzsch, Petra Pau und Nils Annen die Unterschriften der Kampagne nonpd.

1935, Lea Langer (Grundig), Sitzende Mädchen mit übereinander gelegten Armen, Feder Tusche

Editorial

geschrieben von Regina Girod

5. September 2013

Jan.-Feb. 2008

Das Jahr 2008 hat begonnen. Es steht im Zeichen der Erinnerung an das unheilvolle Jahr 1933, in dem mit der Machtübertragung auf Adolf Hitler am 30. Januar das schrecklichste Kapitel deutscher Geschichte eingeleitet wurde. Unser Autor, Professor Kurt Pätzold, umreißt in seinem Beitrag einige Probleme und geschichtliche Lehren, die sich für Antifaschistinnen und Antifaschisten heute mit den Ereignissen vor 75 Jahren verbinden. An vielen Orten der Bundesrepublik werden aus Anlass der Errichtung der Nazi-Diktatur Kundgebungen, Demonstrationen und Veranstaltungen stattfinden, der Bundesverband der VVN-BdA lädt für den 28. Februar nach Berlin zu einer Podiumsdiskussion ein. Passend zum Thema erinnern wir im Kulturteil der Ausgabe an Hans und Lea Grundig, die unter widrigsten Umständen trotz Verfolgung und tödlicher Bedrohung ihre künstlerische Arbeit fortsetzten. Es entstand ein einzigartiges gemeinsames Werk, das die Schrecken der nazistischen Barbarei in bildmächtigen Metaphern der Nachwelt übermittelte. Hans Grundig ist heute der wohl am meisten unterschätzte deutsche Maler des 20. Jahrhunderts.

Dass die Geschichte auch in diesem Jahr ein Feld politischer Auseinandersetzung bleiben wird, dokumentieren wir mit unserem »Spezial«. Heinrich Fink, Detlef Kanappin und Adam König widmen sich jeweils aus ihrer Sicht dem Entwurf der Fortschreibung des Gedenkstättenkonzepts der Bundesregierung, der im November im Kulturausschuss des Bundestages behandelt wurde. Die große Koalition schickt sich an, nunmehr zu vollenden, was der CDU noch vor einigen Jahren nicht gelungen ist – ein Gedenkstättengesetz durchzubringen, das unter der These von den »beiden deutschen Diktaturen« die DDR mit dem faschistischen Regime gleichsetzt. Dagegen gilt es, Widerstand zu organisieren. In diesem Sinne wünscht die Redaktion allen Antifaschistinnen und Antifaschisten Tatkraft, Mut und Lebensfreude für die vor uns liegenden Aufgaben.

Meldungen

geschrieben von Zusammengestellt von P.C. Walther

5. September 2013

Jan.-Feb. 2008

Von Januar bis September 2007 ist die Zahl der Opfer rechter Gewalttaten gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres von 375 auf 473 gestiegen. Die Zahl der Gewalttaten blieb mit 516 (gegenüber 522 im Vorjahr) fast gleich. Gesunken ist die Gesamtzahl der registrierten rechtsextremen Straftaten von 9014 in den ersten drei Quartalen des Vorjahres auf 8284. Bei allen jetzigen Zahlen handelt es sich um vorläufige Angaben, die durch Nachmeldungen noch ergänzt werden.

Zunehmende soziale Spaltung und »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« registriert die neue Ausgabe der Langzeitstudie »Deutsche Zustände« der Universität Bielefeld. Danach haben über 50 Prozent der Deutschen eine »abwehrende bis feindselige Einstellung zu Langzeitarbeitslosen«. Jeder Dritte stimmte der These zu, dass die Gesellschaft sich »weniger nützliche« Menschen »nicht leisten« könne. 40 Prozent bejahten die Ansicht, es werde »zu viel Rücksicht auf Versager« genommen.

Die Veröffentlichung einer vom Bundesinnenministerium 2004 in Auftrag gegebenen Studie darüber, was Muslime in Deutschland denken, nahm Innenminister Schäuble zum Anlass, auf ein »besorgniserregendes islamistisches Radikalisierungspotential« hinzuweisen und erneut vor »islamistischer Bedrohung« zu warnen. Dabei weisen die Ergebnisse der Studie darauf hin, dass die überwiegende Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime jede Gewalt ablehnt. Eine problematische »Distanz zur Demokratie« äußerten 14 Prozent; demnach also 86 Prozent nicht. Studien über das Denken und Verhalten der deutschen Bevölkerung allgemein ergeben ähnliche Ergebnisse, z.B. demokratiefeindliche Positionen bei über 15 Prozent.

Die NPD »braunes Pack« und »eine Verbrecherbande« zu nennen, sei keine strafbare Beleidigung, sondern ein »Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung«. Mit dieser Feststellung lehnte die Staatsanwaltschaft Nürnberg ein Ermittlungsverfahren gegen den Liedermacher Konstantin Wecker ab, das die NPD beantragt hatte. Zuvor war bereits die Klage des bayerischen NPD-Führers Ollert gegen den Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde, Arno Hamburger, abgewiesen worden. Er hatte anlässlich der NPD-Aufmärsche in Gräfenberg erklärt, man müsse »die braune Pest und die braunen Verbrecher in die Schranken weisen«. Nach Bekanntwerden der NPD-Klage erklärten mehrere Persönlichkeiten und Verbände in Nürnberger Zeitungen: »Auch wir sagen: Die NPD ist eine verbrecherische Partei.«

Die NPD scheiterte in Rheinland-Pfalz mit einer Klage, mit der sie unter Bezug auf ihre Rechte als Partei die Verbreitung einer Broschüre der Landesregierung verhinderte wollte. Die Broschüre mit dem Titel »Kommunen gegen Rechtsextremismus« gibt u.a. Empfehlungen zur Verhinderung der Verbreitung nazistischer Schulhof-CDs oder dem Ankauf von Immobilien durch die NPD.

In Offenbach am Main blockierten Nazigegner am 15. Dezember einen Aufmarsch der NPD. Die Polizeiführung entschied, auf die gewaltsame Räumung der Straße zu verzichten. Die Nazis mussten umkehren und ihren Aufmarsch beenden.

Die im Forum Menschenrechte zusammengeschlossenen 48 deutschen Nichtregierungsorganisationen werfen der Bundesregierung mangelnden politischen Willen bei der Bekämpfung des alltäglichen Rassismus in Deutschland vor.

An mehreren Wohnorten von Kriegsverbrechern, die sich trotz Verurteilungen u.a. in Italien nach wie vor in Deutschland auf freiem Fuß befinden, fanden Aktionen antinazistischer Gruppen statt. Sie machten darauf aufmerksam, dass hier »Kriegsverbrecher in Freiheit leben« und forderten die Überstellung der Verurteilten an die zuständigen Behörden.

Der Verdacht, dass die junge Frau, der angeblich von Neonazis ein Hakenkreuz in die Haut geritzt wurde, diese Verletzung sich selbst beigebracht habe, gebe »keinen Grund zur Entwarnung«, schrieb die »Frankfurter Rundschau« in einem Kommentar. Solche Gewalttaten gebe es nämlich in einer Vielzahl von nachweisbaren Fällen. Ein Fall von Vortäuschung sei deshalb kein Anlass, »die Alltäglichkeit von Rassismus und rassistischer Gewalt nicht wahrhaben (zu) wollen« (FR vom 19.12.07).

In Sachsen-Anhalt wollen Gastwirte und Hoteliers keine Räume an Nazis vermieten. Rund tausend Gastronomen beteiligen sich nach Angaben des Hotel- und Gaststättenverbandes DEHOGA an der entsprechenden Aktion »Rechtsextreme raus«.

Blick auf einen Jahrestag

geschrieben von Kurt Pätzold

5. September 2013

Gedanken zum 30. Januar aus heutiger Perspektive

Jan.-Feb. 2008

Am 30. Januar 2008 trennen uns exakt 75 Jahre von jenem Ereignis, das zuerst in den deutschen, wegen seiner Folgen dann auch in den Annalen der europäischen Geschichte verzeichnet wurde. Reichspräsident Paul von Hindenburg ernannte Adolf Hitler zum Reichskanzler. Der trat an die Spitze einer Regierung, die von »nationalsozialistischen« und weiteren Politikern der äußersten Rechten gebildet wurde, allesamt Gegner der 1919 entstandenen Republik und deren Totengräber. Mit dem vorletzten Januartag begann ein zeitlich kurzer Prozess, in dem die Konterrevolution, die 1919 einen Teilerfolg errang und 1923 gescheitert war, nun zu ihrem Ziel gelangte.

Heute ist dieses Datum aus der Zeitgeschichte gerückt, wenn man unter ihr jene Periode jüngster Vergangenheit versteht, an die sich Lebende zu erinnern vermögen. Denn dies kann nur noch ein verschwindender Rest von Deutschen, der unterdessen ein biblisches Alter erreicht hat. Und nicht alle standen damals inmitten des Geschehenen. Einige jedoch erinnern sich des Aufmarsches vom 25. Januar 1933, als Kommunisten und deren Sympathisanten in einer antifaschistischen Demonstration vor das Karl-Liebknecht-Haus am Bülow-Platz zogen, damals Sitz der Zentrale der KPD, und damit auf den provokatorischen Appell antworteten, den die SA und die SS drei Tage zuvor an gleicher Stelle inszeniert hatten. Der Massenaufmarsch bei bitterer Kälte war beeindruckend und irritierend zugleich. Er vermittelte ein Stärkegefühl und eine Kampfbereitschaft, die sich, als sie wenige Tage später auf die ernsteste Probe gestellt wurde, nicht in Aktion umsetzen ließen. Der deutsche Faschismus gelangte an das Staatsruder, ohne dass es zu einer offenen Feldschlacht gekommen wäre.

Diese Erfahrung macht den Tag für die Antifaschisten im begonnenen 21. Jahrhundert denkwürdig. Er lässt das Maß der eigenen Kräfte und deren Einsatz bedenken. Er enthält eine Warnung vor Selbstüberschätzung. Er erinnert uns daran, welche jähen Wenden die Geschichte nehmen kann, wenn gegen sie keine Vorkehrungen getroffen sind. Und er unterrichtet uns über den Wert handlungsbereiter Einheit, an der es damals unter den Antifaschisten fehlte.

Denkwürdig ist dieser Tag aber auch aus anderer Perspektive. Er verbindet sich mit trügerischen Erwartungen von Millionen, die in Hitler den Erlöser und Retter erblickten, als der er sich selbst präsentierte und als der er ihnen auf Kundgebungen, von Plakaten, in Zeitungen begegnete. Der Mann hatte nichts vorzuweisen, was ihn als einen Politiker auswies, der Masseninteressen praktisch vertreten hätte, und dennoch wurde ihm abgenommen, dass sein Programm auf die »Rettung des deutschen Arbeiters« und die »Rettung des deutschen Bauern« zielen würde, zu dessen Verwirklichung er sich vier Jahre Zeit vom Volke erbat. Die in Hitler gesetzten Erwartungen von Millionen entsprangen nicht tatsachengestütztem Urteil, sondern dem Glauben, genauer einem Irrglauben, und so lässt sich angesichts diesen bedrückenden Faktums fragen, woher diese Möglichkeit der Desorientierung von Menschenmassen rührt, wie sie genutzt wird und wie ihr zu begegnen ist. Denn sie ist doch auch eine Erscheinung unseres Alltags.

Über die Folgen des 30. Januar 1933 ließ sich unter Politikern und später unter Historikern nicht streiten. Wohl aber über dessen Verursachung. Die unvereinbaren Deutungen reichten von der These, die Mächte des Versailler Vertrags wären dafür verantwortlich zu machen, also vom Export der Schuldfrage, bis zu der These vom »Betriebsunfall« deutscher Geschichte, also der Behauptung, es habe sich um ein Zufallsspiel geschichtlicher Kräfte gehandelt. Das Bild, das den herausragenden und letztlich ausschlaggebenden Anteil der deutschen wirtschaftlichen, politischen und militärischen Eliten am Ende der Weimarer Republik zeigt, wird als »marxistisch« und dogmatisch denunziert. Es wurde quellensatt zuerst von den Anklägern des Nürnberger Prozesses 1945/1946 der Weltöffentlichkeit bekannt gemacht. Und es wird umstritten bleiben, denn es beweist, dass die Kreise des Kapitals zu Demokratie und Republik ein pragmatisches Verhältnis besitzen..

Das Spektrum der Fragen, das sich mit dem 30. Januar verbindet, ist breit und in vielen Farben aktuell. Sie enthalten nach wie vor eine Herausforderung. Die Antifaschisten müssen sich ihr stellen, mit dem Blick auf die Erfahrungen ihrer Vorfahren und einem zweiten – in den Spiegel.

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